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Arthur Schnitzler: Reigen - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleReigen / Liebelei
authorArthur Schnitzler
year1999
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27009-X
titleReigen
pages23-102
created20010613
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Die Dirne und der Soldat

Spät abends. An der Augartenbrücke.

Soldat kommt pfeifend, will nach Hause.

Dirne Komm, mein schöner Engel.

Soldat wendet sich um und geht wieder weiter.

Dirne Willst du nicht mit mir kommen?

Soldat Ah, ich bin der schöne Engel?

Dirne Freilich, wer denn? Geh, komm zu mir. Ich wohn' gleich in der Näh'.

Soldat Ich hab' keine Zeit. Ich muß in die Kasern'!

Dirne In die Kasern' kommst immer noch zurecht. Bei mir is besser.

Soldat ihr nahe Das ist schon möglich.

Dirne Pst. Jeden Moment kann ein Wachmann kommen.

Soldat Lächerlich! Wachmann! Ich hab' auch mein Seiteng'wehr!

Dirne Geh, komm mit.

Soldat Laß mich in Ruh'. Geld hab' ich eh keins.

Dirne Ich brauch' kein Geld.

Soldat bleibt stehen. Sie sind bei einer Laterne Du brauchst kein Geld? Wer bist denn du nachher?

Dirne Zahlen tun mir die Zivilisten. So einer wie du kann's immer umsonst bei mir haben.

Soldat Du bist am End' die, von der mir der Huber erzählt hat. –

Dirne Ich kenn' kein' Huber nicht.

Soldat Du wirst schon die sein. Weißt – in dem Kaffeehaus in der Schiffgassen – von dort ist er mit dir z' Haus 'gangen.

Dirne Von dem Kaffeehaus bin ich schon mit gar vielen z' Haus 'gangen... oh! oh! –

Soldat Also gehn wir, gehn wir.

Dirne Was, jetzt hast's eilig?

Soldat Na, worauf soll'n wir noch warten? Und um zehn muß ich in der Kasern' sein.

Dirne Wie lang dienst denn schon?

Soldat Was geht denn das dich an? Wohnst weit?

Dirne Zehn Minuten zum gehn.

Soldat Das ist mir zu weit. Gib mir ein Pussel.

Dirne küßt ihn Das ist mir eh das liebste, wenn ich einen gern hab'!

Soldat Mir nicht. Nein, ich geh' nicht mit dir, es ist mir zu weit.

Dirne Weißt was, komm morgen am Nachmittag.

Soldat Gut is. Gib mir deine Adresse.

Dirne Aber du kommst am End' nicht.

Soldat Wenn ich dir's sag'!

Dirne Du, weißt was – wenn's dir zu weit ist heut abend zu mir – da... da... Weist auf die Donau.

Soldat Was ist das?

Dirne Da ist auch schön ruhig... Jetzt kommt kein Mensch.

Soldat Ah, das ist nicht das Rechte.

Dirne Bei mir is immer das Rechte. Geh, bleib jetzt bei mir. Wer weiß, ob wir morgen noch 's Leben haben.

Soldat So komm – aber g'schwind!

Dirne Gib Obacht, da ist so dunkel. Wennst ausrutschst, liegst in der Donau.

Soldat Wär' eh das beste.

Dirne Pst, so wart nur ein bissel. Gleich kommen wir zu einer Bank.

Soldat Kennst dich da gut aus.

Dirne So einen wie dich möcht' ich zum Geliebten.

Soldat Ich tät' dir zu viel eifern.

Dirne Das möcht' ich dir schon abgewöhnen.

Soldat Ha –

Dirne Nicht so laut. Manchmal is doch, daß sich ein Wachter her verirrt. Sollt man glauben, daß wir da mitten in der Wienerstadt sind?

Soldat Daher komm, daher.

Dirne Aber was fällt dir denn ein, wenn wir da ausrutschen, liegen wir im Wasser unten.

Soldat hat sie gepackt Ah, du –

Dirne Halt dich nur fest an.

Soldat Hab kein' Angst...

Dirne Auf der Bank wär's schon besser gewesen.

Soldat Da oder da... Na, krall aufi.

Dirne Was laufst denn so –

Soldat Ich muß in die Kasern', ich komm' eh schon zu spät.

Dirne Geh, du, wie heißt denn?

Soldat Was interessiert dich denn das, wie ich heiß'?

Dirne Ich heiß' Leocadia.

Soldat Ha! – So an' Namen hab' ich auch noch nie gehört.

Dirne Du!

Soldat Na, was willst denn?

Dirne Geh, ein Sechserl für'n Hausmeister gib mir wenigstens! –

Soldat Ha!... Glaubst, ich bin deine Wurzen... Servus! Leocadia...

Dirne Strizzi! Fallott! –

Er ist verschwunden.

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