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Reimchronik des Pfaffen Maurizius

Moritz Hartmann: Reimchronik des Pfaffen Maurizius - Kapitel 1
Quellenangabe
typesatire
booktitleReimchronik des Pfaffen Maurizius
authorMoritz Hartmann
year1874
firstpub1849
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
addressStuttgart
titleReimchronik des Pfaffen Maurizius
pages220
created20101025
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Buch.

Caput I.
Die Wiener Märtyrer.

                    Nun heb' ich an, zu singen, zu sagen
Von Leid und Freud in diesen Tagen.
Nun heb' ich an, zu sagen, zu singen
Von Kaiser und König und andern Dingen,
Von Staatsaktionen und Revolutionen,
Vom Wechsel und Fall der Kronen und Thronen,
Von allerhöchsten Entbindungen,
Von allerneusten Erfindungen:
Von Belagerungszustand in Friedenszeiten,
Gespitzten Kugeln, die Liebe verbreiten,
Von niedergeschoßnen Zeitungsschreibern,
Von hohen Räubern und Völkertreibern, 2
Von Wrangulirten freien Städten
Und konstitutionellen Handbilletten,
Von Tagesordnungsvolksvertretern,
Von »edlen, kühnen« Volksverräthern,
Von privilegirten Kaisermachern
Und heimlichen Ins-Fäustchen-Lachern,
Von staatsmännischen Majoritäten,
Die in der Paulskirch lernen beten –
Und weiter so fort – auch kann es
An Schrecken à la Schinderhannes,
Cartouche und Carlo Moor nicht fehlen,
Ergötzend Schneidermädchenseelen;
Wir werden manchmal auch erzählen
Die ungeheuren Heldenthaten
Von Windischgrätz und den Kroaten.

Und daß der gute Leser weiß,
Wer ihm die Weltgeschichte reimt,
Dieweil man sie draußen zusammenleimt
Mit einem Kitt von Blut und Schweiß,
So sag' ich ihm: das Männlein ist
Ein armer, simpler Reimchronist,
Tragt jetzt eine Feder hinterm Ohr,
Nachdem er umsonst das Feuerrohr 3
Geladen, geleert und wieder geladen
Wider die Knechte von Gottes Gnaden
Auf ewig heiligen Barrikaden.
Sein Fenster geht auf einsame Dächer,
Die Aussicht in die armen Gemächer
Von blassen Mamsells, die nächtlich schneidern
Und andern traurigen Hungerleidern;
Trinkt viel Kaffee und heizt nur wenig
Und rief noch nie: Es lebe der König!
Nur höchstens alle Feiertag
Steigt er aus seinem Taubenschlag,
Zu hören, wie sich auf der Erden
Der König und das Volk geberden –
Bis jetzt hat er just nicht viel Gutes
Gehört, und niedergebeugten Muthes
Ist er zum Himmel zurückgestiegen,
Um zuzusehen, wie, versenkt in Sinnen,
Die Katzen wandeln auf Giebel und Rinnen,
Und Tauben über die Dächer fliegen.

Es ist der treue Reimchronist
Kein Jud, kein Christ, kein Antichrist,
Kein Kommunist, kein Sozialist,
Kein Deist und kein Atheist, 4
Kein Demokrat, kein Monarchist
Er läßt, wie gescheidte Leute thun,
Religion, System und Meinung ruhn
Und hofft, es so vor allen Dingen
Zu was Erklecklichem zu bringen,
Und bleibt für immer, was er ist,
Ein begeisterungsloser Reimchronist.

Nun aber, wie steht's im deutschen Land?
Das ist der Dinge einfacher Stand:
Die Fürsten oktroyiren und belagern
Im Jahre Ein tausend, achthundert und Gagern,
Der Gagern ist ein Cincinnat,
Weil er einmal geackert hat;
Auch heißt man ihn den Washington:
Den alten Zopf hat er davon,
Den Zopf, den ihm der Dahlmann gemacht
Und Mathy polizeilich bewacht,
Den Bassermann mit Liebe gebunden
Und Beckerath mit Blumen umwunden.
Der Gagern ist ein Staatsmann, ein weiser,
Er schwärmt für einen märkischen Kaiser,
Und um seinem lieben Wilhelm von Preußen
Die Krone Karls des Großen zu kaufen, 5
Läßt er mit Schätzen die Donau laufen
Ins Haus dem Kaiser aller Reußen,
Verkauft er neun Millionen Deutsche
Der slavischen Peitsche.

Verrath! o theures deutsches Land!
Ja, man verräth dich, theure Mutter,
Du Mutter der Hutten und der Luther,
Der Goethe, Schiller und der Börne –
Du Himmel voll erhabner Sterne,
Du wirst verschachert und feil geboten
Von deinen adligen Patrioten! –
Als Polen fiel, da fiel's durch Feindes Hand
Im Kampf für Laren und Penaten,
Im Glanze ewiger Heldenthaten –
Warf nicht ins eigne Haus den Brand
Und hat sich selber nicht gespalten,
Hat bis zum Tod empor gehalten
Sein blutroth flatterndes Panier –
Was thuen wir? –
Wir sind Verräther.
Wir weisen Brüder, treue, warme,
Die nach so langer Haft mit starkem Arme
Sich durchgekämpft zu uns – vom Haus der Väter! 6

Wir – wir zerreißen die Gewänder
Am Leib der Mutter, die sich zu uns flüchtet,
Sie preis zu geben ihrem Schänder –
O Heinrich, Heinrich, du bist gerichtet!
Ich sehe an der Paulskirch Wand
Geschrieben von der Geisterhand
Das Mene Tekel das blutig flammt
Und euch verdammt.

Was soll der Lärm, o Reimchronist?
Erzähle sacht, was weiter ist.
Wer sind des Edlen Hintersassen,
Die Deutschland gerne theilen lassen?
Dort sitzet starr auf seinem Sitz
Der kriegerische Mönch von Radowitz.
Aus sieht er wie der steinerne Gast,
Der niemals weint und niemals spaßt, –
Ein treuer Schüler von Loyola,
Trägt er 'ne unsichtbare Stola –
Den Katechismus, den verfaßt
Rothan in Rom, um weich zu kneten
Die Seelen ketzerischer Majestäten –
Den lehrt er seinen König beten.
Von ihm auch sagen die Soldaten: 7
Er ist ein großer Diplomat –
Und sagen drauf die Diplomaten:
Er ist ein trefflicher Soldat.
Er hat erfunden auch den Satz,
Den unerschöpften Weisheitsschatz:
Daß das Entscheidende im Krieg
Der Sieg! –
Von Vincke, dem ritterlichen Helden,
Weiß Alt und besonders »Jung« zu melden.
Auf ihn mit Fingern weisen, ach!
Die kleinsten Kinder in Eisenach.
Ja, als es galt, mit Windmühlflügeln
Im weißen Saale sich zu schlagen,
In jenen schönen Rechtsbodentagen –
Da saß er fest in seinen Ritterbügeln.
Doch als es galt auf jenem Grunde,
Wo Luther einstens Hasen jagte –
Das war eine böse, böse Stunde!
Man suchte und jagte nach Prätexten,
In Wappenbüchern nach adligen Texten –
Und die Pistole, sie versagte.
Schwerin, Boddien
Sind uralte, verwitterte Edelleute;
Doch weiß man heute: 8
Schwerin
Stammt nicht von Merlin,
Und Boddien
Nicht von Lohengrin.
Dann folgt, – o deutsches Volk, mach lange Ohren! –
Die lange Reih von Professoren,
Der Waitz, der Dahlmann, der Beseler,
Der Droysen, Stenzel und Andre mehr.
Die Reden des Professors Dahlmann
Findet edel, aber schaal man;
Der Doktor und Professor Waitz
Spricht gern ein Langes und ein Breits,
Wobei er nicht ein Augenlied erhebt.
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immer nur nach Schätzen gräbt
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
Doch anders ist's mit Beseler –
Viel weiser spricht als Bileams Esel er.
Der schön bebartete Droysen –
Den Freiheitskrieg hat er gepriesen,
Die Freiheit selbst scheint er nicht zu lieben,
Er wäre sonst daheim geblieben.
Der vielgelehrte Professor Stenzel,
Ein würd'ger Landsmann von Maulwurf Menzel. 9
Ich las einmal ein altes Buch,
Und drinnen stand der weise Spruch:
Wollt ihr die allerbesten Staaten
In wenig Monden ruiniren,
So lasset sie durch Advokaten
Und Professoren nur regieren.
Professor ist Dahlmann, ist ein Adept,
Er hat gefunden ein alt Rezept,
Mit dem man Kaiser machen kann.
Nun hat sich schon der arme Mann
Geplagt wie Fausti Famulus,
Zu fertigen den Homunkulus,
Und ist ihm aus vielen Fixen und Faxen,
»Aus langen Studien eine Arbeit erwachsen,«
Die Arbeit aber will nicht frommen,
Der Kaiser nicht aus dem Tiegel kommen.
Der gute Mann wollt' schier verzweifeln,
Er glaubte schon an Spuk von Teufeln;
Doch war die Hülfe nah bereits –
Sie kam mit Beseler und Waitz.

Ein Kessel steht auf der Bornheimer Heide draußen,
Darunter brennt ein Feuer helle –
Es schüren es drei Urpedelle 10
Mit Augen voll von Karzergrausen,
Sie nähren die Gluth mit Folianten,
Kollegienheften und Quartanten,
Mit dicken Büchern in Schweinsleder,
Mit Holz von einem alten Katheder.
Und ringsherum tanzen den schrecklichen Reigen
Mit Schweben und Beben und Neigen und Beugen
Die drei Professoren wie Macbeths Hexen, –
Die Hände sind voll von Tintenklexen –
Es fliegen im Winde wild die Haare,
Auflöst sich der Zopf, daß Gott bewahre,
Es fliegen die Fakultätstalare –
Man sähe fast die Beine, die bloßen,
Hätten sie nicht schweinslederne Unterhosen –
Und eine Wolke von weißem Staube
Bedeckt sie wie eine Nebelhaube.
Sie singen griechisch und ägyptisch
Und antediluvianisch-manuskriptisch,
In Sprachen voll von Urweltsschauern,
In Sprachen der Mammuths und Ichthyosauern.
Und hinterm Ohre trägt ein Jeder
Eine sehr berühmte Feder.
Sie tanzen um den Kessel und springen
Und singen: 11

Lodre, brodle,
Daß sich's modle,
Koche, poche,
Brause, zische,
Daß sich's mische,
Daß der werthen
Und gelehrten
Deutschen Erde
Ein Kaiser werde!
Werft zuerst einen alten Zopf
In den Eisentopf,
Einen Zopf mit seinen versteckten
Namenlosen Insekten,
Dann ein Häuflein von Pandekten.
Drauf in die Gluth
Werft eine Perrücke
Und eine Dosis Parteienwuth
Und Gelehrtentücke.
Als guten Kitt
Nehmt noch mit
Vergossenes Agitatorenblut.
Dann in die Jauche laßt noch sinken
Die Rede von einem äußerst Linken, 12
Das Herz von einem Demokraten
Und die Kugel eines lieben Kroaten.
Und eines Märtyrers Eisenfessel
Wird den Kessel
Wohl nicht zerbrechen –
Wir kitten ihn wieder
Deutsch, treu und bieder
Durch ein preußisches Versprechen.
Zwar ist zum Kaiser unendlich nöthig
Etwas Papstthum und Katholizismus,
Doch ist man in Potsdam gern erbötig
Mit allerneustem Pietismus.
Dann Waffenrock,
Sergeantenstock
Und Pickelhaube –
Sonst fehlt dem Breie
Ohne die Dreie
Die Lieb' und Treue
Und fehlt der Glaube.
Und zu des Werkes letzter Vollendung
Nehmt etwas noch vom Wiener Raube
Und eine Dosis Mord, Brand und Schändung.
O seht, wie sich die Stoffe zeigen
In allerklarster Bläsung – 13
Ach, bald wird aus der Reichsverwesung
Ein funkelneuer Kaiser steigen!

Es ist gethan – das Werk ist am End –
Es schleichen mit verhaltner Freude
Die Professoren von der Heide
Zurück ins deutsche Parlament.
Nur Gagern weiß um das Geheimniß
Und schreibt's nach Potsdam ohne Säumniß.

Indessen gratulirt zum neuen Jahre
Simson der Preuß' und Präsident –
Man nimmt es an als reine Waare
Und dankt dem ganzen Parlament. –
Von Einheit, Ruhm und Größe spricht der Reichsverweser.
O lieber, guter, deutscher Leser!
Lies alle seine Reden nach,
Ob er nur je das Wörtlein »Freiheit« sprach?
Es scheitert wie an einer Klippe,
Kommt es ihm je auf die bewußte Unterlippe.
Doch Heil ihm drum – er ist ein braver Mann,
Nicht heucheln kann der Erzherzog Johann.
Er gaukelt nicht, er schaukelt nicht 14
Mit schwarz und gelber Perfidie
Wie der mit dem »historischen Gesicht.«
Der sprach von Deutschlands Freiheit hie,
Und wie er trat vor seine Wähler,
Ruft er – und wird vor Scham nicht bleich –
»Nur Oestreich – immer Oesterreich« –
Des eigenen Verraths Erzähler!
So sei's! – in wenig Monden warfen
Die Andern auch ab ihre Larven. –
Und als es hatte gegratulirt,
Hat dann das Parlament die Bank
Von Homburg, Baden wegvotirt.
So übt man sich ein ein Spielerstück,
Um in den nächsten Tagen
Mit Uebung und mit Spielerglück
Neun Millionen Deutscher die Volte zu schlagen.
O Gott, das Parlament ist krank!
Wenn es demnächst vom Kaiser genesen,
Und nicht an der Entbindung stirbt
Oder sich den Magen verdirbt,
Sollt ihr davon ein Weiteres lesen.
Indessen kann der Reimchronist
In keinem andern Tone sprechen
Von unsrem deutschen Parlament; – 15
Bedenkt er, was es wirklich ist
Und was es sein und werden könnt',
Will ihm das Herz im Leibe brechen.
Der Demokrat und Monarchist
Zusammen beid' in Einem Topf –
Das ist das Parlament – so ist
Das wahre Symbol es vom deutschen Kopf.
Das ist der Zeiten schwere Noth,
Der Widerspruch, so schwer zu heben;
Daß wohl die Monarchie schon todt
Und daß noch die Monarchen leben!

Und das ist auch in

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