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Arthur Schnitzler: Reichtum - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSterben
authorArthur Schnitzler
year2000
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-29401-0
titleReichtum
pages66-102
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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Arthur Schnitzler

Reichtum


I

Frühmorgens, in den Schlummer herein, hörte Weldein die Stimme seiner Frau. Sie stand, zum Fortgehen angekleidet, neben seinem Bette und sagte: »Guten Morgen, Karl, ich muß in die Arbeit.« Sie nähte außer dem Hause. Weldein zog die Decke bis über das Kinn, er erinnerte sich dunkel, daß er sich angekleidet ins Bett geworfen hatte. »Guten Morgen«, erwiderte er. Sie sah ihn an, mitleidig, resigniert. »Der Kleine ist schon in der Schule... und was machst denn du?«

»Hab' heut keine Arbeit. Laß mich schlafen.«

Sie ging. Alles das war ihr nichts Neues. Bei der Türe wandte sie sich um. »Vergiß nicht, heute ist der Zins zu zahlen. Das Geld liegt abgezählt in der Lade.« Und sie sah wieder ihren Mann an, schien sich eines andern zu besinnen. Sie schritt zu dem Wäschekasten, öffnete die Lade und nahm Geld heraus... »Ich will es lieber selber zahlen.«

»Gut, zahl es selber«, lachte er.

Sie ging mit einem letzten traurigen Blicke. Und Karl Weldein lag da, allein, halb wachend, mit offenen Augen. Das Zimmer sah ärmlich, aber wohlgehalten aus. Durch die zwei blanken Fenster blitzten die Morgenstrahlen der Frühlingssonne. Die Wanduhr schlug in einförmigem Tick-Tack...

Plötzlich sprang Weldein aus dem Bette. Er stand da in Frack und mit weißer Krawatte; das Hemd zerknittert, die Schuhe bestaubt, die kurzgeschnittenen Haare wirr, die Augen rotgerändert. Er trat zu dem einfachen Wandspiegel, der über der Kommode hing. Er betrachtete sich und lächelte. »Guten Morgen, Herr Weldein«, sagte er, »guten Morgen.« Dann tänzelte er im Zimmer umher und begann ein Lied zu pfeifen. Dann setzte er sich auf den Bettrand, schlug die Beine übereinander und dachte nach... Er mußte sich allmählich besinnen. Daß es kein Traum gewesen, das stand nun fest; wie wäre er sonst in diesem Anzug ins Bett gekommen? Es war also Leben und Wahrheit.

Und er sah sich wieder in jenem Wirtshaus, wo das Abenteuer begonnen hatte. Er sah sich mit jenen ärmlich gekleideten Leuten an einem Tische sitzen und Karten spielen, wie er es so oft getan. Er empfand sogar wieder den Geruch der qualmenden Lampe, die wie immer auf dem Tische stand, und die rundliche Gestalt des Wirtes erschien vor ihm, die in der Türe gelehnt war, als jene Fremden hereintreten. – Gestern abend war es geschehen... ! War es denn möglich?

– Er hatte sein Geld verloren, alles, alles! Und die Fremden, die an dem Spiel ein heiteres und neugieriges Gefallen fanden, hatten ihm Geld gegeben, damit er weiterspielen könnte, und nun begann das Glück, das unerhörte, rätselhafte Glück.

... Weldein erhob sich vom Bettrande und begann im Zimmer hin und her zu gehen. Seine Augen glühten, wie er nun sein Erlebnis in Gedanken ein zweites Mal durchlebte... Er sah sich mit den beiden Fremden die dumpfe Wirtsstube verlassen, er hatte dort nichts mehr zu suchen; die anderen Spieler, denen er all ihr Geld abgewonnen, waren verdrossen aufgestanden.

Und wie er nun in der engen Vorstadtgasse stand und die beiden Fremden näher betrachtete, die ihm erschienen waren wie die guten Geister im Märchen!... Er mußte ihnen erzählen, wem sie eigentlich geholfen hatten. Ach ja, wem! Einem armen Anstreicher, der einmal Maler hatte werden sollen und dem alles fehlgeschlagen war, was er begonnen... aber wahrhaftig auch alles! Nun hatte er für Weib und Kind zu sorgen, brachte sich auch mühselig und redlich durch die Welt. Nur zuweilen kam es wie ein böses Verhängnis über ihn; das war in jenen Wochen, in denen er spielen und trinken mußte, ja, mußte! ob er wollte oder nicht. Und auch im Spiel immer das alte Unglück! Heute wieder, wie jedesmal!

Wer aber waren die Fremden? Er hatte sie einfach darum gefragt, und sie nannten sich vor ihm: der eine Graf Spaun, der andere Freiherr von Reutern, was ihm weiter nicht sonderbar vorkam; denn daß es junge Leute von Adel waren, das hatte er ihnen auf den ersten Blick angesehen.

... Und jetzt, während sie durch die abendlich stillen Gassen der Vorstadt schritten, entschied sich Weldeins Los! – Denn die beiden Männer an seiner Seite waren erfindungsreich, lustig und kühn. Wäre ihnen sonst ein so seltsamer Plan durch den Kopf geflogen? Hätten sie sonst den Streich ausgedacht, den sie mit ihm vollführten?

Und nun zogen, der Reihe nach, die seltsamen Bilder der heutigen Nacht vor ihm vorüber. Er erblickte sich im Laden des Friseurs, wo sein wirres Haupt- und Barthaar sorglich hergerichtet wurde; er sah sich in dem Ankleidezimmer des Grafen, wo man ihn mit dem eleganten Gesellschaftsanzug versah, den er jetzt noch am Leibe trug. Und dann – dann sah er sich mitten unter all jenen reichen und vornehmen Herren am grünen Tische sitzen, in dem großen, prächtigen Spielsaal des Klubs mit den vielen glänzenden Spiegeln, und er erinnerte sich, wie er, der Verabredung getreu, einen schweigsamen Amerikaner vorstellen mußte, den der Zufall der Reisen einmal auch hierher gebracht, die alten Freunde aufzusuchen, die er kennengelernt... wo nur?... in Moskau... oder Paris. Die zwei Herren, die ihn heraufgebracht, hatten wohl nicht gedacht, wie ihr Karnevalsscherz enden würde... Mit brennender Deutlichkeit sah Weldein alles wieder vor sich; ihm war, als fühlte er die glatten Karten in seiner Hand; er erblickte die Goldstücke, die Banknoten, die sich vor ihm häuften; er erinnerte sich, wie auf dem Stuhl neben ihm ein eisgefüllter Kübel mit einer Flasche Champagner stand, und wie er Glas auf Glas von dem berauschenden Getränke hinunterstürzte. Auch des eigentümlichen Ausdruckes in den Gesichtern der anderen Spieler entsann er sich völlig genau: wie sie zuerst erstaunt waren über sein nie versagendes Glück, und wie dann das Erstaunen in Bestürzung überging, als er mit jeder Karte gewann... und endlich aufstand, leuchtenden Auges, aber wortlos starr ob seines Abenteuers – ein reicher Mann!

Und nun hatte der Graf ihn über die breite mit Teppichen bedeckte Treppe hinabgeleitet, ohne ein Wort mit ihm zu sprechen. Sie standen unten beim offenen Tore. Die Straße vor ihnen war menschenleer. Die Laternen brannten hell, eine wunderbar milde Luft wehte durch die Nacht. »Gehen Sie... Herr Weldein... gehen Sie nach Hause...« sagte der Graf. Und Weldein stand auf der Straße, allein – mit einem Vermögen in der Tasche. Er wandte sich um, sein hochgeborener Freund verschwand eben im Stiegenhause, ohne sich noch einmal umzusehen... Die Flammen in den Straßenlaternen tanzten, und Weldein schwankte davon...

Und wie er nun überdenken wollte, was in dieser Nacht weiter mit ihm geschehen, stauten sich seine Gedanken. Er besann sich kaum, wie er nach Hause gekommen. Aber alles hatte er erlebt, wahrhaftig erlebt, und er war reich, daran gab es keinen Zweifel mehr... Und während er im Zimmer auf und ab ging, murmelte er vor sich hin:

»Was nun? – Die heutige Nacht bleibt mein Geheimnis... denn diese Nacht ist nur der Anfang eines neuen Lebens... In einigen Tagen verschwind' ich aus der Stadt, jawohl, ich verschwinde aus der Stadt... Meine Frau mag ohne Sorge sein, ich werde ihr schreiben, wohin sie mir nachzukommen habe. Nach dem Süden – – nach Monte Carlo... wo ich nicht der Anstreicher Weldein bin, wo mich niemand kennt!...« Er versank in Sinnen.

»Gut, sehr gut...« Er warf den Frack ab, tat ihn samt dem übrigen Zubehör seiner eleganten Person von gestern in ein Bündel. Bald stand er im Arbeitsgewande vor dem Spiegel. Er lachte wieder... »Guten Morgen, Herr Weldein«, rief er laut, jubelnd beinahe. Er trat zum Fenster, schaute auf die Straße. Ein sonniger Frühlingstag! Er öffnete beide Flügel. Lind wehte der Morgen um seine Stirn. Er tat einen tiefen Atemzug, mit einem stolzen erobernden Blicke schaute er in die Höhe... Drüben im Nachbarhause war alles wie sonst; bei einigen Fenstern noch die Vorhänge herabgelassen; bei anderen sah man Frauen im Morgenkleid putzen und abstauben, dann wieder ganz im Hintergrunde der Zimmer verschwinden. Unten bei der geöffneten Ladentür hämmerte der Schuster... Alle waren fleißig, waren bei der Arbeit.

Karl Weldein trat vom Fenster zurück, zündete sich eine Zigarre an und legte sich der Länge nach aufs Bett. Er war reich, er war glücklich. Er ruhte vielleicht eine Stunde lang, die Zigarre lag neben dem Bette ausgebrannt auf dem Boden, als er erwachte. Mit einem dumpfen Gefühl im Kopfe erhob er sich... Es war ihm etwas Wichtiges eingefallen. Wo war sein Geld? – Er hatte irgend etwas damit getan. Aber was? Ach ja, freilich... wie er von jenem Tore aus durch die Straßen taumelte, da war es ihm ja plötzlich durch den Sinn gefahren, daß er das Geld nicht mit sich nach Hause nehmen konnte... es war zuviel!... Da war ihm nun der tolle Gedanke gekommen, seinen Reichtum zu verstecken...

In der Nacht war es ihm so ganz natürlich erschienen – in jenen Augenblicken, da ihm der Kopf von dem glühenden Weine wirbelte und heiß war –, daß er das Geld vor der Frau, vor den Nachbarn, vor allen Menschen überhaupt verstecken müßte!... Er hatte eine seltsame Empfindung von Angst, beinahe von Schuld gehabt, als er in der Nacht durch die Straßen schwankte, die ihm jetzt fast sonderbarer vorkam als sein ganzes Abenteuer...

... Aber was tat er weiter? – Am Ende hätte auch wahrhaftig seine Frau das Geld vorzeitig gefunden... und da... hätte es dann im Kasten liegen und einrosten können... Nun, es war jetzt geschehen... er hatte seinen Reichtum versteckt – und er hatte einfach nichts anderes zu tun, als ihn wieder zu holen. Freilich nicht jetzt... erst in der Nacht. In der Nacht mußte er hingehen... hingehen... hingehen... Er griff sich an die Stirn... Wohin gehen?... Nun ja... von dem Gebäude des Klubs aus durch jene lange Straße... und dann... ja, wohin dann... ja, links... und dann... Ja, wohin? Wohin war er gegangen?... Links... links... links... Und Weldein suchte in seinem Gedächtnisse. Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Er stampfte auf den Boden. Er murmelte... Wohin... Er schrie... Wohin? Er ging mit gesenktem Haupte im Zimmer hin und her, im Kreise. Er fing an, in singendem Tone vor sich hinzusagen: Wohin... wohin... wohin?

Nun stand er wieder beim offenen Fenster. Wagen rasselten vorbei. Er schlug die Flügel wieder zu. – Wagenrasseln. Das hatte er auch heute nacht gehört, kurz vorher... »Nun, nur Ruhe«, sagte er sich. »Also... die Wagen rasselten in der Straße... gut... und dann ging ich links.« Er stand still da, die Stirn am Fensterkreuz, und grübelte. Er erinnerte sich genau an die dunkle lange Straße... dann kam eine Kreuzung – er war zur linken Hand weitergegangen – und von da an... wohin?...

Er stand da, minutenlang, totenblaß, den Schweiß auf der Stirn. Es war, um toll zu werden! Er nahm seinen Hut, der auf dem Tische lag und setzte ihn auf. Er stürzte die Tür hinaus, die Treppe hinunter und fort, fort – dorthin!

II

Da lag sie vor ihm, die lange, lange Straße im hellen Sonnenschein des Morgens, und er eilte den Häusern entlang weiter. Da kam die Kreuzung, endlich – und da... da war er links gegangen, wieder durch eine schöne, aber viel weitere Straße! Er kannte sie natürlich, aber er erinnerte sich nicht, nachts hier gewesen zu sein. Nun freilich, es war ja ganz dunkel gewesen. Und nun entsann er sich eines wichtigen Moments... er hatte sich gebückt. Er wußte es ganz deutlich... aber wann hatte er sich gebückt? Wie weit war er gegangen? Minutenlang? Eine Stunde lang?... Ruhe, Ruhe, sagte er sich wieder, indem er stehenblieb. Er stand da und ließ das Leben der Stadt um sich fluten... Sommerlich angetan spazierten sie daher, jung und alt, alle freuten sich des neuen schönen Tages. Niemand kümmerte sich um ihn... Er versuchte zu pfeifen, irgendein Ding, das ihm just über die Lippen kam. Er konnte nicht, die Kehle war ihm zugeschnürt. »Warum bist du so aufgeregt« – sagte er sich dann... »du bist links gegangen – eine gute Weile... und hast dich dann gebückt. Also unten, irgendwo unten muß es liegen... das ist ja schon sehr viel... so viel zu wissen... denn gestern um die Zeit warst du noch ein armer Schlucker... Aber... wozu bückt man sich... Um etwas zu vergraben... Ich habe es also vergraben... oh... ich weiß ja noch mehr... es rauschte durch die Bäume... In einem Garten also hab' ich's vergraben... Nein es war kein Garten... es hallte wider... es war ein Brunnen... ja, ein Brunnen, und darum rauschte es... und ich stieg hinunter, und darum hallte es wider.« Er ging immer dieselbe Straße auf und ab und sagte wohl hundert Mal' vor sich her... »Es rauschte... und es hallte wider...« Nach einer Weile hielt er inne... »Und wenn es ein Brunnen war... wo... wo? – Aber nein, es ist zum Lachen, es war kein Brunnen... gewiß nicht! Und wie gut, daß es kein Brunnen war, denn ich könnte ihn doch nicht finden, das ist gut...« Er lachte. – Die Zähne klapperten ihm, er glaubte toll zu werden. Dann fing er wieder an: »Es rauschte und hallte wider...« Er stand vor einer Branntweinschänke... Er ging hinein und ließ sich ein Gläschen füllen... Durch die Fenster sah er wieder auf die Straße, wo die Menschen teilnahmslos und fröhlich vorüberzogen... Er trank und trank... »Nun muß es mir ja einfallen... denn im Rausch sieht der Mensch klarer... Gewiß... heute nacht fand ich den Weg ja im Dunkeln... nur weil ich betrunken war... ich werde ihn jetzt wiederfinden.« Als er hinaustrat, schwankte er ein wenig, aber sein Herz war leichter... »Nun bin ich ja lustig«, murmelte er... »Lala, tralala... lustig... Und warum bin ich lustig?... Weil ich fühle, wie mir die Erinnerung zurückkommt... Links... Ja links! Da bin ich... und ich ging irgendwohin, wo es rauschte und widerhallte... Nur lustig... Du wirst schon finden, Weldein!«

Er war an das Ende der Straße gelangt und befand sich am Eingang eines großen Parkes; ein leichter Wind zog durch die Blätter...

»Siehst du, Weldein... es rauscht schon...« Er taumelte vorwärts... über einen breiten Kiesweg, zu dessen Seiten hohe Bäume im Blätterschmuck prangten. Auf den grünen Bänken saßen Kindsmägde und junge Mütter; alte Herren, Studenten schritten vorbei; Kinder spielen mit Reifen und Steinen. Weldein nahm einen Seitenweg; er kam bald auf einen freien Wiesenplan, auf den die Sonne glühte... Der Rasen war nicht eingezäunt; im Abendschatten pflegten hier die Kinder zu spielen; jetzt lagen da einige junge Burschen, die schliefen. Über diese Wiese schwankte Weldein weiter. Das Gezweig bewegte sich leicht; ganz leise säuselte es in den Blättern... »Es rauscht, es rauscht...« lallte Weldein. Dann sank er hin auf den heißen Rasen, und ein dumpfer Schlummer befiel ihn. Nach kurzer Zeit schon setzte er sich auf und starrte vor sich hin... Sein Kopf war freier, und er begann von neuem nachzusinnen. »Es ist wohl Mittag vorbei, und gestern war ich ein armer Schlucker... Es kommt darauf an, nun ja, natürlich, darauf kommt es an, daß ich ruhig genug werde, um mich an alles zu erinnern. Unsinn! Erinnern muß ich mich am Ende... Jetzt ist's zu heiß... man kann nicht nachdenken, wenn einem die Mittagssonne auf den Schädel brennt... Also Ruhe... und warten, bis es kühler wird.« Er stand auf und spazierte mit gemächlichem Gange durch die Alleen des Parkes. Manchmal war es ihm, als ob er sich auf die Erde werfen, mit den Nägeln im Sande wühlen müßte. Er knirschte mit den Zähnen; er biß sich in die Lippen. Einigemal setzte er sich auch auf eine Bank; doch hielt es ihn nicht lange. Es war ihm, als mußte er schreien und fluchen. Plötzlich stürzte er davon – weg aus diesem Park, wo die Bäume unaufhörlich rauschten. Er begriff nicht, was er so lange darin gemacht hatte... Er wanderte durch die Gäßchen und Gassen; bald langsam, bald schnell; er dachte nicht daran, daß er noch keinen Bissen gegessen hatte... Die halbe Stadt durcheilte er kreuz und quer, Tränen der Wut im Auge, und als der Abend kam, stand er wieder in jener langen Straße vor dem Branntweinladen, todmüde. Und wieder ging er hinein, setzte sich zu einem kleinen Tischchen und ließ sich ein Glas vom allerstärksten geben. Und wie er es vor sich stehen hatte und an die Lippen führen wollte, da konnte er nicht trinken; die Tränen flossen ihm über die Wangen, und das Gesicht in den Händen, schluchzte und weinte er wie ein Mann, der sein Liebstes verlor! Anfangs schaute man ihn wohl an; das hübsche Mädchen, das beim Schanktische stand, und auch die Leute, die sich in dem Laden neue Kräfte oder einen neuen Rausch holten; aber ernstlich kümmerte es ja keinen, und sie ließen den guten Mann da ruhig weinen, wie es ihm beliebte. Nach einer geraumen Weile wischte sich Weldein die Tränen aus dem Gesicht und trank seinen Branntwein aus... Er ließ sich einen frischen geben, und dann wieder einen; er trank wohl eine Stunde lang. Auf der Straße brannten die Laternen; die Nacht brach herein. Ein dünner, warmer Regen fiel nieder. Das Wagengerassel wurde schwächer, der Menschenstrom spärlicher. Und Weldein trat wieder hinaus, er nahm den Hut vom Kopfe, ließ den Regen über seine Haare rieseln. Die Abendluft kühlte ihm die Stirne... Langsam schritt er weiter... so ruhig hatte er sich seit dem Morgen nicht gefühlt... »Nun, an die Arbeit«, sagte er sich... »Nun wirst du's finden.« Und zum hundertsten Mal wiederholte er sich... »links – und es rauschte und hallte wider...« Er schüttelte den Kopf... »Das ist nicht alles... das ist zu wenig.« Er schaute vor sich hin... und plötzlich glitt ein Schein von Hoffnung über sein Gesicht... »Vom Gebäude des Klubs aus bin ich hingegangen... warten wir noch eine Weile, und dann machen wir's ebenso wie gestern. Ja, ja, so muß es gehen, und nun ruhig... ruhig.« Und wieder spazierte er hin und her; nahm seine kurze Pfeife aus dem Sack, stopfte sie und zündete sie an... Die Zeit wird schon vergehen... Und Weldein durchkreuzte wieder die Stadt. »Sollte wohl einen Augenblick nach Hause schauen... Ach, lassen wir's lieber... Hm... aber essen... Im Gasthaus, wo mich gestern die Herren trafen? Nein, nein, später, wenn der Hunger kommt...«

Die Minuten und Viertelstunden schlichen hin... endlos dehnte sich die Zeit. Ab und zu hatte Weldein auf einer Bank für eine kurze Weile geruht; dann war er wieder aufgestanden; die Mitternacht wollte nicht kommen. In den Straßen wurde es menschenleer... Der Regen fiel heftiger als früher... Dann wurde es wieder lebhaft in der Stadt; die Wagen fuhren zahlreicher, man begegnete auch mehr Fußgängern; die Theater waren aus. Also zehn Uhr vorbei... Noch zwei Stunden bis dahin... Und was tun bis zwölf Uhr... Es zog ihn wieder unwiderstehlich in jene lange Straße. Essen? Nein, er konnte nicht. Aber trinken! ja... Das beruhigt doch wieder ein wenig. Also wieder in die Schänke! Doch nein, nicht in die, wo man ihn schon kannte... Lieber in irgendein Wirtshaus, um irgendeine Kleinigkeit zu essen. Es trinkt sich besser dabei... So... hier. Und er ging in ein kleines Wirtshaus, ließ sich eine Speise auftragen und trank Wein dazu. Er aß langsam; er wartete von Bissen zu Bissen. Über der Eingangstür war eine Uhr... sie war wohl stehengeblieben... Nein, nein, die Zeiger rückten nur so langsam. Draußen hörte er eine Turmuhr schlagen. Er zählte... neun... zehn elf... Oh..., elf Uhr! und da ist eben dreiviertel vorüber... Dieser Wirt! Natürlich. Damit man länger sitzt und mehr verzehrt. Er ließ sich eine Zeitung geben, las sie vom Anfang bis zu Ende durch, mit brennenden Augen, mit dem festen Willen, nur an das zu denken, was er las, aber er faßte kein Wort auf... Er zahlte und ging. Die Uhr zeigte ein Viertel nach elf – es war also halb zwölf... Einsam, tot die Straße. Langsam begab er sich nach dem Klubhaus... Da war es – da lag es vor ihm; das Tor weit offen, die Fenster erleuchtet, glänzend inmitten der von matten flackernden Laternenlichtern erhellten Straße... Das Herz klopfte ihm, als er, auf der gegenüberliegenden Seite stehend, das Gebäude betrachtete. Es kam ihm wie etwas Riesiges vor, wie eine steinerne Macht. Es schaute ihn an, wie er es anschaute... Die strahlenden Fenster waren hundert glühende Augen, die ihn verschlangen. Und der Augenblick trat ihm wieder ins Gedächtnis... Der große Augenblick, in dem er die Bank sprengte und ein Gleichberechtigter war unter all den vornehmen Herren, die mit ihm am selben Tische saßen... Da oben, ja... Das waren die Fenster. Und jetzt fort... noch einmal, noch einmal das Geld gewinnen!

Er ging bedächtig... er bog um die Ecke... die lange, lange Straße... weiter, noch weiter... links... er versuchte an nichts zu denken... so... gut. Da muß es gewesen sein... und jetzt wieder eine andere Straße... gut hier war es... denn hier zog es ihn weiter... so... und nun ja dort... es rauschte... es rauscht... wahrhaftig was ist das... ah, der Fluß... war es hier vielleicht... gewiß nein... Ja! Da stand er... Vor ihm, leise schäumend, glitzernd von den Laternen, die an seinen Ufern stehen, der Strom, der die Stadt durchschneidet. Und drüben wieder Häuserreihen... und darüber der wolkenbedeckte Nachthimmel, von dem unaufhörlich der warme Regen niedertropfte. Seltsam mischte sich das Geräusch der fallenden Tropfen mit dem schläfrigen Brausen der Wellen. Also da? Und er schritt dem Ufer entlang; links... dann kehrte er um rechts... und dann hielt er inne an einem mächtigen steinernen Löwen, der ein Standbild am Ende einer Brücke vorstellte. Er betrat die Brücke, über die eben ein schwerer Wagen rollte...

Das Geräusch verlor sich. Stille ringsum, nur der Regen und die Wogen da unten. Und am Geländer lehnend schaute er hinab; ratlos, bebend... »Was hat mich hierher geführt... Mußte ich nicht hierher? Und jetzt?« Immer blickte er hinab... es schwindelte ihn. Plötzlich ein schauerlicher Gedanke, daß er zusammenzuckte. »Vielleicht... hab' ich's ins Wasser geworfen!« Und er begann wie ein Kind zu wimmern. »Ins Wasser geworfen... weil ich betrunken war... Betrunken hab' ich mich! Und warum denn? Da oben! Und warum hab' ich's denn verstecken wollen? Vor meiner Frau? Vor dem Kind? Hätten sie mir's denn gestohlen? War ich denn verrückt! Was hab' ich denn getan?... Was hab' ich denn getan?... Ich weiß doch, daß mich das Trinken verwirrt macht... Da drinnen, da unten das Geld! Spring nach, Weldein, du Dummkopf, du Trunkenbold, du Schuft!«

Und er hielt sich am Geländer fest, während er schrie und raste »Verstecken! ich hab' es verstecken müssen... Im Strom... Auf dem Grund?... Nein! Ich kann es nicht hineingeworfen haben! So närrisch ist der ärgste Narr nicht!... Aber wo ist es?... Wo? Wo? Wo?«

Der Regen ließ nach am Himmel zeigten sich dunkelblaue Streifen, und einige Sterne blickten nieder. In tiefem Schlummer lag die nächtliche Stadt; ab und zu ein Ton aus der Ferne, der kaum zu deuten war; einmal ein verklingender Gesang von heimkehrenden Zechern... dann wieder alles ruhig; und unter ihm, von ihm weg, den verhüllten Bergen zuströmend, die gleichmäßig rauschenden Wogen... Lange, sehr lange lehnte er noch da; die Augen waren ihm wieder trocken; er selbst war ruhig geworden... Und wieder ein Hauch von Leben. Von der anderen Seite der Brücke kam es... Karren, von feisten Gäulen gezogen; zuerst einer, dann zwei oder drei zu gleicher Zeit; die Bauern kamen vom Land zu Markte... Eine nahe Turmuhr schlug... eins... zwei... Und wieder tiefer, großer Frieden. Weldein verließ die Brücke, und das Rauschen verklang allmählich hinter ihm... Als er es gar nicht mehr hören konnte, wollte er wieder dahin zurück... Aber er schüttelte den Kopf und ging seines Weges weiter gedankenlos vorwärts... Er sah auf die Pflastersteine zu seinen Füßen... er begann seine Schritte zu zählen... Er zählte immer weiter, kam bis hundert – dreihundert – sechshundert. Dann hörte er auf. Es kam wieder über ihn; er mußte wieder daran denken... »Und kann man denn so weiterleben?« fragte er sich. »Und was ist's jetzt mit mir? Bin ich reich? Bin ich arm? Werde ich es finden? Muß ich's nicht einmal finden? Natürlich, ich muß ja... Es wird die Stunde kommen, wo ich's wieder weiß. Wenn ich im Bett liege... oder morgen... in einigen Tagen... wenn ich wieder ruhig bin...«

Und vorwärts... der heimischen Vorstadt zu. Ein grauer Morgenschimmer im Ost... Bald erwacht alles wieder zum neuen Tage, zur neuen Arbeit. »Und ich?« dachte Weldein. »Auch ich wieder zur Arbeit –? Ich, der Millionär?... Wieder auf die Leiter steigen und anstreichen?... Und heute früh noch hat mir die ganze Welt gehört?...« Da vor ihm lag das Haus, in dem er wohnte... Er erschrak, da er es mit einem Mal sah... dort oben sein Fenster offen, nur die Vorhänge heruntergelassen, die sich leicht bewegten. – Und Weldein lehnte sich eine Weile ans Haustor, dann nahm er seinen Schlüssel und sperrte die Türe auf. Schauerlich klang es ihm, als sie ins Schloß fiel. Hinter ihm alle Hoffnung, alles Glück! Langsam stieg er die Treppe hinauf... zurück ins alte Elend.

III

Und die Jahre zogen dahin. Karl Weldein strich die Zimmerdecken und Wände an, betrank sich zuweilen und spielte nicht mehr. Er, der reiche Mann, um lumpige Groschen! Und manchmal, wenn ihm der Branntwein zu Kopfe gestiegen war, da durchzuckte es ihn, als hätte er's gefunden. Und mit einem Male alles wieder dunkel. Manchmal kam es wie ein gewaltiges Staunen über ihn, daß er damals nicht verzweifelt war. Aber als nur die ersten Tage überwunden waren, ging es schon besser. Anfangs machte er allabendlich den Weg jener Nacht... immer ruhiger aber, und manchmal nur mit dem Gedanken: ein recht schöner Spaziergang. Andere Abende jedoch und ganze Tage und Nächte kamen, wo ihm der Wahnsinn nahe schien. Dann... der Schnaps! Auf ein paar Augenblicke Hoffnung, ein Schein des Glücks. Zuweilen, wenn er mit dem großen Pinsel in der Hand auf der Leiter stand und die Farben auf die Zimmerdecke hinwarf, wünschte er sich, herunterzufallen, damit endlich einmal dieses dumme Leben zu Ende sei! War denn das ein Leben! Die kränkliche Frau zu Hause, die mit ihrer Näharbeit gar wenig verdiente und dabei immer blasser und magerer wurde. Der Bub mit den geflickten Kleidern, der wild aus der Schule gestürmt kam und immer Hunger hatte. Und dann das kärgliche Mittagmahl in der ärmlichen Stube, ohne daß was Rechtes dabei gesprochen wurde. Im Wirtshaus die Kameraden, die alle doch nur an sich selber dachten. Und draußen in der Welt das viele Glück und all das Schöne, an dem er vorüber mußte – er, der reiche Mann!... Und all den Kummer mußte er in sich verschließen. Wenn er's in die Welt hineingerufen hätte: »Ich bin sehr reich... unendlich reich... ich weiß nur nicht, wo ich mein Geld habe!« – wie hätte man da gelacht! Gelacht? Ins Narrenhaus hätte man ihn gesteckt!

Eines Tages las er in der Zeitung den Tod des Freiherrn von Reutern angekündigt. Das war ein Trost für ihn. Ja, man stirbt schließlich doch. Es kam ihm vor, als wenn er an diese angenehme Lösung ganz vergessen hätte. Nun gab es nur einen mehr, der die Geschichte jenes Abends kannte, den Grafen Spaun. Weldein haßte ihn. Einmal bestürzte ihn der folgende Gedanke: wie, wenn Graf Spaun, plötzlich verarmt, sich an ihn erinnerte und zu ihm käme mit den Worten: Mein lieber Weldein, ich hab' dich reich gemacht, gib mir einen Teil von deinem Reichtum... Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Er zitterte vor dem Grafen Spaun. Und wie, wenn dieser es einmal in einer lustigen Stunde seinen Freunden erzählte! Und die kämen zu ihm – alle – lustig, höhnend! Heda, Herr Anstreicher, nicht so karg! Man läßt sein Weib und seine Kinder nicht hungern, wenn man Geld im Kasten hat! Und er, was könnte er sagen? Ich hab' es nicht im Kasten, – ich hab's – ich weiß nicht wo. Wer glaubt solchen Unsinn! Dann überlegte er wieder: das Beste wäre, er suchte den Grafen auf und teilte ihm sein Mißgeschick mit!... Sein Mißgeschick! Mehr als das! Das tollste Unglück, das je einem Menschen widerfahren war.

Aber was kümmerte sich die Welt, die Zeit um ihn! Er stand auf seiner Leiter und strich an. Die Haare an seinen Schläfen wurden grau; er wurde dick, begann an schwerem Atem zu leiden und hustete. Die Trinker werden früh alt.

Als sein Sohn zwölf Jahre alt war, starb die Mutter. Sie war nicht lange im Bett dahingesiecht; sie legte sich erst hin, als sie bald sterben mußte. Sie war mild und gut die letzten Tage; sie küßte die Hand ihres Mannes, der neben ihrem Bette saß; sie streichelte die Haare ihres Buben.

»Geh, Karl«, sagte sie noch an ihrem letzten Lebenstag... »laß den Buben doch werden, was ihm Freud' macht... er wird schon mehr Glück haben als du und ich.«... Beide weinten still an ihrem Bette, der Junge kniete, und der Mann saß auf einem wackeligen Stuhl, der manchmal knackte. Und der Abend kam, ein Frühlingsabend, so mild, so maienduftig wie jener verhängnisvolle Abend vor sechs Jahren. Weldein dachte daran... er sah sich wieder auf jener Brücke stehen und hörte die Wellen rauschen, den Regen herabtropfen. Er hatte schon zwei Nächte gewacht... nun schlief er ein... Ganz dunkel war es, als er aufwachte; der Junge hatte ihn leise und ängstlich gerüttelt. »Was gibt's?« fragte Weldein... Kein Atemzug mehr vom Kopfpolster her... »Ein Licht zünd an«, rief er mit verhaltener Stimme, aufspringend und sich zu seinem Weib herniederbeugend. Er rief: »Du... du, du... du... hör doch!« Der Knabe kam mit dem Licht. Er traute sich nicht ganz heran. Der Vater nahm ihm das Licht aus der Hand und hielt es zum Kopfende des Bettes hin. Eine Minute vielleicht starrte er auf das blasse Gesicht, das auf dem weißen Polster lag. Hinter ihm der Bub weinte... Weldein stellte das Licht auf das Nachtkästchen, wandte sich um zu ihm, und leise sagte er: »Hast recht. Franz, daß du weinst. die Mutter ist tot.«

IV

Der junge Weldein wollte Maler werden, und sein Vater war stolz darauf. Er mag erreichen, was mir nicht geglückt ist, dachte er. Aber die erste Zeit war schlimm genug! Die Künstlerschaft fing damit an, daß man den Jungen aus der Schule jagte. Er taugte nichts; er zeichnete während der Schulstunden und kümmerte sich nicht um die Dinge, die man von ihm verlangte. Und zu Hause! Da saß er zuweilen vor einem Blatt Papier und übte sein Talent; meist aber stand er müßig beim Fenster und starrte in die Luft. Dann ging er auch hinunter in den Hof, tollte herum mit den Buben und Mädeln. Spät abends erst kam der Vater; – nach der Arbeit das Wirtshaus, dann die Familie. – Und manchen Abend, wenn das Geld für die Schänke nicht mehr reichte, dann nahm er wohl den Jungen mit sich und spazierte durch die Straßen der Stadt. Und beinahe jeden Tag denselben Weg... vor dem Klub vorbei, durch die lange Straße... links... links... und zum Flusse hin. Und er dachte: »Was hätte aus ihm werden können, wenn ich das Geld hätte! Und jetzt wird er sich plagen müssen, bis man überhaupt bemerkt, daß er da ist... er wird verhungern, bevor er etwas Großes geworden.« Und sie wanderten zusammen am Ufer des Flusses hin und her, arm beide, der alternde Vater mit den halberloschenen Augen in dem aufgedunsenen Gesicht und der Jüngling an seiner Seite mit dem sehnsüchtigen Blick... Und manchmal sah ihn der Vater an und dachte, wie er selbst einmal so Herrliches gewollt und wie die Welt vor ihm schön und weit dagelegen. Und noch einmal, später, an jenem Abend, wo er reich geworden, ja noch einmal so schön und weit. Und von neuem ergriff ihn eine stille Verzweiflung... wollte es den nicht enden? Und dabei zog es ihn immer denselben Weg zur selben Brücke. Oh, es war besser, sich betrinken, als immer daran denken müssen!... Der Franz zeichnete und malte weiter, Köpfe zumeist, in denen ein gewisser leidenschaftlicher Ausdruck steckte; der Vater glaubte Talent darin zu sehen; ja, er sagte ihm einige Male... »Geh hin, zeige sie in der Akademie, vielleicht nehmen sie dich auf!...« Aber der Junge entschloß sich nicht dazu; die Blätter wurden verstreut, und er selbst tat wochen- und monatelang nichts, gar nichts... Dann kam es dazu, daß er dem Vater manchmal bei der Arbeit aushalf. Und es geschah auch, daß er mitten in der erbärmlichen Anstreicherei seinen wahren Genius erwachen fühlte, den groben Pinsel, die Farben, den ganzen Taglohn hinwarf, nach Hause eilte und sich ins Zimmer verschloß, um zu zeichnen oder zu malen. Da saß er stundenlang, und es war ihm, als müßte er etwas Großes, Herrliches vollenden. Und wenn es zu Ende war, war's wieder mißlungen. Er warf das Zeug in eine Ecke, und es begann wieder eine Zeit des Nichtstuns, in der er sein Geld in Gesellschaft leichtsinniger Kameraden vertrank und verspielte.

So vergingen die Monate und Jahre, und der Hausstand von Weldein Vater und Sohn fristete ein armseliges Dasein von Tag zu Tag. Und einmal, Franz stand damals im zwanzigsten Lebensjahre, kam er frühmorgens nach Hause, als die Sonne schon in die Stube hereinblickte. Der Vater lag nicht im Bette; er lag auf der Erde, atmete schwer, das Gesicht war rot; die grauen Haare, verwirrt, hingen in die Stirne herein. Franz schaute ihn lange an. Ihn schmerzte der Kopf; auch er war von einer durchschwärmten Nacht heimgekehrt; hatte seine letzten paar Groschen verspielt, wie sie sein Vater vertrunken hatte... Ein leichter Schauer durchfuhr den jungen Mann. Welch ein Leben lag vor ihm! Welch ein leeres, elendes Leben! Und nach einer Weile rückte er sich den Tisch zum Fenster hin, und auf ein Blatt Papier begann er eine Skizze hinzuwerfen... Anfangs ging die Arbeit nicht recht von der Hand; als die Stunden weiterrückten, ward es besser. Er empfand es, das mußte was Rechtes werden. Und immer weltvergessener arbeitete er fort, als wäre nichts um ihn, was ihn kümmern könnte. – Das Blatt Papier war zu klein... er zerriß es, nahm ein größeres und begann von neuem. Und die Begeisterung mit all ihren Wundern kam über ihn... Die Arbeit ward ihm so leicht, es war gar keine Mühe mehr. Und die Stunden verrannen, der späte Nachmittag war da... Die Skizze war vollendet... Ein kleiner Wirtshaustisch, um ihn herum ein paar Trinker und Spieler, das war alles. Und am besten, wie gewöhnlich, war ihm der Ausdruck der Leidenschaften in den Gesichtern gelungen. Er betrachtete sein Werk mit glühenden Augen. Das war wenigstens ein Stück von dem, was er gewollt. Er wandte sich um, sein Vater stand hinter ihm. »Guten Morgen... Franz«, lallte er.

»Guten Abend«... erwiderte Franz. –

»Ah – schon Abend... das war ein gesunder Schlaf« Er lachte. »Es war lustig gestern... Ja... Und du hast wieder einmal was gemacht? Laß schauen... So...« Er sah die Skizze aufmerksam an... »So...« Er wurde ernst... ein Gefühl von Vaterstolz erwachte in ihm... »Du, das ist schön, sehr schön... So was... Franz...« Er hielt inne.

»Was meinst du, Vater?«

»So was hab' ich nie getroffen... auch in besseren Zeiten nicht!«

Und beide, Vater und Sohn, ließen ihre Blicke auf der Skizze weilen.

Nach einer Weile hob der Vater das Bild vom Tisch auf, und es dem Sohne reichend, sagte er: »Du, das aber trag hin... jedenfalls. Trag's hin in die Akademie.«

V

Ein paar Jahre darauf hing ein kleines Bild des jungen Weldein in der Ausstellung. Man begann von seinem eigenartigen und bedeutenden Talent zu sprechen. Eines befremdete jedoch an ihm: es schien, als könnte er nur Spieler und Trinker malen. Es war wie ein Verhängnis. Er versuchte wohl seine Kunst an anderen Themen; doch keines wollte ihm so recht gelingen. Wie verzweifelt saß er manchmal vor seiner Staffelei, wenn er ein Bild der Liebe, der Seligkeit hinzaubern wollte... lächerliche Fratzen starrten ihm entgegen, nicht Engelsangesichter. Er mußte sich endlich fügen, ein unsagbarer Zwang waltete über ihm. »Bin ich wahnsinnig«, fragte er sich manchmal, »oder kommt es daher, weil ich selbst jenem Laster verfallen scheine?«... Und er versuchte seiner selbst Herr zu werden, er wollte dem Wein, den Karten entrinnen. Es war nicht möglich... Ja, sobald er einige Tage sich aus dem Kreise der Freunde zurückgezogen, wo das Spiel und der Trunk winkte, war er wie gebrochen und todesmatt. Es fehlte ihm jedweder Trieb zum Schaffen. Und dann eilte er wieder an den Spieltisch, zu der Flasche... Und wenn er dann am hellichten Morgen, wie damals, da er seinen Vater auf dem Boden liegend gefunden, nach Hause kam, da war er wieder der große Künstler, der die wahre Lust und das wahre Können empfindet. Er mußte sich drein ergeben. Sein Vater war ein alter, kranker Mann geworden. Er blieb in seiner alten Wohnung, während der Sohn sich in derselben Vorstadt ein kleines, lichtes Zimmer im vierten Stock, nahe dem Himmel und dem Licht, gemietet hatte. Zuweilen besuchte ihn der alte Weldein, und müde vom Treppensteigen setzte er sich zum Fenster hin, blieb still da sitzen, während Franz malte oder auf dem Sofa lag und rauchte. Manchmal sprachen sie und klagten... Der Alte verdiente nur wenig, und bei dem Jungen ging es mit dem Ruhme und dem Reichtum auch nicht rasch genug vorwärts..

Einige Male sagte der Vater: »Daß du nur solche Dinge malen kannst, daran bin ich schuld. Mein ganzes Blut ist vergiftet, ja, vergiftet.« Der Sohn erwiderte nichts und malte weiter.

Und in der Stille des Gemaches, wenn Weldein so stundenlang dasaß, überwältigte ihn der Gedanke seines Alters schmerzlich und tief. Da vor sich sah er einen, dem auch nichts Besseres beschieden war... Und das, womit beide hätten glücklich werden können, wo war es? Wie ein Traum zog ihm manchmal jene Nacht durch den Sinn.

Und dann unterbrach der Junge sein Sinnen und erzählte, was er malte... Jetzt... eine Spielergesellschaft in einem verrufenen Hause... ein paar Weiber, die zwischen den Spieltischen stehen, die Champagnergläser in der Hand. Das war bald vollendet. Dann ein kleines Bild... Am Kamin... Er und sie... Sie spielen Bésigue; über die Karten weg lächeln sie sich an... Ein anderes, das halbvollendet in der Ecke stand... aus dem Mittelalter... Landsknechte, die Würfel spielen... Es wollte nicht geraten, es war nicht modern genug... Der Alte hörte zu, und dabei begann die Nacht hereinzudämmern. Und auch der junge Maler stellte sich zum Fenster, das er weit öffnete, um die Abendluft hereinströmen zu lassen.

Es war ein Sommerabend, schwül und traurig. Verhallend drang der Lärm der Straße herauf, gleichmäßig rollte das dumme Leben weiter. Stets dasselbe eintönige Geräusch. Was immer sie da unten treiben, immer dasselbe schwerfällige Summen dringt herauf... Und die letzten Sonnenstrahlen glitten sachte die Dachzinnen hinauf, um da oben allmählich zu verglänzen, Schatten breiteten sich aus, zerflatterte Wolken erschienen am Himmel, lässig hingeworfen; weiße Streifen zeichneten sich ab... Lange währte die Dämmerung. Der alte Weldein blickte zum Himmel, wo wieder einer seiner öden Tage zur Neige ging.

Öfter als früher kam ihm jetzt der Gedanke: wird es bald vorbei sein? Und er fühlte manche Zeichen des Alters, das ihm vor der Zeit genaht war. Sie hatten nun eine Weile in den Abend hinausgestarrt, der Vater unterbrach das Schweigen.

»Hast du eine neue Idee?«

»Eine neue?«

»Ja, für ein großes Bild, mein' ich.«

»In den Umrissen – ja.«

»So? Und was soll's denn werden?«

»Ich will den Klub malen.«

»Den Klub?«

»Ja, den Spielsaal des adeligen Klubs.«

Der alte Weldein stand plötzlich auf »Das wolltest du?...«

»Hältst du es für zu schwer?...«

»O nein! Aber woher nimmst du die Gestalten?«

»Nun, ganz einfach aus dem Klub –«

»Du warst doch niemals dort?«

»O ja, schon zweimal.«

»Dort?... Im Spielsaal?... Wie war dies möglich?«

»Ein Mitglied führte mich ein. Es ist derselbe Herr, der mein letztes Bild gekauft hat...«

»Die schwarze Kugel?«

»Ja... Er kam neulich in der Ausstellung selbst auf mich zu und sagte, er interessiere sich für mein Talent... dann war er hier oben und betrachtete sich meine Skizzen. Bei dieser Gelegenheit bat ich ihn um die Gefälligkeit, mir Eintritt in den Klub zu verschaffen, um dort für mein neues großes Gemälde Beobachtungen sammeln zu können.«

»– So... Wie wurde er denn auf dich aufmerksam?«

»Nun, offenbar durch mein Bild in der Ausstellung...«

»Wie heißt der Mann?«

»Graf Spaun.« –

Weldein zuckte zusammen und ließ sich auf den Sessel fallen. Da es volle Nacht geworden, entging dem Sohne die Bewegung im Antlitz des Vaters.

»Spaun... sagst du...«

»Ja, ein Mann nah den Fünfzigen, sehr kunstverständig und nicht ohne Phantasie.«

»Phantasie... jedenfalls... hat er nach mir gefragt?...«

»Nach dir, Vater?« wiederholte der Sohn lächelnd.

»Nun, ich meine, nach deiner Familie.«

»Ja, so beiläufig. Ob die Eltern noch leben, ob ich aus reichem Hause sei...«

»Und du hast geantwortet?«

»Wie merkwürdig du mich frägst! Ich habe die Wahrheit gesagt.«

»Er war wohl sehr erstaunt, der Graf«

»Erstaunt? – Warum?«

»Nun, daß es ein junger Mensch aus so armem Hause so weit gebracht hat.«

»So weit! Glaubst du das wirklich, Vater?«

»Nun ja! Man kennt doch deinen Namen. Man sagt doch: der Maler Weldein.«

Der junge Mann lächelte wieder. Mit gelinder Wehmut erfüllte ihn, was er für väterliche Eitelkeit hielt... Er trat vom Fenster weg, und das Gespräch kurz abbrechend, sagte er: »Ich will nun Licht machen.«

»So? Du bleibst daheim?«

»Ich warte noch ein wenig.«

»Auf wen?«

»Nun, auf den Grafen.«

Der alte Weldein erhob sich. »Er kommt? Graf Spaun?« Es klang wie ein Angstruf.

»Was hast du, Vater?«

»Nichts... Aber ich... kann mit solchen Herren doch nicht umgehen... Nein, nein, laß mich... Ich freue mich sehr... er wird dir viel nützen. Leb wohl, Franz.«

»Was ist dir?« Und er schaute den Alten, auf den von dem Kerzenlicht ein schwacher Schein fiel, befremdet an.

»Aber nichts... Franz... Du bist komisch, was soll denn sein? Ich gehe, wie immer am Abend, bin ich denn je so lange geblieben? – Meine Freunde im Wirtshaus warten schon! Du gehst wohl...«

»Ich gehe mit dem Grafen in den Klub.« Und lachend setzte er hinzu: »Es ist da auch das Gute, daß ich nicht mitspielen kann... Da geht's hoch, Vater... das anzusehen... Aber du hast ja nie gespielt?«

»Nein, nie...«

Und beide schauten dem Fenster zu, ins Dunkle, Leere. Und vor beiden erschien dasselbe Bild. Ein jubelnder Lichterglanz... Mitten darin der große grüne Tisch; und die Karten fallen, und Vermögen rollen hin und her... Ein Rausch überkam sie... der Rausch der Spieler, die sich erinnern. Der Rausch der Menschen, die daran denken, daß es nur eine Laune des Zufalls braucht, um sie reich und hochbeglückt zu machen. Ein Luftzug strich herein, das Kerzenlicht flackerte... Der grüne Tisch versank, der Glanz der Lichter löschte jäh aus...

Der Alte nahm seinen Hut und ging. »Guten Abend, mein Sohn«, sagte er noch bei der Tür. Und so rasch er konnte, eilte er die Treppe hinunter. Es war an der Zeit gewesen. Kaum war er aus dem Tor getreten, so nahte von der anderen Seite die Gestalt des Mannes, die er seit jenem Abend wohl nicht mehr gesehen, aber nicht vergessen hatte. Mit weit offenen Augen blieb Weldein stehen... und ins Tor sah er ihn hineintreten, sah ihn die ersten Stufen hinaufsteigen und verschwinden – wie damals auf der Stiege des Klubs, als er von ihm mit seinem Reichtum spät nachts mitten auf der Straße verlassen worden. Und Weldein trat weiter weg vom Tore; er schaute hinauf zum Fenster seines Sohnes und wartete. An der gegenüberliegenden Wand erschienen Schatten, die sich bewegten... Sein Sohn und Graf Spaun... Ihn schauerte... Warum nur? Ein Gedanke kam ihm plötzlich... Er wird ihm Unglück bringen! Und er wollte wieder zurück, hinauf, seinen Franz retten... Der helle Lichtschein im Flur brachte ihm die Besinnung zurück... Er blieb stehen... »Narr«, murmelte er vor sich hin. Und er ging in die Schänke.

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