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Reise um die Welt

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
booktitleReise um die Welt
authorAdelbert von Chamisso
year2001
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-6093-9
titleReise um die Welt
pages3
created20010624
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Von den Sandwich-Inseln nach Radack

Abschied von den Radackern

Am 14. Oktober 1817 lagen die Inseln des O-Waihischen Reiches hinter uns, und vorwärts mit den Wimpeln waren Gedanken und Gemüt den radackischen Inseln zugewandt. Wir hatten uns ganz besonders ausgerüstet, Geschenke bleibenden Wertes unsern liebewerten Freunden darzubringen. Mit dem letzten Abschied von ihnen sollten wir auch Abschied von der Fremde nehmen, die, als sie fern vor uns lag, uns mit so mächtigem Reiz angezogen und jetzt noch reizend zurückhielt. Über Radack hinaus lagen nur noch bekannte europäische Kolonien verzögernd auf unserm Heimweg, und unsere übrige Fahrt glich dem Abendgang des müden Wallers durch die lang sich hinziehenden Vorstädte seiner heimischen Stadt.

Ich möchte, um die mit den letzten Zeilen gegenwärtigen Abschnittes mir bevorstehende Trennung von den Polynesiern zu verzögern, mir noch etwas mit ihnen zu schaffen, noch etwas über sie zu reden machen. Ich hätte noch manche Kapitel abzuhandeln, wenn ihr mir so lange zuhören wolltet, als ich sprechen könnte. Ich hätte zum Beispiel Lust, dem Verfasser des »Sartor Resartus« einen Artikel zu der »Philosophy of Clothes« zu liefern.

Wir unterlassen nicht, künstlerisch eitel uns zu brüsten, den Reifrock mit den Paniers, die hohen Absätze, die Frisure à la grecque, den Puder, die Schminke, den Zopf, die Ailes de pigeon und anderes mehr, worin wir zu der Zeit meiner Kindheit das Schöne noch suchten, aufgegeben zu haben, und sehen nicht mit Scham auf den Zuschnitt unsers Fracks herab und auf alle widerlichen Verzeichnungen der menschlichen Gestalt, die an uns hervorzubringen wir uns mit der Mode befleißen. Ich habe die gefeierte Schönheit, nach welcher man die Tage unserer Geschichte, die den Polignacschen Verordnungen vorangegangen sind, benennen könnte – ich habe Mademoiselle Sontag in Naturrollen, wo nichts sie dazu zwang, sich dergestalt verunstalten sehen, daß sich der Künstler empört von dem Idol der Zeit abwenden mußte.

Aber ihr fragt mich lächelnd, ob ich da von Polynesiern rede? – Ich finde die Schönheit in der einfachen, nicht verunstalteten Natur, und ich weiß diese nicht anders zu preisen, wie es meine Absicht ist, als wenn ich ihr die Unnatur grell entgegenstelle.

Ich finde, daß die Schönheit sich überall mit der Zweckmäßigkeit paart. Für den Menschen ist die menschliche Gestalt das Schönste; es kann nicht anders sein. Die gesunde, ebenmäßige Ausbildung derselben in allen ihren Teilen bedingt allein ihre Schönheit. Der größere Gesichtswinkel bedingt die Schönheit des Antlitzes, weil der Mensch sich als denkendes Wesen über die Tiere erhebt und in dem Zunehmen jenes Winkels den Ausdruck seiner Vermenschlichung wiederfindet.

Die Kleidung dient einerseits der Schamhaftigkeit, die den Körper zum Teil verdecken will, andrerseits der Bedürftigkeit, die Schutz gegen äußere Einwirkungen sucht. Nur der Barbar ruft sie zu Verunstaltungen, in denen er sich wohlgefällt, zu Hülfe. Die Kleidung der Polynesier im allgemeinen genügt der Schamhaftigkeit, ohne den edlen Gliederbau der kräftigen, gesunden, schönen Menschen zu verhüllen. Der Mantel der O-Waihier, der nach Bedürfnis und Laune umgenommen und abgelegt wird und von dem sich vor einem Mächtigeren zu entblößen die Ehrfurcht gebietet – besonders der weitere, faltigere, den die Reichen tragen –, ist ebenso schön als zweckmäßig.


Hawaiierin

Aber die Tatuierung? – Die Tatuierung ist eine sehr allgemeine Sitte unter den Menschen; Kalifornier und Eskimos huldigen ihr mehr oder weniger, und das mosaische Verbot beurkundet, daß ihr die Völker anhingen, von denen die Kinder Israels abgesondert werden sollten. Die Tatuierung, auf verschiedenen Inseln des Großen Ozeans sehr verschiedentlich angewandt, bildet auf Radack ein kunstmäßiges Ganze. Sie verhüllt und verunstaltet die Formen nicht, sie schließt sich ihnen an mit anmutiger Verzierung und scheint deren Schönheit zu erhöhen. Man muß den Haarschnitt der O-Waihierinnen tadeln, der sie ihres natürlichen Schmuckes beraubt. Bei den Radackern hingegen verwenden beide Geschlechter die größte Sorgfalt auf ihr Haar, und die zierlichen Muschelschnüre, womit sie sich bekränzen, erhöhen sehr zweckmäßig den Glanz der schwarzen Locken und die Bräune der zarten Haut. Befremdlich möchte ihr Ohrenschmuck erscheinen, der von dem erweiterten Ohrlappen gehalten wird; ich muß jedoch bekennen, daß ich ihn von angenehmer Wirkung gefunden habe.


Radackerin

Indem wir uns in unsere häßlichen Kleider einzwängen, verzichten wir auf den Ausdruck des Körpers und der Arme; die Mimik tritt bei uns Nordeuropäern ganz zurück, und wir schauen kaum dem Redenden ins Antlitz. Der bewegliche, gesprächige Polynesier redet mit Mund, Antlitz und Armen, und zwar mit der größten Sparsamkeit der Worte und der Gebärden, so daß zweckmäßig der kürzeste Ausdruck und der schnellste gewählt wird und ein Wink an die Stelle einer Rede tritt. So wird mit einem Zucken der Augenbrauen bejaht, und das Wort inga erzwingt von dem O-Waihier nur der Fremde, der, schwerfälligen Verständnisses, seine Fragen mehrere Male wiederholt.

Unser Schuh- und Stiefelwerk hat für uns den Gebrauch der Füße auf das Gehen beschränkt. Dem vierhändigen Polynesier leisten sie noch ganz andere Dienste. Er hält und sichert mit den Füßen den Gegenstand, woran er mit den Händen arbeitet, die Matte, die er flechtet, die Schnur, die er dreht, das Stück Holz, worauf er durch Reibung Feuer hervorbringen will. – Wie unbeholfen, langsam und ungeschickt müssen wir uns bücken, um etwas, das zu unsern Füßen liegt, aufzuheben. Der Polynesier faßt es mit dem Fuße, der es der Hand von derselben Seite reicht, und er hat sich nicht gerührt und hat zu reden nicht aufgehört. Soll etwas, das auf dem Verdecke eines Schiffes liegt, entwendet werden, faßt es einer mit dem Fuße und reicht es dem andern; es wandert von Fuß zu Fuße und über Bord, während die ausgesetzte Schildwacht allen nach den Händen siehet und nichts merkt.

Der Ausspruch des Meisters drängt sich mir auf und führt mich noch ferner ab von meinem Ziele:

Nur aus vollendeter Kraft blicket die Anmut hervor.

Die vollendete Kraft sucht nicht, sondern trifft mit Sicherheit das Rechte, und das Rechte ist das Schöne. Jede versuchte willkürliche Ausschmückung ist Verunzierung und Verunstaltung. Ich weiß mir kein anmutigeres Schauspiel als den indischen Jongleur, der mit der Kanonenkugel spielt, die ihm zum Erstaunen gehorcht. An der Entfaltung der menschlichen Gestalt in ihrer vollen Schöne weidet sich schwelgend der Künstlerblick, indem ich mich kindergleich belustige mit dem kindergleichen Menschen, der eben nur spielt und sich belustigt. Ich habe den europäischen Jongleur unstreitig noch schwierigere Kunststücke ausführen sehen, aber der alberne, widrige Mensch verdarb mir den dargebotenen Kunstgenuß, indem er ganz ernstlich für sein eitles Spiel die Art Bewunderung in Anspruch nahm, die ich nur Heldentaten zollen mag. Ebenso unterscheiden sich von den lustigen, belustigenden Taschenspielern, wie ich sie in meiner Kindheit noch gesehen habe, die jetzigen langweiligen Professeurs de physique amusante. – Die Vornehmigkeit hat ihnen den Hals gebrochen. Ich kehre zu meinen Polynesiern zurück: ich vergleiche sie mit dem indischen Jongleur, der mit ihnen gleichen Menschenstammes ist.

Wir hatten den Passat und segelten vor dem Winde. Am 20. Oktober sahen wir am Morgen viele Schnepfen und viele Seevögel. Um zwei Uhr nachmittags zeigten sich die dem Seefahrer Gefahr drohenden nackten Klippen, die von Kapitän Johnston in der Fregatte »Cornwallis« im Jahre 1807 zuerst gesehen worden und die wir im vorigen Jahre vergeblich aufgesucht hatten. Der höchste, sichtbarste Punkt derselben liegt nach Herrn von Kotzebue 16°45'36" nördlicher Breite, 169°39'21" westlicher Länge. Überflossene Riffe erstrecken sich weit umher. Schnepfen und Seevögel wurden oft während dieser Überfahrt gesehen. Am 21. zog ein Flug Enten gegen Südosten. Am 24. setzte sich eine Schnepfe auf das Schiff. Wir fanden im Norden von Radack den uns bekannten starken Weststrom. Wir hatten am 30. Ansicht von Otdia, und wie wir die Schischmarew-Straße aufsuchen wollten, befiel uns ein Sturm aus Südosten, der in der Nähe dieser Riffe nicht ohne Gefahr war. Der Regen floß in Strömen, und um unser Schiff erging sich ein kleiner Physeter.

Der Wind, der wieder zum Osten überging, wehte in der Nacht noch heftig, und wir lavierten in Ansicht des Landes.

Wir fuhren am 31. Oktober 1817 morgens um zehn Uhr in Otdia ein. Ein Segel kam vom Westen, wir holten es ein. – Wir erkannten unsern Freund Lagediack, der uns frohlockend begrüßte. Um fünf Uhr nachmittags erreichten wir unsern alten Ankerplatz vor Otdia. Lagediack kam sogleich auf das Schiff und brachte uns Kokosnüsse mit. Seine Freude war unbeschreiblich; er vermochte kaum, sie zu zügeln, um uns Nachricht von unsern Freunden und dem Zustande der Inseln überhaupt zu geben.

Kadu, dem als einem Naturkinde das Ferne auf dem üppigen O-Wahu fernlag, der erst in der Enge unseres kleinen Bretterhauses seine Gedanken zusammengefaßt und auf seine lieben Gastfreunde gerichtet, denen wir ihn zuführten; Kadu, von dem Momente an, wo er die Riffe von Otdia erschaut und erkannt, der Gegenwart angehörend und mächtig sie erfassend, war ganz ein Radacker unter den Radackern. Geschenke, Geschichten, Märchen, Freude brachte er ihnen und jubelte mit ihnen vor Entzücken und Lust. Aber besonnen, wo es zu handeln galt, war er unablässig tätig und hatte schon Hand angelegt, wo andere noch zögerten. Er tat's aus eigenem Herzen in unserm Geiste. Er war unsre Hand unter den Radackern und bis an den letzten Tag ohne Nebengedanken einer der Unsern.

Ich selbst, nachdem ich mit redlichem Bemühen Kadu über Radack zu reden veranlaßt, seine Aussagen zusammengetragen, verglichen und studiert hatte und mir nur die abstrakteren Kapitel der Glaubenslehre, der Sprachlehre usw. abzuhandeln übrigblieben; nachdem ich mit den Sitten und Bräuchen und mit den Zuständen dieses Volkes vertrauter geworden war, hatte jetzt einen klareren Blick über dasselbe gewonnen und konnte übersichtlich lesen, wo ich sonst nur mit Mühe buchstabiert hatte.

Auch die Radacker standen uns dieses Mal um vieles näher. Kadus Genossenschaft mit ihnen und mit uns war das Band, das uns vereinigte. Unser Freund war in Hinsicht unser leichter und schneller für sie, was er in Hinsicht ihrer für uns gewesen war. Wir waren jetzt nur eine Familie.

Aber wir sollten nur drei Tage auf Radack zubringen, und es galt zu schaffen und zu wirken, nicht aber müßig zu studieren.

Der größte Teil von der Bevölkerung der Gruppe war mit dem Kriegsgeschwader von Lamari weggezogen. Von unsern Freunden waren nur Lagediack und der Greis von Oromed, Laergaß, zurückgeblieben; letzterer der einzige Häuptling und zur Zeit Machthaber auf Otdia. Es waren überhaupt nur zwölf Mann und mehrere Weiber und Kinder anwesend. Kurz nach unserer Abreise war aus Aur der Häuptling Labeuliet hiehergekommen und hatte sich einen Teil des von uns geschenkten Eisens abliefern lassen. Drei Ziegen lebten zu der Zeit noch; die hatte er ebenfalls mitgenommen. Später war Lamari eingetroffen und hatte den Rest unsers Eisens und unserer Geschenke sich herausgeben lassen. Er war einige Zeit geblieben, die Bereitung von Mogan zu betreiben, und hatte bei seiner Abfahrt nur wenige Früchte zur kümmerlichen Erhaltung der Zurückbleibenden übriggelassen. Etliche Jamswurzeln, die in unserm Garten noch gegrünt, hatte er ausgegraben und mitgenommen, um sie nach Aur zu verpflanzen.

Am 1. November 1817 gingen wir zuerst ans Land. Einen niederschlagenden Anblick gewährte der wüste Fleck, den wir einst bebaut. Nicht ein armes Unkraut, nicht die Vogelmiere war zurückgeblieben, Zeugnis von uns und unserer frommen Absicht abzulegen. Wir schritten rüstig an das Werk, nicht deshalb entmutiget, weil, nicht unvorhergesehenerweise, unsere ersten Bemühungen fruchtlos geblieben. Der Garten ward erneuert und reichlicher besetzt; aber von allen Setzlingen und von allen Sämereien ward ein Teil zurückgelegt, um auch auf Oromed einen gleichen Versuch anzustellen; manche, die in größeren Vorrat vorhanden waren, wurden auch unter die Freunde verteilt. Kadu, den Spaten in der Hand, redete gar eindringlich die Umstehenden an und unterrichtete sie und schärfte ihnen nützliche Lehren ein. Wir speisten und schliefen zu Nacht auf dem Lande. Wir hatten noch ein paar Wassermelonen auf diesen Tag gespart; sie wurden nebst etlichen Wurzeln, die der Kapitän zubereiten lassen, unter die Radacker ausgeteilt und dienten den Reden Kadus zum Belege. – Am Abend sangen uns die Freunde mehrere der Lieder vor, die, unsere Namen und das Andenken unseres Zuges aufzubewahren, gedichtet worden.

Am 2. wurden die Hunde und die Katzen ans Land gebracht; diese zogen zu Walde, während sich jene an die Menschen anschlossen; aber auch sie warfen sich sogleich auf die Ratten und verzehrten ihrer etliche, und ich sah beruhigt ihre Unterhaltung auf Unkosten eines zu bekämpfenden lästigen Parasiten gesichert.

Ziegen und Schweine sollten, von unsern Pflanzungen entfernt, auf eine andere Insel gebracht werden. Da zagten noch die Radacker, sich mit den ihnen unheimlichen Tieren zu befassen. Kadu übernahm sogleich und vollbrachte das Geschäft. Er sollte von jener Insel weiter nach Oromed überfahren, die dortige Gartenanlage zu besorgen. Er begegnete, sowie er den Kurs dahin genommen, dem kommenden Laergaß und kam mit ihm an das Schiff zurück. Der alte Freund, liebevoll und freigebig, brachte uns Brotfrüchte und Kokosnüsse und beklagte sich, daß wir nicht vor seiner Insel die Anker geworfen. Nach kurzem Aufenthalte gingen beide Boote nach Oromed unter Segel. Ich entschloß mich schnell mitzufahren und stieg auf das Boot des Alten. Kadu, der erst auf Otdia anlegte, kam uns nach. Ich pflanzte an diesem selben Abend das Zuckerrohr, das schon von der Dürre gelitten hatte, und fing die Gartenarbeiten an. Kadu langte an. Der eine Tag, den ich auf Oromed unter diesen anmutigen Kindern, ganz ihren Sitten gemäß, ohne Rückhalt, ohne fremde Einmischung zugebracht habe, hat mir die heiterste, frischeste Erinnerung hinterlassen, die ich von meiner ganzen Reise zurückgebracht. Die Bevölkerung der Insel, drei Männer, zahlreiche Frauen und Kinder, waren mit uns am Strande um ein gesellig loderndes Feuer versammelt. Kadu erzählte seine Begebenheiten, denen er schalkhaft unterhaltende Märchen einwob; die Mädchen sangen uns freudig die Lieder vor, die zahllos auf uns entstanden waren. Die Älteren zogen sich zurück und begaben sich zur Ruhe. Wir zogen weiter abwärts, und es ward abwechselnd verständiges Gespräch gepflogen und lustig gesungen bis spät in die Nacht hinein.


Radack

Ich habe von Unschuld der Sitten und Zwanglosigkeit der Verhältnisse, von zarter Schamhaftigkeit und sittigem Anstande gesprochen. Haben die Saint-Simonianer einen Traum von diesen meerumbrandeten Gärten gehabt, als sie an der Aufgabe gescheitert sind, zu machen, was sich nicht machen läßt, und sie die Zeit vorzuschrauben gemeint, bis sie im Kreise dahin wiederkäme, wo sie möglicherweise schon einmal war? – Hier ein geringfügiger Zug von den Sitten von Radack. Ich saß im Kreise neben einem jungen Mädchen, auf deren Arm ich die zierlich tatuierte Zeichnung betrachtete, die, wie dem Auge durch die dunkelblaue Farbe, so dem Tasten durch leises Aufschwellen der feinen Haut wahrnehmbar zu sein schien; und ich ließ mich zu dem Versuche hinreißen, indem ich sanft die Hand darüber gleiten ließ. Das hätte nun nicht sein sollen; wie aber konnte das junge Mädchen den nicht arg gemeinten Fehl an dem doch werten und lieben Gaste rügen, der nur fremd der Sitte war und überdies die Sprache nicht gut verstand? Wie konnte sie dem Einhalt tun und sich davor schützen? Ich merkte anfangs nicht, daß mein Betragen unsittig gewesen sei; als aber das Lied, das eben gesungen wurde, zu Ende war, stand das Mädchen auf, machte sich anderswo etwas zu schaffen und setzte sich, als sie wiederkam, gleich freundlich und fröhlich, nicht wieder an ihren alten Platz neben mir, sondern an einen andern unter ihren Gespielinnen.

Am andern Morgen wurden Pflanzung und Aussaat beschickt, wobei Kadu die größte Tätigkeit entwickelte. Ich entdeckte bei dieser Gelegenheit auf Oromed den Taro und die Rhizophora gymnorrhiza, von denen ich einzeln angebaute Pflanzen sogar auf dem dürftigen Riffe Eilu angetroffen und die mir bis jetzt auf der Gruppe Otdia noch nicht vorgekommen waren. Sobald das Werk vollbracht war, rief Kadu: »Zu Schiffe!« Wir trennten uns von unsern Freunden und entfalteten das Segel dem Winde.

Ich habe, was in der Geschichte folgt, an anderm Orte berichtet. (Siehe »Bemerkungen und Ansichten«: »Über unsere Kenntnis der ersten Provinz des Großen Ozeans« zu Anfang und »Radack« am Schlusse.) Ich habe dem, was dort zu lesen ist, nichts hinzuzufügen.

Du hast, mein Freund Kadu, das Bessere erwählt; du schiedest in Liebe von uns, und wir haben auch ein Recht auf deine Liebe, die wir die Absicht gehegt und uns bemüht haben, Wohltaten deinem zweiten Vaterlande zu erweisen. Du hast von uns das Gute gelernt, und es hat dich ergriffen; du hast in unserm frommen Sinn fortzuwirken dich unterfangen; möge, der die Schicksale der Menschen lenkt, dein Werk segnen und dich selbst bei deiner fahrvollen Sendung beschirmen! Möge er eine Zeit noch die Europäer von euren dürftigen Riffen, die ihnen keine Lockungen darbieten, entfernen. Sie würden euch zunächst nur den Schmutz von O-Waihi zuführen. – Aber was hättest du in unserm alten Europa gesollt? Wir hätten eitles Spiel mit dir getrieben, wir hätten dich Fürsten und Herren gezeigt; sie hätten dich mit Medaillen und Flittertand behangen und dann vergessen. Der liebende Führer, dessen du Guter bedurft hättest, würde dir nicht an der Seite gestanden haben; wir würden nicht zusammengeblieben sein, du hättest dich in einer kalten Welt verloren gefunden. Paßlich für dich würde unter uns keine Stellung sein; und hätten wir dir endlich den Weg nach deinem Vaterland wieder eröffnet, was hätten wir zuvor aus dir gemacht?

Mit der zweiten Reise von Herrn von Kotzebue und seinem Besuche auf Otdia im April und Mai 1824 endigt für uns die Geschichte von Radack.

Seine Ankunft in Otdia verbreitete panischen Schrecken unter den Eingebornen. Nachdem er erkannt worden, fanden sich die alten Freunde wieder ein: Lagediack, Rarick, Laergaß, Langien, Labigar fanden sich ein – Kadu fehlte. Eine große Schüchternheit und Zaghaftigkeit war den Freunden anzumerken. Diese wird dadurch erklärt, daß die Kupferplatte, die im Jahre 1817 an einen Kokosbaum bei Raricks Hause angeschlagen worden, weggekommen war. Von allem, was wir auf Radack gebracht, sah Herr von Kotzebue nur die Katze, verwildert, und die Jamswurzel. Der Weinstock, der sich bis auf die höchsten Bäume hinaufgerankt hatte, war vertrocknet.

Kadu befand sich angeblich auf Aur bei Lamari, mit dem er sich abgefunden, und unter seiner Pflege sollten sich Tiere und Pflanzen, die der Machthaber dorthin überbracht und verpflanzt hatte, außerordentlich vermehrt haben. – Angeblich war nur der Weinstock ausgegangen. Herr von Kotzebue setzt hinzu, daß ihn die Größe seines Schiffes leider verhindert habe, Kadu in Aur aufzusuchen.

Wir nehmen zweifelnden Herzens die uns nicht befriedigenden Aussagen hin.

Den Kriegszug, zu welchem sich Lamari im Jahre 1817 rüstete, hatte Kadu mitgemacht. Er hatte in europäischem Hemde und roter Mütze mit dem Säbel in der Hand gefochten, und das Eisen, das viele Eisen, hatte dem Lamari die Übermacht gegeben. Er war als Sieger heimgekehrt.

Die von Otdia, Inselkette Ralick, hatten jüngst unter ihrem Häuptling Lavadock Kaben überfallen, und Rache für diesen Raubzug zu nehmen, rüstete sich jetzt Lamari, den Krieg nach Otdia zu tragen.

So erzählten die Befreundeten.

Lagediack drang heimlich in Herrn von Kotzebue, sich die Herrschaft auf Radack anzumaßen, und bot ihm bei dem Unternehmen seine Unterstützung an. Als dieser, in seinen Plan nicht eingehend, sich zur Abreise anschickte, bat er ihn, seinen Sohn nach Rußland mitzunehmen, und mochte doch sich von dem Kinde nicht trennen, als er erfuhr, Herr von Kotzebue habe jetzt Radack zum letzten Male besucht. – Als aber das Schiff im Begriffe stand, unter Segel zu gehen, brachte Lagediack dem Freunde ein letztes Geschenk: junge Kokosbäume, die er nach Rußland verpflanzen möge, da, wie er vernommen, es dort keine Kokosbäume gebe.

Am 4. November 1817 liefen wir aus dem Riffe von Otdia zu der Schischmarew-Straße aus. Das Wetter war heiter, der Wind schwach. Wir fuhren an Erigup vorüber und steuerten nach der Anweisung von Lagediack und den andern Freunden, um Ligiep aufzusuchen. Wir waren am 5. vormittags in Ansicht dieser Gruppe, in deren Nähe der Wind uns gänzlich gebrach. Endlich zog uns ein schwacher Hauch aus Norden aus einer peinlich werdenden Lage. Ein Boot kam uns entgegen und beobachtete uns vorsichtig von weitem. Wir nannten uns: da war alle Scheu von den Menschen gewichen; sie kamen heran, befestigten das Boot an das Schiff und stiegen zutraulich auf das Verdeck. Lamari auf seinem Zuge hatte uns ein gutes Zeugnis gesprochen. Sie brachten uns die üblichen Geschenke dar, Kokosnüsse und ihre zierlichen Muschelkränze, und verkehrten ohne Arg und Rückhalt mit den alten, wohlbekannten Freunden ihres Volkes. Sie luden uns dringend ein auf ihre Inseln und rühmten uns die Schönheit der Töchter von Ligiep. Dieses ist auf Radack das einzige Mal, daß ein solches Wort unser Ohr getroffen hat. Ihre Geschenke blieben nicht unerwidert. Sie erstaunten ob unserer Freigebigkeit und unseres Reichtumes an Eisen. Wir gaben ihnen, so gut es gehen wollte, Nachrichten von Otdia und ihren Freunden.

Ohne Kadu ward es uns auf Radack noch schwer, uns zu verständigen, und so haben wir wenig von den Insulanern von Ligiep erfahren. Die Radacker sind, wie die Engländer, im Verstehen, ich möchte sagen, ungefällig. Sie erkennen die Wörter ihrer Sprache nicht, die wir ihnen vorzusagen uns bemühen. Ihre Art ist dann, zu wiederholen, was sie von uns hören, und so täuschen sie uns, die wir uns nicht erwehren können, solche Wiederholung für eine Bejahung aufzunehmen.

Wir sahen nur den dürftigeren Teil der Gruppe; die reicheren Inseln, über welchen die Kokospalme hochstämmig ihre Krone wiegt, sah Herr von Kotzebue erst im Jahre 1824. Die Durchbrüche des Riffes scheinen selbst größeren Schiffen bequeme Tore zu verheißen, zu denen sie beim herrschenden Passat aus- und einfahren können. Die Menschen schienen uns wohlgenährter und wohlhabender als auf anderen Gruppen von Radack, und wir waren darauf vorbereitet, sie so zu finden.

Herr von Kotzebue hatte auf Otdia mit Lagediack, der, wie es sich ergab, öfter selbst auf Ralick gewesen, die Geographie dieser andern Inselkette wiederholt durchgenommen. Hier, am Ausgangspunkt der Seefahrer von Radack, die dahin fahren, ließ er sich wiederum die Richtung der zu jener Kette gehörigen Gruppe Kwadelen andeuten, und sie ward ihm, gleichlautend mit den früheren Angaben, nach Westen gezeigt.

Am Abend frischte der Wind; wir trennten uns von unsern Freunden und steuerten nach Westen. Es war uns aber nicht vorbehalten, diese oder eine andere Gruppe von Ralick zu entdecken. Im Jahre 1825 hat Herr von Kotzebue im Westen und in der Breite von Udirick, da, wo den Angaben nach die nördlichsten Riffe von Ralick liegen sollen, drei verschiedene Inselgruppen entdeckt, die wohl mit hohen Kokospalmen bewachsen, aber unbewohnt waren.

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