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Arthur Schnitzler: Reigen - Kapitel 10
Quellenangabe
typedrama
booktitleReigen / Liebelei
authorArthur Schnitzler
year1999
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-27009-X
titleReigen
pages23-102
created20010613
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Die Schauspielerin und der Graf

Das Schlafzimmer der Schauspielerin. Sehr üppig eingerichtet. Es ist zwölf Uhr mittags; die Rouleaux sind noch heruntergelassen; auf dem Nachtkästchen brennt eine Kerze, die Schauspielerin liegt noch in ihrem Himmelbett. Auf der Decke liegen zahlreiche Zeitungen.

Der Graf tritt ein in der Uniform eines Dragonerrittmeisters. Er bleibt an der Tür stehen. –

Schauspielerin Ah, Herr Graf.

Graf Die Frau Mama hat mir erlaubt, sonst wär' ich nicht –

Schauspielerin Bitte, treten Sie nur näher.

Graf Küss' die Hand. Pardon – wenn man von der Straßen hereinkommt... ich seh' nämlich noch rein gar nichts. So... da wären wir ja Am Bett. Küss' die Hand.

Schauspielerin Nehmen Sie Platz, Herr Graf

Graf Frau Mama sagte mir, Fräulein sind unpäßlich... Wird doch hoffentlich nichts Ernstes sein.

Schauspielerin Nichts Ernstes? Ich bin dem Tode nahe gewesen!

Graf – Um Gottes willen, wie ist denn das möglich?

Schauspielerin Es ist jedenfalls sehr freundlich, daß Sie sich zu mir bemühen.

Graf Dem Tode nahe! Und gestern abend haben Sie noch gespielt wie eine Göttin.

Schauspielerin Es war wohl ein großer Triumph.

Graf Kolossal!... Die Leute waren auch alle hingerissen. Und von mir will ich gar nicht reden.

Schauspielerin Ich danke für die schönen Blumen.

Graf Aber bitt' Sie, Fräulein.

Schauspielerin mit den Augen auf einen großen Blumenkorb weisend, der auf einem kleinen Tischchen am Fenster steht Hier stehen sie.

Graf Sie sind gestern förmlich überschüttet worden mit Blumen und Kränzen.

Schauspielerin Das liegt noch alles in meiner Garderobe. Nur Ihren Korb habe ich mit nach Hause gebracht.

Graf küßt ihr die Hand Das ist lieb von Ihnen.

Schauspielerin nimmt die seine plötzlich und küßt sie.

Graf Aber Fräulein.

Schauspielerin Erschrecken Sie nicht, Herr Graf, das verpflichtet Sie zu gar nichts.

Graf Sie sind ein sonderbares Wesen... rätselhaft könnte man fast sagen. – Pause.

Schauspielerin Das Fräulein Birken ist wohl leichter aufzulösen.

Graf Ja, die kleine Birken ist kein Problem, obzwar... ich kenne sie ja auch nur oberflächlich.

Schauspielerin Ha!

Graf Sie können mir's glauben. Aber Sie sind ein Problem. Danach hab' ich immer Sehnsucht gehabt. Es ist mir eigentlich ein großer Genuß entgangen, dadurch, daß ich Sie gestern... das erste Mal spielen gesehen habe.

Schauspielerin Ist das möglich?

Graf Ja. Schauen Sie, Fräulein, es ist so schwer mit dem Theater. Ich bin gewöhnt, spät zu dinieren... also wenn man dann hinkommt, ist's Beste vorbei. Ist's nicht wahr?

Schauspielerin So werden Sie eben von jetzt an früher essen.

Graf Ja, ich hab' auch schon daran gedacht. Oder gar nicht. Es ist ja wirklich kein Vergnügen, das Dinieren.

Schauspielerin Was kennen Sie jugendlicher Greis eigentlich noch für ein Vergnügen?

Graf Das frag' ich mich selber manchmal! Aber ein Greis bin ich nicht. Es muß einen anderen Grund haben.

Schauspielerin Glauben Sie?

Graf Ja. Der Lulu sagt beispielsweise, ich bin ein Philosoph. Wissen Sie, Fräulein, er meint, ich denk' zu viel nach.

Schauspielerin Ja... denken, das ist das Unglück.

Graf Ich hab' zuviel Zeit, drum denk' ich nach. Bitt' Sie, Fräulein, schauen S', ich hab' mir gedacht, wenn s' mich nach Wien transferieren, wird's besser. Da gibt's Zerstreuung, Anregung. Aber es ist im Grund doch nicht anders als da oben.

Schauspielerin Wo ist denn das da oben?

Graf Na, da unten, wissen S', Fräulein, in Ungarn, in die Nester, wo ich meistens in Garnison war.

Schauspielerin Ja, was haben Sie denn in Ungarn gemacht?

Graf Na, wie ich sag', Fräulein, Dienst.

Schauspielerin Ja, warum sind Sie denn so lang in Ungarn geblieben?

Graf Ja, das kommt so.

Schauspielerin Da muß man ja wahnsinnig werden.

Graf Warum denn? Zu tun hat man eigentlich mehr wie da. Wissen S', Fräulein, Rekruten ausbilden, Remonten reiten... und dann ist's nicht so arg mit der Gegend, wie man sagt. Es ist schon ganz was Schönes, die Tiefebene – und so ein Sonnenuntergang, es ist schade, daß ich kein Maler bin, ich hab' mir manchmal gedacht, wenn ich ein Maler wär', tät' ich's malen. Einen haben wir gehabt beim Regiment, einen jungen Splany, der hat's können. – Aber was erzähl' ich Ihnen da für fade G'schichten, Fräulein.

Schauspielerin O bitte, ich amüsiere mich königlich.

Graf – Wissen S', Fräulein, mit Ihnen kann man plaudern, das hat mir der Lulu schon g'sagt, und das ist's, was man selten find't.

Schauspielerin Nun freilich, in Ungarn.

Graf Aber in Wien grad so! Die Menschen sind überall dieselben; da wo mehr sind, ist halt das Gedräng' größer, das ist der ganze Unterschied. Sagen S', Fräulein, haben Sie die Menschen eigentlich gern?

Schauspielerin Gern – ?? Ich hasse sie! Ich kann keine sehn! Ich seh' auch nie jemanden. Ich bin immer allein, dieses Haus betritt niemand.

Graf Sehn S', das hab' ich mir gedacht, daß Sie eigentlich eine Menschenfeindin sind. Bei der Kunst muß das oft vorkommen. Wenn man so in den höheren Regionen... na, Sie haben 's gut, Sie wissen doch wenigstens, warum Sie leben!

Schauspielerin Wer sagt Ihnen das? Ich habe keine Ahnung, wozu ich lebe!

Graf Ich bitt' Sie, Fräulein – berühmt – gefeiert –

Schauspielerin Ist das vielleicht ein Glück?

Graf Glück? Bitt' Sie, Fräulein, Glück gibt's nicht. Überhaupt gerade die Sachen, von denen am meisten g'red't wird, gibt's nicht... z. B. Liebe. Das ist auch so was.

Schauspielerin Da haben Sie wohl recht.

Graf Genuß... Rausch... also gut, da läßt sich nichts sagen... das ist was Sicheres. Jetzt genieße ich... gut, weiß ich, ich genieß'. Oder ich bin berauscht, schön. Das ist auch sicher, Und ist's vorbei, so ist es halt vorbei.

Schauspielerin groß Es ist vorbei!

Graf Aber sobald man sich nicht, wie soll ich mich denn ausdrücken, sobald man sich nicht dem Moment hingibt, also an später denkt oder an früher... na, ist es doch gleich aus. Später... ist traurig... früher ist ungewiß... mit einem Wort... man wird nur konfus. Hab' ich nicht recht?

Schauspielerin nickt mit großen Augen Sie haben wohl den Sinn erfaßt.

Graf Und sehen S', Fräulein, wenn einem das einmal klar geworden ist, ist's ganz egal, ob man in Wien lebt oder in der Pußta oder in Steinamanger. Schaun S' zum Beispiel... wo darf ich denn die Kappen hinlegen? So, ich dank' schön.., wovon haben wir denn nur gesprochen?

Schauspielerin Von Steinamanger.

Graf Richtig. Also wie ich sag', der Unterschied ist nicht groß. Ob ich am Abend im Kasino sitz' oder im Klub, ist doch alles eins.

Schauspielerin Und wie verhält sich denn das mit der Liebe?

Graf Wenn man dran glaubt, ist immer eine da, die einen gern hat.

Schauspielerin Zum Beispiel das Fräulein Birken.

Graf Ich weiß wirklich nicht, Fräulein, warum Sie immer auf die kleine Birken zu reden kommen.

Schauspielerin Das ist doch Ihre Geliebte.

Graf Wer sagt denn das?

Schauspielerin Jeder Mensch weiß das.

Graf Nur ich nicht, es ist merkwürdig.

Schauspielerin Sie haben doch ihretwegen ein Duell gehabt!

Graf – Vielleicht bin ich sogar totgeschossen worden und hab's gar nicht bemerkt.

Schauspielerin Nun, Herr Graf, Sie sind ein Ehrenmann. Setzen Sie sich näher.

Graf Bin so frei.

Schauspielerin Hierher. Sie zieht ihn an sich, fährt ihm mit der Hand durch die Haare Ich hab' gewußt, daß Sie heute kommen werden!

Graf Wieso denn?

Schauspielerin Ich hab' es bereits gestern im Theater gewußt.

Graf Haben Sie mich denn von der Bühne aus gesehen?

Schauspielerin Aber Mann! Haben Sie denn nicht bemerkt, daß ich nur für Sie spiele?

Graf Wie ist das denn möglich?

Schauspielerin Ich bin ja so geflogen, wie ich Sie in der ersten Reihe sitzen sah!

Graf Geflogen? Meinetwegen? Ich hab' keine Ahnung gehabt, daß Sie mich bemerken!

Schauspielerin Sie können einen auch mit Ihrer Vornehmheit zur Verzweiflung bringen.

Graf Ja, Fräulein...

Schauspielerin »Ja, Fräulein«!... So schnallen Sie doch wenigstens Ihren Säbel ab!

Graf Wenn es erlaubt ist. Schnallt ihn ab, lehnt ihn ans Bett.

Schauspielerin Und gib mir endlich einen Kuß.

Graf küßt sie, sie läßt ihn nicht los.

Schauspielerin Dich hätte ich auch lieber nie erblicken sollen.

Graf Es ist doch besser so –

Schauspielerin Herr Graf, Sie sind ein Poseur!

Graf Ich – warum denn?

Schauspielerin Was glauben Sie, wie glücklich wär' mancher, wenn er an Ihrer Stelle sein dürfte!

Graf Ich bin sehr glücklich.

Schauspielerin Nun, ich dachte, es gibt kein Glück. Wie schaust du mich denn an? Ich glaube, Sie haben Angst vor mir, Herr Graf!

Graf Ich sag's ja, Fräulein, Sie sind ein Problem.

Schauspielerin Ach, laß du mich in Frieden mit der Philosophie... komm zu mir. Und jetzt bitt' mich um irgendwas... du kannst alles haben, was du willst. Du bist zu schön.

Graf Also, ich bitte um die Erlaubnis, Ihre Hand küssend daß ich heute abends wiederkommen darf.

Schauspielerin Heut abend... ich spiele ja.

Graf Nach dem Theater.

Schauspielerin Um was anderes bittest du nicht?

Graf Um alles andere werde ich nach dem Theater bitten.

Schauspielerin verletzt Da kannst du lange bitten, du elender Poseur.

Graf Ja, schauen Sie, oder schau, wir sind doch bis jetzt so aufrichtig miteinander gewesen... Ich fände das alles viel schöner am Abend nach dem Theater... gemütlicher als jetzt, wo... ich hab' immer so die Empfindung, als könnte die Tür aufgehn...

Schauspielerin Die geht nicht von außen auf.

Graf Schau, ich find', man soll sich nicht leichtsinnig von vornherein was verderben, was möglicherweise sehr schön sein könnte.

Schauspielerin Möglicherweise!...

Graf In der Früh, wenn ich die Wahrheit sagen soll, find' ich die Liebe gräßlich.

Schauspielerin Nun – du bist wohl das Irrsinnigste, was mir je vorgekommen ist!

Graf Ich red' ja nicht von beliebigen Frauenzimmern... schließlich im allgemeinen ist's ja egal. Aber Frauen wie du... nein, du kannst mich hundertmal einen Narren heißen. Aber Frauen wie du... nimmt man nicht vor dem Frühstück zu sich. Und so... weißt... so...

Schauspielerin Gott, was bist du süß!

Graf Siehst du das ein, was ich g'sagt hab', nicht wahr. Ich stell' mir das so vor –

Schauspielerin Nun, wie stellst du dir das vor?

Graf Ich denk' mir... ich wart' nach dem Theater auf dich in ein' Wagen, dann fahren wir zusammen also irgendwohin soupieren –

Schauspielerin Ich bin nicht das Fräulein Birken.

Graf Das hab' ich ja nicht gesagt. Ich find' nur, zu allem g'hört Stimmung. Ich komm' immer erst beim Souper in Stimmung. Das ist dann das Schönste, wenn man so vom Souper zusamm' nach Haus fahrt, dann...

Schauspielerin Was ist dann?

Graf Also dann... liegt das in der Entwicklung der Dinge.

Schauspielerin Setz dich doch näher. Näher.

Graf sich aufs Bett setzend Ich muß schon sagen, aus den Polstern kommt so ein... Reseda ist das – nicht?

Schauspielerin Es ist sehr heiß hier, findest du nicht?

Graf neigt sich und küßt ihren Hals.

Schauspielerin Oh, Herr Graf, das ist ja gegen Ihr Programm.

Graf Wer sagt denn das? Ich hab' kein Programm.

Schauspielerin zieht ihn an sich.

Graf Es ist wirklich heiß.

Schauspielerin Findest du? Und so dunkel, wie wenn's Abend wär'... Reißt ihn an sich Es ist Abend... es ist Nacht... Mach die Augen zu, wenn's dir zu licht ist. Komm!... Komm!...

Graf wehrt sich nicht mehr.

Schauspielerin Nun, wie ist das jetzt mit der Stimmung, du Poseur?

Graf Du bist ein kleiner Teufel.

Schauspielerin Was ist das für ein Ausdruck?

Graf Na, also ein Engel.

Schauspielerin Und du hättest Schauspieler werden sollen! Wahrhaftig! Du kennst die Frauen! Und weißt du, was ich jetzt tun werde?

Graf Nun?

Schauspielerin Ich werde dir sagen, daß ich dich nie wiedersehen will.

Graf Warum denn?

Schauspielerin Nein, nein. Du bist mir zu gefährlich! Du machst ja ein Weib toll. Jetzt stehst du plötzlich vor mir, als wär' nichts geschehn.

Graf Aber...

Schauspielerin Ich bitte sich zu erinnern, Herr Graf, ich bin soeben Ihre Geliebte gewesen.

Graf Ich werd's nie vergessen!

Schauspielerin Und wie ist das mit heute abend?

Graf Wie meinst du das?

Schauspielerin Nun – du wolltest mich ja nach dem Theater erwarten?

Graf Ja, also gut, zum Beispiel übermorgen.

Schauspielerin Was heißt das, übermorgen? Es war doch von heute die Rede.

Graf Das hätte keinen rechten Sinn.

Schauspielerin Du Greis!

Graf Du verstehst mich nicht recht. Ich mein' das mehr, was, wie soll ich mich ausdrücken, was die Seele anbelangt.

Schauspielerin Was geht mich deine Seele an?

Graf Glaub mir, sie gehört mit dazu. Ich halte das für eine falsche Ansicht, daß man das so voneinander trennen kann.

Schauspielerin Laß mich mit deiner Philosophie in Frieden. Wenn ich das haben will, lese ich Bücher.

Graf Aus Büchern lernt man ja doch nie.

Schauspielerin Das ist wohl wahr! Drum sollst du mich heut abend erwarten. Wegen der Seele werden wir uns schon einigen, du Schurke!

Graf Also wenn du erlaubst, so werde ich mit meinem Wagen...

Schauspielerin Hier in meiner Wohnung wirst du mich erwarten –

Graf ... Nach dem Theater.

Schauspielerin Natürlich.

Er schnallt den Säbel um.

Schauspielerin Was machst du denn da?

Graf Ich denke, es ist Zeit, daß ich geh'. Für einen Anstandsbesuch bin ich doch eigentlich schon ein bissel lang geblieben.

Schauspielerin Nun, heut abend soll es kein Anstandsbesuch werden.

Graf Glaubst du?

Schauspielerin Dafür laß nur mich sorgen. Und jetzt gib mir noch einen Kuß, mein kleiner Philosoph. So, du Verführer, du... süßes Kind, du Seelenverkäufer, du Iltis... du... Nachdem sie ihn ein paarmal heftig geküßt, stößt sie ihn heftig von sich Herr Graf, es war mir eine große Ehre!

Graf Ich küss' die Hand, Fräulein! Bei der Tür Auf Wiederschaun.

Schauspielerin Adieu, Steinamanger!

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