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Reise nach Laputa

Jonathan Swift: Reise nach Laputa - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJonathan Swift
booktitleGulliver's Reisen
titleReise nach Laputa
publisherVerlag von Adolph Krabbe
illustratorGrandville
printrunZweite Ausgabe
year1843
translatorDr. Fr. Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071011
projectid229244fb
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Zweites Kapitel.

Beschreibung der Launen und des Charakters der Laputier. Bericht von ihrer Gelehrsamkeit. Der König und sein Hof. Des Verfassers Empfang. Die Einwohner sind furchtsam und unruhig. Ein Bericht über die Frauen.

Als ich angelangt, ward ich sogleich von einem Menschenhaufen umringt, und die näher Stehenden schienen von höherem Stande zu seyn. Alle besahen mich mit den Zeichen des Staunens und hierin blieb ich ihnen Nichts schuldig, denn nie sah ich Leute mit so sonderbaren Kleidern und Gewohnheiten. Ihre Köpfe waren sämmtlich entweder zur Rechten oder Linken gesenkt; das eine Auge war nach innen, das andere gerade auf den Zenith gerichtet. Die äußeren Kleider waren mit den Gestalten von Sonnen, Monden und Sternen geschmückt; diese Figuren waren mit denen von Flöten, Harfen, Fiedeln, Trompeten, Guitarren und anderen Instrumenten vermischt, welche in Europa gänzlich unbekannt sind.

Hin und wieder bemerkte ich andere Leute in der Kleidung von Dienern, welche aufgetriebene Urinblasen, wie Dreschflegel, an einem Stocke in der Hand trugen. In jeder Blase befand sich eine Quantität getrockneter Erbsen, oder kleiner Kiesel, wie ich nachher erfuhr. Mit diesen Blasen klatschten sie mitunter vor den Ohren der Nahestehenden, ein Verfahren, dessen Sinn ich damals noch nicht verstehen konnte. Wie es scheint, sind diese Leute so sehr zu Spekulationen geneigt, daß sie weder sprechen noch auf die Rede Anderer hören können, wenn ihre Sprech- und Hör-Organe nicht durch irgend eine äusserliche Berührung aufgeweckt werden; deßhalb halten Alle, welche nur einiges Vermögen besitzen, Klapperer (das Originalwort ist Climenole) in ihrem Haushalt, so wie auch einen Bedienten; sie verlassen ohne Beide niemals ihre Wohnungen.

Das Geschäft dieses Beamten besteht darin, daß er, wenn zwei, drei oder mehrere Personen sich in Gesellschaft befinden, mit der Blase den Mund desjenigen, welcher sprechen, und das rechte Ohr des Andern, welcher hören soll, berührt. Dieser Klapperer begleitet ferner seinen Herrn auf Spaziergängen, um ihm bei Gelegenheit einen sanften Klapp auf die Augen zu geben. Der Herr ist nämlich stets in so tiefes Nachdenken versunken, daß er in fortwährender Gefahr schwebt, in einen Abgrund zu stürzen, oder an jeden Balken mit dem Kopf zu rennen; oder in den Straßen die Umhergehenden zu stoßen, oder selbst in den Rinnstein gestoßen zu werden.

Ich mußte dem Leser vorläufig diese Bemerkungen mittheilen, damit es ihm nicht eben so geht, wie mir, der ich das Verfahren dieses Volkes nicht begreifen konnte, als man mich über die Treppen zum Gipfel der Insel und zum königlichen Palaste geführt hatte. Als wir hinaufstiegen, vergaßen meine Führer mehreremale, was sie vorhatten, und überließen mich meinen eigenen Gedanken. Als ihr Gedächtnis von den Klapperern wieder aufgefrischt wurde, wie es schien, blieben sie bei dem Anblick meines fremden Kleides und Gesichtes durchaus gleichgültig, ebenso wie bei dem Aufschreien des Pöbels, dessen Gedanken freier und ungebundener zu seyn schienen.

Endlich traten wir in den Palast und begaben uns in den Audienzsaal, wo ich den König auf dem Throne sitzen und an beiden Seiten von Personen des höchsten Standes umgeben sah. Vor dem Throne stand ein großer mit Erdkugeln, Himmelssphären und mathematischen Instrumenten jeder Art bedeckter Tisch. Seine Majestät bekümmerte sich nicht im Geringsten um uns, obgleich ein bedeutendes Geräusch durch den Umstand bewirkt wurde, daß eine Menge der zum Hofe gehörigen Personen zugleich mit eintrat. Der König sann damals über ein tiefes Problem, und wir warteten wenigstens eine Stunde, bis er es auflösen konnte. An jeder seiner Seiten stand ein Page mit einer Klapper; sobald diese sahen, daß er Zeit hatte, schlug ihn der Eine sanft auf den Mund, und der Andere auf das rechte Ohr; alsdann fuhr er auf, als sey er plötzlich aus dem Schlafe erwacht, betrachtete mich und die Gesellschaft, mit welcher ich gekommen war, und erinnerte sich an die Veranlassung meiner Ankunft, von der er schon vorher gehört hatte. Er sprach einige Worte, worauf ein junger Mann sogleich zu mir hintrat, und mich sanft auf das rechte Ohr klopfte; ich aber gab ihm so gut wie möglich durch Zeichen zu verstehen, daß ich dieses Instrumentes nicht bedürfe, eine Bemerkung, wegen welcher der König und seine ganze Umgebung eine nur sehr geringe Meinung von meinem Verstande faßte. So weit ich vermuthen konnte, legte mir der König mehrere Fragen vor, und ich redete ihn in allen Sprachen an, deren ich mächtig war. Als man nun sah, daß ich nichts verstehen konnte, und daß man mich ebenfalls nicht verstand, ward ich auf Befehl des Königs in ein Zimmer des Palastes geführt, wo zwei Bediente mir aufwarten sollten (der König hat sich nämlich vor allen seinen Vorgängern durch Gastlichkeit gegen Fremde ausgezeichnet). Mein Mittagessen wurde aufgetragen, und vier Personen vom Stande, die ich dicht bei der Person des Königs erblickt zu haben mich erinnerte, erwiesen mir die Ehre, mit mir zu speisen. Wir hatten zwei Gänge, jeden von drei Gerichten. Im ersten befand sich eine Hammelskeule, die in ein gleichseitiges Dreieck zugeschnitten war, ein Rinderbraten in der Form eines Rhomboiden, ein Pudding in der Gestalt eines Cycloiden. Der zweite Gang bestand aus zwei Enten, die man als Violinen zusammengeschnürt hatte, Würsten und Puddings, welche Flöten und Hautboen glichen, und eine Kalbsbrust in Gestalt einer Harfe; die Diener zerschnitten das Brod in der Form von Kegeln, Cylindern, Parallelogrammen und andern mathematischen Figuren.

Als wir bei Tisch saßen, nahm ich mir die Freiheit, mich nach dem Namen der verschiedenen Gerichte in der Landessprache zu erkundigen, und die Edelleute hatten mit Hülfe ihrer Klatscher die Güte, mir Antworten zu ertheilen. Sie hofften nämlich, ich würde ihre großen Fähigkeiten bewundern müssen, im Fall ich mich mit ihnen unterhalten könnte. Bald war es mir möglich, Brod und Getränk, oder was ich sonst noch wünschte, zu fordern.

Nach Tische entfernte sich die Gesellschaft, und ein Mann mit einem Klatscher wurde mir auf Befehl des Königs zugesandt. Er hatte Feder, Tinte, Papier und drei oder vier Bücher bei sich, und erklärte mir durch Zeichen, er sey abgesendet, mich in der Sprache zu unterrichten. Wir saßen vier Stunden zusammen, und in dieser Zeit schrieb ich eine Menge Worte in Colonnen nebst der Uebersetzung nieder. Ferner bemühte ich mich, kurze Sätze auswendig zu lernen. Mein Lehrer gab nämlich einem Diener den Befehl, etwas zu holen, sich umzuwenden, sich zu drehen, zu laufen, zu setzen, oder zu stehen, zu gehen u. s. w. Alsdann schrieb ich jeden Satz mir auf. Er zeigte mir auch in einem Buche die Gestalten der Sonne, des Mondes und der Sterne, des Zodiacus, der Wende- und Polarkreise, nebst den Benennungen vieler Pflanzen und festen Körper. Er nannte und beschrieb mir die verschiedenen musikalischen Instrumente, und zeigte mir die Spielart auf jedem einzelnen. Nachdem er mich verlassen, brachte ich alle Worte mit den Auslegungen in alphabetische Ordnung. So erlangte ich in wenigen Tagen bei meinem nicht unbedeutenden Gedächtnisse eine ziemliche Kenntniß der Landessprache.

Das Wort, welches ich durch »fliegende« oder »schwebende Insel« übersetze, heißt im Original Laputa. Die richtige Ableitung habe ich aber nie ersehen können. Lap bedeutet in der veralteten Sprache hoch und untuh Gouverneur. So ist durch verdorbene Aussprache Laputa aus Lapuntuh entstanden. Mir aber gefällt diese Ableitung nicht, denn sie scheint mir gezwungen. Ich war so kühn, den Gelehrten des Landes eine von mir gemachte Conjektur anzubieten, Laputa sey quasi lap utet; lap bedeutet nämlich das Flimmern der Sonnenstrahlen im Meer, und utet ein Hügel; mit dieser Auslegung will ich mich jedoch nicht aufdringen, sondern dieselbe dem Urtheile des verständigen Lesers überlassen.

Die Herren, denen mich der König anvertraut hatte, bemerkten, wie schlecht ich gekleidet sey, und ließen deßhalb am nächsten Morgen einen Schneider kommen, damit mir dieser das Maß zu einem neuen Anzuge nehme. Dieser Handwerker verfuhr nach einer von der europäischen durchaus verschiedenen Weise. Er nahm zuerst meine Höhe mit einem Quadranten auf, und alsdann mit Maßstab und Compas die Dimensionen und Umrisse meines ganzen Körpers. Die Bemerkungen warf er auf's Papier. Nach sechs Tagen brachte er meine Kleider, die durchaus nicht paßten, da sich ein Fehler in die algebraische Form eingeschlichen hatte. Ich hatte jedoch Ursache mich zu trösten, denn dergleichen Vorfälle waren sehr häufig, und wurden durchaus nicht beachtet.

Als ich nun aus Mangel an Kleidern, und dann durch eine Unpäßlichkeit noch einige Tage das Zimmer hüten mußte, vermehrte ich mein Wörterbuch um ein Bedeutendes. Als ich darauf das nächstemal wieder an Hof ging, verstand ich Vieles, was der König sagte, und konnte ihm in gewisser Art auch Antworten geben. Seine Majestät hatte Befehl gegeben, die Insel solle sich nach Nord-Ost-Ost, dem Nadir Lagado, der Hauptstadt des ganzen Königreichs, unten auf dem Festlande, hinbewegen. Diese Stadt war ungefähr neun Stunden weit entfernt, und wir gelangten dorthin, ungefähr nach fünfthalb Tagen. Ich bemerkte durchaus nichts von der fortschreitenden Bewegung, worin sich doch die Insel befand. Am zweiten Morgen gegen eilf Uhr begann der König mit dem Adel, dem Hof und den Offizieren, nachdem alle musikalischen Instrumente bereit gelegt waren, ein Concert, welches ohne Unterbrechung drei Stunden lang dauerte, so daß mich der Lärm beinahe betäubte; auch konnte ich den Zweck des Concerts nicht eher errathen, als bis mich mein Lehrer davon in Kenntniß setzte. Er sagte: die Einwohner dieser Inseln seyen an die Sphärenmusik gewohnt, die immer in bestimmten Perioden spiele; der Hof unternehme jetzt die Rolle derselben, und zwar Jeder mit dem Instrumente, worin er Virtuosität erlangt habe.

Auf unserer Reise nach Lagado, der Hauptstadt, befahl der König, die Insel solle über mehreren Städten und Dörfern angehalten werden, damit er von dort die Bittschriften seiner Unterthanen empfangen könne. Zu dem Zweck wurden Bindfäden mit kleinem Gewicht an den Enden herabgelassen. An diese Bindfäden hing das Volk die Bittschriften, welche sogleich wie Papierschnitzel eines Drachenschwanzes von Schulknaben in die Höhe stiegen. Bisweilen auch erhielten wir von unten her Wein und Lebensmittel, welche durch Winden emporgezogen wurden.

Meine Kenntniß der Mathematik half mir viel im Erlernen der Phrasen, welche aus dieser Wissenschaft hergeholt werden, sowie auch aus der Musik, worin ich nicht ganz unerfahren war. Die Ideen jener Leute bilden sich stets nach philosophischen Begriffen, mathematischen Linien und Figuren. Wollen sie z. B. die Schönheit einer Frau oder eines andern Thieres rühmen, so beginnen sie mit der Idee des Absolut-Schönen, und bestimmen jene alsdann näher durch Rhomboiden, Cirkel, Parallelogramme, Ellipsen und andere geometrische Begriffe, und endlich durch die Terminologie der bildenden Künste und der Musik, die ich hier wohl nicht zu wiederholen brauche. In der Küche des Königs bemerkte ich alle Arten mathematischer und musikalischer Instrumente, und nach den Figuren derselben wurde alles Fleisch zugeschnitten, das man auf die Tafel brachte.

Die Häuser sind schlecht gebaut, die Mauern schräg, und in den Zimmern bemerkt man kaum einen rechten Winkel. Dieser Mangel ergibt sich aus der Verachtung, welche die Laputier gegen angewandte Geometrie hegen, die sie als gemein und handwerksmäßig verachten. Ihr Volksunterricht ist nämlich zu sehr verfeinert für den Verstand gewöhnlicher Arbeitsleute. Somit sind Versehen an der Tagesordnung. Obgleich nun alle auf dem Papiere in der Anwendung des Maßstabs, des Bleistifts und Divisors sehr gewandt sind, habe ich dennoch nie ein tölpelischeres, unbeholfeneres und plumperes Volk in allen Gelegenheiten, mit Ausnahme der Musik und Mathematik, gesehen. Sie sind schlechte Logiker und sehr zum Widerspruch geneigt; auch hegen sie nur selten die richtige Meinung. Einbildungskraft, Phantasie, Erfindungsgabe sind ihnen durchaus unbekannte Eigenschaften; auch gibt es in der Landessprache keine Worte, dieselben auszudrücken. Alle ihre Gedanken sind auf die vorhergenannten Wissenschaften beschränkt.

Die Meisten, und besonders diejenigen, welche sich mit der astronomischen Mathematik beschäftigen, glauben auch an Astrologie, obgleich sie sich schämen, es öffentlich einzugestehen. Am meisten habe ich mich aber über den mir unerklärlichen Umstand gewundert, daß sie eine leidenschaftliche Neigung zur Politik uud zu Neuigkeiten hegen, Staatsangelegenheiten fortwährend untersuchen, und jeden Punkt einer Parteimeinung streitig machen. Dieselbe Neigung habe ich auch bei Mathematikern in Europa bemerkt, obgleich ich keine Aehnlichkeit der Mathematik und Politik entdecken konnte. Vielleicht sind diese Leute der Meinung, ebenso wie der kleinste Cirkel dieselben Grade habe, als der größte, so verlange auch das Ordnen der Welt keine größere Fähigkeit, als die Gewandtheit, mit einem Globus umzugehen. Jedoch möchte ich den Grund dieser Eigenschaft vielmehr in einer allgemeinen menschlichen Schwäche suchen, nach welcher wir am meisten neugierig in Dingen sind, die uns nichts angehen, und für welche wir uns durch Studien und Geistesfähigkeiten durchaus nicht eignen.

Die Laputier befinden sich in fortwährender Unruhe, so daß sich ihr Geist kaum eine Minute lang in Behaglichkeit befindet, und diese Störungen entstehen aus Ursachen, welche auf die übrigen Menschen keinen Einfluß ausüben. Ihre Furcht beruht auf Veränderungen, die sie in Betreff auf Himmelskörper besorgen; z. B. die Erde müsse zuletzt von der Sonne absorbirt und verschlungen werden, da letztere ihr fortwährend immer näher rücke; die Oberfläche der Sonne werde zuletzt durch ihre Effluvien incrustirt, und könne alsdann die Welt nicht mehr erleuchten; kürzlich sey die Erde kaum dem Untergang durch den Schwanz eines Kometen entgangen, der sie unfehlbar in Asche verwandelt haben würde; der nächste, welcher nach einunddreißig Jahren, wie sie berechnet, erscheinen müsse, werde wahrscheinlich uns sämmtlich vernichten. Wenn er nämlich in seinem Perihelion sich der Sonne bis auf einen gewissen Grad nähere (und die Berechnung gebe Ursache zu dieser Besorgniß), so müsse er eine Hitze erhalten, deren Intensität um zehntausend Grade die Hitze des glühenden Eisens übertreffe; nach der Entfernung von der Sonne werde er zehnmalhunderttausend vierzehn Meilen weit seinen Schwanz ausstrecken; wenn nun die Erde in der Entfernung von einhunderttausend Meilen vor dem Kern oder Hauptbestandtheil des Kometen passire, müsse sie en passant entzündet und in Asche verwandelt werden; die Sonne, welche uns täglich ihre Strahlen sende, müsse sich zuletzt erschöpfen, und somit untergehen; alsdann sey auch der Untergang unseres Planeten die nothwendige Folge, so wie auch der Tod der Andern, welche ihr Licht von unserem Fixstern erhalten.

Die Laputier werden so sehr durch die Besorgniß dieser Gefahren und ihrer Folgen geängstigt, daß sie nicht ruhig schlafen, und sich auch an den gewöhnlichen Vergnügungen des Lebens nicht erholen können. Begegnen sie ihren Freunden des Morgens früh, so betrifft die erste Frage die Gesundheit der Sonne, wie sie beim Abend- und Morgenroth sich befand; ferner auch, ob Hoffnungen vorhanden sind, den Stoß des nahenden Kometen zu vermeiden. So geht es in dem Gespräche mit demselben Vergnügen fort, welches Kinder bei schrecklichen Geschichten von Geistern und Gespenstern empfinden, die sie begierig anhören, um aus Furcht nicht zu Bett gehen zu können.

Die Weiber dieser Insel sind außerordentlich lebhaft. Sie verachten ihre Gatten, und lieben die Fremden außerordentlich. Fremde kommen in bedeutender Anzahl vom Festlande herüber, und begeben sich an den Hof entweder wegen der Geschäfte ihrer Städte und Corporationen, oder wegen anderer Gelegenheiten, welche ihre eigenen Personen betreffen. Sie werden jedoch verachtet, weil sie keine hohen Geistesgaben besitzen. Unter diesen wählen die Damen ihre Liebhaber. Hiebei ereignet sich jedoch leicht ein Unglück. Die Ehemänner sind so sehr in ihre Spekulationen vertieft, daß ihre Frauen vor ihren Augen sich mit den Liebhabern die größten Vertraulichkeiten erlauben dürfen, wenn die Ehemänner Papier und Instrumente zur Hand, oder keinen Klatscher an ihrer Seite haben.

Die Gattinnen und Töchter beklagen, daß sie auf die Insel beschränkt sind, obgleich ich dieselbe für den angenehmsten Ort der ganzen Welt halte. Wie sehr sie auch im Ueberfluß leben, wollen sie die Welt sehen und die Vergnügungen der Hauptstadt genießen, was ihnen ohne besondere Erlaubniß des Königs nicht gestattet wird. Diese Erlaubniß wird aber nur nach vielen Schwierigkeiten erlangt, da die Personen von Stande häufig erfahren haben, wie schwer es ist, ihre Frauen zur Rückkehr zu überreden. Mir wurde erzählt, eine vornehme Hofdame, die bereits mehrere Kinder hatte, an den Premierminister, den reichsten Unterthan des Königreiches vermählt war, welcher schön und in sie verliebt auf dem schönsten Punkte der Insel wohnt, sey unter dem Vorwande, ihre Gesundheit zu verbessern, nach Lagado gereist, und habe sich dort mehrere Monate lang verborgen, bis der König einen Befehl, sie aufzusuchen, absandte. Hierauf fand man sie in einer niedrigen Kneipe und zwar ganz zerlumpt, da sie ihre Kleider verpfändet hatte, um einen alten und häßlichen Bedienten zu ernähren, der sie täglich prügelte, und aus dessen Gesellschaft sie widerstrebend fortgeführt wurde. Obgleich ihr Gemahl sie mit aller nur möglichen Güte und ohne den geringsten Vorwurf empfang, gelang es ihr dennoch wieder, sich hinabzustehlen. Sie begab sich mit allen ihren Juwelen zu demselben Galan, und man hat seitdem nichts mehr von ihr gehört.

Der Leser glaubt vielleicht, diese Geschichte habe sich in Europa oder in England, aber nicht in einem so entfernten Lande ereignet. Er muß jedoch bedenken, daß die Launen der Weiber nicht auf ein besonderes Klima oder Volk beschränkt und bei Weibern überhaupt allgemeiner sind, wie man sich wohl einbilden kann.

Nach ohngefähr einem Monat hatte ich bedeutende Fortschritte im Erlernen der Landessprache gemacht, und war im Stande, die Fragen des Königs zu beantworten, wenn ich die Ehre einer Audienz erhielt. Seine Majestät zeigte aber nicht die geringste Neugier in Betreff der Gesetze, Regierungsform, Geschichte, Religion oder der Sitten jener Länder, die ich bereits gesehen hatte, sondern beschränkte ihre Fragen auf den Zustand der mathematischen Wissenschaften. Der Bericht, welchen ich gab, wurde mit größter Gleichgültigkeit und Verachtung von dem König angehört, obgleich die Klatscher an beiden Seiten ihre Maschinen häufig in Wirksamkeit setzten.

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