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Reise nach Laputa

Jonathan Swift: Reise nach Laputa - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJonathan Swift
booktitleGulliver's Reisen
titleReise nach Laputa
publisherVerlag von Adolph Krabbe
illustratorGrandville
printrunZweite Ausgabe
year1843
translatorDr. Fr. Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071011
projectid229244fb
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Siebentes Kapitel.

Der Verfasser verläßt Lagado und kommt in Maldonada an. Kein Schiff liegt dort bereit. Er macht eine kurze Reise nach Glubdubdrib. Sein Empfang beim Gouverneur.

Landwärts dehnt sich das Festland, dessen Theil dieses Königreich bildet, nach Allem was ich bemerkt habe, gegen Osten hinaus, und zwar zu dem unbekannten, westwärts von Californien liegenden Theile Amerika's. Nördlich reicht es an den Stillen Ocean, der ungefähr nur fünfundsiebenzig Stunden von Lagado entfernt ist. Dort befindet sich ein guter Hafen, wo viel Handel mit der großen Insel Luggnagg betrieben wird, welche im neunundzwanzigsten Grad nördlicher Breite und im hundertundvierzigsten der Länge nordwestlich liegt. Diese Insel Luggnagg erhebt sich aus dem Meere südöstlich von Japan, und ist ungefähr hundert Stunden davon entfernt. Zwischen dem Kaiser von Japan und dem König von Luggnagg besteht ein genaues Bündniß, so daß man von einer Insel zur andern häufig reisen kann. Ich beschloß deßhalb, mich dorthin zu begeben, um nach Europa zurückkehren zu können. Ich miethete zwei Maulesel und einen Führer, der mir den Weg weisen und mein kleines Gepäck tragen sollte. Ich nahm Abschied von meinem edlen Beschützer, der mir so viele Gunstbezeigungen erwiesen hatte, und bei meiner Abreise mir noch ein kostbares Geschenk machte.

Meine Reise war ohne Abenteuer oder Ereigniß, welches des Erzählens werth wäre. Als ich im Hafen von Maldonada ankam (das ist der Name), fand ich kein Schiff segelfertig, welches nach Luggnagg bestimmt war. Auch war es unwahrscheinlich, daß ein Fahrzeug bald ankommen würde. Die Stadt ist so groß wie Portsmouth. Ich machte bald einige Bekanntschaften und ward sehr gastfrei aufgenommen. Ein Herr von höherem Stande sagte mir: da Schiffe nach Luggnagg erst in einem Monate absegeln würden, mögte es mir keine unangenehme Unterhaltung gewähren, eine kleine Reise nach der Insel Glubdubdib zu machen, die ungefähr fünf Stunden entfernt südwestlich liege. Er und einer seiner Freunde machten mir den Vorschlag, mich zu begleiten und ein passendes Fahrzeug für die Reise zu verschaffen.

Glubdubdrib bedeutet, so weit ich die Sprache verstehe, eine Insel von Hexenmeistern und Zauberern. Sie ist ungefähr um ein Drittel so groß, wie die Insel Wight, zugleich sehr fruchtbar, und wird von dem Haupte eines Stammes regiert, welcher ausschließlich aus Zauberern besteht. Die Mitglieder dieses Stammes verheirathen sich nur untereinander, und der älteste Sohn wird stets der Fürst oder Gouverneur. Er besitzt einen herrlichen Palast und einen Park von ungefähr dreihundert Morgen, welcher von einer zwanzig Fuß hohen Mauer aus gehauenem Stein umringt ist. In diesem Park befinden sich kleine Einfriedigungen für Viehweiden, Kornfelder und Gärten.

Der Gouverneur und seine Familie werden von einem etwas sonderbaren Gesinde bedient. Durch seine Geschicklichkeit in der Zauberkunst wird er in Stand gesetzt, jede Person von den Todten zu citiren und ihren Dienst auf vierundzwanzig Stunden, jedoch nicht länger in Anspruch zu nehmen; auch darf er dieselbe Person erst nach drei Monaten wieder citiren, wenn nicht eine ganz außerordentliche Gelegenheit sich darbietet.

Als wir gegen 11 Uhr Morgens an der Insel gelandet waren, ging einer der Herren, die mich begleiteten, zum Gouverneur, und bat um Audienz für einen Fremden, welcher zu dem Zwecke gekommen sey, um die Ehre derselben von Seiner Hoheit zu erlangen. Die Bitte ward sogleich gewährt, und wir gingen alle drei in das Hofthor durch eine Reihe von Garden, welche nach sehr alter Weise gekleidet und bewaffnet waren, und einen Schauder in mir erweckten, den ich nicht ausdrücken kann. Wir kamen durch mehrere Zimmer, wo sich Diener derselben Art befanden, welche, bis wir in den Audienzsaal gelangten, reihenweise aufgestellt waren. In letzterem ward uns nach drei tiefen Verbeugungen und einigen allgemeinen Fragen die Erlaubniß ertheilt, uns auf drei Stühle neben dem Throne Seiner Hoheit niederzusetzen.

Dieser Fürst verstand die Sprache von Balni-barbi, ob sie gleich von der dieser Insel verschieden war. Er bat mich, ihm einen Bericht von meinen Reisen zu geben, und um mir zu zeigen, daß er sich mit mir auf vertrauten Fuß setze, entließ er alle seine Begleiter mit einem Winke seines Fingers, welche dann auch augenblicklich wie Visionen eines Traumes verschwanden. Einige Zeit lang war ich sehr bestürzt, bis mir der Gouverneur die Versicherung gab, ich werde keinen Schaden erleiden; und als ich nun auch bemerkte, daß meine beiden Gefährten, welche schon oft in dieser Art unterhalten worden waren, durchaus gleichgültig blieben, fing ich an, wieder Muth zu fassen und erzählte Seiner Hoheit meine Abenteuer; jedoch fühlte ich noch immer Bedenklichkeit und sah mich häufig nach dem Platz um, wo ich die gespenstischen Bedienten erblickt hatte.

Ich hatte die Ehre, mit dem Gouverneur zu speisen, wo denn eine neue Reihe Geister das Essen auftrug und bei Tische aufwartete. Jetzt bemerkte ich schon, daß ich weniger erschrack, wie am Morgen. Ich blieb bis Sonnenuntergang und bat unterthänig, Seine Hoheit möge entschuldigen, wenn ich seine Einladung, im Palaste zu schlafen, nicht annehmen könne. Meine Freunde schliefen mit mir in einem Privathause der nahen Stadt, welche die Hauptstadt dieser kleinen Insel ist. Am nächsten Morgen nahmen wir uns aber die Freiheit, dem Gouverneur wieder unsere Aufwartung zu machen, wie er die Güte gehabt hatte, uns zu befehlen.

Auf diese Weise blieben wir zehn Tage auf der Insel, indem wir beinah täglich beim Gouverneur und des Nachts in unsrer Wohnung waren. Ich ward bald mit dem Anblick der Geister so vertraut, daß sie nach dem dritten oder vierten Mal durchaus keinen Eindruck mehr auf mich hervorbrachten, oder wenn dies auch noch stattfand, so war meine Neugier doch zuletzt überwiegend. Seine Hoheit befahl mir nämlich, alle Personen und nach beliebiger Zahl unter allen Todten von Anfang der Welt bis gegenwärtig, wie es mir gerade einfiele, zu nennen. Er werde ihnen befehlen, alle Fragen, wozu ich Lust hätte, zu beantworten, unter der Bedingung, daß die Fragen auf die Zeit, worin jeder Todte gelebt hätte, beschränkt blieben. Ich könne mich auf Eines genau verlassen, daß sie mir die Wahrheit sagen würden, da das Lügen in der andern Welt durchaus nichts helfe.

Ich dankte Seiner Hoheit auf die verbindlichste Weise für eine so große Gnadenbezeugung. Wir befanden uns in einem Zimmer, von wo wir eine schöne Aussicht in den Park genossen. Weil nun meine erste Neigung dahin zielte, mich mit Scenen des Pompes und der Pracht unterhalten zu lassen, so wünschte ich Alexander den Großen an der Spitze seines Heeres nach der Schlacht bei Arbela zu sehen, welcher denn auch sogleich, auf eine Bewegung des Fingers von Seiten des Gouverneurs, unter dem Fenster, wo wir standen, erschien. Alexander ward in das Zimmer citirt, und nur mit einiger Schwierigkeit verstand ich sein Griechisch, eben so wie er auch von dem meinigen nichts verstehen konnte. Er gab mir sein Wort, er sey nicht vergiftet worden, sondern an einem Fieber gestorben, welches in Folge eines heftigen Katzenjammers entstanden sey.

Hierauf sah ich, wie Hannibal die Alpen passirte. Dieser sagte mir, er habe keinen einzigen Tropfen Essig in seinem Lager gehabt. Bekanntlich soll Hannibal auf seinem Marsche über die Alpen erhitzte Felsen durch Essig gesprengt haben.

Alsdann wurden mir Cäsar und Pompejus an der Spitze ihrer Truppen, vorgeführt, und zwar in dem Augenblick, wo sie im Begriff waren die Schlacht von Pharsalus zu liefern. Ersteren sah ich auch in seinem letzten großen Triumph. Ich wünschte, der römische Senat möge in einem großen Zimmer, und eine neuere Repräsentativ-Versammlung in einem andern vor mir erscheinen. Der erstere erschien mir als eine Versammlung von Helden und Halbgöttern; die andere als ein Zusammenlauf von Krämern, Taschendieben, Räubern und Renommisten.

Der Gouverneur gab auf mein Verlangen Cäsar und Brutus ein Zeichen, zu uns herzutreten. Beim Anblick des Brutus ward ich von höchster Ehrerbietung erfüllt und konnte in jedem Zuge seines Gesichts die strengste Tugend, die größte Unerschrockenheit und Seelenfestigkeit, die reinste Vaterlandsliebe und allgemeines Wohlwollen gegen die ganze Menschheit sehr leicht erkennen.

Ich bemerkte mit vielem Vergnügen, daß diese beiden Personen in gutem Einverständniß mit einander standen, und Cäsar gestand mir freimüthig, die großen Handlungen seines eigenen Lebens seyen um viele Grade mit dem Ruhme seiner Ermordung nicht vergleichbar.

Ich hatte die Ehre eines langen Gesprächs mit Brutus, und erfuhr von ihm, sein Vorfahr Junius Brutus, Epaminondas, Cato der Jüngere, Sir Thomas More und er selbst befänden sich in immerwährender Gesellschaft, ein Verein von sechs Männern, zu welchem alle Zeitalter der Welt den siebenten nicht hinzufügen können. Ich würde dem Leser Langeweile erwecken, wollte ich die ungeheure Anzahl aller erlauchten Personen hier anführen, welche zur Befriedigung meines unersättlichen Verlangens, die Welt in jeder Periode des Alterthums zu erblicken, von dem Gouverneur herbeicitirt wurden. Ich weidete hauptsächlich meine Augen an den Vernichtern der Tyrannen und Usurpatoren, und an denjenigen Helden, welche die Freiheit unterdrückter und gemißhandelter Nationen wieder herstellten. Es ist mir jedoch unmöglich, das Vergnügen meines Herzens in der Art auszudrücken, daß der Leser einen Begriff davon erhält.

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