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Reeder und Matrose

Ernst Willkomm: Reeder und Matrose - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleReeder und Matrose
authorErnst Willkomm
firstpub1857
year1926
publisherLeuchtfeuer-Verlag
addressHamburg
titleReeder und Matrose
pages3-13
created20050628
sendergerd.bouillon
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1

Nach einem heftigen Gewitter, das unter Sturm und Regen über die Niederelbe von Süden nach Norden zog, trat ein erquickend milder Abend ein. Noch war viel Bewegung in der Luft, der volle Glanz der Sonne aber, die bereits niedrig stand, und Himmel und Gewölk mit flimmerndem Gold übergoß, verkündigte schönes Wetter.

Nachdem der Sturm ausgetobt hatte, belebte sich der Hafen Hamburgs und der Strom von Neuem mit zahllosen Fahrzeugen, der monotone, bald leise, bald geschreiartig zum Quai herüberschallende Gesang der Matrosen auf den Schiffen, deren Ladung gelöscht ward, ließ sich wieder hören, und das Leben gestaltete sich gewühlvoller denn je.

Wie hätte es auch anders sein können, da es Sonnabend war und der Tag bereits zu Ende ging. Jeder wollte noch möglichst viel vor Einbruch der Dunkelheit beseitigen, und so hasteten denn schwer tragende Menschen an allen Landungsplätzen, die Schutenführer strengten sich an, ihre Fahrzeuge durch die Kanäle nach den Speichern zu befördern, und an den Luken in den Speicherräumen sah man überall viele Hände in rühriger Tätigkeit, um aus den unten in den Fleeten liegenden Fahrzeugen die erhaltenen Ballen und Säcke aufzuwinden und sicher zu stauen.

Diesem bewegten Leben sah, an die Brustwehr auf dem Kehrwieder gelehnt, ein Mann von etwa fünfzig Jahren wohlgefällig zu. Er trug die gewöhnliche Tracht der Arbeiter und seine schwieligen breiten Hände, sein gerötetes Gesicht, das sich vor keinem Wetter scheuen mochte, ließen auf den ersten Blick einen geschäftskundigen, überall selbst mit zugreifenden Quartiersmann erkennen, deren die gewaltige Handelsstadt viele besitzt, und die in mancher Hinsicht als Männer, denen man unbedingtes Vertrauen schenken darf, die rechte Hand großer Handelsherren sind.

Der Quartiersmann Jacob Behnke kam zurück vom Speicher eines Kaufmannes, wo er beim Ausladen der letzten Schute Weizen zugegen gewesen war, und wollte nun, alter Gewohnheit gemäß, noch einen Blick auf das Lärmen im Hafen und auf das lebendige Durcheinander am gegenüberliegenden Ufer werfen.

Auf den hochgegiebelten Häusern und den Mastenspitzen der Seeschiffe, die weiter draußen auf der Elbe lagen, glänzte noch das Sonnenlicht, und die goldene Krone, welche die Spitze des Katharinenkirchturmes umgibt, leuchtete wie ein Feuerball und zog wiederholt die Blicke des Quartiersmannes auf sich.

Mit dem Versinken der Sonne änderte sich das so interessante Bild schnell.

Behnke hatte diesen allmählichen Übergang von der eifrigsten Tätigkeit zur völligen Sonnabendsruhe viele hundert Male beobachtet. Er sah nur Allbekanntes, und dennoch konnte er nie in seine bescheidene Wohnung heimkehren, ohne, wenn das Wetter nicht gar zu widerwärtig war, diesen Anblick, an dem sein gut hamburgisches Herz sich labte, immer von Neuem wieder zu genießen. Er fühlte sich froh und glücklich, wenn er den Glanz und Wohlstand der Stadt, deren Sohn er war, betrachten konnte, und obwohl ihm selbst nur ein sehr bescheidenes Glückslos zugefallen war, würde er es doch schwerlich mit einem andern, selbst nicht mit einem glänzenderen, vertauscht haben.

Es dunkelte. Behnke faßte mechanisch an die Kette des Kranes, neben dem er stand, und hob sich etwas daran empor, um hinabzusehen aus das plätschernde Wasser, wo seine Schute angekettet lag. Gerade als er sich so überzeugte, flog noch ein kleines Beiboot unter raschen Ruderschlägen heran, dem Binnenhafen zu. Außer dem Rudernden saß nur eine einzige Person darin. Der Quartiersmann sah scharf hinab und sein weittragendes Auge erkannte einen Kapitän, den er lange nicht mehr gesehen hatte.

»Heda, Claus«, rief er dem im Boot Sitzenden zu, »seid Ihr's wirklich? Wo habt Ihr so lange vor Anker gelegen? In Brasilien oder an der Goldküste?«

»Guten Abend, Jacob«, versetzte der Kapitän. »Wie ist's Befinden? Doch alles klar im Hause?«

»Alles klar«, erwiderte der Quartiersmann. »Und bei Euch, Claus?«

»Danke, gut!« entgegnete der Kapitän. »Bin vor einigen Stunden erst mit der Flut aufgekommen. Habt Ihr Nachricht von Euerm Paul?«

Behnke holte schwer Atem. »Leider nein«, sagte er zögernd. »Seit einem halben Jahre hat er nicht mehr geschrieben. Als die ›Marie Elisabeth‹ in Rio angekommen war, meldete mir der wackere Junge, wie es ihm ergangen sei auf seiner ersten großen Reise. Er war munter und versprach vor Abgang des Schiffes nochmals zu schreiben. Das hat er aber nicht getan.«

»Nun, dann kann ich Euch sagen, daß ich ihn und die gesamte Mannschaft der ›Marie Elisabeth‹ im mexikanischen Meerbusen wohl angetroffen habe. Läßt Euch grüßen, Alter, im Oktober will er wieder an seiner Mutter Tisch Anker werfen. Guten Abend, Jacob, auf Wiedersehen!«

Behnke erwiderte dankend den freundlichen Gruß; das Boot schoß zwischen den vielen Ewern fort, den Kajen zu, und verschwand unter der über das breite Fleet führenden hohen Brücke.

Diese unerwartete Kunde von dem Sohne, vor dessen Leben ihm in den letzten Wochen oft gebangt hatte, machte auf Jacob einen belebenden Eindruck. Paul war sein einziger Sohn und der Vater hätte es lieber gesehen, er wäre ihm zur Hand gegangen; denn bei dem Rufe, dessen der Quartiersmann sich erfreute, und bei der großen Bekanntschaft, die er sich sowohl unter der Kaufmannschaft wie unter den Arbeitsleuten erworben hatte, konnte es nicht fehlen, daß der Sohn dereinst seine Stelle erhalten mußte. Paul aber zeigte einen so unbezwingbaren Hang zum Seeleben, daß Jacob den Tag für Tag sich wiederholenden Bitten des Sohnes nicht widerstehen konnte, Er gab seine Einwilligung, obwohl mit schwerem Herzen, und hatte bald einen Mann gefunden, dem er den eben von der Schule entlassenen Knaben anvertrauen durfte. Mit fünfzehn Jahren war Paul Schiffsjunge und machte als solcher zuerst eine Reise nach England und Schottland. Seine Liebe zum Seewesen erleichterte ihm den oft so schweren Schiffsdienst, ließ ihn schnell das Schwierigste fassen und brachte ihn rasch vorwärts. Der Kapitän war äußerst zufrieden mit dem behenden, muntern, kecken und immer gut gelaunten Paul, und als er sich in einen Matrosen verwandelt hatte, nahm er ihn mit auf einer Reise ins Mittelmeer, wo der kaum zum Jüngling herangereifte Knabe die romantische Herrlichkeit dieser schönsten Gegenden Europas erlebte.

Paul blieb nach seiner Rückkehr einige Monate daheim, studierte fleißig und erklärte mit der ihm eigenen Bestimmtheit, die immer das Zeichen eines starken Charakters ist, daß er nur dann wieder eine Heuer annehmen werde, wenn es ihm gelänge, einen Kapitän zu finden, der ihn als Vollmatrose auf einem West- oder Ostindienfahrer engagieren wolle.

Freilich war Paul noch sehr jung, aber er hatte sich Kenntnisse mancherlei Art erworben. Er sprach drei Sprachen, und da er kräftig war und Mut und Geistesgegenwart ihn nicht verließen, so mußte der gern zum Zaudern geneigte Vater wohl seine Zustimmung geben, als ihm der Sohn eines Tages wohlgemut meldete, daß er ein Schiff und einen Kapitän gefunden habe, wie er ihn begehre.

Vierzehn Tage später segelte er an Bord der Bark ›Marie Elisabeth‹ von Hamburg ab und zwar vorerst nach Kuba.

Aus Havanna, später aus der Hauptstadt Brasiliens, waren Pauls Vater erfreuliche Nachrichten von dem Befinden des jungen Matrosen zugegangen, später aber erfuhr niemand etwas von dem Schicksal der ›Marie Elisabeth‹.

Hastiger als gewöhnlich trat Behnke in seine Wohnung, wo der Abendtisch für den heimkehrenden Vater schon gedeckt war.

»Gute Botschaft, Frau«, sagte er mit vergnügtem Gesicht, die kurze, weite Jacke ablegend, die er bei seiner Arbeit trug und sich bequem in den Sorgenstuhl am Fenster niederlassend. »Unser Sohn kommt hoffentlich schon Anfang Herbst wohlbehalten zurück. Kapitän Claus, dessen Schoner heute aus New-Orleans angekommen ist, hat das Schiff in der mexikanischen See angesprochen.«

Die letzten Worte vernahm zugleich mit der Mutter ein junges, sauber, aber bürgerlich einfach gekleidetes Mädchen, das ihren Gesichtszügen nach zu urteilen kaum zwanzig Jahre zählen konnte.

»Paul lebt? Paul ist gesund?« rief sie vor Freude errötend dem Vater zu, das schmale feingeflochtene Körbchen mit dem kokett darüber gebreiteten hochroten Tuch, dessen eines Ende fast den Fußboden berührte, auf die Tischecke stellend. »Warum hat er so lange nichts von sich hören lassen?«

»Danken wir Gott, daß wir jetzt Hoffnung haben, den so lange Entbehrten in einiger Zeit wieder zu sehen«, warf mit tadelndem Tone die Mutter ein.

»O, erzähle doch, Vater!« drängte Christine, deren liebliches Gesicht jetzt im Schein der Lampe, welche die Mutter mitten auf den Tisch stellte, noch an Reiz gewann. Christine war in der Tat ein hübsches Mädchen, schlank gewachsen, voll und doch von zartem, graziösem Gliederbau, mit reichem hellbraunen Haarwuchs und blauen Augen.

»Sag uns, was du Gutes von dem fernen Bruder erfahren hast?«

Jacob mußte lachen, während er dem vor ihm auf der glänzend gescheuerten, mit blaßgrauer Ölfarbe angestrichenen Diele knieenden Mädchen in das erwartungsvolle Gesicht sah.

»Kleine Närrin«, versetzte er, der Tochter einen leichten Klaps gebend, »wie soll ich erzählen, wenn ich selber nichts weiß? Außerdem mahnt mich der Magen, daß die Uhr bald neun ist und du kennst ja meine Schwäche. Hunger macht mich immer stumm. Laß also sehen, was die Mutter bereit hält.«

Die drei Bewohner des Hauses, welches Jacob Behnke schon seit einer Reihe von Jahren sein Eigentum nannte, nahmen Platz, und Vater suchte seine neugierige Tochter nach Kräften zu befriedigen.

»Wem gehört denn das Schiff, das Kapitän Claus jetzt fährt?« fragte Christine, dem Vater ein Glas mischend und die gebräunte lange Tonpfeife reichend. »Das Schiff hat meines Wissens zwei Reeder«, erwiderte Jacob, »denn der Kapitän ist selbst beteiligt. An der Börse aber kennt man als Reeder den Kaufmann Ehrenthal, Firma: J. K. Ehrenthal Söhne.«

»Ist mir nicht bekannt«, sagte wichtig Christine. »Er hat wohl weniger Ruf als Herr Heidenfrei?«

»Sind reiche Leute, die Ehrenthals«, erwiderte Jacob. »Zwar sagen manche, die den Söhnen nicht wohl wollen, weil sie früher etwas flott lebten, die Solidität des Geschäftes, das der Vater gründete, ruhe nicht mehr auf so sichern Grundlagen. Ich glaube, die Ehrenthals sind nach wie vor Ehrenleute, und wenn sie meiner Dienste bedürfen, bin ich immer bereit, ihnen eben so schnell und gern meine Hände darzureichen, wie jedem Andern.«

»Herrn Heidenfrei kommen sie doch nicht gleich«, meinte Christine. »Lieber Gott, was ist für ein Leben in dem Hanse! Mir würde schwindlig, wenn ich den vielen Menschen, die tagaus, tagein Fragen an den stillen, alten Herrn richten, Antwort geben sollte.«

»Glaub's wohl«, lachte Jacob. »Ein Kopf wie Herr Heidenfrei wird nicht alle Tage geboren, und noch seltener vielleicht sind die Herzen, die sich von solchem Kopfe nicht zermalmen lassen.«

»Warst du heute im Kontor?« fragte Doris die Tochter.

»Im Kontor nicht, bloß auf der Diele«, versetzte Christine. »Ich gehe ungern in die Schreibzimmer, denn es wimmelt da von Maklern, die alle etwas zu erfahren wünschen.«

Schon während Christine sprach, drangen abgerissene Töne eines mit lauten Stimmen gesungenen Liedes in das Zimmer.

Jacob fesselte der harmonische Gesang des fremdartig klingenden Liedes, das kräftige Männerkehlen anstimmten und das offenbar irgendwo im Süden Europas seine Heimat hatte. Dieser Gesang, dem auch Doris und Christine verwundert lauschten, kam jetzt näher. Nach ein paar Sekunden schwiegen die Sänger. Eine Kette klirrte, Lachen, fremdtönende melodienreiche Worte hallten herauf, und endlich näherten sich schnelle Schritte. Die Ankömmlinge stiegen von der Straße her in den im Hause befindlichen Wirtschaftskeller hinab.

Man vernahm Guitarrespiel, zu dem eine sonore kräftige Männerstimme eine schmeichelnde Melodie sang.

»Ich wette, das sind Spaniolen«, sprach Jacob, als der Sänger eine Pause machte und von einem lauten Hurra der Übrigen für seine Unterhaltung belohnt ward. Nach einem Zusammenklingen der Gläser hob Spiel und Gesang von Neuem an, und sowohl die Besucher des Kellers wie die darüber wohnende Familie hörten den wunderbar süßen Klängen des unbekannten Sängers mit steigender Verwunderung zu.

»Wer mag das wohl sein?« unterbrach Jacob das allgemeine Schweigen, als der Sänger abermals aufhörte. »So lange ich hier wohne, habe ich dergleichen nicht vernommen. Spanische und portugiesische Matrosen gewöhnlichen Schlages pflegen zwar weniger im Trunk auszuschweifen, als Holländer, Dänen und Engländer, im Vortrage schlechter und schlecht gesungener Lieder dagegen bleiben sie hinter keiner andern Nation zurück.«

Plötzlich ließen sich eigentümlich schnarrende Töne hören, die unmittelbar ein lautes Lachen erregten; dann hörte man eine monotone, seelenlos klingende Stimme einzelne wenige Worte unbeholfen sprechen, als bemühe sich ein Papagei oder ein Star ihm oft vorsagte Worte mit schwerer Zunge nachzustammeln. Diese seltsame Stimme wiederholte die Worte anfangs langsam, später schneller und betete sie endlich nach einem immer mehr sich beeilenden Takt her, als würden sie durch ein Uhrwerk hervorgebracht. Die Gäste im Keller lachten laut darüber. Jacob aber ward beim Anhören dieses immer unheimlicher klingenden Kollerns bald ernst, sein Gesicht verdüsterte sich, er legte die Pfeife weg.

»Ich hab's«. sagte Jacob. »Es sind Gaukler, vielleicht aus der Gascogne, vielleicht auch aus Granada. Vor ein paar Tagen schon hieß es, daß solch Volk mit einem spanischen Schiff hier eintreffen solle. Wahrscheinlich ist einer von der Gesellschaft schon früher einmal in Hamburg gewesen, hat hier Bekanntschaften gemacht und gibt nun vorläufig diesen Bekannten einige seiner Künste zum Besten. Ja, ja, so wird's sein, setzte er bestätigend und sich selbst beruhigend hinzu. Da fängt der närrische Spaß von Neuem an. Na, laßt sie machen. Mich dünkt, wir haben vorerst genug von diesen ausländischen Herrlichkeiten gehört, und damit wir morgen die Kirche nicht versäumen, halt' ich es fürs Beste, wir lassen die Narren tun, was sie wollen, und sehen zu, daß uns der Himmel einen erquickenden Schlaf schenkt.«

Das junge Mädchen war in dieser Nacht nicht allein eine aufmerksame Zuhörerin der fremden Virtuosen, auch Jacob mußte bald auf die schmelzenden Laute ihrer Lieder, bald wieder auf das unheimlich klingende, monotone und seelenlose Geschwätz des sprechenden Vogels oder was es sonst sein mochte, hören. Mit dem festen Entschlusse, schon am nächsten Morgen Nachfrage bei dem Kellerwirt zu halten und über die wunderlichen Nachtschwärmer Erkundigungen einzuziehen, fiel der Quartiersmann endlich in tiefen Schlummer, der ihn festhielt, bis ihn früh die dumpfen Töne der Betglocke von St. Nicolai wieder erweckten.

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