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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.

Wie sie ihr Köpfchen dreht und nickt!
Die Feder wallt – 's ist eine Freude!
Hast je du solche Dirn erblickt,
Freund, auf der grünen Haide?

Allan Cunningham.

 

»Ah, da sind einige herrliche französische Vignettes,« rief Opportunity, auf den Tisch zueilend, wo einige mittelmäßige kolorirte Kupferstiche lagen, welche die Kardinaltugenden unter der Gestalt flitterhafter weiblicher Schönheiten darstellen sollten. Die Bilder waren französische Arbeit und hatten französische Unterschriften. Nun verstand Opportunity gerade französisch genug, um letztere trotz ihrer Einfachheit so schlecht zu übersetzen, als es nur möglich war.

»La vertu!« rief Opportunity in hoher, entschiedener Weise, als ob sie sich einer Zuhörerschaft versichern wollte, »die Kraft; la solitude« – sie sprach das letztere Wort mit einem verzweifelt englischen Accent aus, »die Einöde; la charitè, die Barmherzigkeit. Es ist in der That entzückend, Mary, wie Sarah Soothings sagen würde, solchen Lichtfunken des Geschmackes in unserer Wildniß zu begegnen.«

Ich wunderte mich, wer zum Henker »Sarah Soothings« sein mochte, erfuhr aber später, daß dieß der nom de guerre einer weiblichen Journalistin war, welche wahrscheinlich, so einfältig sie auch sonst sein mochte, es in ihrer Einfalt doch gewiß nie so weit trieb, um sich Phrasen zu Schulden kommen zu lassen, wie ich sie eben aus Opportunity's Munde gehört hatte. Was das la charitè und das la vertu betraf, so überraschte mich dieß nicht im Mindesten, denn der Spottvogel Martha hatte sich oft über die Tours de force dieser jungen Dame im Französischen lustig gemacht. Ich erinnere mich, daß sie mir bei einer Gelegenheit schrieb, Opportunity habe sagen wollen: j'ai été admise; statt übrigens dieß in ihrer guten Muttersprache mit dem Worte »ich bin vorgekommen«, auszudrücken, was wohl am besten gewesen wäre, habe sie sich bis zu der schönen Phrase, » je suis venu pour« verstiegen.

Mary lächelte, denn sie begriff vollkommen den Unterschied, den hier die Ausdrücke la solitude und Einöde u. s. w. hatten, sagte aber nichts. Ich muß gestehen, daß ich so unbesonnen war, gleichfalls zu lächeln, obschon dieß eben nichts zu sagen hatte, da Opportunity's Rücken uns zugekehrt war. Die wechselseitigen Anzeichen des Verständnisses aber, welche unsern Augen entwischten, leiteten eine Art von Verkehr ein, der, wenigstens für mich, ungemein angenehm war.

Nachdem Opportunity dem Eigenthümer des fremden Gesichts, den sie beim Eintritt kaum eines Blicks gewürdigt, ihre Fertigkeit im Französischen gezeigt hatte, drehte sie sich, um ihn besser zu beaugenscheinigen. Ich habe Grund zu glauben, daß mein Aeußeres keinen sehr günstigen Eindruck auf sie machte, denn sie schüttelte den Kopf, holte sich einen Stuhl, nahm in sehr unzierlicher Weise darauf Platz und begann ihre Neuigkeiten auszukramen, ohne auch nur im mindesten auf meine Anwesenheit zu achten oder auf die Wünsche und den Geschmack ihrer Begleiter Rücksicht zu nehmen. Ihr Accent, ihr scharfes, stoßendes Organ, und der schrille Ton, in welchem sie sich vernehmen ließ – alles Dieß beleidigte in hohem Grade mein Ohr, welches in der alten Welt, namentlich bei Frauenzimmern, an etwas ganz Anderes gewöhnt worden war; denn ich gestehe, daß ich zu Denjenigen gehöre, welche bei Frauen in einer ruhigen, anmuthigen Aussprache einen weit größeren Zauber finden, als sogar in ihrer Schönheit. Die Wirkung ist nachhaltiger und scheint in unmittelbarer Verbindung mit dem Charakter zu stehen. Mary Warren sprach nicht nur wie eine Dame, die an gute Gesellschaft gewöhnt ist, sondern auch die Modulationen ihrer schon von Natur auffallend schönen Stimme waren gleichförmig und angenehm, wie man es gewöhnlich bei gebildeten Frauen trifft; von der schnarrenden, unsicheren, bald schnellen, bald gedehnten Redeweise Opportunitys war hier nicht entfernt etwas zu bemerken. Vielleicht bekundet in diesem Zeitalter eines freien zwanglosen und nachlässigen Benehmens nichts so nachdrücklich die Bildung beider Geschlechter, als eben die Sprache.

»Sen kann Jedermanns Geduld erschöpfen!« rief Opportunity. »Wir müssen in einer halben Stunde Troy verlassen, und ich sollte noch Miß Jones, Miß White, Miß Black, Miß Green, Miß Brown und drei oder vier Andere besuchen. Aber ich kann ihn nicht dazu bringen, daß er sich in meiner Nähe blicken läßt.«

»Warum geht Ihr nicht allein?« fragte Mary ruhig. »Nach zweien oder dreien dieser Häuser habt Ihr nur einen Schritt, und Ihr könnt Euch unmöglich verirren. Doch wenn Ihr es wünscht, will ich Euch begleiten.«

»Oh, ich mich verirren? Nein, wahrhaftig nicht – da kenne ich mich zu gut aus. Ich bin nicht in Troy erzogen worden, um seine Straßen so bald wieder zu vergessen. Aber es nimmt sich so sonderbar aus, wenn man eine junge Lady ohne einen Beau in der Straße gehen sieht. In Gesellschaften möchte ich nicht einmal durch ein Zimmer gehen ohne einen Beau, geschweige über eine Straße. Nein, wenn Sen nicht bald kommt, werde ich keine von meinen Freundinnen besuchen können, und dieß ist eine verzweifelte Geschichte für uns Alle. Aber da läßt sich nichts ändern. Ohne Beau gehe ich nicht aus, und wenn ich keine davon je wieder zu sehen kriege.«

»Wollt Ihr vielleicht mit mir vorlieb nehmen, Miß Opportunity?« fragte Mr. Warren. »Ich mache mir ein Vergnügen daraus, Euch einen Dienst zu erweisen.«

»Herr im Himmel, Mr. Warren, Ihr werdet Euch doch nicht in Eurer Lebenszeit für einen Beau aufthun wollen? Jedermann müßte sehen, daß Ihr ein Geistlicher seid, und ich könnte eben so gut allein gehen. Nein, wenn Sen sich nicht bald blicken läßt, so komme ich um meine Visiten, und ich weiß, die jungen Ladies werden mir sehr bös darüber werden. Araminta Maria schrieb mir auf die dringlichste Weise, ich solle ja nie durch Tory gehen, ohne bei ihr einzukehren, und wenn ich auch sonst keine andere sterbliche Seele besuche; und Katharine Clotilda hat mir zu verstehen gegeben, sie werde mir es nie verzeihen, wenn ich an ihrer Thüre vorbei gehe. Aber Seneka kümmert sich eben so wenig um die Freundschaft junger Ladies, als um den jungen Patroon. Wahrhaftig, Mr. Warren, ich glaube, Sen wird zuletzt noch verrückt, wenn die Antirenters nicht bald ihre Sache durchsetzen, denn er denkt und spricht vom Morgen bis in die Nacht hinein von nichts, als von ›Renten‹, von ›Aristokratie‹ und von ›Futteralbräuchen‹.«

Wir Alle lächelten über diesen kleinen Mißgriff der edlen Jungfrau; aber die Sache war von keinem großen Belang, denn wahrscheinlich verstund sie so viel davon, wie die meisten Andern, welche sich desselben Ausdrucks bedienen, obschon sie ihn richtiger buchstabiren. Das Wort ›Futteralbräuche‹ ist auf was immer für ein Verhältniß in Amerika eben so gut anwendbar, als ›Feudal-Bräuche‹.

»Euer Bruder beschäftigt sich also mit einer Angelegenheit, welche für die Gemeinschaft, zu der er gehört, von der größten Wichtigkeit ist,« entgegnete der Geistliche ernst. »Von dem Ausgang dieser Antirentenfrage hängt meinem Urtheil nach zum großen Theil der künftige Charakter und die künftige Bestimmung New-Yorks ab.«

»Ihr setzt mich in Erstaunen! Ich bin ganz überrascht, Euch so sprechen zu hören, Mr. Warren; denn im Allgemeinen hat man von Euch die Ansicht, daß Ihr der Bewegung abgeneigt seiet. Sen sagt übrigens, daß Alles gut stehe, und er glaubt, daß durch den ganzen Staat die Pächter in ehester Bälde zu ihren Ländereien kommen werden. Wie er mir mittheilt, werden wir diesen Sommer auch in Ravensnest Inschens genug kriegen. Die Ankunft der alten Mistreß Littlepage hat einen Geist geweckt, der sich nicht leicht dämmen lassen wird, sagte er.«

»Und warum sollte der Umstand, daß Mistreß Littlepage das Haus ihres Enkels und die Wohnung besucht, welche von ihrem Gatten gebaut wurde, und in dem sie die glücklichsten Tage ihres Lebens zubrachte, bei was immer für einem Bewohner dieses Landestheils einen ›Geist‹ wecken, wie Ihr es nennt?«

»O, Ihr seid bischöflich, Mr. Warren, und wir Alle wissen wohl, wie die Bischöflichen über derartige Sachen denken. Aber was mich betrifft, so halte ich die Littlepage's für um kein Haar besser, als die Newcome's, obschon ich sie nicht mit Einigen vergleichen möchte, die ich zu Ravensnest namhaft machen könnte. Meiner Ansicht nach sind sie keines Falls besser, als Ihr, und warum gestattet man ihnen, daß sie so viel mehr von dem Gesetz verlangen, als andere Leute?«

»Ich wüßte nicht, daß sie mehr vom Gesetz verlangen, als Andere, und wenn es der Fall wäre, so bin ich überzeugt, daß sie weniger erhalten. In den Staaten wird das Gesetz durch Geschworene verwaltet, welche eifrig Sorge dafür tragen, so weit es in ihrer Macht steht, der Gerechtigkeit Abstufungen zu geben, und dabei bedienen sie sich eines Maaßstabs, der durch ihre Meinungen und sehr oft durch ihre Vorurtheile bestimmt wird. Namentlich sind sie Personen aus der Rangklasse von Mistreß Littlepage nicht günstig, und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, ihnen ein Leides anzuthun, so darf man mit Sicherheit darauf zählen, daß man diese nicht ungenützt vorübergehen läßt.«

»Sen sagt, er könne eben so wenig einen Grund einsehen, warum er an einen Littlepage Renten zahlen solle, als ein Littlepage an ihn Renten zu entrichten geneigt sein werde.«

»Es thut mir leid, dieß hören zu müssen, denn für Ersteres sind zureichende Gründe, für Letzteres aber gar keine vorhanden. Euer Bruder hat die Nutznießung von dem Lande des Mr. Littlepage, und dieß erklärt hinreichend, warum er zum Rentenzahlen verpflichtet ist. Wäre der Fall umgekehrt, so würde Mr. Littlepage von Eurem Bruder auch nichts geschenkt werden.«

»Aber welcher Grund wäre vorhanden, daß diese Littlepage's von Generation zu Generation, vom Vater auf den Sohn, unsere Grundherren sein sollen, während wir doch eben so gut sind, wie sie? Es ist Zeit, daß in dieser Beziehung ein Wechsel eintritt. Außerdem, bedenkt nur, wir sind nun wohl an achtzig Jahre auf den Mühlen gewesen, und der Großpa hat sich zuerst darauf angesiedelt. Dieselbigen Mühlen haben sich nun schon drei Generationen unter uns fortgeerbt.«

»Es ist deßhalb hohe Zeit, Opportunity, daß in dieser Hinsicht ein Wechsel eintrete,« entgegnete Mary mit einem gesetzten Lächeln.

»O, Ihr seid so vertraut mit Marthy Littlepage, daß ich mich über nichts wundere, was Ihr denkt oder sagt. Grund bleibt aber gleichwohl Grund. Ich habe nicht das Mindeste von der Welt gegen den jungen Hugh Littlepage einzuwenden, wenn ihn anders die fremden Länder nicht verderbt haben, wie dieß so verzweifelt leicht zu gehen pflegt; denn er ist ein angenehmer junger Gentleman, und ich kann nicht sagen, daß er sich für besser als andere Leute zu halten pflegte.«

»Ich möchte behaupten, daß man keinem Mitglied dieser Familie einen solchen Vorwurf machen kann,« antwortete Mary.

»Ich bin in der That erstaunt, Euch so sprechen zu hören, Mary Warren. Für meinen Geschmack ist Marthy Littlepage so unangenehm, als sie nur sein kann, und wenn die Antirenten-Geschichte keinen besseren Widersacher hätte, als sie, so dürfte der endliche Triumph nicht mehr lange ausbleiben.«

»Darf ich fragen, welchen besonderen Grund Ihr für Eure Ansicht habt, Miß Newcome?« fragte Mr. Warren, welcher die junge Dame während ihres ganzen Gespräch mit einem Interesse ins Auge gefaßt hatte, das mir etwas übertrieben vorkam, wenn ich dabei den Charakter der Sprecherin und den Werth ihrer Bemerkungen bedachte.

»Ich bin dieser Ansicht, weil sie die Ansicht von Jedermann ist, Mr. Warren,« lautete die Antwort. »Wenn sich Marthy Littlepage nicht für besser hielte, als andere Leute, warum benimmt sie sich nicht, wie Andere? In ihrem Dünkel ist ihr nichts gut genug.«

Die arme kleine Patt, welche ein wahres Musterbild von natürlicher Einfachheit war, wie Natur und Einfachheit sich unter dem Einfluß der Bildung und guten Erziehung kund geben, wurde hier beschuldigt, sie halte sich für besser, als diese ehrgeizige Dame, und zwar aus keinem andern Grunde, als weil die kleinen unterscheidenden Eigenthümlichkeiten ihres Benehmens und ihrer Haltung trotz mehrerer vergeblicher Anstrengungen von Opportunity nicht erreicht werden konnten. In dieser einfachen Thatsache liegt das Geheimniß vieler tausend Verkehrtheiten und Laster, die gegenwärtig wie brüllende Löwen Land auf und Land ab gehen, suchend, wen sie verschlingen. Man forscht oft in der Gesetzgebung und Staatseinrichtung nach den Quellen augenfälliger Gebrechen, welche, wenn man der Sache auf den Grund geht, ihren Ursprung in einigen der niedrigsten Leidenschaften des menschlichen Lebens haben. Der Umstand übrigens, daß in diesem Augenblick Seneka eintrat, gab dem Gespräch eine neue Wendung, obschon es der Hauptsache nach in gleichem Sinne fortdauerte. Ich bemerkte, daß Seneka während der ganzen nun folgenden Unterredung den Hut aus dem Kopf behielt, obschon zwei Damen und ein Geistlicher anwesend waren. Was mich selbst betraf, so hatte ich mir die Freiheit erlaubt, meine Mütze abzunehmen, obschon mir dieß wahrscheinlich von Vielen dahin gedeutet worden wäre, daß ich mir ein Ansehen geben wolle, während Andere geglaubt haben würden, ich bekunde gegen menschliche Wesen einen Grad von Achtung, der eines freien Mannes völlig unwürdig sei. Das Abnehmen eines Hutes, wenn man in ein Haus geht, gilt jetzt für so befremdlich und aristokratisch, daß nur wenige von den niedriger stehenden Demokraten Amerika's daran denken, sich also herabzuwürdigen.

Natürlich wurde nun der säumige Bruder gescholten, weil er nicht früher erschienen war, um Miß Opportunity als Beau dienen zu können, und erst dann erhielt er die Erlaubniß, sich verantworten zu dürfen. Da Seneka in hoher guter Laune war, ließ sich leicht genug entdecken, da er im Uebermaaß seines Entzückens sogar die Hände rieb.

»Sen ist etwas Angenehmes zugestoßen,« rief die Schwester, in der Aussicht, daß auch ihr Etwas, davon abfallen werde, den Mund zu einem breiten Grinsen verziehend. »Ich wollte, Ihr brächtet ihn dazu, uns zu sagen, um was es sich handelt, Mary, denn vor Euch hält er nichts zurück.«

Ich kann kaum beschreiben, wie verletzend diese Bemerkung auf meine Nerven wirkte; denn der Gedanke, daß Mary Warren einwilligen könnte, über einen Menschen, wie Seneka Newcome, auch nur den entferntesten Einfluß zu üben, war mir im höchsten Grade unangenehm, und ich hätte gewünscht, daß sie das Ansinnen offen und mit Entrüstung zurückwiese. Sie benahm sich übrigens, wie dieß von einer Person, die an dergleichen gewöhnt ist, zu erwarten war. Ich muß sagen, daß sie weder Wohlgefallen noch Mißvergnügen an den Tag legte, da sich in ihrem ganzen Wesen nur kalte Gleichgültigkeit aussprach. Vielleicht hätte ich damit zufrieden sein sollen; indeß muß ich doch gestehen, daß mir dieß schwer wurde. Seneka wartete übrigens nicht, bis Miß Warren ihren Einfluß üben wollte, sondern war augenscheinlich vollkommen geneigt, aus eigenem Antrieb zu sprechen.

»Ich muß allerdings einräumen, daß ich etwas Angenehmes in Erfahrung gebracht habe,« entgegnete er, »und ich brauche gegen Mr. Warren keine Rückhaltung zu beobachten. Unter uns Antirenters geht es herrlich vorwärts, und es wird nicht mehr lange anstehen, bis wir alle unsere Punkte durchgesetzt haben.«

»Ich wünschte, mich der Ueberzeugung erfreuen zu dürfen, daß nur diejenigen Punkte durchgesetzt werden, welche ein Recht für sich haben, Mr. Newcome,« lautete die Antwort. »Doch was hat sich in der letzten Zeit zugetragen, um der Angelegenheit eine neue Wendung zu geben?«

»Wir gewinnen Macht unter den Politikern. Beide Seiten fangen an, uns den Hof zu machen, und der ›Geist der Institutionen‹ wird sich bald Achtung verschaffen.«

»Ich freue mich, dieß zu hören! Es liegt in der Absicht der Institutionen, Habgier, Lieblosigkeit, Betrug und alles Unrecht zu unterdrücken,« bemerkte Mr. Warren.

»Ha, da kömmt mein Freund, der reisende Juwelier!« sagte Seneka, den Geistlichen unterbrechend, um meinen Onkel zu grüßen, der sich diesen Augenblick, die Mütze in der Hand, unter der Thüre des Zimmers zeigte. »Herein, Mr. Davidson, wenn Ihr so heißt. Seine Ehrwürden, Mr. Warren, – Miß Mary Warren, – Miß Opportunity Newcome, meine Schwester, die sich freuen wird, Eure Waaren anzusehen. Der Eisenbahnzug ist wegen eines besondern Geschäfts aufgehalten, und wir haben noch reichlich Zeit vor uns.«

Seneka sagte dieß mit einer Ruhe und Gleichgültigkeit, welche zeigen sollten, daß er nirgends Anstand nahm, wenn es sich darum handelte, Jemand vorzustellen.

Da mein Onkel an dieses freie und seichte Wesen gewöhnt und wahrscheinlich sich nicht bewußt war, welche Figur er in seiner Verkleidung machte, so verbeugte er sich mit einem Anstande, der nur schlecht zu seinem gegenwärtigen Berufe paßte, obschon meine vorläufige Erklärung, daß wir uns früher in bessern Umständen befunden hätten, sein Benehmen nicht allzu ausfallend erscheinen ließ.

»Nur herein, Mr. Davidson, und öffnet Euren Kasten. Wahrscheinlich gefällt meiner Schwester Einiges von Euren Schmucksachen, denn ich habe noch nie ein Frauenzimmer gekannt, bei welcher dieß nicht der Fall gewesen wäre.«

Der vermeintliche Hausirer trat ein, stellte seine Kiste auf den Tisch, in dessen Nähe ich mich befand, und alle Anwesenden sammelten sich darum. Weder Seneka noch seine Schwester hatten sonderlich auf mich geachtet, da das Zimmer ein öffentliches und meine Verwandtschaft mit dem Handelsmann bekannt war. Seneka war aber seines Gegenstandes zu voll, um die gute Neuigkeit, die er gebracht hatte, ganz fallen zu lassen, weßhalb er sich auch durch die Musterung, welche die Uhren, Ringe, Ketten, Vorstecknadeln, Armbänder u. s. w. erlitten, nicht stören ließ.

»Ja, Mr. Warren, ich hoffe, der Geist unserer Institutionen wird jetzt zu seiner völligen Entwicklung kommen, so daß wir künftighin im Staate New-York wenigstens keine privilegirte Klasse mehr haben.«

»Letzteres wäre sicherlich ein großer Gewinn, Sir,« versetzte der Geistliche gelassen; »denn bisher haben Die, welche die Wahrheit am meisten unterdrückten, und die gröbsten, lügnerischen Schmeicheleien in Umlauf setzten, in Amerika ungebührliche Vortheile besessen.«

Es war augenfällig genug, daß Seneka diese Ansicht nicht behagte; indeß glaubte ich aus seinem Benehmen wahrnehmen zu können, daß er so ziemlich an dergleichen Zurechtweisungen von Seiten des Geistlichen gewöhnt war.

»Ich sehe wohl, Ihr räumt ein, Mr. Warren, daß es gegenwärtig privilegirte Klassen unter uns gibt

»Gewiß, Sir, denn die Thatsache ist zu augenfällig, um sich in Abrede ziehen zu lassen.«

»Gut; aber es wäre mir lieb, wenn Ihr dieselben namhaft machtet, damit ich sehen kann, ob wir in unseren Gesinnungen einig sind.«

»Die Demagogen bilden eine hochprivilegirte Klasse, und ein Gleiches läßt sich von den Zeitungsschreibern behaupten, denn sie thun täglich und stündlich Dinge, welche aller Gerechtigkeit und allem Gesetz Trotz bieten; ja es geht ihnen vollkommen ungestraft hin, wenn sie die kostbarsten Rechte ihrer Mitbürger antasten. Beide besitzen eine ungeheure Gewalt, von der sie, wie es stets bei mangelnder Verantwortlichkeit der Fall ist, den schlimmsten Mißbrauch machen.«

»Nein, dieß ist durchaus nicht die Art, wie ich denke. Meinem Urtheil nach bestehen die privilegirten Klassen dieses Landes aus den Patroonen und Grundherren – aus Leuten, die sich nicht mit einem angemessenen Theil Landes begnügen, sondern mehr zu besitzen wünschen, als ihre übrigen Nebenmenschen.«

»Ich wüßte kein einziges Privilegium, welches die Patroone, die, beiläufig bemerkt, nur noch dem Namen nach bestehen, oder die Grundbesitzer vor was immer für einem Mitbürger voraus hätten.«

»Nennt Ihr es kein Privilegium, wenn ein einziger Mensch alles Land einer Stadtmarkung besitzt? Meiner Ansicht nach wenigstens ist es ein sehr großes, und in einem freien Lande sollte es Niemand besitzen. Andere Leute wollen eben so gut Boden haben, wie die Rensselaers und Littlepage's, und sie werden es auch durchzusetzen wissen.«

»Diesem Grundsatz nach wäre Jeder, der mehr von einer Sache besitzt, als sein Nachbar, privilegirt, und sogar ich, so arm ich auch bin, hätte ein Vorrecht vor Euch, Mr. Newcome. Ich besitze einen Kirchenrock und noch zwei andere Amtskleidungen, eine alte und eine neue – dazu noch unterschiedliche, ähnliche Dinge, von denen Ihr auch nicht ein einziges habt. Ja, was noch mehr ist, ich bin auch noch in einem andern Sinn privilegirt, da ich die Kleidung meines geistlichen Amtes tragen kann und sogar oft trage, während dieß bei Euch nicht anginge, ohne daß Ihr Euch lächerlich machtet!«

»Oh, dieß sind keine Privilegien, um die ich mich kümmere, und wenn ich die Geschichten anlegen wollte, so würde mich kein Gesetz hindern.«

»Ich bitte um Verzeihung, Mr. Newcome, das Gesetz hindert Euch doch, meine Amtskleidung zu tragen, wenn ich es mir nicht gefallen lassen will.«

»Oh! schon gut, Mr. Warren, hierüber kriegen wir keine Händel. Es gelüstet mich durchaus nicht, Euren Kirchenrock zu tragen.«

»Oh, ich verstehe; nur dann besitze ich also ein Privilegium, wenn mir das Gesetz Dinge läßt, nach denen es Euch gelüstet

»Ich fürchte, wir werden in dieser Antirenten-Sache nie einig werden, Mr. Warren, und dieß thut mir wahrhaft leid, da ich so gar gerne mit Euch gleicher Ansicht sein möchte.« Bei diesen Worten warf er Mary einen höchst profanen Blick zu. »Ich bin übrigens für das Prinzip der Bewegung, und Ihr haltet allzu fest an der Doktrin des Stillstands.«

»Allerdings halte ich es lieber mit dem Bestehenden, Mr. Newcome, wenn unter Fortschritt verstanden wird, daß alten und im Lande lang ansässigen Familien ihr Eigenthum genommen werden soll, um es Solchen zu geben, deren Namen sich nicht in unserer Geschichte finden. Ja, man kann es überhaupt Niemand geben, als dem rechtmäßigen Eigenthümer.«

»Wir werden nie einig werden, theurer Sir, wir werden nie einig werden.« – Dann wandte er sich mit einer Miene von Ueberlegenheit, wie sie der gemeine Sinn so leicht anzunehmen geneigt ist, an meinen Onkel und fügte bei »Was sagt Ihr zu alle dem, Freund Davidson, lautet Eure Losung: ›es lebe die Rente‹ – oder: ›nieder mit der Rente?‹«

»Ja, Myn Herr,« lautete seine ruhige Antwort, »ich zähle gewissenhaft die Rente nieder, wenn ich ein Haus oder einen Garten miethe. Es ist stets gut – sehr gut – seine Schulden zu bezahlen.«

Diese Antwort entlockte dem Geistlichen und seiner Tochter ein Lächeln, während Opportunity laut hinaus lachte.

»Du wirst aus deinem deutschen Freund nicht viel machen können, Sen,« rief diese lebhafte junge Dame. »Er sagt, du sollst es lieber mit dem Zahlen der Rente halten.«

»Ich fürchte, Mr. Davidson versteht die Sache nicht ganz recht,« antwortete Seneka in großer Verblüffung, die ihn übrigens nicht hinderte, an seiner Behauptung fest zu halten. »Wenn ich Eure Erklärung gehörig aufgefaßt habe, so seid Ihr ein Mann von liberalen Gesinnungen, Mr. Davidson, und in der Absicht nach Amerika gekommen, Euch des Lichtes der Intelligenz und der Wohlthaten einer freien Regierung zu erfreuen.«

»Ja; als ich nach Amerika zu ziehen beschloß, sagte ich zu mir selbst: ›dieß ist ein gutes Land, wo ein ehrlicher Mann kriegt, was er verdient, und es auch behalten darf.‹ Ja, ja – das ist's, was ich immer sage und denke.«

»Ich verstehe Euch, Sir. Ihr kommt von einem Theil der Welt, wo der Adel das Fett des Landes aufzehrt und des armen Mannes Antheil so gut an sich reißt, wie seinen eigenen. Jene Zustände sind Euch entleidet, und Ihr wünscht nun in einem Lande zu leben, wo das Gesetz so gleich ist, oder doch bald so gleich sein wird, daß fortan kein Bürger es soll wagen dürfen, von seinen Ländereien zu sprechen und durch solchen Hochmuth die Gefühle Derjenigen zu verletzen, welche kein großes Grundeigenthum besitzen.«

Mein Onkel erkünstelte bei dem Schluß dieser Erklärung ein so köstlich unschuldiges Verlegenheitsgesicht, daß ich mich – trotz meiner Bemühungen, es zu unterdrücken – eines Lächelns nicht erwehren konnte. Mary Warren bemerkte es, und abermals wurden zwischen uns Blicke des Verständnisses gewechselt, obgleich die junge Dame unmittelbar darauf die Augen niederschlug und ein verrätherisches Roth leicht ihr Antlitz überflog.

»Ich kann mir denken,« fuhr Seneka mit Nachdruck fort, »daß Ihr ein Freund seid von der Gleichheit der Gesetze und Rechte; denn gewiß habt Ihr in der alten Welt über die Mißstände, welche im Gefolg des Adelswesens und des Feudaldrucks sind, genügsame Erfahrungen gemacht, so daß Ihr nicht wünschen könnt, in der neuen ähnlichen Verhältnissen begegnen zu müssen.«

»Das Adelswesen und die Feudalprivilegien sind nicht gut;« erwiederte der Hausirer, indem er mit der Miene großer Abgeneigtheit den Kopf schüttelte.

»Ich wußte dieß ja. Ihr seht, Mr. Warren, Niemand kann einer andern Gesinnung Raum geben, sobald die betreffenden Erfahrungen über die Beschwernisse des Lehenssystems vorausgegangen sind.«

»Aber was haben wir mit Lehenssystemen zu schaffen, Mr. Newcome?« entgegnete der Geistliche; »und welche Aehnlichkeit findet statt zwischen den Grundsätzen New-Yorks und dem Adel Europa's – zwischen dem Recht, sein Eigenthum nach bestimmten Stipulationen verpachten zu können, und der Feudalherrlichkeit eines privilegirten Standes?«

»Welche Aehnlichkeit stattfindet? O, eine sehr große, Sir – dieß dürft Ihr mir auf's Wort glauben. Sind nicht sogar unsere Gouverneure, selbst wenn sie erbarmungslos den Bürger zum Mord des Andern auffordern – –«

»Nicht doch, Mr. Newcome,« unterbrach ihn Mary Warren lachend; »die Gouverneure fordern im Gegentheil die Bürger auf, einander nicht zu morden.«

»Ich verstehe Euch, Miß Warren; aber ihr Beide sollt mir zu Antirenters werden, noch ehe wir mit der Sache fertig sind. Wahrhaftig, Sir, die Aehnlichkeit zwischen unsern Grundbesitzern und dem europäischen Adel ist nur allzu groß, wenn die ehrenhaften, freigeborenen Pächter den Ersteren eine Steuer zahlen für die Erlaubniß, auf dem Boden zu leben, den sie bebauen und durch ihren Fleiß werthvoll machen.«

»Aber auch Leute, die nicht adelich sind, verpachten in Europa ihre Grundstücke, und ich habe sogar gehört und gelesen, daß in einigen Theilen der alten Welt selbst leibeigene Personen, sobald sie frei werden und zu Reichthum gelangen, Ländereien ankaufen und sie durch Pächter bewirthschaften lassen.«

»Alles feudal, Sir. Das ganze System ist verderblich und nur ein trauriger Auswuchs des Adelswesens, mögen nun Leibeigene oder Nichtleibeigene dabei in Frage kommen.«

»Aber, Mr. Newcome,« entgegnete Mary Warren gelassen, obschon mit einer Art gesetzter Ironie, welche bekundete, daß sie doch einige Schalkhaftigkeit in sich barg und recht wußte, was sie sagen wollte – »auch Ihr verpachtet Euer Land – Land, das Ihr selbst gepachtet habt und das Euch nicht gehört, sintemal Ihr nur durch ein mit Mr. Littlepage eingegangenes Vertragsverhältniß einen Anspruch darauf habt.«

Seneka räusperte sich und gerieth augenscheinlich in große Verlegenheit; er hatte jedoch bei dem Fortgang der Bewegung, die – selbst wenn Alles zum Teufel ging – doch zu einem Wechsel führte, zu viel auf dem Spiele, als daß er der Sache hätte entstehen können. Er wiederholte sein »Hem!« – mehr um sein Gehirn, als um seine Kehle zu klären – und rückte dann mit der glücklich gefundenen Antwort heraus, die er mit einer Art von Triumph vortrug.

»Dieß ist eben eines von den Uebeln des gegenwärtigen Systems, Miß Mary,« sagte er. »Wenn die zwei oder drei Felder, von denen Ihr sprecht, und die ich aus Mangel an Zeit nicht selbst bewirthschaften kann, mein Eigenthum wären, so befände ich mich in der Lage, sie zu verkaufen; so aber ist dieß unmöglich, weil ich nicht urkundlich ein freies Eigenthumsrecht übertragen kann. Sobald mein armer Onkel stirbt – und Ihr wißt ja selbst, er ist so weit draußen, daß er's kaum noch eine Woche treiben wird – so fällt das ganze Anwesen, Mühlen, Wirthshaus, Wald und Alles an den jungen Hugh Littlepage zurück, der – wie ich mir denken kann, und wie sich's zuletzt herausstellen wird – in Europa sein Geld verjubilirt, ohne daß für ihn selbst oder für Andere etwas Gutes dabei heraus käme. Dieß ist wieder ein weiterer Mißstand des Feudalsystems, indem Einzelne dadurch in die Lage versetzt werden, sich müssig im Ausland umzutreiben und daselbst ihr Geld zu verthun, während Andere zu Hause bleiben müssen, um den Pflug und den Karst zu handhaben.«

»Und warum glaubt Ihr, Mr. Littlepage verschwende in der Fremde seine Habe, ohne dadurch für sich selbst oder für sein Vaterland einen Vortheil zu erzielen, Mr. Newcome? Von seinem Charakter habe ich wenigstens ganz andere Dinge vernommen, und die Früchte seiner Reisen dürften aller vernünftigen Erwartung nach Eure Annahme Lügen strafen.«

»Mit dem Gelde, das er in Europa verbraucht, könnte er in Ravensnest unendlich viel Gutes wirken, Sir.«

»Ich für meinen Theil, lieber Vater, finde es sehr merkwürdig,« flocht Mary wieder in ihrer ruhigen, aber schneidenden Weise ein, »daß es keiner unserer letzten Gouverneure für passend gehalten hat, unter den Thatsachen, welche mit dem Geist unserer Institutionen im Widerspruch stehen sollen, auch diejenigen aufzuzählen, die uns eben von Mr. Newcome zum besten gegeben wurden. Es ist freilich eine schlimme Bedrückung, daß Mr. Seneka Newcome das Eigenthum des Mr. Hugh Littlepage nicht verkaufen kann.«

»Es ist weniger dieß, worüber ich mich beklage,« versetzte Seneka etwas hastig, »sondern vielmehr der Umstand, daß alle meine Anrechte an die Liegenschaften mit dem Tode meines Onkels erlöschen. Dieß wenigstens werdet sogar Ihr, Miß Mary, als eine große Beschwerniß anerkennen müssen.«

»Wenn aber unverhoffter Weise Euer Onkel dennoch seine Krankheit überstünde, und noch ein paar Dutzend Jährchen lebte, Mr. Newcome–«

»Nein, nein, Miß Mary,« antwortete Seneka mit einem melancholischen Kopfschütteln, » dieß ist absolut unmöglich. Es sollte mich nicht wundern, wenn ich ihn schon nach unserer Rückkehr todt und begraben fände.«

»Aber nehmen wir an, Ihr hättet Euch in Eurer Vermuthung wirklich getäuscht und Euer Pachtverhältniß daure fort – Ihr hättet noch immer eine Rente zu zahlen?«

»Ueber diese würde ich mich am wenigsten beschweren. Wenn mir Mr. Dunning, Littlepage's Agent, nur in kurzen Worten verspricht, daß wir den Pacht unter den alten Bedingungen erneuern können, so sage ich keine Sylbe darüber.«

»Nun, da haben wir den Beweis, daß das System seine Vortheile hat!« rief Mr. Warren heiter. »Ich freue mich, Euch so sprechen zu hören; denn es ist gewiß sehr hoch anzuschlagen, daß wir eine Klasse von Menschen unter uns haben, auf deren einfaches Versprechen in Geldangelegenheiten ein so großer Werth gesetzt wird. Hoffentlich wird ihr Beispiel nicht ganz verloren gehen.«

»Mr. Newcome hat hier ein Zugeständniß gemacht, das ich gleichfalls gerne vernehme,« fügte Mary bei, sobald ihr Vater ausgesprochen hatte. »Seine Bereitwilligkeit, sich den Pachtvertrag unter den alten Bedingungen erneuern zu lassen, ist ein Beleg, daß er sich unter den bisherigen Verhältnissen gut gestanden hat, folglich auch seinerseits eine Anerkennung dafür zu erwarten wäre. «

Diese einfachen Worte setzten Seneka in die größte Verwirrung. Was mich betrifft, so war ich entzückt über dieselben, und ich hätte den süßen schalkhaften Mund küssen mögen, der sie ausgesprochen hatte, obschon ich gestehen muß, daß mich ein solcher Schritt auch keine Ueberwindung gekostet haben würde, wenn sich ihre Lippen nicht zu Verteidigung meiner Sache geöffnet hätten. Um übrigens wieder auf Seneka zu kommen – er benahm sich, wie Leute sich zu benehmen pflegen, wenn sie fühlen, daß sie, von einem gewissen Standpunkt aus betrachtet – nicht im besten Lichte erscheinen; er gab sich nämlich Mühe in den Augen seiner Zuhörer eine andere Stellung zu gewinnen.

»Immerhin ist ein Punkt vorhanden, Mr. Warren, und ich hoffe, Ihr werdet hierin mit mir einverstanden sein, was auch Miß Mary davon halten mag,« rief er triumphirend. »Ich meine den Kirchenstuhl der Littlepage, den wir ein für allemal forthaben müssen.«

»So weit möchte ich nicht gehen, Mr. Newcome, obschon ich glaube, daß meine Tochter in Betreff dieses Punktes Eure Ansicht theilt. Nicht wahr, mein Kind, der bedachte Kirchenstuhl und die alten Wappenbilder gefallen dir eben so wenig, als dem Mr. Newcome?«

»Ich wünschte, sie wären nicht in der Kirche,« antwortete Mary mit gedämpfter Stimme.

Von diesem Augenblick an war ich fest entschlossen, beides abzuschaffen, sobald ich in die Lage käme, in dieser Angelegenheit ein Wort mitzusprechen.

»Ich bin vollkommen mit dir einverstanden, mein Kind,« nahm der Geistliche wieder auf, »und wenn diese Antirentenbewegung und die falschen Grundsätze, welche man in den letzten Jahren zu verbreiten bemüht war, nicht dazwischen getreten wären, so würde ich als Rector die Wappenbilder aus eigener Machtvollkommenheit entfernt haben, da dieß den Gesetzen gemäß, welche über dergleichen Dinge bestehen, schon vor ein paar Generationen hätte geschehen sollen. Der Kirchenstuhl hat weniger auf sich, denn er ist Privateigenthum und wurde mit der Kirche gebaut, welche unter dem Segen der heiligen Dreieinigkeit durch die Freigebigkeit der Littlepages zu Stande kam; es wäre daher ein Akt des gröbsten Undanks, wenn man unter solchen Umständen und noch obendrein in Abwesenheit des Eigenthümers den Stuhl fortschaffen wollte.«

»Ihr seid also doch der Ansicht, daß er nicht dastehen sollte?« entgegnete Seneka frohlockend.

»Ja, von ganzem Herzen; denn ich bin kein Freund von weltlichen Auszeichnungen im Hause Gottes. Namentlich scheinen mir heraldische Abzeichen sehr am unrechten Orte zu sein, wo einzig das Kreuz eine passende Stelle finden kann.«

»Ei, Mr. Warren, ich kann nicht sagen, daß ich sonderliche Stücke auf Kirchenkreuze halte. Was hilft es auch, eitle Auszeichnungsmerkmale irgend einer Art aufzurichten? Eine Kirche ist im Grund doch nur ein Haus und muß als ein solches betrachtet werden.«

»Allerdings ist es ein Haus,« entgegnete Mary mit Festigkeit, »und zwar das Haus Gottes.«

»Ja, ja, Miß Mary, wir alle wissen, daß ihr Bischöflichen weit mehr an Außendingen haftet, und denselben größere Achtung zollt, als die meisten anderen Glaubensbekenntnisse des Landes.«

»Nennt Ihr die Pachtverträge Außendinge, Mr. Newcome?« fragte Mary schalkhaft; »und gehören Uebereinkünfte, Versprechungen, Eigenthumsrechte und das Gebot, Anderen zu thun, wie man selbst behandelt zu werden wünscht, gleichfalls in diese Klasse?«

»Pah, ihr guten Leute,« rief jetzt Opportunity, die sich mittlerweile ausschließlich mit Musterung der Galanteriewaaren abgegeben hatte, »ich wünschte von ganzem Herzen, daß es mit diesen Renten für immer vorbei wäre, damit ich nur kein weiteres Wort mehr darüber hören müßte. Hier, Mary, ist eine der schönsten Bleifedern, die ich je gesehen habe, und sie kostet nur vier Dollars. Ich wollte, Seneka, du ließest mich mit deinen Renten ungeschoren und machtest mir mit dieser Bleifeder ein Geschenk.«

Da dieß ein Akt war, dessen sich Seneka nicht im geringsten schuldig zu machen beabsichtigte, so rückte er nur den Hut von der einen Seite des Kopfes nach der andern, begann zu pfeifen und verließ dann ruhig das Zimmer. Mein Onkel benützte diese Gelegenheit, um Miß Opportunity zu bitten, sie möchte ihm die Ehre erweisen, die Bleifeder aus seiner Hand als Geschenk anzunehmen.

»Dieß wird Euch doch nicht Ernst sein?« rief Opportunity, in freudiger Ueberraschung erröthend. »Ei, Ihr habt mir eben erst gesagt, die Feder koste vier Dollars, und auch dieß scheint mir noch verzweifelt wenig zu sein.«

»Dieß ist der Preis für andere,« versetzte der galante Hausirer, »aber nicht für Euch, Miß Opportunity. Wir machen die Reise mit einander, und wann wir in Eure Gegend kommen, habt Ihr die Güte, mir die Häuser namhaft zu machen, wo ich meine Uhren und Galanteriewaaren am besten verkaufen kann.«

»Ja, dieß will ich – und ich will Euch obendrein in's Nesthaus bringen,« erwiederte Opportunity, indem sie ohne weitere Umstände die Bleifeder in die Tasche steckte.

Mittlerweile hatte mein Onkel ein sehr hübsches Petschaft – das schönste, welches er besaß, denn es war von reinem Metall und hatte einen ächten Topas zur Siegelplatte – ausgelesen und bot es mit seiner besten Verbeugung Miß Mary Warren an. Ich beobachtete auf's angelegentlichste das Gesicht der Pfarrerstochter, und die Art, wie sie diese Galanterie ausnahm, zwischen Zweifel und Hoffen jeden Wechsel ihrer schönen, geistvollen Züge verfolgend. Mary erröthete, lächelte und schien in Verlegenheit zu gerathen. Einen Augenblick besorgte ich, daß sie nicht recht wisse, was sie thun solle; aber ich mußte mich wohl getäuscht haben, denn sie trat zurück und lehnte in der holdseligsten Weise von der Welt das Geschenk ab. Ich bemerkte wohl, daß der Vorgang Opportunity's, welche sich so ganz anders benommen hatte, sie in große Verwirrung setzte, da sie sonst vielleicht etwas gesagt haben würde, was geeignet gewesen wäre, das scheinbar Verletzende in ihrer Weigerung zu mildern. Glücklicherweise hatte sie's übrigens mit einem Mann von Bildung zu thun, den sie freilich hinter der angenommenen Maske meines Onkels nicht vermuthen konnte. Ich muß hier bemerken, daß Onkel Ro zur Zeit, als er das erwähnte Anerbieten machte, weder den Charakter des Geistlichen, noch den seiner Tochter kannte, sondern im Gegentheil nicht einmal wußte, er habe den Rektor von Saint-Andrew's zu Ravensnest vor sich. Die Art übrigens, wie ihn Mary mit einem Male von dem Irrthume heilte, in den er durch den Umstand verleitet worden war, daß sie Opportunity zur Gesellschafterin hatte – bewog ihn, sich mit vollendetem Takt zurückzuziehen, und sich auf eine Weise zu entschuldigen, daß ich fürchtete, es möchte dadurch seine Verkleidung verrathen werden. Meine Besorgniß war übrigens vergeblich gewesen, und Mr. Warren gab jetzt der Sache eine andere Wendung. Mit unverwüstlicher Einfachheit und einem Lächeln, welches in gleicher Weise seine Zufriedenheit über das Benehmen seiner Tochter wie eine dankbare Anerkennung der beabsichtigten Freigebigkeit an den Tag legte, kehrte er sich gegen mich und bat mich, ein Stückchen zu blasen; denn ich hatte meine Flöte aus der Tasche gezogen, und hielt sie jetzt in der Hand, als erwarte ich eine derartige Einladung.

Wenn ich mir einige Geschicklichkeit nachrühmen kann, so dürfte diese in einer gewissen musikalischen Fertigkeit liegen, und namentlich verstehe ich mich gut auf die Behandlung der Flöte. Bei gedachter Aufforderung that ich keineswegs spröde, sondern spielte einige Kompositionen trefflicher Meister mit so viel Sorgfalt, als ob ich mich in einem der ersten Pariser Salons hören ließe. Es entging mir nicht, daß Mary und ihr Vater über mein Spiel höchlich überrascht waren, während sich noch außerdem in den Zügen der ersteren ein Ausdruck gefühlvollen Entzückens erkennen ließ. So unterhielten wir uns ein Viertelstündchen aufs angenehmste – eine Frist, die wohl länger gewährt haben würde, wenn nicht jetzt Miß Opportunity Gelegenheit. – die ihren Namen gewiß nicht mit Unrecht führte, da sie bei jeder Gelegenheit zur Hand war – aus freien Stücken zu singen begonnen hätte, nachdem zuvor von ihrer Seite die Einladung an Miß Mary ergangen war, sie zu accompagniren. Letztere lehnte übrigens das Ansinnen einer derartigen, öffentlichen Schaustellung mit demselben Takte ab, den sie bei Ablehnung des Geschenks meines Onkels an den Tag gelegt hatte, und Seneka's Schwester mußte deßhalb allein ihre Geschicklichkeit entfalten, was sie denn auch mit großem Eifer that, indem sie unaufgefordert und in rascher Reihenfolge drei Arien nach einander sang. Ich will mich nicht mit einer Kritik ihres musikalischen Talents oder der vorgetragenen Poesien aufhalten, sondern hier nur bemerken, daß letztere insgesammt mehr oder weniger der Schule Jim Crows angehörten und der Vortrag mit ihrem dichterischen Werthe in schönster Harmonie stand.

Da wir alle mit dem nämlichen Eisenbahnzug abzureisen gedachten, so blieben wir beisammen, bis das Aufbruchsignal ertönte, obschon auch dieses unserem geselligen Verkehr nicht ganz ein Ende machte. Mary und Opportunity nahmen ihre Plätze neben einander, Mr. Warren aber forderte mich auf, seinen Sitz zu theilen, ohne an meinem Leierkasten Anstoß zu nehmen; denn meine Kleidung war, obschon meiner Rolle gemäß gewählt, neu, sauber und keineswegs von der Art, wie man sie gewöhnlich bei herumziehenden Straßenmusikanten findet. Wenn nicht etwa das Instrument Zeugniß gegen mich ablegte, so konnte ich meinem Aeußern nach wohl als ein nicht ganz unpassender Reisegesellschafter des Geistlichen betrachtet werden. In dieser Weise machten wir unsere Reise nach Saratoga. Onkel Ro hatte neben Seneka Platz gefunden und benutzte diese Gelegenheit, um unterwegs in vertraulichem Gespräch seinen Nachbar über alles, was mit der Rentenbewegung in Verbindung stand, auszuholen.

Der Geistliche und ich, wir beide unterhielten uns gleichfalls in anziehender Weise miteinander. Seine Fragen betrafen Europa im Allgemeinen und Deutschland insbesondere; auch glaube ich Grund für die Annahme zu haben, daß ihn meine Antworten in eben so hohem Grade überraschten, als befriedigten. Es wurde mir zwar schwer, die Härten meines angenommenen Dialektes beizubehalten; indeß nahm ich mich nach Kräften zusammen, und die Furcht vor einer Entdeckung und ihren muthmaßlichen Folgen kam dem Umstande, daß ich in dieser Mundart ziemliche Uebung gewonnen hatte, trefflich zu statten. Natürlich fehlte es nicht an Verstößen: aber meine Zuhörer waren nicht die Leute, welche dieselben hätten entdecken können. Ich sage »meine Zuhörer,« denn ich gewann bald die Ueberzeugung, daß Mary Warren, welche unmittelbar vor uns saß, mit größter Aufmerksamkeit auf alles achtete, was zwischen uns vorging. Dieser Umstand trug nicht dazu bei, mich weniger mittheilsam zu machen, sondern erhöhte im Gegentheil den Wunsch, meine Reden in einer Weise zu halten, daß sie einer solchen Zuhörerin würdig waren. Was Opportunity betraf, so las sie eine Weile in einer Zeitung, verschlang aufs hastigste einen Apfel, und schlief den übrigen Theil des Wegs, den wir bald zurückgelegt hatten, da die Strecke vom modernen Troja bis nach Saratoga keine sehr lange genannt werden kann.


 

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