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Reise um die Welt

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
booktitleReise um die Welt
authorAdelbert von Chamisso
year2001
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-6093-9
titleReise um die Welt
pages3
created20010624
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Fahrt von Brasilien nach Chile. Aufenthalt in Talcaguano

Wir gingen am 28. Dezember 1815 früh um fünf Uhr mit schwachem Winde unter Segel. Beim Auslaufen aus dem Kanal zeigte sich, wie am 7. Dezember vor dem Einlaufen in denselben, jedoch minder auffallend, das Wasser von der mikroskopischen Alge getrübt, und der kleine rote Krebs zeigte sich auch darin. Der Wind erhob sich während der Nacht, und wir hatten am Morgen das Land aus dem Gesichte verloren.

Schiffe, die das Kap Hoorn umfahren, pflegen in diesen Breiten einen Südsüdwest-Kurs zu halten und der amerikanischen Küste in einer Entfernung von fünf bis sechs Grad zu folgen. Sie steuern zwischen dem festen Land und den Falklands-Inseln, ohne Land zu sehen; der Strom treibt den Inseln zu; das Meer ist dort ohne Tiefe; das Lot findet den Grund mit sechzig bis siebzig Faden auf grauem Sande. Südlicher halten sie mehr ostwärts, um das Kap San Juan, die Ostspitze vom Staatenland, den einzigen Punkt des Landes, den sie zu sehen begehren, zu umfahren. Sie hoffen auf der Fahrt längs der Küste auf günstige Nordwinde; in südlicheren Breiten stellen sich meist westliche Winde und Stürme ein. Wie zwischen den Wendekreisen die Ostwinde beständig sind, sind in der Region der wechselnden Winde gegen die Pole zu die Westwinde entschieden vorherrschend. Gegen diese ankämpfend, suchen die Schiffe eine höhere Breite (bis zu dem sechzigsten Grad) zu gewinnen, um von da, nachdem sie die Mittagslinie des Kap Hoorn durchkreuzt, wieder nordwärts zu steuern. Nicht beispiellos ist es, daß Schiffe, die lange und erfolglos gegen die Weststürme gerungen, die Hoffnung, das Kap Hoorn zu umfahren, aufgebend, den westlichen Kurs gegen den östlichen vertauschen und um das Vorgebirge der Guten Hoffnung in den Großen Ozean eingehen.

Der beschriebene Kurs war auch der unsrige, nur daß der Kapitän beschloß, beim Umfahren des Kap Hoorn westlicher zu steuern und nicht ungezwungen höhere Breiten zu suchen. Und dennoch – ich war zu der Zeit berechtigt, vorauszusetzen, daß der Zweck unserer Reise uns eine lange Zeit im Nördlichen Eismeer beschäftigen würde, und es wollte mich bedünken, daß das südliche Eis, der südliche Polargletscher, dem unser Kurs uns zur Zeit so nahe brachte, uns einen lehrreichen Vergleichungspunkt bei den Untersuchungen, die uns bald beschäftigen sollten, darbieten und wohl geeignet sein könne, unsere Neugierde anzuziehen. Herr von Kotzebue ging in diese Idee nicht ein, die ich seinem Urteil zu unterwerfen mich vermaß. – Erst zwei Jahre später machte der »William«, Kapitän Smith, die Entdeckung des New South Shetland, welche, wenn der Kapitän meine Ansicht geteilt hätte, ihm vielleicht zuteil geworden wäre.

Wir sahen am Morgen des 19. Januar 1816 das Kap San Juan und umschifften dasselbe in der folgenden Nacht. Wir durchkreuzten den 22. die Mittagslinie des Kap Hoorn in 57° 33' südlicher Breite, erreichten am 1. Februar die Breite des Kap Vittoria, hatten am 11. um zehn Uhr abends bei Mondschein Ansicht vom Lande und liefen nach einer Fahrt von nur sechsundvierzig Tagen am 12. in die Bucht von Concepción ein.

Ich hole mit kurzen Worten einiges von den Begegnissen unserer Fahrt nach. Man habe Nachsicht mit mir. Wie in der Geschichte eines Gefangenen eine Fliege, eine Ameise, eine Spinne einen großen Raum einnehmen, so ist dem Seefahrer die Ansicht eines Blattes Tang, einer Schildkröte, eines Vogels eine gar wichtige Begebenheit.

Wir hatten in Brasilien etliche Vögel (junge Ramphastos) und einen Affen (Simia capucina) an Bord genommen. Die Vögel starben beim ersten Windstoß, der uns auf hoher See empfing; der Affe blieb bis Kamtschatka der unterhaltendste Gesell unserer Genossenschaft.

Wir sahen am 30. Dezember ein Schiff, das vermutlich nach Buenos Aires bestimmt war, das einzige Segel, dessen Anblick uns auf dieser einsamen Fahrt erfreute. – Einige Seeschildkröten wurden an verschiedenen Tagen in einer Entfernung vom Lande von 300 Meilen und mehr beobachtet. Ich selber sah sie nicht. Der Nordwind verließ uns in der Breite beiläufig von einundvierzig Grad, und die Kälte ward bei plus zwölf Grad Réaumur unangenehm. Wir suchten unsere Winterkleider hervor, und die Kajüte ward geheizt. Wir waren am Kap Hoorn, wo das Minimum der Temperatur plus vier Grad war, die Kälte gewohnt worden und unempfindlicher gegen sie. Südwinde brachten uns klares Wetter, Nordwinde Regen. Wir sahen die ersten Albatrosse in einer Breite von beiläufig vierzig Grad; etwas südlicher stellten sich die gigantischen Tange des Südens ein: Fucus pyriferus und Fucus antarcticus, eine neue Art, die ich in Choris' »Voyage« abgebildet und beschrieben habe. – Ich hatte die verschiedenen Formen dieser interessanten Gewächse in vielen Exemplaren gesammelt, und es war mir erlaubt worden, sie zum Trocknen im Mastkorbe auszustellen; später aber, als einmal das Schiff gereinigt ward, wurde mein kleiner Schatz ohne vorhergegangene Anzeige über Bord geworfen, und ich rettete nur ein Blatt von Fucus pyriferus, das ich zu andern Zwecken in Weingeist verwahrt hatte.

Walfische, andere Säugetiere des Meeres, Delphine mit weißem Bauche (Delphinus Peronii) wurden an verschiedenen Tagen gesehen. Am 10. [Januar] soll der Steuermann Chramtschenko auf seiner Morgenwacht ein Boot mit Menschen, gegen die See ankämpfend, gewahrt haben. An diesem selben Tage erhob sich aus Südwest der Sturm, der uns zwischen dem sechsundvierzigsten und siebenundvierzigsten Grad südlicher Breite fast unausgesetzt sechs Tage lang gefährdete. Nachmittags um vier Uhr schlug auf das Hinterteil des Schiffes eine Welle ein, die eine große Zerstörung anrichtete und den Kapitän über Bord spülte, der zum Glücke noch, im Tauwerk verwickelt, über dem Abgrund schweben blieb und sich wieder auf das Verdeck schwang. Das Geländer war zerschmettert, selbst die stärksten Glieder der Brüstung zersplittert und eine Kanone auf die andere Seite des Schiffes geworfen. Das Steuerruder war beschädigt, ein Hühnerkasten mit vierzig Hühnern war über Bord geschleudert und fast der Rest unsers Geflügels ertränkt. Das Wasser war in die Kajüte des Kapitäns zu dem zerstörten Gehäuse hineingedrungen; Chronometer und Instrumente waren zwar unbeschädigt geblieben, aber ein Teil des Zwiebacks, der im Raume unter der Kajüte verwahrt wurde, war durchnäßt und verdorben.

Der Verlust der Hühner war ein sehr empfindlicher. Das Essen gewinnt auf einem Schiffe eine Wichtigkeit, von der man sich auf dem Lande nichts träumen läßt; es ist ja das einzige Ereignis im täglichen Leben. Wir waren in der Hinsicht übel daran. Der »Rurik« war zu klein, um andere Tiere aufnehmen zu können als etliche kleine Schweine, Schafe oder Ziegen und Geflügel. Unser Bengaleser war, wie die Frau von Staël mit minderem Rechte von ihrem Koch behauptete, ein Mann ohne Phantasie; die Mahlzeit, die er uns am ersten Tage nach dem Auslaufen auftischte, wiederholte sich ohne Abwechslung die ganze Zeit der Überfahrt, nur daß die mitgenommenen frischen Lebensmittel, bald auf die Hälfte reduziert, am Ende gänzlich wegblieben. Verbot man dem verrückten Kerle, ein Gericht, dessen man überdrüssig geworden, wieder aufzutragen, so bat er mit Weinen um die Vergünstigung, es doch noch einmal machen zu dürfen. Die letzten der lebendig mitgenommenen Tiere werden in der Regel für den Notfall aufgespart; und tritt dieser nicht ein, so geschieht es wohl, daß sie dem Menschen näher heranwachsen und wie Hunde als Haus- und Gesellschaftstiere das Gastrecht erwerben. Wir hatten zu der Zeit noch an Bord ein Paar der aus Kronstadt mitgenommenen Schweine, von denen weiter unten die Rede sein wird.

Wir hatten an einem dieser stürmischen Tage Hagel und Donner. Wir sahen außer Delphinen und Albatrossen auch eine Robbe, die äußerst schnell unter dem Wasser schwamm, sich in hohen Sprüngen über dasselbe erhob und, wie Delphine pflegen, nach dem Vorderteile des Schiffes kam. Sie wurde mit der Harpune getroffen, aber wir wurden ihrer nicht habhaft. Wir hatten in der Höhe der Falklands-Inseln sehr unbeständiges Wetter, Stürme und Windstille. Die Robbe ward noch einmal gesehen. Ein kleiner Falke kam an unsern Bord und ließ sich mit Händen greifen.

Das Feuerland, das uns am 19. Januar im Angesichte lag, ist ein hohes Land mit sehr zackigen, nackten Gipfeln. Im westlicheren, innerlichen Teile lag stellenweise Schnee auf den Abhängen. Durch die Straße Le Maire vom Feuerlande getrennt, ist das Staatenland die östliche Verlängerung desselben. Es erhebt sich in ruhigeren Linien mit zwei Nebengipfeln zu dem höheren Pik des Innern, und das östliche Vorgebürge senkt sich mit sanfterem Abhange zum Meere herab. In der Nähe des Kap San Juan waren die Tange am häufigsten, und unter ihnen schwamm im Meer ein zweifelhaftes Wesen, Tier oder Pflanze, das unsere Neugierde reizte, ohne daß wir seiner habhaft werden konnten. Zahlreiche Albatrosse schwammen um das Schiff; es ward auf mehrere geschossen, aber das Blei drang durch den dichten Federpanzer nicht durch.

Wir hatten beim Umschiffen des Kap Hoorn und in der Mittagslinie desselben Stürme aus Südwest, die mehrere Tage anhielten und uns die höchsten Wellen brachten, die wir bis jetzt gesehen. Das Meer war ohne Phosphoreszenz. Keine oder nur wenige Walfische. Es wurde kein Polarlicht beobachtet.

Reisende pflegen am südlichen Himmel das Gestirn des Kreuzes mit den Versen Dantes, »Purgatorio« I, 22 und folgende, zu begrüßen, welche jedoch, mystischeren Sinnes, schwerlich auf dasselbe zu deuten sind. Sie pflegen überhaupt den gestirnten Himmel jener Halbkugel an Glanz und Herrlichkeit weit über den nördlichen zu erheben. Ihn gesehen zu haben ist ein Vorzug, der ihnen vor Nichtgereisten gesichert bleibt. Osagen, Botokuden, Eskimos und Chinesen bekommt man bequemer daheim zu sehen als in der Fremde; alle Tiere der Welt, das Nashorn und die Giraffe, die Boa- und die Klapperschlange, sind in Menagerien und Museen zur Schau ausgestellt, und Walfische werden stromaufwärts der Neugierde unserer großen Städte zugeführt. Das Sternenkreuz des Südens kann man nur an Ort und Stelle in Augenschein nehmen. – Das Kreuz ist wahrlich ein schönes Gestirn und glänzender Zeiger an der südlichen Sternenuhr; ich kann aber in das überschwengliche Lob des südlichen Himmels nicht einstimmen; ich gebe dem heimischen den Vorzug. Habe ich vielleicht zu dem Großen Bären und der Kassiopeia die Anhänglichkeit, die der Alpenbewohner zu den Schneegipfeln hegt, die seinen Gesichtskreis beschränken?

Als wir nach Norden steuerten, verschwand der Tang. Am 31. Januar 1816 ward in der Nähe des Kap Vittoria mein vierunddreißigster Geburts- oder vielmehr Tauftag gefeiert. (Wann und ob ich überhaupt geboren bin, ist im Dokumente nicht verzeichnet; Zeugen sind nicht mehr zu beschaffen, und es streitet nur die Wahrscheinlichkeit dafür.) Ich hatte von Brasilien aus etliche Goldfrüchte aufgespart, und wie ich die bei der Gelegenheit vorbrachte, gab der Kapitän eine Flasche Portwein aus seinem eigenen Vorrat zum besten.

Wir hatten, nordwärts längs der Westküste von Amerika, in einer Entfernung von beiläufig zwei Grad, segelnd, schönes, heiteres Wetter und Südwinde, wie solche hier in dieser Jahreszeit zu erwarten sind.

Ich verweise, was den Anblick betrifft, den die Küste von Chile bei Concepción gewährt, auf den Aufsatz, welchen man unter den »Bemerkungen und Ansichten« finden wird und der außerdem noch einige flüchtige Blicke und Notizen enthält. An Ort und Stelle geschriebene Blätter, die der Kapitän über jeden Landungsplatz, den wir eben verlassen, von mir begehrte und erhielt, liegen jenen Denkschriften zum Grunde.

Den 12. Februar 1816 mittags fuhren wir in die Bucht von Concepción ein und waren, gegen ungünstigen Wind lavierend, um drei Uhr in Ansicht von Talcaguano. Wir zeigten unsere Flagge und begehrten nach Seemannsbrauch einen Lotsen. Aber wir wurden nur von fern scheu und furchtsam rekognosziert. Was man uns zurief, verstanden wir nicht, und wir konnten uns nicht verständlich machen. Die Nacht fiel ein, und wir warfen Anker. Wir wurden mit Tagesanbruch ein Boot gewahr, das uns beobachtete; es gelang uns endlich, dasselbe herbeizulocken. Unsere Flagge war hier unbekannt und übergroß die Furcht vor Korsaren aus Buenos Aires, gegen die man sich nicht zu verteidigen gewußt hätte. Wir wurden nun nach dem Ankerplatz vor Talcaguano gelotset, und der Kapitän sandte sogleich den Leutnant Sacharin und mich an den Kommandanten des Platzes ab.

Ferdinand der Siebente war zur Zeit Herr über Chile. In den Machthabern und dem Militär, mit denen wir natürlicherweise zunächst in Berührung kamen, trat mir Koblenz von 1792 entgegen, und das Buch meiner Kindheit lag offen und verständlich vor mir. Ich habe einen alten Offizier sich in der Begeisterung ungeheuchelter Loyalität vor dem Porträt des Königs, das der Gouverneur uns zeigte, anbetend auf die Erde niederwerfen sehen und mit Tränen der Rührung die Füße des Bildes küssen. Was in diesem vor vielen andern hieroglyphisch herausgehobenen Zuge sich ausdrückt, die Selbstverleugnung und die Aufopferung seiner selbst an eine Idee, sei diese auch nur ein Hirngespinst, ist das Hohe und Schöne, was Zeiten politischer Parteiungen an dem Menschen zeigen. Aber die Kehrseite ist im Triumphe der Übermut, die Grausamkeit, die sich tierisch sättigende Rachsucht. Vae victis! Hievon auch einen Zug. Ich sah bei dem Balle, den uns der Gouverneur gab, seinen natürlichen Sohn, einen ungezogenen Knaben von dreizehn bis vierzehn Jahren, Damen, die, in die Mantilla gehüllt, sich nach Landessitte als Zuschauerinnen eingefunden, mit Füßen treten und anspeien, weil solche Patriotinnen seien; und was der Knabe tat, war in der Ordnung. Den nicht ausgewanderten, deponierten oder eingekerkerten Patrioten oder Verdächtigen und deren Familien wurden, wie rechtlosen Unterdrückten, alle Lasten, Lieferungen, Transporte, Einquartierungen aufgebürdet. Da galt die Formel: Es sind Patrioten.

Die letzten weltgeschichtlichen Ereignisse waren hier bekannt, und gegen uns ward die Ehre derselben ausschließlich den russischen Waffen zugemessen. Natürlich war es, die befreundete Flagge und den Kapitän, der sie führte, zu ehren; aber in ihren Ehrenbezeugungen wußten die Spanier weder Maß noch Takt zu halten, und ich konnte nur mit Verwunderung die absonderliche Stellung betrachten, in der sich die höchsten Autoritäten der Provinz vor dem jungen russischen Marineleutnant darstellten.

Der Kommandant von Talcaguano, der Obristleutnant Don Miguel de Rivas, kam sogleich an Bord des »Ruriks« und lud uns zum Abend in sein Haus ein. Auf den Eilboten, den er nach Concepción geschickt hatte, erschien sogleich ein Adjutant des Gouverneur-Intendanten, Don Miguel Maria de Atero, und am andern Morgen dieser selbst, dem Leutnant von Kotzebue den ersten Besuch an seinem Bord abzustatten. Da wir einerseits die spanische Flagge und anderseits den Gouverneur salutiert hatten, war in Hinsicht der Schüsse, welche der Flagge gegolten, ein Mißverständnis eingetreten, worüber unterhandelt wurde und worin Spanien nachzugeben sich beeilte. Eine Ehrenwache von fünf Mann wurde dem Kapitän an Bord geschickt mit einem Briefe, dessen Worte spanisch stolz-hochtrabend und dessen Sinn fast kriechend war. Vor das Haus, das dem Kapitän eingeräumt wurde, worin er sein Observatorium aufschlug und mit mir allein von der Schiffsgesellschaft am 16. einzog, ward ihm eine Ehrenschildwacht gegeben.

Aber ich muß euch auch das Militär zeigen, von dem hier die Rede ist. Dazu wird anstatt einer Musterung vorläufig eine Anekdote hinreichen. Der Kapitän hatte mit Geschick den Kommandanten und seine Offiziere an unsere wohlbesetzte Tafel gewöhnt. Wir waren die Wirte, sie unsere täglichen Gäste, von denen selten einer vergeblich auf sich warten ließ. Der Kommandant, Don Miguel de Rivas, den wir nach einem Liede, das er zu singen pflegte, »Nello frondoso d'un verde prado«, schlechtweg Frondoso nannten, war nicht der Mann einer politischen Partei, sondern ein gar guter, freudiger Mann und mit Leib und Seele unser zugetaner Freund. Als er einmal nach aufgehobener Tafel Hand in Hand mit dem Kapitän ausgehen wollte, traf es sich, daß der Schildergast die Schwelle der Tür, vor welcher er stehen sollte, zur Lagerstelle, den Mittagsschlaf zu halten, bequem gefunden hatte. Wir frugen uns nun gespannt: Was wird Frondoso tun? Frondoso trat an den behaglich Schlafenden heran, betrachtete ihn eine Weile behaglich lächelnd, schritt sodann behutsam und leise über ihn weg und bot dem Kapitän die Hand, ihm auf dieselbe Weise aus dem Hofe in die Straße zu helfen, ohne daß der Kriegsmann in seiner Ruhe gestört werde.

Es war mit Don Miguel de Rivas verabredet, am 19. nach Concepción zu reiten, um dem Gouverneur einen Gegenbesuch zu machen. Dieser ließ aber den Kapitän ersuchen, bis zum 25. zu warten, damit er Anstalten treffen könne, ihn würdig zu empfangen. Der Vergleich wurde getroffen, daß wir ihn als Freunde am 19. besuchen und am 25. der Ehrenbezeugungen, die er dem russischen Kapitän zugedacht, gewärtig sein würden.

Wir wurden indes wiederholt bei Don Miguel de Rivas zu anmutiger Abendgesellschaft und Ball eingeladen. Wir lernten in Concepción die ersten Männer der Provinz kennen: den Bischof, an feiner Bildung und Gelehrsamkeit jedem andern überlegen; Don Francisco de Rines, Gouverneur von Valdivia; Don Martin la Plaza de los Reyes mit seinen sieben reizenden Töchtern und andere. Ich suchte den würdigen alten Missionar Pater Alday auf, der mir viel und gern von den wohlredenden Araukanern erzählte und mich auf den hohen Genuß vorbereitete, der mir bevorstand, Molinas Zivilgeschichte von Chile zu lesen. Ich glaube nicht, daß das Werk ins Deutsche übersetzt worden, und ist doch ein Buch wie Homer. Den Menschen stellt es uns auf einem fast gleichen Standpunkte der Geschichte dar und Taten, würdig einer heroischen Zeit.

Wir wurden am 25. bei unserm Einzuge mit sieben Kanonenschüssen salutiert. Ein Festmahl war uns beim Gouverneur bereitet und abends ein glänzender Ball; auf die Nacht waren wir wie das erste Mal ausquartiert, weil el palacio, das vom Gouverneur bewohnte Haus, nicht eingerichtet sei, Fremde zu beherbergen. Der Tisch war reichlich besetzt, Gefrorenes in Überfluß vorhanden. Der Bischof saß beim Gouverneur und Herrn von Kotzebue an der Ehrenstelle, und ein Geistlicher wartete ihm auf. Es wurden Toaste bei Kanonendonner und Trompetenschall ausgebracht; es wurden von manchen Verse improvisiert, wozu man sich durch Schlagen auf den Tisch und den Ruf »Bomba!« Gehör erbat. Ich kann von diesen Stegreifdichtungen eben nicht sagen, daß sie sehr vorzüglich waren; nur der Bischof zeichnete sich aus mit einer wohlgelungenen Stanze, worin Alexander und Ferdinand, der Bio-Bio und der Nationaldichter Ercilla volltönigen Klanges genannt wurden. Choris gab mir ein kleines Intermezzo zum besten. Es fiel ihm ein, zu einer Speise, die ihm vorgesetzt worden, Essig, der nicht vorhanden war, zu begehren. Er konnte sich nicht verständlich machen. Ich war in der Nähe und mußte dolmetschen, aber das Wort war mir entfallen. Daß aceite nicht acetum, sondern Öl bedeutet, war mir gegenwärtig; ich suchte, fast zu gelehrt, aus oxys ein spanisches Wort zu bilden und verlor meine Mühe. Ich konnte die unglückselige Unterhandlung nicht abbrechen, neue Hülfstruppen rückten heran, ja es ward oben ruchbar, daß bei den Gästen an jenem Flügel des Tisches ein Mangel gefühlt werde, den sie mit keinem Worte auszudrücken vermochten. Der Gouverneur stand auf, der Bischof stand auf, der Aufstand ward allgemein! – nun fiel mir erst das näherliegende Wort vinagre ein; es ward nach Essig geschickt, und der Fluß trat in sein Bett zurück. Aber als der Essig kam, hatte der Urheber des Lärmes die Speise, wozu er ihn begehrt, bereits verzehrt und weigerte sich, ihn zu trinken.

Am Abend versammelte sich zum Tanz die glänzendste Gesellschaft; die Damen, worunter viele von ausnehmender Schönheit, in Überzahl Bewahrerinnen feinerer Sitte, sichtlich zu gefallen bemüht, aber auch durch Liebreiz gefallend.

Der Kapitän lud den Gouverneur zu einer Gegenbewirtung ein und übertrug ihm, alle, die zu seiner Gesellschaft gehörten, gleichfalls einzuladen. Später ward zu unserm Feste der 3. März bestimmt.

Am 27. Februar feierten die Spanier die Einnahme von Cartagena.

Am 29. starb an der Schwindsucht der einzige Matrose, der im Verlauf der Reise mit Tod abgegangen. Der Kapitän hätte gewünscht, ihn auf dem gemeinsamen Kirchhofe und mit kirchlichen Ehrungen beisetzen zu sehen. Er sprach davon mit unserm Freunde, dem Kommandanten, der aber zurücktrat und sagte, das seien Sachen der Geistlichkeit, in die er sich nicht zu mischen habe; was in seiner Macht stände, militärische Ehrenbezeigungen, stünden zu Befehl. Zum Glücke beruhigte sich dabei der Kapitän, und ein Kommando Soldaten stellte sich zur bestimmten Stunde ein, der Bahre zu folgen. Es schien wirklich gefährlich, solchem Gesindel Pulver anvertraut zu haben. Mancher schoß schon auf unserm Hof seine Flinte ab, ohne sich vorzusehen, wohin. Sie folgten endlich dem Zuge unserer Matrosen, und der gute Wille der Autoritäten war bewiesen. Als am andern Tage die Unsern hingingen, das auf dem Schiffe gezimmerte griechische Kreuz auf das Grab zu pflanzen, ergab es sich, daß solches aufgewühlt worden; die Hobelspäne, die im Sarge gelegen, lagen zerstreut umher. Der Kapitän ließ die Sache auf sich beruhen. Ich erzählte es später einmal gesprächsweise dem Don Miguel de Rivas. Er entsetzte sich ob des Frevels und trat, sich bekreuzend, zwei Schritte zurück.

Der 3. März kam heran, unsere Gäste stellten sich ein. Sie wurden abteilungsweise auf unsern Booten von unsern festlich geschmückten Matrosen nach dem »Rurik« übergefahren, um unser Schiff zu besichtigen. Ein Schuppen, angrenzend unserm Hause, war in eine Myrtenlaube umgeschaffen und zu einem Tanzsaal eingerichtet, dessen Blumenpracht wohl Bewunderung in Europa erregt haben würde. Er war mit Wachskerzen, und nicht karg, erleuchtet, und diese Erleuchtung war es, deren in Chile nie gesehene Pracht eine Bewunderung erregte, die nichts übertreffen kann. »Cera de España! cera de España!« Der Ausruf übertönte alles, und der Gouverneur, als wir Chile verließen, erbat sich noch von unserm Kapitän nebst einigem russischen Sohlenleder zehn Pfund Wachslichter (cera de España, spanisches Wachs) zum Geschenke. Choris hatte noch zu der Verherrlichung des Festes mit zwei Transparentgemälden beigesteuert. Verschlungene Hände und Namenszüge der Monarchen nebst Lorbeerkronen und ein Genius des Sieges oder des Ruhmes, der mit blauen Fittichen über der Weltkugel schwebte. Der unglückliche Einfall, die Erde vom Südpol aus gesehen darzustellen, hatte uns ein aufrecht stehendes Kap Hoorn zuwege gebracht, das ich anzusehen mich geschämt hätte. – Die von den unterrichtetsten von unsern Gästen oft an uns gerichtete Frage, aus welchem Hafen wir ausgelaufen, ob aus Moskau oder aus Sankt Petersburg, finde ich ganz natürlich; die, ob jene fliegende Figur den Kaiser Alexander vorstelle, ist schon um vieles besser; aber die Krone verdient die, zu der eine schwarzbronzierte Büste des Grafen Romanzow auf dem »Rurik« Veranlassung gab. Sie ist schon des Umstandes wegen aufzeichnenswert, daß sie nicht nur in Chile, sondern auch noch in Kalifornien, und zwar mit denselben Worten, von einem dortigen Missionär getan wurde, die Frage nämlich: »Wie sieht er denn so schwarz aus! Ist denn der Graf Romanzow ein Neger?«

Hof und Gärten waren reichlich mit Lampions erleuchtet, wozu eine Muschel, die hier gegessen wird, Concholepas peruviana, gedient hatte. Ein Feuerwerk ward im Garten abgebrannt; die Tische waren in den etwas engen Räumen des Hauses eingerichtet; das Sängerchor unserer Matrosen und die Artillerie des »Ruriks« taten ihre Dienste. Alle waren bei unserm Feste außerordentlich froh und wohl damit zufrieden; nur die Neugierigen nicht, mit denen sich draußen an den Türen ein unangenehmer kleiner Krieg entspannen hatte. Am andern Morgen war auch von dem Gesindel der Schuppen halb abgedeckt, um nur da hineinzugehen, wo der Ball gewesen war.

Ich habe Concholepas peruviana genannt. Ich habe diese Muschel während meines Aufenthaltes in Chile fast täglich gegessen, und sie hat mir sehr gut geschmeckt; als behufes der Erleuchtung eine ganze Fuhre von den Schalen bei uns abgeladen ward, habe ich mir ein paar Hände voll von den schönsten Exemplaren ausgesucht und von diesen auf dem »Rurik« den andern Neugierigen, denn jeder wollte auch sammeln, wohl die Hälfte verteilt. Erst später – werft mir nicht den Stein, ihr Freunde, sondern merkt es euch und erwäget bescheidentlich, es würde auch euch auf einer solchen Reise, wenn nicht gerade dasselbe, so doch gewiß Ähnliches begegnet sein –, erst später habe ich erfahren, daß zur Zeit das Tier der Concholepas völlig unbekannt und der Gegenstand einer für die Naturgeschichte wichtigen Streitfrage war und daß die Muschel, in den Sammlungen noch sehr selten, in sehr hohem Preise stand. Es liegt mir übrigens sehr fern, bei solchen Dingen nach dem Geldeswert zu fragen; und da ich alles Naturhistorische, was ich gesammelt, den Berliner Museen geschenkt habe, hätten auch diese und nicht ich den Vorteil davon gehabt.

Unsere Gäste aus Concepción brachten meist den andern Tag bei den Freunden zu, die ihnen ein Obdach gegeben, und Talcaguano, von jener festlichen Menge überfüllt, gewann ein ungemein belebtes Ansehen. Gruppen von Damen und Herren zogen umher, Musik erscholl aus allen Häusern, und am Abend ward in verschiedenen Zirkeln getanzt. Ich war spät mit dem Kapitän heimgekehrt; wir hatten uns beide zur Ruhe gelegt und schliefen schon, als Musik unter unsern Fenstern sich hören ließ, eine Gitarre, Stimmen. – Der Kapitän stand verdrießlich auf und suchte nach seinen Piastern, um die Ruhestörer befriedigt zu entfernen. »Um Gottes willen«, rief ich aus, der Sitte kundiger als er, »das ist ein Ständchen! Es sind vielleicht die vornehmsten Ihrer Gäste«; – und aus dem Fenster spähend, erkannte ich unter vier jungen Damen, die ein junger Mann beschützte, die zwei Töchter unseres Freundes Frondoso. Wir warfen uns in unsere Kleider, bald brannte Licht; wir nötigten die Nachtwandlerinnen herein, und es ward gespielt, gesungen und getanzt bis später in die Nacht hinein, denn es war schon nicht mehr frühe. – Aber was tanzten die Fräulein von Rivas für einen Tanz?! O meine Freunde! kennt ihr die Fricassée? Nein, ihr kennt die Fricassée gewiß nicht; dazu seid ihr zu jung. Ich habe die Fricassée in den Jahren 1788 bis 1790 zu Boncourt in der Champagne als einen alten volkstümlichen Charaktertanz von alten Leuten tanzen sehen, die sie in ihrer Jugend von anderen erlernt hatten, die damals auch schon alt waren. Ich bin seither nur noch einmal zu Genf flüchtig an die Fricassée erinnert worden, aber ich weiß sie von Boncourt her noch auswendig: zwei Kavaliere begegnen einander, begrüßen einander, sprechen miteinander, erhitzen sich gegeneinander, ziehen gegeneinander, erstechen einander, und das alles nach einer Melodie, die ich euch noch vorsingen wollte, wenn ich überhaupt singen könnte. – Was tanzten die Fräulein von Rivas anderes als eben die Fricassée! – Es fand sich am andern Tage zum großen Schrecken des Kapitäns, daß die Chronometer, die wir über der Fricassée vergessen, von der erlittenen Erschütterung ihren Gang merklich verändert hatten.

Ich schloß mich den nächtlichen Schwärmerinnen an, als sie das Observatorium verließen, und es ward noch lange durch Talcaguanos Straßen umhergeschweift, kleine Neckereien zu verüben. Es wurde, wo junge Herren und Offiziere wohnten, ans Fenster geklopft, und eine der Freundinnen brach, mit der Stimme einer entzahnten Alten, in launenhaft eifersüchtig-zärtliche Vorwürfe gegen den Ungetreuen aus und führte mit ausnehmendem Talente die ergötzlichsten Szenen auf. Die Männer in der Regel ließen sich nur brummend vernehmen, und wir fanden nirgends Aufnahme wie auf dem Observatorium.

Wir schickten uns bereits zur Abfahrt an, als am 6. Schaffecha, der Leibmatrose des Kapitäns, vermißt wurde. Dieses Deserteurs wegen wurde wiederum mit dem Gouverneur unterhandelt. Es war vorauszusetzen, daß, jetzt in irgendeinem Schlupfwinkel verborgen, er nicht vor der Abfahrt des »Ruriks« zum Vorschein kommen werde. Ich entsetzte mich ordentlich, als ich schwarz auf weiß vom Gouverneur von Concepción, Don Miguel Maria de Atero, die Versicherung in Händen hielt, der Ausgetretene solle, wo man seiner habhaft werden könne, festgenommen und zur Strafe nach Sankt Petersburg als Arrestant geschafft und ausgeliefert werden. Wohl mehr versprochen, als zu halten möglich war; aber welch ein Versprechen! Soll ein Südasiat, ein mohammedanischer Tatar, vor der Rute seines nordeuropäischen, griechisch-katholischen Zwingherrn am Ende der Welt, auf der anderen, der westlichen, der südlichen Halbkugel nicht Sicherheit finden und das römisch-katholische Spanien noch in der Neuen Welt, an der Grenze der freien Araukaner, Scherge sein für den Russen!?

Bei solchen Verhandlungen war ich mit dem Französischen, das mir geläufig war, und dem Spanischen, das ich erlernt hatte, um den »Don Quixote« in der Ursprache zu lesen, dem Kapitän, dem ich die Korrespondenz zum Danke führte, nützlich und bequem, und das war gut. Aber ich will die letzten Nachrichten, die uns von unserm Deserteur zugekommen, nicht unterschlagen. Bei der Heimkehr im Jahre 1818 erfuhr der Kapitän in London, daß sich Schaffecha selbst als ein reuiger Sünder vor die dortige russische Gesandtschaft gestellt und um einen Paß nach Petersburg angehalten habe. Bei dem konservativen Gang der Geschäfte hatte der Paß nicht sogleich ausgefertigt werden können, und der Bittsteller war nicht wieder erschienen, die Sache zu betreiben.

Könnte vielleicht die Geschichte einer Sau, die hier zu erzählen ich mich nicht erwehren kann, einen Novellisten reizen, sie ausgeschmückt in die für ein Taschenbuch schickliche Länge auszuspannen? Sie kann nicht besser erfunden werden. Zu Kronstadt waren junge Schweine von einer sehr kleinen Art für den Tisch der Offiziere eingeschifft worden. Die Matrosen hatten denselben scherzweise ihre eigenen Namen gegeben. Nun traf das blinde Schicksal bald den einen, bald den andern, und wie die Gefährten des Odysseus, so sahen sich die Mannen im Bilde ihrer tierischen Namensverwandten nacheinander schlachten und verzehren. Nur ein paar kamen über die afrikanischen Inseln und Brasilien, um das Kap Hoorn nach Chile, darunter aber die kleine Sau, die den Namen Schaffecha führte und bestimmt war, ihren Paten am Bord des »Ruriks« zu überleben. Schaffecha, die Sau, die zu Talcaguano ans Land gesetzt worden war, ward wieder eingeschifft, durchschiffte mit uns Polynesien, kam nach Kamtschatka und warf dort in Asien ihre Erstlinge, die sie in Südamerika empfangen hatte. Die Jungen wurden gegessen; sie selbst schiffte mit uns weiter nach Norden. Sie erfreute sich zur Zeit des Gastrechtes, und es war nicht mehr daran zu denken, daß sie geschlachtet werden könne, es sei denn bei eintretender Hungersnot, wo am Ende die Menschen auch einander aufessen. Aber unsere ehrgeizigen Matrosen, auf die Ehre eines Weltumseglers eifersüchtig, murrten bereits, daß ein Tier, daß eine Sau desselben Ruhmes und Namens wie sie teilhaft werden sollte, und das Mißvergnügen wuchs bedrohlicher mit der Zeit. So standen die Sachen, als der »Rurik« in den Hafen von San Francisco, Neu-Kalifornien, einlief. Hier wurden Ränke gegen Schaffecha, die Sau, geschmiedet; sie wurde angeklagt, den Hund des Kapitäns angefallen zu haben, und demnach ungehört verurteilt und geschlachtet. Sie, die alle fünf Weltteile gesehen, wurde in Nordamerika, mitten im waltenden Gottesfrieden des Hafens, geschlachtet, ein Opfer der mißgünstigen Nebenbuhlerschaft der Menschen.

Nachdem ich von den Schweinen in Beziehung auf Schaffecha berichtet, darf ich wohl die geringfügigern Angelegenheiten des Gelehrten vortragen. In Brasilien war eine Moosmatratze von mir vom Regen durchnäßt worden und infolgedessen dergestalt verstockt, daß sie nicht mehr zu brauchen war. Ich konnte von unsern Matrosen, die sich nur ihren Offizieren unterordneten und selbst diesen nur ungern aufwarteten, indem sie nur freudig auf Wache zogen und den Seedienst verrichteten, keinerlei Hülfe erwarten. In Chile, wo ich dem Kapitän näherstand, klagte ich ihm, dem Patuschka, dem Hausväterchen, gelegentlich einmal die Not, die ich mit meiner Matratze hatte, und er befahl seinem Schaffecha, dafür zu sorgen. Verschwunden war nun mit Schaffecha zugleich auch meine Matratze, von der ich nicht wieder sprechen hörte und nicht wieder zu sprechen begann. Der durch diesen Ausfall bewirkte leere Raum in meiner Koje ist das einzige, was ich auf der ganzen Reise den Matrosen des »Ruriks« zu verdanken gehabt.

In diesen letzten Tagen bekam auch unser verrückter Koch den Einfall, in Talcaguano bleiben zu wollen. Davon ihn abzubringen, hielt ihm unser Freund Don Miguel de Rivas mit spanischer Würdigkeit einen langen Sermon, worin er ihn »Usted« (das übliche »Euer Gnaden«) anredete und ihm sehr schöne Sachen zu hören gab, von denen der alberne Mensch kein Wort verstehen mochte, nichtsdestoweniger ließ er von seinem Vorsatz ab.

Ich wünschte der Reihe chilenischer Bilder, die ich euch vorzuführen versucht habe, mit leichter Radiernadel noch ein paar Figuren hinzuzufügen.

Die erste: Don Antonio, ein langer, hagerer, lebhafter Italiener, der, unser Lieferant, uns mit allen Bedürfnissen versorgte, geschickt und tätig sich überall zwischenschob, Pferde und was wir begehren mochten anschaffte, aber uns in allem übermäßig betrog, indem er, uns sicher zu machen, unablässig über die Spanier schimpfte. Don Antonios größter Kummer war, daß er nicht lesen und schreiben konnte, was ihm allerdings bei seiner doppelten Buchhaltung hätte zustatten kommen müssen.

Die zweite: ein dürftiger Kerl, ich glaube, ein Schenkwirt, bei dem die Matrosen einen Wein tranken, der in einen der Verrücktheit ähnlichen Zustand versetzte. Der Mann drängte sich an mich mit allerlei Gefälligkeiten und kleinen Geschenken. Spät und zögernd kam er mit seinem Anliegen hervor. Er war ein geborner Pole und hatte seine Muttersprache gänzlich vergessen. Er erwartete von mir, der ich ein Russe war, mit dem er sich auf Spanisch verständigen konnte, daß ich ihm doch sein vergessenes Polnisch wieder zu lehren die Gefälligkeit haben würde.

Die größte Strafe, die ich am Bord des »Ruriks« über Matrosen habe verhängen sehen, war, von der Hand beider Unteroffiziere mit Ruten gestrichen zu werden. – Der Kapitän verhört, richtet und läßt in seinem Beisein die Exekution vornehmen, selbständig und ohne Zuziehung seiner Offiziere. – Solche Exekutionen waren selten, und gewöhnlich, nachdem sie vorüber, zog sich der Kapitän in seine Kajüte zurück und bedurfte der Hülfe des Arztes. – Ich komme darauf, weil hier zu dem Behufe Ruten geschnitten wurden, und zwar – Myrtenruten.

Wir nahmen an Bord, ich weiß nicht mehr, ob als Geschenk des Gouverneurs, einigen Wein von Concepción, der mit den süßen spanischen Weinen Ähnlichkeit hat. Unserm Vorrat war hier Abbruch geschehen, und der Ersatz war willkommen. Etliche Schafe wurden eingeschifft. Alles war zur Abfahrt bereit. Wir stiegen zu Schiff, und ein kleiner, häßlicher Hund, der sich an uns gewöhnt hatte und den Namen Valet führte oder erhielt, folgte uns.

Bevor ich dieses Land verlasse, werde ich aus dem Briefe, den ich aus Talcaguano an den Freund in der Heimat schrieb, etliche Zeilen mitteilen, worin die Stimmung der flüchtigen Stunde ihr dauerhafteres Gepräge zurückgelassen hat:

»– Σύ μοί εσσι, πατὴρ καὶ πότνια μήτηρ
    ’Ηδὲ κασίγνητος.

Das weißt Du, und Berlin ist mir durch Dich die Vaterstadt und der Nabelort meiner Welt, von dem aus ich zu meinem Zirkelgange ausgegangen, um dahin zurückezukehren und meine müden Knochen zu seiner Zeit, so Gott will, neben den Deinen zur leichten Ruhe auszustrecken. Mein guter Eduard, es lebt sich auf so einer Reise eben wie zu Hause. Viele Langeweile während des Sturmes, wann der Mensch es vor lauter Schaukeln und Wiegen zu weiter nichts bringen kann als zu schlafen, Durack (Germanis: Schafskopf) zu spielen und Anekdoten zu erzählen, worin ich allerdings noch einmal unerschöpflicher bin, als ich selbst glaubte. Sehr unglücklich und zerknirscht, wann man wieder in Reibung mit der Gemeinheit geraten ist; froh, wann die Sonne scheint; hoffnungsvoll, wann man das Land sieht; und wann man darauf ist, wiederum gespannt, es zu verlassen. Man sieht immer stier in die Zukunft hinein, die unablässig als Gegenwart über unser Haupt wegfliegt, und ist an den Wechsel der Naturszenen ebenso gewöhnt wie daheim an den Wechsel der Jahreszeiten. Der Polarstern (τὸ του̃ πόλον άστρον) ist untergegangen, und das werden wir auch zu unserer Zeit tun; die Kälte kommt vom Süden, und der Mittag liegt im Norden; man tanzt am Weihnachtsabend im Orangenhain usw. Was heißt denn das mehr, als daß eure Dichter die Welt aus dem Halse der Flasche betrachten, in welcher sie eben eingeschlossen sind. Auch das haben wir los. Wahrlich, ihr Süden und Norden und ihr ganzer naturphilosophisch-poetischer Kram nimmt sich da vortrefflich aus, wo einem das Südliche Kreuz im Zenit steht. Es gibt Zeiten, wo ich zu meinem armen Herzen sage: Du bist ein Narr, so müßig umherzuschweifen! Warum bliebest du nicht zu Hause und studiertest etwas Rechtes, da du doch die Wissenschaft zu lieben vorgibst? – Und das auch ist eine Täuschung, denn ich atme doch durch alle Poren zu allen Momenten neue Erfahrungen ein; und, von der Wissenschaft abgesehen, wir werden an meiner Reise Stoff auf lange Zeit zu sprechen haben, wenn schon die alten Anekdoten zu welken beginnen. Lebe wohl.« –

Am 8. März 1816 gingen wir unter Segel, nachdem unser Freund Don Miguel de Rivas sich weinend unsern Umarmungen entwunden hatte.

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