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Reise in den Orient - Zweiter Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Reise in den Orient - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleReise in den Orient ? Zweiter Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeNeunter Band
year1855
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071114
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Erstes Kapitel. Reise nach Damaskus und Palmyra.

Fürst Aslan. – Abreise von Beirut. – Wilde Gebirgspässe im Libanon. – Khan el Hussein. – Felsentreppe. – Wolken auf der Höhe des Gebirges. – Schneesturm. – Ein Vocalconcert. – Das Schloß der Assassinen. – Aegyptische Deserteure. – Bekaa, das Thal. – Ein Unfall. – Perser. – Der Antilibanon. – Felsengärten. – Schiras. – Das Thal Gutba. – Damaskus. – Eine armenische Hochzeit. – Ritt nach Palmyra. – Pferde-Revue. – Baalbek. – Die Cedern des Libanon. – Die Stute in Sachile. – Zweite Reise nach Damaskus. – Der persische Kaufmann. – Merkwürdiger Pferdehandel. – Scham, der Hengst. – Rückkehr nach Beirut

Wie oft schauten wir von der Terrasse unseres Landhauses sehnsüchtig zu dem Libanon empor, dem gewaltigen Riesen, der sich mit dem weißen Haupte und den grauen Gewändern, die unten in's Hellgrüne der Oelpflanzungen und Goldige des Meersandes auslaufen, an die See gelagert hat! O diese mächtigen Bergwände, die wir täglich vor Augen hatten, verbargen uns viel Schönes, wornach wir schon lange getrachtet, und stets waren wir durch verschiedene Umstände verhindert worden, unsere Rosse zu satteln und den »Ritt in's alte romantische Land« zu beginnen. Jedem Zug Beduinen, Maroniten oder Drusen, die sich bei der Stadt gelagert hatten und ihre Pferde packten, um in die Berge zurückzuziehen, sahen wir neidisch nach, besonders seit wir bei unserm Ritt nach dem Kloster Deir Mar Mikael einen Blick in die wilden Schönheiten des Gebirgs gethan, und verwünschten oft die kriegerischen Zeiten, die uns abhielten, ihnen zu folgen. Aber erstlich waren es die Feindseligkeiten zwischen Ibrahim Pascha's Armee und den Türken, sowie kleine Plänkeleien und Scharmützel, die beide Theile zuweilen mit den Bergbewohnern hatten, welche die Wege durch den Libanon unsicher machen sollten, und weßhalb man uns dringend abrieth, nach Damaskus aufzubrechen. Dann waren auch unsere beiden Kranken noch immer sehr schwach, so daß wir sie doch gänzlich auf der Besserung sehen wollten, ehe wir Beirut für ein paar Wochen verließen.

Neben diesen Umständen wurden unsere Reisepläne oft nach den Tagesneuigkeiten geändert. Denn bald hieß es: Ibrahim hat Damaskus endlich Verlassen und will die Armee auf dem Wege über Jerusalem aus Syrien führen; und uns schimmerte die Hoffnung, jetzt endlich die Tour durch das Gebirge beginnen und Damaskus erreichen zu können. Vergeblicher Wunsch! Den andern Tag wußte man aus ganz sichern Quellen, daß Ibrahim der Pforte die Erklärung gegeben, sich in Syrien bis auf den letzten Mann zu halten, und wir machten alsbald Projekte, welcher Weg in jetzigen Zeiten der beste sei, um nach Jerusalem zu reisen, wo wir abwarten wollten, ob uns der Marsch der ägyptischen Armee erlauben würde, von dort nach Damaskus zu gehen.

So thürmten sich von allen Seiten unserer Abreise die größten Schwierigkeiten entgegen und vereitelten unsern sehnlichsten Wunsch, bald das traurige Beirut zu verlassen. Alle Communication zur See war gesperrt; denn außer kleinen Küstenfahrern kamen nur englische Linienschiffe, Fregatten oder Kriegsdampfboote von Konstantinopel und Marmarizza, Depeschen oder Soldaten bringend. Obendrein weigerten sich die Leute, wie unser Dolmetscher versicherte, zum Ritt durch den Libanon ihre Pferde zu geben, und auf dem Wege nach Jerusalem waren, wenn uns auch die Bewegungen der Armeen nicht gehindert hätten, andere Sachen zu bedenken; denn in Saida, Akre und Jaffa sollte die Pest ausgebrochen sein, was dort bei dem Zusammenfluß von türkischen Soldaten, schlecht gekleidetem Gesindel aus den Bergen und halb verhungerten Deserteuren von Ibrahims Armee, kein Wunder war.

Endlich nach einigen sehr unruhigen Tagen, in denen sich unser politischer Horizont noch schwärzer umzogen hatte, mit einem unangenehmen Gewitter drohend, klärte er sich über Nacht fast ganz auf, denn unser liebenswürdiger Freund, der russische Consul, Herr von B., ließ uns eines Morgens sagen, soeben erhalte er einen Reitenden aus Damaskus, der ihm die erfreuliche Nachricht bringe: Ibrahim Pascha habe mit der ganzen Armee die Stadt verlassen und sich gegen Jerusalem und das todte Meer gezogen. Ein Postscriptum seines artigen Billets lud uns auf den Abend zu einer Tasse Thee ein, wo wir die Bekanntschaft eines georgischen Fürsten machen sollten, der ebenfalls Willens sei, Jerusalem und die heiligen Orte zu besuchen und sich wahrscheinlich sehr freuen würde, die Reise in unserer Gesellschaft fortsetzen zu können.

Fast jeden Abend waren wir bei dem freundlichen Consul, und wenn Geselligkeit und Unterhaltung stets die Würze des Lebens sind, so gehörten diese kleinen Soireen in den damaligen Verhältnissen zu unsern köstlichsten, genußreichsten Stunden. Wir hatten in unsern Appartements einen einzigen dreibeinigen Stuhl, den wir nur durch zarte Behandlung und kleine Aufmerksamkeiten dahin bringen konnten, daß er uns nicht plötzlich seinen Dienst aufsagte. Dieses Möbel benutzte abwechselnd der, welcher an dem ebenfalls defecten Tische etwas schreiben wollte. Die Andern mußten beim Essen oder sonstigen Beschäftigungen auf ihren Betten, ich wollte sagen auf den Teppichen kauern, die unsere Schlafstellen vorstellten. Wenn ich noch hinzufüge, daß wir unsern Thee in einer Casserole kochten, die Mittags Suppe und Fleisch beherbergt hatte, so kann mir jeder glauben, daß es für uns kein kleiner Genuß war, an einem ordentlichen Tische auf festen bequemen Stühlen sitzend, guten russischen Thee zu trinken und sich in einem gewärmten Zimmer, ohne zu frieren, angenehm unterhalten zu können. Es war in den letzten Tagen Decembers doch etwas kühl geworden und besonders bei uns draußen fegte die feuchte Seeluft unangenehm durch unsere Zimmer, die keine Glasfenster, sondern nur schlechte hölzerne Laden hatten, so daß wir uns nur erwärmen konnten, wenn wir die Pelze umhingen und auf- und abliefen.

Heute Abend war bei dem Herrn B. größere Gesellschaft als sonst. Auf einem Divan saß der Civilgouverneur der Stadt, ein ältlicher Türke mit langem grauem Bart, den er beständig strich, übrigens ein freundlicher Herr; denn er lachte über Alles, was wir zusammen sprachen und von dem er doch gewiß kein Wort verstand. Sein Sohn, ein ganz junger Mensch, saß neben ihm auf einem Stuhle, doch schien ihm dieses Möbel durchaus nicht behaglich; denn bald zog er das eine Bein herauf, bald das andere, und rückte beständig unruhig hin und her. Erst später schien er sich wohler zu fühlen, denn da hatte er, als wir im Eifer des Gesprächs nicht auf ihn achteten, den Stuhl zu einem Divan umgeformt, d. h. er saß mit aufgeschlagenen Beinen auf dem Sitz, was höchst possierlich aussah. Eine andere Person, und für uns die interessanteste in der Gesellschaft, war der georgische Fürst, den uns der Konsul unter dem Namen Fürst Aslan vorstellte, ein nicht sehr großer, aber schlank und zierlich gewachsener junger Mann, mit einem ausdrucksvollen schönen Kopfe; sein Gesicht war etwas bleich, aber antik, edel und fein, wie aus Wachs geformt. Ein langer Schnurrbart vereinigte sich mit einem kohlschwarzen krausen Barte um Wange und Kinn, wodurch der schlanke nervige Hals vortheilhaft hervorgehoben wurde. Sein Auge war, wie das aller Südländer, dunkel und blitzend; die hohe Stirne schmückte eine feine georgische Mütze von Astrachanpelz, die, oben zugespitzt wie die persische Mütze, einen Kegel bildet. Sein Anzug bestand aus einem eng anliegenden Kleide von blauer Seide, ohne Kragen mit Aermeln, das ihm bis an's Knie leichte und von einem gestickten Gürtel zusammengehalten wurde. Seine Hose war weit, von grauer Farbe, unten zusammengeschnürt und ließ den Fuß sehen, der mit kleinen rothen Halbstiefelchen bekleidet war. Ueber dem blauen Gewand hatte er ein anderes von grünem Tuch, ebenfalls ohne Kragen, mit langen aufgeschlitzten Aermeln, die, wenn sie herabhingen, bis zur Wade reichten. Doch warf er sie fast immer über die Schulter und ließ sie zu beiden Seiten der Brust herabhängen. Um beide Röcke ging ein Besatz von Goldborten. Merkwürdig war seine Waffe, ein Handschar, vielleicht anderthalb Fuß lang, der oben eine Hand breit war und sich nach unten zuspitzte. Die Klinge von Khorassan war schwarz, in der Mitte einen Zoll dick und hatte vom Heft bis zur Spitze an jeder Seite eine Hohlkehle; im Handgemenge eine fürchterliche Waffe, zum Hauen, Stechen und Schneiden eingerichtet. Der Griff war schwer von Elfenbein und hatte einen dicken stählernen Knopf, mit dem man auch zur Noth einem Feinde den Schädel einschlagen konnte.

Die Gestalt und Kleidung des Fürsten hab' ich deshalb so genau beschrieben, weil er uns später ein so lieber Reisegefährte wurde, und ich noch oft auf ihn zurückkommen muß. Er war ein guter liebenswürdiger Mensch, offen und gerade, dem man sich im ersten Augenblicke anschließen und ihn lieb gewinnen mußte. Russisch, georgisch und persisch sprach er geläufig, wußte sich auch im Französischen gut auszudrücken und besaß eine Gewandtheit in Führung der Waffen, im Reiten und Voltigiren, die uns oft in Erstaunen setzte. Es dauerte nicht lange, so ward Fürst Aslan mit uns bekannt und erzählte von seinem Vaterlande, sowie von Tscherkessien, das er bereist, und von Petersburg, wo er unter den Gardehusaren gedient. Er hatte häufig das Theater besucht und konnte alle bekannten Arien der neuen Opern stellenweise auswendig.

Im Laufe des Abends wurde öfters von unserer Tour nach Damaskus gesprochen, die jetzt, da Ibrahim abgereist, ausführbar schien, und so bald als möglich unternommen werden sollte. Der gute Consul, der die ihm angenehme Gesellschaft des Barons nicht verlieren mochte, erhob, wie er schon öfter gethan, wegen der Pferde und Führer Bedenklichkeiten; doch sein eigener Janißair, den wir hereinkommen ließen, war kein Diplomat wie sein Herr, und versprach, so viel als nöthig seien, zu besorgen, weßhalb wir ihn vorläufig auf morgen zu uns bestellten. Das Angenehmste bei diesem Hin- und Herreden war jedoch, daß der Fürst, in dessen Plan es gar nicht gelegen, auch Damaskus zu besuchen, hiezu durch unsere Debatten Lust bekam und uns ohne Weiteres seine Begleitung anbot, die wir mit großer Freude annahmen. Denn abgesehen von seiner liebenswürdigen Persönlichkeit, waren in der jetzigen Zeit bei einer Reise durch das Gebirg ein paar Männer, auf die man sich im Fall der Noth verlassen konnte, besser als ein Dutzend Beduinen, die man zur Bedeckung hätte mitnehmen können. Auch der Fürst versprach, unser Schloß am Meer den nächsten Morgen zu besuchen, um das Nähere zu verabreden.

Unsere beiden kranken Reisegefährten hatten sich indessen wieder so weit erholt, daß wir sie verlassen und der Pflege ihres bisherigen Krankenwärters, eines Juden Namens Hassan, ohne Sorge anvertrauen konnten. Es war uns unangenehm, sie nicht mitnehmen zu können, aber das gastrische Fieber hatte sie so geschwächt, daß sie gern die Zeit unserer Abwesenheit benutzen mochten, um zu der weiteren Reise durch Syrien nach Aegypten neue Kräfte zu sammeln.

Dem Janißair des russischen Consuls wurde aufgetragen, für drei Reitpferde, zwei Maulesel, zum Tragen der Effecten, und drei handfeste gute Mucker, so heißen die Führer, zu sorgen; und als Nachmittags der Fürst zu uns kam, um den Tag der Abreise zu erfahren, wurde ihm der folgende Morgen dazu bestimmt, was ihm ganz recht war; denn er und seine Bedienten waren vollständig montirt, hatten ihre eigenen Pferde und freuten sich, je eher je lieber weiter zu ziehen.

Der Himmel, der seit ungefähr acht Tagen sehr unfreundlich ausgesehen hatte, und fast immer mit Wolken bedeckt war, die uns täglich unangenehme kalte Regenschauer herabsandten, klärte sich den Tag vor unserer Abreise ziemlich auf und versprach gutes Reisewetter.

Ich weiß nicht, ob es die Erwartung auf die schönen wilden Gegenden, die wir nun sehen sollten, war, was uns diese Nacht nicht einschlafen ließ; aber der Baron so wenig als ich konnten ein Auge schließen; wir warfen uns auf den harten Teppichen herum, sprachen jetzt zusammen und versuchten dann wieder zu schlafen: Alles vergebens, weßhalb wir den ersten Strahl des Tages freudig begrüßten und uns zum Abritt rüsteten. Es war am 4. Januar.

Der Baron, ich und unser Dolmetscher, Koch und Kammerdiener in einer Person, Giovanni, bestiegen die drei Pferde; auf die Maulthiere wurden Mäntel, Decken, einiges Kochgeschirr sowie Lebensmittel, als gekochtes Hammelfleisch, Wein, Brod, Käse, Kaffee etc. gepackt und als Alles zu unserer Abreise fertig war, drückten wir den kranken Freunden, die uns doch etwas verstimmt nachsahen, herzlich die Hand und ritten zur Stadt, wo wir vor den Thoren mit dem Fürsten zusammentrafen. Dieser ritt ein kleines, aber starkes russisches Pferd und seine Begleitung bestand aus einem Kammerdiener, der ein tscherkessisches Costüm trug, einen Rock von einer Art dickem Filz gemacht, auf dem an jeder Seite der Brust zwölf kleine Behälter für Patronen aufgenäht waren. Er hieß Skandar und hatte denselben Gesichtsschnitt, wie sein Herr, nur etwas plumper und nicht so ausdrucksvoll, wie jener. Ferner hatte der Fürst einen Tscherkessen bei sich, der die Pferde pflegte; es war ein riesengroßer, baumstarker Mensch, Namens Mechmet, der ein türkisches Costüm, das ihm der Prinz geschenkt, sowie einen grauen Beduinenmantel trug und mit einem Handschar und einem Wurfspieße bewaffnet war. Die Spitze des Letzteren putzte er besonders vor dem Ausreiten mit seinem Mantel blank und sauber, weil er behauptete, sie glänze dann im Sonnenlicht weit hin, und halte die Feinde, die uns anfallen wollten, im Respekt. Für das Gepäck hatte der Prinz ebenfalls ein Maulthier mit einem Mucker.

Nachdem wir unsere Streitkräfte versammelt, zogen wir westlich durch einen holperigen Hohlweg, den wir bei unsern Spazierritten schon öfters verwünscht und dem auch heute wieder manches böse Wort galt. Mechmet, mit dem Wurfspieß, fing hier seine Bergtour nicht glücklich an. Sein Pferd machte einen Fehltritt und beide kollerten über einander hin, glücklicher Weise jedoch ohne Schaden zu nehmen. In der ersten halben Stunde unseres Rittes fühlte ich mich auf meinem ziemlich starken Pferde gar nicht heimisch. Ich hatte einen alten Beduinensattel, der, vorn und hinten sehr hoch, nur einen schmalen Sitz bietet und dann nur angenehm ist, wenn man es versteht, mit so kurzen Bügeln wie die Wüstensöhne zu reiten, daß die Kniee den Hals des Pferdes erreichen. In diesem Fall findet man nach einiger Uebung das Galoppiren recht angenehm, doch ist in der Stellung vom Traben keine Rede. Ich schnallte meinen Bügel lang, was ich bei ähnlichen Sätteln jedem Europäer rathe, da man bei einem unglücklichen Sturz mit dem Pferde durch die kurzen Bügel schlimm über den Kopf des Pferdes geworfen werden kann.

Wir zogen nordwestlich von der Stadt im tiefen weichen Sand durch jene Pinienanpflanzungen des Schach Fachreddin, von denen ich früher gesprochen. Hie und da wand sich ein kleines Bächlein, ein Kind des ewigen Schnees droben, durch den trocknen Grund, und sah von Weitem wie eine grüne glänzende Schlange aus, denn rechts und links an seinen Ufern trieb die Feuchtigkeit hunderte von Pflanzen und Kräutern hervor, die sich auf dem gelben Sand scharf abzeichneten. Zwischen drei oder vier solcher Bäche, wenn sie auch mehrere hundert Schritt auseinander liegen, haben die Leute Palmen gepflanzt und auf unserm Wege kamen wir durch kleine Wälder dieser schönen Bäume, die um den Fuß des Libanon einen grünen Gürtel zogen.

In kurzer Zeit hatten wir die Stadt, sowie die Pinien hinter uns und genossen den vollen Anblick des prächtigen Gebirges, von der darüber emporsteigenden Sonne malerisch beleuchtet. Wir ritten aufwärts, und unser Weg, wenn man die Bahn, die vor uns hinaufziehende Karawanen gemacht, so nennen kann, führte anfänglich über eine breite sandige Fläche, die mit zahlreichen Pinien, Platanen und Sykomoren bedeckt war. Oft blieben wir stehen und schauten rückwärts, denn es begann sich hinter uns eine große schöne Aussicht zu entfalten. Die Landzunge, auf der Beirut liegt, hatten wir noch nie Gelegenheit gehabt, in ihrer ganzen Ausdehnung zu übersehen. Jetzt standen wir hoch über der Stadt wie auf einem Thurm und sahen vor uns das Meer auf drei Seiten den Halbkreis, auf dem Beirut liegt, umspülen; die Stadt, welche mit den sie umgebenden Gärten und Anpflanzungen einen ziemlichen Raum einnimmt, verschwand fast gegen die ungeheure Wasserfläche, die sich vor uns ausbreitete. Zur linken Hand trat das Land in einer ähnlichen Spitze in's Meer, doch für unser Auge zu weit, um dort etwas erkennen zu können. Das war Saida. – Drunten im Hafen von Beirut lagen die großen englischen Linienschiffe und schienen uns nicht größer als Nußschalen zu sein. Eins der Kriegsdampfboote wandte sich und ruderte fort – ein Wasserinsect, das den Bach durchschwimmt; ein anderes sahen wir auf der Höhe der See und erkannten es nur an dem langen dunkeln Rauch, der es umhüllte. –

Nach zwei Stunden beständigen Aufwärtssteigens kamen wir an ein einzeln stehendes Haus, Chan oder Wirthshaus, mit einer aus unbehauenen Steinen roh zusammengesetzten Wasserleitung, die einen klaren Felsbach in ein Bassin im Hof führte; wir zogen vorbei, und da hinter diesem Hause der Weg ziemlich steil zu werden anfängt, stiegen wir von den Pferden und führten sie. Der Boden war zum Marschiren sehr unangenehm, ein weicher sehr tiefer Sand, der das Gehen außerordentlich erschwerte; auch brannte die Sonne heftig, obgleich wir uns im Monat Januar befanden, und erwärmte mehr, als nöthig war. Bewundernswürdig war bei diesen schlechten Wegen die Klugheit und Ausdauer unserer Pferde, denn obgleich man ihnen wohl das arabische Blut ansah und sie die edle Race ihrer Stammeltern nicht verläugneten, waren es doch nur gebrauchte Miethpferde, von denen die meisten obendrein schon sehr bei Jahren waren; aber alle waren noch stark auf den Beinen und höchst selten stolperte eins; auch brauchte man sie nicht anzutreiben, sondern ruhig und unermüdlich kletterten sie so rasch aufwärts, daß wir ihnen kaum folgen konnten.

Hie und da begegneten wir einzelnen Maroniten und Drusen, die zur Stadt hinabstiegen, um Einkäufe oder sonstige Geschäfte zu besorgen. Alle grüßten uns freundlich und verließen uns mit einem lauten: Allah il Allah! Etwas höher hinauf kamen uns Schwarze entgegen, welche ein paar türkische Weiber von Damaskus hergeleiteten. Die Damen saßen auf Maulthieren und waren stark verschleiert. Viel Freude verursachte uns eine andere Begegnung. Bei einer Biegung des Wegs sahen wir eine kleine Gesellschaft auf uns zukommen, die wir ihrem Costüm nach sogleich für Europäer erkannten. Es war ein Mann zu Pferde und hinter ihm zwei Frauenzimmer auf Maulthieren. Sie schienen von unserem Anblick ebenso überrascht wie wir von dem ihrigen. Sie waren Deutsche aus dem Elsaß und der Mann Militärarzt bei Ibrahim Pascha gewesen. Sie hatten Damaskus nach Abzug der Armee verlassen und gingen nach Beirut, um sich in die Heimath einzuschiffen. Wer es schon gefühlt hat, wie wohlthuend die Klänge der heimathlichen Sprache in der Fremde auf das Herz wirken, wird glauben, daß wir uns herzlich begrüßten und ein kleines Gespräch hielten, ehe wir wieder schieden. Wie gute Freunde, die sich verlassen, sahen wir uns öfter nach einander um und schwenkten die Tücher. Bald waren sie unseren Augen entschwunden.

Wir stiegen noch eine Stunde sehr steil aufwärts und hatten bald einen bekannten Chan erreicht, der wohnlicher als alle andern im Libanon eingerichtet, häufig von Reisenden, die über das Gebirge ziehen, zum ersten Nachtlager benutzt wird, – Chan el Hussein. Auch unsere Mucker fingen gleich bei unserer Ankunft an, die Thiere abzuladen, als verstünde es sich von selbst, daß wir hier anhielten. Doch war es erst Mittags ein Uhr, weßhalb wir heftig dagegen protestirten und weiter zu ziehen verlangten. Aber wie es uns zuweilen bei dergleichen Streitigkeiten mit den Eingeborenen ging, unser edler Dolmetscher Giovanni schlug sich auf ihre Seite, indem er wahrscheinlich nicht Lust hatte, für heute weiter zu gehen. Er malte uns die schrecklichsten Dinge aus, die uns treffen würden, wenn die Nacht uns in den Pässen des Libanon überraschte; er sprach von Abgründen voll Schnee und Eis, von Räubern und Gott weiß was Alles. Doch war uns noch der Zug über den Balkan, von dem man uns beinahe das Nämliche prophezeit hatte, zu frisch im Gedächtniß, um uns auf das Gerede dieser Leute zu verlassen. Aber was konnten wir machen? So sehr wir in den Dolmetscher drangen, die Leute zu fragen: ob es denn auf keine Weise möglich sei, noch heute weiter zu gehen und einen andern Chan zu erreichen, so ertheilte er uns beständig die Antwort: man sage, das sei unmöglich. Wir hätten also die Nacht hier zubringen müssen, wenn nicht durch die ziemlich heftig geführten Debatten ein anderer Araber aufmerksam geworden und näher getreten wäre. Er fragte den Baron in einem ganz verrenkten Englisch, ob er nicht diese Sprache kenne. – Nun ist wohl nie eine Mundart mehr geradbrecht worden als diese; aber sie klang wie Musik. Der Araber sagte uns, ihm scheine, als wollte unser Dertscheman (Dolmetscher) nicht weiter gehen; denn die Leute haben ihm schon mehrmal gesagt, es sei wohl möglich, wenn wir bald aufbrächen, mit Einbruch der Nacht einen andern Chan zu erreichen; doch müßten wir uns beeilen, da der Weg dahin ziemlich schlecht sei. Jetzt wurden natürlich alle Unterhandlungen abgebrochen. Der englische Araber mußte den Muckern erklären, daß wir auf jeden Fall weiter wollten und noch heute einen andern Chan erreichen, wornach sie sich einzurichten hätten. Unserm Giovanni, der es wieder einmal verdient hätte, bedeutend geprügelt zu werden, wurde strenge befohlen, gleich aufzupacken und nach einigen Minuten ging die Reise weiter.

Ich habe dies kleine Intermezzo erzählt, um einen Begriff zu geben, wie sehr der Reisende im Orient von den Launen dieser Dolmetscher abhängt. Dies ist nicht das einzige Beispiel der Art und nicht immer trafen wir einen Sprachkundigen wie heute, der uns aus der Verlegenheit half. Mit anständiger Behandlung und guten Worten, wie sie der Baron den Dienern stets zukommen ließ, ist bei diesem Volk nichts ausgerichtet; und ich rathe jedem Reisenden, bei dem geringsten Widerspruch oder unverschämten Betragen dieser arabischen Bedienten den Prügel zu gebrauchen. Läuft auch so ein Kerl heute fort, er wird morgen sicher wieder kommen, denn Herrschaften, die, wie die europäischen Reisenden, außerordentlich viel bezahlen, trifft er nicht gleich wieder, und so unangenehm es freilich für uns gewesen wäre, bei unsern Ausflügen, entfernt von den Küstenstädten, von dem Dolmetscher verlassen zu werden, ebenso fatal wäre es für ihn selbst gewesen, wenn wir ihn fortgejagt hätten, und ich bin überzeugt, er hätte zuerst sich uns wieder genähert.

Gleich hinter dem Chan el Hussein begann der Weg eine andere Gestalt anzunehmen. Bis hieher hatten wir meistens Sand, zuweilen auch Erde gehabt, und nur stellenweis fanden wir den Pfad mit Steinen bedeckt, auch hatten uns beinahe bis auf diese Höhe Pinien, Fichten und kleine Gesträuche aller Art nicht verlassen. Jetzt wurde die ganze Gegend kahl und öde. Der Boden, aus Fels bestehend, gewährte nur schmale Pfade, die sich beständig um gewaltige Klippen herumwanden und sehr steil aufwärts gingen. Auch war es viel kühler geworden. Die mit Schnee bedeckte Spitze des Dschebbel Schech, welche links vor uns lag, kühlte die Luft ab und sandte uns nicht selten sehr kalte Winde. Vor uns zog eine lange Reihe Kameele, die wir bald überholten; sie waren mit langen Balken beladen, von denen jedes der Thiere zwei trug, rechts und links am Packsattel hängend und mit dem Körper parallel laufend. In kurzer Zeit ließen wir sie weit hinter uns und hatten nach einer Stunde die erste Höhe des Gebirges erklettert, – die erste der drei Ketten, welche den Libanon ausmachen und die durch wilde, fast ungangbare Thäler getrennt, drei gewaltige Ringmauern bilden.

Von dieser Höhe wandten wir noch einmal den Blick rückwärts; doch sahen wir nichts als das weite öde Meer; Beirut dicht an den Fuß des Libanons geschmiegt, war unsern Augen entrückt. Unsere Mucker, die sehr eilten, um vorwärts zu kommen, ließen uns indeß nicht lange Zeit zum Umsehen. Der Weg führte jetzt abwärts, d.h. wir mußten uns durch die Klippen und Schlünde, die vor uns lagen, einen suchen. Ein großartig wildes Thal war es, in welches wir jetzt hinabstiegen. Es versteht sich von selbst, daß jeder absaß, um sein Pferd zu führen oder es vielmehr wie die Araber zu machen, um sich vom Pferde führen zu lassen. Bei solchen Wegen ist die Klugheit dieser Thiere wirklich bewundernswürdig, die Sicherheit, mit der sie, ohne zu stürzen, über das lockere Geröll gehen. Wir ließen sie den Weg suchen und folgten ihnen. Bald wandten sie sich zwischen zwei aufrecht stehenden Felsblöcken hindurch und wo uns auf einmal ein fast senkrechter Abhang alles weitere Fortkommen abzuschneiden schien, suchten sie so lange herum, bis sie eine ihnen vielleicht bekannte Furth gefunden, durch die wir hinabkamen, die aber oft so schmal war, daß wir kaum einen Fuß vor den andern setzen konnten. Jetzt bildete der Weg mehrere hundert Schritte lang eine sehr steil sich niedersenkende Fläche, wo Alles, ohne anhalten zu können, hinabrutschte, und sich jeder erst durch Anprellen an die unten stehenden Felsen wieder sammeln konnte. Ohne Unfall erreichten wir in kürzerer Zeit als wir geglaubt, den Grund des Thales, in dem ein eiskaltes klares Bergwasser floß. Rings war alles still und erschreckend ruhig, keine Spur irgend eines menschlichen Wesens, kein Grün der Bäume und Sträuche, nur hie und da ragten einige verkrüppelte erstorbene Fichten aus dem Gestein. Eine Zeit lang gingen wir an dem Bache aufwärts und kamen an einer halbverfallenen verlassenen Hütte vorbei, wo der Weg wieder rechts an der andern Thalwand hinaufführen sollte. Doch sahen wir keine Möglichkeit, da hinaufzuklettern, und wir glaubten schon, unsere Führer müßten irre gegangen sein, als wir plötzlich auf der Spitze der vor uns liegenden Felsen einen Zug Maulthiere erblickten, die sich eben anschickten, zu uns herabzusteigen. Wir hielten an, um den Thieren zuzusehen und glaubten jeden Augenblick, wenn sie einen neuen Zacken überstiegen, jetzt müßten sie stürzen und zerschmettert vor unsere Füße rollen. Oft gingen sie auf einem Pfade, der, von unten gesehen, nicht breiter, als ihre Füße zu sein schien, an der einen Seite eine steile Wand, an der andern einen mehrere hundert Fuß tiefen Abgrund. Jetzt stiegen sie einen senkrechten Felsen im Zickzack herab, um auf einem Steindamme weiter zugehen, wo sie ungefähr aussahen, wie kleine Fliegen, die über einen Messerrücken laufen, bald verschwanden sie hinter Klippen, die wie Zuckerhüte emporragten, und erschienen jetzt wieder an einer scharfen Kante hängend; wo wir keinen Pfad erblicken konnten und der ganze Zug oft aussah, wie wehendes Gras über einem Abgrund.

Für die Höhe der Berge waren sie in kurzer Zeit bei uns und nachdem wir einige Worte mit den Treibern gewechselt, begannen wir denselben Pfad hinaufzuklettern, den ich oben beschrieben, und wenn sich auch bei genauer Betrachtung Manches nicht so gefahrvoll darstellte, als es anfangs schien, so war die ganze Sache doch halsbrechend genug und beim Ersteigen der Klippen fanden sich oftmals einzelne Stellen, die ich zu jeder andern Zeit für Menschen ungangbar gefunden hätte, geschweige für Pferde. So war etwas höher hinauf der Weg eine förmliche Treppe, wo jede Stufe aus einem Felsblock von zwei bis drei Fuß Höhe bestand. Die Breite betrug gleichfalls nicht mehr; an der einen Seite hatten wir eine steile Wand, an der andern den Abgrund. Außerdem stürzte über diese Treppe ein kleines Wasser hinab, das, hie und da Pflanzen und Moose ansetzend, den Weg schlüpfrig und gefährlich machte. Jemand, der am Schwindel litt, hätte ich nicht rathen mögen, von diesen Höhen einen Blick in die Tiefe rings um sich zu thun. Die ganze Umgebung war kolossal, großartig wild.

Als wir höher gestiegen waren, sah ich, daß das Thal, das wir soeben verlassen, nur eine kurze Strecke die erste Bergkette mit der zweiten verband. Rechts und links neigte es sich, zuerst kaum merklich, dann aber auf einmal mit einem gewaltigen Absturz gegen das Meer hin, welches wir jedoch nicht mehr sahen, und ließ uns in riesige Schluchten schauen, an denen ein scharfes Auge die Natur des Libanon studiren konnte. Tief unten schien der Boden dieser Schluchten mit grünen Wellen bedeckt, die an den Wänden hinauf schlagend immer durchsichtiger wurden. Das waren Wein- und Oel-Pflanzungen der maronitischen Dörfer, die hie und da in den Bergen liegen, üppige Wälder, die der untere Strich des Gebirges hervorbringt. In die rauhere Region hinaufragend, werden sie allmählig lichter und laufen endlich in hie und da zerstreute Pinien, Fichten und Cederngruppen aus. An sie stoßen gelbe Strecken Landes, die man für Sand halten könnte; doch sind es Getreidefelder, die noch bis zu einer beträchtlichen Höhe dicht mit Aehren bedeckt sind. Jetzt erst kommt der Sand, der später den rauhen Felsen Platz macht, welche von kleinen Steinen, womit die Wege bedeckt sind, bis zu ungeheuren Blöcken anwachsend, das schneebedeckte Haupt des Berges unterstützen. Unten im Thale von Beirut war es, obgleich der Himmel mit Wolken bedeckt war, ziemlich heiß gewesen, und wir hatten zu Anfang unseres Marsches Mäntel und Pelze bei Seite gelegt; doch sahen wir uns bald veranlaßt, sie wieder zu nehmen. Wir erstiegen jetzt die mittelste und höchste der drei Bergketten des Libanon und es begann hier oben empfindlich kalt zu werden. So ruhig unten die Luft war, so machten sich doch auf dieser Höhe die Winde bemerkbar und brachen hie und da aus den Schluchten hervor, unsere Mäntel und die Mähnen der Thiere lüftend. Alle Vegetation hörte hier gänzlich auf und statt der kleinen Sträucher und Moose, die tiefer unten die Schluchten des Gesteins ausfüllten, ringelten sich hie und da von dem weißen schneebedeckten Haupte des Berges einzelne dünne Locken bis zu unsern Füßen, lange Streifen glänzenden Schnees. Für uns Europäer war es ein eigenes Gefühl, als wir wieder Schnee sahen, den guten Bekannten aus der Heimath, den alten Jugendfreund. Ich konnte mich nicht enthalten, von meinem Pferde zu steigen und eine Hand voll zusammen zu ballen, die ich mit meinem Gruß an die Heimath einen der Abhänge hinabrollen ließ. Die Pferde schienen sich dagegen mit dem Schnee nicht recht befreunden zu können; denn so weit sie konnten, gingen sie ihm aus dem Wege und als sie bei größeren Strecken auf ihn treten mußten, thaten sie es so vorsichtig und behutsam, die Beine hoch aufhebend, als fürchteten sie, bei jedem Schritte durchzubrechen.

Hiezu kam noch etwas auf dieser Höhe, was uns sehr interessant war, den Muckern aber, sowie ihren Thieren ebenfalls nicht zu gefallen schien. Allmälig ritten wir in die Wolkenschlucht, welche die Spitze des Gebirges bedeckte. Zuerst empfanden wir eine kalte Zugluft, die uns von allen Seiten anwehte und mit einem leichten Nebel bedeckte, der mit jedem Schritte dichter wurde; wie bei einem kalten Wintertag zeichnete sich der Athem der Menschen und Thiere dunkler ab und ließ im Pelz und im Bart einen kleinen Reif zurück. Unser Hauptmucker, d.h. unser erster Führer, nahm die Spitze des Zugs, und bedeutete uns sehr ernsthaft, ihm genau zu folgen, sowie einzeln zu reiten, immer einer dicht hinter dem andern, weil der Weg zur höchsten Spitze der zweiten Bergkette, die wir jetzt zu überschreiten hatten, es nicht anders zulasse und wir uns bei dem dichten Wolkennebel verirren könnten, eine Besorgniß, die sehr gegründet war, denn bald konnten wir die Gegenstände vor uns kaum mehr auf drei Schritte erkennen. Dabei sah Alles sehr groß, ja riesenhaft aus; das Pferd des vor mir reitenden Barons schien sich' kolossal auszudehnen; sein Mantel flatterte wie ein zerrissener Wolkenschleier und wenn ich zufällig einem solchen Reiter begegnet wäre, wurde ich ihn für einen mächtigen Berggeist gehalten haben, der, vom Sturmwind getragen, durch sein Revier braust. Dabei wurde der Weg sehr gefahrvoll und führte uns auf ganz eigenthümliche Weise die Spitze hinan; eine Art Hohlweg, in dem wir eine kurze Zeit geritten, hörte mit einem Mal auf, und vor uns dehnten sich große Schieferplatten aus, die, wie durch Menschenhände zusammengefügt, eine glatte Fläche bildeten. Steil, wie ein Hausdach, ging sie aufwärts und den Pferden und Maulthieren wurde das Ersteigen nur durch kleine Löcher möglich gemacht, die man in den Stein gehauen hatte und worein die klugen Thiere vorsichtig ihre Füße setzten und so aufwärts kletterten. Obendrein wurde diese Passage noch durch den vielen Schnee beschwerlicher gemacht, und wäre ganz unzugänglich gewesen, wenn die heftigen Winde, die hier oben wehten, es zugelassen hätten, daß der Schnee die ganze Spitze bedeckte; so aber konnte er sich nur hie und da erhalten, wo ihn Felswände schützten, aber an solchen Stellen war er oft mannshoch zusammengethürmt.

Bald jedoch hatten wir diesen Weg und die Wolken im Rücken, aus denen ich die Mucker und Thiere hinter mir einzeln, wie aus einem großen Wasserspiegel, auftauchen und an's feste Land treten sah. Der Himmel, der früher die Wolken, über welchen wir uns befanden, bedeckt hatten, sah jetzt klar und freundlich blau auf uns hernieder.

Die Hochebene, über die wir nun ritten, glich einer Insel im Meere, denn wie mit brandenden Wellen war sie rings von den Wolkenmassen umgeben, die sich hin- und herbewegten und bei jedem Windstoß ihre Gestalt verändernd, die Täuschung vollkommen machten. Aus diesem Meere hoben sich rechts und links die höchsten Spitzen des Gebirges, der Dschebbel Schech und der Dschebbel Sanin, achttausend Fuß hoch, die mit ihren im Sonnenlicht glänzenden Schneemänteln wie Eisberge aussahen. Doch nur kurze Zeit hatten wir einen etwas bequemeren Weg. Bald verengte er sich wieder und wand sich, sanft ansteigend, um eine höhere Spitze des Berges, die uns zur Rechten lag, wo er gefährlicher als je wurde. Zur Rechten hatten wir eine fast senkrechte Bergwand und links eine der tief hinabreichenden Schluchten, von denen ich oben sprach. Der Pfad selbst war höchstens zwei Fuß breit, mit Schnee bedeckt und nicht einmal gerade, sondern nach der Schlucht zu etwas abschüssig. Die Thiere konnten natürlich nur eins hinter dem andern gehen und drückten sich, die Gefahr kennend, so fest wie möglich gegen die Bergwand, den Reiter nicht selten unangenehm gegen die Felsen stoßend. Die Schlucht links gewährte einen eigenthümlich großartigen Anblick. Die Wolkenmassen hatten sich etwas gesenkt und ließen uns vielleicht hundert Fuß weit hinabsehen; dann versperrten sie die Aussicht und die grauen bewegten Nebel sahen nicht anders aus, als seien sie der Rauch von einem ungeheuren Feuer, das dort unten flamme. Etwas weiter hinauf sahen wir sie von der Sonne rosig gefärbt und man konnte glauben, in einem kolossalen Theater zu sein, wo am Schluß des Stücks die Wolken, die die Genien getragen, langsam verschwinden; mit ihnen verschwand die Poesie, welche die Gegend verschönte, und der Schauplatz verwandelt sich in die frühere öde Gegend.

Sowie es wohl nicht leicht ein zweites Gebirge gibt, das sich in prächtigere Farben kleidet, als der Libanon, z. B. bei Sonnenuntergang, so gibt es auch wohl keins, das so sonderbar geformte und in ihrer Gestaltung so verschiedenartige Thäler aufzuweisen hat wie dieses. Bald sind sie wild und rauh, mit chaotisch auf einander gethürmten Felsenmassen, unheimlich, als ruhe der Fluch des Schöpfers auf ihnen, bald findet der Blick, der suchend über die Spitzen irrt, ein anderes, das den vollkommensten Gegensatz bildet. So erinnere ich mich besonders eines, in das ich meine Gedanken und Träume versenkte, bis mir eine Biegung des Wegs seinen Anblick entzog. Zwischen rothen kahlen Felsen lag es, klein aber freundlich, mit frischen Wiesen und grünen Sträuchern, und besonders schön war es, daß ein ebenfalls grün bewachsener Hügel die weitere Aussicht hemmte, den Blick abhielt, die dahinter liegenden Felsen zu sehen und dagegen den Gedanken gestattete, sich noch Schöneres auszumalen, was in der Wirklichkeit hier nicht vorhanden war. Es war mir wie ein Thal aus der Heimath. Hinter jenem Hügel mußte ein kleines Dorf liegen und nur die aufsteigenden Abendnebel hinderten mich, den Kirchthurm mit der blanken Spitze zu sehen; doch das Geläute der Glocken hörte ich, deutlich hörte ich es und wenn mir auch mein Auge sagte, es seien die Schellen unserer Saumthiere, so glaubte ich ihm doch nicht und blickte scharf nach dem hübschen Thal, um bald die Häuser zu sehen, deren Fenster, von der Abendsonne bestrahlt, in hellem Feuer brannten. Ach, in einem Thal, das diesem glich, hatte ich einstens schöne Tage verlebt; es war aber auch nur eine Täuschung und nach kurzer Zeit trat das Schicksal, wie jetzt die Felsen, zwischen mich und das Thal, und ich mußte wie hier auf ewig Abschied von ihm nehmen.

Ueber den mittlern und höchsten Bergrücken waren wir nun glücklich hinüber und noch einmal, aber in ein weniger wildes Thal, als das erste, hinabsteigend, sahen wir den dritten und letzten Gebirgszug des Libanon vor uns, an dem unser heutiges Nachtquartier liegen sollte. Die Sonne war hinabgestiegen und aus den Thälern und Schluchten erhoben sich dunkle Nebel. Unsere Pferde, denen der heutige Marsch etwas stark mochte vorgekommen sein, schienen sehr ermüdet, und doch eilten die Mucker so rasch wie möglich vorwärts, um den Chan baldigst zu erreichen, bis wohin wir noch eine beschwerliche Strecke Weges haben sollten, besonders unangenehm für uns, da die Nacht, die hier fast ohne Dämmerung sehr rasch eintritt, noch ehe wir den letzten Höhenzug erreicht, völlig eingebrochen war und sich heute so finster anließ, daß ich für meine Person die nächsten Gegenstände nicht mehr unterscheiden konnte. Obendrein hatten sich am Himmel schon mehrere Stunden lang neue Wolken gesammelt und es fing an zu schneien, eine Unannehmlichkeit, die noch durch den scharfen Wind, der uns aus dem Thale entgegenblies, vermehrt wurde. Unser Weg führte einen Bach hinab und bildete keine angenehme Passage. So fatal die Dunkelheit in einer Art war, so hatte sie doch den Vortheil, daß wir die Gefahren des Weges nicht so sehen konnten und man mußte in Gottes Namen den Vorhergehenden folgen; rutschten die eine Strecke mit den Pferden hinab, so wüßte ich, daß mir gleich dasselbe passiren würde, und machte mich auf einige Stöße gefaßt. Zuweilen bildete unsere Karawane einen großen Knäuel, bei dem es noch ein Glück war, daß unsere armen Thiere sehr ermüdet waren und deßhalb nicht anfingen zu schlagen; bald zog sich die Gesellschaft lang aus einander und wurde nur durch das Schreien der Mucker wieder zusammengebracht, die, wie die türkischen Posttartaren, unnachahmlich heulten, um bei der Dunkelheit den Weg anzuzeigen.

Nach einer Stunde erblickten wir vor uns etwas, wie ein großes Felsstück, nur regelmäßig geformt und dadurch sich von den übrigen unterscheidend, das die Mucker mit lautem Geschrei begrüßten. Es war unser Chan, und wir Alle fühlten uns glücklich, in dem Unwetter des Schneesturms endlich ein Obdach zu haben, mochte es nun im Innern aussehen, wie es wolle.

Dieser Chan, seinen Namen wußten die Leute selbst nicht, war ein ziemlich großes Gebäude, durch lose aufeinander gefügte Steine aufgeführt, deren Ritzen mit Moos und Erde verstopft waren. Die Mauern mußten ungefähr zwanzig Fuß Höhe haben. Das platte Dach bestand aus Palmbaumstämmen, die man neben und über einander gelegt hatte, und deren Zwischenräume ebenfalls mit Moos und Erde verstopft waren; oben lag eine Schichte großer Steine, die das Dach gegen den Sturmwind schützten, der es sonst in kurzer Zeit herabschleudern würde. Auf gleiche Art sind alle Chans oder Wirthshäuser durch ganz Syrien gebaut. Im Innern war unser heutiges in drei Theile getheilt, wovon der größte den Stall, ein anderer das Bedientenzimmer und der dritte unser Appartement vorstellte. Alle drei glichen sich in ihrer innern Einrichtung so ziemlich, nur war der Stall durch die Wärme der Thiere und das hingeworfene dürre Laub und weniges Stroh am wohnlichsten und bot den meisten Comfort. Neben diesen Lokalen befand sich noch in dem Chan eine Art Vorhaus, oder besser gesagt, das Dach war einige Schuh vorgebaut und bildete, durch Palmbäume unterstützt, einen Schuppen, unter den die Saumthiere getrieben wurden, damit man sie bei einem Wetter wie das heutige im Trockenen abladen konnte.

Die meisten dieser Chans sind, wenn man es so nennen will, Stiftungen, vielleicht ließ ein Reisender, der kein Obdach fand, und hier unter freiem Himmel übernachten mußte, später aus Humanität für Andere, die sich in gleichem Falle befänden, das Gebäude aus seinen Mitteln aufführen. Daß hier an keine Wirthschaft zu denken ist, und jeder nur das hat, was er mitbringt, versteht sich von selbst; nur in einigen der größten, die auf den Hauptstraßen liegen, wie auch unser heutiges, halten sich zuweilen Araber auf, die den Reisenden, natürlich zu immensen Preisen, Brod, Kohlen, sowie auch Stroh und Gerste für die Thiere verkaufen.

Unsere Mucker, die einige Schritte voraus waren, ritten gleich unter das hervorragende Dach, um abzuladen, und wenn wir auch gewohnt waren, bei derlei Geschäften ein großes Geschrei und Spektakel zu hören, so erhob sich doch gleich nach ihrer Ankunft ein solch entsetzlicher Lärm von Menschenstimmen und Wiehern der Pferde, daß wir eilig hinzuliefen, und nach der Ursache des Spektakels zu sehen. Was war es? Das Haus und den Vorplatz hatte ein türkischer Oberst, der von Damaskus kam, mit seinem Gefolge eingenommen und da nicht alle Pferde im Stalle Platz fanden, waren mehrere unter dem Vordache angebunden, die nicht so friedlicher Natur, wie die unserer Mucker, anfingen auszuschlagen, worauf die Türken, die Gott weiß welchen Ueberfall vermuthen mochten, mit Waffen und Feuerbränden aus dem Hause stürzten, um sich zu vertheidigen oder vielleicht auch nur, um davon zu laufen. Bei unserem Anblick stutzten sie, beruhigten sich jedoch, als ihnen der Baron bedeuten ließ, wir seien Reisende wie sie und suchten Nachtquartier, und einer der Türken, ein stattlich aussehender Mann, legte die Hand an's Feß und sagte uns das wohlbekannte Maschallah (Gott segne deinen Eingang). So war der Friede wieder geschlossen. Die Reiter banden ihre Pferde etwas entfernt von den unsrigen, und während sich die Mucker mit Abpacken beschäftigten, traten wir in das Gemach. Hier sah es ziemlich unheimlich und trostlos ans. Es kam uns kein Oberkellner mit einem Dutzend Unterkellner entgegen, Servietten auf dem Arm und Wachslichter in den Händen, um die Nummern unsrer wohleingerichteten Zimmer abzurufen. Hier war nur eine einzige Nummer und so niedrig, daß der Baron kaum aufrecht darin stehen konnte. Der Boden bestand aus zusammengetretener Erde, in der Mitte befand sich eine Vertiefung, worin glühende Holzkohlen lagen, die eine dreifache Bestimmung hatten, den Kaffee daran zu kochen, das Gemach zu erwärmen und zu beleuchten.

Der Oberst, als solchen machte ihn der diamantne Nischah auf seiner Brust kenntlich, war so gütig, seine Begleitung vom Jüs-Baschi (Hauptmann) abwärts, in das andere Gemach zu schicken, damit für uns Platz würde. Nachdem Giovanni unsere Mäntel und Decken, auch ein brennendes Licht hereingebracht, richteten wir uns so behaglich als möglich ein. Der Kammerdiener des Fürsten, Scandar, kochte einen ächt russischen ausgezeichneten Thee, der uns innerlich erwärmte und den gefrorenen Humor aufthauen ließ. Dann soupirten wir, indem wir Fleisch und Brod auf einer ledernen Pferdedecke ausbreiteten, stopften unsere Pfeifen und gaben den aufhorchenden Türken noch ein Vokalconcert zum Besten. Fürst Aslan sang Verschiedenes aus dem Barbier von Sevilla, der Baron aus Norma: ›Zu dieser Stunde sollst du erfahren‹ und ich trug das bekannte Duett aus den Puritanern vor.

So sehr jedoch den Oberst und seine Gefährten unser Gesang und uns die Freude dieser Leute amüsirte, fühlten wir doch bald das Bedürfniß zum Schlafen und machten Anstalten, zu Bette zu gehen; ein Stein wurde zum Kopfkissen genommen, der Baron wickelte sich in seine ungarische Bunta, von der er mir jedoch großmüthig ein Stück zukommen ließ, die Türken legten die Pfeifen weg und bald herrschte tiefe Stille, nur zuweilen von dem Heulen des Sturms draußen oder von dem Schnarchen eines der Schläfer unterbrochen. Es war aber ein sehr unbequemes Bett. Man mußte die Beine beständig an sich ziehen, um sich nicht an den Holzkohlen, die in der Mitte des kleinen Gemachs brannten, zu versengen. Aber müde, wie wir waren, entschliefen wir bald. Doch dauerte unsere Ruhe nicht gar lange. Ich erwachte nach einigen Stunden von einem Geräusch, herabfallenden schweren Regentropfen ähnlich, wie sie im Sommer als Vorposten eines Gewitters ankommen. Ich verhielt mich ruhig, um den Schlaf der Andern nicht zu stören und fühlte nur, da mir ahnte, was es sein könnte, mit der Hand auf meinem Pelz und dem Boden herum. O weh! da war Alles naß. Von der Decke fielen wirklich schwere Tropfen und in nicht geringer Anzahl. Der Schnee, der den Tag über auf das Dach gefallen war, schmolz durch die Wärme unsres Feuers und drang durch die schlecht zusammengefügten Baumstämme, bei diesem Durchsickern von dem darauf geworfenen Lehm mit sich führend, so daß zugleich Schmutz und Wasser auf uns fiel. Der Baron richtete sich ebenfalls in die Höhe und der arme Fürst, der unglücklicher Weise in einer Ecke lag, versicherte uns mit seinem Lieblingsschwur parole d'honneur, er liege in einer wahren Sauce und sei schon lange wach. Nach langem Berathschlagen, was zu thun sei, wurden wir mit dem türkischen Oberst einig, Feuer anmachen zu lassen und Kaffee zu kochen, um so den Morgen zu erwarten. In Kurzem war Alles munter. Etliche zehn Pfeifen dampften. Ich aber nahm den Burnus eines unserer Araber und ging vor das Haus, mich im Freien ein wenig umzusehen.

Es war eine wilde Nacht. Das Schneegestöber hatte aufgehört und der Sturm lag zwischen den Felsenzacken und pfiff aus dem zerrissenen Gestein die seltsamsten Melodien. Unser Chan stand hart an der abschüssigen Wand eines Thales, das lang vor mir ausgestreckt lag und in seiner Wildheit dem Wohnorte böser Geister glich. Hie und da erhoben sich aus dem Dunkel riesige Gestalten, einzeln stehende Felsen, die oben mit Schnee bedeckt, wie mit weißen Gesichtern zu mir aufblickten. Hinter dem Hause war ich vor dem Winde etwas geschützt; doch wie ich vortrat, um eine weitere Aussicht zu haben, packte er mich und ich mußte einen Zacken des Gesteins fassen, um nicht hinabgeschleudert zu werden. Da hing ich, zu meinen Füßen ein unermeßlicher Abgrund, durch den die Winde sausten und mir spottend zuriefen, mir, ihrem Herrscher, den die empörten Elemente verbannt und hier oben angekettet hatten. Ich war ein anderer Prometheus. Mein Burnus flatterte um mich, wie die Fittige der Geier, und schlug mich in's Gesicht – mir war mein Zauberstab entfallen und keine freundliche Macht half mir die empörten Vasallen zur Ruhe zu bringen und zu bändigen; alle befreundeten Mächte flohen, – alle. Die meisten hatten mich eilfertig verlassen, nur eine zögernd langsam und sich oft nach mir umsehend, und sowie sie mir von Neuem in's Gesicht sah, ging sie stets langsamer und immer langsamer und blieb endlich stehen, mit sich selbst kämpfend, ob sie zurückkehren und mir helfen solle oder nicht. – – Und sie kam zurück in raschem Sprunge, klammerte sich an mich – meine Phantasie – und ich war wieder mächtig wie früher. –

Dem Blitze gleich fuhr mein Zauberwort in das Thal vor mir, bändigte den Sturm und ließ die Felsen aufhorchen. Die Winde heulten nicht mehr in ungleichen Weisen nach Belieben durch einander, die Bergwasser rauschten nicht mehr taktlos dazwischen, Alles hörte auf mich – ich hatte meinen Zauberstab wieder und dirigirte – eine Sturmsymphonie – ein wildes Werk, der erste Satz ein gewaltiges Allegro, zu welchem obligate Wolkenzüge den Himmel schwärzten und finstere Streiflichter über mein ganzes Orchester warfen. Beim zweiten Satz schwieg der Sturm, die zitternden Nadeln der Fichten und die Bergwasser hatten ein heimliches Solo, leise und flüsternd, und der Kamm des Gebirges vor mir färbte sich heller, denn der späte Mond stieg blutroth empor, ein herrlicher Anblick! Deutlich konnte ich die seltsamen Formen der Felsen dort erkennen, von denen besonders eine Partie meinen Blick anzog; je länger ich hinblickte und je höher der Mond stieg, die Umrisse schärfer heraushebend, um so deutlicher sah ich, daß die Formen zu regelmäßig waren, um von der Natur hervorgebracht zu sein. Jetzt, es durchzuckte mich eigen, verschwand die rothe Scheibe hinter den Felsen und zeichnete wie auf goldenem Grunde in schwarzen Umrissen ein Schloß mit zerfallenen Thürmen dahin, dessen Fensterhöhlen, durch welche das Mondlicht fiel, seltsam beleuchtet erschienen. Mein Orchester schwieg, Bach und Bäume endigten ihr Solo, und Alles sah erwartend zu dem Monde auf, der, nachdem er mir die alte Burg gezeigt, sich ruhig fortbewegend höher stieg, um auf dem mächtigen Felsen, mir gegenüber gelagert, seine große Arie vorzutragen; kokett, wie alle Sänger, legt er zuvor sein langes Kleid von Silberstoff zurecht, das bis tief in die Schlucht hinabreichte und auf den Spitzen der Bäume und Felsen ausgebreitet, die glänzendsten Stickereien zeigte. Dann begann er, und sang in schönen schmeichelnden Tönen von dem alten Schlosse drüben, von dem Schlosse der Assassinen! Ja, dort hatte er gehaust, der Alte vom Berge, dort hinter jenen hohen Mauern hatte er ein Paradies erschaffen und sandte die in wollüstigen Genüssen erzogenen Jünglinge mit seinen blutigen Befehlen gegen die Feinde aus, die, durch alle Gefahren sich Bahn brechend, seine Worte blindlings befolgten, denn er hatte ihnen den Glauben eingeprägt, daß sie mit dem Stoß ihres Dolches sich die Rückkehr und den ewigen Aufenthalt in jenem Paradies der Lust und Wonne erwerben könnten.


Mit Tagesanbruch packten unsere Mucker auf und wir genossen eine Chocoladensuppe, die uns ausgezeichnet schmeckte und erwärmte. Unsere Karawane hatte sich um einige Mann vermehrt; denn vier Beduinen, die ebenfalls nach Damaskus wollten, erboten sich gegen ein geringes Trinkgeld, uns zu begleiten und in vorkommenden Fällen zu beschützen; nach ihrer Angabe war die Tour zwischen dem Libanon und Antilibanon, besonders die Wege in letzterem Gebirge höchst unsicher. Die Söhne der Wüste hatten wie fast alle, kräftige, aber hagere Gestalten. Sie waren mit dem großen wollenen Burnus bekleidet und mit Säbeln und langen Lanzen bewaffnet, ihre Pferde, von arabischer Zucht klein und schmächtig, aber ausdauernd.

Wir schieden von dem türkischen Oberst, der nach Beirut ging, und zogen eine Zeit lang längs dem Thale, an welchem unser Chan stand, auf einem ziemlich guten Wege, das heißt nach syrischen Begriffen, der sich allmählich und nicht sehr steil abwärts senkte. Dicht vor uns mußte die herrliche Fläche, die den Libanon vom Antilibanon scheidet, liegen, jene fruchtbare Ebene, die ihrer Schönheit wegen einfach »Bekaa«, das Thal heißt; doch sahen wir nichts davon. Zwischen die beiden Gebirge hatte sich ein dichter weißer Nebel gelagert, aus dem nur die Spitzen des Antilibanon hervorragten. Die weißen Wolken glichen einem großen Landsee. Die Täuschung war so vollkommen, daß wir uns im ersten Augenblicke fragten, welches Wasser dort sein könne. Zu unserer Rechten thronte das verfallene Schloß, von dem mir gestern Abend der Mond erzählt, eine Sage, die unser Dolmetscher bestätigte. Dort sei ein Schloß der Assassinen, sprach er, und machte dabei eine Bewegung des Halsabschneidens. Nach einer Stunde mühsamen Hinabsteigens erreichten wir das Nebelmeer und kamen durch ein kleines armseliges Dorf, bei dessen Eingang wir einen Trupp von etlichen hundert Mann ägyptischer Infanterie, Deserteure, trafen, die von Damaskus kommend in den Bergen des Libanon, ihrer Heimath, es waren Syrier, eine Zuflucht suchten. Bei ihrem Anblick hielt Mechmet seinen weithin schattenden Wurfspieß sehr hoch, unsere Beduinen faßten ihre Lanzen wie zur Vertheidigung. Doch waren diese Vorsichtsmaßregeln unnöthig. Die ganze Truppe verlor sich bei unserer Ankunft rechts und links zwischen den Häusern. Diese Leute waren in weiße Leinwand gekleidet, hatten wie die Türken ein rothes Feß und fast gar keine Waffen; nur hie und da sahen wir eine rostige Flinte oder ein paar lange Pistolen; auch hatten einige Säbel.

Die meisten trugen dagegen nur einen langen Stock. Unser Giovanni glaubte, sie seien uns nur deßhalb so friedlich aus dem Wege gegangen, weil sie befürchtet, wir seien nur der Vortrab einer größeren Truppe Engländer, die sich vielleicht gegen Damaskus in Marsch gesetzt. Bald waren wir ganz in die Nebel hinabgestiegen, die so dicht waren, daß wir von dem schönen Terrain, durch welches wir ritten, auch nicht das Geringste erblickten. Keiner sah den Andern, obgleich wir nur wenige Fuß von einander entfernt ritten. Der Boden war Haide, mit Wassergräben und zahlreichen Bächen durchschnitten. Bald mußten die Pferde darüber springen, bald mußten wir sie auf holprigten, halb zerfallenen Steinbrücken übersetzen. So ritten wir ohne die geringste Aussicht bis gegen Mittag, wo die Sonne endlich zu mächtig wurde, durch die Nebel drang, sie zerriß und verjagte. In weniger Zeit hatte sie dies Geschäft vollbracht und drängte die weißen Massen rechts und links in die Schluchten der beiden majestätischen Gebirge, die das schöne Thal einfassen, plötzlich auf dasselbe eine weite prächtige Aussicht eröffnend.

Herrlich und schön ist diese Ebene, doch nicht durch mannigfaltiges Grün oder durch üppig emporstrebende Waldungen, nicht durch freundliche Häuser oder durch die geordnete bunte Zeichnung vieler Getreidearten, die unsere Thäler so schön färben; nein, sie ist fast ohne Baum und Strauch, gelblich grau wie unsere Haiden, aber viele kleine Bäche, welche sie durchschneiden, geben dem Boden einige Schattirung; denn, wie ich schon früher sagte, wo sich im trockenen Boden dieser Länder Wasser zeigt, schießen augenblicklich kleine Pflanzen daran empor, welche die Bäche saftig grün einfassen und so das Land zierlich durchschneiden. So ist diese Ebene, für sich ziemlich öde und einförmig; aber die beiden gewaltigen Gebirge, Libanon und Antilibanon, begränzen dies Thal und geben ihm so seinen wunderbarsten Reiz. Was ich schon früher von der reichen Färbung des Libanon sagte, findet auch auf seinen gewaltigen Nachbar Anwendung, und beide bilden einen bunten prächtigen Rahmen, aus dem die Ebene lieblich hervortritt, am schönsten aber bei Baalbek, wovon ich später erzählen werde.

Bald kamen wir an einen einzeln stehenden Hügel, auf dem sich ein kleines Gebäude mit einer Kuppel befand, wahrscheinlich das Grab irgend eines orientalischen Heiligen. Gleich darauf erreichten wir den Antilibanon, der hier mit einer schmalen Bergkette beginnt, die er wie ein gewaltiges Fühlhorn vor sich hinstreckt. Auf der Höhe derselben sahen wir wie gestern im andern Gebirg ebenfalls ein altes verfallenes Gemäuer stehen, nach der Versicherung unseres Dolmetschers auch ein Schloß der Assassinen. Dies hier auf dem Antilibanon sei ein Gefängniß gewesen, behauptete er gehört zu haben, wußte jedoch nichts weiter. Wenn man der Phantasie glauben wollte, die so gern geschäftig ist, um ein altes Denkmal, sei es Burg oder Kloster, ihre poetischen Fäden zu ziehen, so hatte Giovanni Recht, eine schönere Aussicht, wie man oben von dem Thurme des Schlosses haben mußte, war nicht leicht denkbar. Die Kette des Libanon, die man dort von den höchsten schneebedeckten Spitzen vielleicht bis zu seinen Ausläufern in Palästina verfolgen konnte, hatte man vor sich. Man sah die ganze Ebene bis nach Baalbek, dem schönen Sonnentempel, der damals noch in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit stand. Der Antilibanon deckte dem Auge seine heimlichsten Stellen, seine wildesten Schluchten auf. Dort in dem Schloß wurden wahrscheinlich die Ungehorsamen eingesperrt, man ließ sie hinaussehen in die himmlische Gegend, die sie nie mehr betreten durften, und wahrscheinlich unter Martern aller Art ihr verlorenes Paradies beweinen.

Ein unangenehmer Zufall störte hier für eine Stunde unsern Marsch. Unser guter Baron, der sonst einer der ersten im Zuge war, blieb heute auffallend zurück und war auch so außergewöhnlich stille, daß ich ihn mehrmals fragte, ob er unwohl sei, was er jedoch beständig verneinte. Jetzt war er auf's Neue weit zurückgeblieben, und als ich ihn erwartete, bemerkte ich mit Schrecken, daß er sehr blaß und angegriffen aussah, auch gestand er mir jetzt, er sei schon am Morgen nicht wohl gewesen, und jetzt auf einmal überfalle ihn eine heftige Uebelkeit und eine so starke Kolik, daß er einige Augenblicke anhalten müsse. Mich ergriff eine unbeschreibliche Angst, und ich dachte schon an Gott weiß was für eine Krankheit, die sein Leben bedrohe, dachte an Ansteckung, sogar an die Pest, die uns die Türken, unsere Schlafkameraden, mitgetheilt haben könnten. Ich rief die Mucker mit dem Gepäck herbei, und wir stiegen Alle ab, suchten auf der Haide herum nach trockenem Gesträuch, um ein Feuer aufzumachen und Thee dabei zu kochen, was uns auch nach einiger Zeit gelang. Glücklicher Weise verminderte sich bald das Unwohlsein unseres lieben Gefährten; er sagte es wenigstens, vielleicht nur um den Zug nicht länger aufzuhalten; denn so gern er Anderen mit Aufopferung stets behülflich war, so unangenehm war es ihm, wenn er glaubte, man sei seinetwegen genirt oder auch nur für ihn beschäftigt. Wir bepackten die Thiere wieder, wurden jedoch durch die Ankunft eines persischen Kaufmanns, der mit einem Gefolge von zehn Reitern von Damaskus kam, noch eine kurze Zeit aufgehalten. Der Perser ritt ein schönes turkomannisches Pferd, Schimmelhengst, das er geneigt schien, zu verkaufen, doch fand der Baron, der sich trotz seines Unwohlseins beim Anblick eines schönen Pferdes gleich eifrig dafür interessirte, daß das Thier schon zu alt und deßhalb für ihn nicht passend sei. Nach einigen Worten, Begrüßungen und gegenseitigen Fragen über Damaskus und Beirut, wobei diesesmal der Fürst den Dolmetscher machte, schieden wir, und der Perser gab seinem Pferde die Sporen, um uns die Schnelligkeit desselben zu zeigen und flog wie ein Vogel über die Ebene hin, seine Begleiter weit zurücklassend.

Wir zogen langsam unseres Weges und erreichten nach Verlauf einer halben Stunde den Antilibanon. Bald hatte uns eine weite Schlucht aufgenommen, die sanft ansteigend uns fast unmerklich in die Höhe führte. Indessen war es Mittag geworden, die Sonne stand an dem wolkenlosen Himmel hoch über unsern Häuptern und ihre Strahlen brannten, von den kahlen Felswänden abprallend, senkrecht auf uns. Doch nur ein paar Stunden; denn wir waren im Januar und befanden uns auf einer ziemlichen Höhe über der Meeresfläche. Der Weg durch den Antilibanon führte nicht wie unser gestriger über bedeutende Höhen, sondern ging meistens durch Schluchten und dem Lauf von Bächen entlang. Nachdem wir die erste unbedeutende Höhe erstiegen, ritten wir ein kleines, rings von hohen Bergen eingeschlossenes Thal abwärts, in dessen Mitte sich eine Anzahl so sonderbar geformter Steine befand, daß wir sie aus der Ferne für die Zelte irgend eines nomadisirenden Volks hielten. Dann betraten wir eine neue Schlucht von fürchterlicher Schönheit. Unser Weg, kaum zwei Fuß breit, lief neben dem vielleicht mehrere zwanzig Fuß tiefer liegenden Bett eines Flusses vorbei, der aber nur wenig Wasser enthielt. Dieser Pfad war entsetzlich schlecht und beschwerlich für die Thiere. Zuweilen hörte er ganz auf, und sie mußten an dem abschüssigen Ufer hinklettern auf lockerem Geröll, wo sie ihre Füße kaum halten konnten, was besonders für die bepackten Maulthiere sehr schwierig war und die armen Geschöpfe oft zum Fallen brachte. Hie und da versperrten große Steine das Weitergehen, über die man entweder hinwegklettern, oder sie umgehen mußte. Dabei denke man sich eine Schlucht, kaum fünfzig Fuß breit mit senkrecht aufsteigenden Felswänden, die vielleicht vier bis fünfhundert Fuß hoch waren, natürliche Mauern, von keinem Strauch, fast keinem Moos belebt. Man wird mir glauben, wenn ich sage, daß wir diesen Weg still und in mannigfaltige Gedanken versunken zurücklegten. Einzelne Felsblöcke, die die Wände neben uns krönten, bildeten oft die seltsamsten Gestalten. Bald schienen es Riesen zu sein, die dort oben saßen und uns kleinen Geschöpfen lächelnd und verwundert zusahen; bald sonderbare Thiergestalten; dort hob sich ein Schloß mit schön gezackten Mauern und stattlichen Thürmen und hier waren in der glatten Mauer regelmäßige Risse und Sprünge, Schriftzeichen ähnlich; wahrscheinlich war es die Schreibtafel des Berggeistes, der hier hauste. Am Ende dieser Schlucht, wo der Bach, der hier durchfließt, einen kleinen Fall bildete, hielten wir einige Augenblicke, um einen kleinen Imbiß zu uns zu nehmen und die Thiere etwas ausruhen zu lassen. Dann stiegen wir einen vor uns liegenden Berg hinauf, der einzige auf unserem Marsche, der ziemlich hoch und dabei außerordentlich steil war. Doch hatten wir von seiner Höhe bis zu unserem heutigen Nachtlager dafür auch beständig abwärts zu reiten, wie unsere Mucker versicherten und nicht mehr sehr weit. Der Tag neigte sich, und wir trieben so viel wie möglich, um rascher vorwärts zu kommen, besonders der Baron, denn, obgleich sich sein Unwohlsein etwas gemindert, fühlte er sich doch noch sehr angegriffen und wünschte so bald wie möglich ein Obdach und Ruhe zu haben. Da wir wegen der bepackten Maulthiere nur im Schritt reiten konnten, so machte Giovanni den Vorschlag: der Prinz, der Baron und ich möchten mit den Beduinen, die des Weges kundig seien, schneller vorwärts reiten und er würde mit dem Gepäck langsam nachfolgen. Nachdem uns darauf einer der Beduinen mit vielen Pantomimen versicherte, er kenne den Weg nach Schiras, so hieß das Dorf, wie sein Pferd, trabten wir mit ihnen vorwärts, zuerst längs eines tiefen Thales, und auf einem Weg, der glücklicher Weise mehr aus Sand als aus Steinen bestand, so rasch als möglich fort. Schon eine Stunde ritten wir so beständig abwärts, meistens am Rand von Thälern, die in ihrer runden kesselartigen Form abgelassenen Fischteichen glichen, dann ging es kurze Zeit etwas steil hinab, und wir kamen an einen Bach, über den eine steinerne Brücke führte. Einige hundert Schritt von dem Bach lag ein kleines Gebäude, ein Chan, in dem sich jedoch Niemand befand. Wir passirten die Brücke und ritten einer neuen Schlucht zu, die sich zwischen himmelhohen Felsen, welche die zweite Kette des Antilibanon bilden, unseren Blicken öffnete. Wenn auch nicht so furchtbar, wie die früher beschriebene, hatte die Schlucht doch ebenso seltsam geformte und steile Felsen wie jene. Allein hier rückten einem die Wände nicht so beängstigend auf den Leib wie in jener, sondern waren mehr zerklüftet und ließen hie und da eine Aussicht frei. Von zwei Wegen, die sich uns kurze Zeit darauf darboten, wählten die Beduinen den untersten; doch kam es mir etwas verdächtig vor, daß sie hiebei eine Weile gezaudert. Von Neuem abwärts steigend, kamen wir an das Ufer eines Flusses, es war, wie wir später hörten, der Barrada, der ungefähr vierzig Fuß tiefer als unser Weg, reißend über spitze Felsenblöcke, viele malerische Fälle bildend und rauschend neben uns dahin schoß. In ihn ergoßen sich rechts und links von den Bergen kleine Bäche, deren Wasser hie und da üppige grüne Wiesen hervorgebracht hatten, welche der wilden Gegend einen freundlichen Reiz verliehen. Zuweilen waren diese Wiesen von mächtigen Felsblöcken so ordentlich eingefaßt, als hätten es Menschen oder vielmehr Riesenhände gethan, und wenn man dabei die seltsame Form der umstehenden Felsen sah, die bei einiger Phantasie kolossale Villen, Monumente und Statuen bildeten, wie man sie in einer Parkanlage trifft, so konnte man die ganze Gegend hier für einen großen Garten halten, der im Riesengeschmacke angelegt war.

Der Abend war indessen schon mächtig hereingebrochen, weßhalb wir langsam vorwärts ritten. Zuweilen glaubten wir das Dorf und unsern Chan vor uns zu sehen, denn oft kamen wir an so seltsam regelmäßig geformten Felsmassen vorbei, daß wir aus einiger Entfernung darauf geschworen hätten: es seien Häuser. Aber nein! anstatt auf einen bessern Weg und zu Menschen zu kommen, führte uns vielmehr der Pfad, den wir betraten, immer tiefer hinab, stets schlechter und schmaler werdend, bis an's Ufer des Barrada und hörte hier plötzlich ganz auf. Jetzt war es auch so dunkel geworden, daß wir nicht mehr sehen konnten, wo unsere Pferde hintraten. Sie glitten beständig aus und mochten wohl merken, daß das Terrain nicht ohne Gefahr für sie sei. Neben uns brauste der reißende Fluß und über uns waren Felswände, die abhängende Wiesendächer hatten, auf denen mächtige Steinmassen so leicht aufzuliegen schienen, daß man oft glauben konnte, es bedürfe nur des geringsten Anstoßes, um sie weiter hinab auf unsere Köpfe zu stoßen.

Jetzt stockte plötzlich unser Zug. Die Beduinen vor uns schrien laut durch einander und wir, ohne zu wissen, was sie aufhalte, riefen ihnen zu, vorwärts zu reiten, was sie stets mit einem lauten Nein! Nein! beantworteten. Man kann sich unsere rathlose Lage denken. Keiner von uns wußte, was vorn passirt sei und Keiner konnte die Beduinen fragen. Der arme Baron, obgleich unwohl, machte, da er am nächsten vorn war, den Versuch, neben den Beduinen vorbeizureiten, um an die Spitze zu gelangen und zu sehen, was es gebe. Doch hatte er und sein Pferd den Versuch beinahe theuer bezahlt; denn als er das Thier, welches zuerst nicht von der Stelle wollte, zwang, eine Seitenbewegung zu machen, rutschten beide die steilen Ufer des Flusses hinab, die wir so dicht neben uns nicht vermuthet, und deren Anblick die Dunkelheit uns verbarg. Glücklicher Weise konnte das Pferd aber einige Fuß tiefer sich an einem hervorstehenden Felsen halten. Ich ließ mich an der entgegengesetzten Seite von meinem Pferde herab, kroch unter demselben durch und wand mich so rasch als möglich bei den Pferden der Beduinen vorbei, erreichte die Spitze, von wo ich den Andern gleich die untröstliche Nachricht zurief, daß unsere Beduinen den Weg verloren hätten und nicht mehr weiter könnten. Vor mir bemerkte ich, doch ziemlich tief unter unserem Wege, ein Feuer brennen, zu dem einer der Beduinen hinabgeklettert war, um einen Hirten, oder wer da unten sein mochte, zu unserer Hülfe als Führer heraufzuholen. Trotz diesem höchst unangenehmen Zufall konnte ich mich doch nicht enthalten, als ich bis vorn durchgedrungen war, den pittoresken Anblick, der sich mir darbot, laut zu bewundern. Vor uns war ein tiefer und steiler Abhang, den der Barrada in gewaltigen Sprüngen hinabbrauste. Unten neben dem Fluß brannte ein großes Feuer, das zwischen den Felszacken und kleinen Sträuchern wunderbar hervorleuchtete. Ich gedachte an Wielands Oberon, wie Hüon, der sich ebenfalls in diesem Gebirge verirrte, den alten Scherasmin findet:

Auf einmal gähnt im tiefsten Felsengrund
Ihn eine Höhle an, vor deren finstrem Schlund
Ein prasselnd Feuer flammt. In wunderbaren Gestalten
Ragt aus der dunklen Nacht das angestrahlte Gestein,
Mit wildem Gebüsch versetzt, das aus den schwarzen Spalten
Herab nickt im Widerschein
Als grünes Feuer brennt.

In kurzer Zeit kletterte unser Beduine wieder herauf und brachte einen Ziegenhirten mit, den er da unten gefunden. Wir waren schon zu Anfang der Schlucht, wo sie sich in zwei Wege theilte, fehl gegangen – ich hatte es richtig geahnet – und folgten jetzt, um wieder zurecht zu kommen, dem Hirten, der rechts an einer steilen Wiese in die Höhe kletterte. Nach dem Beispiel der Beduinen ließen wir unsere Pferde los und krochen dem Hirten meistens auf Händen und Füßen nach. Die armen Thiere folgten mit der größten Mühe und Anstrengung, und so ging es eine Zeit lang aufwärts, bis wir eine kleine Plattform erreicht hatten, wo unser Führer auf ein paar Lichter oder Feuer – man konnte nicht recht unterscheiden, was er war – tief unter uns im Thale zeigte, das sei Schiras, unser heutiges Nachtquartier. Ebenso steil wie wir aufwärts geklettert waren, mußten wir auf der andern Seite wieder hinab. Glücklicher Weise war der Weg Wiesengrund und keine Felsen, doch sehr glatt und obendrein war es so dunkel geworden, daß man fast keine Hand vor Augen sehen konnte. Unser Herabsteigen war eine wahre Rutschpartie. Wir liefen so rasch, wie möglich hinab, um von den uns folgenden Pferden nicht geschlagen zu werden, denn diese, an ihre Reiter gewöhnt, eilten uns über Hals und Kopf nach, um uns nicht zu verlieren. In kürzerer Zeit, als ich geglaubt, waren wir tief hinabgekommen und erreichten einen Weg, der zum Dorfe führte. Auf einer breiten steinernen Brücke setzten wir über den Barrada und kamen noch durch ein wahres Labyrinth von Felsen, von denen uns hier aber die Dunkelheit nicht viel erkennen ließ. Dann ging es noch eine kleine Strecke abwärts und wir langten glücklich in dem Dorfe an. Vorn am Eingange war der Chan, der hier schon aus mehreren Gebäuden bestand und Karawanserai genannt wurde.

Im Hofe desselben fanden wir Giovanni und die Mucker, aber rathlos und thatlos. Im ganzen Lokal hatte sich nämlich kein Mensch gefunden, der uns hätte anzeigen können, wo der Stall und wo die Zimmer seien. Auch hatte sich trotz ihres lauten Rufens aus dem Dorfe keine Seele blicken lassen. Was war zu thun? Der Baron, der kränker war, als er uns sagte, mußte ein warmes Obdach haben und als wir das Gepäck abladen wollten, um uns so gut wie möglich hier einzurichten, fand es sich, daß unser ganzer Kohlenvorrath vom Schnee durchnäßt war. Wir beschlossen also, uns wo möglich durch Güte, sonst aber durch Gewalt, wie in Kriegszeiten, ein Quartier zu verschaffen. Der Fürst, der Baron und ich ritten deßhalb in's Dorf.

Gleich am Eingang kamen wir in ein Haus mit einem Hofraum, in welchem einige Araberinnen standen, die jedoch bei unserem Anblicke davon liefen. Ich sprang vom Pferd und setzte ihnen in's Haus nach. Bei meinem Eintritten die Stube versteckten sich ein Paar Weiber schreiend und ein alter Araber, der beim Feuer lag, würde ihnen gefolgt sein, wenn er nicht erst bei meiner Ankunft vom Schlaf aufgewacht wäre und mich wie ein Wunder regungslos angesehen hätte. Ich versuchte, ihm mein Anliegen, uns die Nacht zu beherbergen, pantomimisch darzustellen, was mir auch durch Vorzeigung einiger Geldstücke so gut gelang, daß er uns Dreien den Eintritt erlaubte. Wir ließen Giovanni und die Mucker kommen und richteten uns so gut wie möglich ein.

Obgleich unser jetziges Quartier von dem, was wir in Europa Bequemlichkeit nennen, ganz entblößt war, da wir weder einen Stuhl zum Sitzen, noch eine Bank zum Liegen fanden, so war es doch von unsrem gestrigen Nachtlager himmelweit verschieden. Die Stube bestand, wie alle in den Dörfern, aus zwei fast gleich großen Theilen, einem an der Thür, zu welcher man hereintritt, wo sich das Vieh, Kühe, Ziegen, Esel befinden, und dem andern, der dahinter liegt und dessen Fußboden drei bis vier Fuß höher als der des Stalles ist. Letzterer dient zum Aufenthalt der Menschen. Doch sind beide Apartements durch keine Zwischenwand getrennt. Der Boden der Stube besteht aus fest getretenem Lehm und ist nach den Vermögensumständen der Bewohner mit Matten, ja sogar mit schlechten Teppichen belegt. In der Ecke befand sich ein Kamin mit spitzem Rauchfang und an der Wand waren eiserne Haken, wohin man Kienspähne steckt, um das Zimmer zu beleuchten. Anfänglich waren die Leute des Hauses bis auf den alten Araber, wie schon gesagt, bei meiner Ankunft davon gelaufen. Doch als wir, die wir von der frischen Luft draußen durchkältet waren, uns ruhig an dem freundlich lodernden Kamine niederließen, unsere Waffen ablegten, als Giovanni Kaffee und Theegeschirre ausgepackt und in bunter Reihe vor uns hingestellt hatte, auch unsere Reiseleuchter mit kleinen brennenden Wachskerzen hereingebracht, erregten alle diese fremdartigen Gegenstände doch die Neugier der Leute so stark, daß sie allmälig aus den Winkeln, wohin sie sich verkrochen, hervorkamen. Bald saßen drei bis vier alte und junge Weiber, einige Männer und etliche Kinder um uns herum, Kleider, Geräthe sowie uns selbst mit größtem Erstaunen betrachtend. Es dauerte eine ziemliche Zeit, ehe sie völliges Zutrauen zu uns faßten, und als ich mich im Anfange erhob, um die Familie in der Nähe zu besehen, stoben alle mit lautem Geschrei aus einander. Der gute Baron legte sich gleich neben dem Kamin auf einige Pelze hin, und nachdem er ein Paar Tassen Thee getrunken, sowie von dem hellen Feuer angenehm durchwärmt war, befand er sich zu unserer großen Freude weit besser. Der Fürst arrangirte eine Theegesellschaft, wobei er eine große Tasse voll, die recht mit Zucker versüßt war, bei unsern Hausleuten herumgehen ließ. Den Männern und alten Weibern schien das Getränk zu behagen. Doch die jüngeren, wahrscheinlich die Töchter des Hauses, zwei kräftige schöne Gestalten, zum Glück unverschleiert, mit kohlschwarzen feurigen Augen, versuchten auf vieles Zureden auch, gaben aber das Gefäß laut lachend weiter.

Nach ein Paar Stunden, während welchen der Fürst und ich uns alle Mühe gaben, recht liebenswürdig zu sein, um das Zutrauen der Leute zu gewinnen, suchten wir uns Platz an der Erde zum Schlafen, und die Familie that ein Gleiches. Wir nahmen die rechte Seite der Stube, sie die linke, und in der Mitte war der Occident, dessen Gränze ich repräsentirte, von dem Orient mit seinem frischen blühenden Gestade, das eins der jungen Mädchen darstellte, nur durch einen kleinen, kaum Fuß breiten Raum geschieden, eine Nachbarschaft, die uns vielleicht im Schlafe gestört hätte, wenn wir nicht alle so sehr ermüdet gewesen wären.

Am andern Morgen erhoben wir uns sehr munter, auch der Baron hatte gut geschlafen und befand sich fast wieder ganz wohl. Wir beschenkten unsere freundlichen Wirthsleute reichlich und setzten unsern Weg nach Damaskus fort. Der Barrada, den wir gestern Abend zur Seite hatten, blieb auch heute Morgen noch während einiger Stunden unser Begleiter. Das Auge verfolgte mit Vergnügen seine mannigfaltigen Krümmungen, wenn er sich eine Bahn zwischen den Bergen und Felsen machte. Sein Fall war nicht mehr so stark, wie auf der gestrigen Strecke und die Ufer, mit Weiden, Eschen und Erlen dicht bewachsen, zeichneten sich zwischen den rothen, hellgelben und weißen Kalk- und Kreidefelsen, über die unser Weg führte, freundlich aus. Die Bäume und das Grün, das um diesen Fluß wuchs, abgerechnet, sah ich nie ein Terrain, von aller Vegetation mehr entblößt, als dieses. Es war, als wollte uns die Natur noch einmal durch ein recht langweiliges trauriges Kapitel führen, ehe sie uns zu dem schönsten brachte, zu dem Thale von Damaskus. Gegen Mittag endlich gaben uns die Beduinen durch Pantomimen zu verstehen, von der nächsten der vor uns liegenden Höhen würden wir die alte berühmte Stadt sehen. Noch eine halbe Stunde und wir waren oben. –Welch' ein Anblick!

Wer unserm Weg durch den Libanon, dessen wilde Schönheiten ich so treu, wie es mir möglich war, gezeichnet habe, mit Aufmerksamkeit folgte, wer mit uns durch die zerrissenen Schluchten und über die kahlen verbrannten Felsen drei lange Tage wanderte, der wird den lauten Ausruf des Entzückens verstehen, mit dem wir oben anhielten, um in ein Thal zu schauen, das, selbst wenn es von der herrlichsten Gegend umgeben wäre, noch den Namen eines Paradieses verdiente.

Vor uns lag ein weites rundes Thal, das Thal Gutha, von malerisch geformten Bergen umgeben. Die ganze Fläche desselben war mit dem schönsten Grün bedeckt. Herrliche Baumpflanzungen wechselten mit Getreidefeldern, üppigen Wiesen und kleinem Strecken Haideland in den mannigfaltigsten Farben, und das ganze Thal war, wie es mir schien, von vier Flüssen durchschnitten, die gleich Silberfäden durch das Grün des Bodens schimmerten. Aber es war nur ein einziger Strom, unser Reisebegleiter, der Barrada, der, wie wir, aus den kahlen Felsen des Libanon kommend, hier sich so wohl gefällt, daß er sich gleich einem ausgelassenen Kinde auf dem Rasenplatz umhertummelt und den schönen Ort nicht verlassen kann. In der Mitte dieses Thales liegt Damaskus, prächtig hingestreckt, wie eine Königin auf ihrem Throne. Daß die meisten Moscheen, Kuppeln und Häuser aus einem gelben Sandstein gebaut sind, gibt der Stadt zwischen den schönen Gärten von Oliven, Feigen, Platanen, Quitten, Reben und Citronen einen fast fabelhaften Anblick. Man glaubt in einem arabischen Mährchen mitzuspielen, wo man endlich nach langen Beschwerden die goldene Stadt vor sich sieht, das Ende, aller Mühen. Wie wir sie heute sahen, schienen auch alle Gebäude von Gold zu sein. Die Sonne warf ihre vollen Strahlen darüber hin, und das Licht, das sie auf die unzähligen Minarets und Kuppeln goß, zitterte umher und lieh der ganzen Stadt das Ansehen einer strahlenden goldenen.

Schon seit den ältesten Zeiten geben die Araber diesem großen und über alle Beschreibung schönen Thale den Namen eines Paradieses; denn Wasser und Grün, wonach sie in der Wüste schmachten, bietet es ihnen, wie fast kein anderes. Ueberall wechselt die klare Fluth des Wassers mit dem üppigsten Baumschlag, in der Stadt selbst, wie im ganzen Thale. Außer dem Barrada, der vor alten Zeiten der goldfließende hieß und der die Ebenen fast nach allen Richtungen durchströmt, bricht auch noch die Quelle Findscha rauschend aus den Bergen und bewässert den Boden. Arabische Erdbeschreiber sprachen von dem Thale Gutha und Damaskus nur in den blühendsten poetischen Ausdrücken. Bald nennen sie es das Muttermal auf der Wange der Welt, bald das Gefieder des Paradiesespfauen, den farbigen Kragen der Ringeltaube, das Halsband der Schönheit, das vielsäulige Irem. Noch jetzt führt Damaskus oder Scham, wie es im Arabischen heißt, im Titel des Sultans den Namen der Paradies-Duftenden.

Sehr steil führte uns der Weg von der letzten Höhe des Libanon hinab in's Thal, zuerst auf tiefen Sandwegen, dann, nachdem wir Salehiah, eine Art Vorstadt, aus Ruinen mit herrlichen Bildhauer-Arbeiten bestehend, worin arme Araber ihre schlechten Hütten gebaut, passirt hatten, auf einer alten Steinstraße mit eingelegten breiten Pflastersteinen, die sehr glatt waren und unsern müden Pferden das Gehen erschwerten, so daß sie häufig stolperten.

Wir hatten schon früher viel über den Fanatismus und die Unduldsamkeit der Damascener, besonders gegen Franken, gehört, und daß man sich hier in Worten, Geberden, sowie sogar in der Tracht sehr in Acht zu nehmen hätte. Robinson erzählt in seiner Reise, als er mit einem grünen Turban, eine Farbe, die nur die Nachkommen des Propheten tragen dürfen, zur Stadt geritten sei, habe ihn dicht vor den Thoren ein Schwarm schlechten Gesindels überfallen, ihn vom Pferde gerissen, seinen Turban in den Koth getreten und ihn gezwungen, mit beschmutzten Kleidern zu Fuß in die Stadt einzuziehen. Da uns dergleichen Vorfälle in Beirut mehrere erzählt wurden, so hatte ich eine grüne Reisemütze, die ich auf der ganzen Reise durch die Türkei gebraucht, in, Beirut zurückgelassen. Obgleich uns während unseres kurzen Aufenthalts hier von Seiten der Einwohner nichts Unangenehmes geschah und Niemand uns feindselig begegnete, so glaube ich doch nicht, daß wir unrecht hatten, wenn wir bei unsern Spaziergängen durch die Bazars manchen bösen Blick und manche Verwünschung, die neben uns gemurmelt wurde, auf uns bezogen. Doch war dem Volk hier die eiserne Hand Ibrahims noch sehr im Gedächtnisse, und sie wagten es in der ersten Zeit nicht, wie sonst gegen die Christen und Juden feindselig aufzutreten; aber kurze Zeit, nachdem wir wieder abgereist waren und die neue türkische Regierung wie überall schlaff und kraftlos sich benahm, gingen die Osmanli den Kadi mit der Bitte an, den Christen und Juden den Besuch gewisser Orte der Stadt zu verbieten und ihnen das Reiten durch die Bazars, sowie den Gebrauch irgend eines grünen Kleidungsstücks gänzlich zu untersagen. Glücklicher Weise hielt die englische Flotte vor Beirut den türkischen Pascha in Respect und er verwies die Deputation zur Ruhe. Die Unduldsamkeit der Damascener mag wohl hauptsächlich in dem Alter und der Heiligkeit der Stadt ihren Grund haben, die sie nicht gern durch den Tritt der Ungläubigen verunreinigt sehen. An mehreren geheiligten Orten, als der Moschee der Söhne Ommia's, darf sich kein Christ oder Jude, sogar nicht in ziemlicher Entfernung, sehen lassen, ebenso bei den Grabstätten der Jünger und Gemahlinnen des Propheten, von denen einige der Sage nach hier ruhen sollen. Was ich schon oft erwähnte, daß fast jede orientalische Stadt, die von außen gesehen den prächtigsten Anblick gewahrt, im Innern einem elenden schmutzigen Dorfe gleicht, fand ich auch hier wieder in Damaskus und mehr als je bestätigt. Ich muß gestehen, es schmerzte mich fast, die Häuser und Straßen der äußern Ansicht der Stadt nach nicht stattlich oder auch nur einmal reinlich zu finden. Die schlechten Straßen Stambuls sind gegen die Schmutzbäche, die man vor den Häusern der paradies-duftenden Stadt findet, außerordentlich schön zu nennen. Ueberall tiefer Koth, eine Unmasse von Hunden und obendrein als Andenken der vor wenig Tagen fortgezogenen Armee Ibrahims, sowohl vor der Stadt als in den Straßen, Körper von todten Pferden, Eseln und Kameelen, an denen ganze Schaaren von Hunden beschäftigt waren, das Fleisch abzufressen. Dazu kommt noch, daß fast alle Häuser von außen ein weit traurigeres Ansehen haben, als in all' den Städten, die wir bisher gesehen. Ganze Straßen bestehen aus langen Mauern, von gelbem Lehm aufgeführt, mit zwei bis drei Löchern, vor denen ein paar Bretter hängen; nur eine sehr kühne Phantasie kann sie für das, was sie wirklich sind, für Fensterladen, halten. In einigen der besten Straßen sind die Mauern von Stein, die wohl kleine Thüren, aber keine Fenster haben, und somit ohne Zeichen sind, daß sich dahinter Wohnungen für Menschen befinden. Wie in Stambul in einigen Vierteln, stoßen hier alle Häuser mit dem hintern Theile an die Straße. Anfänglich glaubten wir, nachdem wir schon mehrere Straßen und Besestans hinter uns hatten, noch immer in einer Vorstadt zu sein und hielten die Lehmwände links und rechts für Gartenmauern, doch müßte alsdann die ganze Stadt aus nichts wie Gärten bestanden haben.

Alle Gassen, durch die wir kamen, bogen sich bald rechts, bald links: keine einzige führte über hundert Schritte lang gerade aus. Ferner sind sie noch in sehr kurzen Entfernungen mit großen hölzernen Thoren versehen, die Abends verschlossen werden und die Passage hemmen. Auf diese Art verhindert die türkische Polizei, daß bei einem Aufstande die Volksmenge sich für den ersten Augenblick wenigstens auf einem Platze concentriren kann. Diese Maßregel würde in unsern Städten äußerst lästig sein, denn, obgleich neben jedem Thore eine Wache wohnt, muß man doch oft entsetzlich lange klopfen, ehe diese, gewöhnlich ein alter Mann, mit ihrem Schlüssel herbeikommt. Dann werden nach orientalischer Sitte obendrein einige Worte gewechselt, ehe das Thor geöffnet wird. So sagt z. B. der Schließer: Kim-tur o – wer ist da? der Klopfer antwortet: Iba Beled – ein Bürger der Stadt, oder was er sonst ist; worauf der Pförtner gewöhnlich als Antwort sagt: Wach hid Allah – Bezeuge, daß ein Gott ist, und der draußen, der vielleicht vor Ungeduld vergehen möchte, ist nun obendrein noch genöthigt, das Glaubensbekenntniß: es ist kein Gott als Gott, herzusagen. Besonders auf dies letztere hielten vormals die Pförtner sehr strenge; denn man glaubte, kein Dieb oder Jemand, der ein böses Gewissen habe, könne die heiligen Worte aussprechen. Den Orientalen belästigt jedoch bei seiner Lebensweise diese nächtliche Straßensperre nicht im Geringsten. Beim Eintritt der Dunkelheit schließt man die Bazars und Besestans, wie auch die Thore, und der Rechtgläubige geht nach seinem Hause, das er bis zum folgenden Morgen nicht wieder verläßt. Was sollte er auch auf den schmutzigen Straßen machen? Hinter den armseligen Mauern, die dieselben begränzen, hat der Osmanli, von jedem ungesehen, sein eigenes Paradies, das ihm genügt. Da sieht es ganz anders aus. Doch hievon später.

Da wir wegen des Menschengedränges nur langsam und im Schritt reiten konnten, dauerte es beinahe eine Stunde, ehe wir unsere Herberge, das Kapuzinerkloster, erreichten. Von Wirtshäusern außer den Chans und Karawansereien, die das im Großen und in besserer Bedeutung sind, was unser Nachtlager im Libanon im Kleinen, ist hier natürlich keine Rede, und alle Kloster in Syrien und Palästina sind schon von den ältesten Zeiten her mehr oder minder zum Empfang von Gästen eingerichtet. Wir hielten vor einem großen steinernen Gebäude ohne Thurm und ohne Fenster; nur hie und da war in der Höhe ein Loch, das einer Schießscharte nicht unähnlich sah. Ein großes hölzernes Thor blieb all' unserm Klopfen zum Trotz eine geraume Zeit verschlossen, und als wir endlich Jemand von Innen herankommen hörten, öffnete dieser bloß ein kleines Gitter am Thor, und fragte, was wir wollten. Giovanni erklärte ihm, wir seien christliche Reisende und wünschten ein Quartier. Darauf hörten wir ihn wieder fortgehen, und erst nach einer Viertelstunde, in welcher Zeit er wahrscheinlich seinem Obern die Meldung gemacht, kam er wieder und öffnete das Thor.

Wir ritten in einen kleinen Vorhof, den ebenfalls hohe Mauern ohne Fenster umgeben und mußten uns hier noch einem neuen Examen unterwerfen, das der Pförtner mit uns abhielt, worauf wir von den Pferden stiegen, die mit unsern Muckern und den Beduinen, nachdem sie ihr Schutzgeld erhalten, in einen türkischen Chan gingen. Unser Gepäck wurde abgeladen und durch eine kleine eiserne Pforte, die sich in der Mauer öffnete, in's Innere des Klosters gebracht. Wir traten durch eben diese Thür in einen schmalen Gang, der ganz glatt und abschüssig in einen zweiten kleinen Hofraum führte; Maßregeln, um bei einem etwaigen Ueberfall den Eindringenden die Passage so beschwerlich als möglich zu machen.

In den Gebäuden, die diesen innern sehr kleinen Hofraum umgaben, befanden sich die Küche, das Refektorium, der Speisesaal und einige andere Gemächer. In einer Ecke stiegen wir eine Wendeltreppe hinauf und kamen oben in einen langen Gang, wo uns ein junger Kapuziner empfing und zum Prior fühlte. Dieser, ein Mann in den besten Jahren, war ein Spanier, mit einem ausdrucksvollen Gesicht, das ein langer schwarzer Bart beschattete; er bewillkommte uns sehr freundlich, regalirte uns mit einem rothen Liqueur, einer Art Kirschengeist, und führte uns in das für uns bestimmte Gemach. Es lag auf der andern Seite des Ganges, der im Dreieck einen andern Hof umschloß, welcher etwas größer als der erste war. Die Thüre unseres Zimmers führte auf eine offene Altane, von der man in diesen Hof hinabsehen konnte. Er hatte, wenn ich mich so ausdrücken darf, etwas phantastisch Melancholisches. Die tiefe Stille, die auf dem Klostergebäude und diesem Hof ruhte, ward nur durch das einförmige Plätschern eines kleinen Springbrunnens unterbrochen. In der Mitte dieses Hofes stand ein dichtbelaubter Orangenbaum, von einer Größe, wie ich noch keinen gesehen, denn der Stamm hatte an anderthalb Schuh im Durchmesser. Zwischen den grünen glänzenden Blättern blickten unzählige kleine Orangen in mannichfachen Farben hervor; duftende Blüthen, sowie ganz grüne Früchte waren mit völlig reifen goldgelben untermischt. Was aber hier einen ganz eigenthümlichen Reiz bot, war der Anblick eines sehr großen lebendigen Straußes, dem der Hof zum Aufenthalt diente. Mit hocherhobenem Halse spazierte der Vogel auf und ab, bald seinen Kopf in das Laub des Baumes verbergend, bald zur Erde beugend, um die Stückchen Brod zu verschlingen, die wir ihm hinabwarfen. Ein ägyptischer Hauptmann von den Truppen, die Ibrahim aus dem Hauran nach Damaskus gezogen, hatte ihn mitgebracht und beim Abzug den Kapuzinern hinterlassen. Das Thier war sehr bösartig und duldete keinen Fremden im Hofe. Mechmed mit dem Wurfspieß, der gleich am ersten Tage vorwitzig zu ihm hinabstieg, um den merkwürdigen Vogel in der Nähe zu besehen, wurde mit einem solchen Flügelschlag begrüßt, daß er laut schreiend hinter dem Orangenbaum Schutz suchte und sich vor dem verfolgenden erbosten Thiere nur durch einen gewaltigen Sprung die Treppe hinauf rettete.

Oft habe ich mich Stunden lang über das Geländer gelehnt und in den Hof hinabschauend, die sonderbarsten Träume und Phantasien gehabt. War nicht vielleicht der schöne Baum eine verzauberte Prinzessin, die ihr gleichfalls verwandelter Geliebter in der Gestalt des Straußes bewachte? Fast immer ging er im Kreis um ihn herum, selbst in der Nacht, wenn der Mond hell schien, hab' ich ihn oft so wandeln sehen. Bald stieß er seltsam klagende Töne aus, bald schmiegte er den Kopf an die Zweige, deren Laub leise rauschte und flüsterte. Ihr Armen! ja ihr wart in der That verzaubert. Was machtet ihr auch sonst hier zwischen den stillen Mauern einer christlichen Kirche. Arme Prinzessin Baum! Du hattest gewiß früher andere Umgebungen, als diese grauen Steinwände, und du, unglücklicher Prinz Strauß, du denkst auch an vergangene glücklichere Zeiten. Oft schien den Armen die Ungeduld zu übermannen und er nahm einen gewaltigen Anlauf, den Hof in einem Augenblick durchrennend. Dachtest du jetzt nicht an die weite Wüste, durch die du oft gelaufen, an den herrlichen glühenden Sand, dein Bette, und an die grüne Oase, wo deine Prinzessin wohnte? Der Brunnen im Hofe, glaube ich, ist der treue Blondel des unglücklichen Paares. Er hat sich durch den Sand gewunden und gebettelt, bis er die Beiden wieder gefunden und murmelt ihnen jetzt alte bekannte Weisen vor, traurige Heimathslieder, traurig, weil sie in der Ferne von der Heimath erzählen.

Gegen die stille Poesie dieses Hofes stach die Einrichtung des Gemachs, das man uns zum Schlafen angewiesen, sehr prosaisch ab. Es war Platz darin für etliche zehn Betten, obgleich nur drei für uns nöthig waren und hergerichtet wurden, indem man Gerüste aufschlug, die mich sehr lebhaft an Schragen für Todte erinnerten. Da hinauf kam eine Matratze, ein Kopfpolster und eine Decke von Kameelhaaren. So ärmlich und einfach dies Lager aber war, so prächtig und comfortabel fanden wir es gegen unsere Betten zu Beirut und in den Chans des Libanon. Das Zimmer, obgleich es sehr hoch war, hatte nur zwei kleine Fenster oben am Plafond, und um bei Tage etwas sehen zu können, waren wir genöthigt, die Thüren beständig offen zu halten.

An den Wänden fanden wir verschiedene Namen und Inschriften, französisch, arabisch, italienisch, sogar deutsch, von der Reisegesellschaft des Herrn von Schubert. Ach die Muttersprache in der Ferne ist so wohlthuend, daß wir mit Begierde alle die kleinen Notizen aufsuchten, ein paar Waschzettel, die hier ebenfalls al fresco die Wand zierten, gaben uns viel zu lachen. Sie waren in guter östreichischer Mundart abgefaßt.

Gleich bei der Ankunft hatte uns der gute Pater gefragt, ob wir unser Mittagsmahl auf dem Zimmer, oder mit ihm und den übrigen Brüdern im Refectorium halten wollten. Wir hatten das letztere vorgezogen und wurden nun gegen vier Uhr zu Tische gerufen.

Der Speisesaal befand sich, wie schon gesagt, im ersten Hof, war ziemlich klein und sehr einfach eingerichtet. An drei Wänden befanden sich hölzerne Bänke, vor denen ebenfalls solche Tische standen; von der Decke hingen einige eiserne Lampen und der Fußboden bestand, wie überall in diesem Lande, aus Steinplatten. In dem ganzen Kloster befanden sich augenblicklich, außer dem Prior, nur zwei Brüder, von denen einer krank war. Den andern hatten wir schon bei unserer Ankunft gesehen, sowie auch den Prior, und diese beiden waren schon unten und warteten auf uns. Der Prior nahm seinen Platz an einer Wand, der Bruder an der andern ihm zur Linken und wir an der dritten zu seiner Rechten. An der vierten Wand war außer einigen Schränken mit Schüsseln und dergleichen der Eingang zur Küche. Nachdem der Prior ein lautes Gebet in lateinischer Sprache verrichtet, trat der Küchenmeister ein, warf sich vor den Tisch des Priors auf beide Knie nieder und betete gleichfalls laut. Es thut mir leid, hiebei bemerken zu müssen, daß der Küchenmeister, ein dicker ältlicher Mann, ganz unbeschreiblich schmutzig aussah, was uns von der Reinlichkeit in seiner Küche und den Speisen keinen guten Begriff gab. Und wir hatten uns leider dann nicht getäuscht. Obgleich es mir gewiß nicht in den Sinn kommt, die Gastfreundschaft des guten Paters, mit einer schlimmen Nachrede zu belohnen, so muß ich doch jedem Reisenden rathen, sich für die Kapuzinerklöster in Syrien mit Messer, Gabel und Löffel zu versehen. Das Mittagsmahl war sehr einfach. Eine Zwiebelsuppe, etwas Gemüse, das in einer fetten Brühe schwamm und in Oel gebackene Fische. Die Mahlzeit beschloß der Prior wieder mit einem langen Gebete, in das von Zeit zu Zeit der anwesende Bruder einstimmte. Wir gingen auf unsere Stube zurück, der Fürst und ich kochten noch einen guten Punsch, und wir legten uns frühzeitig nieder, um am andern Morgen mit frischem Muthe an unsere Geschäfte gehen zu können.

Es wird jedem auffallen, daß ich, da man doch glauben wird, wir hätten nichts Anderes zu thun, als die Stadt mit ihren Merkwürdigkeiten zu besehen, von Geschäften rede, und doch war dem so. Der Baron war hauptsächlich nach Damaskus gegangen, weil dort arabische Pferde von dem edelsten Blut zu finden seien. So hatte man uns wenigstens in Beirut gesagt. Wegen des Krieges mit den Europäern scheuten sich nämlich alle Beduinenstämme, mit ihren guten Pferden nach den Küstenstädten zu kommen und wagten sich höchstens bis Aleppo und Damaskus. Wir hatten in Stambul, Beirut, Smyrna schon viele Hunderte von Pferden gesehen und noch keins gefunden, das, nach Württemberg gebracht, die schon dort befindlichen an Güte und Schönheit übertroffen hätte. Dieses beständige Pferdemustern und Ansehen waren nun die Geschäfte, von denen ich oben sprach und gewiß oft recht mühsam. Schon auf den Märschen, die wir machten, hielt der Baron alle Pferde an, die ihm nur einigermaßen bedeutend schienen, was sich unsere Mucker und Beduinen gleich merkten und in jedem Dorf eine Masse Pferde auftrieben und uns vorführten, in der Hoffnung, für sie würde dann beim Kauf ein kleines Marktgeld abfallen. Ebenso war unserem Giovanni vom Baron eine Gratification versprochen worden, im Fall er ihm in der Stille ein ausgezeichnetes Pferd auftriebe. Dieser hatte nun schon gestern Abend, in den Bazars, trotz dem Verbot des Barons, so viel ihm möglich war, die Nachricht ausgesprengt, es sei ein deutscher Pascha angekommen, der Imrachor Ajassi, d.i. der oberste Stallmeister des deutschen Sultans, und wolle Pferde kaufen, worauf schon am andern Morgen eine Menge Offerten einliefen, und wir, wie auch anfangs in Beirut, nichts thun konnten, als von früh bis spät in den schmutzigen Gassen umher zu laufen, in schlechte Ställe zu kriechen, um meistens noch schlechtere Pferde anzusehen.

Daß wir bei unserem kurzen Aufenthalt in Damaskus und bei dieser beständigen Pferdeschau die Stadt selbst nur eilfertig und sehr oberflächlich sehen konnten, kann man sich leicht denken.

Wie keine Stadt in Syrien hat Damaskus noch den altorientalischen Charakter bewahrt, was den Fremden aber in Vergleich mit Konstantinopel, Adrianopel, Smyrna gegen sie einnehmen muß. Man sieht auf den Straßen nur Schmutz und elende Lehmwände und nicht einmal, wie in Stambul, zahlreiche, wenn auch vergitterte Fensteröffnungen; auch wird das umher irrende Auge hier nicht wie dort erfrischt durch die grünen Blätter und duftenden Blüthen eines Orangenbaums oder saftiges Rebenlaub, das über die hohen Mauern herübernickt. Wem nicht Bekanntschaften gestatten, einen Blick hinter die traurigen Wände zu thun, mit denen die Straßen eingefaßt sind, der bekommt einen schlechten Begriff von der Wohnung der Orientalen. Kein Geräusch, kein Lichtschimmer verkündet, daß dort Menschen wohnen. Nur zuweilen des Abends, wenn wir spät nach unserem Kloster zurückgingen, hörten wir plötzlich die leisen hinsterbenden Accorde eines Saiteninstruments, die aber bei dem lauten Schalle unserer Fußtritte gleich wieder aufhörten. So mißtrauisch der Orientale gegen den Fremden ist, so daß er um keinen Preis einem Unbekannten die Herrlichkeiten seiner Wohnung zeigte, so bereitwillig und freundlich läßt er sich finden, sobald die Empfehlung eines Bekannten den neugierigen Fremden vor seine Thüre geleitet. Uns wurde dieses durch den Herrn Baudin, Secretär bei dem französischen Consulat, auf welchen die Creditbriefe des Barons für Damaskus lauteten, zu Theil. Dieser Mann, schon seit einigen zwanzig Jahren im Orient lebend, hatte sich dort ganz eingebürgert und keiner von uns würde ihn in seiner Tracht und Haltung für etwas Anderes, als einen rechtgläubigen Muselmann gehalten haben. Seine Protection öffnete uns das Haus eines Türken, eines Armeniers und eines Juden, dreier sehr reicher Leute, deren Gemächer einander an Pracht und Herrlichkeit überboten. Da der Baron wünschte, von dem Innern eines dieser Häuser kleine Zeichnungen zu haben, so entschieden wir uns nach langer Prüfung für das des Armeniers, und weil unser Maler, wie schon gesagt, krank in Beirut zurückgeblieben war, unternahm ich es, so gut es in meinen Kräften stand, von der Einrichtung dieses Hauses ein kleines Conterfei zu nehmen.

Herr Baudin führte uns in eine winklichte schmutzige Straße vor eine baufällige Lehmmauer, hinter welcher man höchstens einen Kuhstall hätte erwarten können. Ein Pförtchen, an welches er klopfte, war kaum vier Fuß hoch und öffnete sich nach langem Warten nur zur Hälfte, so daß wir von dem Manne, der sich nach unsern Wünschen erkundigte, nur den untern Theil, ein langes Gewand und weite Beinkleider sahen. Der obere Theil des Thors hatte ein kleines stark vergittertes Loch, durch welches er uns beobachten konnte, ohne daß wir das Geringste von seinem Gesicht zu sehen bekamen. Herr Baudin sagte ihm, wir wollten den Herrn des Hauses sprechen. Die Thür schloß sich wieder und wurde erst nach einigen Minuten von dem Hausherrn selbst, aber diesmal ganz geöffnet. Dieser hieß uns freundlich willkommen und schloß den Eingang wieder hinter uns zu. Wir standen in einem halbdunkeln Gange, der sich rechts herumwand und uns vor eine andere Thüre führte. Unser Begleiter bat uns zum Scherz, wir möchten die Augen für einen Augenblick schließen und so durch diese innere Pforte treten, was wir befolgten und sie erst wieder öffneten, als diese hinter uns zugeschlossen wurde.

Etwas Ueberraschenderes und Schöneres habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Wir sahen einander an und hielten die ganze Umgebung und Alles, was wir sahen, für ein schönes Märchen. Waren wir arme Wanderer, die müde und durstig im Koth der Straße entschlummerten, und die eine mitleidige Fee plötzlich in ihre schönsten Gemächer versetzte? Der Contrast könnte nicht stärker sein. Wir standen in einem geräumigen Hofe auf einem Boden vom schönsten Marmor, dessen verschiedene bunte Farben kunstreich zu phantastischen Zeichnungen zusammengestellt waren. In der Mitte erhob sich ein schönes Becken, aus dem ein kleiner Wasserstrahl hoch in die Luft sprang, umgeben von Orangen- und Citronenbäumen, die aus dem Marmor des Bodens zu wachsen schienen, und rings die Luft mit ihrem süßen Geruche füllten. Der Hof war im Viereck von einer Gallerie umgeben, die von schlanken Säulen getragen wurde, und unter welcher sich die Eingänge zu den verschiedenen Gemächern befanden. Wir betraten sie nach der Reihe und eins war herrlicher, üppiger eingerichtet, als das andere. So viel es mir möglich ist, will ich den größten Saal, das Conversations- oder Empfangzimmer, wo wir mit Kaffee und Pfeifen bewirthet wurden, beschreiben.

Es war durch einen Gang in drei Theile getheilt. Den Fußboden dieses Ganges bildete ein Mosaik aus buntem Marmor. Er dient dazu, Besuche geringeren Standes zu empfangen, mit denen der Herr, auf seinem Divan liegend, sich unterhält. In der Mitte desselben und demnach auch des ganzen Saales, steht der unentbehrliche Springbrunnen, der seine Strahlen gegen die Decke schleudert, die hier etwas höher ist, als in den beiden Seitentheilen. Diese sind zum Empfang von Gästen oder zum Gebrauch der Familie bei großen Festen mit äußerster Pracht eingerichtet. Der Boden, um einen Fuß höher, als der des Ganges, ist mit herrlichen persischen Teppichen bedeckt; längs den Wänden läuft der Divan, und diese Wände selbst sind in den buntesten Farben gemalt und mit Schränken und Kästchen von vergoldetem Holze mit eingelegten Spiegelchen geschmückt; ebenso die Decke, um welche sich eine Bordüre von geschnitztem und vergoldeten Holz zieht, mit Spiegeln eingelegt. An einem großen reich verzierten Stern hängt der Kronleuchter. In der Mitte des Zimmers steht der Mangahl, ein kupfernes Becken in Gestalt einer Vase, worin bei kalter Witterung Holzkohlen gebrannt werden. Neben ihm waren zwei Girandolen von Bronze, etwa vier Fuß hoch, aufgestellt.

In einer Ecke des Hofes befand sich eine Treppe, vermittelst welcher man auf das Dach der Gallerie stieg. Dieses war ebenfalls mit Platten belegt, die jedoch nur aus gewöhnlichen Steinen bestehen, und es befanden sich oben zahlreiche Orangenbäume, so wie kleine Lauben von Rebgewinden mit Ruheplätzen. Die äußere Mauer des Hauses stieg noch ungefähr zehn Fuß über diese Gallerie empor, so daß von andern Dächern kein neugieriger Blick hereindringen konnte. An der Seite des Hofes, wo wir hereingekommen waren, befand sich das Bad, das jedoch anstatt der Wasserdämpfe, welche das Gemach erhitzen, Wannen hatte, die mit kaltem und warmem Wasser gefüllt werden konnten.

Herr Baudin, der Baron und der Fürst gingen nach einiger Zeit wieder fort, und ich blieb allein zurück, um den Empfangsaal so gut wie möglich abzuzeichnen. Anfänglich saß ich allein in dem Gemach; doch bald erschien einer der Söhne des Hauses und brachte einen altern Armenier mit, der einige Worte französisch verstand und durch den wir eine nothdürftige Unterhaltung einrichteten. Kaffee und Pfeifen wurden dabei natürlich mehrere Male gewechselt und der junge Armenier war so artig, mir eine Pfeife zu halten, so oft ich auf dem Papier einige Striche machte. Jetzt kam auch noch der Vater, sowie ein kleiner Knabe herein, und bald hatte ich ein großes Auditorium um mich versammelt. Zwei Töchter des Hauses, sehr schöne Gestalten und zum Glück unverschleiert, wodurch ich ihre regelmäßigen angenehmen Züge sehen konnte, erschienen zuweilen an der Thür, sprangen aber jedesmal, so oft ich mich auf ihr Lachen umwandte, davon. Endlich sagte ich dem Alten, wenn die Mädchen mir bei meiner Arbeit zusehen wollten, möchte er sie doch nur hereinkommen lassen, worauf er mir entgegnete, sie würden das gerne thun, nur fürchteten sie, mich zu stören.

Einer der Brüder rief ihnen jetzt zu, hereinzukommen, und sie erschienen auch, eine nach der andern; doch hatte sich jede ein kleines Geschäft gemacht. Eine trug auf einem Präsentirteller ein Krystallgefäß mit Eingemachtem, die zweite das nöthige Wasser dazu und ein anderes noch kleines Mädchen hatte in einem Körbchen silberne Löffel. Bald aber waren wir recht bekannt mit einander. Sie setzten sich um mich herum und bewunderten meine in der That schlechte Arbeit. Auch erwiesen sie mir alle möglichen kleinen Aufmerksamkeiten. Bald reichten sie mir eine neue Pfeife, die sie zuvor angeraucht hatten, und es war mir gar nicht unangenehm, das Bernsteinmundstück direct aus den frischen Lippen der hübschen Mädchen zu bekommen; bald legten sie eine glühende Kohle auf den Pfeifenkopf, wenn sie glaubten, das Feuer sei ausgegangen. Es that mir leid, daß es bald an zu dunkeln fing und ich meine Arbeit beendigen mußte. Zum Abschied ließen sie mich durch ihren Bruder bitten, ich möchte ihnen doch etwas auf ein Stückchen Papier zeichnen, was sie behalten könnten. Eine bat mich um das Konterfei eines Stuhls, der andern mußte ich einen Mangahl zeichnen und die ältere bat mich um das Bild eines Schiffes, das auf Rädern laufe, ein Dampfschiff nämlich, wovon sie hatten erzählen hören. Sie mußten dafür ihre Namen in mein Buch schreiben und wir schieden als die besten Freunde.

Noch immer hatte der Baron von all' den Pferden, die er gesehen, nichts gefunden, was ihm der Mühe werth schien, anzukaufen, und dieses Fehlschlagen seiner Hoffnungen, hier in Damaskus recht edle Pferde zu finden, machte ihn zuweilen sehr verdrießlich. Es ist aber auch sonderbar, daß man im Orient so wenige ganz ausgezeichnete Pferde sieht. Den Ideen nach, mit welchen wir das Land betreten, müßten wir die edlen Pferde überall finden; aber dem war nicht so. Fast alle hatten viel Race und wir sahen auch manche, die in Europa für sehr edle Pferde gegolten hätten; aber etwas ganz Ausgezeichnetes, das die ungeheuern Transportkosten rechtfertigen konnte, fanden wir nicht. Der Kammerdiener des Fürsten, Skandar, der sich, da er sehr gut persisch sprach und auch sein Costüm fast ebenso aussah, viel mit den persischen Kaufleuten beschäftigte, die, von Bagdad und Mekka kommend, oft kostbare Pferde mitbringen, meldete eines Morgens, er wisse ein ganz vorzügliches Pferd, Fuchshengst, doch sei er nicht sicher, ob es der Eigenthümer, ein sehr reicher Kaufmann, abgeben würde. Inzwischen könnten wir es in dessen Abwesenheit einmal ansehen. Wir gingen sogleich hin und durch Skandars Bekanntschaft mit den Dienern des Persers wurde uns das Haus geöffnet und der Stallmeister ließ uns die Pferde vorführen. Es waren ungefähr zwanzig, alle sehr gute edle Thiere und zuletzt kam der Hengst, von dem Skandar gesprochen. Wirklich ein prächtiges edles Pferd. Es wurde uns vorgeritten und obgleich wir alle über seine schönen Formen und eleganten Bewegungen entzückt waren, ließen wir uns natürlich davon nichts merken, sondern sahen ihm äußerlich sehr gleichgültig zu.

Es versteht sich von selbst, daß der Perser, der ihn ritt, alles Mögliche anwandte, um uns alle Schönheiten des Hengstes recht vor Augen zu führen. Bald ließ er ihn steigen und das Thier hieb laut wiehernd mit den Vorderhufen in der Luft herum, bald wandte er es im hellen Sonnenschein hin und her, wobei sein Haar wie Gold glänzte. Nachdem wir den Stallbedienten ein reichliches Trinkgeld gespendet, entfernten wir uns, um auf der Straße gegenseitig in Lobeserhebungen über das Thier auszubrechen. Ein schönes Pferd war demnach gefunden; aber der Baron war noch im Zweifel, ob er für das eine allein, wenn er keine andern mehr dazu fände, die großen Kosten des Transportes anlegen wollte, indem drei oder vier Pferde dieselben verhältnißmäßig nicht viel vertheuern würden; und dann war auch noch die große Frage, ob der Perser uns das Pferd überlassen würde und ob er in dem Fall nicht eine ungeheure Summe forderte.

Der Fürst, der auf seinen Kammerdiener die größten Stücke hielt, was dieser auch durch Treue und Anhänglichkeit rechtfertigte, überredete den Baron, die Einleitungen zu diesem Kauf seinem Skandar ganz zu überlassen, der sich an die Stallbedienten machen sollte und dessen Gewandtheit in solchen Geschäften, im Fall etwas zu machen sei, die Sache in Gang bringen würde.

Bisher waren wir immer unsern Pferdeverkäufern nach ihren schmutzigen Ställen gefolgt, aber heute machten wir einmal nach unserm eigenen Gutdünken einen Gang durch die Bazars und nach einigen merkwürdigen Orten der Stadt. Die Besestans sind hier viel weitläufiger und großartiger, auch angenehmer zu durchwandern, als die von Konstantinopel. Man kann hier doch wenigstens auf ebenem Boden gehen und braucht nicht wie dort beständig steil auf- und abzusteigen. Die Auswahl der Artikel, die zum Verkaufe daliegen, ist in manchen Theilen weit reicher, als die in der Hauptstadt, so die Gewölbe, wo Stickereien feil geboten werden oder solche, wo man Kaschemirshawls zu ungeheuern Preisen kaufen kann. Am größten wohl und in seiner Art am reichsten ist der Markt der Sattler, deren Fabrikate von hier aus durch ganz Syrien und Arabien gehen. Wenn auch diese Sattel- und Zaumzeuge nicht mit der Einfachheit und Solidität in ihren kleinsten Theilen, wie dergleichen Sachen bei uns gearbeitet sind, so übersteigt doch die schöne Ciselirung der Silberbeschläge und die reichen und prächtigen Arbeiten der Silber-, Gold- und Perlenstickereien, besonders an den Schabraken, alle Begriffe. Auf dem Waffenmarkt findet man eine große Auswahl an kostbaren alten Waffen; doch sind die neueren Klingen, die hier verfertigt werden, nicht mehr das, was wir uns unter dem Namen Damascener denken. Schon vor mehreren hundert Jahren gingen die berühmten Waffenfabriken von Damaskus ein und siedelten nach Korassan in Persien über, welches jetzt die ausgezeichneten schwarzen Klingen liefert, die man an Güte den frühern Damascenern gleichstellt. Eine »Eski-Scham-taban« – alte Damascenerklinge, deren man jedoch noch sehr viele kaufen kann, ist sehr theuer und wird schon ohne Beschlag und Scheide bis zu zehntausend Piastern und drüber bezahlt.

Die Kaffeehäuser von Damaskus sind in ihrer ärmlichen Ausstattung denen von Konstantinopel gleichzustellen, nur daß man hier nicht, wie dort, unter dem Schmutz, der Alles überzieht, Spuren von ehemaliger Pracht hervorblicken sieht; sondern fast alle sind erbärmliche Baracken, aus Holz und Lehm aufgeführt und haben nur das einzige Angenehme, daß die meisten an einem der vielen Bäche liegen, welche die Stadt durchschneiden und ein kleines Vordach, eine Art Laube aus Reben bestehend, haben, worunter man sich hinsetzt und ohne viel zu denken, in die dahingleitenden klaren Wellen sieht.

Wir kehrten nach dem Kloster zurück und ließen unsere Pferde satteln, um einen Ritt vor die Stadt zu machen. Vor dem Thore nach Jerusalem liegt der Kirchhof der Armenier, in dessen Nähe unser Führer, ein Janißair des Klosters, uns den Ort zeigte, wo Saulus, der von Jerusalem kam, um die Christen in Damaskus zu verderben, von der Stimme des Herrn niedergeworfen wurde, der ihm zurief: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?« Auf dem Platze stehen ein paar große Platanen und er ist nur durch Tradition der Einwohner von Damaskus als jene Stelle bezeichnet.

In die Stadt zurückgekehrt, ritten wir durch mehrere enge winklige Gassen und kamen endlich an die, welche früher die richtige hieß, und wo sich der erblindete Saulus versteckt hielt, bis Ananias die Hand auf ihn legte und er wieder sehend wurde. An diesem Platze selbst steht kein Haus, sondern er ist nur ein kleiner öder Hof, mit einer Lehmmauer umgeben, durch welche wir hineintraten. In der Mitte dieses Hofes ist eine Kellerluke, durch welche man auf mehreren steinernen halb zerfallenen Stufen in ein unterirdisches Gewölbe hinabsteigt, wo sich über einen kleinen Altar, auf welchem die ewige Lampe brennt, ein großes Gemälde befindet, das die Bekehrungsgeschichte Sauls darstellt.

Während der Fürst und unser Führer niederknieten, um den Altar und den Boden des Gemachs zu küssen, standen wir eine Weile dabei, in ernste Betrachtungen versunken, woraus uns die Erscheinung eines alten Mannes riß, der die Treppen herabkam und sich eine Kleinigkeit zum Unterhalt jener Lampe ausbat. Dieser ehrwürdige Tempelwächter war ein Armenier, und versah den Dienst schon an vierzig Jahre.

Wir bestiegen unsere Pferde wieder und ritten quer durch den größten Theil der Stadt bis an die Mauern derselben, wo unser Führer eine Bresche zeigte, durch welche man Saul in einem Korbe hinabgelassen hatte.

Für den Abend des heutigen Tages hatte uns der gute Armenier, dessen Haus wir gestern besehen, zu einem Familienfeste eingeladen. Er verheirathete nämlich seinen Sohn mit der Tochter eines der reichsten Kaufleute der Stadt, und Herr Baudin, der sehr genau mit ihm bekannt war, hatte ihm gesagt, wie dankbar wir ihm sein würden, einer für uns so fremden Ceremonie beiwohnen zu können. Wir kehrten deßhalb frühzeitig nach Hause zurück, da uns Herr Baudin von der Sitte in Kenntniß gesetzt hatte, daß der Hochzeitvater angesehene Gäste, wie wir ihm einmal waren, durch seine Leute abholen lasse.

Es war Abends fünf Uhr, als man uns benachrichtigte, die Abgesandten des Kaufmanns seien unten. Kaum waren wir zum Thor hinausgetreten, so sahen wir eine Menge Volks versammelt, welche einen unharmonischen Gesang anstimmten, der von einer Geige und einer Flöte begleitet wurde. Der Musik gingen zwei Leute mit Fackeln voran, denen andere mit Lichtern folgten. Mit dieser Begleitung im Hofe des Armeniers angekommen, mußten wir einen Augenblick warten. Hier saßen an einem Feuer eine Menge Knaben; der Ceremonienmeister, ein sehr dicker Armenier, kam uns entgegen und begleitete uns in's Vorzimmer, wo sich eine solche Masse Menschen aller Art drängte, daß es beinahe unmöglich war, durchzukommen, ohne die Ellbogen und Fäuste in Bewegung zu setzen. So gelangten wir zu dem großen Empfangsaal, den ich bereits früher beschrieben. An der Thüre desselben warfen sich zwei Diener zu unsern Füßen, um uns die Schuhe auszuziehen.

Als wir in das Zimmer traten, erhoben sich Alle, um uns ihre Ehrerbietung zu bezeugen, von ihren Sitzen, und der Herr des Hauses führte uns in eine Ecke des Divans, wo der Ehrenplatz ist. Nachdem wir uns niedergelassen und durch Zuwinken mit den Händen die Andern gebeten hatten, ein Gleiches zu thun, bewillkommte uns der Bischof der armenischen Kirche, der uns gegenüber in einer andern Ecke des Divans lag, indem er seine Hand auf's Herz legte und sie dann zu der Stirne erhob; seinem Beispiele folgten alle Uebrigen.

Nachdem diese üblichen Begrüßungen abgemacht waren, trat eine solche Masse von Dienern in recht gutem Costüm vor uns hin, daß ich nicht absah, wie es möglich sei, sie für den Augenblick alle zu beschäftigen. Hiefür sorgt aber die orientalische Sitte, welche zu dem kleinsten Geschäft einen, wenn nicht mehrere Bedienten anstellt. So auch hier. Einer legte jedem von uns ein goldgesticktes Tuch über die Arme, welche wir ihm entgegenstrecken mußten. Ein Zweiter hielt knieend ein silbernes Waschbecken unter unsere Hände, auf welche ein Dritter aus einer silbernen Kanne helles, klares Wasser goß. Ein Vierter zog das erwähnte Tuch über unsere Finger zum Abtrocknen. Dann kam ein Fünfter und Sechster mit einem silbernen Präsentirteller, auf welchem Gläser mit Sorbet und einige kleine Confituren standen; dann ein Siebenter und Achter wieder mit Servietten, um, falls wir Einiges verschüttet hatten, es wieder aufzutrocknen. Hierauf kam ein ganzer Troß in alttürkischer Tracht mit Turban und Kaftan, welche uns die langen Pfeifen in den Mund steckten und Kaffee reichten.

Wir rauchten tapfer und im Saal herrschte allgemeine Stille weil jeder mit sich oder seiner Pfeife beschäftigt war. Dies selige Nichtsthun, der Glanz der seidenen Gewänder und der Spiegelwände, das Aroma des Kaffees und der feine Geruch des guten Tabaks versetzten uns in die alte Zeit des ächt orientalischen Prunkes, von welchem fast nur noch in Damaskus einige Spuren anzutreffen sind. Nachdem Pfeife und Kaffee einige Male gewechselt waren, ließ man uns eine Viertelstunde ruhen; dann wurden am Eingang des Zimmers zwei kleine Matratzen ausgebreitet und vier Personen erschienen, welche darauf Platz nahmen. Es war die Musikbande. Sie bestand aus zwei Violinisten, von denen einer blind war, einem Flötisten und einem, der das Tambourin schlug.

Das Concert begann mit einem türkischen Liede, dessen Schönheit ich nicht zu fassen im Stande war. Dann spielte der Blinde ein Violinsolo und präludirte so wahnsinnig auf seinem Instrument, fuhr so entsetzlich auf den Saiten herum, daß ich bis zu Ende des Stücks glaubte, er stimme nur und probire sein Instrument. Nach einer martervollen halben Stunde beschlossen endlich die Virtuosen ihr Concert mit einem Gesange, den der Blinde in näselndem Tone anhob und dessen Refrain die drei Andern im Chor sangen. Drauf entfernten sie sich und uns wurden wieder Pfeifen und Kaffee servirt.

So wurde es neun Uhr. Da traten zwei Kinder von acht bis zehn Jahren in's Zimmer und jedes trug in der Hand einen Leuchter in Gestalt eines Blumenstraußes, von Holz geschnitzt, aus welchem eine grüne Wachskerze brannte. Hinter ihnen kam ein Mann, der einen Korb trug, welcher mit einem dünnen goldgestickten Schleier bedeckt war, durch dessen feines Gewebe man den Anzug eines Mannes erkennen konnte. Kerzen und Korb wurden zu den Füßen des Bischofs niedergesetzt, welcher sich vom Divan erhoben hatte und mit vier andern Priestern, die um ihn traten, ein Gebet sprach, das hie und da durch den Gesang von sieben Knaben unterbrochen wurde.

Merkwürdig war es uns, daß wir, nachdem wir schon einige Stunden im Hause waren, noch keine Spur vom Bräutigam gesehen hatten, dem doch die ganze Ceremonie galt; jetzt, nachdem die Priester ihren Segen über die Kleider gesprochen, wandten sich alle Augen nach der Thür, an welcher ein junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren in der ärmlichsten Kleidung stand. Wir hielten ihn Anfangs für einen Bettler; er war von hoher Gestalt, doch sehr blaß und wagte kaum, die Augen aufzuschlagen.

Plötzlich fing er an, sich vor unsern Augen zu entkleiden, worauf ein alter Mann, ein Verwandter des Bräutigams – daß dies der junge Mann war, brauche ich wohl kaum zu sagen – zum Korbe trat und dem Bräutigam zuerst das lange Unterkleid, dann den Shawl und den Gürtel, endlich das mit Pelz besetzte Ueberkleid reichte. Nun erhob sich der Vater, nahm die Filzmütze, die noch im Korb zurückgeblieben war, ging mit feierlichen Schritten auf seinen Sohn zu, und setzte es ihm auf den Kopf, nachdem er ihm dreimal die Stirn geküßt hatte. Zu gleicher Zeit steckte er ihm an den kleinen Finger einen goldenen Ring mit einem herrlichen Brillanten, dessen Feuer im ganzen Gemach umherstrahlte. Jetzt trat der Bischof wieder vor, schlug ihm ein rosenfarbiges, goldgesticktes Tuch von Seide um den Hals und gab ihm eines von gleicher Farbe und gleichem Stoffe in die Hand, welches er einen Augenblick an Mund und Augen drückte, worauf ihn der Ceremonienmeister bei der Hand nahm und im ganzen Saal herum zu jedem Gast führte, dem er sofort die Hand küßte. Endlich kehrte er zu seinem Platz an der Thür zurück, setzte sich zwischen die beiden grünen Wachskerzen und blieb da bis eilf Uhr, der Zeit des Nachtessens.

Zu diesem Zweck wurde ein kleines Gestell von etwa zwei Fuß Höhe hereingebracht, worauf man eine große Kupferplatte setzte, die wenigstens vierzehn Fuß im Umfang hatte, und an deren Rand in Scheiben geschnittenes weißes Brod zwischen Rettichen, Selleri und Petersilie lag. Ein gleicher Tisch wurde in der andern Ecke des Zimmers für die Geistlichen bereitet.

Sobald das Essen begann, zog sich der Bräutigam in's Nebenzimmer zurück, woher im gleichen Augenblicke sich die ungeschickte Musik von Neuem hören ließ, welche jedoch bald zu unserm größten Vergnügen wieder aufhörte. Sie spielte, wie ein des Landes kundiger Freund erzählte, altarabische Melodien, zu welchen der Blinde in seinem schnarrenden Tone Mährchen aus »Tausend und einer Nacht« recitirte. Das Nachtessen wurde folgendermaßen servirt: Reis in Milch gekocht, Butterteig, die Suppe, mit einem Beigeschmack von Hammelfett, ein Hammelsbraten mit Reis gefüllt, ein Entrée von Braten, Compot von Birnen, ein welscher Hahn mit Reis gefüllt, am Spieß gebratene Hühner, Entrée von anderem Fleisch, Kebab (kleine Stückchen Fleisch, welche an hölzernen Stäbchen auf dem Rost gebraten werden, ein Lieblingsgericht der Türken), Entrée von Zwiebeln, Pillau mit saurer Milch und Käse. Von Zeit zu Zeit wurde rother Libanonwein, der, obgleich sehr gut und feurig, leider beständig nach den Schläuchen schmeckt, worin er aufbewahrt wird, in kleinen Gläsern gereicht. Ihn brachten Diener, welche besser gekleidet waren und einen höhern Rang einnahmen, als die, welche die Speisen auftrugen.

Es war Mitternacht, als die Tafel aufgehoben wurde, worauf wie schon oben beschrieben, Diener Waschbecken, Handtücher und dergleichen reichten; zwei erschienen dann mit einem Rauchfaß, und während sie uns damit räucherten, wurde uns von andern Rosenwasser aus kleinen krystallenen Fläschchen über die Kleider gegossen. Während der ganzen Mahlzeit war der Bräutigam nicht zum Vorschein gekommen; aber kaum waren die Tafeln weggeräumt, so erschien der Arme wieder und nahm seinen Platz wie früher zwischen den beiden grünen Wachskerzen an der Thür. Jetzt erfolgte die Sieste, die der Türke mit dem unübersetzbaren Worte Kef bezeichnet, etwas, das wir Europäer durchaus nicht nachmachen können.

Der Orientale lehnt sich in seinen Divan zurück, denkt nichts und ruht behaglich zwischen Wachen und Schlafen, wobei er langsam aus einer langen Pfeife raucht. Selbst der Prophet empfiehlt diese Sieste, indem er sagt: »Schlafet den Schlaf Kailuleh,« d. h. den Schlaf nach dem Essen, »denn Satan schläft ihn nicht.«

Dieser Zwischenakt dauerte heute Abend über anderthalb Stunden, während welcher Zeit Mitternacht ihr Recht ausübte und auf dem ganzen Hause Grabesstille lag. Auf einmal aber erhob sich wieder das Geschnarre der Instrumente und brachte die Ruhenden augenblicklich in Bewegung. Man sprach, lachte, erzählte, bis kurz darauf der Ceremonienmeister mit großen Schritten in die Mitte des Zimmers trat und mit lauter Stimme verkündigte, daß es Zeit sei, die Braut zu holen und nach der Kirche zu führen.

Alles erhob sich und ging vor's Haus, um sich zu einem Zuge zusammenzureihen. Dieser begann mit einer Reihe Fackelträger; dann kam die Musik und die Sänger, hinter denen uns zu unserm großen Leidwesen der Ehrenplatz angewiesen wurde; sodann die übrigen Gäste, und endlich unter den Dienern der Bräutigam. Nachdem wir uns im langsamen Schritt in eine der schmutzigen schlechtgepflasterten Straßen – es war eine feuchte, neblichte Januarnacht – etwa zehn Minuten fortbewegt hatten, kamen wir an das Haus des Brautvaters, wo an der Thür das nämliche Ceremoniel mit unsern Stiefeln stattfand. Als wir eine große Vorhalle durchschritten hatten, kamen wir in ein Zimmer, wo um einen Mangahl diejenigen Freunde des Hauses kauerten, welche den zweiten Rang in der Gesellschaft einnahmen.

Aus diesem Zimmer wurden wir in den großen Empfangsaal geführt, der noch weit prachtvoller war, als der im Hause des Bräutigams. Gegenüber dem Eingang befand sich eine Nische, in welcher außer einer Pendule von Alabaster mehrere hübsche Porcellanvasen mit künstlichen Blumen standen. Die Fenster, höher als die gewöhnlichen Häuser, waren mit seidenen Vorhängen versehen, die Kissen des Divans von gelber Seide, mit Blumen von braunem Sammt. Auf dem Teppich standen zwei sehr schön gearbeitete Mangahls, umgeben von großen bronzenen Leuchtern mit grünen Wachskerzen. Zuerst wurden wir auf gewöhnliche Art bewillkommt, dann brachte man uns Kaffee und lange Pfeifen, und während wir behaglich rauchten, ging der arme Bräutigam im Kreise herum und küßte Allen die Hand, die nicht bei seinem Vater gewesen waren. Dann kamen vier Künstler, welche vom Brautvater gedungen waren, und beglückten uns mit mehreren Musikstücken, welche jedoch nicht besser waren, als die frühern. Uebrigens blieben wir hier nur kurze Zeit, weil der Hochzeitzug jetzt endlich in die Kirche ging. Im Hofe sahen wir eine Menge Menschen um einen weißen Zelter gedrängt, der, sehr reich geschirrt, für die Braut bestimmt war. Der Zug setzte sich, wie früher, in Bewegung, und nach dem Bräutigam kamen die Freunde der Braut und endlich sie selbst zu Pferde, umringt von einer Anzahl Frauen zu Fuß. Sie trug ein Kleid von weißer Seide mit goldgestickten Blumen, das ihr bis an die Sohlen reichte. Auf dem Kopf hatte sie einen Ueberwurf von weißem Mousselin, und über diesem einen von rothem Atlaß, welcher beinahe das ganze Gesicht bedeckte. Auf dem Kopf trug sie ein Barett von Holz, einem Soldatentschakow, den man oben abgerundet, nicht unähnlich. Diese sonderbare Bedeckung ließ kaum die Form eines menschlichen Kopfes erkennen.

Wir brauchten über eine halbe Stunde, um zur Kirche zu gelangen, welche zu unserem Empfange bereit sein sollte, jedoch so schlecht erleuchtet war, daß der Blick kaum bis zur Kuppel dringen konnte. Diese wurde von acht hölzernen Säulen getragen. Links am Eingang war ein Bild des heiligen Georg, wie er den Drachen erlegt, und rechts die Thür, welche in's Kloster führt. Wir traten vor den Hauptaltar und nachdem man uns Stühle gebracht, konnten wir mit Muße das Innere der Kirche betrachten. Ueber dem Altar, zu welchem vier Stufen von weißem Marmor führten, hing das Bild der Mutter Gottes, rechts von demselben die heilige Anna und links der heilige Petrus. In der Mitte schwebte ein Kronleuchter mit gelben Lichtern, welche schlecht brannten und einige silberne Leuchter standen ohne Symmetrie in der Kirche umher.

Endlich kam der Bräutigam und wurde zur linken Seite des Altars geführt; eine verschleierte Frau brachte sodann die Braut zur Rechten desselben. Der Bischof zog seine schönsten, mit Gold und Silber gestickten geistlichen Gewänder an und nahm Platz in einer Nische. Ein anderer Geistlicher vereinigte die Hände der Brautleute, während ein Dritter ihnen die Köpfe zusammendrückte, und ein Knabe, auf einem Gerüste stehend, hielt ein Kreuz und eine Wachskerze über sie. In dieser eigenen Stellung verweilten sie bei zwanzig Minuten, während welcher Zeit der Bischof vor sie trat und eine Messe las. Der Gottesdienst endigte damit, daß ein Diakonus ein Kapitel des Evangeliums Matthäi vortrug. Da aber dieser Mann das Unglück hatte, bucklig zu sein und mit der Zunge anzustoßen, so mußten wir die Feierlichkeit der Handlung stets bedenken, um nicht in Lachen auszubrechen. Der Geistliche sprach darauf ein kurzes Gebet und befestigte ein Band an der Mütze des Bräutigams und dem Barett der Braut, wobei er ihnen bedeutete, daß sie von nun an für's Leben vereinigt seien. Ein Nachbar, den ich fragte, wozu das unförmliche Holzbarett der Braut diene, antwortete mir, es sei, um Beide gleich groß zu machen, damit sie erkennen, daß keines über dem andern, daß sie einander gleich stehen.

Zum Schluß küßten die Brautleute ein Crucifix; die Braut wurde von derselben Frau wieder abgeholt und dann auf ihrem Pferde gänzlich verschleiert in das Haus ihres Mannes gebracht. Gegen drei Uhr Morgens war endlich diese Hochzeitfeier vollendet, auf welche sich die Eingebornen seit mehreren Wochen gefreut, und der wir eine Nacht zum Opfer gebracht hatten. Wir waren es indessen wohl zufrieden, einmal für allemal eine armenische Hochzeit in Syrien gesehen zu haben.

Wenn wir früher in Konstantinopel, später in Beirut unsere Reiseprojecte machten, und wir in Syrien in Gedanken bis Damaskus vordrangen, so hatte wohl einer die kühne Idee, von da einen Ausflug nach Palmyra vorzuschlagen. Doch behandelten wir diese Idee gerade wie ein schönes Mährchen, von dem man träumt und wo sich am Ende eine kühne Phantasie einredet, man werde die schimmernden Thore des Feenpalastes endlich in der Wirklichkeit einmal erreichen. Wenn uns einige des Landes Kundige eine Tour nach Palmyra, als mit den größten Schwierigkeiten und Mühseligkeiten verbunden, vorstellten, so kamen fast alle, die wir darum fragten, dahin überein, schon von jeher sei der Weg durch die Wüste nach jenen kolossalen Ruinen durch die streifenden Araberhorden sehr unsicher gemacht worden, und jetzt in Kriegszeiten, da Ibrahim Pascha's mächtige Hand jene Raubstämme nicht mehr im Zügel halte, sei es nicht möglich, an eine Tour nach Palmyra zu denken. Obgleich wir nun schon durch unsere Tour über den Balkan und später über den Libanon belehrt worden waren, was man von den Reden der Leute zu halten habe, so waren doch die Gründe, die ich oben gegen eine Reise nach Palmyra angeführt, zu vernünftig und uns zu einleuchtend, als daß wir im Ernst daran hätten denken können, deßhalb thaten wir dies auch nur, wenn wir eben einmal im besten Zuge waren, die schönsten Luftschlösser zu bauen.

Mit diesen Gedanken in Bezug auf Palmyra waren wir nach Damaskus gekommen und wagten es nicht einmal, weder einen unserer Paters, noch den Herrn Baudin zu fragen, ob es wohl in diesen Zeitverhältnissen möglich sei, Palmyra zu sehen. So saßen wir am Tage nach jener Hochzeit, da es gerade mehrere Stunden anhaltend regnete, in unserem Gemach und rauchten eine Pfeife. Skandar, der noch gestern Abend mit den Leuten des Persers zusammen gekommen war, hatte uns gesagt, daß ihm der Stallmeister im Vertrauen erklärt, es sei vielleicht möglich, jenen Hengst zu bekommen; doch würde sein Herr bei einer directen Anfrage eine ungeheure Summe fordern, weßhalb er ihm die Sache überlassen solle. Daß diesem treuen Knecht dafür ein reichliches Trinkgeld zu Theil werden mußte, versteht sich von selbst. Doch hatte Skandar für gut befunden, ihn manövriren zu lassen, und brachte uns diesen Bescheid mit dem trostreichen Zusatz, daß der Stallmeister sich wenigstens fünf Tage Zeit ausgebeten habe, ehe er eine Antwort ertheilen könne.

Trotz den Schönheiten von Damaskus war uns doch die unfreiwillige Verlängerung des Aufenthalts nicht sehr erwünscht; denn erstens hätten wir nach unserer gemachten Zeiteintheilung schon morgen oder übermorgen abreisen sollen, und zweitens hatte uns der Prior die untröstliche Nachricht gegeben, daß in der Stadt die Pest ausgebrochen sei, die, obgleich sie sich erst hie und da zeige und wenig Opfer hinwegraffe, doch wegen des vielen halb verhungerten Gesindels, das der Krieg hier zusammengeführt, sehr gefährlich zu werden drohe. Wir hatten uns um einen Mangahl gesetzt, und der Fürst, der immer sehr guten Humors war, konnte heute doch ein unangenehmes Gefühl nicht unterdrücken und sagte beständig: »c'est terrible, c'est terrible!«

Da trat Herr Baudin in's Zimmer, und nachdem wir ihm Kaffee gemacht und unsere beste Pfeife angeboten, sprach auch er von der ausbrechenden Pest und wie groß die allgemeinen Befürchtungen seien. Ohne ihm zu erklären, was uns hier zurückhalte, sagte der Baron, wir würden noch vier bis sechs Tage da bleiben, worüber viel Gleichgültiges hin und her gesprochen wurde, bis uns plötzlich Herr Baudin fragte: ob wir denn nicht Palmyra sehen wollten. Man kann sich leicht denken, daß uns diese Frage nicht wenig überraschte und wir sie für Scherz annahmen, worauf uns jedoch Herr Baudin in allem Ernste versicherte, obgleich eine Tour nach jenen Ruinen mit ziemlichen Kosten und Mühseligkeiten verknüpft sei, würde sie sich doch gerade jetzt in Folge der Kriegsverhältnisse machen lassen. Ibrahim Pascha nämlich, der seine Truppen aus dem Hauran nach Damaskus gezogen, habe zu diesem Zweck an verschiedenen Orten kleine Etappen errichtet, die auch uns noch zu gut kommen könnten, und wenn auch die durchziehenden Truppen nicht viel zurückgelassen, als Deserteure, so könnten uns dieselben oder vielmehr ihre Pferde recht zu Statten kommen. Auch würden die streifenden Araber durch jene Truppenzüge, wenn gleich nur für kurze Zeit, weiter in das Innere des Landes zurückgedrängt sein.

Wir sahen uns überrascht an, und als wenn einer in des andern Auge gelesen hätte, nichts sei ihm erwünschter, als diese Aussicht, so antworteten wir mit einem Munde: wir würden uns sehr glücklich schätzen, diese interessante Tour machen zu können. Herr Baudin, der unermüdliche, liebenswürdige Mann, schlug uns nun zwei Arten vor, um diese Reise zu machen. Bei der einen müßten wir uns der Kamele bedienen, würden wohl langsamer, aber auch bequemer reisen und könnten mit der Schnelligkeit der gewöhnlichen Karawanen Palmyra am sechsten, im günstigsten Falle am fünften Tage erreichen. Bei der andern dagegen, die kostspieliger sei, müßten wir Pferde nehmen, dürften kein Gepäck mitführen und uns von einer Schaar berittener Beduinen begleiten lassen. Dann aber könnten wir bei ziemlich guten Pferden Palmyra schon in der Nacht vom dritten auf den vierten, oder spätestens im Lauf des vierten Tages erreichen.

Wir waren heute Alle in der glücklichen Stimmung, einen schnellen Entschluß fassen zu können, und entschieden uns in kurzer Zeit für die Tour nach Palmyra, sowie dafür, den Ritt zu Pferde zu machen, und Herr Baudin entfernte sich sogleich mit dem Versprechen, wo möglich noch heute das Nöthige zu besorgen, sowie sichere Leute und einen bekannten Schech zu unserer Begleitung auszusuchen, den er uns noch heute Abend zuschicken werde. So auf einmal an's Ziel unserer kühnsten Hoffnungen, Palmyra doch noch zu sehen, gekommen, säumten wir nicht, alle nöthigen Vorkehrungen zu diesem Ritte zu treffen. Vor allen Dingen sahen wir nach unsern Waffen und setzten Pistolen und Säbel in den bestmöglichen Stand. Das dunkle Wetter brachte einen frühen Abend herbei und wir hatten uns soeben nach dem Mittagsessen aus dem Refectorium in unsere Stube begeben, als draußen auf dem Corridor sich schleppende Fußtritte vernehmen ließen, an denen man gleich die Ankunft von Beduinen erkennen konnte. Und so war es auch.

Herr Baudin kam zurück und brachte ein Paar dieser Wüstensöhne mit, von denen einer – es war der Schech selbst – mit uns über die Kosten jener Tour unterhandeln sollte. Es wurde Alles beinahe auf dieselbe Art abgemacht, wie auf unserer Tour durch die Türkei. Der Schech lieferte jedem ein gutes Pferd und versprach, uns am vierten Tag nach Palmyra zu bringen. Da wir wohl wußten, daß wir, um in dieser kurzen Zeit hinzugelangen, äußerst schnell reiten mußten, so wurde in der mündlichen Uebereinkunft vorgesehen, daß der Schech für die Ausdauer der Pferde zu stehen und er, im Fall eines stürze, für ein anderes zu sorgen habe. Der Schech, ein schon ältlicher Araber, aber ein großer kräftiger Mann, schilderte uns mit lebhaften Farben die Gefahren, welche die Reisenden auf diesem Wege bedrohe, wie noch vor nicht langer Zeit eine Karawane von den streifenden Arabern geplündert und hinweggeführt worden sei, setzte aber hinzu, in seiner Begleitung seien wir ganz sicher.

Doch was die lebhafte Schilderung der Gefahren, denen er sich um unsertwillen aussetze, bezwecke, wurden wir bald inne; denn der gute Araber forderte eine ganz unerhörte Summe. Trotz unseres Handelns ließ er nicht sehr viel herunter und da uns Herr Baudin versicherte, wir würden mit einem Andern nicht billiger einig, so schlossen wir das Geschäft ab, reichten dem Araber die Hand zum Zeichen, daß wir uns ihm übergeben und schärften ihm noch ein, morgen vor Tagesanbruch mit seinen Pferden unten zu sein.

Ich konnte die Nacht nicht viel schlafen; auch den Andern erging's nicht besser, besonders war der Fürst in beständiger Unruhe. So oft ich mich auf meinem Lager herumwandte, sah ich ihn bald dies, bald jenes vornehmen. Jetzt stopfte er sich eine Pfeife, dann putzte er an seinen Waffen herum, und als kaum Mitternacht vorbei war, meinte er, jetzt sei es Zeit, daß wir aufstünden und anfingen, den Kaffee zu kochen. Ich folgte seinem Rath, verließ mein Lager und rüstete mich zu dem weiten Ritte. Mein Anzug war so einfach wie möglich, kurze Stiefeln mit Sporen, eine lederbesetzte Reithose, darüber einen kurzen zugeknöpften Rock; auf den Kopf setzte ich das Feß; der Fürst machte mir aus einem ungeheuren Stück Mousselin, das ich gestern gekauft, kunstgerecht einen Turban; einen türkischen Säbel hatte ich an der Seite und meine Pistolen an einer langen Schnur, womit ich sie am Sattelknopf befestigen konnte.

Der Fürst vertauschte auch sein seidenes gesticktes Kleid mit einem sehr groben, das aus gegerbtem Leder bestand und mit Pelz besetzt war. Der Baron war wie ich costümirt; nur hatte er einen rothen Turban, die Pistolen in eben solchem Gürtel stecken und an der Seite einen geraden östreichischen Cürassier-Pallasch.

Unsere Beduinen waren sehr pünktlich. Noch war es gänzlich Nacht, als ein langes anhaltendes Pferdegetrappel auf der Gasse uns ihre Ankunft anzeigte. Von den Leuten nahmen wir Giovanni und den riesigen Mechmed mit, Skandar blieb aber zurück, um unterdessen beim Pferdeverkauf mitzuwirken.

Nachdem uns noch der gute Prior seinen Segen ertheilt, saßen wir auf und ritten zur dunkeln, stillen Stadt hinaus. Vor dem Thore hatten wir einen Steinweg, ähnlich dem, auf welchem wir vom Libanon her in die Stadt geritten waren, setzten dann auf einer Brücke über einen Fluß, wahrscheinlich ein Arm des Barrada, und befanden uns auf der großen Straße nach Aleppo. Wie fast auf allen unsern Touren mit den Arabern hielten sie gleich unsern Baron, wegen seiner stattlichen Figur, für den Chef unserer Gesellschaft. Auch heute, als wir jenen unregelmäßigen Steindamm hinter uns hatten, ritt der Schech zu ihm hin und fragte ihn, ob wir jetzt schneller reiten könnten. Natürlich säumten wir nicht, unsern Pferden die Sporen zu geben und jagten in sausendem Galopp davon. Wir durchschnitten das Thal Gutha und hatten schon beinahe die Berge erreicht, welche es im Süden einschließen, als der Morgen in Osten schwach aufzudämmern begann. Die Straße, auf der wir ritten, war, wie alle hier zu Land, ohne Kunst und Mühe angelegt und nur von den Karawanenzügen gebildet, die jedes Jahr in unabsehbarer Reihe von Damaskus ausziehen.

Unsere Begleitung bestand aus einigen und dreißig Beduinen, die mir alle ziemlich gut beritten schienen. Sie trugen den weißen Burnus; einige einen Turban, andere roth und gelbe, sowie auch weiße Tücher, die mit um den Kopf gebundenen Stricken festgehalten werden. Die Bewaffnung der meisten bestand in einem Säbel, einem Paar Pistolen und der langen Lanze mit dem charakteristischen Büschel von schwarzen Straußfedern. Einige hatten außerdem einen Handschar im Gürtel stecken oder eine lange dünne Flinte auf dem Rücken befestigt. Als wir uns auf der Höhe jener Berge umwandten, drangen gerade die ersten Strahlen der Morgensonne hervor, und beleuchteten die prächtige Stadt, die wir vor einigen Stunden verlassen.

Der Weg, den wir in der ersten Hälfte des heutigen Tages zurücklegten, ging meistens durch bergiges Terrain, deren Formation den Felsen des Libanon, aber in sehr verkleinertem Maßstabe glich. Unsere Pferde liefen ausgezeichnet gut, und als wir mit sinkender Nacht ein kleines armseliges Dorf, Neschme, erreichten, hatten wir an zwanzig deutsche Stunden zurückgelegt. Bei der Ankunft einer so großen bewaffneten Schaar, wie die unsrige, waren die Einwohner geflohen; nur einige alte Männer und Kinder waren zurückgeblieben. Der Schech suchte eine der besten Hütten für uns aus, und es gelang ihm auch, Hühner und Eier für uns, so wie reichliche Gerste für die Pferde, zu erhalten.

Da er Alles baar bezahlte und die Zurückgebliebenen sahen, daß es auf keine Plünderung abgesehen war, mußten sie den Geflohenen Nachricht gegeben haben, denn während der Nacht kamen die meisten zurück. Wir ritten am andern Morgen wieder vor Tagesanbruch aus und unser Weg führte durch eine steinige sandige Fläche. Zur Rechten hatten wir einen Zug des Gebirges Nuack, und gegen Abend mußten wir einen Ausläufer desselben übersteigen, der uns quer durch den Weg strich. Doch erreichten wir bald unser heutiges Nachtquartier, Karyatien, ein weit größeres und ansehnlicheres Dorf, als Neschme, dessen Schech uns freundlich mit der gewöhnlichen Gastfreundschaft der Araber aufnahm. Unsere Pferde, d. h. die, die wir Europäer ritten, waren heute Abend entsetzlich ermüdet, denn wir hatten heute nicht weniger als dreißig deutsche Stunden gemacht, aber die unserer Beduinen, die schon an dergleichen Fatiguen mehr gewöhnt waren, schienen wunderbarer Weise von dem fürchterlichen Ritt gestern und heute nicht gelitten zu haben.

Gleich bei der Ankunft setzte sich unser Schech mit dem des Dorfes in Unterhandlung, um für uns auf morgen frische Pferde zu erhalten, so wie eine Anzahl Kameele, die mit Wasser, Gerste und einigem Proviant für uns beladen wurden und sogleich abgehen sollten, damit wir, die wir morgen früh weiter ritten, auf den Abend in der baum- und wasserlosen Wüste, welche wir hinter Karyatien betraten, den nöthigen Proviant finden würden. Glücklicher Weise waren die beiden Beduinen alte Bekannte; sie hatten mehrmals die Karawanenzüge mit ihren Schaaren durch die Wüste begleitet, und der eine war daher jetzt gleich bereitwillig, dem andern zu helfen, so daß in ungefähr zwei Stunden unsere Proviantkolonne für morgen abgehen konnte. Sie bestand aus zehn Kameelen und ungefähr zwanzig Reitern, bewaffnet und beritten, wie die unsrigen. Wir begleiteten sie bis vor das Dorf und sahen ihnen noch lange nach, wie sie auf der weiten flachen Ebene dahin gingen, in der Dämmerung der Nacht und dem hellen gelben Sande allmälig wie Schatten entschwebend.

Unser Schech war ein freundlicher Mann. Er bewirthete uns mit einem guten Pillau und Lammfleisch und brachte nachher, um uns etwas recht Gutes anzuthun, eine Flasche Raki, Dattelbranntwein, hervor, wovon wir jeder ein Gläschen trinken mußten. Er war ein schon alter Mann und ließ uns durch Giovanni viel von den gefährlichen Pilgerzügen sagen, die er durch die Wüste geleitet. Auch brachte er später einen Ehrensäbel herbei, den er dafür von einem Pascha von Damaskus erhalten. Diese freien Araberstämme ziehen ihren größten Verdienst aus der Begleitung und Verproviantirung der Karawanen, die nach Mekka gehen. Alljährlich versammeln sich zu Damaskus aus dem ganzen Norden Asiens alle Pilger, die diesen Zug mitmachen wollen. Die meisten derselben kommen erst am Ende des Ramasans, und dann gleicht Damaskus, die an sich schon so lebendige Stadt, einem ungeheuren Markte. Es wimmelt von Fremden aus allen Theilen der Türkei und Persiens. Alle Straßen der Stadt sind bedeckt mit Haufen von Pferden, Kameelen, Eseln und Waarenballen, und dieser ganze ungeheure Troß setzte sich nach einigen Tagen in Bewegung, um in vierzig Tagen durch die Wüste ziehend, Mekka am Bairamfeste zu erreichen. Da die Karawane durch die Gebiete mehrerer freien Araberstämme zieht, so mußte man Verträge mit ihnen abschließen, ihnen einen Durchgangszoll bezahlen oder sie zu Führern und Begleitern nehmen, was ebenfalls bezahlt wurde. Der Pascha von Damaskus schickt vor dem Auszug der Karawane einem der mächtigsten Beduinenschech's den Ehrensäbel, von dem ich oben sprach, so wie ein Zelt, und ernennt ihn somit zum Hauptführer der Karawane, unter welchem Titel ihm aber die Verpflichtung obliegt, für einen Theil der zum Zuge nöthigen Kameele zu sorgen, die er um einen bestimmten Preis liefern muß, ohne bei Verlusten auf eine weitere Entschädigung rechnen zu können. Jedes Jahr gehen bei diesen Zügen an zehntausend Kameele zu Grunde, deren Ersetzung ein bedeutender Erwerbszweig der Araber ist. In früherer Zeit lag dem Pascha von Damaskus die Verpflichtung auf, die heilige Karawane selbst nach Mekka zu führen, weßwegen er den Ehrennamen Emir Hadje führte, und diesem Posten wurde eine solche Wichtigkeit beigelegt, daß, wenn der Zug gelingt, das heißt, wenn die Araber ihn nicht zerstreuen und ausplündern, die Person des Pascha für alle Zeiten unverletzlich ist und es selbst dem Sultan nicht erlaubt ist, sein Blut zu vergießen. Doch wußte die Politik der hohen Pforte dies buchstäbliche Verbot sehr gut zu umgehen, indem sie einen solchen Pascha, dessen sie sich entledigen wollte, in einem Sack ersticken ließ. Neben dem religiösen Interesse treibt auch die Aussicht, im Handel ein Bedeutendes zu gewinnen, eine Menge Pilger zu dem Zuge. Sie nehmen von Hause Waaren mit, die sie unterwegs verkaufen, und das gelöste Geld verwenden sie in Mekka zum Einkauf von Mousselinen aus der Stadt selbst und aus Bengalen, von Shawls aus Kaschemir, Aloe aus Tunkin, Diamanten aus Golkonda, besonders Kaffee aus Jemen. Indessen plündern oft die streifenden Araber die Karawanen gänzlich aus und machen alle die schönen Projecte der Kaufleute zu Schanden. Doch kommen in den meisten Fällen die Pilger wohlbehalten zum Ziel und alsdann ist ihr Vortheil sehr bedeutend. Die ärmere Klasse, die bei dem Zuge materiell nichts gewinnen kann, macht sich in allen Fällen durch die Ehrfurcht bezahlt, die man dem Namen Hadji (Pilger) beilegt, oder durch das Vergnügen, ihren Landsleuten die Wunder der Kaaba zu rühmen, mit Emphase von der ungeheuern Menge Pilger und den Mühseligkeiten, die sie ausgestanden haben, zu sprechen, sowie von den seltsamen Figuren der Beduinen, der wasserlosen Wüste und dem Grab des Propheten. Diese Erzählungen haben den gewöhnlichen Erfolg, daß sie die Bewunderung und Begeisterung der Zuhörer erregen, wiewohl es nach dem aufrichtigen Geständniß der Pilger nichts Elenderes, als diese Reise gibt. Uebrigens hat aber auch diese flüchtige Bewunderung nicht verhindert, ein für die frommen Pilger wenig ehrenvolles Sprüchwort in Umlauf zu bringen: »Sei mißtrauisch gegen deinen Nachbar,« sagt der Araber, »wenn er einen Hadje (Pilgerzug) gemacht hat; macht er aber zwei, so trenne dich augenblicklich von ihm.«

Am andern Morgen brachen wir wieder vor Tagesanbruch auf. Unser alter Wirth wollte uns durchaus begleiten, indem er unserm Schech vorstellte, unsere Eskorte sei bei einem bedeutenden Angriff der Araber doch ein wenig schwach, und es mache ihm selbst Spaß, wieder einmal einen Ritt durch die Wüste zu unternehmen. Sein Verlangen konnte uns nur angenehm sein, und da wir schon viel von den verwegenen Räubereien der Araber in diesen Theilen des Landes gehört hatten, so sahen wir es nicht ungern, daß er sich in Begleitung einiger zehn recht gut aussehender Reiter unserem Zug anschloß. Eine kurze Strecke hinter Karyatien fing die gewaltige Sandwüste mit einem Male an. Eine unabsehbare, weißlich gelbe Fläche breitete sich vor uns aus und der Blick fand keine Abwechslung, als lange Wellenlinien, die der Wind in den Flugsand gezeichnet hatte. Nördlich strichen in weiter Entfernung die Gebirge von Ajar und östlich war das, was wir sahen, entweder Sandgebirge oder der gelbe Boden spiegelte sich in den Wolken wieder. Die ausführlichere Beschreibung einer Reise durch die Wüste findet besser bei unserer zweiten und größeren Tour durch diese öden Sandflächen, als wir später von Gazza nach Kairo zogen, ihre Stelle, weßhalb ich hier nur mit wenigen Worten darauf hingedeutet habe, besonders da sich diese verlassenen baum- und wasserlosen Landstrecken fast ganz gleich sehen.

Unser heutiger Tagmarsch war für die Pferde sehr ermüdend, denn obgleich sie bei jedem Schritt bis über die Fesseln in den Sand traten, ging es doch fast beständig im scharfen Trabe vorwärts. Auch der Himmel war uns nicht sehr günstig, sondern mit Wolken überzogen und ein scharfer Wind wirbelte oft den Sand um uns in die Höhe, daß wir wie in Wetterwolken eingehüllt dahin ritten. Mir kam heute beim Betrachten unserer Reiterschaar häufig und sehr lebhaft ein kleiner Kupferstich in's Gedächtnis, »eine Karawane vor einem Sandsturme fliehend,« auf welchem eine bunte wilde Schaar von Beduinen vor zerrissenen Wolken, die vom Himmel herabzuflattern scheinen, und beweglichen Sandhaufen, wie wir heute, dahin fliehen. Im Hintergrund des kleinen Bildchens sah man die Ebene mit Ruinen bedeckt. War es Palmyra? Mir kam es damals schon so vor, als müsse es Palmyra sein, und meine Phantasie bemühte sich nach Allem dem, was uns von jener fabelhaften Stadt gesagt wurde, bei Nennung dieses Namens die prächtige todte Stadt so wundervoll wie möglich auszumalen. Aus der Wüste kamen die guten und bösen Feen, die an der Wiege neugeborner Königskinder erschienen, um sie zu beschenken, und Palmyra hatte ich mir als den Ort gedacht, wo die gute Fee herkommen müsse. Palmyra mit den schönen Bauwerken, von denen ich gehört, und die doch Niemand bewohnen sollte, war mir eine Stadt von Palmen umgeben, in der jene guten Geister ihre eigentliche Heimath hatten, wie auch bei uns die Zauberschlösser mitten im Walde liegen.

Was wir am Morgen vor uns gesehen hatten, waren wirklich Ketten von Bergen, ohne Baum und Strauch, die eine sandige Fläche von ungefähr drei bis vier Stunden Breite einschlossen, und so eine Schlucht bildeten, die sich nordwestlich hinzog. Es dunkelte schon, als wir den Eingang derselben erreichten, wo wir die vorausgeschickten Kameele gelagert fanden. Unser guter Schech von Karyatien hatte ein Zelt mitgegeben, das uns recht gut zu Statten kam. Die Nacht wurde, wie immer hier, recht kalt und der Thau benetzte rings den Boden. Trotz der gespannten Erwartung, mit der wir dem morgenden Tag entgegensahen, ließ uns die große Ermüdung, die uns diese forcirten Ritte verursacht, sehr fest schlafen und es bedurfte am andern Morgen des lauten Getümmels der aufbrechenden Araber, um uns zu wecken. Die Kameele mit ihrer Bedeckung blieben auf dem Platze hier, um uns morgen in der Nacht wieder aufzunehmen, und sie waren für diese mit Wasser und Proviant genugsam versehen.

Wir ritten in der Morgendämmerung vielleicht zwei Stunden lang durch die Schlucht, die sich auf einmal zu verengen schien; doch traten die Gebirgszüge an dieser Stelle nur etwas zusammen, um sich gleich hinter derselben zu einem weiten Thale auszudehnen, in welchem Palmyra oder Tadmor liegt. Mir klopfte das Herz, als wir eine dieser Bergketten rechts hinanstiegen und nun auf einmal auf der andern Seite die Ruinen einer Wasserleitung sahen, die einst in frühern Zeiten das Wasser nach der Stadt führte. Doch woher, da die Gegend weit und breit mit Sand bedeckt ist? Die Rinne, welche von den stolzen Bogen getragen wird, zeigt keine Spur von irgend einem grünen Blatt oder einem Moose, sondern Alles ist bestaubt und angefüllt mit dem feinen Sand, den der Samum emporwirbelt. Jetzt sahen wir rechts und links neben diesem Aquaduct, sowie auch an der Höhe vor uns, einige viereckige Thürme von bedeutender Höhe. Unser Weg führte uns bei einem derselben vorbei und wir erkannten, daß es alte Grabmäler seien. Mit lautem Hurrah, das in den Bergen wiederhallte, jagten unsere Beduinen nun den letzten Absatz der Höhe hinan. Wir folgten ihnen und sahen von oben die alte prächtige Stadt vor uns, – todt, – und doch ewig in ihren Trümmern lebend.

Es ist nicht möglich, einen Anblick, wie den der Ruinen von Palmyra zu beschreiben oder auch nur ein schwaches Bild davon zu geben. Man kann gegen andere Trümmer vergangener Zeiten an diese keinen Maßstab legen. Hier ist keine prachtvolle üppige Gegend, auf der die Ruinen nur eine Verschönerung wären, hier ist nichts als eine unabsehbare öde Fläche, welche sich bis zum Euphrat kahl und unwirthbar erstreckt, die erst dem Auge bedeutend wird und es zu fesseln vermag durch die Trümmer der Stadt, Trümmer, so ungeheuer und zahlreich, daß man sie kaum in zwei Stunden umwandeln kann. Fern von jedem lebenden Wesen, fern von der Zeit, die im Stande war, solches zu bauen, ragt hier eine ungeheure Menge korinthischer Säulen empor, deren Bild durch die wenigen Mauern und Gebäude, die man sieht, noch sonderbarer wird. Kann man die unzähligen schlanken Schafte mit dem kunstvoll gearbeiteten Frieß einem versteinerten Palmenwald vergleichen? Nein, es ist wie das Tulpenbeet einer mächtigen Fee, die Säfte der schönen Blume hat eine böse Macht ausgetrocknet und wir Menschen glauben nun, dort sei vormals eine Stadt gewesen. Ja, mir war es unmöglich, das ungeheure Schauspiel, das sich unsern Blicken auf der Höhe darbot, zu erfassen. Wir ritten stumm den Hügel hinab gegen die Stadt mit offenem Auge und gierigem Blick, um von dem Herrlichen so viel wie möglich in uns aufnehmen zu können.

Bald stößt man auf einen Palast, doch sieht man nur die mit Säulen umgebenen Höfe und Bruchstücke der mit schönen Verzierungen bedeckten Mauern; bald auf einen Tempel, dessen Größe und Lage man nur durch die umhergestreuten Trümmer erkennen kann; bald auf einen andern, dessen Peristyl halb umgestürzt ist. Dort steht noch ein Portikus, da ein Triumphbogen, hier eine kleine Säulenpforte. Die tausende von Säulen, die hier aufrecht stehen, bilden die merkwürdigsten Gruppen. Hier umgeben sie in malerischer Unordnung einen Brunnen, dort sieht man noch, wie sie den Hof eines Tempels umstanden, doch ist die Symmetrie durch den Einsturz mehrerer gestört; weiter hinten dehnen sie sich in einer so langen Reihe aus, daß sie Alleen von Bäumen gleichen und, sich in der Ferne verlierend, nur wie eine ununterbrochene Linie erscheinen. Ruft man die gierigen umherschweifenden Blicke von diesen erhabenen Scenen ab, und senkt sie vor sich hin, so sieht man den Boden mit Trümmern bedeckt, die in ihrer zerstörten Gestalt noch eben so großartig sind. Da liegen die ungeheuersten Säulenschäfte, halb und ganz zerstückt, in ihren Theilen blos verrenkt oder ganz von einander getrennt. Ueberall blicken aus dem Boden halb vergrabene Mauerstücke empor, Ueberreste von Bildsäulen und Frießen, zertrümmerte Kapitäler, entstellte Reliefs, mit Sand bedeckte Gräber und zerstörte Altäre.

Wir überließen unsere Pferde den Beduinen und wanderten den ganzen Tag zwischen den erhabenen Trümmern umher. Ich versuchte es, hier eine schöne Ruine abzuzeichnen, sowie auch anfänglich, einen Plan von dem Ganzen aufzunehmen, aber entblößt von allen Instrumenten, wie wir waren, konnte mir das unmöglich gelingen. Auch mangelte uns die nöthige Zeit. Anfänglich hatten wir projektirt, den folgenden Tag auch noch unter den Ruinen zuzubringen, ein Vorsatz, den wir aufgaben, indem uns dieser verlängerte Aufenthalt ohne Meßgeräthe und Zeichenbücher nichts genützt hätte, und weil auch unsere beiden Beduinenschech die Abreise auf den Abend wünschten, da sie, ich weiß nicht, aus welchem Zeichen erkennen wollten, es müsse erst vor Kurzem ein zahlreicher Araberstamm Palmyra verlassen haben, der vielleicht zurückkehren, uns überfallen und ausplündern könne.

Als wir demnach am Abend unsere Pferde wieder bestiegen und der schönen verlassenen Stadt den Rücken zukehrend, die Sandhügel hinanritten, war es mir, als verlasse ich etwas, das ich längst geliebt und das ich vorher als Andenken in meinem Herzen getragen, jetzt aber, nachdem ich es einmal flüchtig gesehen, zurücklassen müsse und auf ewig verloren habe. Lange standen wir oben auf den Höhen und sahen die Stadt noch einmal vergoldet von den Strahlen der Abendsonne. Ach, wie bist du so todt, so entsetzlich todt, Palmyra! Auf deinen Trümmern weht nicht einmal ein lebendiger Strauch, kein Grashalm winkt zum Abschied herüber! Wär' ich ein Beduine und mir stürbe meine Geliebte, ich würde sie unter deinen Trümmern begraben und dich so an mein Herz fest ketten. Doch ich muß zurück nach dem kalten Norden, kann mir nur ein Bild von dir mitnehmen, das freilich im ersten Anschauen frisch und klar vor mir steht; aber nach und nach werden die Säulen durch einander wanken, sich verwirren, Sand und Staub werden aufwirbeln und dich, du ungeheures Grab, selbst meinem innern Blicke entrücken. – Leb' wohl, Palmyra! Leb' wohl, du Wüstenkönigin!

Unsere Eskorte aus Karyatien fanden wir noch auf demselben Fleck vor dem Eingang jener Schlucht, und brachten den Rest der Nacht bei ihr zu. Am andern Morgen mit Tagesanbruch ritten wir gegen Karyatien zurück und die Kameele folgten uns langsamer. Unser guter Schech – er hieß Abdallah – machte wieder den freundlichen Wirth und wir verließen ihn am andern Morgen mit den Gefühlen, wie man einen alten Freund verläßt, den man nie wiedersehen wird. Er gab uns noch eine kleine Strecke das Geleit gegen Neschme, wandte sein Roß und flog zurück. Beim Abschied hatte er Thränen in den Augen und ließ uns durch Giovanni sagen, er habe uns recht liebgewonnen und werde das nächste Mal mit recht betrübtem Herzen die Ruinen von Tadmor wiedersehen.

Den Abend erreichten wir ohne Unfall Neschme und den folgenden Tag noch bei guter Zeit Damaskus. Unsere Pferde hatten sich recht wacker gehalten und waren auf keinen Fall so gränzenlos ermüdet, wie wir, von den ungeheuern Ritten, die wir in diesen Tagen gemacht. Wir legten uns gleich zu Bette und schliefen weit in den folgenden Tag hinein.

Indessen hatte Skandar, während der Zeit wir den Ausflug nach Palmyra gemacht, mit seinem Pferdehandel so ziemlich reussirt. Der Stallmeister des Persers hatte, wie er sagte, seinen Herrn dazu vermocht, das Pferd abzugeben; dieser wollte jedoch nicht eher einen Preis bestimmen, bis wir den Hengst nochmals in seiner ganzen Schönheit im freien Felde dahinjagend gesehen hätten, weßhalb uns der Stallmeister den Tag nach unserer Ankunft von Palmyra auf Nachmittags drei Uhr bestellte, damit er uns den Hengst vor den Thoren der Stadt vorreiten könnte. Dem Baron waren diese Aussichten jedoch nur halb erwünscht; denn Herr Baudin, der die Zeit unserer Abwesenheit ebenfalls dazu benützt hatte, in unserem Interesse Pferde anzusehen, versicherte, er habe keines gefunden, was jenem Hengst an Adel und Schönheit gleich zu stellen sei; ebenso Skandar, der, wie er versicherte, in allen möglichen Stallungen herumgekrochen sei. Demungeachtet ritten wir Nachmittags hinaus, und bald erschien auch der Stallmeister mit ein paar Knechten, von denen einer das Pferd führte. So schön sich uns das Thier schon beim ersten Anblick gezeigt hatte, so edel fanden wir es auch jetzt in allen seinen Bewegungen, besonders da ihn der Fürst ritt, dessen feine Figur zu der mittelgroßen Gestalt des Pferdes sehr gut paßte. Der Baron würde augenblicklich auf den Handel eingegangen sein, wenn ihn nicht die Idee abgehalten hätte, daß er, wie schon gesagt, kein zweites, ebenso edles Pferd finden würde, wodurch die Transportkosten für das eine allein zu groß geworden wären. Doch fragte er nach dem Preis, den ihm der Stallmeister jetzt angab und der, obgleich er sehr hoch war, doch für den edeln Hengst nicht zu übertrieben erschien.

Wir baten den Perser, auf den Abend zu uns in's Kloster zu kommen, wo ihm der Baron seinen Entschluß mittheilen würde, und ritten dann nach der Stadt zurück, wobei viel für und gegen den Ankauf des Pferdes gesprochen wurde, namentlich hatte sich der Fürst förmlich in den Hengst verliebt und wandte seine ganze Ueberredungskunst auf den Baron an, um ihn zum Ankauf desselben zu stimmen. Doch so sehr diesem auch das Pferd gefallen und er es mit gutem Gewissen für den angegebenen, selbst noch für einen höheren Preis hätte kaufen können, hielt ihn doch der oben bemerkte vernünftige Grund von dem Abschluß des Handels zurück, und als der Perser am Abend zu uns kam, händigte ihm der Baron für seine Bemühungen ein reiches Geschenk ein und setzte ihm auseinander, warum er zu seinem großen Bedauern das Pferd nicht kaufen könne.

So waren denn unsere Geschäfte auf einmal hier beendigt. So viel es uns die Zeit erlaubte, hatten wir die Stadt gesehen und ein längeres Verweilen in derselben war uns besonders, wegen jener fürchterlichen Krankheit, die sich immer mehr zeigte, nicht angenehm, weßhalb wir noch heute Abend unsere Sachen packen ließen und am andern Morgen bei guter Zeit aufbrachen, um nach Beirut zurückzukehren. Da überall in den Klöstern natürlich keine Zeche berechnet wird, so gibt man dem Prior ein Geschenk für die Armen und bezahlt auf die Art einigermaßen die Mühe und Kosten, welche man den guten Patern verursacht. Der Prior ertheilte uns vor der Abreise seinen Segen, wobei er die Hoffnung aussprach, uns, da er vielleicht in einiger Zeit nach Italien zurückkehren müsse, wiederzusehen.

Bald hatten wir die Stadt im Rücken und kletterten die steilen Abhänge des Antilibanon hinauf, von wo aus wir dem schönen Damaskus noch einmal mit unsern Blicken Lebewohl sagten. Der gute Baron, der sich so viele Mühe gegeben hatte, um ein paar schöne Pferde zu finden, war sichtlich verstimmt, daß ihm das nicht gelungen war. Doch der Fürst und ich sangen ihm seine Lieblingslieder vor und bemühten uns, ihn durch unsere gute Laune wieder zu erheitern, was uns auch bald gelang. Wir machten denselben Weg, wie auf der Hinreise, kehrten einen Augenblick in Schiras bei unsern guten Wirthsleuten ein und stiegen wieder aufwärts längs den Ufern des Barrada durch den wilden Felsenweg, in dem wir uns neulich verirrt hatten. Heute beim hellen Tag konnten wir die kolossalen schauerlichen Formationen dieser Schlucht recht erkennen. Ich kann diesen Weg mit keinem andern vergleichen, als der via mala in der Schweiz, nur mit dem Unterschiede, daß dort eine breite gut erhaltene Chaussée führt, hier aber der Weg, hoch über dem schäumenden Flusse kaum einen Fuß breit und mit lockerm Steingerölle bedeckt ist. Die steinerne Brücke, die wir gleich anfangs passirten, schien uralt und war kühn über eine gewaltige Kluft gespannt. Heute verirrten wir uns nicht und folgten dem Weg durch jene seltsam geformten Klüfte längs steilen Felsen vorbei, in denen wir viereckige Löcher gehauen sahen, die, wie uns einer der Mucker sagte, in frühern Zeiten Wohnungen der Bergvölker gewesen seien. Doch wäre es ebenso glaubwürdig, wie uns Giovanni versicherte, daß es alte Grabgewölbe seien.

Die alte Tradition verlegt in diese wilden Felswege eine Sage aus der ältesten Geschichte des Menschengeschlechts. Kain, der seinen Bruder Abel am Altar auf dem Kafiun bei Damaskus, wo damals das erste Elternpaar wohnte, erschlug, wußte nicht, daß es der Tod sei, der ihm nach jener That die Augen geschlossen und bemühte sich, als schmerzliche Reue seinen Zorn verscheucht, ihn aus dem tiefen Schlafe zu erwecken, aber vergebens. Er trug den Leichnam des Bruders auf seinen Schultern, und schleppte ihn durch das Thal Gutha, dem Lauf des Barrada entlang und legte ihn an dieser Stelle nieder. Er setzte sich verzweiflungsvoll neben der Leiche hin und schaute, ob der tiefe Schlaf noch nicht weichen wollte, bis er einen Raben sah, neben dem ein anderer todter Rabe lag und für welchen der erste mit dem Schnabel ein Loch grub und ihn darein verscharrte. Da fiel auch dem Kain ein, der Schlaf des Bruders könne ein ähnlicher sein, wie der des Vogels und es bedürfe ein anderes tieferes Bette, wie das auf dem Rasen unter dem blauen Zelte des Himmels. Darauf nahm er den Todten auf die Höhe eines der Berge und grub eine Gruft zur Ruhestätte desselben.

Bald hatten wir das Ende jener Schlucht erreicht und die erste Kette des Antilibanon überstiegen. In einem ziemlich langen Thale, das sie von der zweiten scheidet, lag unser heutiges Nachtlager, Zebdeni, das wir mit Einbruch der Nacht erreichten. Ein kleines armseliges Dörfchen, jedoch mit Fruchtfeldern umgeben und in Maulbeerpflanzungen und Platanen versteckt liegend. Wir hatten anfangs Schwierigkeit, ein Unterkommen zu finden; denn Giovanni war heute einmal wieder sehr schlechter Laune und führte uns in eine elende Baracke, eine Art Scheune, wo wir die Nacht zubringen mußten. So streng ihm auch der Baron befahl, ein anderes Quartier zu suchen und sich beim Schech des Dorfes darnach zu erkundigen, so störrisch war der Bursche, meinte, es gebe gar keinen Schech im Dorfe, auch sei dies Quartier eins der besten. Wir mußten uns in Geduld fügen, obgleich der Fürst sowohl wie ich einen Augenblick wartete, ob der Kerl, wie er wohl zu thun pflegte, ein heftiges Wort ausstoßen würde. Für diesen Moment hatte ich schon einen Steigbügelriemen in Bereitschaft, und würde ihn derb durchgeprügelt haben. So einsam unsere Scheune anfangs war, so belebte sie sich doch nach und nach. Männer, Weiber und Kinder erschienen und setzten sich in einem großen Kreise umher, unsere Kleider und seltsamen Geräthe anstaunend. Ich nahm mein Taschenbuch heraus und versuchte, ob ich nicht eines dieser charakteristischen Gesichter abzeichnen könnte, was den Arabern zu gefallen schien, und sobald sie bemerkten, was ich wolle, so drängte sich jeder vor und bat mich, doch sein Gesicht besonders zu berücksichtigen. Ich bin überzeugt, die Leute sind mit einer äußerst guten Meinung von uns gegangen. Denn später gaben wir ihnen noch ein Vokalconzert zum Besten, in das einige mit einstimmten, andere aber durch einen wilden Tanz begleiteten. Am andern Morgen brachen wir zeitig auf, um die herrlichen Ruinen von Baalbek noch bei guter Zeit zu erreichen. Es war außerordentlich kalt, als wir fortritten und beim Hinansteigen der Berge gegen die zweite Kette des Antilibanon trafen wir bald auf Schnee und kleine Bergwasser, deren Ufer mit Eiszacken eingefaßt waren. Wir befanden uns hier in ziemlicher Höhe über der Meeresfläche, gegen drei tausend sechshundert Fuß, fast so hoch wie der Gipfel des Brockens in Deutschland.

Obgleich es heller Tag war, und unsere Mucker behaupteten, den Weg nach Baalbek genau zu kennen, verirrten wir uns doch nach einigen Stunden, eine Nachlässigkeit dieser Leute, die uns einige Zeit raubte und uns obendrein Pfade betreten ließ, die mir nach Allem dem, was wir kürzlich in dieser Art schon erlebt, doch fast unersteiglich vorkamen.

Gegen Mittag hatten wir den letzten Rücken des Antilibanon, wie unsere Mucker versicherten, vor uns liegen, der fast ganz aus steilen Felsen bestand, und den wir auf einem merkwürdigen Pfade erklettern mußten. Eins hinter dem andern wanden sich die Pferde, zwischen Steinblöcken durch, die sie wie Treppen ersteigen mußten, und so dauerte es über zwei Stunden, ehe wir oben waren. Etwas Wilderes, Kahleres, als diesen Bergrücken sah ich nie; er war eine Strecke mit spitzen Steinen bedeckt, die wie versteinerte Wellen emporstarrten, so daß es den Pferden fast unmöglich war, den Weg zu verfolgen, ohne sich zu beschädigen. Rechts von uns erhob sich der Berg noch hundert Fuß höher in einem einzigen steilen Felszacken, auf welchem sich ein Adlernest befand. Der prächtige Vogel saß auf einer Spitze und sah verächtlich auf uns herab. Wir schossen unsere Pistolen in die Luft, um ihn aufzujagen, was uns aber erst nach mehreren Schüssen gelang. Die Aussicht, die wir hier oben hatten, war großartig. In Süd-Süd-West sahen wir aus weiter Ferne den schneebedeckten Dschebbel-Schech. Vor uns trat die ganze mächtige Kette des Libanon, obgleich etwas in Wolken gehüllt, unserm Auge entgegen. Wir verließen jetzt das Steinmeer und ritten über einen mit Haidekraut und niedrigen Eichen bedeckten Abhang und sahen bald das herrliche Thal Bekaa vor uns liegen.

Anstatt gerade hinabzusteigen, zogen wir an einem Abhang des Berges hin, und erreichten in Kurzem ein kleines Dörfchen Zarain, hinter welchem wir unsern Weg wie oben fortsetzten. Wir alle spähten sorgsam umher, um die prächtigen Ruinen von Baalbek zu erblicken, die unten in jenem Thale liegen, doch mußten wir noch eine halbe Stunde reiten, eh' uns dieser überraschend schöne Anblick zu Theil wurde. Ich war gerade an der Spitze des Zuges und hielt mit einem lauten Ausruf der Ueberraschung mein Pferd zurück; denn plötzlich stiegen vor mir im Thale, in dem man weit und breit nichts sieht, als die kleinen armseligen Lehmhütten der Syrier, sechs riesenhafte Säulen empor, deren majestätische Gestalt unwillkürlich zu halten gebot und das Herz schneller schlagen machte – Baalbek. –

Von jetzt an behielten wir die prächtigen Ruinen immer im Auge und stiegen, wie magnetisch von ihnen angezogen, schneller in's Thal hinab. Nach und nach trat der ganze gewaltige Trümmerhaufen des Sonnentempels vor unsere Augen. Umgestürzte Säulen, zerbrochene Mauerstücke, jetzt der noch ziemlich erhaltene Tempel des Baal selbst, daneben ein kleines rundes Gebäude mit korinthischen Säulen, zuletzt die gewaltige Unterlage von den mächtigsten Steinblöcken, auf welchen das Ganze ruht.

Bald erreichten wir das kleine Dörfchen Baalbek, das ärmlich und unbedeutend neben den Ruinen liegt. Man hatte uns in Damaskus gesagt, der griechische Bischof von Baalbek sei ein sehr gastfreundschaftlicher Mann, und würde uns, da wir keine Engländer seien, gerne ein Obdach gewähren. Gegen Altengland und seine Söhne nämlich hat der fromme Bischof, man weiß übrigens nicht woher, einen unüberwindlichen Haß, und tritt, so viel es ihm möglich ist, gegen das mächtige Reich in offenbare Opposition, die er jedoch nur an den Engländern, die ihn besuchen wollen, ausübt; denn obgleich sein Haus für Fremde gern geöffnet wird, geräth er in heftigen Zorn, wenn demselben ein Engländer naht und soll vor noch nicht sehr lange einem vornehmen Reisenden dieses Volks mit den größten Scheltworten die Thür gewiesen haben. Dagegen hält er die Franzosen sehr werth, und sie sind ihm in Europa das gute so wie die Engländer das böse Prinzip.

Obgleich wir gewiß keine Engländer waren, hatten wir doch nicht die Ehre, von dem Bischof aufgenommen zu werden, denn der arme Mann war gegenwärtig so krank, daß man jede Stunde sein Ende erwartete. Doch fanden wir ein recht gutes reinliches Quartier bei dem Schech des Dorfes, der uns freundlich entgegen kam.

Wir nahmen ein kleines Mittagessen ein und gingen dann zu den Ruinen, um sie in der Nähe zu besehen. Ueber dieselben ist schon so viel Gutes geschrieben und gezeichnet worden, daß ich nur wenige Worte darüber sagen will. Baalbek ist das alte Baalgad und Baalhamon der heiligen Schrift, dessen heut noch stehende Ruinen der Tempel der Sonne und der Tempel verschiedener anderer Gottheiten der Alten sind. Von der mächtigen Stadt selbst, wie sie in den Zeiten des israelitischen Reichs gewesen, findet man keine Spur mehr als wenige Mauerreste und unausgefüllte Gräben. Jener Tempel waren zwei, die auf mächtigen gewölbten Unterlagen stehen, von denen der eine, der des Baal, noch ziemlich erhalten ist. An den vier Mauern, die aus großen Quadern in kunstloser Einfachheit aufgeführt sind, sieht man noch die ganze sorgfältige Ausführung des Fries und Karnieß mit den schönsten netzförmig sich verwebenden Bildwerken; von den Säulenreihen, die sie rings umgaben, an der nördlichen Außenseite noch neun. Es waren vierzehn auf dieser Seite, und die fehlenden fünf liegen in großen Blöcken umher oder stehen noch stückweise auf ihrem Piedestal. Auf der südlichen Seite stehen von diesen vierzehn nur vier und auf der Westseite, wo acht Säulen waren, nur noch drei. Vom Portikus im Osten, der aus zwei Säulenreihen bestand, haben sich viere erhalten, an welche die Saracenen aus den Trümmern der andern einen plumpen Thurm mit einer Mauer gebaut haben, der den Eingang dieses schönen Tempels verdeckt. Noch wohl erhalten ist das Innere desselben, zu welchem man durch ein Portal tritt, an dem der korinthische Baustyl Alles, was ihm an Verzierungen zu Gebote stand, beinahe überladen, aber doch dem Auge wohlthuend durch Symmetrie des Ganzen angebracht hat. Der Schlußstein des Portals ist durch ein Erdbeben oder durch seine eigene Schwere allmählig gesunken und hängt, nur noch von den Nebensteinen gehalten, drohend über dem Eingang, als wolle er die heiligen Räume des Tempels vor jedem unberufenen Besucher durch seinen Anblick schützen. Auf diesem Steine ist das Bild eines Adlers ausgehauen und zu beiden Seiten geflügelte Genien. Die inneren Wände sind ebenfalls glatt, mit sechs gerinnten Säulen an jeder Seite versehen, zwischen denen sich ebensoviele kleine Nischen befinden; doch gewährt von hier das Gebäude durch die mächtigen Schutt- und Trümmerhaufen, die den Boden bedecken, einen weit traurigeren Anblick, als das prächtige Gebäude von außen.

Von dem andern Tempel, der zu einem Pantheon dienen sollte, ist wenig mehr vorhanden, als jene sechs kolossalen Säulen, von denen ich oben sprach. Dieses ungeheure Bauwerk muß an tausend Schritte lang gewesen sein; doch sind viele der ältern und neuern Reisenden darüber einig, daß es, wie auch so viele großartige Gebäude bei uns, nie fertig geworden sei. An der Ostseite war der Eingang, zu welchem große Stufen hinaufführten. Der Portikus hier hatte zur Rechten und Linken prachtvolle Pavillons und führte auf einen sechseckigen Hof, der, sowie diese Pavillons, nie vollendet gewesen zu sein scheint.

Von hier kam man in einen großen viereckigen Hof, dessen Wände rechts und links, wie man noch jetzt sieht, auf das schönste ausgeführt waren. Besonders schön sind die in denselben befindlichen Zellen und Exedren, die Wohnungen für die Priester und Magier, sowie die zu Aufstellung der Götterstatuen bestimmten Nischen. Erst von diesem Hofe aus trat man abermals auf Stufen in den innern Tempel, den ein Portikus von zehn Säulen schmückte. Dieser Tempel hat vielleicht sowohl an der Nord- als Südseite zwanzig jener großen Säulen gehabt, von denen die sechs oben erwähnten das Einzige sind, was im Lauf der Zeiten stehen blieb. Etwas Schöneres aber als diese Säulen, deren jede an siebzig Fuß Höhe hat und deren Schaft aus einem Stücke besteht, sieht man nicht wieder. Selbst Palmyra hat keine ähnlichen von so klarer, bewundernswürdiger Schönheit. Man mag diese Riesen von nah und von fern ansehen, von vorn oder von der Seite, man vermißt nichts an ihnen, und ihre Anmuth, sowie die Nichtigkeit ihrer Formen bleibt sich immer gleich. Nichts von Allem dem, was ich in Palmyra, sowie an andern Orten von Ruinen sah, steht deßhalb auch stets so lebendig und anschaulich vor meinem Blick, wie diese sechs Säulen von Baalbek.

Die Steine zu diesen Tempelburgen wurden von den Abhängen des Libanon und Antilibanon herbeigeschafft, meistens aus der Nähe. So liegt südlich von Baalbek ein großer Steinbruch, in dem bei mehreren kleinen Blöcken ein schon ganz fertig gehauener Steinblock von ungeheurer Größe liegt. Welche Maschinenkräfte die Alten schon beim Bau ihrer Werke kannten und anwandten, ersieht man aus den Dimensionen dieses Felsstückes, das doch ebenfalls auf den Bauplatz geschafft und da benutzt werden sollte. Seine Länge beträgt bei fünf und sechszig Fuß rheinländisch, die Breite siebzehn und die Dicke dreizehn Fuß. Wozu dieser Block hat verwendet werden sollen, ist natürlich nicht zu enträthseln. An den südwestlichen Grundmauern der Burg sieht man einige nicht viel kleinere Werkstücke eingefügt; doch ist es auch möglich, daß man aus diesem Block eine der noch fehlenden Säulen zum großen Tempel hat behauen wollen.

Bis zum Einbruch der Nacht gingen wir zwischen den Ruinen herum, erkletterten die Mauern und krochen in die Gewölbe unter dem Boden. Letztere, vielleicht Gefängnisse der unglücklichen Schlachtopfer, die hier dem wilden Dienst der Aphrodite geopfert wurden, sind aus mächtigen Quadern so kunstreich zusammengesetzt, daß man an den Wänden fast keine Fugen sieht. Was mochte in diesen Gewölben schon Alles vorgefallen sein. Wie viel Seufzer, wie viel verzweiflungsvolle Bitten mögen wohl das Ohr der Tempelwächter eben so wenig erweicht haben, wie diese Mauern. An solchen Orten ist meine Phantasie besonders regsam, mir solche Scenen auszumalen. Hier saß vielleicht ein unglückliches Wesen, ich denke mir am liebsten ein wunderschönes Weib dabei, und wartete auf den Augenblick, wo sie entweder ihr Leben oder ihre Ehre opfern mußte. Von oben ertönte der langsame tiefe Gesang der Priester, der immer näher kam. Sie stiegen die Treppen herab, und ich – eilte rasch meinen vorangegangenen Gefährten nach, denn mir war, als hörte ich den wilden Gesang dicht hinter mir, als berühre meine Wangen schon das Wehen der langen Talare.

Draußen erwartete uns noch der schöne Anblick der Ruinen bei Abendbeleuchtung. Wir erkletterten im großen Hofe eine der Mauern und setzten uns mit dem Angesicht gegen Westen, gegen die Heimath zu, an die wir dachten, während unser Auge mit Wohlgefallen die edlen Formen der Ruinen sah, wie man so oft beim Erblicken eines schönen Bildes an einen entfernten geliebten Gegenstand denkt. Vor uns hatten wir die Kette des Libanon mit seinen Schneespitzen, hinter denen die Sonne sank und uns ihre letzten Strahlen zusandte. Der Tempelhof unter uns, mit seinen wild durch einander geworfenen Trümmern, lag schon im Dunkel, als wir auf der Zinne der Mauer noch von der Sonne beschienen wurden. Doch auch wir mußten zurückbleiben, und der glänzende Schein hob sich allmählich hoch und immer höher. Jetzt vergoldete er die Kapitäler der sechs Säulen, denen die Sonne, als das Schönste, was sie hier fand, ihre letzten Blicke schenkte, und flog dann zu den Wolken auf, mit den purpurgefärbten, eilig gen Westen fliehend.

Wir verließen die stillen und öden Tempel, jene Grabmale einer längst vergangenen Zeit, und gingen nach dem Dorfe zurück. Dicht bei demselben betrachteten wir noch ein anderes kleineres Bauwerk, einen halbrunden Tempel, dessen Mauern inwendig mit den schönsten Bildhauerarbeiten überzogen sind. Doch sind diese nach allen Seiten zerborsten und die das Tempelchen umgebenden Säulen stützen sich wie matt und krank gegen einander und werden wahrscheinlich in kurzer Zeit zusammenstürzen.

Der Scheich des Dorfes, er hieß Achmet Godder, war uns ein sehr freundlicher Wirth. Sein Besitztum bestand aus zwei kleinen Häusern, die durch einen klaren Bach, den Leontes, von einander geschieden wurden. Er hatte uns das eine eingeräumt und mit Strohmatten und Divankissen recht wohnlich aufgeputzt. Er erzählte uns während dem Abendessen Manches von der Armee Ibrahim Pascha's, die hier gelegen und in einigen großen schlecht gebauten Häusern, die wir heute Morgen bemerkt, ein Feldlazareth eingerichtet hatten, in welchem aber die Pest stark aufräumte.

Am folgenden Morgen lachte uns das herrlichste Wetter von der Welt. Der Himmel hing klar und wolkenlos über uns und die Morgensonne spielte lustig auf den tausend Thautropfen, die an dem Gras und Haidekraut des schönen Thales hingen. Selbst die beiden Bergketten warfen früher als gewöhnlich ihre grauen Nebelschleier von sich und schienen sich des schönen Tages zu freuen. Wir verließen unsern guten Schech und durchschnitten das Thal in nordwestlicher Richtung, wobei wir noch oft nach den Ruinen zurücksahen. Am Fuß des Libanon schickten wir zwei Mucker mit den bepackten Mauleseln, so wie Skandar und Mechmed, dem Thal entlang gen Sachile, wo wir am folgenden Tage wieder zusammen treffen wollten. Denn wir hatten noch einen Ritt vor nach den weltberühmten Cedern des Libanon. Unser Weg führte durch dichten Wald ziemlich steil aufwärts bei zwei ärmlichen Dörfern vorbei, hinter welchen wir uns nördlich wandten. Vor uns sahen wir jetzt eine Hauptspitze des Libanon, den Dschebbel Makmel, zwölftausend Fuß hoch, gegen welche sich unsere Mucker dirigirten. Unser Weg war entsetzlich mühsam, und obgleich wir fast immer zu Fuß gingen, mußten wir doch immer noch ein paar Stunden, wegen unserer ermatteten Thiere, ausruhen. Gegen Mittag waren wir so hoch gestiegen, daß wir uns alle die milde Luft des Thales wünschten. Aus den mit Schnee angefüllten Schluchten stieß zuweilen der Wind mit Heftigkeit hervor und durchkältete uns trotz Mäntel und Pelze. Zuweilen wurden wir rückwärts blickend durch eine herrliche Aussicht belohnt. Da lag Bekaa vor uns, das herrliche Thal, das alte Kelisyrien, und wir sahen die ganze Kette des Antilibanon, die es im Südost einfaßte. Bald hatten wir den höchsten Punkt der Straße erreicht, vielleicht siebentausend Fuß über dem Meer, und konnten nicht gar weit mehr von dem Cedernhain entfernt sein. Rechts sahen wir in ziemlicher Entfernung ein Dorf vor uns liegen, Hosran, das wir in kurzer Zeit erreichten. Von hier aus nahmen wir einen Führer mit, der uns bald an den Eingang des Thales der Cedern führte. Der ganze Weg vom Fuß des Libanon dahin war nicht weniger gefährlich und halsbrechend, wie alle, die wir in diesen Gebirgen gemacht hatten. Bald mußten wir Bergwasser in Ermanglung von Brücken durchwaten, bald ging es Schluchten hinab und hinauf, deren Wände mit lockerem Steingerölle bedeckt, die Thiere hinabrutschen mußten, bald am Rande jäher Abgründe vorbei, auf fußbreiten Pfaden, wie ich sie schon öfter beschrieben.

Das Thal der Cedern, dessen Durchmesser höchstens eine kleine halbe Stunde beträgt, ist auf drei Seiten eingeschlossen, nur in Südwest ist es geöffnet, wo die Schneewasser ihren Abfluß nehmen. Ohne diese Gestaltung der Berge würde der Platz hier wahrscheinlich ein See oder unwirthbarer Sumpf sein; doch so, von den Bergwassern beständig angefeuchtet und vor den Winden geschützt, bildete die Natur hier ein Asyl, in welchem jene mächtigen Bäume Jahrtausende dem Wetter und der Zeit trotzen konnten.

Aufrichtig gesagt, wäre es mir lieber gewesen, ich hätte die Cedern nie gesehen; denn die Idee, welche man sich schon in der Kindheit von diesem prächtigen Baume Salomos macht, verschwindet beim Anblick derselben gänzlich. Wer stellt sich nicht unter den Cedern des Libanon riesenhafte schlanke Bäume vor, von der Gestalt unserer Tannen, wogegen aber unsere höchsten Stämme wie Zwerge erscheinen? Ich wenigstens sah sie beständig so vor mir, mit schöner glatter Rinde, wahre Thürme, deren Spitze hoch in die Wolken hinaufreicht. Doch nichts von Allem Dem! die ersten dieser berühmten Cedern, die den Waldsaum umgaben, waren vielleicht zwanzig Fuß hohe Bäume, ganz von der Gestalt unserer Wachholdersträuche, deren Aeste dicht über dem Boden anfingen und sich in unregelmäßiger Gestalt nach allen Seiten ausbreiteten. Doch betraten wir in feierlicher Stimmung diesen Hain, über dem eine tiefe Stille lag, die nicht einmal durch den Laut einer Vogelstimme unterbrochen wurde, jenen heiligen Hain, in welchen Salomo seine Knechte schickte, um das Holz zur Bundeslade zu holen.

Unser Führer, ein Maronite, war schon von Ibrahim Pascha zu diesem Amte erlesen worden und sollte es verhüten, daß von den Bergbewohnern im Cedernhaine Holz gehauen würde; nicht einmal dürres aufzulesen, hatte der Pascha erlaubt, ein Befehl, der ihm viel Ehre macht.

Tiefer im Wald sind die Bäume größer und stärker und viele derselben mit einer Menge von Namen bedeckt, zu welchen auch wir die unsrigen hinzufügten. Die ältesten Cedern jedoch, welche man als Zeitgenossen Salomo's bezeichnet, stehen in der Mitte des Waldes auf einem kleinen freien Platz. Ihrer sind fünf, deren Stamm neun Fuß im Durchmesser hat. Einer derselben erscheint noch dicker, weil der Blitz seine Krone zerstört und den Stamm von einander gerissen hat. Da man diese Ceder für die älteste und heiligste hält, hat man an ihrem Stamme aus rohen Steinen einen Altar aufgerichtet, auf welchem jährlich einmal am Himmelfahrtstag eine Messe gelesen werden soll. Die Rinde des alten Baumes ist fast ganz verschwunden, denn viele Reisende nahmen sich Stückchen davon mit oder schnitten ihre Namen in so großer Anzahl ein, daß sie nach allen Seiten hin wie zerfetzt und durchbrochen aussieht; selbst die weit hinauslaufenden Wurzeln dieses Baums sind mit Inschriften aller Art bedeckt. Wir brachen von ihren Zapfen ab, die ungefähr wie die der Tannen gestaltet sind, aber in die Höhe wachsen.

Die einbrechende Nacht vertrieb uns nach einigen Stunden aus dem Cedernhain, und da das Terrain gleich hinter dem Thale bedeutend abwärts steigt, so hatten wir die alten Bäume bald aus dem Gesicht verloren. Wir erreichten in kurzer Zeit das Dorf Hosran, wo wir übernachteten. Am andern Morgen brachen wir sehr früh auf, um noch bei guter Tageszeit unsere übrigen Mucker wieder zu treffen, die nach Sachile vorausgegangen waren. Das Abwärtssteigen ging so rasch und gut von Statten, daß wir in wenig Stunden die Ebene, in welcher Baalbek liegt, wieder erreicht hatten. Doch erlaubte uns der Lauf des Gebirgszuges nicht, die Ruinen noch einmal zu sehen. Das Wetter war uns wieder so günstig, wie gestern, und wir trabten in heiterer Luft und Sonnenschein über die blumige Rasendecke des schönen Thales rasch dahin. Bei Kerak, einem kleinen Dorfe, das, wie die meisten der Dörfer hier, in einer malerischen Schlucht des Libanon versteckt liegt, hielten wir einen Augenblick an, um ein mit niedern Bäumen umgebenes Gebäude, mehr als zehn Fuß lang und an drei Fuß breit, zu betrachten – der Sage nach das Grabmal Noah's. Ich hätte es weit eher für eine Kegelbahn gehalten, denn mit einem Mausoleum hatte es auch hier nicht die geringste Aehnlichkeit.

Hinter Kerak ließen wir unsere Pferde etwas ruhiger gehen, unterhielten uns über das viele Schöne, was wir in den letzten Tagen gesehen, als wir plötzlich hinter uns den Galoppschlag eines ansprengenden Pferdes hörten. Ehe wir Zeit hatten, uns umzusehen, was es gebe, war der Reiter desselben, ein Beduine in gutem Costüm, schon neben uns und ließ uns in wenig Augenblicken weit zurück. Wie aus einem Munde liefen wir uns beim Anblick desselben zu: »Welch' prächtiges Pferd!« Es war eine große starke Stute, mit fußlanger schwarzer Mähne, und mit einer Schnelligkeit jagte das Thier bei uns vorbei, die fast beispiellos war. Jetzt sahen wir nur noch vor uns eine Staubwolke, aus der die Lanze des Beduinen emporragte. Dann jagte er eine Schlucht hinauf und war unsern Blicken entschwunden.

Obgleich es die Gewohnheit der Beduinen ist, beim Anblick von Fremden ihre Pferde zusammen zu nehmen und sie in ihrer schönsten Gestalt zu zeigen, wobei sie mit der größtmöglichen Schnelligkeit vorbeifliegen, so daß man sich in solchen Augenblicken über die Figur des Pferdes täuschen kann, so schien dieß bei dieser Stute nicht der Fall zu sein, denn der Reiter, ein ältlicher Mann, sah sich gar nicht nach uns um. sondern verfolgte seinen Weg so eilig wie möglich. Unser Baron, dem die vollkommene Schönheit des Pferdes am meisten aufgefallen war, rief gleich aus: »Das Pferd oder keins! Und wir erkundigten uns bei den Leuten, die uns begegneten, ob keiner den Reiter gekannt; aber Niemand wußte uns etwas von ihm zu sagen. Rasch trabten wir wieder vorwärts, um ihm vielleicht wieder nahe zu kommen; aber umsonst! Schon lag Sachile vor uns und wir hatten noch keine Spur von ihm.

Sachile ist eines der größeren Dörfer, die im Libanon liegen und wird hauptsächlich von Maroniten und andern Christen bewohnt, deren Zahl man auf fünf bis sechstausend schätzt. Der Ort selbst, übrigens aus ebenso schlecht gebauten Häusern, wie alle diese Gebirgsdörfer bestehend, liegt malerisch am Abhang der Schlucht eines Gebirges, aus der ein reißendes Bergwasser in's Thal stürzt. Die Felder rings herum fanden wir besser angebaut, als wir sie seit lange gesehen; grüne Wiesen wechselten mit Gartenanlagen, in denen Rosen- und Weinstöcke am häufigsten zu sehen waren. Da wir nur wenig Augenblicke hier bleiben wollten, um noch einen andern Chan tiefer im Gebirge zu erreichen, damit wir morgen in einem Tage nach Beirut kämen, so gingen wir in keines der Klöster, sondern forschten nach dem Chan, wo wir unsere Mucker treffen sollten. Wir mußten fast durch das ganze Oertchen in einem bodenlosen, mit Schmutz bedeckten Hohlwege reiten, ehe wir ihn erreichten. Doch war das erste, was sich unsern Blicken darbot, jene Stute, die auf einem Misthaufen stehend, mit traurig gesenktem Kopf einige trockene Strohhalme daraus hervorsuchte. Der Reiter saß auf der Terrasse vor dem Hause und beschäftigte sich sehr eifrig mit seiner Pfeife und einer Tasse Kaffee.

Unsere Mucker schienen sehr erfreut, uns wieder zu sehen; doch war es ihnen gar nicht recht, daß wir ihnen befahlen, die Thiere gleich aufzupacken, um noch ein paar Stunden weiter in einen schlechteren Chan zu ziehen, da es ihnen in Sachile wahrscheinlich besser gefiel.

Wir setzten uns neben den Beduinen, und der Baron fing durch Giovanni gleich an, sich nach jenem Pferde zu erkundigen und ob er es wohl verkaufen würde, wozu er natürlich gleich bereit war. Doch sollten wir, ehe er einen Preis bestimmen würde, das Pferd genau ansehen, um ihm zu bezeugen, daß wir auch nicht den geringsten Fehler an dem Thiere gefunden hätten. Der Baron benützte gleich diese Erlaubniß, besah das Pferd auf´s Genaueste in allen seinen Theilen und versicherte uns einmal über das andere, es sei ein außerordentlich schönes uns edles Thier. Was er besonders an ihm schätzte, war seine ausfallende Größe und die Stärke der Glieder gegen die gewöhnliche Figur der arabischen Pferde. Das Einzige, was man allenfalls an der Stute aussetzen konnte, bestand darin, daß sie hochträchtig war, und in höchstens drei bis vier Wochen fohlen würde; ein Umstand, der bei der langen Tour, die wir mit dem Pferde noch zu machen hatten, wohl zu berücksichtigen war. Im glücklichsten Fall konnte man aber auch erwarten, von dem edlen Pferde ein schönes Fohlen zu erhalten.

Der Preis, den der Beduine nach dieser Besichtigung für das Thier forderte, war allerdings sehr hoch, doch nicht übertrieben. Aber Giovanni, der im Handeln sehr auf unser Interesse sah, – diese gute Eigenschaft mußte man an ihm rühmen, – stellte sich bei dieser Forderung, wie aus den Wolken gefallen, und überhäufte den Araber mit einer Flut von Schimpfworten über diese Unverschämtheit, worauf ihm jener ruhig erwiderte: er solle die Summe seinem Herrn nur sagen, der würde es nicht zu viel finden. Doch Giovanni wurde immer hitziger, und wenn wir nicht schon an das Geschrei der Araber beim Handeln gewöhnt gewesen wären, so hätten wir geglaubt, jetzt würden sich beide in die Haare fallen. Der Baron, der wohl verstanden hatte, welche Summe der Araber gefordert, ließ ihm durch Giovanni gerade ein Drittheil weniger bieten, was aber der Beduine scheinbar mit stolzer Verachtung von sich wies. Doch waren wir hierüber nicht verwundert und der Baron hatte jenes Gebot nur gethan, weil ihn derselbe Grund, wie in Damaskus abhielt, dies Pferd allein zu kaufen.

Bald nachher brachen wir auf und waren kaum vor das Dorf gekommen, als uns jener Beduine einen andern Araber nachschickte, der uns das Pferd für tausend Piaster unter der anfangs geforderten Summe anbot, eine Forderung, auf die der Baron jetzt gerade nicht einging. Wir stiegen die Schlucht, in welcher Sachile liegt, rasch hinab, und befanden uns bald wieder in dem Thale, wo unser Weg am Fuß des Libanon hinlief. Wir hatten Sachile noch keine Stunde verlassen und unterhielten uns gerade über das tückische Schicksal, das uns die beiden schönen Pferde so einzeln in den Weg führte, wo wir sie nicht mitnehmen konnten, da sie vereint ein so guter Kauf für uns gewesen wären, als wir hinter uns laut rufen hörten. Es war der Beduine, der auf der Stute hinter uns drein jagte. Wir erwarteten ihn und als er von seinem Pferde sprang, wollte er anfänglich sein altes Handeln um den früher bedungenen Preis wieder beginnen. Doch als wir auf diese Forderung hin unsere Pferde gleich wieder wandten und fortreiten wollten, verkleinerte er die Summe immer mehr und kam endlich, da ihm, wie er sagte, augenblicklich baares Geld schätzbarer sei, als das Pferd, auf unser Gebot, das ihm natürlich der Baron einhalten mußte, und – die Stute war unser.

Schon auf dem Weg von Sachile hieher, als der Baron den Kauf dieses Thieres so vortheilhaft für sich schilderte, wenn er jenen Hengst aus Damaskus besäße, erbot ich mich, wenn er jene Stute kaufen wollte, allein dahin zurückzureiten und wenn es möglich sei, das Pferd mitzubringen; ein Vorschlag, auf den er, da er mir Mühe mache, mit seiner bekannten Güte anfänglich nicht eingehen wollte. Doch jetzt, da wir die Stute gekauft hatten, und ich ihm versicherte, es würde mir Freude machen, wenn ich ihm den kleinen Gefallen erweisen könnte, nahm er meine Idee auf, und wir besprachen das Nähere darüber. Da uns diese Unterhandlungen eine Zeit lang aufgehalten hatten und wir den Chan weiter im Gebirge vor der Nacht nicht mehr gut erreichen konnten, so suchten wir in einigen nahe liegenden ärmlichen Häusern eine Unterkunft für diese Nacht. Der Stall, in welchen wir unsere Pferde stellten, war gegen unser Gemach prächtig zu nennen. Der Boden des letzteren bestand aus gestampfter Erde und die Wände waren dünnes Fachwerk, deren Fugen mit Moos und Erde verstopft waren. Obendrein hatte das Haus keinen Rauchfang, weßhalb das angezündete Holz einen solchen Rauch verursachte, daß wir nur das Gesicht an den Boden legend die Augen offen erhalten und miteinander sprechen konnten.

Von hier nach Damaskus hatte ich in gerader Richtung, wobei ich Baalbek zur Linken liegen ließ, einen Weg von achtzehn deutschen Stunden, von dem ich jedoch nur ein Drittel, wegen des Terrains, im Trabe zurücklegen konnte, den ich morgen reiten wollte, um am Abend in Scham einzutreffen. Der Baron gab mir seinen Schimmel als das beste Pferd mit seinem englischen Sattel und zu meiner Begleitung wurden Skandar und Mechmed bestimmt, so wie ein junger Araber aus dem Hause, in das wir uns einquartiert hatten, der uns als Führer durch die Gebirgswege dienen sollte.

Da in unserer Reisekasse nicht mehr die ganze Summe, die man für den Hengst gefordert, vorräthig war, so gab mir der Baron einen Kreditbrief auf den Herrn Baudin und an baar so viel, als er entbehren konnte. Auch von unserem Proviant, der sehr zusammen geschmolzen war, packte ich einige Reste ein, so wie das Theegeschirr des Fürsten. Durch die angedeuteten Unbequemlichkeiten unserer Wohnung hatten wir eine schlechte Nacht, die noch durch den gräßlichsten Husten eines unserer Mucker vermehrt wurde. So wie einer von uns die Augen schloß, fing derselbe an zu stöhnen und zu seufzen, so daß es fast nicht möglich war, eine Minute zu schlafen.

Am folgenden Morgen gegen vier Uhr, als der erste Schimmer des Tages in unser Gemach drang, standen wir auf und machten uns reisefertig. Ich sollte mit meinem Zug zuerst abreiten. Meinen Säbel hatte ich mit dem des Fürsten vertauscht, sowie auch seinen Handschar genommen, von dem ich früher gesprochen. Die Pistolen des Barons nahm Skandar; nur Mechmed der Riese begnügte sich mit seinem Wurfspieß, den er heute Morgen außergewöhnlich putzte. Ich nahm von den beiden Freunden herzlichen Abschied. Der Baron drückte mir die Hand stärker, als gewöhnlich, und versuchte den Morgen noch einmal, mich von dem Ritt zurückzuhalten; doch gegen den Wunsch seines Herzens, denn ich wußte wohl, welch' großen Dienst ich ihm durch den Ankauf jenes Pferdes erwies. Selbst Giovanni zeigte sich heute Morgen sehr gefühlvoll und sagte mir ein herzliches Lebewohl aus dem einfachen Grunde, wie er mir nachher gestand, weil er befürchtete, die Deserteure oder streifenden Araber würden uns ausplündern oder vielleicht gar umbringen.

Eine seltsamere Expedition als die meinige nach Damaskus ist wohl in langer Zeit nicht gemacht worden. Wir waren unserer vier, von denen ich deutsch sprach, Skandar russisch und persisch, Mechmed tscherkessisch und unser Führer arabisch, auf welche Art also auch keiner den andern verstehen konnte. Auf der weiten Ebene, auf der wir rasch dahin trabten, lag ein dichter Nebel, der sich immer tiefer senkte und uns einen schönen Tag versprach. Eine halbe Stunde nach unserem Ausritt hielt der Beduine einen Augenblick an, und forderte mich durch Pantomimen auf, einiges Brod zu kaufen, was man hier sehr gut bekommen konnte. Ich nahm ein paar Dutzend Brodkuchen für ein paar Piaster, vertheilte sie an meine Leute und wir ritten weiter. Skandar war voran und trieb mächtig zur Eile, denn wir hatten keine Zeit zu verlieren, wenn wir Abends nach Damaskus kommen wollten. Gegen neun Uhr hatten wir die Ebene durchkreuzt und begannen am Fuß des Libanon empor zu steigen. Ich hatte mir vorgenommen, nicht eher eine Rast zu machen, bis wir nach Schiras gekommen wären, wo ich bei unsern frühern Wirthsleuten einen Augenblick anhalten wollte. Doch mußte uns der Beduine einen andern Weg geführt haben, denn anstatt in jene Schlucht zu kommen, durch welche der Barrada fließt, stiegen wir ungefähr in der Gegend einen sehr steilen Berg hinan und kamen auf ein großes Plateau, auf dem wir rascher vorwärts traben konnten. Trotz dem versicherte mir unser Beduine beständig, wir würden bald nach Schiras kommen, und ob er mich nicht verstanden oder absichtlich einen andern Weg geführt hatte, weiß ich nicht; genug, als wir nach meiner Berechnung schon lange den Ort hatten erreichen müssen, ritten wir noch immer in einem mir ganz unbekannten Terrain. Es mochte Nachmittags drei Uhr sein, als ich in einer kleinen Schlucht, in der ein kleiner Bach floß, anhielt, und vom Pferde stieg. Ich war von dem langen Ritte so ermüdet, daß ich mich auf dem Boden ausstreckte und mich hin und her wälzte, um meine Glieder wieder gelenkig zu machen. Es war mir sehr verdrießlich, daß wir Schiras noch nicht erreicht haben sollten, denn von da hatten wir noch gute drei Stunden nach Damaskus zu reiten und ich befragte meinen Beduinen, der sich eifrig mit einem großen Stück Käse beschäftigte, nochmals genau nach Schiras, und ob wir denn nicht bald hinkommen würden, worauf er mir durch Zeichen sagte, was ich denn in Schiras wolle, da wir gleich in Damaskus seien; eine Neuigkeit, die mich angenehm überraschte, die aber richtig war; denn nachdem wir eine halbe Stunde geruht und den vor uns liegenden Berg erstiegen hatten, sah ich zum zweiten Mal die prächtige Stadt vor mir liegen.

Der Weg, den wir früher über Schiras genommen hatten, mußte uns weit zur Linken liegen, denn dort erblickte ich hie und da zwischen den weißen Kalkfelsen die grünen Bäume, welche die Ufer des Barrada bedecken. Ich weiß nicht, ich sah Damaskus heute mit einem ganz andern Gefühl, wie das erste Mal. Wir hatten es vorgestern mit dem Gedanken verlassen, daß wir es nimmer wieder sehen würden und wie ich nun heute plötzlich wieder von der Höhe des Libanon die Stadt vor mir liegen sah, und mir, der ich gestern noch in Begleitung der Freunde war, heute aber der einzige Europäer zwischen den abenteuerlichen Gestalten meiner Begleitung hier oben hielt und in das Thal Gutha hinabschaute, kam es vor, als seien viele Jahre vergangen, und ich beträte diese Gegenden nach langer Abwesenheit zum zweiten Mal.

Wir ritten langsam gegen die Stadt hinab, und es fing an zu dämmern, als wir die Mauern erreichten. Und hier brachte uns unser Führer in eine nicht geringe Verlegenheit, indem er erklärte, den Weg bis hieher habe er wohl gewußt, aber uns zum Kapuzinerkloster zu bringen, wisse er die Straße nicht. So viel es mir möglich war, suchte ich mich nach der großen Moschee, die in der Nähe unseres Klosters lag, zu dirigiren und ritt voran in die schon leerer werdenden Straßen. Doch mochte es an der einbrechenden Nacht liegen, oder weil die Gassen in ihrem Schmutz und ihrer Erbärmlichkeit einander so ähnlich sehen, genug, ich fand den Weg nicht, und wir befanden uns bald in ganz unbekannten einsamen Quartieren. Leute, die wir hie und da auf der Straße anhielten, konnten oder wollten uns keinen Bescheid geben, und ich war schon in der größten Verlegenheit, wo wir die Nacht zubringen sollten, als plötzlich aus einer Seitengasse einige halb europäisch gekleidete Männer heraustraten, denen ein Araber eine Fackel vortrug, und ich erkannte in dem einen zu meiner größten Freude den französischen Konsul. Er war sehr artig und gab uns einen Kawaschen zur Begleitung mit, der uns bald vor das Kapuzinerkloster führte. Hier mußte ich lange klopfen, ehe man mir öffnete und mich zu dem guten Prior brachte, der bei meinem Anblick fast in Ohnmacht gefallen wäre; denn so viel ich aus seinen hastig hervorgestoßenen Reden vernehmen konnte, glaubte er nicht anders, als wir seien von den Arabern überfallen, die Andern getödtet worden und ich allein entkommen. Doch beruhigte ich ihn und erzählte ihm, was mich zurückführte. Skandar wurde den Abend noch ausgesandt, um Erkundigungen nach dem Perser und dem Pferde einzuziehen, kam aber bald mit der Nachricht zurück, er habe, da es heut' Abend schon zu spät sei, keinen der Leute mehr getroffen, wolle aber am andern Morgen in aller Frühe zu ihnen hingehen. Der Prior gab mir ein Kämmerchen, nahe bei seiner Stube, von welchem ich ebenfalls in den stillen Hof hinabsehen konnte. Dort blühte der Baum noch, wie neulich, das Wasser rauschte und der Prinz Strauß lief mit großen Schritten auf und ab. Eine andere, weniger poetische Zuthat waren ein paar kleine Schweinchen, die man in diesen Tagen auch in den Hof gesetzt hatte und die sich vor dem großen Vogel fürchten mochten; sie liefen schreiend aus einer Ecke in die andere.

Durch den langen Ritt von gestern schlief ich weit in den folgenden Tag hinein. Skandar weckte mich mit der höchst unangenehmen Nachricht, daß der Stallmeister des Persers, den er angetroffen, ihm gleich erklärt, es sei jetzt gar nicht mehr daran zu denken, von seinem Herrn, selbst für die doppelte Summe, jenes Pferd zu erhalten. Er würde es vielleicht vor einigen Tagen gegeben haben, habe aber gleich den folgenden Tag erklärt, wie lieb es ihm sei, daß wir den Handel nicht abgeschlossen, da er den Hengst sehr hoch halte. Das waren saubere Aussichten. Ich kleidete mich sogleich an und eilte zu Herrn Baudin, dem ich den ganzen Verlauf der Sache mittheilte. Er dachte einen Augenblick nach, ich nannte ihm die Summe, die der Perser damals gefordert, und die ich jetzt in Briefen auf ihn vom Baron erhalten hatte und bat ihn dringend bei dieser Sache um seine Verwendung. Er versprach mir, gleich auszugehen und das Seinige zu thun und ich möchte um ein Uhr Mittags wieder bei ihm anfragen. Ich ging in den Straßen auf und ab und bis es ein Uhr war, glaubte ich, es sei eine Ewigkeit vergangen. Herr Baudin war noch nicht zurückgekommen; doch erschien er nach einer kleinen Viertelstunde und erzählte mir zu meinem größten Leidwesen, daß gar keine Hoffnung da sei, das Pferd zu erhalten. Der Perser, ein sehr reicher Mann, habe ihm gesagt, daß er vor einigen Tagen wohl einen Preis für den Hengst angegeben habe, doch mehr, um zu sehen, welchen Werth er für uns habe, als wie, um es zu verkaufen; denn er habe es von Mekka mitgebracht und die Kosten und Mühseligkeiten der Wüstenreise nur an das Thier gelegt, weil es so außerordentlich edel sei und ihm so wohl gefallen. Man kann sich leicht denken, wie unangenehm mir diese Nachricht war. Doch Herr Baudin, nachdem er eine Zeit lang nachgedacht, sagte mir, es sei vielleicht noch ein einziges Mittel, das Pferd zu erhalten, indem er nämlich an die den Orientalen im Allgemeinen eigene Großmuth vermittelst einer Kriegslist appellire. Doch erforderte dies eine Frist bis Morgen, die ich auch unter der fast gewissen Voraussetzung opfern müsse, daß nichts aus der Sache würde.

Herr Baudin beschied mich auf den folgenden Tag um elf Uhr in die große Karawanserai. Ich wandte den Nachmittag dazu an, durch die Bazars zu streichen und hie und da einige Kleinigkeiten einzukaufen. Es that mir sehr leid, daß meine Reisekasse nicht in dem Zustande war, mehr als einige Piaster aufwenden zu können; denn unter Anderem bot man mir heute Nachmittag eine ächte Klinge zu dem unbedeutenden Preise von zweihundert Piastern an.

Den Abend verbrachte ich mit meinem Prior; wir rauchten eine Pfeife zusammen und er erzählte mir viel von Spanien, seinem schönen Vaterland, und Skandar, dem ich einiges Geld gegeben hatte, ging zu den Dienern des Persers, um sich mit ihnen auf einen freundschaftlichen Fuß zu setzen.

Am folgenden Morgen war ich schon um zehn Uhr in der Karawanserai, einem der prächtigsten Gebäude von Damaskus. Wie alle diese Gebäude zu Waarenlagern, Märkten und Wohnungen für fremde Kaufleute eingerichtet, bestand es aus einem großen Hofe, um welchen rings herum die Gemächer zu den oben angegebenen Zwecken im Kreise lagen. Dieser Hof, mit schwarzen und weißen Marmorplatten gepflastert, hatte in der Mitte einen sehr schönen aus Stein gehauenen Brunnen, der aus fünf Röhren das Wasser in die Höhe schleuderte. Eine Gallerte, die den Hof umgab, wurde von schönen schlanken Säulen getragen und unter ihr befanden sich Steindivans, den verschiedenen Kaufleuten gehörig, auf welche sie bequem hingestreckt, die Kunden erwarten, die mit ihnen größere Geschäfte abzumachen hatten.

Es war noch ziemlich leer in dem Hofe, und ich besah die innere Einrichtung einiger offen stehender Gemächer. Ein Corridor führte hinter denselben im Kreise herum und endigte in einer großen Marmortreppe, die in einen obern Stock führte. Auch von außen hatte die Karawanserai ein stattliches Ansehen, und für mich durch die Abwechslung der Steine, die man hier an einigen größern Gebäuden findet, etwas sehr Eigenthümliches. Man mauert nämlich die farbigen Marmorarten reihenweise aufeinander, so daß z. B. das Gebäude unten am Boden eine Linie röthlicher Steine hatte, auf welche eine Linie weißer, dann wieder rother und so abwechselnd weiß und roth bis unter's Dach folgten.

Um eilf Uhr erschien Herr Baudin und sagte mir, gleich würde der Perser mit seinen Hausbedienten erscheinen und er wollte dann die direkten Handlungen mit ihm beginnen. Vielleicht sei es möglich, daß uns der Kauf gelänge, indem er einen Freund des Kaufmanns auf seine Seite gebracht habe. Es dauerte auch nicht lange, so erschien der Perser mit allem Pomp eines sehr reichen Mannes, der den Markt beherrscht. Ein paar Neger kamen eilfertig voraus, breiteten auf einem der schönsten Steinsitze bunte Teppiche aus und lehnten an die Rückwand mehrere Divankissen aus Sammt und Seide. Vier andere Diener folgten ihnen, der eine trug einen Mangahl mit Kohlen, der andere ein vollständiges Kaffeegeschirr und der dritte und vierte Pfeifen und Tabak. Jetzt erschien der Kaufmann selbst mit einem Gefolge von wenigstens zwanzig Dienern, alle in persischem Costüm, und es war gerade, als komme ein vornehmer Pascha, denn so ehrerbietig grüßten ihn alle im Hofe Befindlichen, Herr Baudin nicht ausgenommen. Auch ich legte meine Hand an Brust und Stirn und verbeugte mich soviel wie möglich. Der Perser war ein Mann in den besten Jahren mit gelber Gesichtsfarbe und einem kohlschwarzen Kinnbarte, der noch spitzer zulief, als die Mütze von schwarzem seinen Astrachanpelze, die er auf dem Kopfe trug. Sein Anzug war fast wie der unseres Fürsten und ebenso der Handschar; nur war das Kleid weit reicher mit Gold gestickt, und an dem Griffe des Dolches glänzten die prachtvollsten Edelsteine. Das Malerischste aber und Schönste an seinem Costüm war der Mantel, ein einziger großer Kaschemirshawl von Zeichnung und Farben, wie ich nie etwas Aehnliches gesehen. Ein herzförmiger Talisman, d.i. ein Stein, auf dem Koransprüche eingeschnitten sind und der köstlichste Schmuck, den die Orientalen besitzen, hielt den Mantel als Agraffe zusammen; das Ende desselben hatte er, damit der köstliche Stoff nicht auf dem Boden schleifen sollte, um den rechten Arm geschlungen. In dem Gefolge waren seine Handlungs- und Hausbedienten, seine Stallmeister, Haushofmeister und eine Menge anderer Chargen, die mir Herr Baudin alle nannte.

Mit der Ruhe und Gravität, die dem Morgenländer eigen ist, setzte er sich auf seinen Divan, und begann mit den Kaufleuten, die nach und nach herankamen, seine Geschäfte abzumachen. Hier wurden Contracte unterschrieben, dort Gold ausbezahlt, das der Zahlmeister in Empfang nahm und durch andere Diener in kleine Beutel binden und in ein Kästchen stellen ließ. So interessant mir die ganze Erscheinung dieses Persers und des Handels war, so wünschte ich doch recht aus Herzensgrund, daß er weniger vornehm und reich sein möge, damit ihm die Summe, die wir ihm geboten hatten, höher und ansehnlicher erscheinen möchte. Jetzt kam die Reihe an uns. Herr Baudin trat näher an den Divan des Persers, und stellte mich als den Mann vor, der jenen Hengst zu kaufen wünschte. Der Kaufmann sah mich lauernd an und seine erste Frage an Herrn Baudin war, ob ich auch sehr viel Geld mitgebracht hätte, da er für die früher angegebene Summe das Pferd wahrlich nicht mehr hergeben würde. Herr Baudin zuckte die Achseln und entgegnete ihm: er müsse ihn des Gegentheils versichern, denn auf seine Forderung vor einigen Tagen bauend, habe ich nicht mehr als die damals geforderte Summe bei mir. Darauf machte der Perser mit ruhiger Miene eine abwehrende Bewegung mit der Hand und unsere Geschäfte schienen leider beendigt. Doch ließ sich Herr Baudin sobald nicht abschrecken. Er nahte sich dem Kaufmann auf's Neue und hielt ihm folgende merkwürdige Rede, die er mir später in's Französische übersetzte.

»Herr, du hast vor einigen Tagen den großen Mann gesehen, der mit deiner Bewilligung deine Ställe und Pferde besah. Es war der Imrachor Agassi des deutschen Sultans, dem sein Herr eine Pilgerfahrt nach unserem Mekka, nach Jerusalem auferlegte, und obendrein sprach der Sultan beim Abschied zu ihm: Dir wird bei deiner Rückkehr nur dann die volle Sonne meiner Gnade leuchten, wenn du mir aus jenen weiten sandigen Landstrecken, in denen der streifende Araber sein Zelt baut, zwei Pferde, wohl verstanden, zwei Pferde, einen Hengst und eine Stute, den ersten goldfarbig, die andere braun mit schwarzem Mähnenhaar und Schweif, und von der edelsten Race mitbringst. Der deutsche Effendi reiste ab und suchte lange umher in Istanbul, Smyrna und Beirut, ja lange in El Scham selbst, ehe ihm der glückliche Zufall deinen Stall öffnete und er darin einen Hengst fand, wie er ihn suchte. Obendrein warst du so großmüthig, Herr, eine Summe zu fordern, die der Imrachor Agassi im Stande war, aufzuwenden. Aber was sollte er mit dem einen Pferde allein thun. So erfreuet er war, deinen Hengst gesehen zu haben, so betrübte es ihn doch, da er nicht hoffen durfte, eine Stute in gleicher Schönheit, wie dein Pferd zu finden; es betrübte ihn, und er ließ dich durch seinen Dolmetscher und deinen Stallmeister bitten, ihm den Kauf deines Pferdes noch einige Tage offen zu halten, indem er in einem Theile des Libanon eine Stute sehen wolle, von der man ihm viel Rühmens erzählt. – Schande über den Dolmetscher des Deutschen, daß er deinem Imrachor andere Worte überbrachte, als ihm sein Herr in den Mund gelegt.«

Der Perser hatte diese lange Rede schweigend angehört, saugte an seiner Ambraspitze und strich sich zuweilen den spitzen Bart. »Aber,« entgegnete er, »Gott ist mein Zeuge, dafür kann ich nichts. Vor einigen Tagen hätte ich vielleicht das Pferd um den Preis fortgegeben und es würde mich jetzt bitter gereuen; aber Gott hat mich vor der Reue bewahrt und ich habe das Pferd noch. – Und der Imrachor,« setzte er fragend hinzu, »fand wirklich eine Stute von gleicher Schönheit, wie mein Hengst?«

»Er fand sie, Herr,« entgegnete Herr Baudin, »und kaufte sie im Vertrauen auf deine Großmuth, indem er glaubte, du würdest ihm das Pferd heute noch geben.«

Der Perser rückte unruhig auf seinem Divan herum und rief einmal über das anderemal: »Gott ist mein Zeuge, ich kann nichts dazu thun!« – Herr Baudin bemühte sich, so viel es ihm möglich war, ihn zu einem Verkauf des Pferdes zu überreden. Auch der andere Kaufmann, von dem er mir oben gesprochen, redete zu dem Perser, aber lange umsonst. Herr Baudin sagte ihm am Schluß einer sehr langen Rede: »Du bist hart gegen den Fremden, der sich vertrauensvoll zu dir wendet, und kannst doch nicht wissen, ob dich deine Geschäfte nicht auch einmal über das Meer treiben in die Länder der Franken, wo du ihre Hülfe in Anspruch nehmen mußt. Du hast viele schöne Pferde, und deine Karawanen gehen jährlich nach Mekka und können dir ein anderes, vielleicht noch edleres Pferd mitbringen. Doch du bist hart und dein Pferd, das dir mit schönem Golde bezahlt werden soll, ist dir mehr werth, als das Leben eines Menschen. Der Deutsche wird kein Pferd finden, was einen Vergleich mit deinem Hengste aushielte, und darf die Seinen in der Heimath nicht wieder sehen – und durch deine Schuld, Herr. Er muß in der Fremde umherirren, oder wenn er es wagt, vor das Auge seines erzürnten Sultans zu treten, hast du sein Blut zu verantworten, es komme über dich!«

Diese letzte Wendung mußte auf den Perser gewirkt haben, denn er dachte einen Augenblick nach, wandte sich dann an seinen Stallmeister, dem er einige Worte sagte, worauf dieser zwei der untern Stallbedienten fortschickte. Er kehrte sich darauf wieder zu Herrn Baudin und sagte: »Lass dem deutschen Herrn sagen, er solle vor allen Dingen seinen Dolmetscher bestrafen, weil der so schwer an ihm gefrevelt und seine Worte verdreht hat. Doch will ich großmüthig handeln und ihm seinen Wunsch gewähren. Möge es meinen Kindern oder Kindeskindern zu Gute kommen. Ich versichere dich, Herr, das Pferd war mir lieb; sieh' sein glänzendes seidenes Haar an, das ich oft gestreichelt, hör' seine helle Stimme, die es am Morgen an meinem Zelt erschallen ließ und mich damit weckte. Hättest du die Schnelligkeit seiner Glieder gesehen, wie er über den Sand dahinflog und doch augenblicklich anhielt, wenn ich meinen Arm ausstreckte, du würdest mir nicht zumuthen, meinen Hengst zu verkaufen. Doch ich gebe ihn dir, weil der Prophet sagt: sei barmherzig gegen den unbekannten Pilger, auch wenn er nicht deines Glaubens ist!«

Da ich natürlich diese Verhandlungen nicht verstand, sondern sie mir Herr Baudin erst später verdolmetschte, so kann man denken, daß ich den Mienen und Geberden der handelnden Personen meine volle Aufmerksamkeit schenkte. Daß der Stallmeister des Persers zwei seiner Leute fortschickte, nahm ich für ein gutes Zeichen an, und als mir jetzt Herr Baudin sagte: »Gott sei Dank! wir haben ihn!« und einen Beutel mit Dukaten herauszog und sie vor dem Schatzmeister des Persers hinzählte, machte ich dem Herrn eine sehr tiefe dankende Verbeugung.

Jetzt hörten wir auf der Gasse das unruhige Getrappel eines Pferdes, und im nächsten Augenblicke erschienen die beiden Perser, den Hengst ohne Decken und Sattel am Zaume hereinführend. Das Thier wieherte laut auf, wie es in den Hof trat und der Kaufmann hatte Recht, als er vorhin von der hellen reinen Stimme des Pferdes sprach. Mit mehr Lebhaftigkeit, als dem Orientalen eigen ist, erhob er sich von seinem Divan und trat vor das Thier, seinen schlanken schönen Hals streichend. Er winkte mir näher zu treten und hielt mir eine Rede, von der ich natürlich kein Wort verstand, die ich aber mit vielen Verbeugungen erwiederte. Darauf nahm er den Zaum des Pferdes in die Hand, rief Herrn Baudin und sagte mir durch ihn:

»Lass' dem deutschen Herrn das Pferd übergeben. Sage ihm, wie lieb es mir gewesen und daß er es nur meiner Großmuth zu danken habe. Sag' ihm ferner, er soll es seinem Sultan rühmen, daß es ein gutes Pferd sei und ihn bitten, er möge es gut behandeln und freundlich seinen schönen Hals streicheln. Es wird ihn muthig seinen Feinden entgegen führen und ihn vor den verfolgenden Kriegern durch die Schnelligkeit seiner Glieder retten.« Nach Beendigung dieser Worte umfaßte er mit beiden Armen den Hals des Pferdes, küßte es und warf mir mit abgewendetem Gesichte den Zaum zu. Ich übergab ihn Skandar und wir führten das Pferd sogleich fort.

Auf dem Weg zum Kloster betrug es sich sehr wild und außer dem Geschrei und den Schimpfworten, die uns die Araber, welche vor seinen ungestümen Bewegungen auf die Seite springen mußten, nachsandten, mußte ich auch noch einem Kuchenbäcker all' seine Waaren bezahlen, die ihm der Hengst auf die Erde geworfen.

Am andern Morgen verließen wir in der Frühe Damaskus, um nach Beirut zurückzukehren. So streng ich meinem Führer eingeschärft hatte, den Weg über Schiras zu nehmen, wo ich wußte, daß ich das Pferd gut unterstellen konnte, so nahm er doch einen andern, trotzdem es mir gleich vor Damaskus auffiel, daß wir eine veränderte Richtung einschlugen und ich ihm mehrmals sagte, wir müßten uns mehr nördlich halten. Der Kerl widersprach mir beständig und brachte uns am Nachmittage in ein anderes sehr elendes Dorf, das er ebenfalls Schiras nannte. Was konnte ich dagegen thun, da ich nicht einmal im Stande war, ihm Grobheiten zu machen. Am Morgen, als wir aus Damaskus ritten, erhielten wir eine sonderbare Begleitung, es waren nämlich zwei jener abgemagerten elenden Hunde, wie sie sich zu Tausenden in der Stadt herumtreiben. Die Thiere folgten uns beständig in einer gewissen Entfernung und waren weder durch Geschrei noch Steinwürfe zurückzuscheuchen. Ob sie vielleicht glaubten, das ledige Pferd, unser gekaufter Hengst, sollte vor der Stadt abgeschlachtet und ihnen eine gute Mahlzeit werden, weiß ich nicht; doch blieben sie den ganzen Tag bei uns, und verloren sich erst am Abend in Schiras zwischen den Hütten.

Während der Nacht machte uns unser neues Pferd viel zu schaffen. Es mochte ihm unbequem sein, von seinen frühern Gefährten getrennt zu stehen, wir hatten ihn nämlich mit in unsere Stube genommen, denn er betrug sich ganz ungeberdig, riß mehrere Male den Strick von der Mauer und die Fessel aus dem Lehmboden der Hütte, und wieherte beständig so, daß wir keine Minute schlafen konnten. Wir brachen am Morgen sehr frühe auf und kaum hatten wir uns aus dem Dorfe entfernt, so waren unsere beiden Hunde auch wieder bei der Hand und zogen mit uns. Nach einigen Stunden hatte unser Führer den Weg verloren und erst, nachdem wir eine lange Zeit irre gegangen waren, begegnete uns ein Eseltreiber, der uns wieder auf den richtigen Weg brachte. Dieser Mann hatte ein ganz merkwürdiges Aussehen, eine kleine Figur, schneeweißen Bart und ein sehr vergnügtes Gesicht, das ein grüner Turban schmückte, der aber so zerfetzt war, daß es aus einiger Entfernung aussah, als habe der Kleine sein Haupt mit Rebenlaub umwunden. Ein türkischer Anakreon! Dabei war er gegen die Gewohnheit der Orientalen sehr lustig und wir hörten ihn noch schreien und singen, wie er schon lange unsern Augen entschwunden war.

Eine Expedition, wie unsere heutige mit dem unartigen Pferde war, will ich keinem Menschen wünschen. Skandar ritt einen alten Wallachen, neben dem es gestern ganz ruhig gegangen war; doch heute biß und schlug es nach dem armen Thiere und machte oft solche Seitensprünge, daß es den Skandar fast von seinem Pferde herunterzog. Unser Araber hatte eine Stute, weßhalb er immer, statt uns voraus zu reiten und den Weg zu zeigen, eine weite Strecke zurückbleiben mußte, denn so wie er vorritt oder nur in unsere Nähe kam, war der Hengst wie toll. Auf den schlechten halsbrechenden Felswegen, die ich früher beschrieben, war es ein Wunder, daß wir ihn mit ganzen Beinen nach Beirut brachten. Oft ging er eine Strecke ganz ruhig, dann fing er auf einmal wieder an, über die Zacken zu springen, und Skandar, der heute zu Fuß ging und sein Pferd dem Araber gegeben hatte, mußte ihm folgen, und so ging es oft über spitze steile Abhänge hinab, daß wir alle schaudernd zusahen.

Gegen Mittag hatten wir den Antilibanon überstiegen und kamen in's Thal, wo wir einen Augenblick rasteten und ich benützte diese Zeit dazu, um dem Hengst den Sattel meines Pferdes aufzulegen, worauf ich ihn bestieg und wir im vollen Galopp die Fläche in weniger als einer Stunde durchritten hatten. Neben diesen Unannehmlichkeiten, die wir mit dem Pferde hatten, waren wir obendrein noch in beständiger Sorge, von Deserteuren oder Bergbewohnern überfallen zu werden. Doch hätten wir uns auf das Aeußerste vertheidigt, wenigstens Skandar, Mechmet und ich. Wir hatten deßhalb unsere Waffen in steter Bereitschaft, wodurch mir später, als wir den Libanon hinanritten und ich meinen Schimmel wieder bestiegen hatte, ein kleiner Unfall passirte. Ich ritt voraus, eine gespannte Pistole in der Hand und die andere ebenso am Sattel hängend, als mir plötzlich die letztere, bei einem Sprung des Pferdes, ich weiß nicht, durch welchen Zufall, losging, und die Kugel durch das eiserne Blech des großen Steigbügels fuhr.

Mit Einbruch der Nacht erreichten wir den Chan, in welchem wir bei unserer ersten Hinreise den türkischen Oberst getroffen hatten. Das Wetter war heute glücklicher Weise besser und wir wurden in der Nacht nicht wieder durch den aufgeweichten Schnee unangenehm erweckt.

Den andern Morgen ritt ich mit der freudigen Hoffnung aus, Nachmittags Beirut zu erreichen, unsere Freunde wieder zu sehen und dem guten Baron durch Ueberbringung des Pferdes eine Freude zu bereiten. Mit viel Sorge und Mühe, aber glücklich stiegen wir die schlechten Wege des Libanon hinunter und erreichten gegen Mittag den Chan el Hussein. Freudig aufjauchzend begrüßte ich das Meer, dessen unübersehbaren Spiegel ich jetzt wieder erblickte. Wir waren auf die Höhe unserer Mühseligkeiten gekommen, und stiegen nun rascher in's Thal der Ruhe hinab. Jetzt erreichten wir schon die Felder mit ihren Mauern von natürlichen Steinen, Beirut tauchte allmälig vor unsern Blicken auf; bald ritten wir durch die Cedern und Piniengebüsche am Fuße des Libanon und unter den Palmenpflanzungen vor der Stadt selbst. Es mochte drei Uhr sein, als ich an den äußern Mauern derselben vorbeiritt und auf dem Weg am Meer hin unserer Villa zueilte.

Auf der Terrasse war Niemand von den Freunden zu sehen und ich ritt in den Hof, der wie ein kleines Feldlager aussah. Da waren Zelte ausgespannt und Pferde und Maulthiere standen daneben, die mein Hengst mit lautem Gewieher begrüßte, so hell und rein, daß es die Freunde hörten, welche im Zimmer des Barons zu Tische saßen. Alle stürzten nun eilfertig die Treppen herab und bewillkommten mich aufs Herzlichste. Der Baron drückte mir die Hand und sein Dank, so wie seine Freude über das Pferd, war mir Belohnung genug für all' die Mühseligkeiten, die ich ausgestanden. Auch die Kranken waren wieder gesund und meine erste Frage: was denn die Zelte und Thiere bedeuteten, wurde mit der freudigen Nachricht beantwortet, daß man übermorgen Beirut verlasse, um nach Jerusalem zu ziehen.

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