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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel.

»Ein solches Lächeln kennt die Erde nicht –
Ein Lächeln, welches Leben hat und spricht,
Sich wie ein Strahl vertheilt und sinkt und fällt,
Bald flieht und bald das Antlitz neu erhellt,
Und wenn es endlich ganz und gar entweicht,
Verstohlen sich zurück in's Auge schleicht«.

Wordsworth.

 

Am andern Morgen staken wir schon mit dem Frühesten in unsern Verkleidungen, und ich glaube wahrhaftig, meine eigene Mutter würde mich nicht gekannt haben, wenn sie lange genug gelebt hätte, um meinen Backenbart zu sehen und Betrachtungen über mein männliches Gesicht anzustellen. Ich begab mich nach Dunnings Bibliothek, holte den kleinen Leierkasten aus seinem Versteck hervor und begann den »Saint Patrickstag am Morgen« mit Energie und – hoffentlich darf ich wohl auch beifügen – mit Gewandtheit zu spielen. Ich war eben in vollem Eifer, als die Thüre aufging, und Barney, den Mund so weit offen, wie ein erfrorenes Schwein, sein spitzbackiges Gesicht in's Zimmer steckte.

»Wo zum Teufel kommt Ihr her?« fragte der neugebackene Bediente, und die Muskeln um den offenen Mund wechselten unter den Anzeichen des Verdrusses und der Lachlust. »Euer Georgel ist schon recht, aber wie kommt Ihr hieher?«

»Ich komme von Halle in Preußen. Was ist Euer Vaterland?« Die Komik, welche in dem gebrochenen, mit deutschen Worten untermengten Englisch eines Deutschen liegt, läßt sich hier natürlich nicht nachbilden.

»Seid Ihr ein Jude?«

»Nein – ich bin ein guter Christ. Wollt Ihr den Yankee-Doodle hören?«

»Yankee-Donner! Ihr weckt mir den Meister auf, und er wird bös werden; sonst könntet Ihr mir fortorgeln bis zum jüngsten Tag. Daß ich dieses Stück hier in meiner Bibliothek zu hören kriege, und Alt-Irland ist doch dreitausend Stunden entlegen.«

Ein Gelächter von Dunning unterbrach das Gespräch, und Barney verschwand ohne Zweifel aus Furcht vor einer Art amerikanischer Züchtigung für ein vermeintliches Vergehen. Ob der faselnde, wohlmeinende, ehrliche Kerl wirklich entdeckte, wer wir waren, da wir mit seinem Herrn frühstückten, weiß ich nicht; genug, wir nahmen unser Mahl ein und verließen das Haus, ohne sein Gesicht wieder zu sehen, da Dunning einen gelbgesichtigen Jungen im Hause hatte, der den Dienst bei der Tafel besorgte.

Ich brauche kaum zu sagen, daß ich mich ein wenig beengt fühlte, als ich in solcher Verkleidung die Straßen von New-York durchzog; indeß gereichte mir die Gravität und Fassung meines Onkels stets zu großem Vergnügen. Auf dem Quai hatte er, noch ehe das Boot abstieß, eine Uhr verkauft, obschon ich diesen Erfolg dem Umstand zuschreiben zu müssen glaubte, daß ein Hausirer, welcher in der Nähe gleiche Geschäfte machte, den Preis für »gewissenlos niedrig« erklärte. Wir erstanden für uns unter dem Vorwande, daß wir unser Eigenthum einschließen müssen, ein gemächliches Passagierzimmer, und schlenderten, wie es Leuten unserer Klasse zustand, gaffend und neugierig im Boote umher.

»Hier sind wenigstens ein Dutzend Leute, die ich kenne,« sagte mein Onkel bei Gelegenheit unseres Umhergehens, als das Boot in der Nähe des Forts Washington hinruderte. »Ich habe mich überall umgesehen und finde ein volles Dutzend Bekannte. Da ist z. B. ein alter Schulfreund, mit dem ich stets auf sehr vertraulichem Fuße stand; ich habe mich die letzten zehn Minuten mit ihm unterhalten, und finde, daß die Verkleidung nebst meinem gebrochenen Englisch ihrem Zwecke entspricht. Ja, ich glaube sogar, meine theure Mutter selbst würde mich nicht erkennen.«

»Dann können wir, wenn wir das Nest erreichen, uns mit der Großmama und den jungen Damen einen Spaß machen,« antwortete ich. »Was mich betrifft, so bin ich der Meinung, wir sollten unser Geheimniß so lang wie möglich zu bewahren suchen.«

»Bst! so wahr ich lebe, da ist auch Seneka Newcome! Er kommt gegen uns her, und wir müssen wieder Deutsche sein.«

Und richtig zeigte sich jetzt Squire Seneky, wie ihn die ehrlichen Farmer in der Nachbarschaft des Nests nennen – obschon viele derselben von ihrem Treiben abstehen müssen, wenn nicht bald die Beilegung dieses Prädikats so abgeschmackt werden soll, daß Niemand mehr die Verwegenheit haben wird, es zu brauchen. Newcome kam langsam nach dem Vorderkastell, auf welchem wir standen, und mein Onkel beschloß, sich mit ihm in ein Gespräch einzulassen, eines Theils um die Kraft unserer Verkleidung weiter zu erproben, andern Theils um ihm etwa Mittheilungen zu entlocken, die uns den Besuch des Restes erleichtern konnten. Zu dieser Absicht zog der angebliche Hausirer eine Uhr aus der Tasche, bot sie demüthig dem Quasi-Rechtsgelehrten zur Besichtigung hin und begann in gebrochenem Englisch:

»Wollt Ihr nicht eine Uhr kaufen, Gentleman?«

»He – was? O eine Uhr!« entgegnete Seneka in jenem hohen, gemein herablassenden Tone, mit welchem das Salz der Erde Diejenigen zu behandeln pflegt, welche an Einsicht, Stellung oder irgend einer andern großen Wesentlichkeit tief unter ihm erscheint, während es zu gleicher Zeit vor Neid bersten möchte, wenn es über die Aristokraten schreit. »Eine Uhr also? Was seid Ihr für ein Landsmann, Freund?«

»A Tscharmans, ein Deutscher.«

»A German – ein Deitscher; dieß ist vermuthlich der Platz, von dem Ihr kommt?«

»Nein – ein Deutscher ist ein Tscharman.«

»Ah, so – ich verstehe! Wie lange seid Ihr schon in Ameriky?«

»Zwölf Monate.«

»Ei, dieß ist lang genug, um Euch bei uns einzubürgern. Wo seid Ihr wohnhaft?«

»Nirgends; ich wohne, wie's eben kommt – das eine Mal hier, das andere Mal dort.«

»Ah, ich verstehe – kein legales Domicil, sondern Ihr führt ein wanderndes Leben. Habt Ihr viele von diesen Uhren zu verkaufen?«

»Ja, ich habe ungefähr zwanzig; sie sind spottwohlfeil und gehen so gut wie die großen Wanduhren.«

»Und was verlangt Ihr für diese?«

»Ihr könnt sie haben für den geringen Preis von acht Dollars. Jedermann wird sagen, sie sei von Gold, wenn er es nicht besser weiß.«

»Oh, sie ist also nicht von Gold – bigost!« – was dieser Ausruf bedeutete, habe ich nie recht erfahren können, obschon ich vermuthe, es sei ein puritanisches Surrogat für »bei Gott«; denn die Versuche, in dieser Weise den Teufel zu betrügen, sind unter den frommen Abkömmlingen der ehrwürdigen Väter des Landes so gewöhnlich, daß selbst »Smith Thompson« in einem solchen Gewissensfall vergebens predigen würde. »Bigost, Ihr hättet sogar mich anführen können! Ihr werdet übrigens doch von diesem Preis etwas ablassen?«

»Vielleicht, wenn Ihr mir mit gutem Rath an die Hand gehen wollt. Ihr seht aus wie ein rechtschaffener Schentleman, der einen armen Tscharman gewiß nicht betrügen will, wie dieß von aller Welt so vielfach geschieht. Ich will mich mit sechsen begnügen, wenn Ihr mir guten Rath ertheilen wollt.«

»Guten Rath? Da seid Ihr an den rechten Mann gekommen. Tretet ein wenig bei Seite, wo wir allein sein können. Um was handelt sich's – um einen Civilprozeß oder um eine Injurie?«

»Nein, nein, von Gerichten brauche ich nichts, sondern nur guten Rath.«

»Nun, eine Berathung führt in hundert Fällen wohl neunundneunzigmal vor Gericht.«

»Ja, ja!« antwortete der Hausirer lachend; »dieß mag wohl so sein, aber ich brauche nichts dergleichen. Mir ist es einzig darum zu thun, zu erfahren, wo ein Tscharman im Lande und in den großen Städten mit seinen Gütern etwas machen kann.«

»Ah, ich begreife – sechs Dollars sagt Ihr; dieß klingt hoch für eine Uhr von solchem Aussehen,« er hatte sie unmittelbar zuvor für Gold gehalten – »aber ich bin stets des armen Mannes Freund und verachte die Aristokratie –« – was Seneka mit seinem bittersten Hasse haßte, meinte er stets am meisten zu verachten, und unter Aristokratie verstand er blos Gentlemen und Ladies in der wahren Bedeutung dieser Ausdrücke. Ja, ich bin stets bereit, einem ehrlichen Bürger fortzuhelfen. »Wenn Ihr Euch entschließen könntet, mir diese einzige Uhr umsonst abzutreten, so glaube ich, Euch einen Strich namhaft machen zu können, wo Ihr im Stande seid, die übrigen neunzehn in acht Tagen los zu werden.«

»Gut,« rief mein Onkel hocherfreut; »nehmt sie, sie ist Euer Eigenthum und Euch von Herzen gegönnt; nur zeigt mir die Stadt, wo ich die andern neunzehn verkaufen kann.«

Wäre nun Onkel Ro ein ächter Sohn des Hausirhandels gewesen, so würde er jede von den neunzehn Uhren mit einem Extra-Dollar belastet und durch seine dermalige Freigebigkeit eilf Dollars gewonnen haben.

»Es ist keine Stadt, nur eine Stadtmarkung,« entgegnete der buchstäblich genaue Seneka. »Meintet Ihr zuletzt gar, ich rede von einer City?«

»Was kümmert mich dieß? Ich verkaufe meine Uhren sogar lieber an gutes, ehrliches Farmvolk, als an die besten Stadtbürger des Landes.«

»Ihr seid mein Mann und habt den rechten Geist in Euch. Hoffentlich seid Ihr kein Patron, kein Aristokrat –?«

»Ich weiß nicht, was ein Badron oder ein Aristokrat ist.«

»Da seid Ihr ein glücklicher Mann in Eurer Unwissenheit. Ein Patron ist ein Edelmann, der anderer Leute Land eignet, und ein Aristokrat ist eine Person, die sich für besser hält, als ihren Nebenmenschen, mein guter Freund.«

»Dann bin ich freilich kein Badron, denn ich eigne gar kein Land, nicht einmal mein eigenes, und ich bin nicht besser, als irgend Jemand anderes.«

»Hierin habt Ihr recht, und Ihr braucht blos auf diesen Grundsätzen zu beharren, um unter Allen der größte Gentleman zu sein.«

»Gut so, ich will's probiren und so denken, damit ich besser werde, als der größte Schentleman. So weit aber wird es nicht reichen, daß ich besser wäre als Ihr, denn Ihr seid einer der größten unter allen Schentlemans.«

»O, was mich betrifft, so kümmert Euch nicht um dieß. Ich verachte jede hohe Stellung und rufe: ›Weg mit der Rente!‹ Auch Euch wird's so ergehen, noch ehe Ihr Euch acht Tage in unserer Gegend aufgehalten habt.«

»Was ist denn die Rente, die Ihr wegkriegen möchtet?«

»Ein Ding, das dem Geist der Institutionen geradezu widerstrebt, wie Ihr aus meinen gegenwärtigen Gefühlen entnehmen könnt. Doch sei dem, wie ihm wolle, weil's Euch recht ist, will ich die Uhr behalten und als Bezahlung Euch den Weg nach einem guten Landstrich zeigen.«

»Einverstanden, Schentleman. Was ich brauchte, war der Rath, und Euch ist's um eine Uhr zu thun.«

Hier lachte Onkel Ro so ganz, wie er selbst, während er doch augenscheinlich in gebrochenem Englisch hätte lachen sollen, daß ich in der größten Angst schwebte, unser Begleiter könne aufmerksam werden; doch dieß war nicht der Fall. Von Stunde an lebten wir mit Seneka auf dem besten Fuße, und er begrüßte uns im Laufe des Tages zu wiederholten Malen mit Lächeln und Winken, obschon ich deutlich sehen konnte, daß die antiaristokratischen Grundsätze doch nicht so tief in ihm gewurzelt hatten, um ihn wünschen zu lassen, seine Vertrautheit mit uns möchte augenfällig werden. Indeß gab er uns, noch ehe wir die Inseln erreichten, Weisungen, wo wir ihn am Morgen zu finden hätten, und wir trennten uns denselben Nachmittag, als das Boot neben dem Hafendamm von Albany Halt machte, in der besten Freundschaft von der Welt.

»Albany, theures, gutes, altes Albany!« rief Onkel Ro, als wir an dem Brückenzuge Halt machten, um das geschäftige Treiben in dem Becken zu betrachten, wo buchstäblich Hunderte von Kanalbooten ab- und zufuhren und ihre Ladungen löschten, der übrigen Fahrzeuge gar nicht zu gedenken. »Theures, gutes, altes Albany, du bist eine Stadt, zu welcher ich stets mit Vergnügen zurückkehre, denn du wenigstens wirst mich nie täuschen. Du bist eine Landstadt ersten Ranges, und obgleich ich deine zierliche, alte holländische Kirche und deine ländlich aussehende alte englische Kirche im Mittelpunkt deiner Hauptstraße vermisse, so ist doch fast jeder Wechsel, den du vornimmst, achtbar. Zwar kann ich dir's nicht verzeihen, daß du den Namen Marktstraße durch die jämmerliche Nachahmung des Broadway verketzert hast; aber wenn ich bedenke, welch' eine Horde von Yankees seit dem Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts über dich gekommen ist, so darfst du noch von Glück sagen, daß deine Straße nicht die appianische genannt wurde. Treffliches, altes Albany, dessen Herz nicht einmal die Verderbnisse der Politik umzuwandeln vermochten; – wie herrlich liegst du an deinem Bergabhange, umgeben von einer malerischen Landschaft! Du lebst in einer Atmosphäre von Achtbarkeit, die ich bewundere, und dein ruhiger Wohlstand ist meinem Herzen theuer. Und doch wie sehr hast du dich seit meiner Knabenzeit verändert! Wo sind deine einfachen Stoups und deine Giebel? Zwar erheben sich auch Marmor und Granit in deinen Straßen, aber sie zeigen sich in ehrbaren Gestalten und sind frei von dem Ehrgeiz, die Stelzen besteigen zu wollen. Dein Becken hat wohl den ganzen Charakter des Flusses verändert, der in seiner Waldlandschaft ein ruhiges Handelstreiben zeigte; aber er verleiht deiner mannhaften Jugend ein Gepräge von Ueberfluß und Wohlstand, welches dir ein gedeihliches Alter verheißt!«

Der Leser kann sich denken, daß ich herzlich über diese Rhapsodie lachte, denn ich vermochte in die Gefühle meines Onkels kaum einzugehen. Albany ist allerdings ein recht hübscher Platz, und besitzt beziehungsweise ein weit achtbareres Gepräge, als jenes »commerzielle Emporium,« welches seinem Aeußern nach nur eine weit ausgedehnte Masse sehr augenfälliger Mittelmäßigkeit ist, obschon es eine wirkliche Großstadt zu sein wähnt; gleichwohl aber kann Albany doch nur eine Provinzialstadt genannt werden, wie hoch sie auch in dieser Klasse stehen mag. Ich muß hier beiläufig bemerken, daß sich das amerikanische Volk in Nichts mehr täuscht, als in dem Bemessen der Erfordernisse einer Großstadt. Es wäre lächerlich, annehmen zu wollen, daß die Repräsentanten unserer Regierung im Stande seien, was immer für einem Platze den Ton, die Ansichten, die Gewohnheiten und die Sitten einer Hauptstadt zu verleihen; denn wenn dieß der Fall wäre, so müßte es nach dem nagelneuen Grundsatze geschehen, daß man Etwas geben kann, was man nicht besitzt. Selbst der Kongreß, obschon er von den meisten Fesseln, einschließlich derer, welche die Constitution in sich faßt, ziemlich frei ist, vermag sich nicht so weit zu heben. Meiner Ansicht nach könnte man einen Menschen, der weiß, was Welt ist, mit verbundenen Augen nach dem schönsten Viertel New-Yorks führen, und ich setze mein Leben daran, er würde, sobald ihm die Binde abgenommen wäre, erklären, daß er sich nicht an einem Orte befinde, wo der Ton einer Hauptstadt existirt, obschon New-York manche neue Stadttheile besitzt, in welchen die bereits erwähnten Ungereimtheiten nicht vorkommen. Der Handel ist am allerwenigsten geeignet, eine Hauptstadt zu schaffen, und man kann sicher darauf zählen, daß man sich in einer solchen nicht befindet, wenn man unaufhörlich die Worte »Geschäft« und »Kaufleute« in den Ohren klingen hört. Zwar ist ein new-yorkisches Dorf oft viel weniger ländlich, als die Dörfer der am weitesten vorgeschrittenen europäischen Länder; aber die Stadt New-York steht weit unter jeder Hauptstadt irgend eines großen Staates der alten Welt.

Wird wohl New-York je eine Hauptstadt werden? Ja – ohne alle Frage ja – es wird übrigens erst dann der Fall sein, wenn die plötzlichen Wechsel der Zustände, welche so naturgemäß unmittelbar auf die Revolution folgten, aufgehört haben, ihren Einfluß auf die gewöhnliche Gesellschaft zu üben, und die höher Stehenden den Niedrigen wieder mehr mittheilen, als sie empfangen. Diese Wiederherstellung des natürlichen Standes der Dinge muß Platz greifen, sobald die Gesellschaft ständig wird; dann ist unter unseren Institutionen sammt ihrem Geist, ihren Tendenzen und Allem keine Stadt mehr gehindert, jenen feinen Ton zu erringen, der von jeher zu einer Hauptstadt gehörte. Die Thorheit besteht darin, daß man dem natürlichen Lauf der Ereignisse vorgreifen will; aber nichts wird denselben mehr beschleunigen, als eine Literatur, in welcher der Geist der Edlen im Lande, nicht der des großen Haufens waltet; und eine solche Literatur wäre größtentheils erst noch zu schaffen.

Nachdem ich mit meinem Affen ein paar Stunden umhergezogen war, setzte ich ihn ab und trieb mich blos noch mit meiner Musik um; denn ich hätte lieber mit einer ganzen Armee von Anti-Renters, als mit diesem einzigen Affen fertig werden wollen. Ich folgte daher, den Leierkasten umgehangen, meinem Onkel, der wieder eine Uhr verkaufte, noch ehe wir ein Wirthshaus erreichten. Natürlich maßten wir uns nicht an, nach der Kongreßhalle oder nach dem Adler zu gehen, weil wir wohl wußten, daß wir nicht zugelassen werden würden. Dieser Theil unserer Abenteuer fiel uns am beschwerlichsten. Meiner Ansicht nach beging mein Onkel einen Mißgriff, denn er wagte sich in ein Wirthshaus zweiten Ranges, weil er meinte, die Verpflegung, wie man sie in Herbergen fände, die für Leute unseres angeblichen Schlages paßten, dürfte gar zu rauh für uns ausfallen. Ich glaubte übrigens, wir hätten uns in die grobe Kost einer gemeinen Schenke weit besser finden können, als in die schäbig gentile des Hauses, in welches wir uns verirrt hatten; denn im erstem Falle wären wir durch Alles, und zwar in einer Weise, wie wir es erwarten mußten, daran erinnert worden, daß wir uns auf einem außergewöhnlichen Wege befanden, und trotz aller Beschwernisse hätte uns der Wechsel Vergnügen bereiten können. Ich erinnere mich, von einem jungen Manne gehört haben, der, nachdem er seine früheren Jahre in angenehmen Verhältnissen verlebt hatte, zur See ging und seine Laufbahn als Matrose vor dem Mast begann; dieser erklärte, die Rohheit seiner Schiffsgefährten zu gewöhnen – und doch findet sich bei einem wahren Matrosen, selbst bei dem rohesten, keine Gemeinheit, – sei ihm schwerer geworden, als alles Ungemach, das er von den Stürmen, körperlichen Leiden, Mühen und Gefahren zu erdulden gehabt habe. Ich muß gestehen, daß es mir in meiner kurzen Erfahrung ebenso ging. So lange ich mich als wandernder Musikant umhertrieb, konnte ich mich in Alles besser finden, als in das rohe Benehmen, welches bei Tisch herrschte. Auf die Gewohnheit, mit silbernen Gabeln zu speisen, und ähnliche konventionelle Dinge legt natürlich kein Mann von Welt ernstes Gewicht; aber dennoch gibt es Konventionalitäten, die zu den Grundprinzipien einer gebildeten Gesellschaft gehören und deren man in der That nicht gut entrathen kann, weil sie zur zweiten Natur geworden sind. – Ich will übrigens möglichst wenig von den Unannehmlichkeiten meines neun Gewerbes sprechen, sondern mich nur an Wesentlichkeiten halten.

Am Morgen nach dem Tage, an welchem wir zu Albany anlangten, bedienten wir uns der Eisenbahn, um über Troy (Troja) nach Saratoga zu gehen. Es wundert mich, warum es der Trojaner, der hier zuerst den Humor travestiren zu können glaubte, nicht für passend hielt, den Platz Troyville oder Troyborough zu nennen, da dieß wenigstens halb amerikanisch gewesen wäre, während die gegenwärtige Bezeichnung so rein klassisch klingt. Es ist unmöglich, durch die Straßen dieser hübschen, blühenden Stadt, welche bereits zwanzigtausend Seelen zählt, zu durchwandeln, ohne durch die Bilder des Achill, des Hektor, des Priamus und der Hekuba ein bischen unangenehm bedrängt zu werden. Hätte man den Ort Try (Versuch) genannt, so würde doch die Bezeichnung einen verständigen Sinn haben, denn man macht hier alle erdenklichen Versuche, sich über Albany hinaufzuschwingen; und so sehr ich auch diese letztere, ehrwürdige, alte Stadt liebe, hoffe ich doch, die Bemühungen Troys, den Hudson nicht überbrücken zu lassen, werden gelingen. Beiläufig muß ich hier zum Besten Derjenigen, welche außer ihrem eigenen Lande nie ein anderes gesehen haben, bemerken, daß auf dem Wege zwischen Schenektady und diesem griechischen Platz, an der Stelle, wo die Höhen zuerst das ganze Hudsonsthal mit Waterford, Lansingburg, Albany und den beiden Troys überblicken lassen, eine Aussicht zu finden ist, welche eine bessere Vorstellung von dem Wohlstand einer europäischen Landschaft gibt, als irgend ein anderer Punkt, dessen ich mich in Amerika erinnern kann. Doch, um auf meinen Leierkasten zurückzukommen:

Ich machte meinen ersten musikalischen Versuch unter den Fenstern des Hauptwirthshauses von Troy. Ohne viel zu Gunsten meines Instrumentes sagen zu wollen, glaube ich doch behaupten zu dürfen, daß sich meine Musik recht ordentlich ausnahm; denn bald bemerkte ich ein Dutzend schöner Gesichter in den Fenstern des Gasthofes, und auf jedem derselben spielte ein liebliches Lächeln. Es that mir nur leid, daß ich den Affen bei mir hatte; solch' ein Anfang mußte wohl den schlafenden Ehrgeiz sogar eines »Patrioten« vom reinsten Wasser wecken, und ich gestehe, daß ich zufrieden war.

Unter den Neugierigen, welche ich am Fenster bemerkte, befanden sich zwei Personen, welche mir sogleich als Vater und Tochter vorkamen. Der Erstere war ein Geistlicher und mochte wohl seiner äußern Erscheinung nach zur »Kirche« gehören. Ich bitte Diejenigen, welche an diesem ausschließlichen Titel Anstoß nehmen könnten, um Verzeihung, und will ihnen im Vorbeigehen nur einen Wink geben. Wer überhaupt die Menschen kennt, wird mit mir einverstanden sein, daß Niemand, der sich im Besitz irgend eines besondern Vortheils weiß, eine sonderliche Empfindlichkeit an den Tag legt, wenn dieser auch von Andern in Anspruch genommen wird. An den beständigen Kämpfen der Eifersucht z. B., namentlich wenn dieselben aus jener so allgemeinen Quelle, der geselligen Stellung, stammen, betheiligt sich gewiß Derjenige nie, welcher sich seines innern Werths bewußt ist, da ihm die augenfällige Thatsache genügt. Will man mir hieraus erwiedern, daß sich die »Kirche« eine Befugniß zum Ausschließen anmaßt, so widerspreche ich sicherlich nicht, da sie hiezu das volle Recht hat. Uebrigens ist sie nicht in dem Sinne, den man ihr gewöhnlich zur Last legt, ausschließend, sintemal Niemand in Abrede zieht, es gebe viele Zweige der »Kirche«, obschon diese nicht Alles umfassen. Ich möchte Denen, welche Anstoß daran nehmen, daß wir uns »die Kirche« nennen, rathen, sich gleichfalls diese Bezeichnung beizulegen, wie sie ja auch ihre Geistlichen Bischöfe nennen, und man wird dann sehen, wer sich darum kümmert. Dieß ist ein Probierstein, durch welchen das gediegene Metall sich leicht von der Legirung unterscheiden läßt.

Mein Pfarrer war, wie ich leicht sehen konnte, ein kirchlicher, kein › meeting house‹ Geistlicher. Wie mir dieß auf den ersten Blick klar wurde, will ich hier nicht weiter erörtern; ich bemerkte übrigens auch in seinem Gesicht etwas von jener Neugierde, welche auf einen einfachen Charakter schließen läßt, ohne auch nur eine Spur von Gemeinheit zu verrathen. Es war ein Gefühl, welches ihn bewog, mich ein wenig näher heran zu winken. Ich entsprach dieser Einladung, obschon ich gestehen muß, daß der Gedanke, einer solchen Aufforderung Folge geben zu sollen, mich Anfangs ein wenig linkisch machte. Es lag übrigens Etwas in der Miene und dem Antlitz der Tochter, was mich veranlaßte, nicht zu zögern. Ich kann nicht eben sagen, daß das Mädchen eine auffallende Schönheit war, obschon sie entschieden hübsch genannt werden mußte; dennoch war der Ausdruck des Gesichts, des Lächelns, der Augen, kurz Alles zusammen so eigenthümlich süß und weiblich, daß eine Sympathie, die ich nicht zu erklären versuchen will, mich nach dem Hause hindrängte und mich bewog, nach dem Zimmer hinaufzugehen, das, wie ich wohl sah, Jedem zugänglich war, obschon es zur Zeit Niemand als den Geistlichen und seine Tochter barg.

»Nur herein, junger Mann,« sagte der Vater in wohlwollendem Tone. »Ich möchte Euer Instrument näher betrachten, und meiner Tochter, welche eine Freundin von Musik ist, ergeht es eben so. Wie nennt man es?«

»Leierkasten,« lautete meine Antwort.

»Aus welchem Theile der Welt kommt Ihr, junger Freund?« fuhr der Geistliche fort, seine sanften Augen noch neugieriger zu den meinigen erhebend.

»Von Tscharmany, von Preußen, wo kürzlich noch der gute König Wilhelm regierte,« erwiederte ich in gebrochenem Englisch.

»Was sagt er, Molly?«

Das hübsche Wesen führte also den Namen Marie! Aber auch die Molly gefiel mir; es war ein gutes Zeichen, da in unsern ehrgeizigen Zeiten nur achtbare Personen so vertrauliche Namen gebrauchen. Das ›Molly‹ klang mir als ein Beweis, daß diese Personen sich ihrer würdigen Stellung und Bildung bewußt seien. Ein gemeiner Sinn würde ein ›Mollissa‹ daraus gemacht haben.

»Die Uebersetzung fällt nicht schwer, Vater,« antwortete eine der süßesten Stimmen, die je melodisch in mein Ohr geklungen hatten, und sie wurde noch musikalischer durch das leise Lachen, das sich drein mischte. »Er sagt mir, er sei aus Deutschland, aus Preußen, wo kürzlich der gute König Wilhelm regierte.«

Auch der ›Vater‹ gefiel mir – es klang wahrhaft erfrischend, nachdem ich eine Nacht unter einem Abenteurer-Troß zugebracht hatte, von dem jedes männliche oder weibliche Glied bemüht gewesen war, seinen Antheil dazu beizutragen, um die ehedem beliebten Bezeichnungen zu ›Pa‹ und ›Ma‹ zu karikiren. Ein junges Frauenzimmer kann zwar noch immer ›Papa‹ oder auch ›Mama‹ sagen, obschon es besser wäre, sie hielten sich an die Worte ›Vater, Mutter;‹ aber was die Ausdrücke ›Pa‹ und ›Ma‹ betrifft, so haben diese in achtbaren Kreisen ihre Endschaft erreicht und finden nicht einmal mehr in der Ammenstube Geltung.

»Dieß Instrument ist also ein Leierkasten?« fuhr der Geistliche fort. »Und was ist denn dieß – die Buchstaben, die darauf stehen?«

»Es ist der Name des Verfertigers: ›Hochstiel fecit‹«

» Fecit?« wiederholte der Geistliche. »Ist dieß deutsch?«

»Nein – es ist lateinisch; facio, feci, factum, facere – feci, fecisti, fecit. Ich denke wohl, Ihr wißt, daß dieß ›er hat's gemacht‹ heißt.«

Der Pfarrer sah mich und meinen Anzug mit unverhohlener Ueberraschung an; dann blickte er lächelnd nach seiner Tochter hin. Wenn man mich fragt, warum ich in so einfältiger Weise eine Schuljungen-Gelehrsamkeit auskramte, so kann ich nur sagen, daß ich ungern von dem bezaubernden Mädchen, welches sich anmuthig über den Ellenbogen ihres Vaters beugte, als dieser die Inschrift auf einer Elfenbeinplatte meines Instrumentes las, für einen bloßen alltäglichen Straßenmusikanten gehalten sein wollte, der seinen Affen zu Hause gelassen hat. Ich konnte sehen, daß Marie unter der ihrem Geschlecht so natürlichen Empfindsamkeit ein wenig zurückwich und zu weit gegangen zu sein glaubte, indem sie sich so ungezwungen in der Anwesenheit eines jungen Menschen benahm, der ihrer eigenen Klasse näher stand, als sie dieß bei einem Leierkastenspieler für möglich gehalten hätte. Sie erröthete; aber der Blick des sanften blauen Auges, welcher schnell darauf folgte, schien Alles wieder zu bereinigen, und sie lehnte sich abermals über den Ellenbogen ihres Vaters.

»Ihr versteht also lateinisch?« fragte der Vater, mich über seiner Brille weg musternd.

»Ein wenig, ein klein wenig, Sir; in meinem Lande muß Jeder eine Zeit lang Soldat sein, und wer etwas lateinisch versteht, kann Sergeant und Corporal werden.«

»Das wäre in Preußen?«

»Ja, in Preußen, wo kürzlich noch der gute König Wilhelm regierte.«

»Und wird die lateinische Sprache viel unter Euch gepflegt? Ich habe gehört, daß in Ungarn die meisten gut unterrichteten Personen sie sogar reden.«

»In Tscharmany ist es nicht so. Wir Alle lernen Etwas, aber nicht Alle lernen Alles.«

Nachdem ich mich dieser Ansicht mit, wie ich meinte, vollkommen richtiger Unrichtigkeit entledigt hatte, konnte ich bemerken, wie ein Lächeln die süßen Lippen des lieblichen Mädchens umzuckte; es gelang ihr übrigens, dasselbe zu unterdrücken, obschon ihre schelmischen Augen während des ganzen Gesprächs zu lachen fortfuhren.

»Ich weiß wohl, daß in Preußen die Schulen sehr gut sind, und daß Eure Regierung für die Bedürfnisse Aller Sorge trägt,« entgegnete der Geistliche. »Indeß kann ich meine Verwunderung nicht bergen, daß Ihr Etwas vom Lateinisch versteht. Sogar in diesem Lande, wo man sich so viel einbildet –«

»Ja,« unterbrach ich ihn in gedehntem Tone, – »man bildet sich gar viel ein in diesem Lande.«

Marie lachte jetzt hell auf – ob über meine Worte oder über die etwas komische Weise, die ich angenommen hatte, als ich meine Einfalt mit etwas Ironie würzte, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls erfaßte der Vater den Spott nicht, und nachdem er höflich gewartet hatte, bis ich mit meiner Unterbrechung fertig war, fuhr er in seiner Rede wieder fort.

»Ich wollte beifügen,« nahm der Geistliche wieder auf, »daß sogar in diesem Lande, wo man sich so viel einbildet« – der kleine Schelm von Tochter fuhr mit der Hand über ihre Augen und erröthete bis zur Stirne unter der Anstrengung, mit der sie ein abermaliges Lachen zu unterdrücken bemüht war, – »auf die gewöhnlichen Schulen und auf den Einfluß, den sie auf den öffentlichen Geist üben, sich nicht häufig Personen Eures Standes finden lassen, welche Etwas von der todten Sprache wissen.«

»Ja,« versetzte ich, »mein Stand ist's eben, der Euch irreführt, Sir. Mein Vater war ein Schentleman, und er gab mir eine so gute Erziehung, wie der König dem Kronprinzen.«

Mein Wunsch, in Mariens Augen mich gut auszunehmen, verlockte mich abermals zu einer albernen Unklugheit. Wie sollte ich den Umstand erklären, daß der Sohn eines preußischen Gentleman, der von seinem Vater eine Erziehung genossen hatte, wie sie der König von Preußen dem Thronfolger ertheilen ließ, in den Straßen von Troy mit einem Leierkasten herum zog? Dieß war eine Schwierigkeit, welche ich im Augenblick nicht bedachte. Aber die Vorstellung, von jenem holden Mädchen als ein bloßer ungehobelter Bauer betrachtet zu werden, war mir unerträglich, und ich entschlug mich ihrer durch diese verzweigte Unwahrheit, – eine Unwahrheit in ihren Beigaben, obschon in der Hauptsache richtig – wie man etwa eine Beschimpfung von sich abweist. Das Glück begünstigte mich übrigens weit mehr, als ich zu erwarten berechtigt war.

Es gehört unter die Eigenthümlichkeiten im Charakter des Amerikaners, daß er jeden gebildeten Europäer mindestens für einen Grafen zu halten geneigt ist. Ich will damit nicht sagen, daß Diejenigen, welche die Welt gesehen haben, in dieser Beziehung nicht eben so sind, wie andere Leute; aber ein sehr großer Theil der Landesbevölkerung hat nie eine andere Welt, als die ›Geschäftswelt‹ kennen gelernt. Die Leichtgläubigkeit in dieser Hinsicht übersteigt alle Begriffe, und wenn ich Thatsachen berichten wollte, die sich sogar gerichtlich belegen lassen, so würden selbst die dabei betheiligten Personen sich zu einem Eid erbieten, daß sie Karikaturen seien.

Nun an Lebensart fehlte es mir hoffentlich nicht, und trotz meines einfachen Anzugs und meiner Maske konnte weder meine Haltung, noch meine Tracht absolut gemein genannt werden. Meine Kleider waren neu und mein Aeußeres reinlich; in Letzterem konnte man vielleicht eine Ungereimtheit entdecken, die tiefer blickenden Augen, als die meiner Gefährten waren, wahrscheinlich nicht entgangen sein würde. Ich konnte bemerken, daß sowohl Vater als Tochter ein lebhaftes Interesse für mich empfanden, sobald ich ihnen Grund zur Annahme gab, ich habe früher in besseren Glücksumständen gelebt. Ueber die Verhältnisse und Verwicklungen in Europa herrschen unter uns so unklare Vorstellungen, daß ich über die politische Stellung Preußens das unwahrscheinlichste Mährchen hätte vorbringen können, ohne daß daran Anstoß genommen worden wäre; denn mit der Unwissenheit der Amerikaner in Betreff des wahren Stands der Dinge in Europa läßt sich nichts vergleichen, als die Unwissenheit, welche in Europa hinsichtlich der eigentlichen Verhältnisse Amerikas herrscht. Was Marie betraf, so schienen ihre sanften Augen dreifach ihre gewohnte Milde und Theilnahme auszudrücken, als sie nach meiner Erklärung in angeborner Bescheidenheit einen Schritt zurückwich und mich ansah.

»Wenn dieß der Fall ist, mein junger Freund,« erwiederte der Geistliche mit wohlwollendem Mitgefühl, »so verdientet Ihr wohl eine bessere Stellung, als die ist, in der Ihr Euch befindet, und es dürfte dafür leicht Rath zu schaffen sein. Versteht Ihr Etwas vom Griechischen?«

»Wohl, man studiert viel Griechisch in Tscharmany!« ›Wer A gesagt hat, muß auch B sagen‹ dachte ich.

»Und die neuern Sprachen – versteht Ihr auch Etwas davon?«

»Die fünf Hauptsprachen Europa's rede ich mehr oder weniger gut; lesen kann ich sie alle mit Leichtigkeit.«

»Die fünf Hauptsprachen?« versetzte der Geistliche, an seinen Fingern zählend; »welche mögen dieß sein, Marie?«

»Französisch, spanisch, deutsch und italienisch, glaube ich, Vater!«

»Dieß macht nur vier; welche mag die fünfte sein, mein liebes Kind?«

»Die junge Dame vergißt das Englische. Die englische Sprache ist die fünfte.«

»O ja, das Englische,« rief das hübsche Wesen, die Lippen zusammenpressend, um mir nicht in's Gesicht zu lachen.

»Richtig, ich hatte das Englische vergessen, weil ich nicht daran gewöhnt bin, es als blos europäische Sprache zu betrachten. Ich setze natürlich voraus, daß Ihr das Englische weniger geläufig sprecht, als jede andere von Euren fünf Sprachen?«

»Ja.«

Abermals zuckte ein Lächeln um Mary's Lippen.

»Ich fühle die lebhafteste Theilnahme für Euch, obschon Ihr ein Fremder seid, und es thut mir nur leid, daß wir uns sobald wieder trennen müssen, nachdem wir uns kaum gefunden. Wohin werdet Ihr zunächst Eure Schritte lenken, mein junger preußischer Freund?«

»Ich will nach einem Platze, Ravensnest genannt – dem Vernehmen nach kann man daselbst einen guten Absatz für Uhren finden.«

»Ravensnest?« rief der Vater.

»Ravensnest?« wiederholte die Tochter in Tönen, welche die des Leierkastens zu Schanden machten.

»Ei, Ravensnest ist der Ort, wo ich lebe, und das Kirchspiel, dessen Geistlicher ich bin – der protestantische bischöfliche Geistliche, meine ich.«

Dieß war also Mr. Warren, der Geistliche, welcher in demselben Sommer, in welchem ich die Heimath verließ, für unsere Kirche berufen worden war und seitdem an derselben seinem Amte vorgestanden hatte! Aus den Briefen meiner Schwester Martha war mir viel über diese Leute mitgetheilt worden, und es kam mir jetzt vor, als hätte ich sie schon seit Jahren gekannt. Mr. Warren war ein Mann von guter Familie und einiger Erziehung, obschon ohne Mittel, und hatte sich gegen den Wunsch seiner Freunde dem Dienste der Kirche geweiht, welcher seine Vorfahren angehört hatten und in der einer seiner Ahnherren vor einem oder zwei Jahrhunderten sogar bis zur Würde eines englischen Bischofs gestiegen war. Um seiner Predigten willen stand er nicht sonderlich im Rufe; dagegen besaß er das Lob einer treuen Pflichterfüllung und erfreute sich deßhalb der größten Achtung. Die Pfründe der Saint-Andrews-Kirche zu Ravensnest wäre dürftig genug gewesen, wenn sie allein aus Beiträgen der Pfarrkinder bestanden hätte, da diese zum Unterhalt eines Priesters nur hundertundfünfzig Dollars jährlich beisteuerten. Ich zahlte, auch während meiner langen Minderjährigkeit, regelmäßig des Jahrs hundert Dollars, und meine Großmutter trug mit meiner Schwester weitere fünfzig bei. Außerdem gehörten noch zur Pfarrei fünfzig Acres trefflichen Landes, ein Stück Wald und die Interessen von zweitausend Dollars – lauter Begabungen, welche mein Großvater während seiner Lebzeiten noch gestiftet hatte. Die Pfründe mochte deßhalb jährlich reine fünfhundert Dollars abwerfen, die gemächliche Wohnung und das Erzeugniß von Heu, Holz, Gemüse, Weiden und sonstige kleine Benefizien nicht mitgerechnet. Wenige Landgeistliche waren besser daran, als der Rektor von Saint-Andrews in Ravensnest, und dieß nur in Folge der feudalen und aristokratischen Gewohnheiten der Littlepages, obschon ich vielleicht in Zeiten, wie die gegenwärtigen, nicht so sprechen sollte.

Aus den Briefen meiner Schwester hatte ich entnommen, daß Mr. Warren ein Wittwer und Marie sein einziges Kind war. Sie schilderte ihn als einen wahrhaft frommen Mann, als einen Feind der Scheinheiligkeit und als eifrigen Diener des Wortes. Sein Sinn war so einfach und sein Charakter so rechtlich, daß man sich auf sein Wort wie auf ein Evangelium verlassen konnte. Er sprach nie Schlimmes über Andere, und nur selten vernahm man eine Klage über die Welt und ihre Mühsale von seinen Lippen. Er liebte seinen Nebenmenschen aus Grundsatz sowohl, als weil es ihm Bedürfniß seines Herzens war, trauerte über den Zustand der Gemeinde und zog wahre Frömmigkeit sogar dem Hochkirchenthum vor. Gleichwohl war er ein eifriger Anhänger der bischöflichen Kirche, ohne daß das Dogma derselben ihn gehindert hätte, den höheren Anforderungen seiner Christenpflichten nachzukommen; denn er behielt sich stets seine eigenen Ansichten in Sachen der Moral vor und wußte in der Ausübung zugleich diejenigen Lehren zu achten, die er zu vertreten feierlich gelobt hatte. Die Tochter war mir als ein liebenswürdiges, schelmisches, bescheidenes, verständiges und gebildetes Mädchen beschrieben worden.

In Betreff ihrer Erziehung würden freilich die Mittel ihres Vaters nicht weit gereicht haben; aber eine wohlhabende, verwittwete Schwester ihrer Mutter nahm sich ihrer liebevoll an und schickte sie nach derselben Schule, in welcher sie ihre eigenen Töchter heranbilden ließ. Mit einem Worte, sie war eine bezaubernde Nachbarin, und ihre Anwesenheit in Ravensnest hatte viel dazu beigetragen, um meiner Schwester ihre jährlichen Besuche in dem »alten Hause« – es wurde im Jahr 1785 gebaut – nicht nur weniger langweilig, sondern auch wirklich angenehm zu machen. So lauteten während einer Correspondenz von fünf Jahren unabläßlich die Berichte Martha's über die Warrens und ihre Eigenschaften; und ich kam dadurch sogar auf den Glauben, daß sie diese Mary Warren mehr liebe, als irgend eine von ihres Onkels Mündeln, natürlich sich selbst ausgenommen. Alle diese Mittheilungen durchzuckten mir plötzlich den Sinn, als der Geistliche sich zu erkennen gab. Das Zusammentreffen, daß wir nach dem gleichen Landestheil zu reisen im Begriffe standen, schien ihn eben so sehr zu überraschen, wie mich – was indeß Marie von der Sache dachte, konnte ich natürlich nicht ermitteln.

»Dieß ist sehr seltsam,« nahm Mr. Warren wieder auf. »Was veranlaßt Euch, nach Ravensnest zu gehen?«

»Mein Onkel hat sich sagen lassen, daß es ein guter Platz sei, um seine Uhren an den Mann zu bringen.«

»Ihr habt also einen Onkel? Ah, ich sehe ihn dort in der Straße; er zeigt eben einem Gentleman eine Uhr. Ist Euer Onkel gleichfalls ein Sprachkundiger und hat er eine eben so gute Erziehung genossen, wie es bei Euch der Fall zu sein scheint?«

»O ja, er hat weit mehr von einem Schentleman, als jener Schentleman dort, dem er eine Uhr verkauft.«

»Es müssen dieselben Personen sein,« fügte Mary hastig bei, »von denen Mr. Newcome sprach: die« – das süße Mädchen mochte nach dem, was sie von meiner Herkunft vernommen hatte, nicht Hausirer sagen und fügte deßhalb bei – »die Handelsleute, welche unsern Landestheil mit Uhren und Schmucksachen zu besuchen gedenken.«

»Du hast Recht, meine Liebe, und die ganze Sache ist jetzt klar. Mr. Newcome sagte, sie würden sich uns wahrscheinlich zu Troy anschließen, wenn wir gemeinschaftlich auf der Eisenbahn nach Saratoga führen. Doch da kommt Opportunity selbst, ihr Bruder kann also nicht weit sein.«

Und in diesem Augenblick trat richtig meine alte Bekanntschaft Opportunity Newcome mit einer Miene von Selbstzufriedenheit und einer Sorglosigkeit des Wesens, wie man Beides bei den meisten ihrer Kaste zu finden pflegt, in das Wirthshauszimmer. Ich zitterte für meine Maske, denn um über einen sehr zarten Punkt mich offen auszusprechen, muß ich sagen, Opportunity hatte mir so gar scharf zugesetzt, daß mir kaum ein Fünkchen von Hoffnung übrig blieb, ihr weiblicher Instinkt, gespornt und gesteigert durch den Wunsch, Gebieterin des Nesthauses zu werden, könne möglicherweise die tausend Eigenthümlichkeiten übersehen, die immerhin noch einem Menschen anhaften mußten, dessen Persönlichkeit sie zu ihrem besondern Studium gemacht hatte.


 

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