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Rechenschaft

Carl von Ossietzky: Rechenschaft - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleRechenschaft
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorBruno Frei
year1972
isbn3436016101
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Pazifisten

I

Zu den ausgeprägtesten Merkmalen der deutschen Isolierung von heute gehört die Tatsache, daß so wenige unserer Kompatrioten wissen, was der Pazifismus ist, und daß er bei den demokratischen Nationen der Welt zu einer Großmacht emporgewachsen ist. Ohne diese Ahnungslosigkeit wäre manche der in den letzten Wochen von Regierungsstelle ausgesprochenen Sottisen über den Völkerbund undenkbar gewesen. Es handelt sich hierbei nicht um eine betrübliche seelische Folge der Kriegs- und Nachkriegsblockade, sondern im wesentlichen um die Verdickung eines Zustandes von vorgestern. An das Friedensproblem zu rühren galt seit Sedan als schlapp, weibisch und antinational. Das war vielleicht woanders nicht viel besser. Nur gab man sich doch etwas mehr Mühe, den bewußten oder instinktiven Chauvinismus etwas intelligenter zu begründen. Man argumentierte nicht so billig wie an den deutschen Stammtischen. Maurice Barrès war sicherlich ein Revanchard von reinstem Wasser. Dennoch, wagt einer auch nur im Traume eine Parallele mit Artur Dinter?

Es ist deshalb zu begrüßen, daß der in diesen Tagen in Berlin stattfindende Weltfriedenskongreß eine Reihe von ausländischen Gästen bringt, deren Bedeutung, deren Ernst und deren gutes patriotisches Wollen nicht bezweifelt werden kann. Tausendmal haben die Zeitungen ihre Namen mit Achtung genannt. Der brave Bürger faßt sich an den Kopf: »Herrgott, das sind also auch Pazifisten! Das sind ja ganz vernünftige Leute!« Und für Minuten schaukelt eine Weltanschauung. Könnte aus einer solchen momentanen Erschütterung nicht ein kleines Damaskus gedeihen?

Leider wird das verhindert werden.

Durch ... durch die Pazifisten selbst.

II

Aber auch die Gäste werden sich nicht wenig wundern. Und mit Fug. Denn sie werden zum erstenmal mit dem Gros unseres pazifistischen Heerbanns Tuchfühlung nehmen. Sie werden zum erstenmal sehen, was eigentlich hinter den Führern steht. Man darf nicht vergessen: jahrelang hat der Gedankenaustausch mit London, Paris, Genf usw. in den Händen von einzelnen über dem Mittelmaß stehenden Persönlichkeiten von politischer Erfahrung und diplomatischer Qualität gelegen. Dadurch ist über Bedeutung und Material des deutschen Pazifismus ein gelinder Irrtum entstanden. Man urteilte nach den Repräsentanten. Und man verurteilte doppelt hart das unbelehrbare deutsche Volk, das sich gegenüber allem, was pazifistisch war, so spröde verhielt. Vielleicht werden gerade jetzt die kosmopolitisch denkenden Bürger der Siegerstaaten Gelegenheit finden, hinter die Kulissen zu schauen. Und da werden sie sehen, wie mit den von ihnen hoch bewerteten Führern im eigenen Hause umgesprungen wird. Männer von Distinktion und Niveau haben es in keinem Distrikt der deutschen Politik besonders leicht. Aber was ausgerechnet im pazifistischen Lager an Verunglimpfung, Verdächtigung und Ketzerrichterei geleistet wird, das ist selbst für deutsche Verhältnisse maßlos. Ludwig Quidde hat vor ein paar Monaten in einem sehr launigen Artikel von der königlich bayerischen Behandlung erzählt, die ihm in Stadelheim widerfahren war. In diesem tapferen und liebenswürdigen alten Herrn knistert nicht ein Fünkchen Rachsucht. Er würde sonst einen zweiten Artikel schreiben über die Erlebnisse in seiner eigenen Organisation. Der Oberaufseher in diesem pazifistischen Stadelheim ist Herr Kurt Hiller.

III

Alljährlich im Herbst findet ein deutscher Pazifistenkongreß statt. Diese Veranstaltung dient vornehmlich der körperlichen Ertüchtigung der Teilnehmer. Es ist halt schwierig, ein ganzes Jahr hindurch ununterbrochen Friedensmensch zu sein. Schließlich müssen doch wenigstens einmal jährlich die bellikosen Staubecken entleert werden. Einmal im Jahr muß auch der prinzipienfesteste Antimilitarist die leider Gottes immer fortwuchernde militaristische Darmfauna fortspülen. So kommt es, daß diese Kongresse ausgeprägt den turbulierenden Instinkten dienen. Sie sind ein ungeheures Blutbad, eine massenweise Absäbelung von Führerköpfen. Ein Sperrfeuer von Anklagen, Bezichtigungen, Mißtrauensvoten. Der in Paris geschätzte Herr von Gerlach wird in Berlin als Verräter behandelt, als schwachköpfiger Opportunist, wird demoliert. Herr Hiller schwingt den tintentriefenden Tomahawk; er ruft zum heiligen Krieg gegen die Zweifler an seiner Autorität – ein Pobjedonozew der Friedensbewegung. Er sagt Menschheit und meint Stuhlbein.

... und wenn man sich genug ertüchtigt hat, geht man wieder nach Hause und ist ein ganzes Jahr friedlich. Die Rachegeister legen sich vollgesogen zur Ruhe. Der Philosoph der Langweiligkeit versinkt im gewohnten Tran.

IV

Der Pazifismus Herriots und MacDonalds ist politisch, das heißt real fundiert, beweglich und deshalb auch bewegend. Er arbeitet mit den Mitteln der Politik. Der deutsche Pazifismus war immer illusionär, verschwärmt, gesinnungsbesessen, argwöhnisch gegenüber den Mitteln der Politik, argwöhnisch gegen die Führer, die sich dieser Mittel bedienten. Er war Weltanschauung, Religion, Dogmatik, ohne daß sich etwas davon jemals in Energie umgesetzt hätte. Deshalb mochte es ihm zwar gelegentlich gelingen, ein paar Parolen populär zu machen, Versammlungserfolge zu erzielen, organisatorisch hat er niemals die Massen erfaßt. Das Volk blieb immer beiseite. Der organisierte Pazifismus blieb immer eine sehr rechtgläubige Sekte ohne federnde Kraft, eine etwas esoterische Angelegenheit, an der die Politik vorüberging, wie sie die Politik ignorierte.

Es ist wahrscheinlich das Schicksal der Bewegung gewesen, daß ihr Ausgangspunkt war der larmoyante Roman einer sehr feinfühligen und sehr weltfremden Frau. Das übergewöhnliche und reine Wollen der Suttner in allen Ehren, aber sie fand für die Idee keine stärkere Ausdrucksform als die Wehleidigkeit. Sie kämpfte mit Weihwasser gegen Kanonen, sie adorierte mit rührender Kindlichkeit Verträge und Institutionen – eine Priesterin des Gemütes, die den Königen und Staatsmännern ins Gewissen redete und die halbe Aufgabe als gelöst ansah, wenn sie freundlicher Zustimmung begegnete. Und wer konnte dieser milden, gütigen Dame anders begegnen? Wie so viele Frauen, die aus reiner Weiberseele für die Verwirklichung eines Gedankens kämpfen, der männliche Spannkraft und ungetrübten Tatsachenblick erfordert, glitt sie ins Chimärische, glaubte, bekehrt zu haben, wo sie ein paar Krokodilstränen entlockt hatte, blieb sie im Äußerlichen haften, anstatt bis zum Sinn vorzustoßen, und streifte sie in der Art, sich zu geben, da ihr die prägnante Form mangelte, schließlich den Kitsch. So war um die »Friedensbertha« allmählich ein sanftes Aroma von Lächerlichkeit, und dieses Aroma ist der deutschen Friedensbewegung unglücklicherweise geblieben bis zum heutigen Tag. Und es hat nach außen hin so stark gewirkt, daß auch die tüchtigsten und bedeutendsten Männer es nicht haben beseitigen können. Der Pazifismus trag für die Menge stets das Cachet des Exklusiven, ärger noch, des Unmännlichen.

Dabei ist die Methode des sanften Girrens um die Gunst der Großen längst vorüber. Die Sentimentalität von einst ist robustem Deklamatorentum gewichen, die freundliche Predigt der Suttner den haßerfüllten Expektorationen wilder Männer. Dazu sind gestoßen Fanatiker und Sektierer aller Art, Projektenmacher mit dem Kardinalrezept für alle Weltübel, Allerweltsreformer, die das Fleisch verabscheuen, infolgedessen auch Muskelkraft und alles Maskuline überhaupt; sie zeugen ihre Kinder, wenn es schon mal nicht anders geht, dann wenigstens mit ausgesprochener Unlust, und möchten die ganze Menschheit am liebsten auf Kohlrabi-Diät festlegen. Die Politiker sind zwischen Querulanten und wunderlichen Heiligen in der Minderzahl. Sie haben das Ihrige getan, aber es ist ihnen bisher nicht gelungen, die Bewegung als solche an den Realitäten zu orientieren.

V

Und da gerade liegt das Entscheidende: der Pazifismus muß politisch werden und nur politisch. Die notwendigste Idee unserer Zeit darf nicht zum Steckenpferd kleiner Prinzipienjockeys werden. Der Weg zum Volk muß gefunden werden, damit das deutsche Volk endlich wieder den Weg zu den Völkern findet. Ein Beweis auch für die Schwerfälligkeit, für den Mangel an Aktualitätsgefühl bei den Einberufern des Kongresses die überladene, grausam theoretisch befrachtete Tagesordnung. Paneuropa, Schulreform, Wesentliches und Unwesentliches bunt durcheinander.

Ich verkenne bei aller kritischen Einstellung nicht, was dennoch von pazifistischer Seite bisher geleistet wurde. Der stellenweise Durchbruch der deutschen Selbstzernierung in den letzten Jahren, er bleibt das Verdienst von Persönlichkeiten wie Quidde, Gerlach, Keßler. Kein vernünftiger Mensch zweifelt daran, daß Deutschlands Anschluß an die demokratische Welt nur erfolgen kann im Zeichen des Pazifismus. Das heißt aber auch, den Geist dieser Bewegung fähig zu machen zu dieser Aufgabe.

Das alles mag für einen Gruß an eine Sache, die man liebt, etwas kratzbürstig klingen. Ich habe als Pazifist zu Pazifisten gesprochen, getrieben von dem Wunsch, beizutragen zur endgültigen Freimachung der Kräfte, die diese wirklich erhabene Sache zu ihrem Siege braucht. Und diese Kräfte sind heute noch gehemmt durch schädliches und lächerliches Beiwerk und durch die Überbleibsel einer Vergangenheit, gestorben an dem Tage, da der große Krieg begann.

(Das Tage-Buch, 4. Oktober 1924)

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