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Regenbogen

Ludwig Hevesi: Regenbogen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRegenbogen
authorLudwig Hevesi
year1892
firstpub1892
publisherAdolf Bonz
addressStuttgart
titleRegenbogen
pages242
created20101103
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Sixtinische Madonna.

Eine weltliche Legende.

1889.

Zwischen den vier Wänden des Dresdener Museums, welche die Sixtinische Madonna umschließen, ging es lebhaft zu. Die langen Bänke an den Wänden waren dicht besetzt von Andächtigen, welche ein Stündchen lang diese geweihte Luft atmen wollten. Deutlich sah man ihnen eine allerheiligste Gegenwart an, welche sie befangen machte. Etliche waren geradezu verwirrt, wenigstens nach den seltsamen Reden zu schließen, die sie führten, so lange nicht ein allgemeines »Pst« sie wieder zum Schweigen brachte. Aber schon ihre Andacht selbst äußerte sich in der verschiedensten Weise.

4 An der Ecke, der Thür zunächst, saß schon seit drei Viertelstunden ein beleibter Herr in hellgrauem Sommeranzug von eleganter Knappheit, dessen Nähte an mehreren Stellen, namentlich an den Achseln und der Innenseite der Beinkleider, zolllang geplatzt waren. Er schlief ruhig und schnarchte nur zuweilen leise auf.

Neben ihm saß eine ältliche Dame in schwarzem Seidenkleid mit viel Goldschmuck, die sich ein Verdienst um die Gesellschaft erwarb, indem sie ihn in solchen lauten Augenblicken mit einem Ellbogen, den sie eigens zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, so lange stieß, bis er wieder schwieg.

Dann folgte ein hellgrauer, schwarz umgürteter Zylinderhut, unter dessen Krämpe hervor zwei schuhlange, schwarze Sehrohre wie Kanonen nach einer Kopie der Madonna zielten, an der ein grauköpfiger Maler in grauem Röcklein emsig pinselte. Das Original schien den Amerikaner weniger zu interessieren.

Dann kamen zwei elegante Staubmäntel, ein silbergrauer und ein schwarzweiß gewürfelter, die sich halblaut über einen Rokoko-Schlafrock aus blauem, geblümtem Voile unterhielten, nicht ohne 5 in Streit darüber zu geraten, ob für das Devant Surah oder satin merveilleux vorteilhafter sei.

Dann kam ein trockenes, einst rasiert gewesenes Männchen aus den »Fliegenden Blättern«, das las gleichzeitig in drei dicken Raffael-Biographien von Förster, Crowe-Cavalcaselle und Grimm, während er eine vierte, die nach dem großen Format nur die Springersche sein konnte, als Rückenlehne benutzte. Jede Viertelstunde aber warf er durch ein schlechtes Opernglas einen ganz flüchtigen Blick auf die Madonna selbst.

Dann kam eine Reihe englischer Misses, mit ganz gleichen gelben Zähnen, weißen Augenbrauen, ungeschwärzten Schuhen und rot und gelb gestreiften Flanellkleidern. Drei oder vier neben einander, wenn nicht gar fünf – man glaubte ihrer zwei Dutzend zu sehen, so viele rote und gelbe Streifen wimmelten auf den Beschauer los. Sie hielten sich alle gleich stramm und husteten fortwährend, bald die eine, bald die andere, obgleich sie das eigentlich ebensogut zugleich thun konnten. Bemerkungen tauschten sie nicht aus, sondern hielten offene Notizbücher bereit, um, wenn ihnen dergleichen einfallen sollte, es sofort niederzuschreiben.

6 Dann kam ein gelblicher Herr in rotem Fez, der drehte sich alle fünf Minuten unwillkürlich eine Cigarette, die ihm sein Fremdenführer jedesmal unter allen Zeichen des Entsetzens schleunigst aus der Hand nahm, worauf der Orientale einen Laut der Ungeduld von sich gab und sich mit den Handflächen beide Kniee rieb.

Dann kam eine hochwohlgeborene Dame, mit allerletzter Eleganz gekleidet, in mausgrauer Faille mit Passementerie aus Stahlschnüren und einem pelerinenartigen Mantelet voll Stahlperlengrelots und einem entzückenden Capotehütchen aus grauem Filz mit ähnlichem Aufputz. Sie war hoch, schlank und mehr blond, als etwas anderes, und betrachtete die Madonna mit einer gewissen Herablassung durch ein Ecaille-Lorgnon mit ellenlangem Stiel, während doch die Madonna offenbar sie hätte betrachten sollen. Ihr Begleiter war ein älterer Herr, der aber seine Kleidung noch ganz jugendlich konserviert hatte; er sah aus wie ein großer Heerführer in Zivil, denn er sagte zwar nichts, aber wenn er gesprochen hätte, hätte er gewiß kommandiert. Dafür sagte seine Begleiterin einmal ganz laut:

»Sehr nett!«

7 Ein lautes Wort. Zwei laute Worte.

Entrüstet wandten sich mehrere Andächtige der Ruhestörerin zu, ein »Pst« lag auf allen Lippen, als sie aber die mausgraue Faille sahen und die Stahlperlengrelots und die große Länge des Lorgnonstieles, da unterdrückten sie alle Entrüstung. Wenn man so gekleidet ist, darf man alles sagen. Die Wirkung jenes lauten Wortes aber blieb nicht aus. Für eine Viertelstunde war es mit der andächtigen Kirchenstille vorbei, alles fühlte sich plötzlich berufen, auch irgend ein Geräusch zu machen. Der beleibte Schläfer am Bankende schnarchte auf einmal hohl auf; der Herr im Fez erhob sich, um zu gehen, wobei er sich Schnee von den Füßen zu stampfen schien; die drei bis fünf Misses brachen in einen gemeinsamen Husten aus; und unter einem fremden Herrn, der soeben ganz geräuschlos hereingeschritten war, begannen zu seinem eigenen Erstaunen die Schuhe plötzlich zu knarren. Knarrend wanderte er zu dem Bilde hin, ganz nahe, denn er war sehr kurzsichtig, hielt einen scharf spiegelnden Kneifer vor seine auch schon brennglasartig geschliffene Brille, fuhr mit der Nase ein paarmal dicht an der Leinwand querüber, schnupperte dann 8 etlichemale an der Malerei in die Luft hinan und sagte schließlich zu einem feisten Couleurstudenten, den er für seine Frau hielt:

»Ausgezeichnet! Nur der Löwe scheint mir nicht ganz getroffen.«

»Der Löwe?« lachte ihm der Student ins Gesicht. »Wo ist denn da ein Löwe?«

»Hier, denk' ich,« entgegnete der Knarrende, indem er auf die untenstehende Tiara des heiligen Sixtus wies, die allerdings goldgelb ist wie ein schöner Löwe. Und dann, als ihm der Student die Sachlage erklärt hatte: »So, so, das ist möglich. Und welcher ist denn der heilige Sixtus? der rechts oder der links kniet?« Und als ihm der Student auch noch mitgeteilt hatte, daß die Person rechts gar kein Mann, sondern eine weibliche Heilige sei, meinte er: »Ei ja freilich, freilich, . . . aber ist mir nicht, als ob die Madonna etwas auf dem Arme hielte?« Worauf ihm Bruder Studio auch noch verriet, daß dieses Etwas das berühmte Jesuskind sei.

Ganz befriedigt knarrte der Mann von dannen, der Meinungsaustausch vor dem Bilde aber wurde nun allgemein. Ein Fräulein in einer Jacke, deren 9 Knöpfe echte Malzbonbons sein mußten, fand, daß das Jesuskind und das eine Engelchen unten der nämliche Kopf seien. Ihre Mama fand im Gegenteil die grünen Vorhänge auf dem Bilde nicht gerade elegant. Ein stattlicher Herr, der sichtlich Meyer oder doch wenigstens Meier hieß, erkundigte sich bei dem Aufseher, ob die Madonna von oben herab, oder von unten emporschwebend gedacht sei, fügte aber sehr anerkennend hinzu, in beiden Fällen sei sie ausgezeichnet. Eine üppige Dame, die kein Mieder trug, sondern ein Skizzenbuch unter dem Arme hatte, also in malerischen Dingen jedenfalls sehr gewiegt aussah, erklärte, ihr gefalle das Darmstädter Exemplar entschieden besser, dieses hier müsse eine Kopie von niederländischer Hand sein. Sie verwechselte nämlich Raffaels Sixtina mit der Holbeinschen Madonna am anderen Ende des Museums. Eine französische Gouvernante, »auch für Klavierunterricht befähigt«, die mit zwei sehr eleganten Backfischchen herangeflirtet war, warf einen Blick auf das Bild, unterdrückte ein Gähnen und wandte sich mit den Worten ab: »C'est de la musique allemande.«

Fünf Minuten lang war die Stimmung eine 10 entschieden verneinende und Raffael verlebte eine böse Viertelstunde. Dann kam plötzlich ein Umschwung und fünf Minuten lang wurde er in den Himmel gehoben. Der Mann, der dies bewirkte, war der erste Tenorist des Hoftheaters, der eine gastspielende Soubrette hereingeführt hatte.

»Also das ist Unsere Liebe Frau von Dresden!« rief er so melodisch, daß es wie eine Bravourarie klang. »Ist sie nicht himmlisch?«

»Göttlich!« bekräftigte die kleine Soubrette, so inbrünstig sie es herausbrachte.

Die Macht des Gesanges bewährte sich auch jetzt, die beiden berühmten Künstler rissen alle Meinungen mit sich. »Welche Erhabenheit!« hieß es rechts, »welche Bescheidenheit!« flüsterte es links. »Dieses herrliche Rot!« »Dieses wunderbare Blau!« »Unergründliche Augen!« »Dieser edle Fluß der Linien!« Ein Fräulein mit langem Gretchenzopf murmelte sogar: »Ich falte die Hände,« hielt aber dieses Programm nicht ein. Kurz, es war ein allgemeines Entzücken. Leider hatte der Tenorist eine Bekannte aus Hamburg in der Menge getroffen. Eine reiche, geputzte Dame, die ihm nach den notwendigsten Erkundigungen gestand, sie sei 11 eigentlich mehr wegen der heiligen Barbara hereingekommen, denn sie selbst heiße so und suche daher grundsätzlich alle Barbara-Bilder der Welt auf. »Das beste,« fügte sie mit großer Bestimmtheit hinzu, »ist doch das von Palma in Venedig; ich möchte sagen: da bin ich am besten getroffen.«

In diesem Augenblick wandte sich der Kopist auf seinem erhöhten Standort jäh um, warf einen durchbohrenden Blick auf die Sprecherin, als vergliche er sie in Gedanken mit dem idealen Lagunenkind in Santa Maria Formosa, dann stieß er ein schrilles Gelächter aus. Ein Schreck fuhr in die Gesellschaft, denn niemals wohl war in diesen Räumen ein so böses Lachen erschollen. Der Schreck wurde zur Entrüstung und ein Summen ging durch die Menge: »Das ist frivol, das sollte nicht erlaubt sein, so zu lachen.« Der graue Mann aber schritt mit Palette und Malstock in den Händen, wie mit Schild und Speer bewehrt, durch das Gewühl, das sich ängstlich vor dem offenbar Verrückten öffnete. Er trat vor das Bild der Göttlichen hin und sah zu ihr empor mit einem Blick, der zu sagen schien: »Vergieb ihnen, Gebenedeite, denn sie wissen nicht, was sie sprechen; vergieb ihnen 12 ihren Tadel, besonders aber ihr Lob.« Dann ging er links die Reihe der kleinen Kabinette hinab, in deren einem er verschwand.

Hinter ihm aber gärte es noch lange in der Menge fort. Er hatte das ganze Publikum in seiner Andacht gestört. Man sandte ihm Blicke nach, die sogar um die Ecke gingen. Und dann wandte sich aller Zorn gegen seine Arbeit. Ein so talentloses Machwerk, hieß es allgemein. Dieser arme Teufel habe ja »gar keinen Dunst von der Kunst«, – ein Reim, welcher mit Beifall aufgenommen wurde. Ein Stümper in der Zeichnung, ein Pfuscher in der Farbe. Da saß ja kein Strich richtig und kein Ton war auch nur annähernd getroffen. Und dann, er getraue sich ja gar nicht recht heran an die schwere Aufgabe. Pinsle da an Kleid und Haar und dergleichen Nebensachen herum, die Gesichter aber hebe er sich auf für Gott weiß wann. Alle seien nur eben angelegt, so ungefähr angedeutet, sogar die Hand des heiligen Sixtus. Ei freilich, so eine Hand sei auch kein Kinderspiel. Und vor acht Tagen habe er endlich angefangen, das Gesicht der Madonna zu malen, aber den anderen Tag kratze er immer alles wieder 13 ab und fange von vorne an. Und jede Wette, daß er das Bild überhaupt nie fertig bringen werde. Und es sei eigentlich unrecht von der Direktion, daß sie so talentlosen Leuten gestatte, kunstverständigen Beschauern mit ihrer Staffelei die Aussicht zu verstellen. Und dann wurde der Aufseher um näheren Aufschluß über die Person des Vervehmten angegangen. Also Kohlmann heiße er, Taufname unbekannt. Nun ja, wie könnte er auch anders heißen? Und ein Schlesier sei er? Ach, das erkläre sofort alles. Schlesien sei ja ein ganz wackeres Land, aber . . . aber . . . Raffael sei nichts weniger als ein Schlesier gewesen. Man ging so weit, daß man sich sogar über seinen Farbenkasten hermachte, um zu sehen, ob er das bläßliche Zeug denn wirklich mit Ölfarben male. Das Fräulein mit dem Gretchenzopf griff eine der Tuben heraus und las darauf buchstabierend das Wort »Beinschwarz«. »Ach, damit malt er wohl die Beine,« sagte sie in bestem Glauben und legte das »schmutzige Ding« wieder zurück. Sie wunderte sich, daß man über ihr Wort lachte, und zog sich etwas verlegen zurück. Glücklicherweise kam soeben der junge Unteroffizier, mit dem sie sich »bei der Sixtinischen« ein Stelldichein gegeben hatte, und holte sie.

14 Was freilich die Kopie des Wunderbildes betrifft, hatten die Leute nur zu sehr recht. Der alte Kohlmann, ein Bauernkind, später im Kloster erzogen, dann der Kutte entsprungen und auf eigene Faust Kunstjünger geworden, war kein großer Maler. Nur den Eifer hatte ihm die Natur geschenkt und vom Kloster her war ihm eine Frömmigkeit des Wollens verblieben, wie die Nazarener sie hatten, eine stumme, bedingungslose Hingebung an das Unerreichbare. Auch war es das erste Mal, daß ihm eine so hohe Aufgabe geworden. Der bekannte Kunstfreund, Bankier Blum, für den er schon mehrere kleine Niederländer kopiert hatte, wollte seiner lieben Frau zu Weihnachten diese Abschrift der Sixtina verehren. Seit sechs Wochen arbeitete der Graukopf täglich von neun bis zwei Uhr, um welche Zeit die Sonne »da hinüber« geht, worauf ihm das Licht nicht mehr günstig genug schien. Nun waren es noch zwei Monate bis Weihnachten, es war also hohe Zeit, daß er, wie zagend immer, an die Hauptsachen seiner Arbeit ging. An den Nebensachen hatte er einstweilen nur seine Hand üben wollen für den »großen Strich«, den er an den putzigen Kleinmeistern allerdings nicht hatte lernen können.

15 Seine Flucht aus dem Getümmel des Sixtinazimmers ging übrigens nicht weit. Schon in das zweite Kabinett lenkte er ein und sank aufgeregt auf einen Stuhl, nachdem er den Malstock in die Fensterecke gestellt und die Palette auf den Spucknapf gelegt, den einzigen Ort, wo man etwas hinlegen konnte.

Eine Dame zwischen zwei Lebensaltern, die eben eine Kopie von Tizians »Zinsgroschen« vollendete, sah über den oberen Bildrand nach ihm hin mit einem merkwürdig klaren, jugendlich blauen Blick.

»Nun, nun, was wird es denn wieder sein, Herr Amtsbruder?« scherzte sie in höchst beruhigender Weise.

»Ach, bitte, sagen Sie nur gleich noch etwas, Fräulein Bauer,« bat Kohlmann, »wenn Sie sprechen, ist es mir immer, als bekäme ich einen lauen Umschlag um die Stirne, mir wird ganz ruhig davon.«

»Sie dürfen ruhig sein, lieber Kohlmann,« entgegnete sie, »Ihre Kopie gedeiht ja, ich bemerkte es mit Vergnügen, als ich vor einer Stunde heimlich einen Blick in die Kapelle warf.«

Kohlmann sprang auf, sein graues Gesicht 16 strahlte. »Sie geben mir das Leben wieder,« rief er, »mir kam alles abscheulich vor. Ich war aber auch wütend. Es war heute wieder einmal nicht auszuhalten vor dummem Geschwätz. Herr du meine Güte, was muß ich da so einen Vormittag hindurch anhören. Ich muß mich förmlich in meiner Haut festhalten, um nicht herauszufahren. Und sehen Sie, ich habe heute meine Baumwolle vergessen; wenn ich aber die Ohren nicht hermetisch verstopft habe, so, daß ich nichts höre, bin ich unfähig zur Arbeit. Ich fürchte nur immer, ich sage jemandem eine Grobheit und komme dafür vor Gericht.«

»Das Geschwätz ist allerdings bös,« meinte Fräulein Bauer, »selbst hier beim Zinsgroschen, wo es lange nicht so bunt hergeht, muß ich oft Dinge hören, daß ich den Leuten mit dem Pinsel über den Mund fahren möchte. Erst heute kommt einer daher und erklärt seinem Begleiter, das Kolorit sei gar nicht recht tizianisch, es habe so 'was Bläuliches. Das Individuum hatte nämlich ein blaue Brille auf der Nase, wegen des Sonnenscheins draußen, und vergessen, sie abzunehmen.«

Fräulein Bauer galt zu jener Zeit für die 17 beste Kopistin venezianischer Bilder. Sie hatte sich tief in den leuchtenden Goldton hineingearbeitet und ihr Pinselstrich war von schier männlicher Kraft und Breite. Kohlmann sah ihr eine Zeit lang zu, mit welcher Tapferkeit sie die hellsten Lichter des Christuskopfes aufsetzte, und er seufzte: »Wie ein Laternenanzünder, der eine Gasflamme nach der anderen entzündet; ich hätte gar nicht den Mut dazu, mich macht ein heiliges Bild befangen.«

»Ich ehre Sie wegen dieser Befangenheit, Kohlmann,« sagte sie, »das macht, weil Sie mehr Gemüt haben als . . .« Sie hatte sagen wollen: »als Talent«, verbesserte sich aber beizeiten: »als für den Maler förderlich.«

Sie plauderten fort bis zwei Uhr. Auch die Masse der Besucher hatte sich zerstreut, den verschiedenen Table d'hoten zu. Es war einsam im Zimmer der Sixtina. Kohlmann ging hinaus, sein Malzeug zu verpacken. Er sah seiner Madonna ins Gesicht und lächelte; Fräulein Bauer hatte sie ja sozusagen gelobt. Dann sah er zögernd hinüber zu der echten und zuckte scheu zusammen. Nie zuvor war sie ihm so unnahbar hehr erschienen wie 18 jetzt. Dieses Antlitz, wie Samt in der Sonne; diese tiefen, dunklen, rätselhaften Augen, deren Farbe er niemals erraten konnte . . . Wie Gotteslästerung erschien ihm sein Nachbild, das er gar nicht mehr anzuschauen wagte. Er sank auf die Kniee vor dem Götterbild, stützte seine Stirne auf den Rahmen und flehte stumm:

»Wenn ich mich an dir versündigt habe, Gottesmutter, so vergieb dem armen Sünder; wenn ich aber gottgefällig strebe nach meinen schwachen Kräften, so hilf, hilf, Madonna.«

Etwas später verließ auch Fräulein Bauer das Museum. Sie ging eigens durch die Kapelle, um Kohlmanns Arbeit anzusehen. Bedenklich schüttelte sie den Kopf, trat näher heran und weiter hinweg, und ihr Gesicht wurde immer trostloser. »Ich thu's,« sagte sie endlich, »daß ihr mich aber nicht verratet!« Die 19 letzten Worte waren an die beiden Engelkinder zu Füßen der Madonna gerichtet, die ihr mit sichtlicher Neugier zuschauten. Und im Nu hatte sie wieder ein paar Farben auf der Palette und einen recht kräftigen Pinsel in der Hand, bestieg entschlossen das Podium und begann kühn in das Antlitz hineinzumalen. Zusehends wurden die Töne wärmer, die Schatten vertieften, die Lichter erhöhten sich, auch die Linien rückten willig zurecht und sogar die Augen . . . seltsam, die Augen bekamen einen Blick, sie blickten nicht göttlich, aber doch menschlich. So eifrig war sie an der Arbeit, daß die Schlußglocke sie ordentlich vom Podium herunterschreckte.

Tiefgebeugt betrat Kohlmann am nächsten Morgen sein Prüfungszimmer, wie er es nannte. Schüchtern hob er das Auge zu seiner gestrigen Arbeit und traute ihm nicht. »Merkwürdig,« sagte er zu sich, »wenn ich nicht gewiß wüßte, daß ich nichts kann, so würde ich sagen, das ist gar nicht übel.« Und je länger er es ansah, desto zufriedener war er. »Fräulein Bauer hatte gestern doch recht, als sie es lobte; o, sie hat ein gutes Urteil . . . Wie kräftig mir der Fleischton geraten ist; sage 20 doch einer, daß das keine warmen Schatten sind! Und diese Augen, vor denen ich mich so gefürchtet, die mich bis in meine Träume verfolgten, diese Zauberaugen . . .« Und plötzlich ging ihm ein Licht auf. »Ich habe gestern gebetet, vor der Arbeit und nach der Arbeit. Ich habe mit dem Herzen gemalt und sie, die Große, die Himmelhohe, hat mir geholfen.« Und er beugte sein Knie an ihren Stufen und küßte demütig den Rand ihres goldenen Rahmens.

Ungesäumt ging er nun ans Werk und begann den Kopf des Kindes. Er sah und hörte nichts vor feurigem Eifer, obgleich es wieder bunt herging im berühmten Eckzimmer. Ganz überflüssig war die Baumwolle in seinen Ohren. Merkte er es doch nicht einmal, als ein Trupp von zwanzig jungen Amerikanerinnen hereintrappelte und sich von einem englischen Cicerone die Geschichte und Schönheit des Bildes haarklein berichten ließ. Selbst an Fräulein Bauer vergaß er ganz. Erst als ihm die Hände vor Mattheit sanken und etwas ihm sagte, daß es zwei Uhr war, hörte er auf. Er trat vom Podium herab und sah sein Wert aus der richtigen Entfernung an. Aber da wurde 21 das Herz wieder ganz klein in seiner Brust; was er gemacht hatte, gefiel ihm nicht. »Es ist das Licht,« tröstete er sich, »um zwei Uhr geht ja die Sonne da hinüber.« Dennoch ging er etwas kleinlaut in das Zinsgroschen-Kabinett, wo Fräulein Bauer noch fleißig war.

»Brav, brav,« rief ihm diese entgegen. »Weiß schon alles. Ohne Baumwolle hätten Sie heute manches lobende Wort über den fertigen Kopf gehört.«

Das richtete ihn ein wenig auf. »Sehen Sie, liebes Fräulein,« sagte er, »das ist die Macht der reinen Gesinnung, . . . wie Overbeck sie hatte und Steinle. Auch ich habe gestern mit dem Herzen gemalt.«

Sie lächelte nur still vor sich hin.

Als er am Morgen wiederkam, fand er wirklich das Licht viel besser und seine Malerei desgleichen. Namentlich schien sie ihm lange nicht so farblos, als er gestern geglaubt. Ja, das Licht! Wiederholte sich nicht jeden Tag das nämliche Wunder? Er begriff nicht, wie Fräulein Bauer auch noch nach zwei Uhr fortmalen konnte. Offenbar hatte sie keinen Sinn für diese feinen 22 Unterschiede. Nach acht Tagen war das Kindlein fertiggemalt. Kohlmann traute seinen Augen nicht, und doch . . . er hatte ein Gefühl, als ob es unter den Augen der heiligen Mutter drüben gar nicht hätte schlecht ausfallen können. »Deine Gegenwart hat es vollendet, nicht ich,« dachte er demütig und legte eine rote Rose auf die Stufe zu ihren Füßen.

»Eigentlich gehört diese Rose mir,« dachte Fräulein Bauer, als sie sie nach zwei Uhr dort liegen sah. Aber sie lächelte und nahm sie nicht weg.

Drei Wochen vergingen und Kohlmanns Bild war schon sehr vorgeschritten. Selbst die arg verwickelte Hand des heiligen Sixtus war überraschend gelungen. Ohne Zweifel hatte der Kopist durch die Arbeit manches gelernt. Fräulein Bauer, welche jetzt Tizians farbensatte Tochter Lavinia kopierte, gab ihm mancherlei praktische Winke, die er gewissenhaft befolgte, und das Arbeiten im Großen machte auch seine Pinselführung kräftiger. Überdies aber . . . wurde es glücklicherweise jeden Tag zwei Uhr. Auch das Selbstbewußtsein Kohlmanns wuchs. Er malte bereits ohne Baumwolle. Die Bemerkungen um ihn her reizten ihn nicht mehr, höchstens dachte er sich sein Teil dabei. Nur ein 23 Wort, das ein fremder Maler einmal hinter ihm gesprochen, wollte ihm nicht aus dem Sinn. Der hatte nämlich gesagt: »Sonderbar; wenn man diesen Menschen an der Arbeit sieht, hält man ihn für einen Stümper, und die fertigeren Teile haben doch etwas eigentümlich Talentvolles.«

Da ereignete sich ein Unglück.

Fräulein Bauer erschien einige Tage nicht im Museum. Eine sonderbare Influenza-Seuche war eben in der Stadt ausgebrochen; sollte auch sie erkrankt sein? Am ersten Tage schon fühlte Kohlmann ein merkwürdiges Unbehagen ob dieser Abwesenheit. Er nahm mehr Baumwolle als jemals, aber diese Beschwichtigungspflanze nützte wenig; er hörte sogar Stiefel knarren, die ganz stumm waren. Jeden Augenblick huschte er hinaus, um Tizians Tochter Lavinia zu fragen, ob Fräulein Bauer noch nicht dagewesen. Nein, sie war nicht gekommen. Die Arbeit aber wollte durchaus nicht gedeihen; er hielt bereits bei den zwei Engelknaben unten und stümperte greulich an ihnen herum. Um zwei Uhr fand er sie abscheulich, natürlich wegen des Lichtes, aber um zehn Uhr morgens, in seinem Lichte, schienen sie ihm noch 24 schlechter. Was war das? Er hatte das Gefühl, als habe er einen Zauberring vom Finger verloren und sei wieder der blanke Niemand. Furchtsam lugte er hinüber nach der Tafel Raffaels, aber die ganze hohe Gesellschaft dort schien jetzt gar keine Augen mehr für ihn zu haben, um sein Wohl und Wehe sich nicht mehr zu kümmern, als um das jener Fliege, die über den Rahmen kroch. Er kratzte die gestrige Malerei ab und strich eine neue auf die Leinwand. Aber hinter ihm stritten sich zwei Damen, die ihm zusahen, ob diese Engelchen wohl Knaben oder Mädchen wären und wie sie wohl heißen möchten. Die Damen waren schon zwei Stunden fort, aber noch immer hörte er sie streiten und mußte innerlich mitzanken über das quälende Thema. Endlich legte er alles hin und ging hinüber zu Signora Lavinia, um Fräulein Bauer zu erwarten.

Er wartete, bis die Schlußglocke klang, und betrachtete unaufhörlich das Bild und die begonnene Kopie. Dabei dachte er fortwährend an die Abwesende und fragte sich: »Was ist es, daß ich ohne sie nicht arbeiten kann, daß ich ohne sie tot bin?« Und dann sah er nicht mehr Lavinia vor sich im Rahmen, das südliche Vollblutweib, in den gleißenden Gewanden, sondern ein blasses, leicht angewittertes Antlitz, mit etwas scharfen Schläfen und etwas langen Zügen, die an mehreren Stellen mit feinen Furchen gleichsam unterstrichen waren, aber auch mit zwei blauen Augen, die ihn noch ganz jung anblickten, und mit einer schneeweißen Krause über den Schultern, die nicht so übertrieben schmal waren, als sie eigentlich sein konnten. Und er fragte Lavinia zehnmal:

»Was ist es, daß sie mir fehlt wie der Bissen Brot, wie der Tropfen Wasser, wie die Luft zum Atmen?«

Aber Lavinia gab keine Antwort.

Vom Museum ging er nach ihrer Wohnung, wo er nicht vorgelassen wurde. Sie liege zu Bette, hieß es, und lasse ihn grüßen und ihm für die schöne Rose danken. »Für welche Rose?« fragte er, denn es war halb unbewußt, daß er die Blume ihr mitgebracht. Und sie werde doch wohl in acht Tagen wieder gesund sein . . . oder in zwei bis drei Wochen . . . oder übers Jahr. Da ließ er ihr hineinsagen, sie müsse gesund werden, er rühre bis dahin keinen Pinsel an, die zwei Engelchen 26 wären ihm schon heute vorgekommen wie zwei Teufelchen, die ihn auslachten. Und da ließ sie ihm sagen, er solle nur mutig darauf losmalen und nichts abkratzen, es werde schon etwas daraus werden.

Das versuchte er denn auch zu thun, aber ihm graute vor dem Zeug, das er auf die Leinwand brachte. Wahrlich, zu keiner schlechteren Zeit hätte Herr Bankier Blum im Museum erscheinen können, um den Fortgang seiner Arbeit zu sehen. Er lobte sie nicht wenig und fand es besonders »nett«, daß der Künstler den beiden Engelchen hellblaue Augen gemacht habe, das sei viel »freundlicher« für ein Boudoir.

»Blaue Augen?« rief Kohlmann bestürzt; aber es war wirklich so, blauere Augen sind schon schwer denkbar, als er sie den lieben Kleinen in den Kopf gesetzt. Verdutzt spintisierte er über diese unwillkürliche Handlung fort und hörte nichts von alledem, was der bekannte Kunstfreund Herr Blum ihm von seiner letzten Reise wortreich erzählte, . . . von Rom, das sich bereits ganz gut mache und in einigen Jahren eine ganz interessante Stadt sein werde, . . . und von der Peterskirche, die er freilich 27 nicht gesehen, weil sie ihm zu weit draußen gelegen, . . . Jenseits des . . . an den Namen des Flusses könne er sich nicht mehr erinnern . . . richtig, Mincio, wenn er sich recht besinne, . . . Ja, das sei der Name, vom Ponte Mincio aus sei ja auch die schönste Aussicht auf Rom. »Vom Monte Pincio,« berichtigte spöttisch ein Unbekannter neben ihm, aber das hörte Herr Blum im Feuer der Rede so wenig als der unglückselige Fabrikant himmelblauer Augen.

Kohlmann kam nämlich erst in einem ganz anderen Zimmer zum Bewußtsein. Herr Blum, der bekannte Kunstfreund, hatte ihn schließlich unter den Arm genommen und in die niedrigsten Niederlande entführt, in ein Kabinett voll kleiner Bilder, vor deren einem er mit ihm Stellung nahm. Es war Jan de Brays »Lob des Herings«.

»Sehen Sie, lieber Kohlmann,« fuhr Herr Blum fort, »das ist meine neue Idee. Ich habe das Bild soeben erst entdeckt und bin entzückt davon. Meine Frau ist, wie Sie wissen, geborene Holländerin, ha, ha, und wenn ich ihr zu Weihnachten eine Kopie dieses Heringsbildes geben könnte, das wäre ein viel besserer Spaß als die Sixtina. Eine 28 »Apotheose des Herings«, ist das nicht göttlich? Und in vierzehn Tagen können Sie doch das bequem machen. Lassen Sie die Sixtina Sixtina sein und machen Sie sich an den Hering. Ich bezahle Ihnen dafür fünfhundert Mark. Die Sixtinische vollenden Sie mir dann später, ich werde sie der Schule meiner Heimatsgemeinde schenken, damit sie mich zum Ehrenbürger ernennt, denn ich brauche, he he, wieder mal eine feine Notiz in der Zeitung. Also topp! schlagen Sie ein, Kohlmännchen.«

Und Kohlmännchen schlug ein.

Merkwürdig. Angesichts des Herings hatte er sofort sein ganzes Selbst wiedergefunden. Jener Raffael verwirrte ihn, er fürchtete sich vor seiner Himmelskönigin, deren Gütigkeit selbst ihn niederschmetterte, er war geblendet von den Engelglorien und sollte in dieser Vernichtung die Vernichtende malen! Aber hier . . . hier war er ganz zu Hause. Ein harmloser Hering im silberschimmernden Schuppenkleid, die Flanke behaglich aufgeschnitten, lag auf einem braunen Teller, der auf appetitlich weiß gedecktem Tische stand. Mit einem seiner gelbgrauen Augen blinzelte er so gemütlich aus dem 29 Bilde heraus, als winke er ihm zu: »Malet mich nur, Mynheer.« Und dabei steht gleich ein Krug und zwei Gläser mit großartigem Bier, denn auch Bier kann großartig sein, und eine Schüssel mit den rührendsten Zwiebeln, denn auch Zwiebeln können Thränen der Rührung erzielen, . . . und hinter dem Tische steht aufrecht eine Tafel, mit niedlichen kleinen Heringlein umkränzt, und zeigt ein langes holländisches Gedicht unter dem Titel: Lof van den Pekelharing. Und daruntersteht: »Anno 1656.« Ach, Anno 1656, zweihundert Jahre vor Frau Blums Geburt, da war es noch gemütlich in der Welt, besonders in Holland. Die Heringe sahen auch noch viel besser aus, viel idealer, sie hatten etwas Ritterliches, Schneidiges, wie ein Haifisch.

»Topp, Herr Blum!« rief also Kohlmann und schlug ein, sehr kräftig im Gefühle wiedergefundener Meisterschaft. O, ein Hering und Biergläser, da war ihm keiner über!

Augenblicklich ging er ans Werk und malte tagtäglich bis zur Schließung des Museums. Selbst nach zwei Uhr malte er tapfer fort und merkte gar nicht, daß die Sonne bekanntlich um diese Stunde »da hinüber« ging und das Licht schlecht 30 wurde. Was – Licht? Können muß man's! Bei angebrannten Streichhölzchen hätte er diesen Hering zu stande gebracht!

So groß war sein Eifer, daß er sogar an Fräulein Bauer vergaß.

Am zehnten Tage seiner Arbeit fiel plötzlich ein Schatten auf seine Holztafel. Er sah sich geärgert um und sprang verwirrt auf. Er war rot, wie einer jener gekochten Hummern, die gewiß nur zufällig nicht auch auf dem Bilde vorkamen.

Fräulein Bauer stand vor ihm und lächelte.

»Also von der Sixtina zum Hering! . . . Welch ein Rückschritt! Doch was sage ich? Ein Fortschritt ist es, lieber Kollega, ein Fortschritt. Gestehen Sie nur, Sie haben sich denn doch nicht recht wohl befunden, da drüben vor der großen Leinwand, neben dem . . . dem Unaussprechlichen. Glaub's wohl, daß einem da bange wird . . . Hier aber, lieber Kohlmann, sind Sie Herr und Meister. Ein sixtinischer Hering ist es zwar nicht, den Sie malen, aber doch ein Prachttier, wie ich es schwerlich zusammenbrächte. Liegt er nicht da in seiner Silberrüstung wie ein ruhender Lohengrin? Oder ein in der Schlacht gefallener, denn er ist ja 31 aufgeschlitzt, daß man ihm bis in seine schöne Seele hineinsieht. Alle meine Komplimente, lieber Kohlmann, Sie sind schließlich in Ihrer Weise ein ganz geschickter Mann.«

Kohlmann hatte sich wieder gefaßt und antwortete vor allem auf einen Punkt in der Rede seiner Kollegin.

»Sie glauben also, Fräulein Bauer, daß ich . . . daß ich die große Leinwand . . . ich meine, 32 daß meine Kopie der Madonna schlecht ist? Ich dächte doch, daß mit Ausnahme der zwei Engelkinder . . . Die Arbeit ist denn doch besser gelungen, als ich selbst zu hoffen wagte. Daß ich es nur gestehe, ich hatte mir das gar nicht zugetraut. Erst als Sie . . . krank wurden, Fräulein Bauer, da war es aus mit mir. Ich weiß nicht, ich war mit Ihnen krank. Ich . . . ich, Fräulein Bauer, . . .«

»Aber doch nicht gefährlich, da ein Hering Sie wieder hergestellt hat.«

»Sie scherzen, Fräulein Bauer, aber so gewiß das ein guter Hering ist, . . . mir war sehr arg die Tage her. Wenn ich so vor der Lavinia stand . . . und Sie waren nicht da, Fräulein . . . Fräulein Bauer . . .«

Als hätte er plötzlich einen fatalen Übelstand bemerkt, zog er geschwind einen dünnen Pinsel voll Weiß aus dem Büschel in seiner Linken und machte dem Hering einen winzigen Tupf auf die Nase. Offenbar war das sehr dringend gewesen.

»So, jetzt hat er's, der Hering,« lachte sie, winkte ihm mit der Hand und huschte hinaus.

Sie hatte seine Engelkinder noch nicht gesehen. Als sie jetzt das Zeug erblickte, übermannte sie das 33 Mitleid. »O du mein Gott,« seufzte sie und rang die Hände, als bedaure sie die herzigen Kinder, die man so übel behandelt hatte. Dann schien sie einen Augenblick betroffen und stieg hastig auf das Podium. Ja, sie hatte richtig gesehen, die Augen waren blau. Blau wie die ihren. Die Hände gefaltet, stand sie eine Weile da und sah in diese blauen Augen, die übrigens so schlecht gemalt waren, wie das Übrige. Dann schien sie etwas wie einen Schleier von sich abzuschütteln, ihre verdüsterten Züge hellten sich wieder auf und sie griff rüstig zu ihrem Malzeug. Kohlmann war ja beim Heringschmaus, der störte sie jetzt nicht. Und rasch, als habe die lange Rast ihre Kraft verdoppelt, begann sie die beiden Engel zurechtzumalen, mit saftigen Meisterstrichen, daß das Blut in ihnen zu blühen begann und die Form sich zu runden . . . Stundenlang malte sie so fort, in einer Wut der Arbeit, daß ihr die hellen Tropfen über die Stirne rannen. Sie war fertig, bis auf die Augen. Da füllte sie einen dicken Pinsel recht dick mit einer recht braunen Mischung und fuhr . . .

»Nein, sie sollen so bleiben,« murmelte sie und legte Pinsel und Palette hin.

34 »Fräulein Bauer!« rief eine entzückte Stimme hinter ihr. Sie schrak zusammen und wandte sich rasch um. Kohlmann stand da, in großer Aufregung, die Augen schwimmend, wie die seines Herings, und schlug in einemfort die feuchten Handflächen an einander, daß sie leise klatschten.

»Sie haben mir zugesehen, Kohlmann?« fragte die Malerin fast besorgt.

»Seit einer Stunde, Fräulein Bauer, seit einer Stunde. O, was sind Sie für eine Künstlerin! Und was für ein Herz! . . . Ich weiß ja jetzt alles, alles! . . . Darum also konnte ich nichts mehr malen, als Sie krank wurden.« Und dann verbesserte er sich rasch: »Auch darum, Fräulein Bauer, auch darum!«

»Ich bin verraten. Sind Sie böse, Kohlmann?« fragte sie, eine Hand auf seiner Schulter, von oben herab, denn sie stand auf dem Tritt.

»Böse?« schrie er, – glücklicherweise war kein Besucher mehr da.

Sie sahen sich in die Augen, die beiden einsamen, gealterten Arbeiter. Die eine Hand stützte sie noch immer auf seine Schulter, die andere hatte er mit seinen beiden gefaßt.

35 »Und die Augen . . . bleiben sie blau?« fragte er leise.

»Ja, Kohlmann,« sagte sie.

Da küßte er ihre Hand.

Nach einigen Minuten, in denen viel Wichtiges geschwiegen wurde, hob Kohlmann wieder an: »Ich meine, Fräulein Bauer . . .« Da lachte er verlegen auf und berichtigte sich: »Ich meine, liebe Karoline, wir könnten gewissermaßen . . . gleich den Ehevertrag unterschreiben.«

Und als sie ihn nicht zu begreifen schien, bückte er sich nach jenem dicken Pinsel, der noch dick gefüllt war mit jener dunkelbraunen Mischung. »Das war deinen lieben Augen zugedacht,« sagte er vorwurfsvoll und setzte sich auf den Rand des Podiums, um die rechte Ecke der großen Tafel bequem zur Hand zu haben. Denn dort hinein schrieb er nun, so leserlich er konnte, den Doppelnamen: »Kohlmann-Bauer.«

Ein Herr, der kurz vorher eingetreten war, sah ihm dabei zu. Er sah sehr würdig aus in seinem langschößigen schwarzen Rock und hohen Schornsteinhut, mit dem weißen, rückwärts schließenden Kollar, das ihn als englischen Reverend 36 kennzeichnete. »Verzeihung, Sir,« sagte er zu dem Maler, »Sie sind ja jedenfalls Herr Kohlmann-Bauer?«

»Ich?« rief Kohlmann etwas unsicher. »Nein, mein Herr, das könnte ich nicht gerade behaupten. Aber hier . . . hier steht Frau Kohlmann-Bauer . . . gewissermaßen.«

»Pardon,« rief nun aber Fräulein Bauer, »das kann ich durchaus nicht zugeben; Frau Kohlmann-Bauer bin ich nicht.«

Der Reverend machte ein sehr erstauntes Gesicht, so was man in England »puzzled« nennt.

»Aber,« sagte er, »wer hat denn diese Kopie angefertigt?«

37 Kohlmann zeigte auf Fräulein Bauer; Fräulein Bauer zeigte auf Kohlmann.

Der Reverend wußte nun gar nicht mehr, was er denken sollte. Machte man sich über ihn lustig? Wußten die zwei wirklich nicht, wie sie hießen und wer jene Kopie gemacht hatte? Er machte also ein sehr würdiges Gesicht und wandte ihnen ohne Abschied den Rücken.

Auch mehrere andere Personen waren mittlerweile hereingekommen.

»Rasch!« rief ein feister Herr seiner Familie zu, »man wird sogleich schließen. Wir haben just noch drei Minuten, um das Hauptbild der Galerie anzusehen; die Table d'hôte hat aber auch anderthalb Stunden gedauert.« Seine Frau und Tochter gehorchten denn auch ohne Widerrede und betrachteten »rasch« die berühmte Sixtinische, wie sich ihr Oberhaupt ausdrückte. Um so rascher, als Mama durch einen vorüberfahrenden Wagen bespritzt worden war und die Spritzer auf dem malvenfarbenen Seidenkleid nun eben trocken genug waren, daß das Töchterchen sie durch Reiben und Wischen wegbringen konnte. Diese Arbeit mußte gethan werden, da man nachher auf die Brühlsche Terrasse 38 zu gehen gedachte, zum Konzert. Aber in drei Minuten war ja das geschickte Fräulein auch fertig damit, keine chemische Putzanstalt hätte es so flink gemacht.

Unterdessen stand eine andere Gruppe in tiefe Betrachtung versunken; drei ältere, offenbar gebildete Damen. Sie sagten nichts, schienen aber von dem Anblick tief durchdrungen. Erst als sie sich zum Gehen wandten, trat die eine noch rasch an das Bild heran und schien etwas am unteren Rande zu suchen. »Es ist nicht signiert,« sagte sie zu den Freundinnen, als sie sie eingeholt hatte; »eigentlich habe ich ein gewisses Mißtrauen gegen Bilder, die nicht signiert sind; sie könnten ja auch unecht sein.«

»Das da ist gewiß nicht unecht,« entgegnete eine ihrer Gefährtinnen lachend und wies von der Schwelle aus nach der Kopie zurück, »das ist signiert und zwar gleich doppelt.«

Wenig fehlte, so wäre Kohlmann auf sie losgegangen und hätte nach der Adresse ihres Gatten gefragt, um ihn zu fordern. Aber ein schmächtiger, blonder junger Mann, der sich vom Anschauen der Göttin gar nicht losreißen konnte, hielt ihn zurück, 39 denn er brauchte jemanden, um sein überquellendes Herz auszuschütten.

»Welche Milde in diesen Augen,« sagte er also zu Kohlmann, dem wütenden, der ihm hart erwiderte:

»Im Gegenteil, diese Augen sind die furchtbarsten, die ich kenne!« Er dachte sich freilich dazu: »Man muß nur einmal versucht haben, sie zu malen.«

»Der Schleier, der ihr Haupt umwallt, wie leicht!« fuhr der blonde Jüngling, der ihn überhört hatte, fort.

»O, der Schleier ist gar schwer,« brummte Kohlmann, mit demselben Hintergedanken.

Da wich der Blonde ängstlich von ihm, als wolle er nicht teilhaben an der Lästerung. Auch erscholl nun die Schlußglocke, hell und streng, und mahnte zum allgemeinen Rückzug.

Noch einen Augenblick standen Kohlmann und Fräulein Bauer vor der Muttergottes und schauten in stiller Rührung zu ihr hinan. Sie hielten sich an den beiden Händen gefaßt, und die Glocke draußen klang immer weicher und wärmer, wie eine Kirchenglocke. 40 41 42 43

 

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