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Reise nach Brobdingnag

Jonathan Swift: Reise nach Brobdingnag - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/swift/brobding/brobding.xml
typefiction
authorJonathan Swift
booktitleGulliver's Reisen
titleReise nach Brobdingnag
publisherVerlag von Adolph Krabbe
illustratorGrandville
printrunZweite Ausgabe
year1843
translatorDr. Fr. Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070904
projectid229244fb
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Erstes Kapitel.

Beschreibung eines großen Sturms; das lange Boot wird ausgesetzt, um Wasser einzunehmen. Der Verfasser besteigt dasselbe, um das Land zu untersuchen. Er wird am Ufer zurückgelassen, von einem Eingeborenen ergriffen und in das Haus eines Pachters gebracht. Seine Aufnahme mit andern Vorfällen die sich daselbst zutrugen.

Ach, Natur und Schicksal haben mich zu thätigem und ruhelosem Leben verurtheilt! – Zwei Monate nach meiner Rückkehr verließ ich wieder mein Vaterland und bestieg den »Abenteurer,« ein Schiff aus Cornwallis, Kapitän John Nicholas, welches nach Surate in Ostindien bestimmt war. Wir hatten günstigen Wind bis zum Kap der guten Hoffnung, wo wir, um Wasser aufzunehmen, landeten. Da wir aber ein Leck entdeckten, schifften wir unsere Güter aus und blieben den Winter dort. Alsdann gingen wir unter Segel und hatten günstigen Wind bis zur Meerenge von Madagaskar.

Als wir uns nördlich von dieser Insel, im fünften Grade südlicher Breite befanden, wo der Wind vom Dezember bis Mai stets die Richtung von Nordwest zu haben pflegt, wurde derselbe am 19. April stärker und westlicher wie gewöhnlich. In diesem Wetter schifften wir zwanzig Tage und wurden dadurch ein wenig östlich über die Molukken hinausgetrieben, um drei Grad nordwärts vom Aequator, wie der Kapitän durch Beobachtungen am 2. Mai erklärte, als der Wind aufgehört hatte. Eine vollkommene Windstille war eingetreten, worüber ich mich nicht wenig freute. Der Kapitän jedoch, welcher in der Schifffahrt dieser Meere wohl erfahren war, befahl Vorbereitungen gegen einen Sturm zu treffen, und dieser begann auch wirklich am folgenden Tage, denn der Südwind, welcher der südliche Monsun genannt wird, begann zu wehen.

Da der Sturm heftig zu werden drohte, zogen wir das Bugsprietsegel ein und standen bereit, das Foksegel zu handhaben; da das Wetter immer schlechter wurde, sahen wir nach, ob die Kanonen gehörig befestigt waren und spannten die Segel am Besan auf. Das Schiff aber legte sich auf die Seite, deßhalb hielten wir es für besser mit den Wogen zu treiben, als eine Richtung behaupten zu wollen. Das Foksegel ward eingerafft und nur zum Theil ausgespannt; das Steuer hatte hartes Wetter zu bekämpfen; das Schiff aber hielt trefflich aus. Wir spannten das vordere Zugseil aus, allein das Segel platzte. Wir zogen deßhalb die Raaen an, nahmen das Segel in's Schiff und lösten seinen ganzen Zubehör. Der Sturm war heftig, die Wogen brachen sich mit Macht und drohender Gefahr. Wir nahmen das Taljereep vom Wippstaab und halfen dem Steuermann. Unsern Toppmast kappten wir jedoch nicht und ließen an ihm Alles wie es war, weil er trefflich leenste, und weil wir wußten, das Schiff sey durch ihn gesünder und werde die See besser aushalten. Wir befanden uns nämlich auf hohem Meer und hatten von Klippen Nichts zu befürchten. Als der Sturm vorüber war, spannten wir Fok- und Boomsegel wieder auf und gaben dem Schiff eine Richtung; alsdann zogen wir das Marsboomsegel und das Fokmarssegel auf. Unsere Richtung war Ost-Nord-Ost und der Wind Südwest. Hierauf hefteten wir die Steuerbordstiften wieder ein und nahmen die Hebeseile fort, kurz wir setzten das Schiff wieder in den früheren Stand.

Während dieses Sturmes, dem ein starker Wind aus West-Süd-West folgte, wurden wir, nach meiner Berechnung, ungefähr zweihundert und fünfzig Stunden nach Osten verschlagen, so daß der älteste Matrose an Bord nicht sagen konnte, in welchem Theile der Welt wir uns befänden. Unsere Vorräthe hielten aus, das Schiff war trefflich und fest und unsere Mannschaft vollkommen gesund; wir litten aber bedeutenden Mangel an Trinkwasser. Somit hielten wir es für das Zweckmäßigste, dieselbe Richtung beizubehalten, und uns nicht nach Norden zu wenden, da wir in letzterer Richtung nordwestlich von der großen Tartarei in das Eismeer hätten gelangen können.

Am 16. Juni 1703 entdeckte ein Schiffsjunge auf dem Hauptmast Land. Am 17. sahen wir deutlich eine große Insel oder ein Festland (wir waren hierüber in Ungewißheit); an der südlichen Seite des Landes entdeckten wir eine kleine in die See hervorspringende Landzunge und eine Bucht, die aber zu flach war, um ein Schiff von mehr als hundert Tonnen zu tragen. Wir warfen deßhalb in einiger Entfernung von der Landzunge Anker und unser Kapitän ließ ungefähr ein Dutzend seiner Leute, bewaffnet und mit Wassergeschirren versehen, in dem langen Boote aussetzen, um Wasser aufzusuchen, wenn dasselbe gefunden werden könne. Ich erwirkte mir die Erlaubniß, an dieser Ausschiffung Theil zu nehmen, damit ich das Land untersuche und Entdeckungen mache. Als wir das Ufer betraten, erblickten wir weder Flüsse noch Quellen, noch auch irgend eine Spur von Einwohnern.

Unsere Leute gingen deßhalb am Ufer entlang, um frisches Wasser in der Nähe des Meeres aufzusuchen; ich aber schlug ungefähr eine halbe Stunde lang die entgegengesetzte Richtung ein; da ich aber nur felsiges und unfruchtbares Land erblickte, ward ich des Nachforschens müde und kehrte zur Landzunge zurück. Als sich nun die See vor meinen Augen ausdehnte, sah ich, wie unsere Leute bereits im Boote waren und so schnell als müßten sie ihr Leben retten, zum Schiffe ruderten. Ich wollte ihnen zurufen, obgleich dies mir wenig helfen konnte, als ich ein ungeheures Geschöpf hinter sie herlaufen sah; die See reichte ihm nur bis an die Knie und es machte ungeheure Schritte. Allein unsere Leute hatten eine Viertelstunde Vorsprung, die See war dort voll scharfer Klippen, und somit konnte das Ungeheuer unser Boot nicht erreichen. Dies wurde mir nachher gesagt, denn ich legte im schnellsten Laufe den Weg, den ich bereits gemacht hatte, wieder zurück und erstieg alsdann einen steilen Hügel, der mir eine Aussicht in das Land gewährte. Es war vollkommen bebaut. Zuerst erstaunte ich über die Länge des Grases, welches dort zum Heu bestimmt war, denn seine Höhe betrug an die zwanzig Fuß.

Alsdann gerieth ich auf einen Weg, den ich für eine Heerstraße hielt, der jedoch den Einwohnern nur als Fußpfad durch ein Gerstenfeld diente. Hier ging ich einige Zeit lang weiter, konnte aber an beiden Seiten nichts erblicken, denn die Erndte war nah und das Korn wenigstens vierzig Fuß hoch. Nach einer Stunde hatte ich das Ende des Feldes erreicht, welches durch eine Hecke von wenigstens hundertundzwanzig Fuß Höhe umzäunt war, deren Bäume eine solche Größe hatten, daß ich dieselbe nicht berechnen konnte. Dort befand sich eine Treppe, die in das nächste Feld führte. Sie bestand aus vier Stufen und auf der Spitze war ein Stein zu überschreiten. Es war mir unmöglich diese Treppe zu ersteigen, denn jede Stufe betrug sechs Fuß Höhe und der Stein wenigstens zwanzig. Ich suchte deßhalb eine Oeffnung in der Hecke zu erspähen, als ich auf dem nächsten Felde einen Einwohner auf die Treppe zugehen sah, und zwar von der Größe desjenigen, welcher unser Boot verfolgt hatte. Er hatte die Höhe eines gewöhnlichen Kirchthurms, und legte, so weit ich errathen konnte, wenigstens zehn Ellen mit jedem Schritte zurück. Ich gerieth in Furcht und Erstaunen und lief fort, um mich im Korne zu verbergen. Von dort sah ich, wie er auf der Spitze jener Treppe in das Feld zurückschaute, und hörte, wie er mit einer Stimme rief, die um mehrere Grade lauter wie der Schall eines Sprachrohrs war; der Ton hallte jedoch so hoch in der Luft, daß ich ihn zuerst für Donner hielt. Hierauf kamen sechs Ungeheuer, an Gestalt ihm ähnlich, mit Sicheln in den Händen, herbei, die ungefähr so groß wie sechs Sensen waren.

Diese Leute waren nicht so gut gekleidet, wie der Erstere, dessen Diener sie zu seyn schienen, denn nach einigen von ihm ausgesprochenen Worten begannen sie das Korn des Feldes, wo ich mich verborgen hatte, abzuschneiden. Ich hielt mich in so großer Entfernung von ihnen, als es mir möglich war, allein ich konnte mich nur mit Schwierigkeit bewegen, denn die Stengel des Korns waren oft nur einen Fuß von einander entfernt, so daß ich nur mit Mühe meinen Leib hindurchquetschen konnte. Meinen Anstrengungen gelang es dennoch vorwärts zu kommen, bis ich an einen Theil des Feldes gelangte, wo das Korn durch Regen und Wind zu Boden gelegt war. Hier war es mir unmöglich weiter zu gehen; die Stengel lagen so dicht übereinander, daß ich nicht hindurchkriechen konnte, und die Spitzen der abgefallenen Aehren waren so dick und scharf, daß sie durch meine Kleider in das Fleisch drangen. Zugleich hörte ich, daß die Schnitter nur noch hundert Ellen von mir entfernt waren. Da ich gänzlich erschöpft und von Gram sowie von Verzweiflung überwältigt war, legte ich mich zwischen zwei Furchen auf den Boden nieder, und wünschte von ganzem Herzen dort zu sterben. Ich beklagte meine einsame Wittwe und meine verwaisten Kinder, meine eigene Thorheit und Bereitwilligkeit, noch weitere Reisen zu unternehmen, und den Rath aller meiner Freunde und Verwandten in dieser Hinsicht verschmäht zu haben. In dieser furchtbaren Gemüthsstimmung konnte ich es nicht unterlassen, an Lilliput zu denken, wo die Einwohner mich als das größte Naturwunder anstaunten, das jemals in der Welt erschienen sey; wo ich es vermochte, eine kaiserliche Flotte mit meinen Händen fortzuführen und viele andere Thaten zu vollbringen, die in den Annalen jenes Reiches auf ewig prangen werden, während die Nachwelt kaum im Stande ist, ihre Größe zu begreifen, obgleich Millionen der Gegenwart sie bezeugen. Ich dachte, wie drückend es für mich seyn müsse, diesem Volke so unbedeutend zu erscheinen, wie ein Lilliputer den Engländern. Doch dies hielt ich noch für das geringste Unglück; man hat beobachtet, daß Menschen, im Verhältniß ihrer Körpergröße, stets wilder und grausamer werden; somit konnte ich nur erwarten, dem Munde des ersten jener riesenhaften Barbaren, der mich ergreifen würde, als ein guter Bissen zu dienen. Sicherlich ist die Behauptung der Philosophen, groß und klein seyen nur Begriffe, die sich durch Vergleichung ergeben, vollkommen wahr. Das Schicksal kann vielleicht die Lilliputer irgend ein Land auffinden lassen, wo die Menschen, hinsichtlich ihrer, eben solche Diminutivgestalten sind, wie sie im Vergleich mit mir. Wer weiß, ob sogar dies wunderbare Geschlecht der Sterblichen, in irgend einem entfernten Theile der Welt, der bis jetzt unentdeckt geblieben ist, nicht irgendwie übertroffen wird?

Erschreckt und verwirrt konnte ich ein solches Sinnen nicht unterdrücken, als ein Schnitter auf zehn Ellen der Furche, wo ich lag, sich näherte, und mir Besorgniß erweckte, durch seinen nächsten Schritt würde ich zerquetscht oder von seiner Sichel durchschnitten werden. Als er sich wieder bewegen wollte, schrie ich deßhalb so laut wie möglich, worauf das Geschöpf still stand, einige Zeit den Boden ansah und mich zuletzt erblickte. Es betrachtete mich mit der Vorsicht, die man anzuwenden pflegt, wenn man ein kleines gefährliches Thier ergreifen will, indem man befürchtet, gebissen oder gekratzt zu werden, wie ich ebenfalls in England, wann ich Wiesel fing, zu verfahren pflegte. Zuletzt war der Riese so keck, mich von hinten mit seinem Daumen und Mittelfinger zu ergreifen.

So hielt er mich drei Ellen von seinem Auge entfernt, damit er mich desto genauer betrachten konnte. Ich ahnte seine Absicht, und mein gutes Glück gewährte mir so viel Geistesgegenwart, daß ich den Entschluß faßte, mich durchaus nicht zu bewegen, so lange er mich, ungefähr in der Höhe von sechzig Fuß, über dem Boden hielt, obgleich er mir, aus Besorgniß, ich möchte seinen Fingern entschlüpfen, die Seiten furchtbar zerquetschte. Ich wagte allein die Augen zur Sonne zu erheben und meine Hände, wie beim Gebete, zu falten; alsdann sprach ich einige Worte in so wehmüthigem Tone, wie er meiner damaligen Lage angemessen war, denn ich befürchtete jeden Augenblick, er werde mich auf den Boden schleudern, wie wir es bei einem kleinen und verhaßten Thiere, das wir tödten wollen, zu thun pflegen. Allein mein guter Stern wollte diesmal, daß der Riese an meiner Stimme und meiner Bewegung Gefallen fand; er betrachtete mich mit Aufmerksamkeit und schien erstaunt daß ich in artikulirten Tönen sprach, obgleich er kein Wort von dem, was ich sagte, verstehen konnte. Mittlerweile konnte ich es nicht unterlassen, zu seufzen und zu weinen, und meinen Kopf, so gut wie möglich, nach beiden Seiten hinzuwenden. Dadurch wollte ich ihm nämlich andeuten, der Druck seiner Finger mache mir furchtbare Schmerzen. Er schien meine Andeutung zu verstehen, und steckte mich sanft in seine Tasche. Hierauf lief er sogleich zu seinem Herrn, der ein wohlgenährter Pächter war, und dieselbe Person, die ich zuerst auf dem Felde gesehen hatte.

Der Pächter empfing, wie ich glaube, hinsichtlich meiner den Bericht, welchen ihm sein Diener geben konnte. Alsdann nahm er das Ende eines Strohhalms, von der Größe eines Spazierstocks, und hob damit meine Rockschöße in die Höhe; er schien nämlich zu glauben, mein Rock sey eine Art Haut, welche mir die Natur verliehen habe. Hierauf blies er meine Haare seitwärts, um mein Gesicht desto besser betrachten zu können. Alsdann rief er seine übrigen Leute herbei und fragte dieselben, wie ich nachher erfuhr, ob sie sonst noch ein so kleines Geschöpf, wie ich sey, auf dem Boden hätten laufen sehen. Hierauf legte er mich auf den Boden, und zwar mit allen Vieren; ich stand jedoch sogleich auf und ging langsam vorwärts und rückwärts, um jenen Riesen anzudeuten, ich wolle durchaus nicht davon laufen. Alle setzten sich nieder, indem sie mich in einem Kreise umringten, um meine Bewegungen besser beobachten zu können; ich nahm meinen Hut ab und machte dem Pächter eine sehr tiefe Verbeugung. Ich fiel auf die Knie, erhob Hände und Augen und sprach mehrere Worte so laut wie möglich; dann nahm ich eine Geldbörse aus der Tasche und reichte sie ihm demüthig dar. Er nahm sie auf seine Handfläche, hielt sie dicht vor die Augen, um zu sehen was es sey, und drehte sie alsdann mehreremale mit der Spitze einer Nadel um, die er aus seinem Aermel nahm, konnte aber die Bedeutung meiner Börse nicht begreifen. Darauf gab ich ihm durch ein Zeichen zu verstehen, er möge seine Hand auf den Boden legen; ich nahm alsdann meine Börse und schüttete mein Geld auf seine Hand. Es bestand aus vier spanischen Quadrupeln und zwanzig bis dreißig kleineren Münzen. Ich sah, wie er die Spitze seines kleinen Fingers auf der Zunge naß machte, um eines meiner größten Geldstücke aufzunehmen; er schien jedoch nicht zu wissen, was dieselben seyn könnten. Dann gab ich ihm ein Zeichen, sie wieder in meine Börse und die Börse in meine Tasche zu stecken; ich hielt es nämlich für das Beste mein Geld zu behalten, nachdem ich es ihm mehreremale angeboten hatte.

Mittlerweile hatte der Pächter sich überzeugt, ich müsse ein vernünftiges Geschöpf seyn. Er redete mich mehreremale an, allein der Schall seiner Stimme durchdrang meine Ohren wie das Klappern einer Wassermühle, obgleich die Töne artikulirt waren. Ich antwortete so laut als möglich in mehreren Sprachen, und er hielt sein Ohr oft nur zwei Ellen von meinem Munde entfernt; Alles war jedoch vergeblich; wir konnten einander in keiner Weise verstehen. Hierauf sandte er seine Knechte an die Arbeit, zog sein Schnupftuch aus der Tasche, breitete es doppelt auf seiner linken Hand aus, legte dieselbe auf den Boden, die Fläche nach oben gekehrt, und gab mir ein Zeichen hinaufzusteigen. Dies war mir nicht schwer, denn die Dicke der Hand betrug nicht mehr als einen Fuß. Ich hielt es für meine Pflicht zu gehorchen und legte mich, aus Furcht zu fallen, der Länge nach auf sein Schnupftuch hin, dessen Zipfel er über meinem Haupte, der größeren Sicherheit wegen, zusammen band, worauf er mich so nach seinem Hause trug. Dort rief er seine Frau herbei und zeigte mich; sie aber schrie auf und lief in derselben Art fort, wie es die Weiber in England beim Anblick einer Spinne oder Kröte zu thun pflegen. Als sie jedoch mein Benehmen einige Zeit beobachtet hatte, und wie genau ich die Zeichen ihres Gatten beobachtete, wurde sie bald wieder ausgesöhnt, und sogar gegen mich außerordentlich zärtlich.

Es war ungefähr 12 Uhr Mittags und ein Diener trug das Essen auf. Es bestand ausschließlich aus einem nahrhaften Fleischgericht, wie es sich für den einfachen Stand und die Beschäftigung eines Bauern ziemt; die Schüssel aber hatte vierundzwanzig Fuß im Durchmesser. Die Gesellschaft bestand aus dem Pächter, seiner Frau, drei Kindern und einer alten Großmutter. Als diese sämmtlich sich um den Tisch gesetzt hatten, welcher ungefähr dreißig Fuß Höhe betrug, stellte mich der Pächter in einiger Entfernung von sich selbst auf denselben hin. Ich zitterte aus Furcht und hielt mich, aus Besorgniß herabzufallen, so weit wie möglich von dem Rande entfernt. Die Frau des Pächters zerschnitt ein kleines Stück Fleisch, zerkrümmelte etwas Brod auf einen hölzernen Teller und stellte denselben vor mir hin. Ich machte ihr eine tiefe Verbeugung, zog Messer und Gabel aus der Tasche und begann zu essen, worüber sich Alle außerordentlich freuten. Die Herrin ließ ein kleines Likörglas, welches ungefähr vier Maas enthalten konnte, durch eine Magd holen und füllte dasselbe mit Getränk. Mit einiger Schwierigkeit erhob ich das Glas mit beiden Händen, trank auf die Gesundheit Ihrer Gnaden mit der höflichsten Verbeugung, indem ich, so laut es mir möglich war, die Worte im Englischen ausrief; hierüber aber lachte die Gesellschaft so herzlich, daß ich durch den Lärm beinahe taub geworden wäre. Das Getränk schmeckte wie dünner Cyder, aber durchaus nicht unangenehm. Hierauf gab mir der Herr ein Zeichen, ich möchte an seinen Teller hintreten; als ich nun auf dem Tisch ging (und die ganze Zeit hindurch war ich, wie der nachsichtige Leser wohl vermuthen und entschuldigen wird, in höchster Ueberraschung), stolperte ich zufällig über eine Brodkruste und fiel flach auf mein Gesicht, jedoch ohne mich zu beschädigen.

Sogleich stand ich wieder auf; da ich nun bemerkte, die guten Leute seyen hinsichtlich meiner sehr besorgt, schwenkte ich meinen Hut, den ich der Höflichkeit gemäß unter dem Arme hielt, mehreremale über meinem Kopfe und gab dreimaliges Hurrah, um zu zeigen, ich habe keinen Schaden durch meinen Fall erlitten. Als ich jedoch auf meinen Herrn zuging (so werde ich ihn in Zukunft immer nennen), ergriff sein jüngster Sohn, ein muthwilliger Knabe von ungefähr zehn Jahren, mich bei den Beinen, und hielt mich so hoch in der Luft empor, daß ich an allen Gliedern zitterte; sein Vater aber riß mich aus seiner Hand und gab ihm zugleich einen so heftigen Schlag auf das linke Ohr, daß derselbe in Europa eine Schwadron Kavallerie würde zu Boden geworfen haben. Zugleich befahl er, den Knaben von dem Tische fortzujagen. Ich aber besorgte, der Knabe werde Groll gegen mich hegen, und erinnerte mich, wie ungezogen Kinder bei uns sich gegen Sperlinge, Kaninchen, junge Hunde und Katzen benehmen. Deßhalb fiel ich auf die Knie, zeigte auf den Knaben und gab meinem Herrn so gut wie möglich zu verstehen, ich wünsche, er möge seinem Sohne verzeihen. Der Vater erfüllte meinen Wunsch; der Knabe setzte sich wieder an den Tisch, worauf ich auf ihn zuging und ihm die Hand küßte, die mein Herr ergriff und mich sanft damit streichelte.

Während des Essens sprang die Lieblingskatze meiner Herrin ihr auf den Schooß. Ich hörte hinter mir ein solches Schnurren, wie es bei uns einige Dutzend Strumpfwirker zu erregen pflegen, und bemerkte bald, daß dies vom Spinnen jenes Thieres entstand, das dreimal größer als ein Ochs zu seyn schien, wie ich nach der Ansicht seines Kopfes und einer Pfote berechnete, während die Herrin es fütterte und streichelte. Die Wildheit, die im Gesicht der Katze lag, brachte mich außer Fassung, ob ich gleich am andern Ende des Tisches, fünfzig Fuß von ihr entfernt, stand, und obgleich meine Herrin sie in der Besorgniß festhielt, das Thier würde plötzlich hervorspringen und mich mit seinen Klauen schlagen. Es war jedoch durchaus keine Gefahr vorhanden; denn die Katze nahm auf mich nicht die geringste Rücksicht, als mich mein Herr in der Entfernung von drei Ellen vor ihr niedersetzte. Da ich nun immer gehört und auf meinen Reisen auch bemerkt hatte, daß Flucht oder Furcht vor einem wilden Thiere dasselbe stets zur Verfolgung oder zum Angriff aufreizt, so beschloß ich, in dieser Gefahr vollkommene Gleichgültigkeit zu zeigen. Unerschrocken ging ich fünf- bis sechsmal vor dem Kopfe der Katze auf und nieder und kam bis auf eine halbe Elle in ihre Nähe, worauf sie zurückging, als sey sie vor mir erschrocken. Vor den Hunden fürchtete ich mich weniger, als drei oder vier in das Zimmer kamen, wie dies in Pächterhäusern gewöhnlich ist; einer derselben war eine Dogge, so groß wie vier Elephanten, und ein anderer war ein Windhund, etwas größer wie die Dogge, allein nicht von derselben Dicke.

Als das Mittagessen beinahe vorüber war, trat eine Amme mit einem einjährigen Kinde herein, welches mich sogleich bemerkte, und dann so stark zu schreien begann, daß man dies von der London-Brücke bis nach Chelsea, also mehr als eine halbe Stunde weit, hätte hören können. Es wollte mich nämlich nach gewöhnlicher Kinderart als Spielzeug haben. Die Mutter war zu nachsichtig, griff mich auf und reichte mich dem Kinde, welches mich sogleich in den Mund steckte. Ich aber brüllte so laut, daß der kleine Kobold erschrack und mich fallen ließ, so daß ich unfehlbar den Hals hätte brechen müssen, wenn mich die Mutter mit ihrer Schürze nicht aufgefangen hätte. Die Amme lärmte, um das Kind zu beruhigen, mit einer Klapper, die aus einem hohlen, mit großen Steinen gefüllten Gefäße bestand, und durch ein Tau um den Leib des Kindes festgebunden war; da dies jedoch vergeblich blieb, mußte sie das äußerste Mittel anwenden und das Kind an die Brust legen. Ich gestehe, nie hat mir ein Gegenstand solchen Ekel erregt, wie der Anblick dieser ungeheuern Brüste, die ich mit nichts vergleichen kann, um dem neugierigen Leser einen Begriff von ihrer Größe, Form und Farbe zu geben. Sie ragten sechs Fuß hervor, und mußten wenigstens sechzehn an Umfang haben. Die Warze war halb so dick wie mein Kopf, und die Farbe derselben, so wie auch die der Brust, so sehr mit Flecken, Finnen und Sommersprossen besät, daß kein Gegenstand ekelhafter in die Augen fallen kann; ich sah sie nämlich ganz in der Nähe, da sie sich gesetzt hatte, um das Kind desto bequemer säugen zu können, während ich auf dem Tische stand. Ich dachte dabei an die schöne Haut der englischen Damen, die uns allein deßhalb als so schön erscheinen, weil sie von unserer Größe sind, und weil ihre Mängel durch kein Vergrößerungsglas betrachtet werden; gebrauchen wir dasselbe, so erscheint die zarteste und schönste Haut rauh und von häßlicher Farbe.

Wie ich mich erinnere, schien es mir, als ich in Lilliput war, die Züge jener Diminutiv-Menschen seyen die schönsten in der Welt. Als ich mich einst mit einem dortigen Gelehrten, einem genauen Freunde, darüber unterhielt, sagte mir dieser, mein Gesicht erscheine ihm bei Weitem schöner und sanfter, wenn er mich vom Boden aus betrachte, als wenn er mich in größerer Nähe, sobald ich ihn auf meine Hand genommen habe, erblicke; er müsse gestehen, im Anfang sey dies ein sehr unangenehmer Anblick gewesen. In meiner Haut könne er große Löcher entdecken; die Stumpfe meiner Barthaare seyen zehnmal dicker als die Borsten eines Ebers; meine Haut im Gesicht spiele auf unangenehme Weise in mancherlei Farben hinüber. Dennoch erlaube ich mir, hinsichtlich meiner, die Bemerkung, daß ich zu den schönsten Männern meines Vaterlandes gehöre, und daß mich die Sonne auf allen meinen Reisen nur wenig verbrannt hat. Andererseits, als ich mich über die Damen am Hofe des Kaisers mit ihm unterhielt, sagte er mir gewöhnlich, die Eine habe Finnen, die andere einen zu breiten Mund, die Dritte eine zu große Nase. Ich aber konnte nichts von Allem bemerken. Die Erinnerung an diese Dinge liegt, wie ich gestehen muß, auf der Hand; ich konnte es nicht unterlassen, die Bemerkung hier einzufügen, sonst würde der Leser glauben, jene Riesen seyen wirklich häßlich; ich muß hierauf erwidern, daß sie durchaus keinen häßlichen Menschenschlag bilden; auch schienen mir die Züge meines Herrn, der doch nur ein Pächter war, verhältnißmäßig und schön gebaut, sobald ich ihn in der Höhe von sechzig Fuß betrachtete.

Nach dem Essen ging mein Herr wieder zu seinen Arbeitern hinaus, und ich konnte aus seiner Stimme, so wie aus seinen Bewegungen schließen, daß er seiner Frau strengen Befehl gab, mich mit Sorgfalt zu behandeln. Ich aber war sehr müde und zum Schlafe geneigt; da nun meine Herrin dies bemerkte, legte sie mich auf ihr eigenes Bett und bedeckte mich mit einem reinen weißen Schnupftuch, welches aber größer und dicker als das Hauptsegel eines Kriegsschiffes war.

Ich schlief ungefähr zwei Stunden und träumte, ich sey zu Hause bei Frau und Kindern. Dies natürlich vermehrte meinen Kummer, als ich erwachte und mich allein in einem ungeheuern Zimmer befand, welches an zwei- bis dreihundert Fuß breit, aber noch bei weitem höher war. Das Bett aber, worin ich lag, war an die fünf Ellen breit. Meine Herrin war mit ihren häuslichen Angelegenheiten beschäftigt und hatte mich eingeschlossen. Das Bett war acht Ellen über dem Boden erhaben. Natürliche Bedürfnisse drängten mich nun herunterzuspringen; auch wagte ich nicht laut zu rufen. Hätte ich jedoch dies auch gethan, so würde es mir bei meiner Stimme zu nichts geholfen haben, denn die Entfernung zwischen dem Zimmer, wo ich lag und der Küche, wo die Familie sich befand, war zu bedeutend. Unter diesen Umständen kletterten zwei Ratten die Bettvorhänge hinauf und liefen schnuppernd auf dem Bette umher. Eine kam beinahe dicht an mein Gesicht, worauf ich voll Schrecken aufstand und den Degen zu meiner Vertheidigung zog. Diese furchtbaren Thiere hatten die Keckheit mich auf beiden Seiten anzugreifen, und eines derselben legte die Vordertatzen auf meinen Rockkragen. Glücklicherweise ritzte ich ihm aber den Bauch auf, bevor es mir Schaden zufügen konnte, und es stürzte zu meinen Füßen nieder. Das andere entfloh, als es das Schicksal seines Gefährten sah, erhielt aber noch im Fliehen von mir eine starke Wunde auf den Rücken, so daß sein Blut auf den Fußboden hinabtröpfelte. Nach dieser Heldenthat ging ich auf dem Bette langsam auf und nieder, um mich von dem Schrecken wieder zu erholen. Diese Thiere waren von der Größe eines starken Bullenbeißers, aber bei weitem behender und wilder; hätte ich meinen Degen, bevor ich schlafen ging, abgeschnallt, so wäre ich unfehlbar von ihnen zerrissen und verschlungen worden. Ich maaß hierauf den Schwanz der todten Ratte und fand, daß er zwei Ellen, weniger einen Zoll, an Länge betrug. Es war mir widerwärtig, den Körper aus dem Bette zu ziehen, wo er noch blutend lag; auch bemerkte ich an ihm noch einiges Leben, deßhalb tödtete ich das Thier vollends durch einen starken Einschnitt in den Hals.

Bald darauf kam meine Herrin in's Zimmer; als sie mich voll Blut sah, lief sie herbei und nahm mich auf die Hand. Ich zeigte lächelnd auf die todte Ratte und gab durch andere Zeichen zu verstehen, ich sey nicht verwundet, worüber sie sich außerordentlich freute. Alsdann rief sie die Magd herbei, damit diese die todte Ratte mit einer Zange aufnehme und aus dem Fenster werfe. Nachdem sie mich auf den Tisch gesetzt hatte, zeigte ich ihr meinen blutigen Degen, wischte ihn ab und steckte ihn wieder in die Scheide. In dem Augenblicke fühlte ich eine heftige Bedrängniß Etwas zu verrichten, was ein Anderer statt meiner nicht thun konnte; deßhalb gab ich meiner Herrin zu verstehen, ich wünschte auf den Fußboden gesetzt zu werden. Nachdem sie dies gethan, erlaubte mir meine Schamhaftigkeit nicht, mich weiter auszudrücken, als daß ich auf die Thüre zeigte und mich mehreremale verbeugte. Die gute Frau verstand endlich, mit vieler Schwierigkeit, meinen Wunsch; sie nahm mich auf ihre Hand und brachte mich in den Garten, wo sie mich wieder auf den Boden setzte. Ich ging ungefähr zweihundert Ellen seitwärts, winkte ihr, mir nicht zu folgen oder auf mich hinzusehen, versteckte mich zwischen zwei Sauerrampferblättern und entledigte mich dort des natürlichen Bedürfnisses. Ich hoffe, der gütige Leser wird mich entschuldigen, daß ich bei diesen und ähnlichen Umständen so lange verweile, dieselben mögen kriechenden und gemeinen Seelen als unbedeutend erscheinen, werden aber gewiß manchem Philosophen zur Erweiterung seiner Gedanken und seiner Einbildungskraft verhelfen, damit er sie zum Frommen des öffentlichen und Privatlebens benutze. Dies war nämlich mein einziger Zweck bei der Herausgabe dieser und anderer Reisebeschreibungen, worin ich hauptsächlich die Wahrheit als Ziel vor Augen hatte, ohne irgend eine Ausschmückung durch Gelehrsamkeit oder Styl zu erstreben. Der ganze Eindruck dieser Reise wirkte aber so tief auf meine Seele, und ist so genau mir im Gedächtniß geblieben, daß ich keinen einzigen wesentlichen Umstand übergangen habe, als ich die Beschreibung entwarf. Nach einer genaueren Ansicht habe ich jedoch einige Stellen von geringerer Wichtigkeit ausgestrichen, die sich in meinem Manuskript befanden, weil ich den Tadel befürchtete, ich sey ein langweiliger Kleinigkeitskrämer, ein Vorwurf, welcher Reisenden, und vielleicht nicht mit Unrecht, oft gemacht wird.

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