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Reden gegen Verres

Marcus Tullius Cicero: Reden gegen Verres - Kapitel 8
Quellenangabe
typespeech
authorMarcus Tullius Cicero
titleReden gegen Verres
publisherDruck und Verlag von Philipp Reclam jun.
editorFriedrich Spiro
seriesCiceros Ausgewählte Reden
volumeSechstes Bändchen
translatorFriedrich Spiro
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090617
projectid960588ef
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Der Anklage vierter Teil. Von den Kunstwerken

I. (1) Ich komme jetzt zu Verres' »Lieblingsneigung«, wie er's nennt; seine Freunde sagen dafür »Manie« oder »Tollheit«, die Sicilianer einfach »Räuberwut«. Mir kommt auf den Namen nichts an; Thatsachen will ich euch erzählen, darauf sollt ihr nach ihrem Werte, nicht nach dem Namen euer Urteil fällen. Ich bezeichne zuerst den allgemeinen Charakter, dann werdet ihr nach dem Namen wohl nicht lange zu suchen brauchen. In der ganzen reichen alten Provinz Sicilien, bei ihrer großen Zahl wohlhabender Familien, giebt es kein Silbergefäß, keine korinthische oder delische Bronzevase, keine Gemme oder Perle, keine Gold- oder Silberarbeit, keine Marmor-, Erz- oder Elfenbeinstatue, kein Bild und keinen Gobelin, den Verres nicht aufgestöbert, geprüft und je nach Belieben entführt hätte. (2) Das klingt unglaublich, aber ich bitte zu beachten, wie ich es meine: ich drücke mich so allgemein aus, nicht um eine Redensart zu machen oder um seine Schuld zu übertreiben, sondern wenn ich sage, er hat in der ganzen Provinz nichts von jenen Dingen übrig gelassen, so red' ich buchstäblich wie ein ehrlicher Römer und nicht tendenziös wie ein typischer Ankläger. Um also noch deutlicher zu sein: in Privathäusern und öffentlichen Gebäuden, bei seinen Gastfreunden und in den Tempeln der Götter, bei Sicilianern und römischen Bürgern, hat er nichts was ihm ins Auge stach, Privat- oder Gemeindebesitz, weltliches oder Kirchengut – mit einem Worte nichts in ganz Sicilien übrig gelassen.

(3) Machen wir den Anfang mit derjenigen Gemeinde, die deinem Herzen ganz besonders nahe steht; du hast ja sogar ein Anerkennungsschreiben von ihr bekommen. Denn dein Benehmen bei deinen Anklägern und Feinden wird man am besten beurteilen können, wenn man weiß, wie schändlich du bei deinen geliebten Freunden, den Mamertinern Die Mamertiner und Syrakusaner waren die einzigen Gemeinden, die sich anerkennend über Verres geäußert hatten. Mit großer Kunst hat Cicero diese Rede so disponiert, daß sie von den Schilderungen der Vorgänge bei jenen Beiden gewissermaßen eingerahmt wird; so weiß er das eine Mal die Aufmerksamkeit des Lesers rege zu machen, das andere Mal einen besonders wirksamen, eigenartigen Abschluß zu finden. gehaust hast.

II. Wer jemals mit der Stadt Messana Daß Messana keine Kunstwerke enthielt, erklärt sich daraus, daß die griechischen Bewohner dieser Stadt seit langem ausgerottet und durch italische Mamertiner ersetzt waren. zu thun gehabt hat, kennt daselbst den Gaius Heius als den angesehensten aller Mamertiner. Sein Haus ist das schönste der Stadt, sicher das bekannteste, den Fremden jederzeit zugänglich und für uns Römer im höchsten Grade gastfrei. Dieses Haus besaß nun bis auf Verres' Zeiten Schätze, die es selbst zu einem Schatze für die Stadt machten. Denn Messana verfügt wohl über eine schöne Lage, gute Mauern und Hafenanlagen, doch was den Verres reizt, das fehlt vollständig. (4) Im Hause des Heius befand sich aber eine alte, seit Generationen von der Familie liebevoll gepflegte Kapelle, darin vier herrliche Statuen, kostbar und berühmt, die nicht nur diesem kunstsinnigen »Kenner« hier, sondern auch den Laien, wie er uns zu nennen liebt, imponieren konnten. Eine davon war ein marmorner Eros von Praxiteles Praxiteles war der größte attische Bildhauer des vierten Jahrhunderts, einer der berühmtesten unter den indirekten Nachfolgern des Pheidias, mit dessen Thätigkeit in der Mitte des fünften Jahrhunderts man den Höhepunkt der gesamten antiken Kunst zu bezeichnen pflegt. Von Praxiteles' Art kann man sich eine Vorstellung nach dem einzigen erhaltenen Originale machen, jenem Hermes, den die deutschen Ausgrabungen in Olympia zu Tage gefördert haben; sehr viel berühmter waren jedoch im Altertum die später erwähnte Aphrodite zu Knidos, ein Satyr, mehrere andere Darstellungen von Gestalten des bacchischen Kreises, und namentlich der Eros, den er für die einstmals blühende Stadt Thespiai am Helikon arbeitete, wo seit Urzeiten der Kultus des Eros in einem sehr viel ernsteren und tieferen Sinne heimisch war als es die späteren, uns geläufigen Mythen ahnen lassen. – Die Versuche der Archäologen, diesen Werken und zumal dem Eros mittels römischer Nachbildungen auf die Spur zu kommen, haben zu keinem für Künstler überzeugenden Resultate geführt. – man sieht, sogar Künstlernamen habe ich bei dieser Untersuchung gelernt. Man beachte, wie Cicero auch hier mit seiner angeblichen Unbildung kokettiert. Eine Replik dieser Statue von der Hand desselben Meisters ist der berühmte Eros in Thespiai, dem zuliebe man nach Thespiai geht; sonst hat man nämlich wirklich keine Ursache dorthin zu gehen. Als Lucius Mummius daselbst war und die Thespiaden, die jetzt beim Tempel der Felicitas stehen, mit den übrigen Profanbildwerken hierher überführte, verschonte er den Eros als ein gottgeweihtes Heiligtum. Natürlich ward auch dieser berühmte Eros einige Zeit später nach Rom gebracht, wo er zu Grunde ging. Es darf wohl bei dieser Gelegenheit an ein noch viel zu wenig bekanntes aber sehr beherzigenswertes Wort des größten lebenden Altertumsforschers erinnert werden: er erinnert daran, daß die schlimmsten Zerstörungen auf griechischem Gebiete nicht von Türken oder Slaven, sondern von Italikern herrühren. In der That wurde die Zerstörung z. B. Athens durch Sulla begonnen und durch Morosini beendet, der im Jahre 1687 den Parthenon, das höchste Meisterwerk antiker Bau- und Bildhauerkunst, wochenlang bombardieren und schließlich in die Luft sprengen ließ. Und nicht nur auf Griechenland, auch auf Italien findet dieses Wort Anwendung; wo man antike Bau- und Bildhauerwerke fand, da fand man auch Kalköfen, in denen die Marmorstatuen und -Säulen zu Kalk gebrannt wurden; wo eine Tempel- oder Theaterwand noch aufrecht steht, da sieht man sie von den Löchern bedeckt, die man im Mittelalter bohrte, um die Eisenklammern herauszuholen; der einzige Papst Sixtus V., der sich rühmte, den siebenstöckigen Palast des Septimius Severus und alle antiken Bauten, die ihm die Aussicht von seiner Villa auf dem Quirinale »beeinträchtigten«, niedergerissen zu haben, er allein hat mehr »Vandalismen« begangen als alle Vandalen zusammen genommen. Nicht minder Papst Paul V. und viele andere; das Kapitel ist unerschöpflich.

III. (5) Doch zurück zu jener Kapelle. Gegenüber dem Marmorbilde des Eros stand ein vorzüglicher Herakles aus Bronze; ich glaube, von Myron Myron von Eleutherai, durchaus als attischer Bildhauer zu betrachten, war der letzte unmittelbare Vorgänger des Pheidias, voll sprühenden Geistes, glänzender Erfindungsgabe und hinreißender Gestaltungskraft. Im rein Formalen des Details erreicht er die Höhe der folgenden Generation noch nicht, bezeichnet aber auch auf diesem Gebiet einen erstaunlichen Fortschritt gegen alle früheren wie gegen seine peloponnesischen Zeitgenossen. sollt' er sein, jedenfalls war's eine Arbeit ersten Ranges. Davor standen zwei kleine Altäre, so daß der Raum für jedermann als Stätte der Religionsübung deutlich bezeichnet war. Zwei weitere Bronzestatuen, nicht sehr groß in den Dimensionen, aber von ganz besonderer Anmut, jungfräulich in Charakter und Kleidung, stellten Athenermädchen dar, die nach dem religiösen Brauch ihres Landes heilige Gegenstände auf dem Kopfe trugen und mit erhobener Hand stützten – man bezeichnete sie als Kanephoren. Die berühmtesten Karyatiden dieser Art wurden im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf der Akropolis von Athen beim Neubau des Erechtheions errichtet, dessen Vorhalle sie tragen sollten. Drei stehen noch an Ort und Stelle, die vierte ist – diesmal nicht durch Verres, sondern durch die Engländer – geraubt worden. – »Und der Künstler?« – gut, daß man mich daran erinnert: Polyklet. Polyklēt von Argos war der größte Vertreter der peloponnesischen Bildhauerkunst in der Zeit des Pheidias. Von seiner wie von Myrons und Lysippos' Art kann man sich durch ausgezeichnete antike Kopien eine annähernde Vorstellung bilden. Er war ein Meister in der Beherrschung des Technischen und Formalen; diese Sicherheit sowie die einseitige Betonung des rein Korrekten, Äußerlichen und Normalen haben ihn für das ganze Altertum zum Abgotts der Fachleute, namentlich der Kunsthandwerker gemacht, von denen sich natürlich in Rom wie heutzutage das »gebildete« Publikum seinen Geschmack machen ließ. Alle seine Gestalten sind vollendet, man kann nichts gegen sie einwenden, man fühlt sich solid bei ihrem Anblick; aber von dem, was man Geist und Leben nennt, ist keine Spur vorhanden, und ob er einen Dionysos oder einen marschierenden Soldaten, eine Amazone im Sterben oder einen Athleten bei der Toilette bildet, das bleibt sich alles gleich. So verhält er sich zu seinem großen athenischen Zeitgenossen etwa wie Rubens zu Rembrandt, oder wie Händel zu Bach; lebten sie im neunzehnten Jahrhundert, man würde vermutlich Polyklet zum Akademiedirektor ernennen und Pheidias verhungern lassen. – Wer von uns je nach Messana gekommen ist, suchte diese Statuen auf; der Zutritt stand jedermann täglich frei – dieses Haus war eben für die Gemeinde ein Stolz wie für seinen Besitzer. (6) Jenen Eros hat Gaius Claudius einmal als städtischer Polizeipräsident bei seinen überaus glänzenden Festspielen verwendet, aber nur für die Zeit, wo er zur Ehre der Götter und der Stadt Rom das Forum ausschmückte; er war der Familie Heius Gastfreund, des Mamertinervolkes erklärter Schützer und erwiderte die Freundlichkeit, mit der man ihm die Staute leihweise überließ, durch strengste Pünktlichkeit in der Zurückerstattung. Noch später, ja was sag' ich, bis in die jüngste Zeit haben wir es erlebt, daß vornehme Leute Markt und Hallen nicht mit geraubtem Gute der Provinzen sondern mit den Luxusgegenständen ihrer Freunde und Gäste dekorierten; man lieh aus und stahl nicht, man stellte nachher alles zurück, aber man füllte nicht seine Villen und Paläste mit den Kunstschätzen verbündeter Städte unter dem Vorwande sie als Festgeber für vier Tage zu brauchen. (7)  Alle die genannten Statuen hat Verres aus der Kapelle des Heius entführt; auch alle übrigen, die er dort vorfand, nahm er mit – bis auf eine uralte hölzerne, ich glaube Fortuna: die wollt' er in seinem Hause nicht haben. In diesem Satze liegt viel Ironie: einerseits galten die uralten Holzbilder für hochheilig und dem wahren Kenner besonders wertvoll, anderseits stellt Cicero ein für jeden Römer fühlbares Omen auf, wenn er sagt, Verres wollte die Fortuna, die Glücksgöttin, nicht in seinem Hause haben.

IIII. Nun bitt' ich um alles in der Welt, was soll das heißen? was für eine Sorte von Prozeß muß ich hier führen? was ist das für eine Unverschämtheit? Jeder römische Beamte in Messana hatte diese Statuen gesehen; so viele Konsuln und Prätoren kamen in Kriegs- und Friedenszeiten nach Sicilien, so viele Menschen des verschiedensten Kalibers, freche, habgierige, Betrüger (von den anständigen und frommen sprech' ich nicht): aber keiner kam sich so hoch vor, daß er sich an jenem Heiligtum auch nur mit einer Forderung vergriffen hätte. Und Verres soll überall das Schönste entführen, keinem etwas übrig lassen, alle fremden Häuser in sein eigenes ausleeren? dazu war man früher so bescheiden? dazu hat Gaius Claudius die Sachen zurückgebracht, damit ein Verres sie einsackt? Jener Liebesgott des Praxiteles hatte wahrhaftig keine Sehnsucht nach dem Haus der Kuppler- und Maitressenwirtschaft, sondern fühlte sich wohl in der heimischen Kapelle; er wußte, daß Heius ihn von seinen Ahnen als ein heiliges Erbstück überkommen hatte und fragte nicht nach dem Erben der Cocotte. Von der Erbschaft der Chelidon ist in früheren Reden gesprochen worden.

(8) Aber reg' ich mich nicht unnütz auf? Der Angeklagte kann mich ja vielleicht mit einem einzigen Wort entwaffnen: »Kauf!« – O, die köstliche Verteidigung! Also einen Kaufmann haben wir mit Amtsgewalt und Richtbeilen in die Provinz geschickt, damit er alle Statuen, Bilder, Kameen, Gold-, Silber- und Elfenbeinarbeiten aufkaufte und ja niemand etwas übrig ließe: denn ich merke schon, auf all meine Anklagen bekomm' ich immer nur die Antwort »Kauf« zu hören. Also, selbst zugegeben, es wäre wahr, du hättest wirklich alles gekauft – auf eine solche Universalausrede muß ich ja wohl eingehen – da frag' ich zunächst einmal: was machst du dir denn vom römischen Gericht für einen Begriff, wenn du dich berechtigt glaubst, als bevollmächtigter Statthalter so viel kostbare Gegenstände, ja alle irgend wertvollen Stücke aus der ganzen Provinz zusammenzukaufen?

V. (9) Wie gewissenhaft waren doch unsere Vorfahren! Sie dachten gewiß nicht an die Möglichkeit solcher Vorfälle, aber sie sorgten für alle kleinen Eventualitäten. Sie hielten es für ausgeschlossen, daß, wer vom Senat oder Volk amtlich in eine Provinz geschickt war, auf die Idee käme, sich z. B. Tischsilber zu kaufen – denn das bekam er vom Staat – oder Reisedecken – die mußte die Provinz ihm liefern. Höchstens einen Sklavenankauf hielt man für möglich, denn Sklaven brauchen wir alle und die werden uns nicht gestellt. So gaben sie das Gesetz: »Man kaufe keinen Sklaven als zum Ersatz für einen Verstorbenen.« – Und wenn einer in Rom gestorben war? – Eben gerade in diesem Falle. Denn sie wollten nicht, daß die Beamten sich in der Provinz häuslich niederließen, sondern daß sie ihren Bedarf für die Provinz ergänzten. (10) Wie kamen sie nun wohl dazu, uns so dringend vor Ankäufen in der Provinz zu warnen? – Weil sie nicht Kauf sondern Raub darin sahen, daß der Verkäufer nicht auf seinem Preise bestehen durfte. Sie sagten sich sehr richtig: wenn jeder, der als höchster Regierungsbeamter in eine Provinz kommt, alles dort vorhandene kaufen wollte und dürfte, so würden die Statthalter bald jeden irgend beliebigen Gegenstand für einen beliebigen Preis wegschleppen, ob der Besitzer wollte oder nicht. Jetzt wird man mir sagen: »Aber mit Verres nimmt man es nicht so streng, man kann seine Handlungsweise doch nicht vom Standpunkt altrömischer Gewissenhaftigkeit aus betrachten; laß ihn ungestraft kaufen, wenn er nur in anständiger Weise gekauft hat, ohne seine Stellung zu mißbrauchen oder die Verkäufer zu vergewaltigen.« – Gut, ich verspreche dir's: wenn Heius ein Stück verkaufen wollte und dafür den entsprechend seinem Werte geforderten Preis bekommen hat, so will ich nach deiner Berechtigung zum Kaufe nicht mehr fragen.

VI. (11) Was soll ich also thun? Etwa Beweise anbringen, wo man längst weiß, wie alles liegt? Ich muß wohl untersuchen, ob Heius Schulden hatte, vielleicht eine Versteigerung vornahm; ob in diesem Falle seine finanzielle Bedrängnis so arg, seine Not so drückend wurde, daß er seine Kapelle plündern und die Götter seiner Väter verkaufen mußte. Da ergeben denn die Rechnungsbücher, daß der Mann nie etwas versteigert hat, daß er außer seinem Obst und Gemüse im Leben nichts verkaufte, daß er, weit entfernt von Schulden, vielmehr stets in glänzenden Finanzverhältnissen gelebt hat. – »Aber vielleicht lockte ihn eine ungeheuer große Summe?« – Es ist von vornherein nicht anzunehmen, daß ein so vornehmer und reicher Mann sich aus seinem Glauben und seinen Familiendenkmälern weniger machen sollte als aus Geld. – (12) »Sehr wohl, aber es giebt unter Umständen Summen, die selbst die festesten Grundsätze erschüttern.« – Nun, dann wollen wir doch sehen, was es denn für eine Riesensumme war, die den reichen, nichts weniger als habgierigen Heius um alle Würde, Pietät und Frömmigkeit bringen konnte. Du hast es ja wohl selbst in sein Hausbuch eintragen lassen:

»Diese sämtlichen Statuen von Praxiteles, Myron und Polyklet für sechstausendfünfhundert Sesterzen an Verres verkauft.«

So steht's geschrieben; bitte das Dokument zu verlesen.

[Vorlesung aus dem Hausbuche des Heius.]

Es freut mich ungemein, daß diese berühmten Namen von Künstlern, die die »Kenner« in den Himmel erheben, durch Verres' Taxierung so tief gesunken sind. Ein Eros von Praxiteles für sechzehnhundert Sesterzen! Wahrhaftig, von hier stammt wohl das Sprichwort: »Lieber kaufen als bitten.«

VII. (13) Man wird mir einwenden: »Willst du denn die Sachen so gar hoch taxieren?« – Ich für meine Person taxiere sie überhaupt nicht, da ich sie nicht brauche und in keinem Verhältnis zu ihnen stehe; ihr aber müßt euch darum kümmern, wie hoch die speciellen Liebhaber solcher Werke ihren Wert anschlagen, wie teuer eben diese Exemplare bei einem öffentlichen Verkauf aus freier Hand etwa weggehen dürften, schließlich wie hoch sie Verres selber in solchem Falle ansetzen würde. Hielte Verres jenen Eros für nicht mehr als vierhundert Denare wert, er hätte nicht daran gedacht, sich um so eines Stückes willen ins allgemeine Gerede zu bringen. (14) Übrigens wißt ihr ja selber am besten, was für Summen man ausgiebt; bei Auktionen sahen wir Bronzestatuen von mäßiger Größe für vierzigtausend Sesterzen weggehen, und ich selber könnte Personen namhaft machen, die noch erheblich höhere Preise zahlten. Denn bei diesen Dingen geht der Geldwert mit der Passion Hand in Hand; man bietet mit derselben Leidenschaft wie man sich ein Objekt wünscht und kann nicht gut aufhören, so lange man sich nicht beruhigt hat. – Resultat: Heius ist weder durch eigene Neigung noch durch materielle Not noch durch eine besonders hohe Summe zum Verkaufe seiner Statuen gedrängt worden, sondern du hast mittels Scheinkaufes, unter Anwendung gewaltsamer Schreckmittel und Mißbrauch deiner Amtsgewalt einen deiner Regierung und deinem Schutze von uns ehrlich anvertrauten Bündner Roms gewaltsam ausgeraubt.

(15) Was könnte mir nun bei diesem Klagepunkt erwünschter kommen als eine Bestätigung durch die Aussagen des Heius selbst? Natürlich nichts, aber vielleicht ist der Wunsch zu kühn. – »Heius ist ein Mamertiner, die Mamertinergemeinde ist die einzige, die dem Verres nach gemeinsamem Beschluß öffentlich ihre Anerkennung ausspricht; sonst verabscheuen ihn alle Sicilianer, nur mit diesen steht er gut; zu seiner Anerkennung haben sie eine Deputation hergeschickt, und an deren Spitze steht, als der erste Mann Messanas, Heius. Vielleicht schweigt er wegen des offiziellen Auftrages ganz von der persönlichen Unbill!« – (16) Das alles sagt' ich mir auch; aber dennoch überließ ich die Sache dem Heius, führte ihn in der ersten Gerichtsverhandlung vor und – riskierte dabei nicht das mindeste. Denn was konnte Heius erwidern, wenn er nicht weit unter sein eigenes Niveau hinabsteigen wollte? Etwa daß die Statuen bei ihm zu Hause stünden und nicht bei Verres? So etwas traut man ihm doch hoffentlich nicht zu. Hätt' er sich gar zu der niederträchtigsten Unverschämtheit erniedrigt, so hätt' er uns vorgelogen, daß er die Statuen verkaufen wollte und den geforderten Preis dafür erhielt. Aber der edle Mann, dem an der richtigen Beurteilung seiner Manneswürde und Gottesfurcht seitens des Gerichtshofes dringend gelegen ist, erklärte erstens, den Verres öffentlich anerkennen zu müssen, weil es ihm von der Gemeinde aufgetragen war; zweitens, daß er gar nicht an Verkauf gedacht und bei freiem Willen die heiligen Erbstücke seiner Ahnen nie und unter keiner Bedingung hergegeben hätte.

VIII. (17) Nun, Verres! was sitzest du noch da, worauf wartest du? willst du noch weiter jammern, die Gemeinden Kentoripa, Katane, Alaisa, Tyndaris, Enna, Agyrion und überhaupt ganz Sicilien wäre über dich hergefallen? Deine »zweite Heimat«, wie du Messana zu nennen pflegtest, fällt über dich her; ja, dein Messana, diese Helfershelferin deiner Frevel, die Zeugin deiner Laster, die Hehlerin deiner Diebesbeute. Hier steht der vornehmste Mann von Messana, an der Spitze einer eigens zu diesem Prozeß hergeschickten Belobigungsgesandtschaft; öffentlich singt er dein Lob, er muß es ja auf Amtsbefehl; erinnert euch doch an seine Aussage im Zeugenverhör über das große Transportschiff, auf das wir noch zu sprechen kommen werden: es ward auf Gemeindekosten gebaut, die Werkleute von der Stadt unterhalten, der Bau öffentlich von einem Mitgliede des Mamertinersenates beaufsichtigt. Dies alles geschieht offiziell; privatim flüchtet sich der Mann in den Schoß des Gerichtes und ruft verzweifelt das Gesetz, die gemeinsame Burg aller Bündner, an. Das Gesetz spricht von Gelderpressungen; aber er verzichtet auf das Geld, man hat es ihm auch weggenommen, aber daran liegt ihm nicht so viel: was er von dir, Verres, wieder haben will, ist sein Heiligtum, er fordert die Götter seiner Väter, die Penaten seines Hauses. (18) Nun, Verres, schämst du dich? hast du noch eine Spur von Gewissen? von Scheu vor Gott und dem Gesetz? Du hast bei Heius in Messana gewohnt, hast ihn täglich in seiner Kapelle vor jenen Göttern seine Andacht verrichten sehn; er verlangt kein Geld, kein Prachtstück seines Hauses zurück: behalte meinetwegen die Korbträgerinnen, nur gieb ihm seine Götterbilder wieder.

Jedoch man höre: weil Heius diese Aussagen that, weil er sich vor Gericht auf Befragen in bescheidener Weise als Freund und Bündner Roms beklagte, weil er seinem Glauben, seiner Pflicht gegen die Götter wie gegen die Heiligkeit des Zeugeneides unter allen Umständen treu blieb, da schickte Verres einen Mann nach Messana, einen von der Belobigungsgesandtschaft, denselben, der den Bau jenes Frachtschiffes amtlich beaufsichtigt hatte: er sollte beim Senate gegen Heius den Antrag auf Ehrverlust stellen. VIIII. (19) Ich glaube, Verres, du bist verrückt geworden. Was stellst du dir denn vor? dachtest du wirklich, so etwas durchzusetzen? wußtest du nicht, welches Ansehn, welche Verehrung der Mann bei seinen Mitbürgern genießt? Aber selbst wenn du es durchgesetzt hättest, wenn die Mamertiner wirklich den Heius schlecht behandelten: was für einen Eindruck müßte denn hier ihr Belobigungsdekret machen, wenn sie einen Zeugen wegen notorisch wahrheitsgetreuer Aussage bestraften!

Sehen wir uns überhaupt einmal dieses Belobigungsdekret etwas näher an. Also dein Lobredner muß dich kränken, wenn er auf eine Frage des Richters wahrheitsgetreu antworten will. Deine Lobredner sind meine Zeugen. Heius muß deine Anerkennung besorgen: derselbe Heius hat schweres Belastungsmaterial gegen dich aufgehäuft. Ich will auch die übrigen vorführen; sie werden gern alles nur irgend Mögliche verschweigen, werden nur im äußersten Notfalle das Unvermeidliche zugeben. Wollen sie vielleicht auch den Bau des großen Transportschiffes leugnen? – Sie sollen's nur versuchen. – Oder die amtliche Beaufsichtigung des Baues durch ein Mitglied ihres Senates? – Ich wünschte, sie leugneten! Noch anderes Material hab' ich in Bereitschaft, spar' es mir aber lieber bis zum nächsten Zeugenverhör auf, um ihnen möglichst wenig Zeit zur Überlegung und Vorbereitung ihres Meineides zu lassen. (20) Mag diese Huldigung für dich nur ruhig in die Erscheinung treten; mögen diese Menschen dich nach besten Kräften entlasten: sie haben ja weder das Recht dir zu helfen, noch, wenn sie selbst wollen, die Macht. Jedem einzelnen hast du materiell und moralisch schwer geschadet, viele ganze Familien jener Stadt für immer in Elend und Schande gestürzt. – Aber der Gemeinde als solcher erwiesest du dich gefällig? – Allerdings, jedoch nicht ohne den größten Nachteil für den römischen Staat und die Provinz Sicilien. (21) Sie hatten 60 000 Scheffel Weizen gegen eine gewisse Bezahlung an Rom zu liefern und waren dieser Verpflichtung stets nachgekommen. Du hast sie ihnen eigenmächtig erlassen. Schlimm für den Staat, dessen Hoheitsrechte in einer Provinz so durch deine Schuld verringert sind; schlimm für Sicilien, denn das Quantum wurde nicht von der vorschriftsmäßigen Gesamtlieferung abgezogen, sondern auf die gesetzlich entlasteten Gemeinden Kentoripa und Alaisa übertragen, die durch diese Willkür weit über ihre Ertragsfähigkeit besteuert wurden. Ferner mußtest du von den Mamertinern laut Vertrag eine Galeere verlangen; du verschobst den Lieferungstermin um drei Jahre. Auch von militärischen Leistungen hast du sie für die ganze Zeit befreit. Du machtest es wie die Piraten: eigentlich sind sie aller Menschen Feinde, aber mit einzelnen befreunden sie sich und lassen sie nicht bloß in Ruhe, sondern geben ihnen sogar von der Beute unter Umständen etwas ab, Auf diese Weise hatten die Piraten jene furchtbare Macht erlangt, die sie für viele Jahrzehnte zu Herren des Mittelländischen Meeres, zum Schrecken aller Inseln und Küsten, ja zu gefährlichen Feinden Roms machte, bis das Reich (einige Jahre nach Verres' Prozeß) seine ganze Kraft zusammen nahm und sie unter Führung seines tüchtigsten Militärs, des Gnaeus Pompeius, gegen sie konzentrierte. – Das Mittel, welches Cicero hier beschreibt, ist dasselbe, das heute, natürlich im Kleinen, die Briganten in Sicilien und der Umgegend von Rom anwenden; ihm verdankte der 1896 erschossene Tiburzi (dessen Namen man in Rom auf Parlamentswahlplakaten lesen konnte!) eine solche Macht, daß man in scherzhafter Übertreibung sagte: »wer nach Viterbo geht, muß sich vom Ministerium eine Empfehlung an Tiburzi mitgeben lassen.« namentlich wenn deren Stadt, etwa als Landeplatz, günstig gelegen oder sonst aus einem Grund unentbehrlich ist. X. (22) Zum Beispiel die Stadt Phasēlis, die Publius Servilius erobert hat, gehörte früher durchaus nicht den kilikischen Seeräubern; ihre Einwohner waren Lykier von griechischer Herkunft. Aber da sie sehr günstig an weit hervorragender Stelle lag, so daß die Piraten bei der Ausfahrt von Kilikien oder auch bei der Rückkehr aus den europäischen Gewässern oft dort anlegen mußten, so gewannen sie sich die Stadt erst zu Handelsbeziehungen, dann zu einem wirklichen Vertrag. So auch hier. Die Mamertiner hatten sich früher nie schlimm benommen, im Gegenteile, sie hatten die Schlimmen verfolgt, wie sie denn dem ehemaligen Konsul Gaius Cato seinen Train festhielten. Und das war ein vornehmer und einflußreicher Mann, der dennoch, trotz seiner hohen Ahnen, nach beendetem Konsulat wegen Erpressungen verurteilt wurde: damals gab es eben noch strenge Richter. Auf ihn waren die Mamertiner böse – nebenbei bemerkt: jetzt haben sie häufig mehr, als das ganze Streitobjekt in Catos Prozeß wertgeschätzt wurde, für ein Diner des Timarchides ausgegeben. (23) Aber für Verres, diesen sicilischen Piraten, war ihre Stadt ein zweites Phaselis. Dort ward alles hingeschickt und zur Aufbewahrung gelassen; was verheimlicht werden mußte, hielten sie in sicherem Versteck; ein mächtiges Schiff für den Transport des gestohlenen Gutes ließ er bei ihnen bauen, und zur Belohnung für diese Leistungen erließ er ihnen die Steuern, Aushebungen, Arbeiten für den Staat, kurz alles: drei Jahre lang war diese Gemeinde nicht bloß in Sicilien sondern, so weit meine Kenntnis wenigstens der gegenwärtigen Verhältnisse reicht, auf der ganzen Welt die einzige, die an keine Pflichten, Ausgaben oder sonstige Lasten irgend zu denken brauchte. (24) Daher rühren jene Verresfeste, bei denen er einmal während der Tafel den Sextus Cominius ans Licht ziehen ließ, um mit einem Becher nach ihm zu werfen, ihn dann bei der Kehle packen und direkt von der Zecherei ins Gefängnis werfen zu lassen; daher jenes Marterkreuz, an das er vor versammelter Menge einen römischen Bürger schlagen ließ: nirgends fand er sonst einen Platz dafür, nur bei den treuen Genossen seiner Frevel dürft' er sich dazu unterstehen.

XI. Und ihr kommt noch her und wollt Lobreden halten? mit welchem moralischen Rechte? glaubt ihr dem Senat oder dem Volk in Rom damit zu imponieren? Merkt es euch: keine Gemeinde auf dieser Welt – ich rede hier gar nicht von unseren Provinzen, sondern von den fernsten Ländern der Fremde – ist so mächtig oder so frei oder auch so barbarisch roh, ja kein König dünkt sich so hoch in seiner Majestät, daß er nicht einen römischen Senator in seinem Hause zu empfangen wünschte. Man will damit nicht allein dem einzelnen Menschen eine Ehre erweisen, sondern erstens unserem Volke, durch dessen Gnade wir dem Senatorenkreis angehören, und dann diesem Stande selbst, auf dessen Bedeutung bei verbündeten und fremden Nationen die Kraft und Würde des Reiches beruht. Mich haben die Mamertiner amtlich nicht eingeladen. Auf mich als Individuum kommt nichts an; aber wenn sie ein Mitglied des römischen Senates nicht einladen, so begehen sie eine Achtungsverletzung nicht gegen den Mann, sondern gegen den ganzen Stand. Für einen Tullius als Person stand jederzeit das glänzende Haus des Gnaeus Pompeius Basiliskos offen, wo er ohnehin abgestiegen wäre, auch wenn ihr ihn eingeladen hättet; ebenso folgte mein Vetter Lucius einer freundlichen Aufforderung der jetzt ebenfalls zu den Pompeius gehörigen, hoch angesehenen Familie Percennius. Wenn's dagegen nach euch gegangen wäre, so hätte ein römischer Senator sich in eurer Stadt umhertreiben und auf der Gasse übernachten können. – »Du wolltest ja unsern Freund vor Gericht ziehen.« – So, also was ich ganz persönlich in Arbeit habe, willst du für deine Zwecke so ausdeuten, daß du dir daraufhin eine Respektlosigkeit gegen den Senat erlauben kannst? (26) Indessen, das werd' ich zur Sprache bringen, wenn über euch einmal im Kreise eben dieses Standes verhandelt wird, den zu mißachten ihr bis jetzt allein fertig bekommen habt; aber mit welcher Stirn untersteht ihr euch vor unser Volk zu treten? Jenes Kreuz, an dem noch jetzt das Blut des römischen Bürgers klebt, es steht am Thor eurer Stadt; wollt ihr es nicht erst ausreißen, in den Abgrund schleudern und den ganzen Ort feierlich entsühnen, eh' ihr es waget, in Rom, an dieser Stelle zu erscheinen? Bei euch, in Freundesland, steht dies Denkzeichen der Grausamkeit; eure Stadt besitzt den Vorzug, daß den Reisenden, der vom Festlande her zu euch kommt, nicht ein Freund Roms, sondern das Marterkreuz eines Römers begrüßt. Ihr zeigt es gerne den Bürgern von Rhégion, die ihr beneidet, und den Bürgern von Rom, die bei euch leben, damit sie sich ja nicht für etwas besonderes euch gegenüber halten, vielmehr stets an einem gräßlichen Beispiele den Mord des Bürgerrechtes selbst vor Augen haben.

XII. (27) Also gekauft hast du alle die Kostbarkeiten. Ja, warum hast du denn vergessen, demselben Heius die in ganz Sicilien berühmten goldgestickten Purpurteppiche, die sogenannten Attálika Benannt nach König Attălos von Pérgamon, unter dessen Schutze die Goldwirkerei einen ungeahnten Aufschwung nahm., abzukaufen? Du konntest es doch ebensogut wie die Statuen. Was ist denn vorgefallen? Hast du die Buchstaben gespart? Der thörichte Mensch dachte, ein Raub aus der Truhe würde weniger auffallen als einer aus der Kapelle und man brauchte ihn daher nicht einzutragen. Und wie hat er denn die Entführung bewerkstelligt? Ich kann mich nicht deutlicher ausdrücken als mit den Worten, die ihr selbst aus Heius' Munde gehört habt. Ich forschte nach, ob sonst noch etwas aus seinem Besitz an Verres gelangt wäre, und erhielt die Antwort, Verres hätte ihn brieflich aufgefordert, die Teppiche nach Akragas zu schicken. Ich fragte weiter, ob er das gethan; die Antwort war, er hätte pflichtschuldigst dem Statthalter gehorcht und das Verlangte sofort abgeschickt. – Ob sie in Akragas angekommen? – Ja. – Wie sie denn zurückgekommen? – Antwort: bisher überhaupt nicht. Hier brach der Gerichtshof und das Volk in Lachen aus, alles war überrascht. (28) Dir war wohl nicht in den Sinn gekommen, Heius in sein Rechnungsbuch eintragen zu lassen, auch diese Stücke hätte er dir für 6500 Sesterzen verkauft? Fürchtetest du vielleicht eine Zunahme deiner Schulden, wenn du 6500 Sesterzen auf Gegenstände ausgabst, die du leicht für zweimalhunderttausend verkaufen konntest? Es lohnte die Mühe, glaube mir; du hättest dann wenigstens einen Verteidigungsgrund; niemand hätte nach dem Werte der Sache gefragt, und könntest du nur einen Kauf vorschützen, du würdest dein Benehmen ganz plausibel darstellen: jetzt ist dir in der Teppichangelegenheit beim besten Willen nicht zu helfen.

(29) Weiter. Ein vornehmer und reicher Bürger von Kentoripa, Namens Phylarchos, besaß einen prachtvollen metallenen Pferdeschmuck, man sagte, aus dem Nachlasse des Königs Hieron. Hast du den entführt oder gekauft? Bei meiner letzten Reise durch Sicilien erkundigt' ich mich in Kentoripa und sonst: die Sache war durchaus klar, man belehrte mich, du hattest jene Arbeit dem Phylarchos zu Kentoripa in derselben Weise weggenommen, wie eine ähnliche nicht minder wertvolle dem Aristos in Panormos, eine dritte dem Kratippos in Tyndaris. Hätte sie dir nämlich Phylarchos verkauft, so hättest du ihm doch nicht nach erfolgter Anklage die Rückgabe versprochen. Dann merktest du freilich, daß verschiedene Leute um den Sachverhalt wußten und dachtest dir: »geb' ich's zurück, so hab' ich ein Stück weniger, bekannt ist aber die Geschichte so wie so« – Resultat: du hast ihm nichts zurückerstattet. Phylarchos sagte im Zeugenverhör aus, er hätte deine »Manie« (wie deine Freunde sich auszudrücken pflegen) gekannt und daher das Prachtstück vor dir zu verstecken gesucht; von dir citiert, erklärt' er es nicht mehr zu haben und wirklich hatte er's, um die Auffindung zu hintertreiben, bei jemand anders deponiert; Verres spürte den Depositar selber auf und lernte so das Kunstwerk kennen; Phylarchos war überführt, konnte nicht mehr leugnen und mußte seinen Schatz umsonst hergeben.

XIII. (30) Es ist wirklich interessant zu erfahren, wie dieser Mensch es angefangen hat, um immer all diese Dinge aufzuspüren und ausfindig zu machen. Zu Kibyra in Phrygien lebten einst zwei Brüder, Tlepólemos und Hieron, der eine glaub' ich als Bildhauer und Wachsmodelleur, der andere als Maler. Diese waren bei ihren Mitbürgern in den Verdacht gekommen einen Apollotempel bestohlen zu haben; sie fürchteten eine richterliche Entscheidung und entzogen sich der Anklage durch schleunige Flucht. Nun war Verres, wie ihr von den Zeugen hörtet, einmal mit falschen Geldanweisungen nach Kibyra gekommen; von damals her kannten sie ihn und sein Interesse für ihr Handwerk. Jetzt weilt' er gerade in Kleinasien, sie selber waren heimatlos geworden; nichts natürlicher als daß sie sich zu ihm begaben. Seitdem behielt er sie bei sich und ließ sich bei den Räubereien auf seiner Orientreise vielfach von ihnen mit Rat und That unterstützen. (31) Dies sind jene griechischen Maler, denen der Legat QuintusTadius nach Ausweis der Akten auf Verres' Befehl Geld bezahlt zu haben erklärt. Verres hatte sie schon persönlich und praktisch bewährt gefunden, als er sie mit nach Sicilien nahm. Dort entwickelten sie nun ein geradezu verblüffendes Spürtalent; wie die perfekten Jagdhunde wußten sie alles, wo es auch steckte, auszuwittern und aufzustöbern. Durch Versprechen oder Drohen, durch Sklaven und Freie, Freund und Feind – irgendwie gelangten sie immer zum Ziel; und was ihnen gefallen hatte, war unrettbar verloren. Keinen sehnlicheren Wunsch hatte der Hausherr, der sein Silberzeug vorzeigen mußte, als daß es dem Tlepolemos und Hieron recht mißfiele.

XIIII. (32) Jetzt muß ich euch eine hübsche Geschichte erzählen. Mein Freund Pámphilos, ein vornehmer Mann in Lilybaion, besaß eine Prachtvase mit Reliefs, Original des Voēthos Voēthos und Mentor, berühmte Ciseleure, lebten im vierten Jahrhundert; Mentor war im Altertume der geschätzteste Künstler in Silberarbeiten, Voēthos auch in der Rundplastik thätig: auf ein Original von ihm gehen die verschiedenen erhaltenen Exemplare des »Knaben mit der Gans« zurück., ein großes, schweres, herrlich gearbeitetes Werk. Das nahm ihm Verres unter mißbräuchlicher Anwendung seiner Amtsgewalt weg. Traurig und entmutigt ging er nach Hause; die Vase rührte ja von seinem Vater, seinen Ahnen her; nur hei hohen Festen oder beim Besuch auswärtiger Freunde hatt' er sie in Gebrauch genommen, und nun war sie dahin. »Wie ich so traurig zu Hause sitze,« erzählt er weiter, »kommt da plötzlich ein Aphroditesklave angelaufen: Befehl vom Landvogt, sofort meine ciselierten Becher zu ihm zu bringen. Ich bekomme einen Schreck; zwei Paar solcher Becher hatt' ich in meinem Besitz; ich lasse, um größeres Unglück zu vermeiden, gleich alle vier herausholen und will sie persönlich dem Landvogt in sein Haus bringen. Wie ich hinkomme, hält der Landvogt gerade Siesta; aber die beiden Brüder aus Kibyra geben vor dem Haus auf und ab. Sobald sie mich sehen, begrüßen Sie mich mit den Worten: »nun, Pamphilos, wo sind deine Becher?« – Traurig zeig' ich sie vor; »brav« sagen sie. Ich fange an zu reden, beklage mich, kein irgend wertvolles Stück mehr zu besitzen, wenn mir die Becher nun auch noch genommen würden. Wie sie mich so niedergeschlagen sehen, fragen sie: »was giebst du uns, wenn wir es so einrichten, daß dir die Becher nicht weggenommen werden?« – Kurz und gut, sie verlangen tausend Sesterzen, und ich sage zu. Da ertönt aus dem Hause die Stimme des Landvogtes; er verlangt die Becher zu sehen. Die beiden aber reden auf ihn ein; sie hätten früher von den Bechern des Pamphilos gehört und sich danach vorgestellt, es wäre etwas Rechtes; nun aber fänden sie, es wäre jämmerliches Zeug, nicht wert in einer solchen Silbersammlung wie der des Verres zu figurieren. »Das scheint mir auch.« sagte der Landvogt – und Pamphilos nimmt seine schönen Becher wieder mit nach Hause.

(33) Ich selber hatte mich früher, obgleich ich diese ganze sogenannte Kennerschaft für eine große Kinderei erkannte, immer gewundert, daß Verres für jene Sachen irgend welches Verständnis besitzen sollte, wo man ihm doch sonst keinerlei menschliche Eigenschaften nachrühmen kann. XV. Damals merkt' ich erst, wozu die Brüder aus Kibyra alles gut waren: beim Stehlen braucht' er ihre Augen und nur seine eigenen Hände. Dabei legt er einen so besonderen Wert auf die Erhaltung seines Rufes als Kenner, daß er sich noch in allerjüngster Zeit, als schon seine erste Gerichtsverhandlung beendet, die zweite anberaumt und er selber somit eigentlich verurteilt und abgethan war, folgendermaßen blamierte: gelegentlich der »römischen Cirkusspiele« gab Lucius Sisenna, der sie veranstalte, eine große glänzende Gesellschaft; alle Diwane im Speisesaale waren mit schönen Teppichen bedeckt, das Silbergeschirr ausgestellt, das Haus voll vornehmer Leute. Da kam Verres, ging zum Silber hin und fing an, jedes einzelne Stück emsig von allen Seiten zu begucken. Man wunderte sich über seine Dummheit, daß er mitten während der Dauer seines Prozesses den auf ihm lastenden Verdacht der Habgier bestärkte; andere waren starr über diesen Grad einer Manie, die ihn selbst jetzt in seiner Galgenfrist nach all den Aussagen der Belastungszeugen an solche Sachen denken ließ. Sisennas Dienerschaft aber, die vermutlich von den Enthüllungen der Zeugen etwas gehört hatte, wandte kein Auge von ihm ab und hielt sich immer in der Nähe des Silbers. – (34) Ein guter Richter muß aus kleinen Zügen auf die Neigung eines Individuums zur Habgier oder Genügsamkeit schließen können. Wer angeklagt, gesetzlich schon so gut wie verurteilt, von der öffentlichen Meinung gerichtet ist und es bei einer großen Gesellschaft nicht lassen kann, das Silber seines Gastgebers zu begaffen und zu betasten, wie soll der als unumschränkter Regent in Sicilien seine Hände von dem Silber der Provinzialen gelassen haben?

XVI. (35) Aber wir waren ja bei Lilybaion stehen geblieben; kehren wir dahin noch einmal zurück. Jener Pamphilos, dem die Vase weggenommen wurde, hatte einen Schwiegersohn Diokles, mit Zunamen Popilius. In dessen Hause standen auf einem besonderen Tisch eine ganze Reihe von Prachtkrügen; der Reihe nach, wie sie dastanden, wurden sie weggeholt. Hier mag Verres wieder einen Kauf vorschützen; in diesem Falle hat er nämlich wegen der Größe des Raubes, wenn ich nicht irre, eine Enteignungsurkunde aufsetzen lassen: sein Faktotum Timarchides mußte das Silberzeug abschätzen, natürlich möglichst gering, so etwa wie man's bei offiziellen Geschenken für Schauspieler zu thun pflegt. Das Gesetz des »römischen Volkes« gestattete nicht, daß man für das »Schauspielergesindel« übermäßigen Aufwand trieb, sondern es verlangte, daß man sich für die kleinen Andenken, die man dem Honorar hinzufügte, innerhalb bestimmter Grenzen hielt. Einzelne vernünftige Männer sahen das Lächerliche dieser Bestimmungen ein, und um die Schauspieler standesgemäß beschenken zu können, griffen sie zu dem Mittel, nach bewährtem römischem Rezept das thörichte Gesetz nicht abzuschaffen, sondern zu umgehen. Man ließ daher die Gegenstände möglichst niedrig taxieren. Übrigens begehe ich schon seit langem ein Unrecht, immer so viele Worte über deine Käufe zu verlieren und zu untersuchen, ob du gekauft hast oder nicht, und wie und wo und wie teuer – da ich die ganze Sache mit einem Wort erledigen kann. Zeige mir ein schriftliches Verzeichnis deiner Anschaffungen in Sicilien, mit Angabe der Bezugsquelle und des Einkaufspreises! – (36) Was geschieht? – Eigentlich sollt' ich so ein Schriftstück gar nicht von dir fordern: ich müßte über deine Rechnungsbücher verfügen und sie hier vorführen, aber – du erklärst, seit einer Reihe von Jahren führtest du überhaupt keine Rechnungsbücher mehr. Erfülle meine Anforderung wenigstens für das Silbergerät, der Rest findet sich dann schon. Du erwiderst: »Ich habe kein solches Schriftstück und kann also keines vorzeigen.« – Was ergiebt sich daraus? was können die Richter mit dir anfangen? dein Haus war schon vor deiner Prätur voll von auserlesenen Statuen; viele wurden auch in deine Villen befördert, andere zeitweilig bei Freunden untergebracht, wieder andere zu Geschenken an die verschiedensten Personen verwendet: kein Hausbuch meldet ihren Ankauf. Alles Silbergerät aus Sicilien ist weggeschleppt, keinem Provinzialen sein Eigentum gelassen; zur Rechtfertigung erfindet man die gemeine Ausrede, der Statthalter habe das alles aufgekauft: aber keine Urkunde kann einen solchen Kauf beweisen. Wenn du ein Rechnungsbuch anbringst und in diesem keine Angabe über die Herkunft deines jetzigen effektiven Besitzes zu finden ist; wenn du schließlich für die ganze Zeit, in der deine angeblichen Einkäufe größtenteils vor sich gingen, kein solches Rechnungsbuch vorlegen kannst, so ergiebt sich, ob du nun etwas vorlegst oder nicht, nur eine notwendige Konsequenz: deine Verurteilung.

XVII. (37) In Lilybaion lebte ein junger römischer Ritter, der treffliche Marcus Caelius: du nahmst ihm weg, was dir gefiel. Der liebenswürdige, stets für andere thätige Gaius Cacurius mußte dir sein ganzes Hausgerät lassen; den Quintus Lutatius Diodoros, der einst auf Catulus' Verwendung von Sulla das römische Bürgerrecht erhielt, brachtest du um seinen großen schöngeschnitzten Tisch aus Cedernholz. Ich werfe dir nicht vor, daß du einen Menschen deinesgleichen, Apollonios, Nikons Sohn von Drepanon, der jetzt Aulus Clodius heißt, ebenfalls ausgeplündert hast; er selber kann nicht über schlechte Behandlung klagen, denn als er ein Waisenkind in Drepanon um sein väterliches Vermögen betrogen hatte, darob verurteilt war und schon den Kopf in die Schlinge stecken sollte, kamst du dem Subjekte zu Hilfe und teiltest mit ihm den Raub. Da red' ich also nicht weiter; ja es freut mich sogar, daß du ihm etwas weggenommen hast, es war die richtigste That deines Lebens. Dagegen dem edlen Lyson, bei dem du in Lilybaion wohntest, brauchtest du nicht gerade seine Apollonstatue zu entführen. – »Ich habe sie gekauft!« – Ich weiß; du hast, glaub' ich, tausend Sesterzen dafür gezahlt. Ich weiß, sagt' ich, und kann's diesmal sogar schriftlich geben; aber dennoch brauchtest du es nicht zu thun. – Dem jungen, vaterlosen Heius, Mündel des Gaius Marcellus, hattest du erst eine Masse Geld weggenommen; seine Trinkschalen mit den Reliefdarstellungen von Lilybaion, hast du die auch gekauft oder gestehst du diesmal den Diebstahl ein? (38) Aber wozu euch noch mit Kleinigkeiten aufhalten, bei denen sich's nur um Verres' Diebstahl und den Schaden seiner Nächsten handelt? Ich möchte euch lieber einen Fall vorführen, der euch seine Raubgier nicht mehr als bloße allgemeine Habsucht sondern geradezu als Wahnsinn, als eine persönliche Tollheit, charakterisiert.

XVIII. Ihr habt den Zeugen Diodoros aus Melita vernommen. Seit langem wohnt er in Lilybaion, bekannt als liebenswürdig und freigebig, gleich geachtet in der Stadt wie bei Auswärtigen, zu denen er öfter zu reisen pflegte. Der wird dem Verres namhaft gemacht; man erzählt, er besitze ausgezeichnete Ciselierarbeiten, darunter besonders ein paar Trinkschalen von jener Form, die man Therikleia nennt; sie seien von Mentors Siehe Anmerkung S. 486. Hand mit höchster Meisterschaft ausgeführt. Sowie Verres das hört, packt ihn eine solche Begierde die Werke zu sehen und natürlich auch zu entführen, daß er einfach den Diodoros rufen läßt und ihm die Schalen abverlangt. Der Mann hatte aber Freude an seinem Besitz und antwortete, die Sachen wären gerade nicht in Lilybaion, er hätte sie bei einem seiner Verwandten in Melita gelassen. (39) Sofort schickt Verres seine Vertrauenspersonen nach Melita, schreibt an einige Bekannte daselbst, sie sollten nach jenen Vasen ordentlich Nachforschung halten, ja er mutet dem Diodoros selber zu an seinen Verwandten zu schreiben; die Zeit dünkte ihm endlos, bis er die Schalen zu sehen bekäme. Diodoros, der mäßige und arbeitsame Mann, der sich sein Eigentum erhalten möchte, schreibt an seinen Verwandten, wenn die Boten des Verres zu ihm kämen, sollt' er ihnen antworten, die Schalen wären vor wenigen Tagen nach Lilybaion abgegangen. Er selbst macht sich inzwischen aus dem Staube; lieber wollt' er eine Weile die Heimat meiden als den Raub seiner herrlichen Vasen mit ansehen. Dies meldet man dem Verres; er wird darüber so aufgeregt, daß sie ihn alle für geradezu tobsüchtig halten. Weil er selbst das Silber nicht rauben konnte, schreit er, Diodoros hätte ihm die wunderschönen Vasen entführt; er stößt Drohungen gegen den Abwesenden aus, gebraucht vor allen Leuten die unglaublichsten Ausdrücke, kann zuweilen die Thränen nicht unterdrücken. – In Theaterstücken Cicero benutzt hier wie öfter in Erzählungen den von der griechischen Rhetorik entlehnten Kunstgriff, das Publikum im Augenblick erregter Spannung durch eine momentane Abschweifung zu sticheln und dadurch noch ungeduldiger zu machen. hören wir zuweilen von der Eriph̄ yle, Eriphyle war die Gattin des Amphiaraos, dessen Untergang die attischen Tragiker wiederholt in der großartigsten Weise behandelten. Für die Tragödie interessierte sich Cicero ernstlich; vor dem Publikum jedoch mußt' er diesen Zeitvertreib ebenso geringschätzig behandeln wie den Statuentand und andere griechische Kindereien. die ein Halsband, glaub' ich, aus Gold und Edelsteinen sah und von dessen Schönheit so berückt war, daß sie aus Gier danach das Leben ihres Mannes verräterisch zerstörte. Ähnlich ist Verres, nur noch schlimmer und toller, denn das Weib sah wenigstens was sie haben wollte, während bei ihm schon der bloße Ruf genügte, um seine Wut zu entfesseln.

XVIIII. (40) In der ganzen Provinz ließ er auf Diodoros fahnden. Der hatte bereits Sicilien verlassen und seine Vasen mitgenommen. Um ihn auf irgend eine Weise in die Provinz zurückzukriegen, kommt Verres auf folgenden Gedanken – wenn man bei ihm noch von Denkthätigkeit statt von Wahnsinn reden will. Er stiftet einen von seiner Meute an, den Diodoros von Melite mit einem Krimmalprozeß auf Leben und Tod zu bedrohen. Erst erstaunt alles, daß der ruhige Diodoros, dem man nie den leisesten Fehltritt, geschweige denn eine strafbare Handlung zugetraut hätte, plötzlich vor Gericht gezogen werden soll; dann wird es klar, daß das ganze Manöver dem Silberzeuge gilt. Verres geniert sich nicht, läßt ihn anklagen, läßt den Namen des Abwesenden (!) auf die Sünderliste setzen. (41) In ganz Sicilien spricht sich die Sache herum, daß man aus Gier nach Silberreliefs einen ehrlichen Mann auf Tod und Leben verklagt, die Klage auch ohne weiteres annimmt, noch dazu in seiner Abwesenheit. Diodoros kommt nach Rom, läuft im Trauergewande bei seinen Gastfreunden und Schutzpatronen herum, erzählt den Vorgang überall. Verres bekommt energische Mahnbriefe von seinem Vater, seinen Freunden, er solle sich mit dem Falle Diodoros um Gottes willen in acht nehmen, solle sich zu nichts hinreißen lassen; die Sache sei ein öffentlicher Skandal; er sei verrückt, der eine Streich könne ihm den Hals kosten, wenn er sich nicht vorsehe. Für Verres war sein Vater damals zwar nicht ein Verwandter, aber immerhin ein Mensch; fürs Gericht hatt' er sich noch nicht gehörig versehen, er stand im ersten Jahre seiner Provinzialverwaltung, und war noch nicht, wie beim Falle Sthenios, vollgestopft mit Geld. So wurde sein Taumel zwar nicht durch irgend ein Schamgefühl, aber durch die Furcht vor bösen Folgen einstweilen noch gebändigt; er wagte nicht den abwesenden Diodoros zu verurteilen und strich ihn von der Liste. Aber so lang' er im Amte saß, drei Jahre lang, mußte Diodoros sein Haus und die ganze Insel meiden. (42) Dort erkannten damals Einheimische wie Fremde, daß vor Verres' Habsucht kein irgend interessanter Wertgegenstand im Hause sicher wäre; als aber der sehnlich erwartete Nachfolger, der energische Quintus Arrius nicht eingetroffen war und Verres blieb, da konstatierten sie, nichts konnten sie in noch so tiefem Versteck einschließen, wozu dieser Mensch nicht einen Schlüssel fände.

XX. Hierauf nahm er zunächst einem römischen Ritter, dem mit Recht beliebten Gnaeus Calidius, dessen Sohn er im römischen Senat und im Richterkollegium wußte, seine berühmten, aus dem Besitze des Quintus Maximus stammenden Silberpferdchen Vermutlich waren es Trinkhörner, die in Pferdeleiber ausliefen. ab. – (43) Verzeihung, ich habe eine Dummheit begangen: nein, er hat sie ihm nicht weggenommen, sondern abgekauft; hätte ich's doch nicht gesagt, nun steht er groß da und wird gehörig auf diesen Pferdchen herumreiten. – »Gekauft hab' ich sie, bares Geld hab' ich dafür gezahlt.« – Ich glaub' es dir. – »Diesmal kann ich's auch schriftlich beweisen.« – Gut, es lohnt sich, ich gehe drauf ein, zeige deine Rechnungen her, und wenn ich einmal Schriftstücke von dir zu sehen bekomme, so rechtfertige du dich nur in dieser Calidiusfrage. Aber wie merkwürdig ist es dann, daß Calidius sich in Rom beklagte, nach vielen Jahren ungestörter Thätigkeit als Kaufmann in Sicilien plötzlich von dir infam behandelt worden zu sein; du habest ihn ausgeplündert, sagt' er, wie die übrigen Bewohner der Insel! Wenn du sein Silber kauftest, er dir's also in aller Form abtrat, warum versichert' er da immer, er würde sich's schon wieder holen? Meinst du wirklich, die Rückerstattung an Calidius vermeiden zu können, wo er mit Lucius Sisenna, der dich jetzt in Schutz zu nehmen sucht, in nahen Beziehungen stand und du allen Personen aus Sisennas näherem Verkehr das Ihrige wiedergeben mußtest? (44) Endlich wirst du wohl nicht leugnen wollen, daß du dem Lucius Curidius, den trotz seines achtbaren Charakters doch niemand über Gnaeus Calidius stellen wird, durch Pótamons Vermittelung sein Silberzeug zurückerstattet hast. Dadurch wird die Situation der anderen Bestohlenen dir gegenüber erheblich schwieriger. Erst sprachest du die Absicht aus, verschiedenen Personen ihr Eigentum zukommen zu lassen; dann erklärte Curidius im Zeugenverhör das seinige erhalten zu haben, und nun war's mit dem Wiedergeben vorbei; du dachtest einfach: »So geht mir nur die Beute verloren, und die Zeugen reden doch.« Jahrelang durfte der Ritter Calidius schönes Silber besitzen, kein Statthalter hatte etwas dagegen; wenn Staatsbeamte oder sonst hoher Besuch zu ihm kam, konnt' er ihnen eine elegante Tafel mit standesgemäßem Service vorsetzen. Oft kam er in diese Lage, denn zahlreiche Vertreter der Regierung waren bei ihm zu Gaste; natürlich war keiner so ein Wüterich, ihm sein schönes Tischsilber zu rauben, auch keiner so dreist, ihm dessen Verkauf vorzuschlagen. (45) Man wird mir zugeben, daß es unerlaubter Hochmut eines Prätors ist, wenn er in der Provinz zu einem ehrlichen, wohlhabenden und freigebigen Manne sagt: »Verkaufe mir deine ciselierten Vasen.« Denn das heißt mit anderen Worten: »Du brauchst so prachtvolle Gegenstände nicht zu haben, die passen nicht für dich; so etwas gehört sich nur für einen Mann wie ich bin.« – So! also du bist mehr wert wie Calidius? du, dessen Charakter und Ruf ich mit dem eines Calidius gar nicht vergleichen will – denn das läßt sich nicht vergleichen –; in einer Beziehung hältst du dich wohl für etwas besseres, nämlich weil du dem Senatorenstand angehörst? da ergiebt der Vergleich ein sehr einfaches Resultat: also weil du hunderttausende von Sesterzen an die Stimmenkäufer verteiltest, um zum Prätor gewählt zu werden, weil du weitere hunderttausende ausgabst um einem gefährlichen Ankläger den Mund zu stopfen, darum siehst du mit Verachtung auf den Ritterstand herab? und deswegen fandest du den Besitz wertvoller Kunstwerke weniger passend für Calidius als für dich?

XXI. (46) Schon lange renommiert er mit dem Falle Calidius; überall erzählt er von seinem Kauf. Dann hast du wohl auch dem reichen, angesehenen Ritter Lucius Papinius seine Räucherpfanne abgekauft? Der Mann erklärte im Zeugenverhör: »Verres forderte das Stück zur Ansicht und schickt' es dann zurück – aber die Reliefs waren abgerissen.« Man beachte den Feinsinn des Kenners: er ist gar nicht habsüchtig, es ist ihm gar nicht um das Silber zu thun, nur um das Kunstwerk! Papinius war nicht der einzige, bei dem er diese Enthaltsamkeit walten ließ; er zeigte sie grundsätzlich bei allen Räucherpfannen in ganz Sicilien. Es waren ihrer viele! unglaublich viele und schöne. Als Sicilien noch ein reiches, blühendes, arbeitsames Land war, besaß es auch einen Kunstbetrieb allerersten Ranges. Den besten Begriff von diesem Kunstbetriebe kann uns jetzt eine Betrachtung der alten Münzen geben, von denen Cicero natürlich nichts weiß, da sie zu seiner Zeit längst außer Kurs gesetzt waren, folglich die uns erhaltenen Exemplare unter der Erde ruhten. Die Münzen der sicilischen Griechenstädte, namentlich die von Syrakus, gelten als die schönsten des Altertums. Bekannt sind die Worte Winckelmanns: »Weiter als diese Münzen kann der menschliche Begriff nicht gehen. Hätte nicht Rafaël, der sich beklagte, zur Galatea keine würdige Schönheit in der Natur zu finden, die Bildung derselben von syrakusanischen Münzen nehmen können?« – Nicht minder begeistert äußerte sich Goethe über diese Kunstwerke, die er erst in Sicilien selber kennen lernte, während man sie jetzt auch in den bedeutenderen Münzkabinetten des Nordens studieren kann. Jede einigermaßen wohlsituierte Familie besaß – ehe Verres hinkam – irgend eine schöne Silberarbeit, mindestens etwa einen schweren Opferteller mit Götterbildern und Ornamenten in Relief, oder eine Schale dieser Art für den Gottesdienst der Frauen, oder eine ciselierte Räucherpfanne. Das alles waren antike Arbeiten von feinster Ausführung, so daß man sich danach eine Vorstellung von den einstigen glänzenden Verhältnissen des Landes bilden konnte; vieles hatte der Lauf des Schicksals den Leuten entrissen, aber in ihrer Armut blieb ihnen wenigstens, was die Gottesfurcht zu berühren verbot.

(47) Ich sagte, fast alle Sicilianer hätten vieles derart besessen; jetzt, füg' ich hinzu, hat fast keiner mehr ein Stück. Was sind das für Zustände? Was für ein Vieh, was für ein Ungeheuer haben wir in die Provinz geschickt? Kommt es einem nicht vor, als hätt' er außer der eigenen zügellosen Gier auch die Manie aller anderen Kunstfanatiker Roms befriedigen wollen? Sobald er in eine Stadt gelangt war, wurden erst die beiden phrygischen Hunde ausgeschickt, die mußten alles aufspüren und durchwühlen. Fanden sie eine Prachtvase oder sonst etwas Großes, so brachten sie es fröhlich an; konnten sie so etwas nicht auftreiben, dann packten sie immerhin das Kleinzeug: Opferschalen, Pfannen, Rauchfässer. Und nun stellt euch einmal das Unglück der armen Leute vor, wie sie jammerten, wie die Weiber heulten! Ihr haltet das vielleicht für Kleinigkeiten; aber es thut bitter weh, zumal den Weibsleuten, wenn ihnen ihre Lieblingsgeräte aus den Händen gerissen werden, ihre alten Familienerbstücke, die sie immer im Hause sahen und nur bei religiösen Verrichtungen brauchten! Das »Erbstück der Ahnen« und die »religiöse Verwendung« betont Cicero ziemlich oft, denn auf seine Römer wirkt er mit dem Appell an Familienkultus und Gottesfurcht sehr viel mehr als mit der Schilderung materiellen oder gar künstlerischen Wertes.

XXII. (48) Ich behandele diese Art seiner Verbrechen lieber gleich kollektiv, und bitte daher keine weitere Auseinandersetzung über den Raub einer kostbaren Schale bei Aischylos in Tyndaris, oder eines Opfertellers bei Thrason in derselben Stadt, oder eines Weihrauchfasses bei Nymphodōros in Akragas zu erwarten. Wenn ich die Zeugen aus Sicilien vorführe, magst du mir zum Verhör über dieses Thema vorschlagen wen du willst: es wird sich ergeben, daß kein Städtchen, ja kein irgend begütertes Haus von deinen Eingriffen verschont geblieben ist. Wenn er in Gesellschaft geladen war und etwas Ciseliertes sah, konnt' er seine Hände nicht davon lassen. Unser Mitbürger Gnaeus Pompeius Philo stammt aus Tyndaris, wo er in der Nähe der Stadt eine Villa besitzt; dort lud er den Verres zum Abendessen ein und that, was kein Sicilianer mehr wagte (als römischer Bürger glaubt er's ungestraft riskieren zu können): auf seinem Tische paradiert eine Schale mit ausgezeichneten Reliefs. Verres bemerkt sie und läßt ohne weiteres diesen Schatz der helfenden Geister und gastlichen Götter vom Tische seines Gastfreundes wegtragen; aber getreu seinem Grundsatze der Enthaltsamkeit reißt er nur die Reliefs heraus und schickt ihm dann das übrige Silber mit rührender Selbstlosigkeit zurück. (49) Dasselbe Schicksal hatte der edle Eupolemos in Kalakte, der langjährige Gastfreund der Familie Lucullus, der jetzt unter Lucius Lucullus den Feldzug mitmacht. Lucullus kämpfte damals in Asien gegen den König Mithradates von Pontos. Verres aß bei ihm zu Abend, der Mann hatte sonst ausschließlich kahles Silber auf den Tisch gebracht, um nicht selber kahl gefressen zu werden; nur zwei Becherchen standen dazwischen, klein, aber mit Reliefs. Und wie ein Virtuos, der sich bei Tafel produziert, nicht gern ohne ein kleines Andenken sich verabschiedet, so ließ Verres an Ort und Stelle, in Gegenwart der Gäste, zum Andenken an den schönen Abend die Reliefs abschlagen.

Ich denke natürlich nicht daran, alle seine Leistungen aufzuzählen, das ist weder nötig noch auch überhaupt möglich. Nur für jede der verschiedenen Arten seiner Nichtswürdigkeit möcht' ich euch einzelne bezeichnende Fälle vorführen. Er hauste ja wie einer der sich nie in die Lage versetzt, etwa einmal Rechenschaft ablegen zu müssen, sondern sich entweder über jede Möglichkeit einer Anklage erhaben fühlt, oder für den Fall, daß es doch zum Prozesse käme, seine Gefahr im umgekehrten Verhältnis zur Masse seiner Verbrechen wähnt. Denn schließlich raubt' er nicht mehr im geheimen mit Hilfe von Fremden und Vermittlern, sondern vor aller Welt vom Throne seiner Herrlichkeit aus, kraft seines Amtes und seiner unumschränkten Regierungsgewalt.

XXIII. (50) Katane ist eine wohlhabende arbeitsame Stadt. Kaum war Verres hingekommen, so ließ er den Bürgermeister Dionysiárchos, also den obersten städtischen Beamten, rufen und befahl ihm ganz offiziell, alles in der Stadt befindliche Silbergerät aufzutreiben und zu ihm zu bringen. – In Kentoripa, der größten und weitaus blühendsten Gemeinde von ganz Sicilien Dieser nebensächliche Satz ist besonders bezeichnend; da Cicero selbst an anderer Stelle sagt, daß Kentoripa nur etwa 10 000 Vollbürger hatte (allerdings meist reiche Leute; ihnen gehörte zum größten Teile das damals besonders ergiebige, jetzt total versumpfte Gebiet von Leontinoi), da diese Zahl einen verschwindenden Bestand gegenüber Syrakus u. a. zeigt, da zudem Kentoripa Binnenstadt war, Siziliens Reichtum aber in sehr hohem Grad auf seinen Häfen beruhte, so zeigt dieser Satz am besten, wie furchtbar die sonnige Insel durch 140 Jahre römischer Zwingherrschaft heruntergebracht worden war. , bekam Phylarchos, der in jeder Hinsicht erste Mann der Stadt, denselben Auftrag; er hat's auf seinen Zeugeneid genommen. – In Agyrion erging der entsprechende Befehl für die korinthischen Vasen; Apollodōros , dessen Zeugenaussage ihr vernommen habt, mußte sie alle nach Syrakus schaffen lassen. – (51) Das Beste ist, wie er sich in Haluntion benahm: die Stadt ist hoch auf einem Felsen gelegen und schwer zugänglich, da wollte der fleißige, gewissenhafte Statthalter nicht hinaufklettern, sondern ließ einfach den vornehmsten Bürger rufen, den in ganz Sicilien nicht minder als in seiner Heimat verehrten Archágathos. Dieser bekommt nun den Auftrag, alles was Haluntion an getriebenem Silber und korinthischen Vasen besäße, sofort herunter ans Meeresufer schaffen zu lassen. Archagathos steigt in die Stadt hinauf. Der edle Mann, sonst glücklich über die Liebe und Verehrung seiner Mitbürger, litt entsetzlich unter dem Bewußtsein, so vor sie hintreten zu müssen, allein was sollt' er thun? Er verkündet was ihm befohlen war, läßt alle Einwohner der Stadt ihre Habe herausbringen. An Widerstand war nicht zu denken: der Wüterich selbst wich nicht von der Stelle, sondern wartete in einem Ruhebett unten am Strande auf Archagathos und das Silber. (52) Nun stelle man sich vor: der Schrecken in der Stadt! Allgemeiner Auflauf, Geschrei, Weibergeheul – es war als wäre das hölzerne Pferd von Troja eingezogen, die Stadt in Feindes Hand. Man schleppt Vasen ohne ihre Futterale herbei; andere muß man den Frauen mit Gewalt aus den Händen reißen, rings werden Thüren eingeschlagen, Schlösser gesprengt. Bedenket doch nur: wenn in den schlimmsten Kriegszeiten die Privatleute ihre Schilde hergeben müssen, thun sie es ungern, obgleich sie doch sehen, es geschieht zur Rettung des Vaterlandes; wie mußten sie nun leiden, als sie eigenhändig ihr Silberzeug aus dem Hause holen mußten, um es dem Räuber hinzuwerfen! – Alles wird zu Verres heruntergeschleppt. Er ruft die Brüder von Kibyra; nur wenige Stücke finden vor ihrer Kritik keine Gnade, alles übrige wird sofort in die Mache genommen, jeder Reliefschmuck abgerissen. Die Schätze waren dahin, die Haluntiner konnten mit dem nackten Metall nach Hause gehen.

XXIIII. (53) Ich bitt' euch, meine Herren, ist jemals ein derartiger Kehrbesen in irgend einer Provinz gewesen? Es kam wohl vor, daß jemand ganz im geheimen mit Hilfe des Stadtrates eine Gemeindekasse bestahl oder auch 'mal einem Privatmann etwas ausführte; solche Menschen wurden dann verurteilt. Fragt ihr nach den Anklägern – ich sehe von mir ganz ab –, so waren es diejenigen, die instinktmäßig oder durch irgend ein winziges Anzeichen von der Sache eine Ahnung bekamen und dann den Spuren nachgingen. Und Verres? Dieser Eber, der sich über und über im Kote gewälzt hat! – Es will wohl etwas heißen, gegen ihn zu reden, der so gelegentlich im Vorübergehen, während er sein Ruhebett ein wenig niedersetzen ließ, nicht etwa durch Schwindelkunststücke, sondern ganz offen und amtlich mittels eines Befehls summarisch eine ganze Stadt ausplünderte. Um aber doch für alle Fälle einen Kauf vorschützen zu können, befahl er dem Archagathos, an die Bestohlenen anstandshalber ein paar Groschen auszuteilen. Nur wenige wollten sich in dieser Weise abspeisen lassen; an sie zahlte Archagathos – aus eigener Tasche, denn wiederbekommen hat er das Geld von Verres nicht. Er wollte nach Rom kommen um es gerichtlich einzufordern, aber Gnaeus Lentulus Marcellinus riet ihm ab, ihr wißt es aus seinem eigenen Munde. – Bitte die Aussagen der Zeugen Archagathos und Lentulus zu verlesen.

[Es geschieht.]

(54) Nun glaube man nicht, daß Verres diese ungeheure Masse von Reliefplatten und -plättchen ohne Zweck aufgespeichert hätte. Im Gegenteil; ihre Verwendung zeigt, wie viel er sich aus euch allen machte, wie viel für ihn Gesetz und Gericht, Roms Urteil und die Zeugnisse von Sicilianern und Reisenden zu bedeuten hatten. Als er glücklich eine solche Menge jener Plättchen beisammen hatte, daß er sie nicht weiter vermehren konnte, weil keines mehr übrig war, richtet' er in seinem Schlosse zu Syrakus eine große Fabrik ein. Dorthin ließ er dann ganz ungeniert alle Vasenarbeiter und Goldschmiede kommen; einige gehörten ja auch zu seiner ständigen Umgebung. Die hielt er nun sämtlich dort fest, es waren eine Masse Menschen. Acht Monate hintereinander hatten sie für ihn zu arbeiten, und nur goldene Gefäße wurden angefertigt. Dann ließ er jene losgerissenen Zieraten von den Opferschalen und Räucherpfannen mit einem Raffinement auf seine goldenen Becher löten und in seine goldenen Trinkschalen einsetzen, daß es den Eindruck machte, als wären die Sachen ursprünglich für diesen Zweck bestimmt gewesen; er selbst, der römische Prätor, der Statthalter, dessen »Auge über Siziliens Ruhe wachte« – so drückt er sich aus – er zog sich eine Staubjacke an und saß den größten Teil des Tages in seiner Fabrik.

XXV. (55) Mit diesen Dingen würd' ich euch nicht aufhalten, meine Herren, wenn ich nicht sonst den Vorwurf befürchten müßte, weniger über ihn zu berichten als sein Ruf. Jedermann hat von dieser Fabrik, den goldenen Bechern und dem Staubkittel gehört; nenne mir wen du willst von der Genossenschaft römischer Bürger in Syrakus, ich will ihn hercitieren, und wenn er ehrlich ist, wird er davon erzählen. Hier steht das berühmte »O tempora, o mores!« (56) Das sind Zustände! ach ja, die Zeiten haben sich geändert. Ich will nicht mit gar zu alten Geschichten kommen. Unter den Anwesenden selbst sind ja so manche, die noch den alten Piso persönlich gekannt haben, den Vater unseres Freundes Lucius Piso, der kürzlich Prätor war. Jener ältere Piso verwaltete als Prätor die Provinz Spanien – in der er bekanntlich später getötet wurde – und da passiert' es ihm einmal, ich weiß nicht wie, bei einer Fechtübung, daß ihm ein goldener Ring an seinem Finger zerschlagen und dadurch vernichtet wurde. Er wollt' ihn ersetzen und ließ dazu einen Goldschmied kommen, den er auf dem Markte von Corduba bei seinem Richterstuhl empfing, um ihm daselbst vor allem Volke die nötige Quantität Goldes abzuwägen; dann mußte der Mann auf dem Markte seinen Werktisch aufschlagen und den Ring anfertigen, während jeder Beliebige ihm zusehen konnte. – Das mag mancher übertrieben gewissenhaft finden; gut, dann mag er ihn meinetwegen bis zu diesem Punkte kritisieren, weiter aber auch nicht. Jedenfalls kann er's ihm hingehen lassen: denn das war ja der Sohn jenes Piso »des Mäßigen«, der das Erpressungsgesetz überhaupt geschaffen hat. (57) Und nun muß ich nach einem Piso Frugi über einen Verres reden! Es ist rein lächerlich; aber es mag euch wenigstens den Unterschied zu Gemüte führen. Der eine läßt Goldvasen für ein Paar Paradetische herstellen und benimmt sich dabei in einer Weise, die ihn in Rom wie in Sicilien vor den öffentlichen Ankläger bringen muß; der andere giebt eine halbe Unze Goldes in Arbeit und wünscht, daß ganz Spanien weiß, wie der Prätor zu seinem Fingerringe kommt. Offenbar wollten beide ihrem Namen Ehre machen.

XXVI. Wie gesagt: alle Verbrechen des Angeklagten zu erzählen oder auch nur zu behalten ist unmöglich, ich muß mich begnügen, auf jede der Hauptgattungen kurz hinzuweisen. So erinnert mich dieser Ring des Piso an ein Gebiet, das ich sonst ganz vergessen hätte: wie vielen Menschen, glaubt ihr wohl, hat Verres die Ringe vom Finger gerissen? Er that es jedesmal, wenn ihn ein Edelstein oder auch der Ring selber reizte. Man sollt' es nicht glauben, aber es ist so allgemein bekannt, daß er es selber schwerlich abstreiten wird. (58) Als einmal für seinen Dolmetscher Valentius ein Brief aus Akragas ankam, bemerkt' er zufällig das Zeichen auf dem Siegel. Es gefiel ihm. Er fragt, woher der Brief käme; Antwort: aus Akragas. Darauf schreibt er an seine gewohnten Vertrauenspersonen, sie sollten ihm so bald als möglich diesen Siegelring zukommen lassen. So geschah es, daß einem römischen Bürger und Familienvater, Lucius Titius, der Ring vom Finger gezogen wurde. – Ein anderes Objekt seiner unersättlichen Gier sind gewebte Stoffe. In Rom wie in allen seinen Villen auf dem Lande hat er glänzende Speisesäle eingerichtet; aber selbst wenn er für jeden dreihundert Sofadecken brauchte, hätt' er sich doch zu viel besorgt. Kein stattliches Haus war in Sicilien, wo er nicht eine Textilmanufaktur eingerichtet hätte. (59) In Egesta lebt eine sehr reiche vornehme Dame Namens Lámia; drei Jahre lang mußte sie ihr Haus voll Weber halten und für ihn Teppiche arbeiten lassen, sämtlich in echtem Purpur. In Retion war es der reiche Attălos , in Lilybaion Lyson, in Aitna Kritolāos, in Syrakus Aíschrion, Kleómenes und Theomnāstos , in Heloros Archónidas; der Tag geht eher zu Ende als die Liste der Namen. »Er selber«, will man mir einwenden, »sorgte für den Purpur, die Freunde nur für die Arbeit.« – Ich glaub's, allmählich vergeht mir auch die Lust, alles Klagbare loszulassen; aber hier reicht es längst aus zur Klage, wenn er solche Massen zur Verfügung stellen, so vieles fortschaffen wollte; ja es genügt schon, was eben zugestanden wird, die Verwendung von Arbeitern seiner Freunde für solche Dinge. (60) Dann aber die metallbeschlagenen Tragbahren und die Bronzekandelaber, die drei Jahre lang in Syrakus gearbeitet wurden; für wen wohl, wenn nicht für ihn? »Er kaufte sie.« – Jawohl, und ich will auch den Gerichtshof nur darauf aufmerksam machen, was er als Statthalter in der Provinz alles für Geschäfte getrieben hat, damit ihr nicht denket, er wäre unaufmerksam gewesen oder hätte von der Gelegenheit sich gehörig mit allem zu versehen nicht hinreichenden Gebrauch gemacht.

XXVII. Was aber jetzt kommt, das gehört schon nicht mehr unter die Begriffe Diebstahl, Habsucht oder Gier, sondern ist ein Verbrechen, das nach meiner Ansicht alle Nichtswürdigkeiten in sich schließt: Schändung der Götter, Frevel an unserem nationalen Ruf und unserer politischen Würde, Verrat und Raub am Gastfreund, schließlich Entfremdung unserer wertvollsten Alliierten, nämlich aller auswärtigen Könige und der von ihnen regierten Völker.

(61) Bekanntlich kamen die jungen Prinzen von Syrien, Söhne des verstorbenen Königs Antíochos, vor kurzem nach Rom. Anlaß zu ihrer Reise war nicht das Königreich Syrien – das gehörte ihnen unbestritten nach dem Gesetze dynastischer Erbfolge – sondern das Königreich Ägypten, auf das sie für sich und ihre Mutter Selēne Ansprüche zu haben glaubten. Unsere politischen Verhältnisse gestatteten uns damals nicht zu der Frage Stellung zu nehmen; da sie also durch den Senat nicht zu ihrem Ziele kommen konnten, reisten sie wieder nach Syrien ab. Der eine von ihnen, Antiochos mit Namen, dachte den Weg über Sicilien einzuschlagen und kam gerade zur Zeit des Statthalters Verres nach Syrakus. (62) Das war für diesen ein gefundenes Fressen; ein Mann, den sein Ruf und alle Anzeichen als Besitzer vieler Kostbarkeiten kennzeichnen, fällt ihm in die Hände! Sogleich schickt er ihm reichliche Geschenke, nämlich für den Hausbedarf: Wein und Öl nach Gutdünken, auch eine hinreichende Menge Weizen – von seinen Steuereinnahmen. Darauf lud er den jungen König zum Abendessen ein. Glänzend üppig wird der Speisesaal hergerichtet; auf der Tafel prangt, woran es ihm ja nicht fehlen konnte, eine Menge des schönsten Silbergerätes (das goldene hatt' er nämlich damals noch nicht fabrizieren lassen), kurz, in jeder Hinsicht wird für einen prachtvollen Eindruck gesorgt. Der König kommt – und geht mit der Empfindung nach Hause, von einem pompös eingerichteten Prätor standesgemäß aufgenommen worden zu sein. Bald erwidert er die Einladung und präsentiert dabei seine Schätze: eine Menge Silber, auch eine ganze Anzahl goldener Becher, die nach einer gerade bei Königen und zumal in Syrien beliebten Art mit den seltensten Edelsteinen verziert waren. Eine Weinkelle war dabei mit goldenem Griff und ausgehöhltem Kelch aus einem kolossalen Edelstein; darüber habt ihr ja den Zeugen Quintus Minucius vernommen, und ich denke, seine Aussage genügt. (63) Verres läßt sich jedes einzelne Stück durch die Finger gehen, ist voll von Lob und Bewunderung, und der König freut sich, dem Vertreter des römischen Volkes eine so angenehme Aufnahme bieten zu können. Man geht auseinander, und Verres' Gedanken – das liegt in der Natur der Sache – bewegen sich um keinen anderen Punkt als um die Frage: wie fängt man's an, daß der König, ausgeplündert bis aufs letzte Stück, die Provinz verläßt? Er schickt zu ihm und läßt um das schöne Silberzeug bitten, das er bei ihm gesehen; er wolle es seinen Ciseleuren zeigen. Der König kannte den Mann nicht und schickte ihm in seiner Naivetät alles Verlangte mit dem größten Vergnügen zu. Darauf läßt jener auch um die Weinkelle mit dem Achatkelch bitten, er wolle ihn mit rechter Muße betrachten: das Objekt wird ihm ebenfalls geschickt.

XXVIII. (64) Jetzt aber paßt auf! Ihr habt von der Geschichte schon gehört, auch das Volk weiß davon, ja selbst ins Ausland, bis in die fernsten Zonen ist die Kunde davon gedrungen. Da war ein Kandelaber, aus Gold und Edelsteinen mit wunderbarer Kunst gearbeitet: den hatten die genannten Prinzen nach Rom gebracht um ihn im Jupitertempel auf dem Kapitol aufzustellen. Da nun der Neubau des Tempels noch nicht beendet war, konnten sie das Weihgeschenk noch nicht abliefern, aber anderseits wollten sie es auch der Masse noch nicht zur Schau stellen, damit es dereinst, wenn das Haus des höchsten Gottes vollendet wäre, mit einem Mal in ganzer nie gesehener Pracht vor den Augen der Menschheit erstrahlte. So beschlossen sie es wieder nach Syrien mitzunehmen, um später, wenn des Gottes Kultbild geweiht wäre, daraufhin gleich eine Gesandtschaft nach Rom abzuordnen, die mit anderen Gaben auch jenes Prachtwerk in den kapitolinischen Tempel befördern sollte. – Durch einen unseligen Zufall kommt die Sache dem Verres zu Ohren; der König hatte sie nämlich geheim halten wollen, nicht etwa aus Furcht oder Argwohn, sondern damit niemand eher als die Bürger Roms das Wunderwerk zu sehen bekäme. Nun bittet Verres den König um Zusendung; er spart die Worte nicht, wendet alles auf, versichert, er müsse das Kunstwerk sehen und er werd' es sonst gewiß niemand zeigen. (65) Antiochos war jung und ein Fürst; beides Grund genug um keinen Verdacht gegen den Schurken in seiner Seele aufkommen zu lassen. Er giebt Auftrag, man solle das Stück gut verpackt und möglichst unbemerkt ins Haus des Statthalters schaffen. Es geschieht, die Hülle wird abgenommen, das Kunstwerk steht da; Verres gerät außer sich und kann sich gar nicht genug thun in Ausrufen des Entzückens: ja, da sehe man das Königreich Syrien, das sei ein echtes Königsgeschenk, das passe für den Gott auf dem Kapitol. Es war ja auch in einer Weise blendend, daß die Leuchtkraft der Edelsteine mit dem wunderbaren Reichtum der künstlerischen Goldarbeit zu wetteifern schien; seine außerordentliche Größe verriet sogleich die Bestimmung, nicht Menschen zum Gebrauch, sondern dem mächtigsten Gotteshause als Schmuck zu dienen. – Als er es genug begafft zu haben schien, wollten die Leute es einpacken und wieder nach Hause bringen. Da sagte Verres, er müßt' es wieder und wieder betrachten; er könne sich gar nicht satt daran sehen; sie sollten nur einstweilen weggehen und den Kandelaber dalassen. So kehrten sie mit leeren Händen zu Antiochos zurück.

XXVIIII. (66) Der Prinz blieb zunächst noch ohne jeden Verdacht. Es vergeht ein Tag, es vergehen zwei Tage, es vergeht eine Woche: der Kandelaber kehrt nicht wieder. Da schickt er hin, läßt freundlichst um Rücksendung bitten. Die Antwort lautet, man sollte später wiederkommen. Das erscheint ihm sonderbar; er schickt von neuem, wieder vergebens. Da macht er sich selber auf, besucht den Statthalter und trägt seine Bitte vor. Nun kennt ihr den Menschen und seine ganze Unverschämtheit: er legt sich aufs Bitten und verlangt mit den dringendsten Worten für seinen eigenen Besitz, was der fremde Monarch dem höchsten Gotte, dem kapitolinischen Tempel, der römischen Nation stiften zu wollen ihm persönlich erklärt hatte. Der Prinz weigert sich, spricht vom kapitolinischen Jupiter, von Glaubenspflicht und öffentlicher Meinung, von dem Weltruf des Kunstwerkes und seiner Stiftung: da fängt Verres mit heftigen Drohungen an. Als er sieht, daß die ebensowenig wirken wie vorher seine Bitten, kommt er auf einen Gedanken; plötzlich befiehlt er dem Manne noch vor Einbruch der Nacht die Provinz zu verlassen, es seien Nachrichten eingetroffen, daß syrische Seeräuber gegen Sicilien heranzögen. (67) Da verzweifelte der Prinz. Vor einer großen Versammlung, auf dem Markte von Syrakus – versteht ihr, auf dem Markte von Syrakus! damit ihr nicht denket, ich halte mich mit zweifelhaften Fragen oder zerstreutem Klatsch auf – fing der junge Monarch an, weinend Menschen und Götter zu beschwören, sein Perlenkandelaber, den er aufs Kapitol schicken, dem hehrsten Tempel der Welt als dauerndes Zeichen seiner innigen Verbindung mit Rom verehren wollte, den hätt' ihm ein Gaius Verres geraubt; all seine übrigen Schätze an Gold und Edelsteinen, die er ihm anvertraut, kümmerten ihn nicht, aber daß man ihm diesen weggenommen, sei entsetzlich, unerträglich. Längst hätte er diese Weihung im Einverständnisse mit seinem Bruder beschlossen; und jetzt, angesichts der Genossenschaft aller römischen Bürger in Syrakus, erklärt' er feierlich die heilige Stiftung und übergäbe sie an Jupiter den Allmächtigen; den Gott selber ruf' er zum Zeugen seines Willens wie seines Glaubens an.

XXX. Welch eine Menschenkraft, physisch wie geistig, müßte wohl dazu gehören, dieses einzige Verbrechen seiner Größe entsprechend zu schildern und dem Hörer zum Bewußtsein zu bringen! König Antiochos hatte in Rom zwei Jahre lang unter unser aller Augen mit königlichem Aufwand gelebt, war unserem Staat ein Freund und Bündner, wie seine erlauchten Ahnen es unseren Vorfahren gewesen, er kam aus einem großen blühenden Land – und nun wird er auf einmal Hals über Kopf aus einer Provinz des römischen Volkes vertrieben. (68) Was sollen denn andere Könige und fremde Völker sagen, wie soll man in der ganzen Welt so etwas aufnehmen, wenn man hört, ein römischer Prätor hat in seiner Provinz einen König vergewaltigt, seinen Gastfreund ausgeplündert, einen Freund und Bündner Roms weggejagt! Die römische Rechtspflege, ja der bloße Name Roms wird überall im Ausland eine wahre Wut erregen, wenn so ein Frevel ungestraft bleibt. Ohnehin stehen unsere Beamten allgemein im Rufe schnödester Habsucht; in diesem Falle würde man die Schuld ebensosehr den Richtern, die das Verbrechen billigen, wie dem Verbrecher selbst zuschreiben. Anderseits haben so viele Könige, Republiken, Stadtgemeinden und reiche Privatleute die Absicht, unseren kapitolinischen Tempel so auszustatten wie es seine Bedeutung und der Name unseres Reiches verlangt; und wenn sie sehen, daß diese Unterschlagung eines Königsgeschenkes auch euch erbittert, so können sie allerdings glauben mit ihren Geschenken und Aufmerksamkeiten Rom etwas Willkommenes zu bieten; wenn sie aber hören, daß ihr gegen einen edlen Fürsten bei einem so außerordentlichen Objekte den schändlichsten Frevel ohne Strafe hingehen lasset, dann werden sie doch nicht so blödsinnig sein, Geld, Mühe und Arbeit auf Dinge zu verschwenden, die euch sichtlich nicht angenehm sind.

XXXI. (69) Hier ruf ich dich an, Quintus Catulus Catulus hatte die Einweihung des Tempels mit den nötigen Festlichkeiten übernommen. : von deinem erhabenen Monumente sprech' ich, und dir ziemt es, hier nicht mit der Strenge des Richters, sondern mit der aggressiven Gewalt des Feindes und Klägers vorzugehen. Dein höchster Stolz – so will es Roms Senat und Volk –, deines Namens ewiges Angedenken ist mit der Heiligkeit jenes Tempels verknüpft; du hast diese Aufgabe, hast die Pflicht, für das Kapitol zu sorgen, damit der nach dem Brande neuerbaute Tempel glänzender ausgestattet werde als er es jemals war und wir in der Flamme jenes Brandes eine göttliche Fügung sehen, eine Offenbarung des Götterwillens, der das Haus des Jupiter nicht zerstört, sondern schöner und prächtiger ausgestattet wissen wollte. (70) Du hast das Zeugnis des Quintus Minucius gehört: bei ihm ist König Antiochos in Syrakus abgestiegen, er weiß, daß das Kunstwerk zu Verres geschafft und nie wieder zurückgegeben wurde. Du hörtest ferner und wirst noch andere Zeugen hören, Männer aus jener Bürgergenossenschaft in Syrakus, die bestätigen, daß in ihrer Gegenwart König Antiochos es Jupiter dem Gnädigen Allmächtigen feierlich geweiht hat. Wenn du nicht im Richterkollegium säßest und nur zufällig davon hörtest, müßtest du, gerade du, die Sache in die Hand nehmen und mit allen Kräften gerichtlich verfolgen; so zweifl' ich nicht, wie du jetzt als Richter urteilen wirst, wo du selbst, als Kläger vor einen Richter gestellt, mit ganz anderer Schärfe losgehen würdest als ich.

XXXII. (71) Und ihr anderen Richter, könnt ihr euch etwas Unwürdigeres und Unerträglicheres vorstellen? Soll Verres den Kandelaber Jupiters aus Gold und Edelgestein bei sich zu Hause behalten? Die Flamme, die das Gotteshaus zu erhellen bestimmt war, soll sie nun bei Verres' Zechgelagen seine wüsten Orgien beleuchten? Im Hause des schändlichen Kupplers soll zwischen all den Erbstücken der Chelidon auch die Zierde des Kapitols figurieren? Die Wirkung dieses ganzen Abschnittes wurde beim mündlichen Vortrag dadurch stark erhöht, daß man vom Forum aus den kapitolinischen Jupitertempel sah, der mit seiner gebieterisch imponierenden Lage (etwa an der Stelle des jetzigen Palazzo Caffarelli) ganz Rom beherrschte. Ihm war ja nie etwas heilig, er kannte keinen Glauben, er, der noch jetzt unter seinem Frevel nicht zusammenbricht, der das Gericht betritt und nicht einmal, wie alle anderen, Jupiter den Gnädigen Allmächtigen um seine Hilfe anflehen kann! Zum Schutze menschlichen Eigentumes ist dieses Gericht berufen, aber die unsterblichen Götter selbst verlangen von ihm ihr Eigentum zurück. Er hat die Athene in Athen, den Apollon in Delos, die Hera in Samos, die Artemis in Perga und auch sonst noch viele Götter in ganz Griechenland und Kleinasien geschändet – soll uns das wundern bei einem Menschen, der selbst Jupiter und das Kapitol nicht schont? Privatleute lassen auf eigene Kosten Göttertempel ausstatten, und ein König wird von Verres daran verhindert! (72) Natürlich war nach diesem Frevel kein Heiligtum in ganz Sicilien mehr vor ihm sicher; drei Jahre lang haust' er in der Provinz, als hätt' er allen Menschen, allen Göttern den Krieg erklärt.

XXXIII. Egesta Die nachfolgende Erzählung erwähnt Cicero in einer seiner theoretischen Schriften unter den Beispielen dafür, daß man, um Eindruck zu machen, zuweilen eine Katastrophe mehr mit Würde als mit Schmerz beschreiben muß. ist eine uralte Stadt in Sicilien; ihre Gründung wird auf Aineias zurückgeführt, der sich ja auf der Flucht von Troia dort aufhielt, eh' er sich hierher in unsere Gegenden begab. Daher hielten sich die Egestaner zu allen Zeiten nicht nur für unsere besten Freunde und Bündner, sondern auch für unsere Verwandten. Einst führte dies kleine Volk auf eigene Faust und ohne alle fremde Hilfe Krieg mit Karthago; die Stadt wurde von den Puniern erobert, zerstört und all ihre Schätze nach Karthago geschafft. Darunter befand sich ein bronzenes Kultbild der Artemis, seit den ältesten Zeiten mit hoher Andacht verehrt und künstlerisch von ganz ausgezeichneter Arbeit. Durch die Überführung nach Karthago wechselt' es nur seinen Standort und seine Umgebung, aber seine religiöse Bedeutung blieb dieselbe: so mächtig wirkte die außerordentliche Schönheit auf alle Menschen, daß selbst die Barbaren es als ein Heiligtum anbeteten. (73) Jahrhunderte vergingen, da kam Publius Scipio und eroberte Karthago. Nun beachtet einmal, wie nobel und aufmerksam sich der Sieger benahm, erlabet euch einen Augenblick an einem Zuge edelster Männlichkeit und gewinnet so den rechten Standpunkt für die Frechheit eines Verres. Scipio berief alle Vertreter Siciliens, denn er wußte, wie lange die Insel unter dem qualvollen Drucke karthagischer Tyrannei geschmachtet hatte, und ließ nun die Kunstwerke hervorsuchen; dann versprach er allen Gemeinden nach besten Kräften für die Zustellung ihres einstigen Eigentumes zu sorgen. In der That kam nun alles, was aus der zerstörten Stadt Himera entführt war, an die Bewohner von Thermai; anderes an Gela, noch anderes an Akragas, darunter der berühmte Stier, mit welchem Phálaris, der grausamste aller Tyrannen, lebendige Menschen marterte, indem er sie hineinstecken und Feuer darunter anzünden ließ. Als Scipio diesen Stier den Akragantinern wiedergab, soll er gesagt haben, sie möchten sich doch überlegen, was ihnen besser bekäme, einem Einheimischen zu dienen oder sich an das römische Volk anzuschließen: ein Monument spräche nun zu ihnen von der Grausamkeit des einen wie von der Milde des andern.

XXXIIII. (74) Damals wurde nun den Egestanern mit größter Sorgfalt die eben erwähnte Artemis zurückgeliefert; man bringt sie in die Stadt, und unter grenzenlosem Jubel der Bevölkerung wird sie wieder an ihrem alten Standort aufgestellt. Dort stand sie, hoch erhaben auf einem Sockel, dessen Inschrift in mächtigen Buchstaben den Namen des Scipio Africanus zeigte und seine That, die Wiedergabe des Bildes nach Karthagos Fall, verkündete. Die Bürger beteten es an, jeder Fremde sucht' es auf; wie ich als Quästor hinkam, war es das Erste was man mir zeigte. Es war eine imposante, übermenschliche Gestalt im lang herabwallenden Gewande; aber trotz ihrer kolossalen Größe bewahrte sie den mädchenhaften Charakter. Ein Köcher mit Pfeilen hing von der Schulter herab, die linke Hand hielt den Bogen, die rechte, leicht vorgestreckt, eine brennende Fackel. Artemis war also nach altgriechischer Vorstellung als Todesgöttin dargestellt; das lange Gewand und die ruhige Haltung sind dafür ebenso charakteristisch wie die Fackel und die Pfeile. Man lasse sich nicht durch populäre Salonstücke wie die Diana von Versailles, die auf pergamenische Vorbilder zurückgeht, beirren; die flotte Jägerin ist eine verhältnismäßig späte Vorstellung, und vollends mit der Mondgöttin hat Artemis für die griechische Empfindung so wenig zu thun wie Apollon mit der Sonne. (75) Als der Todfeind alles Reinen und Heiligen dieses Bild sah, da war's, als hätte jene Fackel ihn selbst mit ihrem Brand ins Herz getroffen; so loht er auf in rasender Begier. Er läßt die Stadträte kommen, beauftragt sie, die Statue vom Sockel zu reißen und ihm zu schenken, versichert sie dafür im voraus seines ganz besonderen Dankes. Die Leute sind entsetzt, erklären, daß ihnen ihr Glaube und nicht minder die Strenge des Gesetzes und Gerichtes einen solchen Frevel an der Gottheit verbietet; er drängt in sie mit Bitten und Drohen, mit Bildern der Furcht wie der Hoffnung. Man hielt ihm den Namen des Scipio Africanus vor, man berief sich auf das Eigentumsrecht des römischen Volkes: sie hätten keine Gewalt über ein Denkmal, das der erlauchte Heerführer nach dem Falle der feindlichen Stadt dem Siege Roms gesetzt – alles vergeblich. (76) Täglich aufs neue zog Verres los, schamlos, ja mit steigender Heftigkeit; endlich wird die Sache vor den Gemeinderat gebracht. Alle protestieren energisch, und Verres erlebt bei diesem ersten Aufenthalt in Egesta nur ein allgemeines »Nein«. Er rächte sich. Alle irgend erdenklichen Lasten, Gestellung von Matrosen und Ruderknechten, Getreidelieferungen u. dgl. wurden rechtswidrig auf Egesta gewälzt: die Gemeinde ward erheblich über ihre Kräfte hinaus besteuert. Dann ließ er ihre Beamten kommen, holte ihnen die tüchtigsten und vornehmsten Bürger weg, brauchte sie zu untergeordneten Hilfsleistungen, schleppte sie von Gericht zu Gericht durch die ganze Provinz, drohte jedem Einzelnen mit Plackerei bis zum völligen Ruin, allen zusammen mit radikaler Ausrottung der ganzen Gemeinde – bis sie endlich mürbe wurden: Elend und Furcht bestimmte die verzweifelten Egestaner, der Weisung des Landvogtes zu gehorchen. Die ganze Stadt war voller Jammer, Männer und Weiber heulten, als man das Standbild der Artemis von seinem Platze zu entfernen anordnete und die Arbeit einem Unternehmer zuschlug.

XXXV. (77) Die Egestaner waren aufrichtig in ihrer Frömmigkeit. Denkt euch: kein Mensch fand sich in der ganzen Stadt, selbst kein Sklave, der das heilige Bild zu berühren gewagt hätte, man mußte schließlich einige fremde Arbeiter, Barbaren aus Lilybaion kommen lassen, Menschen ohne Religion und ohne eine Ahnung vom Sachverhalte, die dann für Geld die Losreißung der Statue besorgten. Und nun der Transport aus der Stadt hinaus! Ihr könnt euch wohl vorstellen, wie die Weiber zusammenliefen, die alten Leute weinten; hatten doch einige von ihnen noch selber den unvergeßlichen Tag mit erlebt, wo diese selbe Artemis aus Karthago heimkehrte und durch ihren Einzug in Egesta den Sieg des römischen Volkes verkündete. Wie hatten sich die Zeiten geändert! Damals brachte Roms glorreichster Feldherr den Egestanern ihre wieder eroberten Götter aus Feindesland zurück; jetzt kam ein römischer Prätor, ein schmutziges Subjekt, und erfrechte sich den Bündnern des Staates dieselben Götter zu entreißen. In ganz Sicilien rühmt man noch die Abschiedsfeier der Segestanerinnen: sämtliche Frauen und Mädchen der Stadt fanden sich ein, salbten und schmückten die Statue, bedeckten sie mit Kränzen und Blumen, zündeten Weihrauch und köstliche Essenzen an und geleiteten sie in feierlichem Zuge bis an die Grenzen ihrer Mark. (78) Eine solche Heiligkeit flößte dir, Verres, damals keine Scheu ein, wo du die Macht in Händen hattest und deine Gier wie deine Frechheit keine Grenzen kannte; jetzt, wo deine und deiner Kinder Existenz auf dem Spiele steht, scheust du noch immer nichts? Welcher Mensch soll dir denn beistehen im Kampfe gegen die Götter! Oder welcher Gott, wenn du ihre höchsten Heiligtümer schändest? Hat dir jene Diana in müßigen Stunden nie das Gewissen geweckt? Zwei Städte, in denen sie aufgestellt war, hatte sie erobern und niederbrennen sehen, zweimal war sie aus Kriegesschrecken unverletzt von Feuer und Schwert hervorgegangen: Karthagos Gewalt konnte ihr den Standort, aber nicht den Kultus nehmen, und Scipios Kraft gab ihr mit ihrem alten Platz auch ihren alten Kultus wieder. Nun stand der Sockel mit dem eingemeißelten Namen des Scipio Africanus leer; alle fanden es empörend, daß neben dem Heiligtum auch der Name des großen Scipio beschimpft, das Andenken an sein Heldentum, das Denkmal seines ruhmvollen Sieges von einem Verres entführt war. (79) Als man nun diesem von dem Sockel und der Inschrift und dem allgemeinen Unwillen erzählte, meint' er, die Menschen würden schon die ganze Geschichte vergessen, wenn auch jener Sockel, gewissermaßen der redende Zeuge seines Frevels, verschwunden wäre. So mußten die Egestaner auf seinen Befehl auch den Sockel hinwegräumen lassen; das Dokument hierüber aus den Stadtakten von Egesta wurde ja in der vorigen Sitzung verlesen.

XXXVI. Dich ruf' ich jetzt an, Scipio Nasīca, dich, den wir Alle eine Zierde unserer Jugend nennen: von dir verlang' ich die Leistung, die du deiner Familie und deinem Namen schuldig bist. Wie kannst du für diesen Menschen eintreten, der euren Ruhmestitel zerstört hat? Warum willst du ihn in Schutz nehmen? Weshalb muß ich deine Aufgabe übernehmen? Ein Marcus Tullius fragt nach dem Denkmale des Scipio Africanus, und der Räuber dieses Denkmals wird von einem Publius Scipio verteidigt! Von unseren Ahnen haben wir den Brauch überkommen, daß jeder seine Familiendenkmäler aufs sorgsamste schützt und sie von jemand anders nicht einmal ausschmücken läßt; da gesellst du dich zu einem Menschen, der ein Scipionendenkmal nicht etwa verbaut oder sonstwie rücksichtslos behandelt, sondern einfach von Grund aus zerstört hat! (80) Ja, um Gottes willen, wer soll denn da noch das Andenken des toten Scipio vertreten, wer soll die redenden unvergänglichen Zeugen seines Heldentums beschützen, wenn du sie elend im Stiche lässest, nicht nur ihren Raub duldest, sondern selbst den Räuber und Schinder verteidigst? Hier stehen die Abgeordneten von Egesta, deine Schutzbefohlenen, Roms Freunde und Bündner; sie thun dir kund und zu wissen, daß Publius Scipio Africanus nach der Zerstörung Karthagos das Standbild der Artemis ihren Vorfahren wiedergab, daß er es als römischer Feldherr mit seinem Namen bei ihnen aufstellte und weihte, daß Verres diese Statue losreißen, wegschleppen und den Namen Scipio vernichten ließ: sie flehen dich an, du mögest ihnen ihr Heiligtum, deiner Familie das Ehrendenkmal wiedergeben, auf daß du ihnen gegen den Räuber sicherst, was Scipio Africanus vom Feinde wiederbrachte.

XXXVII. Was kannst du ihnen nun mit Anstand erwidern? Und sie mußten so handeln, mußten an deine Ehre appellieren. Hier stehen sie und thun es. Du kannst jetzt für den glänzenden Namen deines Hauses eintreten, Scipio, du hast hier die schönste Gelegenheit; du verfügst über alle Eigenschaften, die Natur und Geschick einem Menschen verleihen können: ich will dir die Frucht deiner Mühe nicht wegschnappen, ich verlange nicht nach fremden Ruhmestiteln, mein Taktgefühl verbietet mir, so lange ein Publius Scipio in blühendster Jugend und Gesundheit unter uns lebt, mich als Vorkämpfer oder Verteidiger eines Publius Scipio aufzuspielen. (81) Wenn du daher die Wahrung der Familienehre übernimmst, so muß ich nicht nur von euren Denkmälern schweigen, sondern ich werde mich sogar freuen über das Schicksal des Africanus, dessen Ehre nach seinem Tode von den eigenen Verwandten verteidigt wird und keine fremde Hilfe braucht. Wenn dich aber die Freundschaft mit dem da dran verhindert, wenn du mit diesem Ansinnen, das ich an dich stelle, nichts zu thun zu haben vorgiebst, so werde ich zur Aushilfe auf deinen Posten treten und die scheinbar mir fremde Aufgabe übernehmen. Dann mag aber dieser vortreffliche Adel endlich aufhören darüber zu klagen, daß das römische Volk immer wieder so gern allerlei wichtige Stellungen an »Emporkömmlinge« vergiebt. Man soll doch nicht bedauern, daß in diesem Staate, der vermöge seiner Tüchtigkeit über alle Völker gebietet, die Tüchtigkeit es am weitesten bringt. Mag das Ahnenbild des Scipio Africanus bei anderen stehen, mögen andere mit dem Namen des toten Helden prunken: der Mann hat so für Rom gearbeitet, war überhaupt eine solche Persönlichkeit, daß nicht eine einzelne Familie sondern der ganze Staat seine Initiative zu ergreifen hat. Und insofern fällt auch ein gutes Stück dieser Verantwortung auf meine Manneskraft, denn ich gehöre dem Staat an, den er über alle groß und herrlich gestaltet hat; namentlich aber kämpf' ich für solche Dinge, in denen er allen voranging, Recht und Billigkeit, Fleiß, Mäßigung, Schutz der Bedrückten, Verfolgung der Schurken: und eine solche Verwandtschaft in Gesinnung und Thätigkeit bedeutet, mein' ich, fast ebensoviel wie eure viel gerühmte Verwandtschaft durch Geschlecht und Namen.

XXXVIII. (82) Verres, dich frag' ich nach dem Denkmale des Scipio; ich verlasse hier die übernommene Sache Siciliens, nichts kümmern mich da Geld und Erpressungen, nichts die Leiden der Egestaner: den Scipionensockel will ich wieder hergestellt sehen, mit der Inschrift des unfehlbaren Kriegshelden, mit der wunderschönen Statue aus der Beute von Karthogo! Es ist nicht der Anwalt der Sicilianer, nicht dein Ankläger, nicht der Vertreter Egestas, der mit dieser Forderung vor dich hintritt, sondern ein Mann, der das Andenken des Scipio Africanus schützen will. Im Richterkollegium sitzt Publius Servilius: ich brauche nicht zu befürchten, daß mir dieses Streben seinen Tadel zuzieht, denn er selbst hat Gewaltiges vollbracht, sorgt mit aller Mühe für entsprechende Monumente und wünscht gewiß deren dauernde Erhaltung durch seine Nachkommen wie durch jeden ordentlichen Menschen, nicht aber ihre Zerstörung durch irgend einen Schurken. Ebensowenig brauch' ich die Mißbilligung des Quintus Catulus zu befürchten: sein Monument ist das erhabenste der Welt, und er wird es nur freudig anerkennen, wenn sich recht Viele für die Denkmäler bemühen und deren Erhaltung, gleichviel wen sie verherrlichen, für eine Pflicht jedes anständigen Mannes ansehen. (83) Ich persönlich finde ja die übrigen Diebereien des Angeklagten empörend; aber in diesem Falle packt mich nur der Schmerz, wir alle sind entwürdigt, so etwas darf nicht sein. Verres soll mit Scipio Africanus' Monument sein Schandhaus, diesen Tummelplatz der schmutzigsten Gemeinheit, dekorieren! Das Denkmal des reinsten, edelsten Mannes, das Kultbild der Jungfrau Diana soll Verres in ein Haus der Unzucht stellen, mitten in das unaufhörliche Schandgetriebe der Buhlerinnen und Kuppler?!

XXXVIIII. (84) Und dies ist nicht das einzige Denkmal des Africanus, das seiner Wut zum Opfer fiel. In Tyndaris stand ein prachtvoller Hermes, ebenfalls durch Scipios Gnade; auch den hat er entführt. Und mit welcher Frechheit! Wahrhaftig, man macht sich von einer solchen Dreistigkeit keine Vorstellung. Ihr habt neulich die Abgeordneten von Tyndaris vernommen, durchaus zuverlässige, hochachtbare Leute, die vornehmsten ihrer Gemeinde. Sie sagten aus, ihren Hermes, den sie anbeteten und mit einem der höchsten Jahresfeste feierten, gab ihnen Scipio Africanus nach der Zerstörung Karthagos zurück, als lebendiges Andenken an seinen Sieg wie an ihre unerschütterliche Treue; Verres habe ihn dann gewaltsam entführt. Sobald er nämlich in die Stadt kam, da (sofort, als ob's so sein müßte, als ob er gar nichts anderes zu thun hätte, als ob er einen besonderen Auftrag vom römischen Senat und Volk dazu mitbrächte) gab er sogleich den Befehl, die Statue losreißen und nach Messana schaffen zu lassen. (85) Alle Anwesenden waren entsetzt, wer davon hörte, wollt' es nicht glauben, und bei diesem ersten Besuch setzt' er nichts durch. Im Momente der Abreise gab er noch dem Bürgermeister Sópatros, den ihr vernommen habt, den Auftrag zur Demolition; der Mann weigerte sich, worauf Verres mit heftigen Drohungen antwortete und den Ort verließ. Die Sache wurde nun vor den Stadtrat gebracht: allgemeiner unwilliger Protest. Ich will mich kurz fassen. Nach einiger Zeit kommt Verres wieder in jene Stadt, fragt sofort nach der Statue. Antwort: der Stadtrat erlaubt es nicht, Todesstrafe steht darauf, wenn jemand gegen die ausdrückliche Verordnung der Behörde Hand an das Bild zu legen wagt; zugleich erinnert man ihn an religiöse Pflichten. Da fährt er los: »Was schwatzt ihr da von Religion? Strafe? Stadtrat? Unsinn, ich lasse dich nicht am Leben, du wirst zu Tode gepeitscht, wenn ich die Statue nicht bekomme.« Weinend geht Sopatros zum Stadtrat, trägt die Sache abermals vor, beschreibt Verres' Gier, wiederholt dessen Drohungen. Der Stadtrat antwortet ihm nichts, sondern hebt in tiefster Erbitterung ohne einen Beschluß zu fassen die Sitzung auf. Sopatros wird durch einen Boten zum Landvogt gerufen und berichtet ihm den Verlauf der Sitzung: die Sache sei nun einmal nicht zu machen.

XXXX. (86) Nun hört was weiter geschah – ich darf nichts charakteristisches auslassen –, in amtlicher Sitzung, offiziell, vor allen Leuten, vom Richterstuhle des Landvogtes aus. Es war mitten im tiefsten Winter (ihr erinnert euch an die Zeugenaussage), die Jahreszeit ganz besonders kalt, es regnete in Strömen, als Verres seinen Schergen befahl, den Sopatros aus der gedeckten Halle, unter der er selber saß, auf den offenen Markt hinunter zu jagen und daselbst nackend hinzustellen. Kaum war das Wort ausgesprochen, da sieht man ihn auch schon von den Bütteln gepackt und entkleidet. Alle erwarteten nun, daß der arme unschuldige Mensch ausgepeitscht würde; aber diesmal irrten sie sich. Verres sollte einen Freund und Bündner Roms ohne weiteres gleich mit Ruten streichen lassen? Nein, so weit geht seine Gemeinheit doch nicht, unmöglich kann ein Mensch in sich alle schändlichen Eigenschaften vereinigen, grausam war er nie. Gnädig und freundlich ging er mit dem Menschen um. Mitten auf jenem Markte stehen die Reiterstatuen verschiedener Mitglieder der Familie Marcellus, wie in den meisten Städten Siciliens; davon wählte dieser Herr eine aus, die des Gaius Marcellus, dessen hohe Verdienste um jene Gemeinde wie um die ganze Provinz noch frisch von allen empfunden wurden. An diese Statue ließ er den Sopatros – also einen vornehmen Mann und damals den höchsten städtischen Beamten! – mit ausgespreizten Armen und Beinen anbinden. (87) Man vergesse nicht, daß es Winter war, regnete und stürmte; nackt, unter freiem Himmel bei größter Kälte war der Mann gefesselt. Aber die Schmach war noch nicht zu Ende, die Folter sollte weiter ihren Verlauf nehmen, da brach die ganze Volksmasse, gerührt und entsetzt durch das gräßliche Schauspiel, mit einem Male los und schrie, man sollte dem Wüterich die Hermesstatue preisgeben: die Götter selber würden sich schon rächen, indessen sollte man einen Menschen nicht unschuldig umkommen lassen. Man übte Zwang auf die Behörden aus: sie gingen alle mitsammen zu Verres und versprachen ihm die Statue. So wurde der halberstarrte Sopatros von der Statue des Marcellus losgebunden und, kaum noch lebendig, hinweggetragen.

XXXXI. (88) Eine ordentliche, disponierte Anklage würd' ich hier gar nicht zustande bringen, selbst wenn ich's versuchen wollte; dazu gehörte nicht bloß ein besonderes Talent, sondern auch ein ganz besonderes Kunststück. Scheinbar bildet dieser Fall »Hermes von Tyndaris« nur einen Klagepunkt, und so rechn' ich ihn auch nur als einen; in Wahrheit sind es mehrere, aber wie ich die auseinanderhalten und unterbringen soll, weiß ich nicht. Es ist materieller Raub, denn Verres hat den Bündnern eine Statue von bedeutendem reellem Wert entführt; es ist Eingriff in den Staatsbesitz, denn er hat ein Denkmal der römischen Nation weggenommen, das unser Oberfeldherr im Kriege erbeutet und mit eigenem Namen offiziell aufgestellt hatte; es ist Vergehen wider die Reichshoheit, weil er Monumente unserer Thaten und unseres Ruhmes losriß und fortschleppte; es ist Gotteslästerung, weil er den heiligen Kultus schändete; es ist gemeines Verbrechen, weil er gegen einen unschuldigen Mann, euren Freund und Bündner, eine ganz neue raffinierte Art der Marter in Anwendung brachte. (89) Eines aber bleibt übrig, wo ich nicht weiter kann, wo ich einfach keinen Namen finde: das Benehmen gegen die Statue des Marcellus. Was ist das? War Marcellus dort Schutzpatron oder nicht? Nun denn, wenn er es war, was folgt daraus? Soll dieser Umstand unseren Schutzbefohlenen und Gastfreunden Hilfe oder Leiden bringen? Oder wolltest du zeigen, daß gegen deine Roheit kein Schutzpatron helfen kann? Das war nicht nötig, denn ohnehin weiß jedermann, daß die Gewalt eines anwesenden Schurken stärker ist als der Schutz eines fernen Ehrenmannes. Oder galt es ein besonderes Beispiel deiner Frechheit und Überhebung? Du wolltest offenbar das Prestige des Marcellus um ein Stückchen verkleinern; nun sind die Marceller nicht mehr die Beschützer Siciliens, Verres ist an ihre Stelle getreten! (90) Welches sind denn deine vortrefflichen Eigenschaften, daß du dich für berechtigt hältst, den Schutz einer so herrlichen, hochbedeutenden Provinz dir selber anzumaßen, auf Kosten jenes Hauses, das ihn seit Urzeiten in stets zuverlässiger Weise durchführt? Du, mit dieser Nichtswürdigkeit, Faulheit und Dummheit, willst Sicilien, willst auch nur einen einzigen schwächlichen Sicilianer irgendwo beschützen? Du hast die Statue eines Marcellus als Schafott gegen die Klienten des Hauses Marcellus benutzt, hast sein Ehrendenkmal gegen die Leute, die es gesetzt hatten, als Marterwerkzeug verwendet, und nun? welches, meinst du wohl, wird das Schicksal deiner Statuen sein? Wohl dieses, das schon eingetroffen ist: in Tyndaris hat man nämlich seine Statue, die er sich neben den Marcellern auf noch höherem Sockel setzen ließ, heruntergeschlagen, sobald man hörte, daß er einen Nachfolger erhalten.

XXXXII. (91) Jetzt hat Siciliens guter Stern den Gaius Marcellus ins Richterkollegium berufen; erst ließest du als Landvogt einen Sicilianer an seine Statue binden, und nun wirst du selber, durch seine Gewissenspflicht umklammert und umstrickt, an die Sicilianer ausgeliefert. Erst behauptet' er nämlich, die Stadt Tyndaris hätte jene Hermesstatue an den hier anwesenden Marcus Marcellus Aeserninus verkauft, und er hoffte, Marcus Marcellus selbst würde ihm zuliebe dies bestätigen; mir war es von Anfang an unwahrscheinlich, daß ein junger Mann von dieser Familie, selber Schutzpatron Siciliens, seinen Namen zur Hehlerei für Verres' Verbrechen hergeben würde. Übrigens hab' ich aber die Sache ernstlich in die Hand genommen und mich dermaßen mit Beweismaterial versehen, daß selbst ein wirklicher Hehler, der sich etwa zu der Komödie bereit finden ließe, doch nichts ausrichten könnte; Zeugen und Dokumente hab' ich zur Stelle geschafft, die über den Hergang keinen Zweifel mehr aufkommen lassen können. (92) Da sind die offiziellen Akten über den Transport der Hermesstatue nach Messana auf Gemeindekosten; der Preis ist angegeben, ebenso die amtlich beteiligten Personen. Den Transport leitete im Auftrage der Stadt Póleas – hier steht er, unter den Zeugen. Den Befehl gab der Bürgermeister Sopatros, derselbe, der an die Statue geknotet wurde; ihr habt ihn gesehen, habt seine eigene Aussage gehört. Für die Losreißung der Statue vom Sockel sorgte der Oberschulinspektor Demetrios, weil sich die Statue in der von ihm geleiteten Anstalt befand: hier ist der Mann, er selber erzählt euch das alles. Ja, noch kürzlich, hier in Rom, hat Verres selber den Abgeordneten von Tyndaris versprochen, er wollte ihnen diese Statue wiedergeben, falls man das Zeugnis über den Vorfall beseitigen und ihm für das Stillschweigen der betreffenden Zeugen Gewähr leisten wollte. Das hörtet ihr von den beiden Edelleuten aus Tyndaris, Sosippos und Ismenias.

XXXXIII. (93) Weiter. Auch in Akragas stand ein Andenken an Scipio, eine wunderschöne Apollostatue, in deren Schenkel, mit kleinen Silberbuchstaben eingelegt, der Name Myron zu lesen war. Sie stand in dem alten, hochheiligen Tempel des Asklepios; von da hat er sie weggeschleppt. Diesmal that er's heimlich, mit Hilfe einer Bande nichtswürdiger Gesellen. Als der schändliche Diebstahl herauskam, geriet die ganze Stadt in die heftigste Aufregung. Die Akragantiner riefen nach Scipios Geschenk, ihrem Heiligtum, der Zierde ihrer Stadt, dem Denkzeichen des Sieges wie des Bundes. Die Spitzen der Behörden bleiben nicht müßig und erteilen an Verwaltung- und Polizeibeamte die Weisung, nachts an den heiligen Pforten Wachtposten aufzustellen. In Akragas nämlich wagte Verres seine dreisten Forderungen vor aller Welt gewöhnlich nicht, auch nicht den offenen direkten Raub; vermutlich wegen der großen Zahl und Tüchtigkeit der Einwohner, auch wegen des starken, sehr wertvollen römischen Bürgerelementes in der Stadt, das mit den Einheimischen, persönlich wie geschäftlich, aufs beste harmoniert. (94) Nun befindet sich in der Stadt nicht weit vom Markt ein hochheiliger Tempel des Herakles, darin das bronzene Kultbild des Herakles selbst – wirklich, ich habe in meinem Leben wohl nichts schöneres gesehen, besitze übrigens in diesen Dingen weniger Verständnis als Erfahrung. Denkt euch, Kinn und Mund dieser Statue sind etwas abgerieben, weil die Gläubigen bei ihren Andachten dieses Bild nicht nur anzubeten, sondern sogar zu küssen pflegen. Jeder Leser denkt ohne weiteres an die Analogie mit neueren Statuen in verschiedenen Kirchen Roms. Aber bezeichnender als die Ähnlichkeit ist der Unterschied zwischen den Äußerungen antiker und moderner Gottesverehrung: jetzt küßt man dem Heiligenbilde knechtisch den Fuß, damals liebevoll Wangen und Mund. Auf diesen Tempel wurde während Verres' Anwesenheit in Akragas bei tiefdunkler Nacht plötzlich von einem bewaffneten Sklavenhaufen unter Timarchides' Führung Sturm gelaufen. Die Schildwachen und Tempelhüter schrien und setzten sich zur Wehre, das Heiligtum zu beschirmen; eine Weile leisten sie Widerstand, bis sie, von Knütteln und Prügeln übel zugerichtet, das Feld räumen müssen. Nun werden die Schlösser ausgerissen, die Thüren eingeschlagen, und die Bande macht sich mit Hebeln und Brechstangen über die Statue her, um sie von ihrem Sockel zu stoßen. Inzwischen pflanzt sich das Geschrei durch die ganze Stadt fort, und mit ihm die Kunde, die Götter der Väter würden vergewaltigt, nicht etwa durch einen feindlichen Überfall, auch nicht durch plötzlich eingedrungene Piraten, sondern mitten aus der Stadt, aus des Landvogtes Gefolge sei ein Haufen bewaffneter Lumpenkerle losgelassen worden. (95) Da war kein Mensch in ganz Akragas zu alt oder zu schwach, um nicht sofort vom Lager aufzuspringen, die erste beste Waffe zu ergreifen und in die Nacht hinauszustürzen. Bald eilt die Menge zum Heraklestempel. Dort arbeitete das ganze Gesindel, eine Masse Menschen, schon über eine Stunde an der Statue herum, sie vom Sockel zu reißen; sie wankte nicht einen Augenblick, während einige sie mit allerlei Stangen vom Platze zu schieben suchten und andere ihr sämtliche Glieder mit Stricken umwanden, um sie nach einer Seite zu Falle zu bringen. Da plötzlich kommen die Akragantiner angestürmt; es hagelt Steine und die Nachtsoldaten dieses vortrefflichen Strategen laufen davon; immerhin nehmen sie zwei kleine Statuetten mit, um doch nicht ganz mit leeren Händen zu ihrem Herrn und Gebieter zurückzukehren. – Dem Sicilianer ist nie so schlimm zu Mute, daß ihm nicht in allem Ärger doch noch irgend ein niedlicher Witz entschlüpfte Unter anderen Sicilianerwitzen erzählt Cicero einmal, ein Verklagter habe vom Prätor Scipio einen Rechtsanwalt bekommen, der zwar ein braver Mann aber ein schlechter Redner war, und darauf zu Scipio gesagt: »gieb doch diesen Advokaten meinem Gegner, dann brauchst du dich um meine Sache überhaupt nicht mehr zu bemühen!« – Ein Sicilianer erzählt seinem Freunde, er habe seine Frau an dem großen Feigenbaum in seinem Garten erhängt gefunden. Der Freund erwidert: »Von diesem Baume kannst du mir Schößlinge zum Einpflanzen geben!« – Der Witz ließe sich ohne weiteres in die »Fliegenden Blätter« übertragen, namentlich wenn man statt der Frau die Schwiegermutter setzt. : so sagten sie in jener Situation, unter den Arbeiten des Herakles müßte der Eber aus Rom gerade so gut genannt werden wie der vom Gebirg Erymanthos.

XXXXIIII. (96) An dieser Energie der Akragantiner nahmen sich später die braven, tüchtigen Bewohner von Assorion ein Beispiel; ihre Gemeinde ist allerdings viel kleiner und bescheidener. Mitten durch das Ländchen fließt der Chrysas; der gilt ihnen als Gott und wird mit höchster Andacht verehrt. Sein Tempel steht auf freiem Felde, gerad' an der Landstraße von Assorion nach Enna; er enthält eine Marmorstatue des Chrysas von vorzüglicher Arbeit. Dieses Kunstwerk den Assorinern einfach abzufordern hatte Verres nicht den Mut, weil jener Tempel im Rufe ganz besonderer Heiligkeit stand; so giebt er seinem Brüderpaar Tlepolemos und Hieron den Auftrag, die Sache für ihn zu besorgen. Sie bringen eine Handvoll Menschen zusammen, bewaffnen sie, schleichen sich bei Nacht zum Gotteshaus und schlagen die Thüren ein. Da merken es die Küster und Tempeldiener: ein der Nachbarschaft wohlbekanntes Hornsignal ertönt, die Landleute eilen rings vom Felde herbei, und Tlepolemos wird mit seiner Gesellschaft hinausgeworfen, so daß man im Chrysastempel nichts vermißte – als eine einzige kleine Bronzestatuette.

(97) In Engyon steht ein Tempel der großen Mutter Cicero verwechselt hier die in Kleinasien heimische »große Mutter« oder »Göttermutter« mit den nur in Engyon nachweisbaren »Müttern«, jenen geheimnisvollen Urgottheiten, die wahrscheinlich auf den zweiten Teil von Goethes Faust von Einfluß waren. – allmählich genügt es nämlich nicht mehr, daß ich mich bei jedem einzelnen Punkte kurz fasse, sondern ich muß eine ganze Menge überhaupt auslassen um zu seinen hervorragenden und bedeutenderen Leistungen auf diesem Gebiete zu kommen –: in jenem Tempel befanden sich bronzene Harnische und Helme, mit getriebenen Reliefs von korinthischer Arbeit, ferner große Krüge von ähnlicher Art und Technik, alles wieder von unserem herrlichen Scipio gestiftet und inschriftlich mit seinem Namen versehen. Man gestatte mir kurz zu sein und auf alle persönlichen Bemerkungen über Verres' Benehmen zu verzichten: er hat einfach alles gestohlen, nichts im Heiligtum gelassen als die Spuren des entweihten Kultes und den Namen Scipio; Kriegsbeute und Heldendenkmal, Tempels Zier und Schmuck – all die Kunstwerke müssen künftig diese Ehrentitel entbehren und dafür im Inventar von Verres' Hausgerät figurieren. (98) Offenbar bist du der einzige Mensch, der an korinthischen Vasen Gefallen findet, der Einzige, der sich auf Erzgießerei, Ciselierarbeit und Linienführung so recht von Grund aus versteht. Scipio, der feine, hochgebildete Scipio, verstand nichts davon; aber du, ein Mensch ohne alle Feinheit, ohne Bildung, ohne Geist, ohne Kenntnisse, du verstehst es: du bist ein Kenner. Nimm dich in acht: vielleicht war Scipio nicht bloß an Charakter, sondern auch an Geschmack dir dennoch überlegen, dir und all den Herren, die sich so gern als Kenner aufspielen. Denn gerade weil er die vollendete Schönheit jener Kunstwerke zu schätzen wußte, erkannt' er als ihre Bestimmung nicht den müßigen Luxus einzelner Privatleute, sondern den vornehmsten Schmuck ganzer Städte und Göttertempel, auf daß die Andacht künftiger Geschlechter sich an ihnen erquicke und erbaue.

XXXXV. (99) Nun lasset euch von einem ganz besonderen Fall zügelloser Gier erzählen, wo der Angeklagte ein Heiligtum befleckte, das nicht nur seinen Händen, sondern selbst seinen Gedanken stets hätte unnahbar bleiben müssen. In Kátane besteht der Kultus der Deméter, ebenso wie in Rom, wie anderwärts, wie fast in der ganzen Welt. Dort steht im innersten, streng verwahrten Gemache des Tempels ein uraltes Bild der Göttin, dessen Anblick, ja dessen ganze Existenz den Männern stets verborgen geblieben war; nie durften sie das Heiligtum betreten, vielmehr wurde der Gottesdienst nur von den Frauen und Mädchen verrichtet. Diese Statue war eines Tages verschwunden; die Sklaven des Verres hatten bei Nacht einen Einbruch in den Tempel verübt und sie heimlich weggeschleppt! Am Morgen nach der That reichen die Priesterinnen der Demeter zusammen mit den älteren Vorstandsmitgliedern der Tempelverwaltung, lauter ausgezeichneten, hochvornehmen Damen, einen Bericht über das Geschehene beim Stadtrat ein; man war nicht nur empört und gekränkt, sondern empfand es geradezu als einen Fall allgemeiner Trauer. (100) Da wurde Verres vor der Scheußlichkeit seines eigenen Verbrechens bange. Um den Verdacht von sich abzuwälzen, giebt er einem guten Bekannten in der Stadt den Auftrag, einen Strohmann ausfindig zu machen, dem man die Schuld zuschieben könne; er sollte sich alle Mühe geben, daß das Subjekt auch verurteilt würde, damit man gegen ihn selber ja keine Klage erheben dürfte. Ohne Aufschub geht man ans Werk. Verres verläßt Katane, und gleich nach seiner Abreise bringt man den Namen eines Sklaven zur Anzeige; der Mensch wird in Anklagezustand versetzt und falsche Zeugen gegen ihn gedungen. Der gesamte Rat von Katane nahm die Gerichtsbarkeit in die Hand. Man verfuhr nach den Gesetzen: die Priesterinnen werden vorgeladen und in geheimer Sitzung befragt, was sie über den Vorgang dächten, was sie in Erfahrung gebracht hätten, wie sie sich das Verschwinden der Statue erklärten. Die Damen antworten, man habe die Sklaven des Landvogtes am Orte der That gesehen. Die Sache war ohnehin schon keineswegs unklar gewesen, das Zeugnis der Priesterinnen brachte vollends Licht hinein. Man schreitet zur Beratung: jener Sklave, der unschuldig zum Opfer bestimmt war, wird einstimmig freigesprochen – damit ihr, meine Herren, diesen Menschen hier ohne alle Schwierigkeit einstimmig verurteilen könnet! (101) Denn was kannst du noch verlangen, Verres? Hast du noch Hoffnungen oder Aussichten? Wer soll dir im Himmel oder auf Erden zu Hilfe kommen? Du hast dich erfrecht, Sklavengesindel zum Plündern in ein Heiligtum zu schicken, wo selbst zum Beten kein freier Mann hinein darf! Du hast deine Frevlerhand an Gegenstände gelegt, zu denen du nach den strengen Gesetzen der religiösen Bräuche nicht einmal deine Augen erheben durftest! Hier kannst du nicht vorschützen, ein bestrickender Anblick habe dich zu Betrug und Frevel verführt: es zog dich zum Unbekannten, und was du begehrtest, hattest du nie erschaut. Nur was dir zu Ohren gekommen war, weckte deine Gier in einem solchen Grade, daß nicht Furcht noch Frömmigkeit, nicht göttliche Gewalt noch menschliches Urteil dich zu zügeln vermochte. (102) Und von wem hattest du jene Kunde erhalten? Etwa von einem anständigen, zuverlässigen Gewährsmann? Aber das ist ja gar nicht möglich, denn ein Mann konnte dir ja überhaupt nicht davon erzählen! Es ist ganz klar: Männer durften davon nichts wissen, nichts kennen; folglich ist dein Gewährsmann ein Weib. Nun bitt' ich euch: was muß das für eine Frauensperson gewesen sein! Für ihren Lebenswandel ist die bloße Thatsache, daß sie mit Verres verkehrt hat, ebenso bezeichnend wie der schändliche Verrat am Heiligtume für ihre Frömmigkeit; hat sie ihm doch den Weg zur Plünderung gewiesen. Kein Wunder, wenn ein Kultus, der von allen Beteiligten die höchste Keuschheit erforderte, durch die Roheit und Unzucht eines Verres entweiht wurde.

XXXXVI. Aber das ist keineswegs der einzige Fall, wo er auf bloßes Hörensagen hin anfing, Raubgelüste zu verspüren. Noch eine ganze Menge ähnlicher Fälle stehen zur Verfügung, aus denen ich hier nur einen auswählen will, der ein hochberühmtes, uraltes Heiligtum betrifft. In der vorigen Verhandlung kam die Sache im Zeugenverhör schon gelegentlich zur Sprache; ich will sie jetzt klarstellen und bitte dazu nur um die bisher mir so freundlich geschenkte Aufmerksamkeit.

(103) Im Mittelländischen Meer, eine starke und ziemlich gefährliche Strecke weit von Sicilien, liegt eine Insel namens Melite. Deren Hauptstadt gleichen Namens hat Verres nie betreten, doch benutzt' er sie drei Jahre lang als Weberwerkstatt zur Anfertigung von Frauenkleidern. Nicht weit von dieser Stadt liegt hoch auf einem Felsen am Meer ein alter Tempel der Hera, seit Menschengedenken allgemein so hoch verehrt, daß er nicht nur in den Stürmen der punischen Kriege, deren Entwicklung zur See doch größtenteils in jener Gegend erfolgte, sondern selbst von den zahllosen Seeräuberhorden Von der Organisation und Furchtbarkeit des Seeräuberstaates war schon die Rede; man hat bemerkt, daß von dem Unheil, welches sie in dem Jahrhundert zwischen Aemilius Paullus und Pompeius anrichteten, die Kykladen sich noch heute nicht erholt haben. – Man darf hinzusetzen: unter neugriechischer oder türkischer Regierung werden sie sich wohl auch in Zukunft nicht erholen. respektiert ward und stets unverletzt blieb. Ja, die Chronik berichtet sogar folgenden Vorfall: eines Tages wäre ein Geschwader des Königs Massinissa von Numidien hingekommen; der Admiral, kaum gelandet, hätte den Tempel besucht und daselbst zwei Elefantenzähne von kolossaler Größe in Beschlag genommen um sie nach Afrika zu bringen und seinem König als Geschenk zu überreichen. Der König hätte sich erst über die kostbare Gabe gefreut; als er dann aber hörte, wo sie herstammte, hätt' er sofort eine Galeere abgeschickt, deren Kommandant, ein besonders zuverlässiger Beamter, den Auftrag hatte, das Elfenbein an seinen Ort zurückzubringen. Das sei denn auch geschehen, und daher in punischen Schriftzeichen die Inschrift darauf zu lesen: »König Massinissa geriet durch ein Mißverständnis in den Besitz dieser Zähne und sorgte nach Aufklärung des Thatbestandes für ihre Zurückführung an diesen Platz.« – Auch sonst war eine Menge Elfenbein dort, zum Teil mit reicher Ornamentschnitzerei, auch ein paar elfenbeinerne Siegesgöttinnen von alter Arbeit und höchstem Kunstwert. (104) Das alles hat Verres (ich meld' es einfach in aller Kürze) in einem Zuge, durch eine Depesche, vermittelst der eigens zu dem Zweck hinübergeschickten Aphroditetempelsklaven wegnehmen und in sein Haus schaffen lassen.

XXXXVII. Himmel, was ist das für ein Subjekt, das ich hier anklagen muß ... und auf den ihr Gesetz und Recht und Abstimmung anwenden wollt. Die Abgeordneten von Melite erklären offiziell: er hat den Heratempel geplündert, nichts im Gotteshaus übriggelassen; wo so oft die feindlichen Flotten landeten, wo die Korsaren fast alljährlich ihre Winterquartiere nehmen, wo kein Landesfeind etwas anzurühren wagte und kein Flibustier sich je vergriff, da hat Verres dermaßen gehaust, daß alle Herrlichkeit verschwunden ist. Und dieser Mensch soll Angeklagter, und ich Kläger und diese Versammlung ein Gerichtshof heißen! Ist denn überhaupt hier noch die Rede von Klagepunkten oder Verdacht oder Anschuldigungen oder Rechtsstreit? Nein, sondern nur von Tempelschändung, Götterraub, von Brandschatzung ganzer Städte; das alles sind Thatsachen, er selber kann weder leugnen noch sich irgendwie verteidigen, er wird von mir auf Schritt und Tritt überführt, von den Zeugen belastet, von seinem eigenen Geständnis in die Enge getrieben, so daß wir ihn geradezu auf seiner Missethat ertappen – und er sitzt noch hier und geht stumm mit mir sein Sündenregister durch.

(105) Aber ich halte mich wohl zu lange bei einer Sorte von Verbrechen auf; ich fühl's, ich muß einer Übersättigung eurer Ohren, einer Überanspannung eurer physischen und geistigen Aufnahmefähigkeit vorbeugen und daher eine ganze Menge auslassen. Was aber jetzt kommt, dafür nehmet, bitte, noch einmal eure Spannkraft zusammen; ich beschwöre euch darum bei den unsterblichen Göttern, diesen Göttern, über deren Kultus wir hier schon so lange sprechen; denn was ich jetzt aufs Tapet bringen muß, ist eine Unthat, die alle Kreise der Bevölkerung in der ganzen Provinz empört hat. Wenn ich dabei etwas weiter aushole und vielleicht bis auf die Geschichte des Glaubens selbst zurückgehen muß, so bitt' ich um Nachsicht: die ungemeine Bedeutung der Sache gestattet mir nicht das scheußliche Verbrechen nur im Vorbeigehen zu berühren.

XXXXVIII. (106) Es ist eine alte, seit den frühesten Zeiten griechischer Kunst und Litteratur verewigte Vorstellung, daß die gesamte Insel Sicilien der Demeter und ihrer Tochter Kore geweiht ist. Dort sollen beide Göttinnen zuerst erschienen sein, dort fand man zum erstenmal die von ihnen gespendeten Früchte des Feldes; dort wurde Kore, die man sonst auch Persephone nennt, geraubt, und zwar im Haine bei Enna: noch jetzt heißt der Ort wegen seiner Lage inmitten der Insel »Siciliens Nabel«. Demeter, so erzählt die Legende, suchte die verschwundene Tochter, und um ihre Spur aufzufinden, ergriff sie eine Fackel und entzündete sie an den Feuern, die aus dem Gipfel des Aitna emporlodern; diese Fackel trug sie dann mit eigener Hand auf all ihren Irrpfaden durch die ganze Welt. (107)  Enna aber, der Schauplatz jenes Ereignisses, liegt hoch erhaben auf einem gewaltig aufragenden Berge, dessen Gipfel zu ebenem Terrain abgeflacht und von nie versiegenden Bächen durchrieselt ist; rings fällt der Berg nach allen Seiten steil und unzugänglich ab, doch umgeben ihn Seen mit mannigfachem Gebüsch und lieblichen Blumen, die zu jeder Jahreszeit blühen, so daß der bloße Anblick der Landschaft in uns Allen den Gedanken an den Raub der Jungfrau, an jene Legende, die wir seit der Kinderzeit kennen, wachruft. Denn in der Nähe liegt eine Grotte, nach Norden zu, von unendlicher Tiefe; dort, heißt es, erschien plötzlich der gewaltige Hades auf seinem Wagen, ergriff die Maid, führte sie eilends von dannen und verschwand nahe bei Syrakus unter der Erde. An jener Stelle bildete sich sogleich ein See, und bis auf den heutigen Tag feiern dort die Syrakusaner die alljährlich wiederkehrenden Feste unter lebendiger, allgemeiner Teilnahme von Männern und Frauen.

XXXXVIIII. Wegen dieser altehrwürdigen Vorstellung, wegen der überall sichtbaren Zeichen, daß hier die Göttinnen weilten, ja eigentlich hier ihre Heimat hatten, wird in ganz Sicilien, öffentlich wie privatim, ein eigener, wunderbarer Gottesdienst zu Ehren der Demeter von Enna begangen. Denn häufig geschehen Wunder, die ihr übermenschliches Walten offenbaren; gar viele haben in äußerster Not ihre unmittelbar eingreifende Hilfe erfahren, so daß man sieht, diese Insel ist ihr nicht nur teuer, sondern steht auch in ihrem besonderen allgegenwärtigen Schutz. (108) Und nicht allein die Sicilianer sondern auch die übrigen Stämme und Völker der Griechen zollen der Demeter von Enna hohe Verehrung. Denn wenn in Athen sich alles zu den Mysterien drängt, weil Demeter auf ihrer Irrfahrt dorthin kam und die Früchte des Feldes hinbrachte, so ist's ja natürlich, daß sie den höchsten und allgemeinsten Kultus da genießt, wo sie geboren wurde und zuerst die Früchte fand. So geschah es denn auch bei unseren Vorfahren in einer besonders fürchterlichen Epoche, als nach der Ermordung des Tiberius Gracchus die Situation des Staates sich aufs äußerste verschlimmerte, dazu schreckliche Wunderzeichen alle Gemüter mit Angst vor neuen großen Gefahren erfüllten – da, im Konsulatsjahre des Publius Mucius und Lucius Calpurnius, Im Jahre 133. geschah es, daß man die Prophezeiungen der Sibylle nachschlug und die Antwort erhielt: »Opfert der Ceres an ihrem ältesten Sitz.« Und die Priester des römischen Volkes, die Mitglieder des erlauchten geistlichen Rates gingen nicht zu dem großen prachtvollen Cerestempel in unserer Stadt, sondern reisten bis nach Enna; so unvergleichlich hoch stand jenes alte Heiligtum im Rufe bei der ganzen Welt, daß man nicht zu einem Tempel der Göttin, sondern zur Göttin selbst zu wallfahrten glaubte. (109) Nicht länger will ich euch lästig fallen; ohnehin, fürcht' ich, hab' ich schon all zu lange den echten Gerichtston und das übliche Redegeleis verlassen. Ich sage nur eins: eben diese Demeter, die älteste, hochheilige, über alles erhabene, weit und breit in der Welt mit höchster Andacht verehrte Göttin hat Verres von ihrem Tempelsitz hinweg gerissen. Wenn ihr je nach Enna gekommen seid, habt ihr ja die Marmorstatue der Demeter und im anderen Tempel die der Kore gesehen. Sie sind von gewaltiger Größe und Schönheit, übrigens nicht aus sehr alter Kunstperiode. Dagegen aus uralter Zeit stammte eine Bronzestatue von mäßigeren Dimensionen und ganz besonders feiner Arbeit, die Göttin mit der Fackel darstellend; von allen in jenem Tempel befindlichen Kunstwerken war dies das älteste. Dies hat er auch gestohlen, aber er war damit noch nicht zufrieden. (110) Vor dem Demetertempel stehen auf einem weiten freien Platze zwei Statuen, Demeter und Triptolemos, wunderschön und weit über Lebensgröße. Ihre Schönheit brachte ihnen Gefahr, aber ihre Größe brachte ihnen die Rettung, denn hier wäre die Demolition und Fortschaffung mit ganz außerordentlichen Schwierigkeiten verknüpft gewesen. Aber die Demeter trug auf ihrer rechten Hand eine immerhin ziemlich große Statue der Siegesgöttin, ebenfalls von wunderschöner Arbeit: die ließ dieser Mensch von der Demeterstatue herunterschlagen und wegschleppen.

L. Wie muß er sich wohl jetzt bei der Erinnerung an alle seine Frevel vorkommen, ja, welchen Zustand muß er durchmachen, wenn mich ihre bloße Erwähnung nicht allein aufregt, sondern geradezu physisch erschauern macht! Wieder ersteht jetzt alles vor meiner Phantasie, jene Landschaft, der Tempel, der Gottesdienst, alles taucht im Geiste vor mir auf: jener Tag, da ich in Enna anlangte und mir die Priesterinnen der Demeter mit Opferbinden und geweihten Lorbeerzweigen entgegenkamen; der öffentliche Aufruf und die Bürgerversammlung, in der während meiner Ansprache alles in Thränen und Schluchzen zerfloß; galt es doch dem bittersten Trauerfall für die ganze Stadt. (111) Es war kein materieller Schaden, den sie beklagten, keine Steuerlast und keine Gütereinziehung, kein ungerechter Richterspruch, auch nicht die frechen Orgien des rohen Menschen, noch die fürchterliche Brutalität, mit der er so viele aufs Blut gepeinigt hatte: nein, nur für ihre Göttin, ihre Demeter, ihr geschändetes Heiligtum verlangten sie Sühne durch den Tod des schamlosen Räubers. Ihr Schmerz war so grenzenlos, als wäre ein neuer Höllenfürst aus den Tiefen der Unterwelt ans Licht gestiegen und hätte diesmal nicht die Persephone entführt, sondern die Demeter selbst geraubt. Denn Enna ist ja eigentlich keine Stadt, sondern ein einziger großer Demetertempel; bei ihrer Göttin glauben die Leute zu wohnen, und mir selbst kommen sie nicht wie Bürger einer Gemeinde vor, sondern wie lauter Priester, Tempelhüter und Tempelangehörige der Demeter. (112) Und an einem solchen Ort hast du es gewagt das Demeterbild zu rauben, hast dich erdreistet eine Göttin von einer anderen wegzuschlagen, die Nike der Demeter zu entreißen! Nie hat man die Frechheit so weit getrieben, keiner hat diese Göttinnen anzutasten gewagt, selbst das Gesindel nicht, dem wahrhaftig die Raublust mehr im Sinne steckt als die Religion. Thatsächlich hat im Konsulatsjahr des Publius Popilius und Publius Rupilius Im Jahre l32. eine Bande von rebellischen Sklaven, entlaufenen Sträflingen, Barbaren und Staatsfeinden den Ort besetzt; aber du nimmst es mit ihnen allen auf, du bist selber ein Sklave deiner Lüste, du bist vor Recht und Gesetz davongelaufen wie ein Deserteur vor seinem Hüter; du bist schlimmer als die Barbaren, denn sie sind es nur in Herkunft und Sprache, du aber bist ein Barbar an Charakter und Wandel, in all deinem Thun und Treiben; ja du bist schlimmer als ein Staatsfeind, denn der Feind wütet nur gegen Menschen, du aber wütest gegen Gott. Nun frag' ich euch: wenn er niedriger und gewissenloser ist als Sträflinge, Sklaven und Barbaren, grausamer als der Feind, was darf er da zur seiner Entschuldigung anführen? Darf er überhaupt abbitten?

LI. (113) Ihr habt die Abgeordneten von Enna vernommen; alle drei, Theodōros, Numénios und Nikásion, erklärten von ihren Mitbürgern den Auftrag erhalten zu haben, sie sollten sich direkt an Verres wenden und namens der Gemeinde die Statuen der Demeter und Nike zurückfordern; wenn er ihrem Ansinnen Folge leistete, so sollten sie nach alter ennensischer Sitte verfahren, nämlich, so arg er auch gegen Sicilien gesündigt, dennoch dem altüberlieferten Brauch zuliebe nicht als Zeugen wider ihn auftreten; falls er sie aber abschlägig beschiede, so sollten sie auch vor Gericht erscheinen, dann sollten sie den Gerichtshof über seine Missethaten belehren, hauptsächlich aber über das verletzte Heiligtum klagen. Und diese Klagen müßt ihr euch ja recht ernstlich zu Gemüte führen; ich bitt' euch dringend, nehmt so etwas nicht als Kleinigkeit oder Nebensache auf. Was hier mit diesen Kränkungen unserer Bündner in Frage kommt, ist nichts Geringeres als die Herrschaft des Gesetzes; ja, der gute Ruf unserer Gerichtshöfe und ihrer Unparteilichkeit steht auf dem Spiele. Das alles sind wahrhaftig keine Kleinigkeiten, aber über allem steht das religiöse Moment: ganz Sicilien ist so tief vom Glauben durchdrungen, und seit jener ungesühnten Schreckensthat fühlen die Leute sich in ihrem Gewissen dermaßen bedrückt, daß sie bei allen öffentlichen oder privaten Unglücksfällen die Schuld immer dem Frevel dieses Menschen hier zuschreiben. (114) Ihr erinnert euch an die amtlichen Aussagen der Vertreter von Kentoripa, Agyrion, Katane, Aitna, Herbita und vielen anderen Gemeinden; erinnert euch, wie es da heißt, daß die Äcker brach liegen, die Bauern davonlaufen, der Boden verfault, ringsum das ganze Land verödet und verkommt. Das hat ja nun thatsächlich seine Ursachen in einer Menge der verschiedenartigsten Sünden des Verres; aber für die Sicilianer giebt es ihrer innersten Überzeugung nach eigentlich nur einen Grund: Demeter ist verletzt worden, nun schützt sie das Land nicht mehr, nun müssen die Früchte des Feldes untergehen. Da ist es an euch, zu helfen; rettet den bedrängten Glauben dieser Leute, und erhaltet euch den eigenen. Denn diese Frömmigkeit ist euch ja nicht fremd, diese Religion ist ja keine ausländische; und wäre sie es, so müßtet ihr sie doch, auch ohne sie zur eurigen zu machen, stets gegen den Schänder hoch halten und anerkennen. (115) Aber dem ist ja nicht so; dieser Glaube ist allen civilisierten Völkern gemein, diesen Gottesdienst haben unsere Ahnen aus dem Auslande überkommen, bei uns eingeführt, zur allgemeinen und unbedingten Geltung gebracht; sie haben diesen Kultus seinem Ursprung entsprechend den »griechischen« genannt: wie könnten wir uns da ihm gegenüber fahrlässig oder rücksichtslos benehmen, selbst wenn wir es wollten?

LII. Noch einer Stadt muß ich jetzt gedenken, der schönsten und reichsten von ganz Sicilien, der Hauptstadt Syrakus; auch sie ist geplündert worden, und mit der Schilderung ihrer Leiden will ich endlich meinen Vortrag über dieses ganze Thema zum Abschlusse bringen.

Es giebt ja wohl niemand hier in dieser Versammlung, der nicht häufig den Bericht über die Einnahme dieser Stadt durch Marcus Marcellus mit eigenen Ohren vernommen, vielleicht auch zuweilen in den Geschichtsbüchern nachgelesen hat. Das Lesen wird nur als eine entfernte Möglichkeit genannt. Der Normalrömer hatte in der Regel anderes zu thun als Geschichtsbücher aufzuschlagen; übrigens huldigten die Alten dem Grundsätze »die Sprache ist zum Sprechen da« und ließen sich nicht nur Epopöen und Reden, sondern auch historische und andere wissenschaftliche Werke, deren Inhalt sie interessierte, vorlesen. Auf diese Weise erklärt sich die leichtere Bildung einer festeren Tradition und der formelle, auch der stilistische Wert so vieler antiker Geschichtswerke, der hauptsächlich ihre Erhaltung veranlaßt hat. Nun vergleichet die jetzigen Zustände mit denen von damals: heute Frieden, damals Krieg; hier kommt ein Statthalter an, dort zieht ein Feldherr ein; der eine kommt mit liederlichem Gesindel, der andere mit der unbezwingbaren Armee; der eine kennt nur die Wollust, der andere ist die Enthaltsamkeit selbst – und ihr werdet den Eindruck erhalten, daß der Eroberer das vernichtete Syrakus neu gegründet, dieser Statthalter dagegen die fertige blühende Stadt ruiniert hat. (116) Ich übergehe jetzt absichtlich alle jene Momente, die in ein anderes Gebiet gehören und über die ich daher bei verschiedenen anderen Gelegenheiten sprechen mußte und sprechen werde; so z. B. daß der Markt von Syrakus, den bei Marcellus' Einzug kein Mord befleckte, nach Verres' Ankunft mit dem Blut unschuldiger Sicilianer bespritzt ward; daß der Hafen von Syrakus, damals unseren Schiffen wie der karthagischen Flotte verschlossen, nun durch diesen Statthalter einem kilikischen Kaperschiff und seinem Piratengesindel eröffnet ward; daß er Mädchen und Frauen aus freien Familien Gewalt anthat, eine Scheußlichkeit, die sich damals in der eroberten Stadt keine zügellose Soldateska trotz Feindeshaß und Kriegessitte und Siegerrecht zu schulden kommen ließ: all diese Greuel, die er drei Jahre hindurch ungestraft verübte, übergeh' ich heut' um bei der Sache zu bleiben und euch nur solche Fälle vorzuführen, die zu unserem heutigen Thema gehören.

(117) Ihr alle werdet oft gehört haben, Syrakus Es folgt hier eine Stadtbeschreibung, die in der erhaltenen Litteratur des Altertumes nicht ihresgleichen hat. Cicero hat es wohl verstanden, den Zeitgenossen und der Nachwelt die Sehnsucht nach einer vergangenen Herrlichkeit im Herzen zu erwecken; denn was er beschreibt, ist nicht das Syrakus, das er gesehen hat, sondern das des Königs Hieron, das noch kein römischer Soldat betreten hatte. Diese Abweichung von der Wahrheit darf man wohl dem Advokaten um des köstlichen Dokumentes willen zu gute halten. sei die größte griechische Stadt und die schönste Stadt der Welt; so sagt man, und ihr könnt mir's glauben, so ist es. Schon ihre Lage ist praktisch wie ästhetisch gleich ausgezeichnet, günstig für den Mauer- und Festungsbau und so, daß alle Zugänge vom Meere wie von der Landseite her einen wunderschönen Anblick bieten. Einen besonderen Wert besitzen ihre Hafenanlagen, die sich bis unmittelbar an die Häuserbauten, ja sogar durch Ausbuchtungen bis in den Umfassungsbereich der Stadt hinein erstrecken; von der Seeseite her auf zwei verschiedenen Seiten zugänglich, treffen sie innen, nach dem Festlande zu, wieder zusammen und bilden dort eine Wassermasse. Durch diese Verbindungsstraße zwischen den beiden Häfen entsteht ein schmaler Meeresarm, der einen Teil der Stadt, die sogenannte Insel, vom Festlande trennt; man hat jedoch eine Brücke hinübergeschlagen und so eine feste Verbindung zwischen den verschiedenen Bezirken geschaffen. LIII. (118) Die vier Hauptteile dieser Stadt sind nun so bedeutend, daß jeder für sich schon eine große Stadt ausmachen würde. Da ist erstens die eben genannte Insel, Diese Insel ist sonst auch unter dem Namen Ortygia bekannt. die beide Häfen beherrscht und sich beiderseits bis zu deren letzten Außenwerken hin erstreckt; hier liegt der Palast weiland Königs Hieron, die jetzige Amtswohnung der Statthalter. Dort stehen verschiedene Gotteshäuser, darunter zwei von ganz außerordentlicher Bedeutung: eines der Artemis und ein vor Verres' Zeiten ganz besonders reiches der Athene. An der äußersten Spitze dieser Insel fließt eine Süßwasserquelle mit Namen Arethūsa , ausgezeichnet durch ihren Fischreichtum und ihre erstaunliche Größe; sie würde von der nahen Meeresflut gänzlich überdeckt werden, hätte man nicht zu ihrem Schutze eigens einen mächtigen Steinwall errichtet. – (119) Da ist sodann die zweite Stadt, Achradina genannt, mit dem großen Centralmarkt, herrlichen Säulenhallen, dem reichen alten Justizpalast; hier steht auch das prachtvolle Rathaus und, alles überragend, der Tempel des olympischen Zeus. Von diesem Tempel sind zwei Säulen erhalten, sonst liegt rings herum alles öde und leer. Um zu jenen Säulen zu gelangen, muß man vom modernen Syrakus, das ausschließlich auf der »Insel« liegt, schon einen recht stattlichen Ausflug machen. Ringsum gruppieren sich die Bezirke der Privathäuser, von zahlreichen Querstraßen durchschnitten, um eine breit durchgezogene Hauptallee. – Der dritte Stadtteil von Syrakus heißt nach einem alten, dort gelegenen Tempel der Schicksalsgöttin Tycha; er enthält unter anderem die großen Erziehungsanstalten und verschiedene Tempel, ist ebenfalls reich bevölkert und voll blühenden Lebens. – Die vierte Stadt ist erst später angebaut und daher Neapolis benannt; hier befindet sich am höchst gelegenen Punkte das riesige Theater, In den Fels gehauen, daher zum Teil unzerstörbar und durch Grabungen freigelegt. Die Zuschauer hatten von ihren hohen Sitzen aus den Blick über die Bühne hinweg auf die Stadt und das Meer. außerdem zwei imposante Tempel der Demeter und Kore, sowie die wunderschöne Kolossalstatue des Apollon mit dem Beinamen Temenites, Diese Statue ward erst unter Kaiser Tiberius nach Rom geschleppt. ein großartiges Werk, das Verres sicher weggeschleppt hätte, wenn es ihm irgend möglich gewesen wäre.

LIIII. (120) Doch ich muß noch einmal auf Marcellus zurückkommen, damit man nicht denke, ich hätte seinen Namen unnütz hier hereingezogen. Als er die herrliche Stadt nach langer Belagerung erobert hatte, meint' er, daß es zur Ehre des römischen Volkes keineswegs notwendig sei, all diese Pracht zu zerstören, zumal aus ihr dem Reiche keinerlei Gefahr erwachsen konnte. So ließ er denn allen Gebäuden, öffentlichen wie privaten, geistlichen und weltlichen, die größte Schonung angedeihen; es war, als hätt' er seine Armee nicht zum Sturme, sondern zum Entsatz herbeigeführt. Nur dem äußeren Schmuck der Stadt gegenüber macht' er mit aller Humanität vom Rechte des Siegers Gebrauch. Er hielt es für sein gutes Recht, viele Stücke, die zur Verschönerung Roms beitragen konnten, hierher überzuführen, aber er hielt es anderseits für eine Pflicht des Edelmutes, eine solche Stadt, die er noch dazu vor der Zerstörung geschützt, also zu dauerndem Leben bestimmt hatte, nicht völlig auszuplündern. Polybios , ein Geschichtschreiber, der keine Gelegenheit den Römern zu schmeicheln, unbenutzt läßt, berichtet ausdrücklich, daß die Römer unter Marcellus wegschleppten, was irgend wegzuschleppen war. (121) So kam es, daß der edle Sieger von dem Schmuckwerk der Stadt ebensoviel in Syrakus ließ wie er in die Heimat mitbrachte. Wir alle kennen diese Stücke seiner Kriegsbeute: sie stehen beim Ehren- und Tugendtempel oder sonst an öffentlichen Plätzen. Nichts nahm er für seine Wohnung, seinen Garten, sein Gütchen mit; er war der Überzeugung, wenn er die Zierden der Stadt nicht in sein Haus brächte, so würde sein Haus eine Ehrenzierde der Stadt sein. Viele schöne Kunstwerke ließ er in Syrakus; und natürlich hat er nie seine Hand gegen die Götter erhoben. Nun seht euch den Verres dagegen an; nicht um die beiden Menschen miteinander zu vergleichen – denn das wäre doch eine gar zu arge Beleidigung des großen Toten – sondern um so recht den Unterschied zu erkennen zwischen Frieden und Krieg, Gesetz und Gewalt, Tribunal und Faustrecht, kurz zwischen dem amtlichen Auftreten eines Regierungsvertreters und dem militärischen Einzug eines Siegers.

LV. (122) Auf der vorher beschriebenen »Insel« liegt ein Tempel der Athene; Marcellus rührte ihn nicht an, sondern ließ ihn im Besitz aller seiner Schätze, dagegen hat ihn Verres dermaßen ausgeleert, wie sonst nicht einmal der Feind – denn selbst der roheste Kriegsknecht hat immer instinktiv eine gewisse Gottesfurcht und Scheu vor dem Heiligen – sondern wie nur die barbarische Piratenbrut zu hausen pflegt. Da war ein ganzer Cyklus von Tafelbildern, militärische Scenen aus dem Leben des Königs Agathokles darstellend, mit denen man die Innenwände des Tempels bedeckt hatte; ein Stolz der Stadt, der allein den Besuch von Syrakus lohnte. Marcellus rührte sie nicht an, sein Gewissen hinderte ihn, obgleich er wohl frei schalten konnte, denn die Götter schienen die unglückliche Stadt verlassen zu haben; Verres hätte schon wegen des langen Friedens und der treuen Anhänglichkeit der Bürgerschaft an unser Reich die Majestät der längst wieder gnädigen Götter anerkennen müssen, statt dessen schleppt' er die Bilder weg und ließ die Tempelwände, die jahrhundertelang allen Stürmen und Kämpfen getrotzt hatten, nackt und entstellt zurück. (123) Bekanntlich hatte Marcellus während der Belagerung für den Fall des Sieges zwei Tempel in Rom zu erbauen gelobt, der Ehre und der Tugend; er verzichtete darauf, seine Bauten mit jenen Kunstwerken zu schmücken, während Verres, der nicht mit der Ehre und der Tugend, sondern höchstens mit der Lust und der Sinnengier Kultus treiben darf, einfach den Tempel Athenes plünderte. Der Sieger konnte Götter mit erobertem Götterschmuck zieren und that es nicht; dieser Herr hier brachte die Zier der jungfräulichen Athene in sein Hurenhaus. Außerdem nahm er noch siebenundzwanzig wunderschöne Einzelbilder aus demselben Tempel weg, Darstellungen sicilischer Könige und Fürsten, die nicht allein durch hohen Kunstwert, sondern ebenso durch treue, ähnliche Wiedergabe, also durch ihr reiches historisch-sachliches Interesse erfreuten. Wahrlich, er wütete scheußlicher, als irgend einer der berüchtigten alten Tyrannen von Syrakus; denn diese thaten wenigstens etwas für die Ausschmückung der Gotteshäuser, er dagegen hat ohne Unterschied alles zusammengestohlen.

LVI. (124) Schwer wird es mir, über die prachtvollen Flügelthüren jenes Tempels zu sprechen; denn ich muß fürchten, daß, wer das alles nicht gesehen hat, mir arg übertreibende Darstellung zum Vorwurfe machen wird. Aber man sei überzeugt, davon kann keine Rede sein; ich würde mich ja selber bloßstellen, wenn ich aus reiner Parteileidenschaft Gegenstände unwahr schildern wollte, die so vielen Anwesenden und namentlich so manchem Mitgliede des Richterkollegiums von ihren sicilianischen Reisen her bekannt sind; sie alle, die Syrakus gesehen haben, könnten mich ja der Unvernunft und Unwahrhaftigkeit überführen. Wirklich, ich kann versichern, etwas ähnliches von Flügelthüren, etwas derart Vollkommenes in Gold- und Elfenbeinschnitzerei existiert in keinem Tempel der Welt. Man macht sich keine Vorstellung – allein von der Menge griechischer Litteraten, die über diese Thüren geschrieben haben. Vielleicht wendet man mir ein, die Leute wären eben zu weit gegangen in ihrer Bewunderung, hätten zuviel damit hergemacht; gut, selbst wenn ich das zugeben sollte, so ist es immer noch ein höherer Ruhmestitel für uns, daß solche Kunstwerke, die man allgemein schön findet, von unserem siegreichen Heerführer dort gelassen werden als daß ein Statthalter sie mitten im Frieden wegnimmt. Die Thüren waren mit mythologischen Scenen in wunderbar feiner Elfenbeinarbeit bedeckt: er ließ sie alle abreißen. Ebenso das schöne Gorgonenhaupt mit seinem Schlangengelock; doch zeigt' er wohl, daß ihm an Metallwert und Profit ebensoviel lag wie an allem Kunstwert, denn die zahlreichen schweren Goldknöpfe, die ja künstlerisch gar nichts, um so mehr aber pekuniär zu bedeuten hatten, ließ er ebenfalls sämtlich herausschlagen und wegschleppen. So blieb schließlich von dem Portal, der prachtvollsten Tempelzierde, nichts weiter übrig als die nackten Thüren, die gerade gut genug erscheinen, um den Eingang notdürftig zu verschließen. (125) Sogar die langen Bambusrohre (ich spreche davon, weil ich bei ihrer Erwähnung im Zeugenverhör eure staunende Bewegung bemerkte), also Gegenstände, an denen keinerlei Arbeit oder Schönheit, sondern nur ihre unglaubliche Größe zu bewundern war, im ganzen eine Kuriosität, die von Hörensagen zu kennen genügte, sie mehr als einmal anzusehen wäre schon zu viel – nein, auch die mußt' er besitzen.

LVII. Bei der Sapphostatue, die man aus dem Regierungspalast raubte, hast du ja einen so triftigen Grund, daß man dir beinahe verzeihen muß: (126) ein so herrlich gearbeitetes, so vollkommenes Werk, ein echter Silanion Berühmter athenischer Bildhauer im vierten Jahrhundert, in religiösen wie in Porträtdarstellungen ausgezeichnet, ein Dichter der Leidenschaft. Seine Auffassung des Sapphotypus blieb für das Altertum maßgebend, wie der Homertypus des Lysippos. , sollte einem ganzen Volke gehören und nicht dem hochgebildeten, geistvollen Kunstkenner Verres? Da kann man nichts dagegen einwenden. Wir anderen alle, die wir nicht so glücklich sind wie er und nicht so wählerisch sein dürfen, wir können ja, wenn wir solche Werke sehen wollen, hinausgehen zum Tempel der Felicitas oder zum Catulusbau oder zur Metellushalle, oder uns um den Zutritt zu den Landsitzen dieser Herren Auch Hortensius besaß prachtvoll eingerichtete Villen; bei einem gesuchten Advokaten dieser Zeit versteht sich das von selbst. bemühen, oder uns an Festtagen auf dem Markt umsehen, ob er vielleicht etwas von seinen Schätzen an den Polizeipräsidenten ausgeliehen hat: Verres muß alles zu Hause haben, Verres muß seine Säle in der Stadt wie in den Villen mit dem Besitze fremder Städte und Tempel vollstopfen. Wollt ihr euch wirklich die noblen Passionen dieses »Arbeiters« noch länger gefallen lassen? Wo er durch Geburt und Erziehung, durch physische und geistige Anlage viel mehr zum Galeerensklaven als zum Galeriebesitzer qualifiziert erscheint! (127) Wie schmerzlich man in Syrakus den Verlust jener Sappho empfand, läßt sich kaum beschreiben; abgesehen von der ausgezeichneten Schönheit der Statue selbst, wird die Erinnerung noch durch das berühmte griechische Weihgedicht auf dem Sockel stets aufs neue geweckt, das dieser hochgebildete Schöngeist, der feine, einzig gründliche Kenner, sicherlich mit weggeschleppt hätte – wenn er ein Wort griechisch verstünde. Nun steht es auf dem leeren Sockel und erzählt, was er einstmals, vor dem Raube, trug.

(128) Aus dem Asklepiostempel hast du das künstlerisch wie religiös gleich hoch gefeierte Bild des Heilgottes Paian weggenommen; ebenso aus dem Dionysostempel die Statue des Aristaios, aus dem Demetertempel den berühmten Pankopf, und gar aus dem Zeustempel das wunderschöne Kultbild des Herrschers Zeus, den die Griechen als Herrn der Elemente und Spender günstigen Fahrwindes Urios nennen. Und wie hoch standen jene Götterbilder im Kultus! Dem Paian werden alljährlich zusammen mit dem Asklepios Opferfeste gefeiert; Aristaios, nach alter Legende der erste Spender des Öls, wurde zusammen mit Vater Bakchos in einem Gotteshause verehrt. LVIII. (129) Und vollends Zeus Urios in seinem eigenen Tempel! Wie tief man ihn verehrte, davon könnt ihr euch einen Begriff machen, wenn ihr an das andere Bild von gleicher Gestalt, das Flamininus aus dem makedonischen Kriege herbrachte, und an dessen religiöse Bedeutung zurückdenken wollt. Im Ganzen existierten nämlich auf der Welt drei Statuen des Zeus Urios, alle von gleichem Typus und gleicher Schönheit: erstens jene aus Makedonien, die wir nun auf dem Kapitol haben, sodann eine an dem schmalen gefahrvollen Eingang ins Schwarze Meer, und drittens eines in Syrakus bis zur Statthalterschaft des Verres. Die erste entführte Flamininus von ihrem Standort, um sie auf dem Kapitol, d. h. dem irdischen Wohnsitz des höchsten Gottes, aufzustellen. (130) Die zweite, an der Mündung des Bosporos, hat alle Kriegesstürme, die aus jenem Meer emporbrausten oder sonst das unglückliche Pontosland verheerten, überdauert und steht bis heut' unversehrt an seinem alten Platze. Die dritte sah Marcellus in Syrakus, aber er schaltete nicht als Eroberer, sondern ließ das Kultbild an seiner geweihten Stätte; Bürger und Zugewanderte verehrten es, die Fremden pflegten es nicht allein zu besuchen, sondern anzubeten: Verres hat es aus dem Zeustempel geraubt. (131) Ich komme euch vielleicht etwas zu oft auf den Marcellus zurück? Ja, dann bedenket gefälligst, daß Verres den Syrakusanern mehr Götter als Marcellus Menschen gekostet hat. Marcellus stellte sogar Nachforschungen an um den berühmten Archimedes, den genialen Denker, persönlich kennen zu lernen und vernahm die Kunde von seinem gewaltsamen Tode mit tiefer Bestürzung: Verres hat auch überall emsige Nachforschungen angestellt, aber nicht um etwas zu retten, sondern um alles zu stehlen.

LVIIII. Hier will ich wieder eine Reihe von Punkten übergehen, weil das Objekt geringfügig erscheinen könnte, z. B. die delphischen Marmortische, die getriebenen Bronzekrüge und eine ganze Masse korinthischer Vasen, die er aus allen Gotteshäusern von Syrakus zusammenstahl. (132) Es ist so weit gekommen, daß die berufsmäßigen Fremdenführer (man nennt sie dort »Mysterienweiser«), die jeden Ankömmling zu den Sehenswürdigkeiten bringen und ihm alles genau erklären, jetzt vor der Umkehrung ihrer Aufgabe stehen: früher zeigten sie, was überall stand, jetzt erklären sie, was überall fehlt.

Und nun? Ihr glaubt vielleicht, den Leuten macht so etwas nicht gar zu viel aus? Da irrt ihr euch: erstens ist man dort aufrichtig fromm und verehrt die Götter der Väter andächtig als das höchste des Lebens; sodann haben die Griechen nun einmal an diesen Statuen, Bildern, Reliefs, an all diesen Kunst- und Prachtwerken eine ganz unglaubliche Freude. So kommt es, und ihre fortwährenden Klagen bestätigen es, daß Dinge, die uns fast wie lächerliche Kleinigkeiten vorkommen, ihnen den allertiefsten, bittersten Eindruck machen. Glaubet mir (übrigens weiß ich ganz gut, daß ihr euch das alles von selber sagt): viel haben die verbündeten und ausländischen Nationen in den letzten Jahren durchgemacht, aber nichts ist oder war jemals für die Griechen schrecklicher als diese Ausplünderungen ihrer Städte und Tempel. (133) Mag der Angeklagte immer wieder auf seine alte Ausrede zurückgreifen und jedesmal Kauf vorschützen: dem ist nicht so, keine einzige Gemeinde im ganzen europäischen oder asiatischen Griechenland hat jemals eine Statue, ein Bild, kurz irgend eine Zier der Stadt freiwillig an irgend jemanden verkauft. Es wäre ja auch ganz absurd, daß die Griechen jetzt, wo es in Rom kein strenges Gericht mehr giebt, solche Verkäufe unternehmen sollten, während sie früher, in der Zeit der strengen Gerichtsbarkeit, jene Objekte vielmehr eifrig ankauften; und noch absurder wär' es, wenn unsere jetzigen, den modernen Rechtsverhältnissen entsprechend avancierten Ädilen einen Handel mit den Griechen eröffnet hätten, der so mächtigen Persönlichkeiten wie Lucius Crassus, Quintus Scaevola, Gaius Claudius bei aller Pracht ihrer Ädilenfeste versagt blieb.

LX. (134) In Wahrheit empfinden die Gemeinden jene Schein- und Lügenkäufe noch viel herber als etwa einen heimlichen Diebstahl oder offenen Raub. Es ist ja für ihr Gefühl die größte Schande, wenn in den Gemeindeakten zu lesen steht, man hätte auf ein Geldangebot hin – und noch dazu ein recht niedriges! – sich verleiten lassen, die Erbstücke der Ahnen zu veräußern und wegzugeben. Denn es ist nicht zu glauben, wie sehr die Griechen an diesen für uns so untergeordneten Sachen hängen. Darum sahen auch unsere früheren Generationen diesem Reichtum der Leute mit größter Ruhe zu: sie gönnten ihn den verbündeten Gemeinden, damit sie sich beim römischen Reiche blühend und gesegnet fühlten, und sie gönnten ihn ebenso herzlich den Zins- und Zollpflichtigen, damit sie in diesen für uns gleichgültigen, für sie aber höchst wertvollen Gegenständen stets eine Seelenfreude und damit einen Trost für ihre Knechtschaft fänden. (135) Was glaubt ihr z. B. würde man in Rhegion, dessen Einwohner jetzt das römische Vollbürgerrecht besitzen, für Forderungen stellen, wenn man ihnen zumuten wollte, die berühmte marmorne Aphroditestatue wegzugeben? Oder in Tarent für die Europa auf dem Stiere, für den Satyr im Hestiatempel, für so vieles andere! Oder in Thespiai für ihren Eros von Praxiteles! Oder in Knidos für die Aphrodite desselben Meisters, in Kos für die Aphrodite, die ihnen Apelles gemalt, in Ephesos für den Alexander, in Kýzikos für den Aias oder die Medeia, in Rhodos für den Ial̄ysos, in Athen für den marmornen Iakchos, für das Gemälde des Heros Páralos, oder für Myrons bronzene Kuh! Es wäre ein schweres und sehr überflüssiges Bemühen, die Sehenswürdigkeiten von ganz Griechenland und Kleinasien aufzuzählen, aber weshalb ich überhaupt davon anfing, das kommt daher: ich will, ihr sollet euch stets gegenwärtig halten, wie weh es den Menschen thut, wenn man jene Kunstschätze aus ihren Städten entführt.

LXI. (136) Dies will ich nun hier an einem Beispiele klarlegen, und zwar wähl' ich dafür gerade die Bürger von Syrakus. Als ich hinkam, dacht' ich zuerst, wie mir's in Rom die Freunde des Angeklagten erzählt hatten, ich würde bei den Syrakusanern wegen der Erbschaft des Herakleios dasselbe Wohlwollen gegen Verres finden wie bei den Mamertinern wegen der gemeinsamen Diebereien und der geteilten Beute; auch dacht' ich an die schönen vornehmen Damen, nach deren Capricen er drei Jahre lang sein Amt geführt, und an die allzugroße Konnivenz ihrer Männer gegen den Verres; kurz, ich war überzeugt, man würde mir gewaltig zusetzen, wenn ich mich unterfinge, in den Dokumenten der Syrakusaner nach Beweismaterial gegen ihn zu suchen. (137) Ich wandte mich also in Syrakus an die römischen Bürger und sammelte, was deren Dokumente für meinen Zweck angaben. Nach längerer Beschäftigung mit diesem Materiale wollt' ich mir ein wenig Ruhe gönnen und kehrte, nur um mich zu erholen, wieder zu den famosen Dokumenten des Carpinatius zurück, wo ich in Gemeinschaft mit einigen römischen Rittern, den ehrenhaftesten Leuten jenes Kreises, die früher beschriebenen »Verrucius«stellen entzifferte – von den Syrakusanern erwartet' ich nach wie vor weder amtlich noch privatim die mindeste Unterstützung, wäre auch nie auf den Gedanken gekommen, welche zu verlangen. Da, mitten während ich über meiner Arbeit sitze, kommt plötzlich ein gewisser Herakleios zu mir; der war damals Oberbürgermeister, übrigens ein Mann von vornehmer Abkunft, auch ehemaliger Zeuspriester, was in Syrakus ganz besonders viel zu bedeuten hat. Er beginnt ein Gespräch mit mir und meinem Vetter, schlägt uns vor, wenn wir nichts dagegen hätten, doch mit ihm in die Ratsversammlung zu gehen; man sei vollzählig im Rathaus beisammen, er selber käme, um uns von Magistrats wegen einzuladen. (138) Erst wollten wir uns die Sache überlegen; doch besannen wir uns schnell: eine solche Einladung, von dieser Behörde und an diesen Ort, kann man ja unmöglich ausschlagen; also, wir gehen. LXII. Ehrerbietigster Empfang wird uns zu teil: wie wir den Sitzungssaal betreten, erhebt sich alles, der Bürgermeister bittet uns Platz zu nehmen. Die Sitzung wird eröffnet; das Wort hat zuerst Diodoros, eines Timarchides Sohn, eine an Würde, Lebensalter und, wie mir schien, auch an Sachkenntnis hervorragende Persönlichkeit. Der Sinn seiner Rede war folgender: ganz Syrakus, Bürgerschaft und Magistrat, fühle sich aufs schmerzlichste davon berührt, daß ich, nachdem ich in ganz Sicilien rettend eingegriffen und allen Gemeinden meine Fähigkeit zu helfen durch die That gezeigt, zudem überall Dokumente und Beweismaterial jeder Art gesammelt hätte, hier in Syrakus nichts der Art unternähme. Ich antwortete, daß in der Sicilianerversammlung zu Rom, wo die Abgeordneten aller einzelnen Gemeinden mich um Hilfe baten und die gesamte Angelegenheit der Provinz in meine Hände gelegt ward, kein Vertreter von Syrakus zugegen war, ferner daß ich nicht gut irgend welches Vorgehen wider den Gaius Verres in einem Rathaussaal beantragen könnte, wo ich eben eine vergoldete Statue desselben Gaius Verres mit eigenen Augen erblickte. (139) Bei diesen Worten ging ein Weheruf durch den ganzen Saal; Anblick und Erwähnung der Statue brachte die Leute in einen Zustand der Verzweiflung, als wär' es nicht ein Ehrendenkmal, sondern eine Schandsäule. Nun fingen sie alle einzeln an, so weit sie es nur mündlich vermochten, mich über jene Vorgänge zu belehren, die ich vorhin beschrieben habe; die Stadt sei geplündert, die Tempel ausgeraubt; von Herakleios' Erbschaft, die Verres der Ringschulverwaltung zugesprochen, hab' er weitaus den größten Teil für sich selber behalten; man könne freilich kein Interesse für die Ringschule bei einem Menschen voraussetzen, der sogar ihren Schutzgott, den Schöpfer des Öles, geraubt hätte; übrigens sei jene Verresstatue keineswegs auf Staatskosten noch überhaupt von Staats wegen gestiftet worden, sondern die Schurken, die sich mit ihm in Herakleios' Vermögen geteilt, hätten für ihre Anfertigung und Aufstellung gesorgt; sie hätten's dann so eingerichtet, daß sie selber als Vertreter der Stadt nach Rom gingen, seine Mitwisser, Helfer und Hehler; so müßt' ich mich schließlich nicht wundern, wenn sie bei der Gesamtvertretung fehlten und Sicilien im Stiche ließen.

LXIII. (140) Ich sah, daß ihnen die erlittene Unbill nicht weniger weh that als den übrigen Sicilianern, im Gegenteil. Nun aber setzt' ich ihnen auch meine Gesinnung gegen sie auseinander, erklärte ihnen, welche Bewandtnis es mit dem Plan meines ganzen Unternehmens hatte, und forderte sie auf, die gemeinsame Sache nicht aufzugeben, sondern zur Rettung Siciliens das ihrige beizutragen, indem sie das ihnen gewaltsam abgenötigte Belobigungsdekret annullierten. Hierauf verfuhren die Syrakusaner – man beachte: Verres' »Freunde und Schützlinge«! – folgendermaßen: erst holten sie amtliche Schriftstücke, die sie im geheimsten Fach ihrer Staatskasse versteckt hielten, für mich hervor und zeigten mir nun an der Hand authentischer Daten alle jene Räubereien, dazu noch viele andere, die ich wegen des Überflusses an Stoff nicht mehr zur Sprache bringen kann. Die Register waren folgendermaßen geordnet: dies und jenes fehlte z. B. im Athenetempel, oder im Zeustempel, oder im Dionysostempel; jedes einzelne Heiligtum war einem bestimmten Bürger zur Aufsicht und Instandhaltung anvertraut; als sie nun gesetzlich Rechenschaft ablegten und eigentlich alles anvertraute Gemeindegut wieder abliefern mußten, da erklärten sie sich für unschuldig an dem Verschwinden jener Gegenstände und baten um Entlastung, die ihnen allen ohne Ausnahme gewährt wurde. Diese Schriftstücke ließ ich mit dem Amtssiegel versehen und in Sicherheit bringen.

(141) Über das Belobigungsdekret erteilte man mir dann folgenden Bescheid: zuerst, noch geraume Zeit vor meiner Ankunft, wäre Verres schriftlich um ein solches Dekret eingekommen, natürlich ohne Erfolg. Darauf seien einige Freunde des Verres erschienen um dringend zur Bewilligung zu raten: mit allgemeinem Wutgeschrei wies man ihnen die Thür. Endlich, als meine Ankunft unmittelbar bevorstand, habe der oberste Machthaber die Ausfertigung des Dekrets strengstens anbefohlen: man mußte gehorchen, drückte sich aber so aus, daß das Lob ihm mehr Ärger als Freude bereiten dürfte. Ich leg' euch jetzt den Thatbestand vor, genau wie man ihn mir an Ort und Stelle zeigte.

LXIIII. (142) In Syrakus besteht das Herkommen, daß bei einer Vorlage in der Ratsversammlung sprechen kann wer will; einen namentlichen Aufruf giebt es nicht, doch geschieht es meist, daß der Älteste und im Rang Höchste zuerst das Wort ergreift und kein anderer ihm diesen Vorzug streitig macht; kommt es aber einmal vor, daß alle sich in Stillschweigen hüllen, so wird durchs Los einer gewählt, der reden muß. Nun stand auf der Tagesordnung das Belobigungsdrekret für Verres. Sofort melden sich viele, um die Sache hinzuziehen, zu einer Interpellation betreffs des früheren Landvogtes Sextus Peducaeus. »Er«, heißt es, »hat sich um Syrakus und ganz Sicilien die größten Verdienste erworben; nachher machte man ihm in Rom Schwierigkeiten, sprach von Anklagen, und da wir alle für ihn öffentlich eintreten wollten, wie er's wahrhaftig um uns verdient hatte, wurden wir durch den Landvogt Verres daran verhindert. Und jetzt, wo er außer Gefahr ist, da sollen wir, gerad' als ob er unsere Anerkennung nicht mehr nötig hätte, anstatt unserer alten Absicht erst eine neue, gewaltsam aufgedrängte Vorlage diskutiern – so etwas ist doch unbillig!« (143) Allgemeiner, lebhafter Beifall belohnt den Redner, man ist vollkommen einig und setzt die Peducaeusvorlage auf die Tagesordnung. Richtig, nach der Reihenfolge in Alter und Rang erhebt sich jeder einzelne und äußert seine Meinung; ihr könnt noch aus der Beschlußakte den Verlauf der Sitzung erkennen, denn dort wird jedesmal das Votum aller Stimmführer mit vermerkt. Bitte vorzulesen.

»Zu der Vorlage, betreffend den Landvogt Sextus Peducaeus –«

Jetzt kommt der Name des ersten Redners, dann die der anderen, und so weiter, bis zur Beschlußfassung. Gut. Weiter. Zur Verhandlung gelangt die Verresvorlage. Bitte ebenfalls vorzulesen.

»Zu der Vorlage, betreffend den Landvogt Gaius Verres –«

Nun? Weiter!

»erhebt sich niemand. Da niemand sich zum Worte meldet –«

Aber was ist denn das?

»wird die Entscheidung durch das Los angerufen.«

Ja, warum denn? Fand sich denn kein freiwilliger Lobredner deiner Amtsführung, keiner der für dich eintrat, wo es doch die Gunst des allmächtigen Landvogtes mit leichter Mühe zu erwerben galt? Nein, niemand. Selbst deine Zechgenossen, Ratgeber, Mitwisser und Helfershelfer wagten nicht das Wort für dich zu ergreifen. Da stand neben deiner Statue die deines nackt ausgezogenen Sohnes; aber keiner hatte Mitleid, denn du hattest ja ganz Sicilien ausgezogen und ausgesogen. (144) Weiter belehrten sie mich, wie das Dekret in einem Ton abgefaßt war, daß jedermann merken mußte, es bedeutete nicht Anerkennung, sondern bitteren Hohn über Verres' schändliche, schmachvolle Amtsführung. Da stand z. B. »er hat niemand auspeitschen lassen« – und er ließ vornehme Männer unschuldig hinrichten; oder »er hielt ein wachsames Auge über die Provinz« – und er wachte nur um der Unzucht zu frönen; oder gar (ein Satz, den der Angeklagte selbst notwendig unterdrücken, dagegen der Kläger natürlich mit verlesen würde): »er hat die Seeräuber von der Insel Sicilien hinweggescheucht« – während er sie in Wahrheit innerhalb der »Insel« von Syrakus spazieren fahren ließ.

LXV. (145) Im Besitze dieser Nachrichten verließ ich mit meinem Vetter das Rathaus, um bei weiteren Beratungen und Beschlüssen nicht zu stören. Man beschloß zunächst uns beiden die offizielle Gastfreundschaft der Stadt anzubieten, da mein Vetter Lucius offenbar von derselben Gesinnung gegen Syrakus beseelt wäre wie ich. Dieser Beschluß wurde nicht nur niedergeschrieben, sondern auf einer Bronzetafel verewigt und uns so überreicht. Da sieht man, wie deine Syrakusaner, auf die du dich so oft und gerne berufst, dich lieben: mit deinem Gegner traten sie sofort in die herzlichste, intimste Beziehung, nur weil er dich anklagen wollte und zu diesem Behufe Nachforschungen anzustellen kam. Darauf ging ein zweiter Beschluß durch, und zwar nicht etwa mit »gemischtem« Resultate, sondern nahezu einstimmig: das Belobigungsdekret für Gaius Verres zurückzuziehen. (146) Schon war hiermit die Sitzung geschlossen, der Beschluß endgültig in die Akten aufgenommen; da wird hiergegen an den Landvogt appelliert. Und wer ist es, der auf diesen Einfall kommt? Irgend ein Beamter? nein. Ein Ratsmitglied? noch weniger. Ein Bürger von Syrakus? weit gefehlt. Also wer appelliert an den Prätor? Publius Caesetius, der ehemalige Quästor des Verres während dessen Statthalterschaft. Es ist lächerlich! Also ganz allein und verlassen standest du in der Welt? Also gegen einen sicilischen Beamten, um einen sicilischen Ratsbeschluß zu unterdrücken, um die Sicilianer an der gesetzlichen Ausübung ihres alten, verbrieften Rechtes zu verhindern, muß nicht etwa sein Gastfreund oder sonst ein Bekannter in der Stadt, nein, der Quästor unseres Reiches an den Landvogt appellieren. Ist euch so etwas je vorgekommen? – Der neue Landvogt Diesmal ist Metellus gar nicht einmal mit Namen genannt, der Ton aber ebenso ironisch beißend wie zuvor. in seiner unbegrenzten Weisheit und Milde befiehlt einfach die Auflösung des Rates. Nun kommt alles zu mir gestürzt. Die Ratsherrn schreien, ihre Verfassung werde zertrümmert, ihr Recht mit Füßen getreten; das Volk stimmt ihnen zu und dankt ihnen; die römischen Bürger verlassen mich keinen Augenblick. An jenem Tage setzt' ich mit ziemlicher Mühe durch, daß der appellierende Herr nicht gelyncht und somit größeres Unglück verhütet wurde. (147) Nun gehen wir zum Landvogt aufs Gericht, und offenbar überlegte der hohe Herr sich seinen Beschluß mit großem Scharfsinn: denn eh' ich ihn auch nur anreden konnte, erhob er sich von seinem Sessel und ging weg. Die Nacht brach herein, und wir verließen den Markt.

LXVI. Am nächsten Morgen such' ich den Statthalter auf und verlange für die Syrakusaner die Erlaubnis, mir ihren Ratsbeschluß vom vorigen Tage einzuhändigen. Da sagt der Mensch wahrhaftig »Nein«, und meint noch dazu, es wäre ganz unpassend von mir gewesen, in einer griechischen Ratsversammlung eine Rede zu halten; daß ich bei den Griechen griechisch redete, war ja vollends skandalös. Ich antwortete, wie ich konnte, wie ich mußte, wie ich wollte. Unter anderem erinnere ich mich noch ihm gesagt zu haben, wie auffallend der Unterschied zwischen ihm und einem echten, wahren Metellus wie etwa dem Besieger Numidiens wäre; jener weigerte sich, seinem besten Freunde, Lucius Lucullus, dem Manne seiner Schwester, mit einer eigenen Lobrede zu Hilfe zu kommen; der moderne Metellus dagegen verschafft einem Menschen, mit dem er gar nichts zu thun hat, Lobreden fremder Behörden durch das Mittel der rohen Gewalt. (148) Bald kannt' ich meinen Mann: auf ihn wirkten offenbar die neuen Nachrichten aus Rom, übrigens Empfehlungen für die Gegenwart weniger als Versprechungen für die Zukunft; und nun unternehm' ich, auf den Rat der Syrakusaner selbst, einen direkten Angriff auf die Akten mit dem wichtigen Amtsbeschluß. Da entsteht aber von neuem Zank und Streit; man denke doch nicht, daß Verres so ganz von aller Welt verlassen, ohne einen Freund und Gönner in Syrakus gewesen wäre! Ein Individuum fand sich, das den Aktenstoß festhalten wollte, ein jammervoll wahnwitziger Mensch, mit Namen Theomnāstos , das heißt »Gottgetreu«, die Syrakusaner nennen ihn aber »Gottentzwei«; sein Verstand ist längst entzwei, er bildet das Gespötte der ganzen Stadt, so daß die Kinder auf der Straße hinter ihm herlaufen und, wenn er zu reden anfängt, alles loslacht. Aber diese Narrheit, die andern so lächerlich vorkommt, wurde für mich damals ernstlich unangenehm: mit schäumendem Mund und wildrollenden Augen drang er auf mich ein und brüllte, er wollte mich totschlagen, so daß ich in recht unbehaglicher Gesellschaft vors Gericht zog. (149) Dort erklärt' ich mein Verlangen, die Akten zu versiegeln und mitzunehmen; der Mensch redet dagegen: es sei gar nicht derselbe Beschluß, gegen den man an den Landvogt appelliert habe, man solle und dürfe ihn mir nicht überlassen. Ich lese ruhig das Gesetz vor, demzufolge man mir alle schriftlichen Dokumente zur Verfügung stellen muß: er wird rein toll und tobt, unsere Gesetze gingen ihn nichts an. Da öffnet der schlaue Landvogt den Mund und sagt, allerdings sei er nicht damit einverstanden, daß ich einen Ratsbeschluß, dem überhaupt die Genehmigung versagt werden müsse, nach Rom mitnehme. Nun, ich will euch nicht länger mit Einzelheiten aufhalten: wär' ich nicht schließlich grob geworden, hätt' ich nicht ordentlich gedroht und die entsprechenden Strafgesetzbuchparagraphen vorgelesen, man hätte mir die Schriftstücke nicht gegeben. Wie es aber endlich geschehen war, da drehte der Wahnsinnige, der so wütig gegen mich für den da eingetreten war, plötzlich den Spieß um: vielleicht wollt' er seinen Fehlschlag gut machen, indem er sich mit mir aussöhnte – kurz, er überreichte mir ein Buch, in dem Verres' sämtliche syrakusanische Diebstähle sorgfältig verzeichnet waren. Ich kannte sie bereits hinlänglich aus anderer Quelle.

LXVII. (159) So sind deine Mamertiner die einzigen in ganz Sicilien, die deine Rettung wünschen. Mögen sie dich immerhin loben! Aber sie müssen ihr Lob so einrichten, daß Heius, der Führer ihrer Gesandtschaft, zugegen sein kann, und – daß sie auf alle meine Fragen stets eine prompte Antwort geben können. Ich werde mein Verhör schon so einrichten, daß ich sie nicht gleich auf den ersten Antrieb zerschmettere; so mach' ich ihnen das Antworten leicht. Zum Beispiel:

»Seid ihr dem römischen Staat ein Schiff zu stellen verpflichtet?« – Antwort: ja. – »Habt ihr diese Verpflichtung unter Verres' Regierung erfüllt?« – Antwort: nein. – »Habt ihr auf Gemeindekosten ein mächtiges Frachtschiff gebaut und es dann dem Verres zur Verfügung gestellt?« – sie können nicht anders als »ja« sagen. – »Hat Verres eure Getreidelieferungen, wie seine Vorgänger thaten, nach Rom geschickt?« – Antwort: nein. – »Was für Mannschaften habt ihr in den drei Jahren seiner Amtsführung für Heer und Marine gestellt?« – Antwort: keine.

Daß Messana der Stapelplatz für all seine Diebsbeute war, werden sie nicht leugnen können: auf zahlreichen Schiffen wurde sie von dort weggeführt, und schließlich segelte der in Rede stehende gewaltige Kauffahrer, das Geschenk der Mamertiner, reich beladen ab, mit Verres selber an Bord. Das alles müssen sie eingestehen. (151) Darum behalte dir ruhig dein mamertiner Anerkennungsschreiben; Syrakus ist dir nicht anders gesinnt als wie du es behandelt hast. Dort wurde natürlich auch das nichtswürdige Verresfest gleich abgeschafft; es wäre denn auch gar zu arg, wenn man dem Menschen göttliche Ehren erwiese, der die Bilder der Götter geraubt hatte. Einen wirklich hohen Feiertag, der stets unter regster Teilnahme der Bevölkerung mit Festspielen begangen wurde, strichen die Syrakusaner aus ihrem Kalender, weil auf jenen Tag gerade die Einnahme der Stadt durch Marcellus fiel; und nun sollten sie dem Verres, der sie aller nach jenem Unglückstage noch übrig gebliebenen Schätze beraubt hatte, einen Feiertag weihen – mit Recht würde man sie tadeln, wenn sie es thäten. An diesem Beispiele könnt ihr so recht die ganze schamlose Frechheit des Menschen ermessen: das skandalöse lächerliche Verresfest richtet er mit Herakleios' Geldern ein, aber das Marcellusfest ließ er aufheben, auf daß man sein Andenken heilig hielte, nachdem man durch ihn alles heilige Gut verloren; und auf daß sie die Familie festlich zu feiern aufhörten, die ihnen einst alle anderen Festtage wiedergab.

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