Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Rosa Luxemburg: Reden - Kapitel 49
Quellenangabe
pfad/luxembur/reden/reden.xml
typespeech
authorRosa Luxemburg
titleReden
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
editorGünter Radczun
year1976
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090303
projectid52be06d0
Schließen

Navigation:

Gegen Militarismus und imperialistischen KriegRedaktionelle Überschrift. Diese Rede wurde auf einer Protestversammlung gehalten, die am 7. März 1914 in Freiburg i. Br. stattfand. Sie wird nach einem Zeitungsbericht veröffentlicht.

Meine Parteigenossen und -genossinnen! Verehrte Anwesende! Eine schwere Verbrecherin steht vor Ihnen, eine staatlich Geächtete, eine vom Frankfurter Staatsanwalt als heimatlos bezeichnete Frau. Und, Parteigenossen, wenn ich diese schöne Versammlung überblicke, so überschleicht mich neben der Freude, so viele gleichgesinnte Männer und Frauen zu sehen, eine gewisse Wehmut, daß nicht noch ein paar Männer dabei sind in der Versammlung, ich meine – meinen Staatsanwalt in Frankfurt und die Herren Richter aus Frankfurt. Denen hätte ich gewünscht, daß sie gesehen hätten, was sie mit ihrem Urteil angerichtet haben. Parteigenossen! Man hat mich in Frankfurt zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil ich eine nach der Auffassung des Staatsanwalts und des Gerichts verbrecherische Handlung begangen habe. Diese Handlung bestand darin, daß ich den Arbeitern diesseits wie jenseits der Grenzpfähle zugerufen habe: »Du sollst nicht töten!«

Parteigenossen! Im christlich-germanischen Reich ist es ein Staatsverbrechen, wenn man dasjenige Gebot der Nächstenliebe, das von so vielen christlichen Kanzeln als ein Gebot der Kirchenlehre dem Volke gepredigt wird, ernst nimmt und ins Leben einführen will. Denn, werte Anwesende, nichts anderes tat ich in jener Versammlung, für die mir die schwere Strafe zudiktiert wurde, als was jeder Sozialdemokrat für seine Pflicht erachtet: dem Volke durch die einfache Tatsache die Augen zu öffnen, daß es ein verbrecherisches Beginnen ist, Kriege zu führen, Leichenhügel zu errichten, sich gegenseitig zu morden, statt in menschlicher Kultursolidarität, in Völkerverbrüderung mit allen Nationen und Rassen der Erde den Fortschritt zu fördern.

Es ist kein Wunder, daß in der heutigen Gesellschaftsordnung es als Verbrechen gebrandmarkt wird, wenn man gegen den Menschenmord, gegen den Völkermord predigt. Wenn Sie sich die Gesellschaftsordnung näher betrachten, in der wir leben, so müssen Sie sich selbst sagen, diese Gesellschaftsordnung beruht ja auf dem organisierten Mord, und es heißt ihr die Lebensbasis entziehen, wenn man gegen den Mord die besten und edelsten Geister der Menschheit aufruft.

Werte Anwesende! Was geschieht jahrein, jahraus auf dem Schlachtfeld der Arbeit, wo Zehntausende jährlich nach der offiziellen Statistik den Tod erleiden? Erst jüngst hat die Statistik uns klargemacht, daß im Jahre 1912 allein 10( )300 Unfälle in Fabriken und Werkstätten mit tödlichem Ausgang stattgefunden haben. Und eine Gesellschaftsordnung, die, um wenige zu bereichern, Millionen ausbeutet, ins Joch der Arbeit spannt und Zehntausenden das Leben nimmt durch die rücksichtslose Profitjagd, eine solche Gesellschaftsordnung hat kein Verständnis für die Ideale der Menschheitsverbrüderung und für die Predigt der Sozialdemokratie: »Du sollst nicht töten!«

Dieselbe Gesellschaftsordnung betreibt den systematischen Völkermord als das vornehmste Mittel ihrer politischen Entwicklung, ihres politischen Lebens. Erst jüngst ist von den Regierungen der Balkanstaaten die furchtbare Gesamtsumme der Opfer in jenen Kriegen bekanntgemacht worden, die in kurzer Zeit gefallen sind. Und da hat es sich herausgestellt, daß in Griechenland, der Türkei, Bulgarien, Serbien und Montenegro während des kurzen Krieges 140 000 Menschen gefallen sind. Gemeint sind der erste Balkankrieg vom 8. Oktober 1912 bis 30. Mai 1913 und der zweite Balkankrieg vom 29. Juni bis 10. August 1913, durch die die internationalen Spannungen verschärft wurden. Wir wissen, daß auch Deutschland in den letzten Zeiten immer mehr und mehr über dem Abgrund einer Kriegsgefahr mit den schrecklichsten Folgen schwebte – erinnern Sie sich bloß der Situation während des Marokkokonflikts, wo das Damoklesschwert eines Krieges mit Frankreich und vielleicht eines gewaltigen Weltkrieges über unseren Häuptern schwebte. Und früher oder später wird und muß ein solcher Weltkrieg entstehen aus nichts anderem als aus dem unaufhörlichen Rüsten, das keinen Moment zur Ruhe kommt in allen Staaten. Kein Wunder, daß eine Gesellschaftsordnung, daß ein Staat, der diesen organisierten Mord, den Krieg, unaufhörlich selbst heraufbeschwört und auf ihn nicht verzichten will, daß dieser diejenigen als Verbrecher stempelt, die das Ideal der Nächstenliebe, der menschlichen Gleichheit, der Völkerverbrüderung in die Köpfe und in die Herzen der Volksmassen tragen. Niemand kann Ihnen das besser und schärfer sagen, als der Staatsanwalt in Frankfurt es gesagt hat. Alles, was ich Ihnen ausführte, mögen Sie denken, das sind die üblichen Aufwieglerreden eines »Roten«. Nun, ich will mich auf einen einwandfreien Zeugen berufen: Das ist – der Staatsanwalt in Frankfurt, der, nach dem Berichte eines unverdächtigen Blattes – der scharfmacherischen »Post« in Berlin –, folgendes gesagt hat: »Was die Angeklagte mit ihrer Agitation gegen den Krieg getan hat, ist ein Attentat auf den Lebensnerv unseres Staates.«

Werte Anwesende! Merken Sie sich diese goldenen Worte aus berufenem Munde eines offiziellen Vertreters des heutigen Staates, denn jedes dieser staatsanwaltlichen Worte wirkt mehr zur Aufklärung der Massen über die Natur der bestehenden Gesellschaftsordnung als zehn sozialdemokratische Flugblätter. Überlegen Sie sich den tiefen Sinn dieses Ausspruches: »Der Lebensnerv des Staates, das ist der Militarismus.« Heutzutage, wo wir in Deutschland in einer Zeit der furchtbarsten Arbeitslosigkeit leben, wo Zehntausende und aber Zehntausende fleißiger, ehrlicher Proletarierfamilien nicht wissen, womit sie morgen ihre hungrigen Kinder speisen werden, in einer solchen Zeit erklärt ein offizieller Vertreter des Staates: Nicht die Unterstützung, nicht die Speisung dieser Hungrigen ist der Lebensnerv des Staates, sondern die Kaserne, die Bajonette, die Pickelhauben, das ist der Lebensnerv. (Stürmischer Beifall und große Heiterkeit.) Werte Anwesende! Heute, wie schon seit langer Zeit, lechzt der deutsche Arbeiter, lechzen durch uns erweckte Arbeiterfrauen nach Kultur, nach Bildung, nach Wissen. Die Parias des heutigen Staates erhalten in der »herrlichen« Volksschule des Deutschen Reiches statt Bildung, statt Wissen elende Bettlerbrocken einer »Aufklärung«. Und da erklärt ihnen ein öffentlicher Vertreter des Staates, der Lebensnerv des Staates, das ist nicht die Hebung der Volksbildung, das ist nicht Wissen, das ist nicht geistige Kultur, das ist der Kadavergehorsam des Soldaten. (»Sehr richtig!«)

Sie hören das hier nicht aus dem Munde eines sozialdemokratischen Aufwieglers, sondern aus dem Munde eines waschechten Vertreters der heutigen Staatsordnung, der herrschenden Moral, der herrschenden Gedankenwelt, der Ihnen sagt: Nicht euer materielles, leibliches und geistiges Wohl, auch nicht der Stolz auf das Vaterland, auch nicht die Liebe zum Vaterland, auch nicht die freie Bereitwilligkeit, das Land zu verteidigen, sei der Lebensnerv des Staates; nein, der heutige Militarismus, der auf dem Kadavergehorsam der Armee beruht, das ist der Lebensnerv des Staates.

Es erweist sich hier wie schon so vielmal und mehr, als alle unsere Reden [zeigen], wie die Taten und Reden unserer Gegner, der herrschenden Klasse, darnach angetan sind, auch dem Blödesten die Augen zu öffnen, in welcher herrlichen Gesellschaftsordnung wir heute leben.

Parteigenossen! Der Staatsanwalt hat sich ausgespielt in seinem Schlußwort namentlich auf den deutschen Mann, auf den Patrioten, der mir, einer Heimatlosen, gegenüber die Ehre und die Sitte des Deutschen Reiches zu wahren berufen sei. Was die Heimatlosigkeit betrifft, so möchte ich mit dem Herrn Staatsanwalt nicht tauschen. Ich habe eine so große, liebe Heimat, wie sie kein preußischer Staatsanwalt besitzt. (Lebhafter Beifall und große Heiterkeit.) Aber wenn dieser Herr vom Vaterland, von der Notwendigkeit, das Vaterland zu verteidigen, sprach, so antworte ich hier: Niemand hat das Recht, das Wort Vaterland in den Mund zu nehmen, außer uns Sozialdemokraten. (»Bravo!«) Was ist das Vaterland anders als die große Masse der arbeitenden Männer und Frauen! Was ist das Vaterland anders als die Hebung des Wohlstandes, die Hebung der Sittlichkeit, die Hebung der geistigen Kräfte der großen Masse, die das Volk ausmacht! Und wer arbeitet daran mit allem Opfermut seit Jahrzehnten im Deutschen Reiche außer der Sozialdemokratie? Wir Sozialdemokraten erlauben uns allerdings, der Meinung zu sein, daß es weder der Menschennatur noch dem Kulturfortschritt entspricht, daß die Völker zueinander wie reißende Bestien stehen und von Zeit zu Zeit ihre Konflikte auf dem Wege des blutigen Massenmordes lösen. Wir sonderbaren Schwärmer erlauben uns, der Meinung zu sein, daß es der menschlichen Natur und dem Kulturfortschritt des 20. Jahrhunderts viel mehr entspricht, daß alle Völker und Rassen der Erde mit brüderlich friedlicher Solidarität gemeinsam die menschliche Kultur vorwärtstreiben. Aber freilich, wir Sozialdemokraten sind nüchterne Realpolitiker, wir leben nicht im Wolkenkuckucksheim, sondern wissen ganz gut, daß hienieden auf der festen Erde, auf der wir stehen, ein solcher Zustand des ewigen Friedens, wie ihn die größten deutschen Klassiker und Philosophen, wie zum Beispiel ein Kant, voraussagten, nicht möglich ist, bis der Kapitalismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet sein wird. Wir wissen sehr wohl, daß wir den ewigen Frieden, die internationale Solidarität erst dann zu Fleisch und Blut machen können, wenn es uns gelingen wird, auch die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, das Privateigentum, den Kapitalismus abzuschaffen. Bis dahin, bis wir so weit sind, dies in Wirklichkeit umzusetzen, wissen wir sehr wohl, daß die internationalen Konflikte nicht zu vermeiden sind. Aber das sagen wir: Wenn es euch, ihr Herrschaften, daran liegt, in Wirklichkeit das Vaterland zu verteidigen, so brauchte man dazu das heutige Militärsystem beileibe nicht; dazu brauchte man nicht eine zwei- bis dreijährige Dienstzeit, dazu brauchte man nicht den Kasernendrill, dazu brauchte man nicht das Niedertreten des Soldaten durch Mißhandlungen. Dazu brauchte man nur das alte Programm der Sozialdemokratie ins Werk zu setzen und das Milizsystem, die Volksbewaffnung, in Deutschland einzuführen. Dann, erst dann, wo der freie Mann aus dem Volke seine Handwaffe in der Hand, zu Hause hat, wo er selbst darüber aus freiem Willen entscheidet, wann und gegen wen das Vaterland zu verteidigen ist, erst dann kann man mit gutem Recht sagen: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein.« (Beifall.) Erst dann, wenn die Verteidigung des Vaterlandes nicht abhängt vom Befehl eines kleinen Dutzend Herren oben, nein, wenn das Volk aus freiem Antrieb, stets bewaffnet, bereit ist, das Land vor einem Überfall zu verteidigen, dann ist das Vaterland ohne Gefahr. Aber merkwürdigerweise, dieselben herrschenden Klassen, die so viel die Notwendigkeit der Verteidigung des Vaterlandes im Munde führen, sie wollen gar nichts hören von diesem von uns seit Jahrzehnten vorgeschlagenen System der Volkswehr oder der Miliz. Sie wissen wohl, warum, sie wissen, daß die Miliz eben nur zur Verteidigung des Vaterlandes taugt, nicht aber zu verbrecherischen Kolonialkriegen, nicht aber dazu, um anderen Völkern ihr Vaterland zu entreißen; und darauf geht die heutige Militärpolitik hinaus. (Allgemeines »Sehr richtig!«.) Deshalb sind die Phrasen von der Notwendigkeit, das Vaterland zu verteidigen, wohlbekannte Mittel, eine Politik zu verschleiern, die das Gegenteil jeder Vaterlandspolitik ist. Man wagt uns gegenüber das Vaterland, seine Ehre, sein Wohl zu vertreten, indem man uns als die vaterlandslosen Gesellen verdonnert.

Parteigenossen! Wir wissen, was in der letzten Zeit wieder an Nachrichten durch alle Zeitungen gegangen ist. Haben Sie vielleicht gelesen von jenem Vorfall in der Kaserne in Magdeburg, wo ein Vaterlandsverteidiger im Königsrock von seinem Vorgesetzten gezwungen worden ist, seine Nase in den Spucknapf zu stecken? (Pfuirufe.) Genossen! So werden Vaterlandsverteidiger heute behandelt in der deutschen Kaserne! Haben Sie den anderen Fall gehört, der sich in Neiße zugetragen hat, wo zwei Soldaten, nachdem sie sich an ihrem Vorgesetzten vergriffen, ihn mißhandelten, nachher vorgezogen haben, sich selbst das Leben zu nehmen, als in qualvoller Weise dem entgegenzugehen, was einem deutschen Soldaten droht, wenn er nichts anderes tut, als was im Privatleben jeder Ehrenmann tut: auf eine Beleidigung mit einer Notwehr zu antworten? Kennen Sie auch den neulich passierten anderen Fall in Metz, wo die Leiche eines Soldaten in einer Schlinge vorgefunden wurde? Was da in Metz passiert worden ist, das weiß man bis jetzt noch nicht genau. Die Obrigkeit in Metz behauptet, daß der Soldat sich selbst entleibt habe. Sie wissen, ein Toter ist gewöhnlich ein stiller Mann, er kann nicht widersprechen. Aber der Vater des Soldaten glaubt Grund zu haben, anzunehmen, daß dieser Soldat erst zu Tode gepeinigt wurde und dann die Leiche zum Schein in die Schlinge gesteckt wurde. Was auch da passiert ist, eines ist klar: Es ist sicher eins von den unzähligen Dramen, die in den deutschen Kasernen tagaus, tagein sich abspielen und wo nur selten das Stöhnen der Gepeinigten zu unseren Ohren dringt. Diese Äußerung veranlaßte den Kriegsminister General Erich von Falkenhayn, bei der Berliner Staatsanwaltschaft Strafantrag gegen Rosa Luxemburg zu stellen wegen Beleidigung der Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten der preußischen Armee.

Werte Anwesende! Wie soll ein Mann ein richtiger Vaterlandsverteidiger sein, wenn man erst jahrelang systematisch mit Füßen tritt, was jeden Mann macht: das Ehrgefühl, die Selbstachtung, der aufrechte Wille. Man tritt mit Füßen die Söhne des Volkes, wohlgemerkt, im Rock des Königs. Und dann geht man hinaus und spricht Phrasen von Vaterlandsverteidigung, vom Rock des Königs und von der besonderen Ehre des Soldatenstandes!

Nach alledem ist es kein Wunder, daß mit zweierlei Maß gemessen und gewogen wird in Deutschland. Und obwohl nach der Annahme der Mythologie die Göttin Justitia die Augen verbunden hat, so scheint sie in Preußen-Deutschland immer noch unter ihrer Binde einen Spalt zu finden, um gleich zu erkennen, ob es ein roter oder ein anderer Attentäter ist. (Große Heiterkeit.) Der Mörder und Streikbrecheragent Brandenburg ist freigesprochen worden, Brandenburg, der als Streikbrecher tätig war, hatte am 4. Juni 1913 in Frauendorf bei Stettin einen Arbeiter ohne Grund niedergestochen. Das aus Agrariern und Fabrikanten zusammengesetzte Schwurgericht sprach Brandenburg trotz eindeutiger Schuldbeweise frei. der Mörder und Streikbrecheragent Keiling ist bloß zu acht Monaten Kerker verurteilt worden. Keiling, ein aus Berlin stammender, oftmals vorbestrafter Vermittler von Streikbrechern, hatte am 8. Februar 1914 in Tetschen (Böhmen) während eines Streiks den Vertrauensmann des Buchdruckerverbandes durch einen Revolverschuß tödlich verletzt. Von einem österreichischen Gericht wurde er zu acht Monaten schwerem Arrest verurteilt. Der Leutnant von Forstner, der eine Aufforderung zum Mord in aller Form getan hat, ist freigesprochen worden. (Allgemeine Pfuirufe.) Derjenige, der gegen den Krieg agitiert, muß auf ein Jahr ins Gefängnis wandern.

Verehrte Anwesende! Ein bißchen kann man auch Entrüstung darüber verspüren. Aber ich versichere Sie, wenn Sie sich recht in die Sache hineindenken und wenn Sie so recht von Herzen Sozialdemokraten sind, so tun Sie das, was ich auf meinem Armensünderbänklein tat, als das Gericht das Jahr Gefängnis verlas: Ich habe gefrohlockt und mich gefreut. Denn ich habe verstanden: Das ist ein Meisterstück, um uns Sozialdemokraten einen gewaltigen Schritt wieder vorwärtszubringen. (»Sehr richtig!« »Bravo!«) Die Herren Richter mit ihrem Staatsanwalt wie die lieben verehrten bürgerlichen Blätter des christlichen Staates und der konservativen Scharfmacher – denn auch darin bilden sie alle zusammen gegen uns einen Großblock – wie auch die Nationalliberalen, sie haben diesmal ein wenig zu früh gefrohlockt über Frankfurt, denn das Urteil ist ein Teil von jener Macht, die stets das Böse will und oft das Gute schafft.

Parteigenossen! Wir stehen ja am Vorabend der Roten Woche, jener Woche, da jeder Sozialdemokrat und jede Sozialdemokratin es als eine besonders ehrenvolle Aufgabe betrachten soll, mit vollen Händen den Samen der sozialdemokratischen Aufklärung nach allen Seiten auszustreuen, neue gewaltige Scharen von Anhängern um die internationale Fahne der Sozialdemokratie zu sammeln. Und nun, unsere lieben Freunde, die Feinde, haben dafür gesorgt, daß sie am Vorabend dieser Woche einen so schönen neuen Gegenstand für die Aufklärungsarbeit finden. Denn, Parteigenossen, jener Ausspruch des Staatsanwalts von dem Lebensnerv des Staates, der in den Bajonetten besteht, und was seine anderen Worte sind, sowie das Urteil, das daraufhin gefällt worden ist, das ist ein unschätzbares Material, das wir nun in die weitesten Volkskreise tragen müssen und zeigen müssen allen denen, die es bis jetzt noch nicht verstanden haben: Seht, so sieht es um Deutschlands Volk aus!

Der Staatsanwalt hat aber noch mehr schönere und verdienstvollere Worte für uns gesprochen. Ich zitiere nach demselben bürgerlichen Bericht der »Post«. Der Staatsanwalt sagte wörtlich, indem er die schwarzen Perspektiven ausmalte, die sich an meine verbrecherische Tat, jene Volksversammlung, anschließen sollen: Man lasse nur ein bis zwei Dutzend derartig verhetzter (das heißt sozialdemokratisch aufgeklärter – R. L.) entschlossener Leute in einer Kompanie sein, so würde es diesen Leuten ein leichtes werden, ein bis zwei Dutzend anderer Leute auf ihre Seite zu bekommen. Das würde vollkommen genügen, um plötzlich eine Meuterei hervorzubringen. Kommt infolge einer Meuterei das Gefecht zum Stehen, dann müssen die allerschlimmsten Folgen kommen. Man denke auch an den niederschmetternden Eindruck, den eine solche Meuterei im eigenen Heere und beim Feinde hervorrufen müßte. Ein einziger Fall einer solchen Meuterei vor dem Feinde kann schwere Folgen haben. Die Tatsache, daß derartige Möglichkeiten vorliegen, stempeln die Angeklagte zu einer außerordentlich gefährlichen. Was die Angeklagte getan, ist ein Attentat auf den Lebensnerv unseres Staates.

Verehrte Anwesende! Wenn der Staatsanwalt mit seinem Ausspruch vom Lebensnerv des Staates, der im Militarismus bestehen soll, so offen wie noch niemand die innere Beschaffenheit der bestehenden Gesellschaftsordnung enthüllt hat, so hat andrerseits noch niemand den deutschen Militarismus vor aller Welt so der Lächerlichkeit preisgegeben wie der Herr Staatsanwalt durch jene vorhergehenden Sätze. (»Sehr richtig!«) Dieser stolze deutsche Militarismus, der nach Bismarcks Worten nur den Gott im Himmel, sonst niemand fürchtet, dieser Militarismus, der uns schrecken soll als ein Koloß aus Stahl und Eisen, waffenstarrend von oben bis unten, dieser Koloß zittert vor einer Meuterei von zwölf Soldaten, und das Deutsche Reich soll in Trümmer gehen infolge einer sozialdemokratischen Volksversammlung. Das ist der Sinn dieser Worte.

Verehrte Anwesende! Man unterschätzt uns wahrhaftig, wenn man glaubt, unsere Bemühungen, unsere saure Arbeit stelle sich ein so lächerlich winziges Ziel wie die Hervorbringung einer Meuterei von zwölf Soldaten in einer Kompanie. Ich kann ruhig sagen, mit solchen Lappalien geben wir uns nicht ab, wir haben ganz andere, ja viel, viel gefährlichere Aufgaben und Ziele im Auge. Worauf wir hinausgehen, das sind nicht lächerliche Meutereien in einer Kompanie, sondern das ist die Aufrüttelung von Millionen arbeitender Männer und Frauen des Volkes, damit sie einmal, wenn die Stunde geschlagen hat, der herrschenden Politik das Handwerk legen. Hier, indem der Staatsanwalt die sozialdemokratische Agitation gegen den Krieg in dieser Weise ausmalte, da hat sich in dem kleinen Saal des Landgerichts in Frankfurt im winzigen Maßstab abgespielt, was im ganzen Deutschen Reiche, ja in der kapitalistischen Welt heute Tatsache ist: Es sind zwei Welten, die gegeneinanderstehen und die einander nicht verstehen können.

Verehrte Anwesende! Der Herr Staatsanwalt und auch das Gericht, das seiner Auffassung durch die Annahme seines Strafmaßes beigetreten ist, sie denken, die größte Gefahr drohe dem Militarismus, wenn die Soldaten den Gehorsam zu verweigern wissen. Es ist hier nichts anderes als die umgekehrte Seite jener Auffassung, wonach man oben glaubt, solange der Soldat bloß gehorsam ist, steht alles wunderschön und fest im Staate Dänemark. Wir Sozialdemokraten haben eine ganz andere Geschichtsauffassung. Wir glauben nicht, daß die Schicksale der Kriege und der Schlachten von dem Soldatengehorsam abhängen, wir glauben auch nicht, daß sich Schlachten und Kriege siegreich führen lassen, solange der Soldat den Kadavergehorsam nicht verweigert. Wir sind der Auffassung, daß nicht die Armee, sondern die gesamte große Volksmasse diejenige ist, von deren Willen es abhängt und abhängen muß, ob Kriege stattfinden sollen. Wir wenden uns nicht direkt an die Soldaten, wie sich der Herr Staatsanwalt einbildet, indem wir die Kriege so unmöglich machen wollen, daß wir uns vor die Soldaten stellen und ihnen sagen: Im entscheidenden Moment, wenn der Befehl kommt, dann schießt ja nicht. So simplig, so einfältig ist die sozialdemokratische Agitation nicht. Wir wenden uns an das gesamte arbeitende Volk, dem sagen wir: Ihr alle, Millionen, die ihr seid, ihr Männer und Frauen der Arbeit, ihr zahlt ja Steuern zur Erhaltung des Staates und der Kriege und des Militärs. Ihr schickt eure Söhne ins Feuer, ihr habt's an eurem Buckel auszukosten, wenn ein Krieg auf Jahre, auf Jahrzehnte die ruhige wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung aufhält. Von euch hängt es ab, ein Veto einzulegen gegen diese halsbrecherische Politik der herrschenden Klasse. Wir Sozialdemokraten sind der Auffassung, daß Kriege sich heutzutage überhaupt nur führen lassen nicht, solange der Soldat gehorsam, sondern solange die Volksmasse die Kriege geduldig sich gefallen läßt. Und in dem Moment, wo die Masse des Volkes begriffen hat, was jeder geschulte Sozialdemokrat versteht, daß heutzutage Kriege bloß einzig und allein zum Nutzen und Frommen einer kleinen Handvoll kapitalistischer Glücksjäger und Ausbeuter geführt werden, daß die große Masse in jeder Hinsicht das Opfer des Militarismus ist, wenn die gewaltige Volksmasse das bloß begriffen hat, so wird diese Idee in der Masse zu einer solchen politischen Gewalt werden, daß vor ihr alle Bajonette zerbrechen werden.

Verehrte Anwesende! Die herrschende Politik, wie sie hier offiziell beleuchtet ist, diese Politik will sich allein auf die Bajonette stützen. Aber es ist ein altes Wort: Mit Bajonetten läßt sich manches machen, bloß hat noch niemand das Kunststück fertiggebracht, sich auf die Bajonette zu setzen. (Heiterkeit.) Und die Gesellschaftsordnung, die sich sagt, daß sie nur noch auf die Bajonette sich stützt, sie hat nichts anderes als ein Todesurteil über sich ausgesprochen. Nun, verehrte Anwesende, wir sollen zu den Soldaten laufen, uns vor die Kasernen stellen und ihnen sagen: Schießt ja nicht, dann sind die Kriege aus. Ei, wir brauchen das gar nicht, wir verlassen uns auf die Früchte unserer allgemeinen Volksbildung. Wir wissen, daß der Kopf des deutschen Arbeiters, der einmal von der internationalen sozialdemokratischen Lehre durchleuchtet ist, daß der nicht dümmer wird, wenn auf ihm ein Helm mit Schuppenketten sitzt. Wir wissen und verlassen uns darauf, daß die Brüder des deutschen Arbeiters, die einmal von dem Gefühl, von dem erhebenden Gefühl der internationalen Völkersolidarität und von der Menschenliebe erfüllt wurden, daß diese Brüder nicht untreu werden dem Gebot der Menschlichkeit, auch wenn sie im Rock des Königs stecken. Verlassen Sie sich ruhig auf die geschichtliche Dialektik, die von selbst dazu führen muß, daß früher oder später die große Volksmasse unseres wirklichen Vaterlandes sich erheben und sagen wird: Nun ist es genug der verbrecherischen Politik, die bisher betrieben wurde.

Und, Parteigenossen, ich glaube, daß wir bereits tüchtig vorwärtsgekommen sind in diesem aufwühlenden Handwerk der Aufklärung. Und wenn Sie irgendwo ein Zeugnis haben wollen, wie sehr wir schon vorwärtsgekommen sind, so bitte ich wiederum, Ihre Blicke auf meinen Gewährsmann, den Frankfurter Staatsanwalt (Heiterkeit), zu richten. Von den fürchterlichen Gefahren, die dem deutschen Staate und der deutschen Armee und dem deutschen Militarismus als Folgen drohen, wenn sie auch einerseits eine Lächerlichkeit sind, vom Standpunkt des Militarismus aus gesehen, so verrät sich auch hier, wie so manches einfältige Wort einen tiefen Kern [enthält], unwillkürlich verrät es auch hier eine Tatsache, die für uns von unschätzbarem Werte ist. Denn hier hat sich gezeigt in dieser Schilderung, daß das herrschende militaristische System dasjenige verloren hat, was die wirkliche Bürgschaft jedes Sieges ist: Es hat verloren den Glauben an sich selbst.

Verehrte Anwesende! So wie in dieser geschilderten Angst vor den Meutereien, die ausbrechen werden, vor den furchtbaren Folgen der Erschütterung für das Fundament der militaristischen Kraft Deutschlands: noch nie hat man uns mit dieser Offenheit gezeigt, wie sehr das herrschende System, das gegen uns brutal auftritt, in seinem Innern bereits morsch, von der Angst zerfressen, bereits feige geworden ist. (Lang andauernde Zustimmung.) Was ist's anderes, jenes Wort des Herrn Staatsanwalts mitsamt dem Urteil? Denn dieses Urteil hat jedes Wort erst unterstrichen! Ist nicht jedes Wort des Staatsanwalts eine Anerkennung moralisch siegreicher Kraft der sozialdemokratischen Agitation? Hier sehen Sie, wie man bereits vor uns zittert da oben, wo angeblich die Geschicke der Völker zusammenlaufen.

Verehrte Anwesende! Wir, die Vaterlandslosen, wir, die man ins Gefängnis steckt, wir, die wir nichts als unsere heilige Überzeugung und das Wort der Predigt als unser Mittel haben, wir sind bereits eine Macht geworden, vor der die Machthaber feige zittern, weil sie wissen, daß der Sieg uns gehören muß. Und deshalb, Parteigenossen, von welcher Seite ich auch den Prozeß betrachte, ich sage nochmals: Wir können stolz, wir können froh sein auf den Ausgang dieser Sache. Was heißt ein Jahr Gefängnis! Mit solchen Lappalien (Heiterkeit) lassen wir uns nicht schrecken, denn dieser Prozeß hat uns eine unschätzbare Lehre für die aufklärende Arbeit geliefert. Ich sage Ihnen im geheimen (Heiterkeit): Auch zwei Jahre wären mir nicht zuviel! (Bewegung und lebhafter Beifall.)

Und deshalb, verehrte Anwesende, ziehe ich aus dieser Begebenheit in Frankfurt ganz andere Schlüsse, als man am Richtertische und in jenem Lager hinter den Richtern wohl erwartet hat. Man wollte uns schrecken, man wollte mal den Sozialdemokraten zeigen: Nun geht's nicht so weiter, ihr müßt kuschen, ihr müßt euer gefährliches Handwerk legen, denn wir haben Gefängnisse, in die wir euch stecken können. Wer nach alledem heutzutage als der Erschrockene aussieht, überlasse ich Ihrem Urteil. Wir Sozialdemokraten erschrecken nicht so leicht. Im Gegenteil! Wir ziehen aus diesem Prozeß die Lehre, daß es unsere Pflicht ist, nunmehr auch für unsere Agitation die goldenen Worte des Staatsanwalts wahr zu machen und auch dem Letzten im Volke zu zeigen: Der »Lebensnerv« des heutigen Staates ist der menschenmordende Militarismus. Wir betrachten es als unsere Pflicht, in der folgenden Woche der roten Agitation diesen Prozeß auszunutzen bis aufs äußerste und zu beschleunigen den Schritt der historischen Entwicklung, die uns zum Siege führt.

Verehrte Anwesende! Sie wissen, im Schillerschen Drama sagt Wallenstein in jener Nacht, die seine letzte werden sollte, als er mit forschendem Blick die Sterne betrachtete, um in ihnen den Lauf der künftigen Dinge zu enträtseln: »Der Tag ist nah, und Mars regiert die Stunde.« Das paßt auch auf die heutigen Zeiten. Noch regiert Mars, der blutige Kriegsgott, die Stunde. Noch ist die Macht bei denjenigen, die sich allein auf einen Wald von Mordwaffen stützen, um das arbeitende Volk in seinem gerechten Aufstieg niederzuhalten. Noch werden Kriege vorbereitet, noch wird das Parlament beherrscht, und immer mehr Militärvorlagen kommen, noch wird das Volk bis auf den letzten Tropfen ausgesogen durch den nimmersatten Moloch Militarismus. Noch regiert Mars die Stunde. Aber, wie Wallenstein sagte: »Der Tag ist nah, der Tag, der uns gehört.« So wird auch der Tag nahen, an dem wir, die wir unten stehen, nach oben kommen! Nicht um jene blutige Phantasie einer Meuterei und Niedermetzelung auszuführen, die vor den erschreckten Augen der Staatsanwälte schwebt, nein, wir, die wir zur Macht gelangen werden, um erst eine Gesellschaftsordnung wahr zu machen, die des Menschengeschlechts würdig ist, eine Gesellschaft, die keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen kennt, die keinen Völkermord kennt, eine Gesellschaft, die erst die Ideale sowohl der ältesten Religionsstifter wie auch der größten Philosophen der Menschheit verwirklichen wird, um diesen Tag, der anbricht, herbeizuführen so schnell wie möglich, dazu müssen wir unsere äußersten Kräfte einsetzen, ohne auf jeglichen Erfolg zu schauen, zum Trotz allen Staatsanwälten, zum Trotz aller militärischen Macht. Zur Wirklichkeit wird unsere Losung werden: Mit uns das Volk, mit uns der Sieg! (Lang anhaltender, stürmischer Beifall.)

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.