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Reise um die Welt

Adelbert von Chamisso: Reise um die Welt - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
booktitleReise um die Welt
authorAdelbert von Chamisso
year2001
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-6093-9
titleReise um die Welt
pages3
created20010624
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1836
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Wir hatten einen Sohn von Herrn Kriukow und fünfzehn Aleuten, Baidaren, große und kleine, gesalzene und gedörrte Fische (Stockfisch) an Bord genommen. Der »Rurik« war segelfertig. Wir hatten vergebens auf die Ankunft eines Schiffes aus Sitcha gehofft, uns mit manchem, woran wir Mangel litten, zu versorgen. Widrige Winde hielten uns ein paar Tage im Hafen zurück, an dessen Eingange wir in Windstille auf der Scheidelinie zweier einander entgegengesetzten Winde vor Anker lagen. Vor uns blies der Wind von der See her, hinter uns hingegen, im innern Hafen zwischen der kleinen Insel und dem Hauptlande, seewärts. Wir gingen am Sonntag, dem 29. Juni 1817 nach unserer Schiffsrechnung (einen Tag später nach der Rechnung der Insel), unter Segel.

Wir sollten auf unserer Nordfahrt auf den Inseln Sankt George und Sankt Paul durch die Agenten der Kompanie, welche den dortigen Ansiedelungen unter Herrn Kriukow vorstehen, auf Anweisung von diesem mit manchem, woran wir Mangel litten, versehen werden. Auf beiden Inseln, welche im Meerbecken im Norden der aleutischen Inselkette vereinzelt liegen und sonst unbewohnt waren, werden von wenigen Russen und mehreren angesiedelten Aleuten die Herden von Seelöwen und Seebären, welche ihren Strand besetzen, bewirtschaftet, und die Kompanie zieht aus denselben einen sichern und beträchtlichen Ertrag. Beide Inseln sind ohne Hafen und Ankerplatz.

Bei hellem Wetter und günstigem Winde kamen wir am 30. Juni nachmittags in Ansicht der Insel Sankt George, näherten uns derselben, meldeten uns durch einen Kanonenschuß an und lavierten die Nacht über. Am Morgen des 1. Juli holte uns die große Baidare der Ansiedelung an das Land. Einen gar wundersamen Anblick gewährt die zahllose Herde von Seelöwen (Leo marinus Stelleri), die, unabsehbar im Umkreis der Insel und bis unter der Ansiedelung, einen breiten, felsigen, nackten, von Fett geschwärzten Gurt des Strandes überdeckt. Unförmliche, riesige Fett- und Fleischmassen, ungeschickt und schwerfällig auf dem Lande. Die Männchen bewachen ihre Weiber und kämpfen gegeneinander wütend um deren Besitz; jene folgen dem Sieger. Ihr Gebrüll wird sechs Meilen weit zur See vernommen. Man kann ihnen bis auf wenige Schritte nahen; sie kehren sich bloß gegen die Menschen und brüllen sie an. Nichts hat während der Zeit, die Kadu unter uns zubrachte, seine Aufmerksamkeit so sehr gefesselt und einen stärkeren Eindruck auf ihn gemacht als der Anblick dieser Tiere. Er schloß sich mir an, als ich sie zu besichtigen ging, blieb aber immer etliche Schritte hinter mir zurück. Man tötet alte Männchen vorzüglich der Haut wegen, die zum Überziehen der Baidaren und ähnlichem dient; auch werden deren Eingeweide zu Kamlaiken verarbeitet. Junge schlachtet man um des Fleisches willen, das wir selber nicht übeln Geschmackes gefunden haben. Etliche Menschen, mit Stöcken bewaffnet, verscheuchen die Alten, und die Jungen, von der See abgeschnitten, werden landeinwärts nach dem Orte hin getrieben, wo sie abgetan werden sollen. Ein Kind treibt eine Herde von zwölf bis zwanzig vor sich her. Alte werden mit der Flinte geschossen; sie haben nur eine Stelle am Kopfe, wo der Schuß tödlich ist. Sankt George und Sankt Paul werden von den Russen »die Inseln der Seebären« genannt, weil dieses Tier ihnen den größeren Ertrag liefert. Sankt George ist aber die Insel der Seelöwen. Nur wenige Familien der Seebären nehmen abgesonderte Stellen des Strandes ein. Es worden für uns und unsere Mannschaft etliche junge Seelöwen geschlachtet; auch vermehrten wir unsere Vorräte um etliche Fässer Eier, die sich im Tran eine lange Zeit frisch erhalten. Die Nester der Seevögel, die hier ihre Brüteplätze haben, werden regelmäßig geplündert, und die Menschen wirtschaften mit Robben und Vögeln, als seien sie ihnen hörig geworden.

Wir hatten am selben Abend Ansicht erst von der Bober-Insel, einer Klippe in der Nähe von Sankt Paul, und dann von dieser Insel selbst. Sankt George und Sankt Paul liegen in solcher Nähe, daß die eine Insel von der andern gesehen werden kann. Wir lagen am 2. Juli in Windstille bei Nebel und Regen in der Nähe der Bober-Insel. Das Meer war trüb und schmutzig; häufige Fettflecken darauf spielten in den Farben der Iris. Die Baidaren von Sankt Paul kamen und gingen zwischen dem Lande und dem Schiffe; vom »Rurik« ward kein Boot, keine Baidare in die See gelassen. Nachmittags erhob sich ein schwacher Windhauch; wir fuhren an der Klippe vorüber und näherten uns der Hauptinsel. Den 3. am frühen Morgen verkündigte ein Kanonenschuß der Ansiedelung, daß wir uns in ihrer Nähe befänden. Eine Baidare ruderte sogleich heran, und wir fuhren auf derselben ans Land. Choris und Kadu versäumten dieses Mal die Gelegenheit und blieben auf dem »Rurik« zurück.


Die Insel Sankt Paul

Die Insel Sankt Paul erhält von dem Seebären (Ursus marinus Stelleri), der zur Zeit, wo die Mütter werfen, ihren Strand in unendlichen Herden besetzt hält, ihre größere Wichtigkeit. Das Fell der Jungen wird als Pelzwerk geschätzt und findet in Kanton einen sichern Markt und feste Preise. Das Männchen ist um das Doppelte größer als das Weibchen, welches sich außerdem durch Gestalt und Farbe sehr unterscheidet. Männchen und Junge sind dunkler, das Weibchen fahler. Ich habe Schädel von beiden Geschlechtern mitgebracht; sie weichen in der Gestalt sehr voneinander ab, doch scheint die Verschiedenheit ihrer Größe geringer als die der Tiere selbst. Der Schädel des Männchens ist gewölbter, der des Weibchens flacher, bei stärkerem Hervortreten der Fortsätze und Ränder, welche die Augenhöhlen bilden. Der Seebär ist gelenkiger als der Seelöwe und bewegt sich auf dem Lande schneller und leichter als er. Das Männchen überschaut von einem erhöhten Sitze den Kreis seiner Familie und bewacht eifersüchtig seine Weiber. Mancher besitzt deren nur eine einzige oder wenige, indem andere gegen ein halb Hundert beherrschen. Das Weibchen wirft zwei Junge, die mit Zähnen in beiden Kinnladen zur Welt kommen. Die Mutter beißt die Nabelschnur nicht ab, und man sieht die jungen Tiere noch lange die Nachgeburt nach sich ziehen. Ich beschaute und streichelte einen solchen Neugeborenen; er tat die Augen auf und setzte sich, wie er mich sah, gegen mich zur Wehre, indem er sich auf die Hinterpfoten erhob und mir sehr schöne Zähne wies. Gleichzeitig nahm der Hausvater Kenntnis von mir und setzte sich in Bewegung, um mir entgegenzukommen: »Et qui vous a chargé du soin de ma famille?« Ich versicherte ihm, daß ich es nicht übel gemeint habe, empfahl mich aber und zog mich weiter zurück.

Die Seevögel (Uria) nehmen zwischen den Familien der Robben die freien Stellen des Strandes ein; sie fliegen ohne Scheu mitten durch die Herde und vor dem Rachen der Wache haltenden Männchen, ohne sich an deren Gebrüll zu kehren. Sie nisten in unzähliger Menge in den Höhlen der meerbespülten Felsenwände und unter den gerollten Steinen, die längs dem Strande einen Damm bilden. Der Rücken dieses Dammes ist von ihrem Unflat weiß überzogen.

Vor Sankt Paul soll einmal ein amerikanisches Schiff erschienen sein, dessen Kapitän mit einem starken Kommando ans Land fuhr, Branntwein hinbringend, womit er gar nicht karg tat. Russen und Aleuten tranken zur Genüge, aber die Zeit, die sie darauf schliefen, benutzte der freigebige Fremde, Seebären zu schlachten und abzuziehen; so verschaffte er sich seine Ladung. – In solchen Fällen, wo man die Häute zu trocknen keine Zeit hat, werden solche eingesalzen, wodurch sie nichts von ihrem Wert verlieren sollen.

Unser Kapitän hatte einen Kompaß ans Land gebracht, um sich die Richtung genau angeben zu lassen, in welcher man sowohl von Sankt George als von hier aus auf hoher See vulkanische Erscheinungen und Land gesehen zu haben meint. Die Magnetnadel ward auf diesem Boden vulkanischer Eisenschlacke sehr unruhig befunden. – Doch fand sich ein Standpunkt, wo sie ruhig blieb und von dem aus die Richtung jener Erscheinungen Südwest einhalb West bestimmt wurde. In ebendieser Richtung waren wir am 4. Juli mittags bei hellem Wetter und klarem Horizont sechzig Meilen von Sankt Paul entfernt, und kein Land war zu sehen. Wir behielten bis fünf Uhr abends denselben Kurs, und kein Land erschien. Da steuerten wir nach Norden, um die Ostspitze der Sankt-Laurenz-Insel zu erreichen.

Wir hatten bei meist trübem Wetter wechselnde Winde und Windstillen. Am 9. Juli waren wir über die Breite der Insel Sankt Matwey gekommen, ohne dieselbe sehen zu wollen, und sollten am andern Tage, da der Wind günstiger wurde, Ansicht von der Sankt-Laurenz-Insel bekommen. Wir benachrichtigten davon unsern Freund Kadu. Wir hatten Walfische und öfters Robben gesehen, etliche Seelöwen schienen an diesem Abend dem Laufe unsers Schiffes zu folgen. In diesem Meere ohne Tiefe, wo wir oft das Senkblei warfen, fingen sich mehrere Kabliau (Gadus) an der Angel und versorgten uns mit frischer Nahrung.

Wir sahen am 10. Juli morgens das Land und steuerten auf das südliche Vorgebürge der Sankt-Laurenz-Insel zu. Die Ansicht ist die von einer Gruppe mäßig hoher Inseln, deren Rücken ruhige Linien begrenzen und deren Küsten abstürzig sind. Aber Niederungen vereinigen alle diese Felseninseln, und sie erstrecken sich stellenweise von ihnen aus weit in die See. Auf diesen Niederungen sind die Ansiedelungen der Menschen, welche das in stehenden Pfützen und Seen angesammelte Schneewasser trinken. Wir gingen vor Anker und fuhren nachmittags bei einer Ansiedelung an das Land. Wir hatten uns bewaffnet; Kadu, darüber entrüstet, hatte sich sehr erkundigt, was unsere Meinung sei. Wie er aber vernommen, unsere Gesinnung sei friedlich und wir sorgten bloß für unsere Sicherheit unter Unbekannten, so ließ er sich auch einen Säbel geben und schloß sich dem Kapitän an.


Bewohner der Aleuten

Nur wehrhafte Männer kamen uns selbstvertrauend entgegen, während Weiber und Kinder entfernt wurden. Unsere Dolmetscher machten sich verständlich. Sie gaben Friedensworte, und Tabak und Glasperlen begründeten ein freundschaftliches Verhältnis. – Die Männer hatten tatuierte Linien um das Gesicht nebst etlichen Zeichen auf Stirne und Wangen. Die Mundknöpfe waren selten und wurden oft durch einen runden tatuierten Fleck ersetzt. Sie waren auf der Scheitel geschoren und trugen einen Kranz längerer Haare um das Haupt (die Aleuten schneiden ihr Haar nicht ab). Sie besitzen das Rentier nicht. Ihre Hunde werden auf Küstenfahrten an die Baidaren gespannt. Ihre Waren erhalten sie von den Tschuktschen, mit denen sie in Handelsverbindungen sind.

Wir betraten ihre Wohnungen nicht. Wir sahen ihre irdenen Jurten längs dem Strande, von den üblichen Gerüsten umragt, unter denen die Hundelöcher sind. Ein Zelt von Häuten war ein Sommeraufenthalt.

Wir erfuhren, daß das Eis erst seit drei Tagen (nach meinen eigenen Notaten seit fünf Tagen) aufgegangen war und nordwärts mit dem Strome treibe.

Wir fuhren an das Schiff zurück und gingen unter Segel, um die Insel von der Ostseite zu umfahren.

Am Morgen des 11. Juli lavierten wir bei hellem Wetter und Südwinde. Ich erfuhr, daß man in der Nacht bei der Ostspitze der Insel Eis angetroffen habe und daß der Kapitän an der Brust litte und bettlägerig sei.

Am 12. machte der Kapitän uns und der Mannschaft des »Ruriks« schriftlich bekannt, daß er den Zweck der Reise wegen seiner zerstörten Gesundheit aufgebe und deren Reste dazu verwenden müsse, uns in die Heimat zurückzuführen. – Wir hatten demnach nur noch das bisher Getane rückwärts abzuwenden. Hier die Worte des Herrn von Kotzebue in seiner »Reise«, Zweiter Teil, Seite 105:

»Um zwölf Uhr nachts, als wir eben am nördlichen Vorgebürge vor Anker gehen wollten, erblickten wir zu unserem Schreck stehendes Eis, das sich, so weit das Auge reichte, nach Nordosten erstreckte und nach Norden zu die ganze Oberfläche des Meeres bedeckte. Mein trauriger Zustand, der seit Unalaschka täglich schlimmer wurde, erlitt hier den letzten Stoß. Die kalte Luft griff meine kranke Brust so an, daß der Atem mir verging und endlich Brustkrämpfe, Ohnmachten und Blutspeien erfolgten. Ich begriff nun erst, daß mein Zustand gefährlicher war, als ich bis jetzt glauben wollte, und der Arzt erklärte mir ernstlich, ich könnte in der Nähe des Eises nicht bleiben. Es kostete mich einen langen, schmerzlichen Kampf; mehr als einmal war ich entschlossen, dem Tode trotzend, mein Unternehmen auszuführen; wenn ich aber wieder bedachte, daß uns noch eine schwierige Rückreise ins Vaterland bevorstand und vielleicht die Erhaltung des ›Ruriks‹ und das Leben meiner Gefährten an dem meinigen hing, so fühlte ich wohl, daß ich meine Ehrbegier unterdrücken mußte; das einzige, was mich bei diesem Kampfe aufrecht erhielt, war die beruhigende Überzeugung, meine Pflicht redlich erfüllt zu haben. Ich meldete dem Kommando schriftlich, daß meine Krankheit mich nötige, nach Unalaschka zurückzukehren. Der Augenblick, in dem ich das Papier unterzeichnete, war einer der schmerzlichsten meines Lebens; denn mit diesem Federzuge gab ich einen lang genährten, heißen Wunsch meines Herzens auf.«

Und ich selbst kann nicht ohne das schmerzlichste Gefühl dieses unglückliche Ereignis berühren. Ereignis, ja! mehr denn eine Tat. Herr von Kotzebue befand sich in einem krankhaften Zustand, das ist die Wahrheit; und dieser Zustand erklärt vollkommen den Befehl, den er unterzeichnete. Erklärt, sage ich, ob aber auch rechtfertiget, muß erörtert werden. Ein befugter Richter sagt darüber in der »Quarterly Review« (January 1822), Vol. XXIV, p. 363:»We have little more to offer on this unsuccessful voyage; but it appears to us that its abrupt abandonment was hardly justified under the circumstances stated. It would not be tolerated in England, that the ill health of the commanding officer should be urged as a plea for giving up an enterprize of moment, while there remained an other officer on board fit to succeed him. – But we rather suspect, that when the physician warned him against approaching the ice, the caution was not wholly disinterested on his part and that the officers and men, like the successors of the immortal Cook, had come to the conclusion that the longest way about was the nearest way home.«

»Wir haben wenig mehr zu sagen von dieser erfolglosen Reise; aber es scheint uns kaum zu rechtfertigen, sie unter den erwähnten Umständen plötzlich aufgegeben zu haben. Es würde in England nicht geduldet werden, daß die schlechte Gesundheit des kommandierenden Offiziers vorgeschützt werde als ein Grund, ein wichtiges Unternehmen aufzugeben, solange sich noch ein anderer Offizier am Bord befände, der imstande wäre, das Kommando zu übernehmen.«

Dieses ist auch meine Meinung. Derselbe Richter verdächtiget aber unbillig Offizier und Mannen, durch Entmutigung dem Befehl entgegengekommen zu sein. – Ich habe für meinen Teil mit schmerzlicher Entrüstung den Befehl von Herrn von Kotzebue vernommen und mich in meine Instruktion gehüllt: »Ein Passagier an Bord eines Kriegsschiffes, wo man nicht gewohnt ist, welche zu haben, hat keinerlei Ansprüche zu machen.«

Ich habe in den schweigenden, niedergeschlagenen Gesichtern um mich her dasselbe, was in mir vorging, unter der Hülle gewohnter Subordination ebenfalls durchschauen zu sehen geglaubt. Was das ärztliche Gutachten des Doktors Eschscholtz anbetrifft, so hat selbiger die Verantwortlichkeit dafür übernommen; mehr läßt sich nicht sagen.

Ich habe damals den kranken Herrn von Kotzebue tief bedauert, daß ein Verfahren, welches mir unter ähnlichen Umständen auf Schiffen anderer Nationen beobachtet worden zu sein scheint, vermutlich nicht in den Bräuchen des russischen Seedienstes lag und der von ihm gefaßte Entschluß nicht beraten, nicht von einem Kriegsrat, zu welchem jeder Stimmfähige auf dem Schiffe zugezogen worden, für notwendig erkannt und gerechtfertigt worden sei. Ich habe noch eine Zeitlang gehofft, Herr von Kotzebue werde, den Anfall der Krankheit bemeisternd, sich besinnen und den gegebenen Befehl zurückrufen. Darin hätte er Charakterstärke bewiesen, und ich hätte mich in Demut vor ihm geneigt.

Lasset uns übrigens nicht vergessen, daß, obgleich der »Rurik« die kaiserliche Kriegsflagge trug, Schiff, Kapitän und Mannschaft nur den Grafen Romanzow als Herrn anerkannten; daß der Graf Romanzow die Expedition ausgerüstet und nur ihm über den Erfolg derselben Rechenschaft abzulegen war. Herr von Kotzebue hat dem Grafen Romanzow, von dem seine Instruktionen ausgingen, Rechenschaft abgelegt und ihm vollkommen Genüge getan; mithin ist, was der Graf Romanzow gutgeheißen, gut und die Frage über das, was sonst hätte geschehen können, eine bloß wissenschaftliche.

Nun aber fordert ihr, ihr habt nach dem Gesagten das Recht, daß ich euch die Frage nach meiner eigenen Weisheit beantworte und euch sage, was ich denn glaube, daß sonst noch hätte geschehen können. – Aufrichtig gestanden, nicht viel. Wir waren mit einem einzigen dienstfähigen Offizier und zwei Untersteuerleuten (auf den dritten war zur Zeit aus Gründen, die hierher nicht gehören, nicht zu rechnen) sehr schwach, und wenn in der Nacht vom 10. zum 11. Juli das Eis noch zwischen der Sankt-Laurenz-Insel und der amerikanischen Küste anstehend gefunden ward, so mochte dieser Sommer ungünstiger sein als der vorjährige.

Wir hätten uns die nächstfolgenden Tage bei der Sankt-Matwey-Insel verweilen können. Das mit dem Strom nordwärts treibende Eis bedrohete uns mit keiner Gefahr; wir hätten demselben auf der asiatischen Seite der Sankt-Laurenz-Insel folgen können und hier schon Vorerfahrungen sammeln von dem, was im Norden aufzusuchen unsere Bestimmung war. Die Sankt-Laurenz-Bucht bot uns einen sichern Hafen und köstliche Erfrischungen dar. Wir hätten daselbst von Renfleisch gelebt, uns mit Renfleisch verproviantiert und die Zeit abgewartet, wo der Kotzebue-Sund, vom Eise befreit, dem »Rurik« zugänglich geworden wäre. Hier bei dem Schiffe hätte sich der kranke Kapitän so gut als auf Unalaschka ausruhen können, während er dem Leutnant Schischmarew den Befehl über die Baidaren-Nordfahrt übertragen hätte. Ich bin der festen Meinung, daß im schlimmsten denkbaren Falle ein Untersteuermann das Schiff in den Hafen von Sankt Peter und Paul zu fahren vollkommen genügt hätte. Man wird mich gern einer weitern Ausführung, welche auch meines Amtes nicht ist, überheben.

Wir machten bei wechselnden Winden, meist in nordische Nebel gehüllt, unsern Weg nach Unalaschka. Wir kamen an den Inseln Sankt Matwey, Sankt Paul und Sankt George vorüber, ohne dieselben zu sehen. Wir segelten am 20. Juli in der Nähe von Unalaschka über zwei Walfische von der Art Kullomoch. Sie waren von sehr verschiedener Größe; ihre Haut war glatt; nur die Protuberanz am Vorderteil des Kopfes und der äußere Rand der Klappe der sehr großen und wenig voneinander getrennten Spritzlöcher schwammartig. Sie erhielten drei Wurfspieße von unsern Aleuten, ohne sehr darauf zu achten. Sie warfen wenig Wasser, und ich konnte, obgleich aufmerksam darauf, keinen Geruch wahrnehmen. Die Erschütterung des Stoßes, die im Schiffsraum empfunden wurde, war auf dem Verdeck unmerklich.

Am Morgen des 21. zeigten sich etliche Seelöwen um das Schiff. Am Nachmittag entdeckten wir unter der Nebeldecke Unalaschka in geringer Entfernung. Wir lagen in Windstille. Wir ließen uns durch unsere Boote bugsieren. Wir kamen in der Nacht an und lagen am Morgen des 22. Juli 1817 im Hafen von Unalaschka vor Anker.

Das Schiff blieb dieses Mal weit vom Ufer. Der Kapitän zog wieder zu dem Agenten Kriukow. Wir speisten auf dem »Rurik« und tranken Tee auf dem Lande.

Der Kapitän teilte uns den Plan der Reise mit: die Sandwich-Inseln, Radack, Ralick und die Karolinen, Manila, die Sunda-Straße, das Vorgebürge der Guten Hoffnung und Europa. »Der Mangel an frischen Lebensmitteln und der üble Zustand des ›Ruriks‹, der durchaus einer Reparatur bedurfte, gestattete mir nicht, meinen Rückweg, der Instruktion zufolge, durch die Torres-Straße zu nehmen.« Also Herr von Kotzebue, »Reise«, II, Seite 106. – Die Sandwich-Inseln versorgten uns mit frischen Lebensmitteln in Überfluß.

Wir sollten zu Sankt Peter und Paul Briefe von der Heimat vorfinden und wiederum Gelegenheit haben, in die Heimat zu schreiben. – Wir vergruben uns, verschollen für die Welt, zu Unalaschka, schifften aus, was wir zu unserer Ausrüstung auf unsere Nordfahrt eingeschifft, verbuken zu Zwieback, woran wir Mangel zu leiden bedroht waren, das Mehl, das wir in San Francisco an Bord genommen, und verbrachten die Zeit wie in einem Aufenthalt der Verführung.

Ich werde eine kleine Reise erzählen, die ich durch das Innere der Insel zu machen Gelegenheit fand. Ein Schwein, das zu Makuschkin für den »Rurik« geschlachtet worden war, spielte bei dieser Expedition die Hauptrolle und war die Hauptperson, an deren Gefolge ich mich anschließen durfte. Die ganze Gebirgsmasse, über welche der Vulkan von Unalaschka, die Makuschkaja Sobka, sich erhebt, liegt zwischen Illiuliuk und Makuschkin. Zwei Meerbusen oder Fjorden kommen einander in verschiedenen Richtungen entgegen und machen aus jenem Gebürgsstock eine Halbinsel. Aber die Landzunge von einem Fjorde zu dem anderen, über Bergtäler und Pässe, welche in die Schneeregion reichen, zu durchkreuzen erfodert wenigstens acht Stunden Zeit. Ich machte mich am 1. August morgens um sechs Uhr mit zwei Aleuten und einem Russenknaben auf den Weg. Wir erreichten in kleinen Baidaren um acht Uhr den Hintergrund der Kapitäns-Bucht, des Fjordes, an welchem Illiuliuk liegt, und traten von da an talhinauf unsere Wanderung an. Kein Weg ist gebahnt; der Bergstrom, zu dessen Quelle man hinansteigt, ist der Führer durch die Wildnis. Man muß ihn oft durchkreuzen und sich zum kalten Bade in das reißende Schneewasser, das einem bis über die Hüften steigt, entblößen. Die landesübliche Fuß- und Beinbedeckung, die Tarbassi, die, obgleich immer feucht, kein Wasser durchlassen, erlauben minder tiefe Gewässer zu durchwaten, ohne sich auszuziehen. Im unteren Tale ist der Graswuchs üppig und hinderlich dem Wandernden. An der Schneegrenze fesselte manche Pflanze meine Aufmerksamkeit, und die Weite des Weges nicht kennend, den wir noch zurückzulegen hatten, beschleunigte ich nicht den Marsch so, wie ich gesollt hätte. Das jenseitige Tal führet durch tiefe Moräste zu dem Meere. Die Nacht brach ein, als wir den Strand erreichten. Ich glaubte schon bei Makuschkin zu sein; aber der Weg folgt dem Strande in einem Teile des Umkreises der Halbinsel, und hinter jeder vorgestreckten Landspitze, die man mit der Hoffnung erreicht, zu Makuschkin anzukommen, sieht man eine andere Landzunge sich vorstrecken, die eine gleich lügenhafte Hoffnung erregt. Es war elf Uhr in der Nacht, als wir ankamen. Ich bin als ein rüstiger Fußgänger bekannt gewesen, und was ich als solcher geleistet, hat mir schwerlich einer nachmachen können: ich habe in meinem Leben keinen ermüdenderen Tagemarsch gemacht als den eben beschriebenen. Alles schlief. Der hier befehlende Russe, bei dem ich heimkehrte, empfing mich auf das gastlichste; aber es war zu spät, um das Bad zu heizen, und er hatte weiter nichts mir vorzusetzen als Tee ohne Branntwein, ohne Zucker und ohne Milch, zu welchem Getränke er mich gutmütig nötigte, als sei es Malvasier. Der gute Sanin, so hieß mein Wirt, gab mir sein Bett, und das war das Beste, was er mir geben konnte.

Am 2. genoß ich des Dampfbades, ruhete mich aus und untersuchte gemächlich die Hügel um die Ansiedelung und die heiße Quelle, die dort am Strande unter dem Niveau des hohen Wassers aus dem Felsen sprudelt. Ein Tal liegt zwischen der Ansiedelung und dem Fuße des Schneegebürges, der die Grundfesten des Piks von Makuschkin bildet. Diese winterliche Wildnis gewährt einen abschreckenden Anblick. Ein Nebengipfel raucht unablässig; doch wird man den Rauch nur gewahr, wenn ihn der Wind auf die Seite hintreibt, auf welcher man steht.

Sanin selber rüstete sich mit einer Karawane von Trägern, das zerlegte Schwein nach dem Hafen zu bringen. Das schlechte Wetter verzögerte die Abreise um einen Tag, den ich die Gegend zu durchstreifen anwendete. Wir brachen den 4. am frühen Morgen auf. Die große Baidare der Ansiedelung brachte uns in den Hintergrund des Fjordes, von wo der Landweg über die Landenge kürzer ist als der, den ich auf der Hinreise gemacht. Ich habe, glaube ich, gesagt, daß diese großen Baidaren »Frauenboote« heißen; aleutische Mädchen waren unsere Ruderer. Arme Geschöpfe! Elend, Krankheit, Schmutz, Ungeziefer und Häßlichkeit schließen eine gewisse zarte Zierlichkeit der Sitten nicht aus; diese Mädchen haben mir einen Beweis davon gegeben, und ein Geschenk, das ich von ihnen besitze und in Ehren halte, hat mich mehr gerührt, als Gunstbezeugungen von Königen tun könnten. Auf dem Platze, wo wir Nachmittag noch bei guter Zeit landeten, richteten wir sogleich unser Bivouak ein. Unter der Baidare liegend, betrachtete ich meine Mütze, die zerrissen war; und die Gelegenheit wahrnehmend, dem Schaden abzuhelfen, steckte ich drei Nähnadeln hinein und reichte sie so dem mir zunächst liegenden Mädchen und machte sie auf das, was ich von ihr wünschte, aufmerksam. Drei Nähnadeln! – Ein solcher Schatz umsonst! Da leuchtete gar wundersam ein unaussprechliches Glück aus ihren Augen. Alle Mädchen kamen herbei, die Nadeln zu bewundern, der Begünstigten Glück zu wünschen, und manche schien mit Wehmut des eignen Elends zu gedenken. – Da beglückte ich sie denn alle und schenkte jeder drei Nadeln. – Wir brachen am andern Morgen früh auf und waren um drei Uhr zu Illiuliuk. – Hier überreichte mir Sanin das Gegengeschenk der dankbaren Mädchen, welches er mir erst nach der Ankunft einzuhändigen beauftragt war: ein Knäul Tierflechsenzwirn von ihrer Arbeit.

Ich habe Aleutenmädchen einen Hemdeknopf von Posamentierarbeit untersuchen sehen, sich unter sich darüber beraten und am Ende das zierliche Ding dergestalt nachmachen, daß ihr Machwerk würdig befunden wurde, an das Hemd des Kapitäns geheftet zu werden.

Ich habe die Radackerinnen über ein Gewebe unserer Fabrik, über einen Strohhut, ratschlagen sehen, Material und Arbeit betrachten und besprechen und die Frage in Erwägung ziehen, ob solches darzustellen ihnen möglich sein werde.

Ich habe meine Frau mit ihren Gespielinnen sich bemühen sehen, das Geknöte eines englischen Hosenträgers zu enträtseln. Ich habe überall die Frauen sich der Zierlichkeit befleißigen sehen, mit nicht gespartem Aufwand von Zeit, Mühe und Nachdenken ihre Handarbeiten auf das künstlichste ausschmücken und für den Putz der Männer wie für den eigenen sorgen. Wenn ich es aber in der Fremde gesehen habe, so habe ich immer eine herzige Freude daran gehabt.

Herr von Kotzebue behielt zur Verstärkung der Mannschaft des »Ruriks« etliche, ich glaube vier, der Aleuten, die wir auf unsere Nordfahrt mitgenommen hatten. Unter diesen war ein junger, frischer Bursche, aufgeräumten Sinnes und guter Geistesfähigkeit, mit dem Eschscholtz sich leicht zu verständigen gewußt und mit dessen Hülfe er unternommen hatte, die Sprache der Aleuten, die er bereits für einen Dialekt des Eskimo-Sprachstammes erkannt, näher zu beleuchten. – Ich hatte meine Freude an seiner Forschung, mit deren Ergebnissen er mich bekannt machte. Aber das begonnene Werk zu vollenden, das einem eingestandenen Bedürfnis der Linguistik abgeholfen hätte, und aus dem bereits Ermittelten Gewinn zu ziehen, war eines nötig: den Doktor Eschscholtz in Europa, wo es Grammatiken und Lexika zu vergleichen galt, des Beistandes seines Sprachlehrers nicht zu entblößen.

Ich habe oft Gelegenheit gehabt zu bedauern, daß, nachdem verschwenderisch für den Erwerb gesorgt worden, mitnichten daran gedacht werde, das Erworbene nutzbar zu machen, und daß selbst für die Erhaltung desselben geizig die geringste Beisteuer verweigert werde. Der Prunk kauft das Teuerste an; er stattet Sammler, sendet Reisende aus; aber das teuer Erstandene, das sorgenvoll Eingespeicherte wird sorglos dem Untergange überlassen. Der Prunk, der den Reisenden ausgerüstet, sorget manchmal noch für die Herausgabe eines Buches; jeder kann nach dem Maßstabe dessen, was er schon gekostet hat, seine Ansprüche stellen; aber mißachtet wird, wer und was freiwillig sich darbietet. – Ich habe einmal eine junge Berlinerin sagen hören, gemachte Rosen seien viel schöner als natürliche, denn sie kosteten viel mehr. Das ist ein großes Kapitel in der Geschichte der Menschen.

Aber ich wollte ja von der aleutischen Sprache reden. Sobald wir in Sankt Petersburg angekommen, ward der junge Bursch mit den andern Aleuten der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie wieder überantwortet, und von der verdienstlichen Arbeit, der sich Eschscholtz unterziehen wollte und welche die Wissenschaft dankbar der Romanzowschen Expedition zum Ruhme angerechnet haben würde, ist nie wieder die Rede gewesen.

Bezeichnend wird es vielleicht in mehr als einer Hinsicht sein, zu bekennen, daß ich selber von der aleutischen Sprache nur ein einziges Wort erlernt und behalten habe: Kitung (i.e. pediculus). Und, ad vocem Kitung, scheidend den letzten Rückblick auf den düstern Norden werfend, werde ich der Vollständigkeit halber bemerken, daß während unserer Nordfahrten im Jahre 1816 und 1817 das Benannte nichts Seltenes auf dem »Rurik« war, wogegen Iwan Iwanowitsch heimlich aus einem Krüglein spendete, was gute Dienste tat.

Am 18. August 1817 verließen wir zum dritten und letzten Male Unalaschka.

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