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Reise nach Laputa

Jonathan Swift: Reise nach Laputa - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJonathan Swift
booktitleGulliver's Reisen
titleReise nach Laputa
publisherVerlag von Adolph Krabbe
illustratorGrandville
printrunZweite Ausgabe
year1843
translatorDr. Fr. Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071011
projectid229244fb
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Sechstes Kapitel.

Fernere Beschreibung der Akademie. Der Verfasser bringt einige Verbesserungen in Vorschlag, die auch mit ehrenvoller Anerkennung angenommen werden.

In der Schule der politischen Projektmacher habe ich mich nur schlecht unterhalten, denn die Professoren schienen mir verrückt zu seyn, und eine solche Scene machte mich immer sehr melancholisch. Diese unglücklichen Leute brachten Entwürfe in Vorschlag, die Monarchen dahin zu überreden, daß sie ihre Günstlinge nur nach Weisheit, Fähigkeit und Tugend wählen; daß Minister belehrt würden, nur das Wohl des Staates in Betracht zu nehmen, Verdienst, Fähigkeit und Dienste zu belohnen; die Fürsten über ihr wahres Interesse aufzuklären, so daß sie dasselbe auf derselben Grundlage, wie das Volk, erbauten, und daß sie für Aemter nur die passenden Personen wählen. Es fanden sich darunter noch mehrere wilde und unausführbare Hirngespinnste, die kein Mensch bisher begreifen konnte, und die mich von der Wahrheit jener alten Bemerkung überzeugten, es gäbe keine so ausschweifende und unvernünftige Meinung, welche von einzelnen Menschen nicht als Wahrheit aufgestellt sey.

Hier muß ich jedoch diesem Theil der Akademie in so fern Gerechtigkeit erweisen, daß ich eingestehe, alle die Mitglieder seyen nicht so sehr zu Visionen geneigt gewesen. Unter Andern machte ich die Bekanntschaft eines Arztes, welcher mit der Natur und dem System des Regierens vollkommen bekannt zu seyn schien. Diese ausgezeichnete Person richtete seine Studien auf einen sehr nützlichen Zweck, auf die Erfindung von Mitteln, welche allen Krankheiten und Verderbnissen der Staatsverwaltung abhelfen werden, denen letztere durch Lasten und Schwächen der Regierenden, so wie durch Zügellosigkeit der Gehorchenden unterworfen ist. Z. B. da alle Schriftsteller und Philosophen einstimmig zugestehen, es finde sich eine Aehnlichkeit zwischen dem natürlichen und politischen Körper, so ist es klar, daß die Gesundheit Beider erhalten, und die Krankheit Beider durch dieselben Recepte kurirt werden muß. Es ist bekannt, daß große Versammlungen häufig durch überflüssige, aufbrausende und andere schädliche Säfte belästigt werden, daß man Krankheiten des Kopfes, und noch häufiger des Herzens, bei ihnen beobachtet; daß starke Convulsionen der Nerven und Sehnen in beiden Händen, besonders aber in der rechten Faust, bei ihnen stattfinden; daß sie an Spleen, an Blähungen, Schwindel und Delirien leiden; daß sie skrophulöse Geschwülste mit fauler Materie enthalten; daß sie an saurem und stinkendem Aufstoßen, an Unverdaulichkeit und an anderen Uebeln krank sind, deren Erwähnung hier nutzlos seyn würde. Der Doktor machte deßhalb den Vorschlag, sobald man im Senat zusammenkomme, sollten Aerzte bei den drei ersten Versammlungen gegenwärtig seyn, und nach dem Schlusse einer jeden Sitzung den Puls der Senatoren untersuchen; nachdem sie hierauf die Natur der Krankheit und die Gegenmittel reiflich berathen, sollten sie am vierten Tage, vom Apotheker begleitet, welcher die passende Medicin mitbringen würde, in den Versammlungssaal zurückkehren. Bevor alsdann die Sitzung beginne, sollten den Parlamentsgliedern Abführungsmittel, Brechmittel, Corrosiva, Astringentia, Palliativa, Acustica u. s. w. gereicht werden, wie dies die besonderen Fälle erforderten; nach der Wirkung dieser Medicin sollten alsdann diese Mittel bei jeder Sitzung vermehrt, verändert oder aufgegeben werden.

Dies Projekt würde nicht viel Geld kosten und müßte nach meiner demüthigen Meinung die schnellere Abfertigung in denjenigen Ländern befördern, wo die Parlamente Antheil an der gesetzgebenden Gewalt besitzen. Die Einstimmigkeit würde dadurch befördert, die Debatte abgekürzt. Mancher jetzt geschlossene Mund erhielte dadurch Flüssigkeit der Rede, ein anderer, der zu sehr sich öffnet, würde dadurch geschlossen werden; der Muthwille der jungen Parlamentsglieder würde dadurch wegpurgirt, und das Phlegma der älteren vermindert werden; der Dumme würde dadurch aufgeweckt und der Impertinente in seiner Hitze gemäßigt.

Ferner: da die Klage allgemein ist, daß Günstlinge der Fürsten ein schwaches und kurzes Gedächtniß besitzen, solle jeder, welcher zu einem ersten Minister gehe, nachdem er sein Geschäft mit der größten Kürze und Deutlichkeit vorgetragen, wann er wieder gehe, dem Minister einen Nasenstüber oder einen Schlag auf den Bauch geben, oder ihm auf einen Leichtdorn treten, oder ihn dreimal am Ohr zwicken, oder eine Nadel in seine Beinkleider stecken, oder seinen Arm braun und blau kneipen. Um ferner Vergeßlichkeit zu verhindern, müsse die Operation bei jeder Audienz wiederholt werden, bis das Gesuch erfüllt oder gänzlich abgeschlagen wäre.

Der Doktor gab ferner den Rath: jeder Deputirte einer National-Versammlung solle, nachdem er seine Meinung ausgesprochen und vertheidigt, seine Stimme für die entgegengesetzte Behauptung übergeben. Geschehe dies, so würde das Resultat unfehlbar zum Vortheil des Publikums ausfallen. Der Verfasser hat hier offenbar die zu seiner Zeit, unter Walpole's Ministerium, so gewöhnliche Bestechung im Auge.

Wenn Parteiwuth in einem Staate zu heftig wird, so sey ein wunderbares Mittel in Anwendung zu bringen, damit der Frieden wieder hergestellt werde. Die Methode ist folgende: Man nimmt ungefähr hundert Parteiführer und stellt sie paarweise, nach Aehnlichkeit ihrer Schädel, auf. Alsdann sägt ein geschickter Operator den Schädel eines jeden zu derselben Zeit und in solcher Weise ab, daß er das Gehirn auf gleiche Weise theilt. Alsdann werden die abgesägten Theile des Hirnschädels vertauscht, indem der Tory den eines Whigs erhält und umgekehrt. Allerdings scheint dies Verfahren eine große Geschicklichkeit zu erfordern. Der Professor gab uns jedoch die Versicherung, der Erfolg werde unfehlbar seyn, wenn die Operation nur auf geschickte Weise ausgeführt würde. Seine Schlußfolge war folgende: da die beiden Gehirne alsdann in einem Schädel die Sache unter sich ausmachen, werden sie sich sehr bald gegenseitig verständigen und dadurch jene Mäßigung und regelrechte Denkmethode bewirken, welche in den Köpfen derjenigen so sehr zu wünschen ist, welche einzig zu dem Zweck in die Welt gekommen zu seyn glauben, damit sie die Bewegung derselben überwachen und leiten. Was nun den Unterschied der Gehirne in Quantität und Qualität betreffe, so versicherte uns der Doktor, dies sey kein sehr wichtiger Umstand.

Ich hörte eine heftige Debatte zweier Professoren über die bequemste und wirksamste Weise Steuern zu erheben, ohne den Unterthanen lästig zu werden. Der erste behauptete: die gerechteste Methode werde darin bestehen, wenn man Laster und Thorheit besteuere; die Summe für Jeden müsse alsdann aufrichtig durch eine Jury bestimmt werden, welche aus seinen Nachbarn zusammengesetzt würde. Der zweite war durchaus der entgegengesetzten Meinung: man müsse diejenigen Eigenschaften des Körpers und der Seele besteuern, worauf die Menschen hauptsächlich eitel wären; man müsse geringere oder höhere Abgaben nach dem Verhältniß der Eitelkeit bestimmen; einem Jeden müsse die Entscheidung in diesem Punkte überlassen bleiben. Die höchste Abgabe müsse von Männern bezahlt werden, welche große Günstlinge des andern Geschlechtes seyen, und zwar nach Verhältniß der Zahl und der Natur aller Gunstbezeugungen, die sie erhalten hätten. Hiebei solle ihnen erlaubt seyn, Zeugniß für sich selbst abzulegen. Witz, Tapferkeit und Höflichkeit solle ebenfalls hoch besteuert werden, wo dann die Abgaben in derselben Art eingezogen werden müßten; indem nämlich jeder Mann die Quantität, die er besitze, auf sein Ehrenwort angebe. Ehre, Gerechtigkeit, Weisheit und Gelehrsamkeit sollten jedoch nicht besteuert werden, weil es Eigenschaften sind, die Keiner seinem Nebenmenschen zugestehen oder bei sich selbst bedeutend schätzen wird.

Die Weiber müßten ferner im Verhältniß ihrer Schönheit und ihrer Geschicklichkeit sich zu putzen besteuert werden, und dabei dasselbe Privilegium, wie die Männer, besitzen, d.h. sie müssen den Grad derselben selbst bestimmen; Beständigkeit, Keuschheit, Verstand und Gutmüthigkeit sollten jedoch in die Steuerliste nicht aufgenommen werden, weil sie die Kosten des Steuererhebens nicht einbringen würden.

Damit die Parlamentsglieder stets im Interesse der Krone ihre Stimmen abgäben, wurde der Vorschlag gemacht, sie sollten um Staatsämter würfeln. Jeder müsse zuvor schwören und Bürgschaft leisten, um nach dem Willen des Hofes zu votiren, er möge gewinnen oder verlieren; dafür erhalten diejenigen, welche verlieren, auch die Freiheit, bei der nächsten Vacanz wieder zu würfeln. So würde Hoffnung und Erwartung fortwährend rege erhalten; Keiner würde sich über gebrochene Versprechen beklagen, sondern jede Vereitlung seiner Hoffnungen ausschließlich der Fortuna zur Last legen, deren Schultern breiter und stärker wie die eines Ministers seyen. Ein anderer Professor hielt ein großes Papier voll Anleitungen, Komplote und Verschwörungen gegen die Regierung zu entdecken, in der Hand. Er rieth allen großen Staatsmännern die Diät verdächtiger Personen zu erforschen; sich nach ihrer Essenszeit und nach der Seite zu erkundigen, auf welcher sie sich des Nachts in's Bett legten; mit welcher Hand sie sich den Hintern wischten; ihre Excremente hinsichtlich des Geschmacks, der Farbe, des Geruchs, der Consistenz, zu früher oder zu später Verdauung zu untersuchen, um sich so ein Urtheil über ihre Gedanken und Absichten zu bilden; nie seyen die Menschen so ernsthaft, gedankenvoll und nur mit sich beschäftigt, als wenn sie zu Stuhle gingen; er wisse dies aus eigener Erfahrung; unter diesen Conjunkturen habe er selbst des Versuchs halber an Königsmord gedacht, und bemerkt, seine Excremente hätten eine gallichtere Farbe, als wenn er nur über Aufstände und Verbrennung der Hauptstadt nachgesonnen habe.

Die ganze Abhandlung war mit vielem Scharfsinn geschrieben, und enthielt manche für Politiker höchst merkwürdige Beobachtungen; sie war aber, wie ich glaubte, nicht ganz vollständig. Eine Aeußerung der Art erlaubte ich mir gegen den Verfasser und stellte ihm den Antrag, mit seiner Genehmigung noch einige Zusätze zu machen. Er nahm meine Vorschläge mit größerer Bereitwilligkeit auf, als sonst bei Schriftstellern gewöhnlich ist, besonders bei denjenigen, die in das Gebiet des Projektirens hineinstreifen, und erklärte mir, fernere Belehrung werde er mit dem größten Vergnügen annehmen.

Hierauf erzählte ich ihm, im Königreich Tribnia, welches von den Eingeborenen Langden genannt wird, und wo ich früher auf meinen Reisen einige Zeit verweilte, bestehe die größere Masse des Volkes aus Angebern, Zeugen, Spionen, Klägern und Eidleistern, nebst dienenden und subalternen Werkzeugen, welche sämmtlich unter den Fahnen, der Leitung und Besoldung der Staatsminister und ihrer Beamten ständen. Die Verschwörungen in jenem Königreich seyen gewöhnlich die Schöpfung der Personen, welche sich einen Ruf als tiefe Politiker machen wollten; oder sie seyen erregt, um eine zerbrechliche Regierung aufrecht zu erhalten, oder damit jene ihre Koffer mit Confiskationen füllten, oder den Staatscredit sinken und steigen ließen, wie es ihrem Privatvortheil angemessen sey. Zuerst wird bestimmt, welche verdächtige Personen einer Verschwörung angeklagt werden sollen; alsdann trägt man Sorge, alle ihre Briefe und Papiere zu untersuchen und die Eigenthümer derselben in Ketten zu schmieden. Diese Papiere werden einer Künstler-Gilde übergeben, welche sehr geschickt ist, die geheimnißvolle Bedeutung der Worte, Sylben und Buchstaben zu enträthseln; z.B. sie finden aus:

Ein Nachtstuhl bedeute einen geheimen Rath;

eine Heerde Gänse, eine Staatsversammlung;

ein lahmer Hund Hiemit meint Swift offenbar den damaligen Kronprätendenten Jacob Stuart, oder Jacob III. wie er sich zu nennen beliebte. einen Feind, welcher einen Angriff von aussen beabsichtigt;

eine Pest, ein stehendes Heer;

ein Maikäfer, einen Premier-Minister;

das Podagra, einen Hohen-Priester;

ein Galgen, einen Staatssecretair;

ein Nachttopf, einen Ausschuß von Lords;

ein Sieb, eine Hofdame;

ein Besen, eine Revolution;

eine Mausefalle, ein öffentliches Amt;

ein bodenloser Brunnen, eine Schatzkammer;

ein Abzugskanal, einen Hof,

eine Narrenkappe, einen Günstling;

ein zerbrochenes Rohr, einen Gerichtshof;

ein leeres Faß, einen General;

eine offene Wunde, die Staatsverwaltung;

Ist diese Methode nicht genügend, so werden zwei andere von größerer Wirksamkeit in Anwendung gebracht, welche bei den Gelehrten mit dem Namen Akrostichen und Anagrammen bezeichnet werden. Erstens können sie in allen Anfangsbuchstaben eine politische Bedeutung dechiffriren. So soll N. eine politische Verschwörung;

B. ein Kavallerieregiment

L. eine Flotte zur See bedeuten, Swift hat hier einen damaligen Staatsprozeß gegen einen bekannten Jacobiten, Atterbury, Bischof von Rochester, im Auge, den die Whigs, durch Parteileidenschaft fortgerissen, nicht in der Weise geführt hatten, wie es die Nation erwartete. Es war die allen Engländern verhaßte Espionage angewandt; man sollte Briefe erbrochen haben u. s. w.

oder man versetzt den Buchstaben in einem verdächtigen Papier und entdeckt so die tieffen Pläne einer unzufriedenen Partei. Wenn ich z. B. schreibe: unser Bruder Tom hat einen Hämorhoidalknoten, so kann dies auf folgende Weise dechiffrirt werden: Wir haben ein Complot organisiert, welches (durch Hämorhoidalknoten bezeichnet) bald ausbrechen wird.

Der Professor bezeigte mir die größte Dankbarkeit für meine Mittheilungen und versprach mir, dieselben auf ehrenvolle Weise in seinem Traktate zu erwähnen. Ich sah in dem Lande nichts Weiteres, welches mich zum längeren Bleiben hätte bewegen können, und begann deßhalb an meine Rückkehr nach England zu denken.

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