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Reise im nördlichen Afrika

Hugo von Hofmannsthal: Reise im nördlichen Afrika - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorHugo von Hofmannsthal
year1988
publisherS. Fischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-10-331503-1
titleReise im nördlichen Afrika
pages498-516
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hugo von Hofmannsthal

Reise im nördlichen Afrika

Fez

Das Haus, das ich bewohne, liegt am Rande der Stadt, keine hundert Schritt von der hohen alten Stadtmauer, die, mit Zinnen durchaus und je einem Turm alle tausend Schritt, die ganze über zwei Hügel hingestreckte Häusermenge umschließt und die Stadt erst zur Stadt macht, zur gewaltigen, seit tausend Jahren gesicherten, gegen das leere hügelige Land hin, das für die Reisenden und Schweifenden da ist; offen und öde, mit einem weißen rundkuppeligen Heiligengrab da und dort, oder einem einzelnen Baum, oder ein paar erdfarbigen Nomadenzelten, und in der Ferne die weißschimmernde Gipfelkette des hohen Atlas, aber in solcher Ferne am Horizont, daß dieser Streif von Grau und Silber mit seiner Last von leicht auf ruhenden weißen Haufenwolken dem Himmel nichts von seiner Reinheit und Leere nimmt, nichts von seiner Höhe, aus der die klare kühle Nordostluft unablässig herabweht, durchschnitten vom ruhigen Flug der vielen Störche oder vom Flattern eines weißen Taubenschwarmes, über dem, ihn niederdrückend, die rostfarbigen Falken kreisen. Aber sowie ich die oberste Terrasse meines Hauses verlasse und die steile, enge Treppe hinabsteige, deren Stufen farbige Kacheln sind, mit einem marmornen Rand eingefaßt; sowie ich unten im Hof meines Hauses stehe, oder, um es besser zu sagen, im Garten, zwischen den Orangenbäumen, den Rosenbüschen und den steinernen Becken, in denen das Wasser immer von innen aufquillt und, über den Rand des Beckens hinabtriefend, unten wie in einem winzigen Bachbette aus blauen Fliesen murmelnd wegläuft: so sehe ich von der unendlichen Durchsichtigkeit und Weite dieses vor Klarheit fast strengen Himmels nur mehr ein kleines Stück; denn auch mein Haus ist mit einer solchen rotgelben Mauer umgeben, die zwei Stock hoch aufragt und gezinnt ist wie die Stadtmauer, und dieses Heim, das sich ein Vornehmer und Reicher vor hundert oder hundertfünfzig Jahren gebaut hat: dieser reizende kleine aufgestufte Garten mit seinen bunten kleinen Treppen und den springenden und fallenden Wassern, das Haupthaus oben, mit dem einen riesengroßen, prachtvoll vergitterten Fenster, und die fünf Pavillons mit ihren schneeweißen, flachen, dunkelgrün eingerahmten Dächern, von deren einem man zum andern herabklettern kann, denn die Stufung der Dächer wiederholt die des Gartens, diese ganze Welt des mächtigen, genießenden Einzelnen ist in eine Festung eingeschlossen. Trete ich in den untersten Pavillon, der schmal an der Mauer klebt und nur mein Zimmer und einen kleinen Vorraum enthält, so höre ich durch die Wand, an der mein Bett steht, den gedämpften Lärm der Stadt, der ich an dieser Stelle so fühlbar nahe bin, als ich im oberen Teil des Gartens mir fern von ihr und über sie hinausgehoben schien. Und an meinem Bette stehend und meine Reisesachen und Bücher herauslegend, höre ich vor allem den Aufschlag schrittgehender und auch leicht trabender Pferde und Maultiere aus solcher Nähe von meinem Ohr, daß ich mir nichts anderes denken kann, als im Hause selbst werde in irgendwelchem Raum auf gestampftem Lehmboden geritten. Ich gehe die enge Treppe hinunter, die wieder, wie in all diesen arabischen Häusern, aus bunten Kacheln und sehr steil ist – so steil, daß man immer an dies »die Treppe hinunterstoßen« denkt, das in den arabischen Erzählungen so oft vorkommt; da ist ein kleiner Vorraum; auf einem Diwan sitzen ein paar junge arabische Diener; der mir beigegebene steht auf und tritt, mir anständig den Weg weisend, aus dem kleinen Raum, in dem es dämmert, über eine Stufe in einen andern Raum, der nach oben mit uralten Holzbalken gedeckt, nach beiden Seiten offen ist; und hier, in dieser Art von Vorhalle, mit schmalen Bänken an der Seite, auf deren einer ein blinder Bettler sitzt, bin ich noch in meinem Haus – es sind auch Türen rechts und links mit dicken Türflügeln aus einem Holz, das vor Alter fast aussieht wie Stein, so daß der Raum geschlossen werden könnte –, aber ich bin auch schon auf der Gasse: Balök! ruft eine Stimme in meinem Rücken: Gib acht, das Wort, das der Reitende halblaut und nachlässig ausspricht als Warnung für die Fußgänger in seinem Weg; und da kommt ein Alter gemächlich auf seinem kleinen Esel und wirft mir, indem ich beiseite trete, einen schnellen, scharfen, geringschätzigen Blick zu; vielleicht weil ich zu Fuß gehe, wenn auch mit einem Diener – vielleicht auch ist dieser schnell sich abwendende, verachtende Blick eben der, den er allein für die Begegnung eines »Rumi« übrig hat; denn noch ist in dieser heiligen Stadt, dem Mekka des westlichen Islam, der Europäer das sehr Fremde; das, dessen eben nur mit einem solchen Blick gedacht wird. (Das französische Protektorat, mit einer großen Zurückhaltung ausgeübt, umgibt den einzelnen mit dem Gefühl völliger Sicherheit; aber es sind nicht mehr als zwölf Jahre, daß hier an einem Tag sämtliche »Nazaräer« den Tod fanden; und ein Nachzittern davon ist in vielen Blicken, die uns streifen.) Aber schon hat sich aus der Öffnung eines Hauses heraus – oder ist es eine noch engere, noch finsterere Gasse als die, in der ich meinem Führer folge? – ein noch kleinerer Esel, auf dem zwei lachende kleine Kinder in blauen Leinenburnussen sitzen, hervorgeschoben, und nun überholt mich, so daß ich wieder beiseite und dicht an die Mauer treten muß, ein sehr leicht und schnell trabendes Pferd; ein berberisches Pferd, arabisch im Gepräge, sehr mager und zartgliedrig; ein junger Neger reitet es ohne Bügel auf einem zerfetzten Strohsattel an einem strohernen Zaum; unbeschreiblich frei und leicht das Handgelenk der Linken, wie es den elenden Zaum regiert; so der leichte Druck der herabhängenden nackten Beine, mit den schön geformten Zehen, der edlen Ferse.

Nun aber ist mein Führer, scharf links sich wendend, in ein Haus getreten; nein, es ist kein Hauseingang, sondern eine neue Gasse, ein neuer solcher Schacht aus den fensterlosen Mauern hoher uralter Häuser; sie treten nach oben hin zusammen, so daß das Gefühl, im geschlossenen Raum zu sein, sich noch verstärkt; zugleich steigt diese Gasse an; und von oben her, wo sie sich wieder krümmt und scheinbar wieder in ein noch finstereres Hausinnere verliert, kommt mir auf einem schönen starken Maultier, das sie selber lenkt, eine verschleierte Frau entgegen. Die Straße ist so eng, daß fast ihr Steigbügel mich streift und daß um ein Nichts die Tücher und Schleier, in die ihre Gestalt gehüllt ist, mich berühren müßten. Nichts von ihrem Gesicht ist frei als der schmale Streif, aus dem die beiden Augen finster blitzen; von der Gestalt nichts erkennbar in der wehenden Verhüllung der weißen Schleier; wunderbar die junge, starke Gebärde, mit der sie sich im Sattel strafft, entgegen dem Abwärtstreten des Tieres. Da ist aber schon zwischen mir und ihr auf einem dieser lautlos trippelnden kleinen Esel ein stämmiger Neger, querüber sitzend, die beiden Beine auf der einen Seite fast den Boden streifend: wulstige Riesenlippen, eine knollige Nase, eine ungeheuerliche Perücke von krausem Haar, und quer über die ganze Wange eine Narbe, tief, gräßlich und überlebensgroß wie das ganze Gesicht; und da auch, von der anderen Seite her, auf einem großen ruhig blickenden, isabellenfarbigen Maultier, auf blaßgrünem Sattel ein vornehmer Alter; sehr gelassen über mich hinblickend aus seinem violetten, auch das schöne Gesicht umgebenden Gewand; an jedem Steigbügel geht ein Diener; schwarz der eine, weiß der andere. Und so bin ich denn nach so wenigen Schritten mitten drin in dieser Stadt; wie sehr ist man und wie schnell mitten drin in ihr; wie schnell umgibt sie einen so vielgehäusig und geschlossen und ausgangslos, als wäre man ins Innere eines Granatapfels geraten. Denn da bin ich aus dem kellerartigen Schacht dieser zweiten oder dritten Gasse nun auf einem Kreuzweg, einer Art von kleinem Platz, wo alte Weiber, auf Matten hockend, gesalzene Fische feilhalten; aber er ist mit einem Balkengitter überdeckt, auf dem Schilf liegt, so daß auch hier wieder jenes Gefühl bleibt, in einem Gehäuse zu sein und daß all dies zusammenhängt, und daß man, ohne zu wissen wie, von einem ins andere kommt. Und dieses Gefühl wird bleiben für alle Tage eines Aufenthaltes in Fez, und wird alles, was man sieht und erlebt, begleiten und wird sich, je mehr Tage vergehen, eher verstärken als abschwächen. Denn der Diener stößt eine ganz kleine Tür auf, in einer dieser fensterlosen Mauern, die vor Alter aussehen wie nichts Gebautes, sondern etwas von Natur Gewordenes; und man betritt den Vorraum eines Palastes; da sitzen auf einem Teppich die vier Söhne des Hausherrn und lesen in einem Koran, den der älteste, mittelst sitzend, in seiner Hand hält, lesen alle zugleich laut und bewegen ihre Köpfe beim Lesen, und zwischen ihren wiegenden Köpfen sieht man den offenen Hof mit den springenden Wassern, die zarten Säulen des offenen Umganges, die Farben, die matten Vergoldungen, den ganzen Glanz des arabischen Hauses; und man stößt, fünfzig Schritte weiter, eine andere, ganz so alte, ganz so niedrige kleine Tür auf, tritt zwei Stufen abwärts: und man ist im Gefängnis des Pascha. Auf einer Matte, seine Babuschen vor sich, im Koran lesend, sitzt der freundliche alte Wärter. Ein Berber, mit verwildertem Haar und einem scheuen Blick wie ein frisch eingefangenes Tier, hockt halb unterirdisch im Halbdunkel hinter dicken Eisenstäben. Man schiebt sich an diesem Verlies vorbei längs einer Mauer, die wie alles hier bergesalt ist, der Führer stößt wieder eine Tür auf, und man ist in einem niedrigen Raum, in dem etwas leise behaglich surrt und stampft. In einem zarten gelbgrauen Halblicht gehen fünf Webstühle; an jedem sitzt ein Mann und webt einen breiten Gürtel: die Bänder aus fliederfarbenen Seidenfäden, silbern durchzogen, oder aus flammendem Gelb mit roten Mustern wie Korallen, verbreitern sich fast zusehends unter dem lautlosen Griff dieser fleißigen Hände, dem leisen Tritt dieser nackten Füße, dem gedämpften Surren und Stampfen dieser Webstühle, die selber wieder uralt scheinen, alles an ihnen von vielhundertjährigem Gebrauch poliert und vornehm wie sehr altes Elfenbein. Aus der Bandweberei tritt man in die Gasse der Gewürzhändler; ich hätte ebensogut gesagt in die Halle oder Laube: denn dies ist abermals mit einem hölzernen Gitterwerk gedeckt, auf dem oben Wein gezogen ist, eine steinalte Rebe mit tausend Seitentrieben. Von hier aus aber trägt mich die Welle der Gehenden und Reitenden, der kleinen Esel, die mich aus dem Weg schieben, der bettelnden Kinderhände, die mich leise anrühren, in einen ganz geschlossenen, ganz mit Menschen und Waren angefüllten Raum; die kleinen Butiken, eine an der andern, keine breiter als ein Wandschrank, bis hinauf reichend an die gewölbte steinerne Decke (oder ist es wieder eine Decke aus so altem Holz, daß es aussieht wie Stein?) und auf den Waren, auf dem Gewürz, auf den Datteln und Bananen, die jeden dieser offenen Schränke füllen, hoch oben thronend der Verkäufer mit seiner Waage und dem großen Holzlöffel, um die Ware herunterzureichen; und dieser völlig geschlossene Raum, dieses große längliche Zimmer, das so voller Menschen und Ware ist, daß man nicht begreift, wie die geduldigen kleinen Esel sich durchzwängen oder wie auf dem eisengrauen Maultier noch ein solcher Vornehmer in seinem blütenweißen Burnus und mit dem sanften geringschätzigen Lächeln, in unendlicher Gelassenheit über dem Gedräng erhoben, hier hindurchfindet, dieses überfüllte Zimmer ist eine Brücke; und durch einen Spalt irgendwo seitwärts sehe ich unter uns das wilde gelbbraune Wasser des Oued, und sehe einen Teil des Ufers; finstere Hauswände, fensterlos bis auf einen eisenvergitterten Spalt, ein Guckloch da und dort, und unten am Fuß einer dieser Hausmauern sogar Schilf, blaßgrün und sonderbar hier mitten in der Stadt, und sich biegend unter der Heftigkeit des Wassers.

So geht eins ins andere, und alles ist, als wäre es von immerher. Ja noch diese kleine Höhlung in der Mauer eines besonders finsteren, drohend aussehenden Hauses, von immerher ausgenommen für den Leib des Bettlers, der dort hockt, zwei furchtbare Armstummel vor sich hinstreckt und mit geschlossenen oder blinden Augen immer das gleiche – ein Gebet, eine Bitte, eine Lobpreisung – mit fanatischer Kraft vor sich hinspricht. Und dieses Zusammenhängen aller Dinge mit allen, diese Verkettung der Behausungen und der Arbeitsstätten und der Märkte und der Moscheen, dieses Ornament der sich ineinander verstrickenden Schriftzüge, das überall von den sich tausendfach verstrickenden Lebenslinien wiederholt wird, all dies umgibt uns mit einem Gefühl, einem Geheimnis, einem Geruch, in dem etwas Urewiges ist, eine Urerinnerung – Griechenland und Rom und das arabische Märchenbuch und die Bibel –, aber dem zugleich etwas leise Drohendes beigemengt ist, das wahre Geheimnis der Fremdheit, und dieser Geruch, dieses Geheimnis, dieses Drinnensein im Knäuel und die leise Ahnung des Verbotenen, die niemals ganz schweigt, dies ist – heute noch und vielleicht morgen noch – Fez; bis vor zwanzig Jahren die große Unbetretene; die strengste, die verbotenste alles islamischen Städte; und der Duft davon ist noch nicht völlig ausgeraucht.

Das Gespräch in Saleh

Der Anfang war schwierig, sagte der Hauptmann de B. Ich war mit fünfundzwanzig eingebornen Reitern ganz allein dort unten im Atlas; das Gebiet, das ich »in Ruhe zu halten« hatte, umfaßte zehn Tagesreisen, mit einer Bevölkerung von vielleicht zweimalhunderttausend Berbern, nomadische und niemals zur Ruhe und zur Unterwürfigkeit geneigte Stämme; man war zu Anfang des großen Krieges und unsere Situation hier im ganzen höchlich auf der Schneide des Messers. Aber es war dies der große Moment des Marschalls Lyautey – einer der großen Momente seines Soldatenlebens – Sie haben davon gehört –, und wir sind imstande gewesen, unsere Aufgaben zu lösen, sowohl im großen ganzen als im einzelnen. Ich die meinige aber nur durch die Hilfe eines Deutschen.

Ich sah ihn an.

Dieser Deutsche befand sich nicht bei mir; ich habe ihn nie gesehen. Aber als ich mich auf meinen Posten begab, wußte ich, daß ich nichts ausrichten würde, wenn ich zu urtümlichen und kriegerischen Menschen durch den Mund eines Dolmetschers spräche – in einer Lage, in der alles auf die persönliche Geltung ankam. Es handelte sich um die Sprache, welche diese Stämme dort im Süden und auch weiter, südlich des großen Atlas, sprechen; um das »Schlö«, eine Sprache, deren Kenner in Europa damals wohl an den Fingern einer Hand hergezählt werden konnten. Aber ich hatte in der Tasche eine vollständige Grammatik der Schlö-Sprache, keine fünf Jahre alt, das Werk eines Deutschen.

Eines unserer fleißigen Reisenden, der vor eurer Ankunft das Atlasgebiet durchstreift und diese philologischen Kenntnisse gesammelt hatte, sagte ich.

Keines Reisenden. Dieser Herr hat sein Leipzig nicht verlassen und seinen Fuß nicht auf die afrikanische Erde gesetzt. Aber der Zufall hat einmal fünf Schlö-Tänzer nach Leipzig verschlagen; sie sind, scheint es, dort in einem Zirkus aufgetreten.

Und mein Deutscher? das heißt, Ihr Deutscher?

Hat sich über sie hergemacht und sie nicht verlassen, bis er diesen Menschen in Gott weiß was für Gesprächen, mit Gott weiß welchem Aufwand an Ausdauer, Geschicklichkeit und philologischem Genie die Elemente ihrer Sprache herausgelockt und diese in ein grammatisches System gebracht hatte, das ich heute, wo das Schlö mir in zehnjähriger Übung geläufig geworden ist, nur noch mehr bewundere. Wenn Sie jemals nach Leipzig kommen und Herrn Stumme begegnen –

So werde ich diesem deutschen Gelehrten sagen, daß er einem französischen Offizier einen sehr praktischen Gefallen erwiesen hat. Sic vos non vobis –

Das zarte, aber sehr feste Gesicht des Hauptmanns de B. faßte sich aus der Gelöstheit des leichten Gespräches zu einem Ausdruck zusammen, der sehr militärisch war. So mußte dieser Mann aussehen, wenn sich ihm Schwierigkeiten entgegenstellten. Aber die Schwierigkeit dieses Augenblicks war ganz innerlicher Art: dies verriet sich augenblicklich in einem leichten Erzittern der Augensterne. Er war in der sympathischen Art verlegen geworden, in der sich bei männlichen und entschlossenen Menschen die jähe Verlegenheit ausspricht; er sah in diesem Augenblick um zwanzig Jahre jünger aus, als er war. Der Gedanke hatte ihn gestreift, mich oder uns, nämlich mich und den abwesenden Unbekannten zusammen, möglicherweise verletzt zu haben. Mein Zitat aus Vergil war für sein empfindsames Zartgefühl schon zu scharf gewesen.

Aber, sagte ich schnell, um dies wieder gutzumachen, Sie haben beide wunderbar kollaboriert, und es liegt darin, wie der Deutsche aus einem Fast-Nichts von Gegebenheit ein System von Erkenntnissen hervorspinnt und wie Sie sich wieder dieses Resultates in der entgegengesetzten Sphäre, in der des praktischen Lebens, bedienen – es liegt viel von dem Wesen beider Nationen darin ausgedrückt. Aber, sagen Sie mir dies, wenn ich Ihnen eine direkte Frage stellen darf: Sie haben diese fünf Jahre bei dem Kaid eines berberischen Stammes zugebracht als sein Hausgenosse. Es war ein Mann um weniges älter als Sie, dieser junge Fürst, ein Soldat wie Sie. Er war Ihr Verbündeter und Gastfreund. Sind Sie Freunde geworden, Freunde durch die Sympathie des Gespräches und durch die Sympathie des Schweigens, in einer ähnlichen Weise, wie es mit einem Europäer fast unvermeidlich gewesen wäre?

In einer besseren Weise als mit sehr vielen Europäern, antwortete er; und was er sagte, um diese Antwort zu begründen, war mir schön und merkwürdig, aber ich zeichne es hier nicht auf. – Wir saßen, als wir dies sprachen, auf dem flachen Dach der Medersa von Saleh, der alten kleinen Stadt der atlantischen Küste, deren Einwohner alle »Andalusier« sind – einst Vertriebene aus den maurischen Königreichen in Spanien – und daher von einem besonderen Stolz, einer besonderen Wohlerzogenheit, einer besonders hohen Bildung. (In den Jahrhunderten aber, die dann folgten, liefen von hier aus die gefürchteten maurischen Piratenschiffe, von denen die Küste von Cadix bis Genua oder Livorno zitterte.) Zu unseren Füßen lagen die engen Straßen der Stadt, draußen das Meer, einwärts das Land; rechter Hand der starke Fluß, der sich hier ins Meer ergießt, und überm Fluß die größere Stadt Rabat, weiß und von einer hohen gelbbraunen Mauer umgeben. Ich sah aufs Meer hinunter, auf Rabat hinüber. Störche flogen überall. Die Farben in dieser Stunde vor dem Sonnenuntergang waren von einer unglaublichen Kraft: das Meer von der reinsten Bläue, die Häuser der Stadt überm Fluß von leuchtendem Weiß. Über dem Meer hatte sich aus dem goldenen Dunst des Abends eine einzige schmale Wolke gebildet. Sie glich einem Fisch, aus einer durchscheinenden Koralle geschnitten; an seinem Kopf ging das Korallenfarb in ein durchscheinend glühendes Gold über.

Der Hauptmann hatte sich in meinem Rücken zu den vier oder fünf anderen jungen Herren gesetzt, die uns begleitet hatten. Sie saßen auf einem schmalen Mauerrand, hoch über der alten Piratenstadt, die immer mehr ins vornächtliche Dunkel versank, und sprachen miteinander. Ich hörte ihnen zu und verlor mich zugleich an die Schönheit der Farben, mit denen alle Gegenstände im Bezirk des Meeres und der Erde über alle Begriffe geschmückt waren. Von einem einzelnen Baum, der zwischen der Stadt und dem Fluß stand und im reinsten Smaragdgrün leuchtete, schwang sich ein großer Vogel. Er schien wie aus Edelsteinen zusammengesetzt. Er flog über den Fluß, näherte sich den Mauern von Rabat, die wie vom Widerschein eines Brandes gelbrot erglühten, wich wieder zurück, überflog eine Mauerbresche und ließ sich im Gewipfel von schönen Bäumen nieder, dort drüben: das war Schella: der Wallfahrtsort, der murmelnde Quell, der kleine Friedhof mit den alten, verfallenen Sultansgräbern. Meine Phantasie war mit dem Vogel ganz dort drüben; zu sehr im Flug nur hatte ich die zauberische Stätte betreten, zu der ihn, sooft er wollte, die Flügel im schwimmenden Abendlicht zurücktrugen. Aber wir sind, gemäß dem Reichtum unserer Sinne, einer mehrfachen Aufmerksamkeit fähig. Ich verlor kein Wort von dem Gespräch, das ein paar Schritte von mir geführt wurde. Sie sprachen lebhaft; die jungen Stimmen kreuzten sich, aber das Gespräch blieb durchsichtig. Jeder von ihnen warf sich hinein, hielt wieder an sich, im Vergnügen des Zuhörens, warf sich wieder hinein; keiner rang nach Geltung, aber jeder kam zur Geltung.

Ich wandte mich zu ihnen um. Eure Sprache, sagte ich, eure französische Sprache, welch ein Quell der Geselligkeit, welch ein Zusammensein! Indem ihr sprecht, befindet ihr euch in einem Saal, der die geistige Blüte der ganzen Nation umschließt. Ebenso in eurer Gesellschaft wie die Ausgewähltesten der Mitlebenden sind auch die Toten – sie sind es nicht nur, indem ihr sie beim Namen nennt, sondern in tausend Wendungen und Schwebungen eurer Rede ist ihre fortwirkende Gegenwart fühlbar. Euer Gespräch ist schlechthin die geistige Allgegenwart der Nation. Aber auch davor, daß die Sprache dadurch überfeinert und künstlich würde, hat euer Schicksal euch bewahrt. Nicht mehr zwar erneuert sich euch aus dem tiefsten Quell, wie vielleicht den Deutschen, die volle Flut der Bilder, Gefühle und Anschauungen; eure Sprache ist fertig, sie ist da, voll Bewußtsein, taghell; wie sie auserlesen ist als Gedächtnis der Jahrhunderte, ist sie voll Gegenwart als unmittelbarstes Echo des Tages; und ohne große Schwünge und wilde Flügel belebt sie sich immer wieder in sich selber. ihr redet eine Sprache aus dem Mund der liebenden Frau, des Gelehrten, des Politikers, des Soldaten. Aus den Redensarten und Wörtern, die der lebendige Alltag hervorbringt, schlagt ihr doppeltes und dreifaches Kapital. Ihr braucht sie in der höheren, endlich in der höchsten Sphäre – so wird euch diese nie dünn und gespenstisch. Alle Pulse eurer Sprache klopfen immer frisch, und wo man ihr begegnet, das ganze Volksgemüt ist immer lebendig. – Ich sprach lebhaft und aufrichtig, aber ich fühlte, indem ich sprach, daß ich nicht ganz aufmerksam bei mir selbst war. Ich sah nach Schella hinüber. Ich war mit meiner Phantasie, während ich weitersprach, dort drüben in der Falte des Hügels, bei dem murmelnden Quell, über den sich Feigenbäume und wilde Birnbäume beugten. Ich sah noch die verfallenen Sultansgräber, um die mit sonderbaren Sprüngen und murmelnd ein Schatzgräber kreiste, ein alter, wirrhaariger Mann, der fern aus dem Sus gekommen war, angezogen von dem Geheimnis der Schätze Goldes, die hier mit den großen vergessenen Sultanen begraben waren. Ich sah die zwei schönen Greise, die von ihren Maultieren gestiegen waren, sinnend unter einem gewaltigen Maulbeerbaum sitzen und den Frieden des Ortes genießen; und ich sah den kleinen Trupp von Pilgerinnen aus dem Süden, wie sie, unter sich lachend, ihre Schleier lüpfen, damit der Anhauch der Schattenkühle sie treffe, oder der Blick von uns Vorübergehenden. – Ich hatte zu schnell von dort wieder weg müssen. Der Fleck Erde dort, und das Verschwundene – das Geheimnis der Zeiten (denn es war vordem eine mächtige maurische Burgstadt dort gestanden, und jene fürstlichen Gräber waren ihre letzte Spur; und vordem waren die Goten dort gesessen, und vordem die Vandalen, und vor diesen die christlichen und die heidnischen Römer, und vor ihnen die Numider; und vor diesen hatten die Karthager und die Phönizier auf diesem Hügel gehaust, und der murmelnde Quell war ein Heiligtum der Tanit, und auch davon: daß hier einer Liebesgöttin gedient wurde, davon umweht ein Etwas diesen Hügel, davon haftet ein Etwas dunkel im Bewußtsein auch dieser Pilgerinnen aus dem Süden, und die Schleier lüpfen sich leichter als anderswo unterm Anhauch dieses feuchten Quellgrundes); dies Verschwundene alles, auch im Wort nur geisterhaft Gegenwärtige, und das, was noch dort war, die Einmaligkeit des Ortes und der Stunde, die Kürze des Lebens, die Welt, die Fremdheit – dies alles bewegte sich in mir und hob mich fast aus mir selber. Aber so weiträumig ist unser Gemüt in manchen Augenblicken: auch noch einem anderen Gedanken folgte ich, und er bewegte sich wolkenhaft mit großen weiten Aspekten zugleich in mir und vermischte sich noch mit jenem Mischgefühl aus halb sehnsüchtiger Ergötzung und staunender Bangigkeit, das auf dem Grunde der Seele des Reisenden liegt und manchmal überstark aufsteigt. Es war, indes meine Lippen noch das Lob jener anderen Sprache formten und mein Auge sich an diese abendliche Landschaft verlor, der Gedanke an die eigene Sprache, und wie unser ganzes Schicksal in ihr ist. Wie die hohe Sprache bei uns aufsteigt ins unheimlich Geistige, kaum mehr von den Sinnen Beglänzte, und wie der Sprachsinn dann müde herabsinkt ins Gemeine, oder sich in den Dialekt zurückschmiegen muß, um nur wieder die Erde zu fühlen – und dazwischen ein Abgrund. Wie jeder sich die Sprach neu schaffen muß und nicht weiß, ob er noch tut was er darf, oder schon ins Müßige, Künstliche gerät, und jeder in diesem Tun jeden bezweifelt und befeindet und oft auch sich selber, und wie die Sprache doch durch die Herrlichkeit ihrer Aufschwünge und Offenbarungen wieder alles Erlittene aufwiegt. –

Indem ich meinen zwiefachen Gedanken nachhing, von denen die einen eine Träumerei der Sinne waren und die anderen ein plötzliches Wiedererleben von etwas oft Gedachtem und Gewußtem, und sich doch beide berührten in dem besonderen Lebensgefühl dieses Augenblicks zu einer Einheit von wunderbarer Natur: Einsamkeit, Angst des Individuums – und die völlige Überwindung beider durch den Geist, schlug es an mein Ohr, daß jetzt eine besonders junge Stimme lebhaft sprach und daß das Thema der Unterhaltung gewechselt hatte. Ich sah hin. Dieser junge Herr trug Zivil. Er mochte zum Zivilkabinett des Marschalls gehören oder zu dem kleinen Stab junger Historiker und Orientalisten, welche ich beim Tee in der neugegründeten Bibliothek in Rabat kennengelernt hatte. Er sprach von Deutschland, von der Schönheit einer Stadt, einer Gegend, dem Zauber eines kleinen Friedhofs: von dem Friedhof in Bonn, wo Schumann begraben liegt.

Sie lieben Schumann? fragte ich.

Ich weiß, sagt er, man sagt in Deutschland, es ist nicht möglich, Schumann zu lieben, seit Wagner existiert hat, oder es ist nicht denkbar, daß man Schumann liebe, da es doch Bach gebe – aber ich weiß nicht...

Er wurde verlegen, da er sich vor dem Fremden zu tief in das weglose Dickicht der deutschen Komplikation verstrickt fühlte. Und da Verlegenheit immer verjüngt, so wurde er vollends zu dem hübschen Knaben, der er vor zehn Jahren gewesen war. Er sprang schnell ab und sagte: Es war eine Christnacht, in einem der Kriegsjahre, ich glaube 1917. Ich war damals ganz jung. Ich war im Graben irgendwo; der deutsche Graben war sehr nahe. Gegen Mitternacht hörte auf beiden Seiten das Schießen auf, und es wurde ganz ruhig. Die Sterne standen groß und still über den beiden Völkern. Aus der Ferne, dort wo unsere Linie umbog, hörte man die Marseillaise spielen, ganz leise und geisterhaft. Dann fing im deutschen Graben eine Stimme an zu singen. Es war eine wunderbare Tenorstimme, und sie sang Bach. O welche Sprache Sie haben! Denn das ist Ihre wahre Sprache.

Da stand P. V. auf, mit dem ich schon auf dem Schiff viel gesprochen hatte. Es schien ihm nicht recht zu sein, daß sein junger Freund (er selbst war in der Tat nur wenige Jahre älter) das frühere Gespräch mit dieser Wendung gleichsam abgeschlossen hatte.

Nein, sagte er. Eure Musik ist eine große Herrlichkeit, aber nicht sie ist eure Sprache. Sie ist euch neben eurer Sprache noch gegeben, als ein Mehr vielleicht, als ein Anderes. – Aber die deutsche Sprache ist ein großes Geheimnis. Sie ist euer Schicksal, das des ganzes Volkes und das jedes einzelnen. (Mir war, als antworte er auf das, was ich früher gedacht, aber nicht ausgesprochen hatte.) Goethe hat unter ihr gelitten, und jeder, der nicht Goethe ist und sich in ihr wahrhaft ausdrücken will, läuft Gefahr, von ihr verschlungen zu werden. Sie ist unbequem, aber großartig. Ungesellig, ich weiß, daß ihr selbst sie manchmal so genannt habt, weltlos, ja, das mag sein, aber immer mit einer Welt trächtig. In einem ungeheuren ruhelosen Auf und Ab wandelt sie beständig Geist zu Leib, Leib zu Geist. So gebietet sie euch die Form eures Lebens: euer geistiges Leben ist immer erneute schmerzvolle Neugeburt. Eure Toten sind nicht beständig bei euch, sie sind nicht in einem Saal mit euch, wie die unseren. Aber sie werden euch in wilden Stürmen neugeboren. Heinrich von Kleist, Büchner, Hölderlin: ich sehe diese vor hundert Jahren Verstorbenen stärker in euer Leben eingreifen, als wen immer von den Lebenden. Und seid ihr nicht im Begriff, euer ganzes siebzehntes Jahrhundert umzuwerfen? Denn ihr ruhet nicht auf dem Sein, sondern ihr habt euer Schicksal im Werden. Aber welch ein Wunder, eure Sprache! Welche Weite! Welche Befruchtung aus der Dunkelheit! Sie isoliert mehr, als sie verbindet: aber das Große isoliert immer, das Poetische isoliert, und das Genie ist immer einsam. Welche Möglichkeit aber für das Genie, in dieser Sprache fast über die Grenzen der Menschheit hinauszukommen!

Sein ernstes, oft einem leidenden Ausdruck nahes Gesicht belebte sich sehr, indem der sprach. Er war glücklich, so beredt und frei ein geistiges Phänomen zu bewundern und Sympathie zu äußern. Einzelnes, die Eigennamen natürlich, aber auch andere Wörter, sagte er auf deutsch, in einer sehr reinen, hauchenden, schwebenden Betonung; so dies Wort »weltlos«, das »Weltlose«. Eigentümlich kamen mir diese deutschen Wörter in seiner Rede entgegen: so zart, wie gespiegelt, etwas geisterhaft.

Alles aber auch um uns sah in diesem wunderbaren Licht aus wie gespiegelt. Die Häuser uns zu Füßen, die hohen gelbroten Mauern drüben in Rabat, Tiere und Menschen am Ufer des Flusses, alles war völlig entkörpert. Die schmale Wolke in der Gestalt eines Fisches glühte purpurviolett. Ein Starenzug flog von ihr aus gegen Osten hin, und dort ging das Türkisblau in ein zartes Grün über. Das Ferne schien sehr nahe – das Nahe ungreifbar vergeistigt. Alles bebte in sich, aber eine völlige Harmonie hielt alles in zauberhaftem Gleichgewicht, und die Offenbarung des Schönen schien eine ungeheure Bedeutung anzunehmen, die uns im nächsten Augenblick, fühlten wir, sich zu unverlierbarem Besitz enthüllen würde.








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