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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel.

Bürgerhaufen: Sprich! Sprich!
Erster Bürger: Seid ihr alle entschlossen, lieber zu sterben, als zu hungern?
Bürgerhaufen: Ja, fest entschlossen!
Erster Bürger: So vernehmt denn zuerst: Cajus Marcus ist der Hauptfeind des Volkes.
Bürgerhaufen: Wir wissen es, wir wissen es.
Erster Bürger: Wir wollen ihn todtschlagen, und können dann für das Korn selbst den Preis machen. Bleibt's dabei?

 

Selbst der eingefleischteste Manhattanese, wenn er schon etwas von der Welt gesehen hat, muß einräumen, daß New-York im Allgemeinen auf das Auge keinen sehr günstigen Eindruck macht. Dieß fiel mir sogar um diese Stunde auf, als wir stolpernd auf einem heillos schlechten Nebenwege dahin gingen; denn Jedermann kann sich denken, daß ich nach einer Abwesenheit von fünf Jahren mich allenthalben umsah. Unmöglich konnten mir die ungereimten Zusammenstellungen entgehen – die Marmorwohnungen in unmittelbarer Berührung mit erbärmlichen niedern Holzhäusern, das schlechte Pflaster, und vor allem das kleinstädtische Aussehen einer Stadt von fast viermalhunderttausend Seelen. Ich weiß zwar wohl, daß viele von den Mängeln der schnellen Vergrößerung zuzuschreiben sind, welche dem Platz ein so buntes, wirres Aussehen gegeben hat; aber, obgleich ein Manhattanese von Geburt, halte ich es doch für passend, den Uebelstand unverhohlen zuzugestehen, wäre es auch nur zur Belehrung eines gewissen Theils meiner Mitbürger, welche in Betreff dieses Punktes an einer gewissen Verblendung leiden. Was die Vergleichung der Bai von New-York mit der von Neapel betrifft, so mag ich mich um der spießbürgerlichen Gefühle von Broadway und Bondstreet willen ebenso wenig einer solchen Thorheit schuldig machen, als ich den Handel des alten Parthenope dem des alten New-York an die Seite stellen möchte, um dadurch in den Busen irgend eines Bottegajo von Toledo oder von dem Chiaja selbstgefällige Empfindungen zu wecken. Unser schnell zunehmendes Manhattan ist in seiner Art eine große Stadt, ein wundervoller Platz, der meiner Ansicht nach, was Unternehmungsgeist und Geschäftstätigkeit betrifft, auf Erden nicht seines Gleichen hat; es wäre daher nicht leicht, einen derartigen Ort durch Spötteleien und Hindeutungen auf den positiven Stand der neuen Welt lächerlich zu machen, obschon er durch eine Vergleichung mit London, Paris, Wien und Petersburg weit verlieren müßte. Der Manhattanese trägt sich viel zu viel mit der amerikanischen Vorstellung von der Gewalt der Zahlen, und glaubt daher, daß der höhere Rang, den eine Stadt einnimmt, gleichfalls durch Majoritäten zu erzielen sei. Aber nein – laßt uns stets des alten Sprüchleins eingedenk sein: » ne sutor ultra creqidam.» New-York kann wohl die Königin des »Geschäftslebens,« nicht aber die Königin der Welt genannt werden.

Jeder, der von Reisen zurückkömmt, sollte einen Beitrag zu dem allgemeinen Wissensvorrath mitbringen; ich will daher meinen Mitbürgern einen Wink geben, der ihnen, wie ich glaube, als Maßstab dienen, und sie an einem gewissen moralischen Pulsschlag erkennen lassen kann, wann ihre Vaterstadt sich wirklich zur Höhe einer eigentlichen Großstadt aufzuschwingen beginnt. Als guten Grundsatz kann man wohl betrachten, daß die Einfachheit an die Stelle der Anmaßung treten müße; da aber die Erkenntniß, ob dieß wirklich stattgefunden habe, viel Uebung oder angebornen Geschmack erfordert, so will ich eine andere Regel aufstellen, die mehr für die Sinne spricht, und die Anzeigen wenigstens gut erkennen läßt. Erst wenn wir aufhören, unsere freien Plätze Parke, oder die Pferde-Bazars und die fashionablen Straßen Tattersalls und Bonstreet zu nennen – wann der Washingtonmarkt wieder in einen Bärenmarkt umgetauft wird – wann Franklin, Fulton und andere große Gelehrte oder Erfinder die unverdiente Ehre verlieren, Schlachthäuser mit ihren Namen zieren zu müssen, wann der Ausdruck Commerciell nicht mehr als ein Vorwort von Emporium gebraucht wird – wann man vom Ausland zurückkehren kann, ohne die stete Frage hören zu müssen, »ob man wieder mit dem Vaterlande versöhnt sei,« und wann an Fremdlinge nicht je die zweite Frage lautet: »wie gefällt Euch unsere Stadt?–«dann erst können wir glauben, die Stadt fange an, auf eigenen Beinen zu gehen, und könne für etwas gelten.

Obschon New-York zuverlässig den Charakter einer Provinzialstadt trägt, und als solche die eigenthümlichen Gebrechen, Gewohnheiten und Denkweisen des Provinzlebens in sich vereinigt, so birgt sie doch manchen Mann von Welt, sogar unter der Zahl Derjenigen, die ihren Herd nie verlassen habe». In diese Klasse müssen wir auch Jack Dunning, wie mein Onkel ihn nannte, zählen, und der Leser weiß, daß wir eben im Begriff sind, dessen Haus in Chamber-Street aufzusuchen.

»Wenn wir nicht gerade zu Dunning gingen,« sagte mein Onkel, als wir zu Greenwich-Street heraustraten, »so würde ich mich nicht fürchten, von den Dienern erkannt zu werden, denn Niemand denkt hier daran, einen Bedienten auch nur halbe Jahre beizubehalten. Dunning jedoch gehört der alten Schule an, und ist kein Freund von neuen Gesichtern; wir werden daher an seiner Thüre keinen Irländer treffen, wie dieß unter drei Häusern, die man heut zu Tage besucht, stets bei zweien der Fall ist.«

Eine Minute später langten wir unten an Mr. Dunning's »Stoup« an. Diese Stoups oder Vorhallen sind eine wahrhaft höllische Erfindung für ein Klima mit so grimmiger Kälte, wie das unserige ist. Doch, da waren wir, und ich bemerkte, daß mein Onkel zögerte.

» Parlez au Suisse ,« sagte ich. »Zehn gegen Eins, er ist frisch aus einem Bailly so oder so.«

»Nein, nein, es muß der alte Nigger Garry sein.« Onkel Ro war selbst von der alten Schule, und pflegte stets »Nigger« zu sagen. – »Unmöglich kann sich Jack von Garry getrennt haben.«

»Garry« war das Diminutiv von Garret, einem in Amerika ziemlich gewöhnlichen holländischen Vornamen.

Wir klingelten, und – nach etwa fünf Minuten ging die Thüre auf. Obschon eben jetzt die Ausdrücke »Aristokrat« und »Aristokratie« durch ganz Amerika ebensosehr in aller Leute Munde sind, als man die Worte »Lehenwesen« und »Mittelalter« nicht blos auf die Pachtverhältnisse, sondern auch auf gewisse Arten zu leben anwendet, so gibt es doch im ganzen Lande nur einen einzigen Pförtner, und dieser gehört zum weißen Haus in Washington. Ja, ich fürchte sogar, daß selbst diese Person, so königlich einzig sie als Pförtner dasteht, oft nicht vorhanden ist, wie denn auch die Aufnahme, die man – im Falle er sich finden läßt – von ihm erhält, nicht eben unter die glänzendsten und königlichsten gehört. Nachdem wir drei Minuten gewartet hatten, sagte Onkel Ro:

»Ich fürchte, Garry thut beim Kuchenfeuer ein Schläfchen. Will's doch noch einmal versuchen.«

Onkel Ro klingelte abermals, und zwei Minuten später öffnete sich die Thüre.

»Was steht zu Dienst?« fragte der Suisse mit derbem Accent.

Mein Onkel fuhr zurück, als hätte er einen Geist gesehen; dann aber fragte er, ob Mr. Dunning zu Hause sei.

»Ja wohl, Sir!«

»Ist er allein, oder hat er Gesellschaft?«

»Ja wohl, Sir.«

» Was, ja wohl?«

»Daß es so ist.«

»Wollt Ihr Euch die Mühe nehmen, mir zu erklären, was so ist? Hat er Gesellschaft, oder ist er allein?«

»Just dieß. Spaziert herein; er wird erfreut sein, Euch zu sehen. Seine Ehren ist ein feiner Gentleman, und es ist wahrhaftig eine Freude, bei ihm zu leben.«

»Wie lange ist's her, daß Ihr Irland verlassen habt?«

»Es ist schon lange,« entgegnete Barney, indem er die Thüre schloß. »Dreizehn Wochen auf den Tag hin; aber tretet ein.«

»Nur voran, und zeigt uns den Weg. Hugh, es ist ein schlimmes Vorzeichen, daß von allen Menschen im Lande gerade Jack Dunning seinen Bedienten wechseln mußte. Wie konnte er auch den guten, ruhigen, trägen, achtbaren Graukopf, den Neger Garry gegen einen solchen Sumpfvogel, wie dieser Kerl da, vertauschen, der die Treppen hinaufklettert, als ob er nur an Leitern gewöhnt sei.«

Wir mußten in den zweiten Stock hinaufsteigen, und Dunning in seiner Bibliothek aufsuchen, wo er stets seine Abende zu verbringen pflegte. Als er uns Beide vor sich stehen sah, drückte er eine eben so große Ueberraschung aus, als die war, welche mein Onkel kurz zuvor erfahren hatte. Eine bedeutsame Geberde bewog ihn jedoch, die Hand seines Freundes und Klienten zu ergreifen. Es wurde kein Wort gesprochen, bis der Schweizer das Zimmer verlassen hatte, der, die Thüre in der Hand, eine lästig lange Weile stehen blieb, um zu hören, was zwischen seinem Herrn und dessen Gästen vorgehe. Endlich aber trat der ehrliche, wohlmeinende Bursche ab, und die Thüre schloß sich.

»Mein letztes Schreiben hat Euch nach Hause gebracht, Roger,« begann Jack, sobald er sprechen konnte; denn sein Schweigen hatte eben so sehr in der Ueberraschung seiner Gefühle, als in der nöthigen Vorsicht seinen Grund.

»Dieß ist allerdings der Fall. Dem gemäß, was ich gehört habe, müssen große Veränderungen im Land vorgegangen sein, und eines der schlimmsten Anzeichen besteht wohl darin, daß Ihr Garry abschafftet, und einen Irländer an seine Stelle setztet.«

»Ach, leider sterben alte Leute so gut, wie alte Grundsätze. Der arme Bursche segelte in der letzten Woche ab, und in Ermanglung eines Bessern nahm ich den Irländer in's Haus. Nachdem ich den guten Garry, der noch als Sklave im Haus meines Vaters geboren wurde, verloren hatte, war mir alles gleichgültig, und ich ließ mir den ersten besten gefallen, der mir von dem Ankündigungs-Bureau zugeschickt wurde.«

»Wir müssen behutsam sein, Dunning, und dürfen uns nicht zu bald fügen. Aber hört mich zuerst an, und dann wollen wir auf andre Dinge übergehen.«

Mein Onkel setzte ihm jetzt auseinander, daß er incognito bleiben wolle, und theilte ihm die Gründe seines Wunsches mit. Dunning hörte aufmerksam zu, schien aber unschlüssig zu sein, ob er den Plan seines Freundes gut heißen oder tadeln sollte. Die Sache wurde in Kürze verhandelt, und dann auf weitere Besprechung ausgesetzt.

»Wie steht es mit jenem großen moralischen Zerwürfniß, dem sogenannten Anti-Rentismus? ist er im Abnehmen oder noch immer im Steigen begriffen?«

»Dem äußeren Anschein nach vielleicht im Abnehmen; was jedoch die Grundsätze, das Recht und die Thatsache betrifft, müssen wir eher von einem weiteren Umsichgreifen sprechen. Die Sucht, sich Stimmen zu sichern, wirkt auf die Politiker aller Farben so verführerisch, daß sie sich bereitwillig als Werkzeuge brauchen lassen, und es steht nun im hohen Grade zu befürchten, daß diese dreiste Widerrechtlichkeit fortan unter gesetzlichen Formen begangen wird.«

»In welcher Weise wäre ein Gerichtshof im Stande, einen bestehenden Vertrag anzutasten? Die oberste Justizstelle der Vereinigten Staaten muß nothwendig alles wieder in's Gleiche bringen.«

»Ich muß sagen, daß dieß allerdings die einzige Hoffnung aller rechtlich Gesinnten ist; im Uebrigen aber wäre es Thorheit, zu erwarten, daß eine Körperschaft, wie die aus dem gewöhnlichen Menschenschlag zusammengesetzte Staatsgesetzgebung ist, der Verlockung widerstehen sollte, sich durch Begünstigung des großen Haufens den Besitz der Macht zusichern. Von dieser Seite her ist also nichts zu hoffen. Einzelne leisten vielleicht Widerstand; aber die allgemeine Stimmung wird sich im Gegensatz zu den Wenigen für das Interesse der Vielheit erklären, und dann müssen eben die Theorien durch schwülstige Tiraden unterstützt werden. Zuvörderst wird man den Vorschlag aufgreifen, die Renten unter dem Namen von Erbzins zu besteuern.«

»Dieß wäre ein höchst ungerechtes Verfahren, und würde einen Widerstand ebenso rechtfertigen, als sich unsere Vorfahren für berechtigt hielten, sich gegen die Besteuerung Großbritanniens aufzulehnen.«

»Im gegenseitigen Falle sogar noch mehr, da wir die schriftliche Zusicherung einer gleichförmigen Besteuerung haben. Der große Grundbesitzer zahlt bereits aus jeder seiner Farmen eine vollständige Steuer, die im ursprünglichen Vertrag mit dem Pächter von der Rente in Abzug kömmt, und nun will man die Renten selbst mit einer neuen Taxe belegen. Auch geschieht dieß nicht etwa in der Absicht, um die Staatseinkünfte zu erhöhen, da man zugestandener Maßen keine weiteren Mittel braucht, sondern es liegt dem Ganzen blos der Plan zu Grund, den Grundbesitzern immer mehr Anlaß zu geben, daß sie gerne von ihren Berechtigungen abstehen. Hat man's einmal so weit gebracht, so wird für den Verkauf der Grundsatz aufgestellt, daß Niemand als der Pächter Käufer sein dürfe oder könne. Dann werden wir ein schönes Schauspiel erleben. Leute, welche sich unter der Bedrängniß eines Geschreies, das so viel wie thunlich im Gesetz einen Hinterhalt erzwungen hat, von ihrem Eigenthum trennen, und Käufer, welche das Monopol besitzen, selbst den Preis machen zu dürfen! Ja, es geht schön zu in einem Lande, welches sich auf seine Liebe zur Freiheit so große Stücke einbildet, und in welchem die vorherrschende Klasse der Politiker Freunde eines vollkommen freien Verkehrs sind!«

»Mit den Inkonsequenzen der Politik nimmt es freilich kein Ende.«

»Es hat kein Ende mit der Schurkerei, wenn die Männer der Gewalt sich durch Köpfe, nicht durch Grundsätze beherrschen lassen. Bezeichnet die Zustände lieber mit dem rechten Namen, Ro, denn sie verdienen es wohl. Diese Sache ist so einfach, daß sie ein Blinder verstehen kann.«

»Aber wird der Besteuerungsentwurf durchgreifen? Uns z. B. kann er nichts angehen, da unsere Pachtverträge auf drei Lebensdauern festgesetzt sind.«

»O, dieß will noch nichts heißen. Für Leute in Eurer Lage sinnt man auf ein Gesetz, welches fortan verbietet, länger als auf fünf Jahre zu verpachten. Hugh's Verträge werden bald fällig sein, und dann kann er Niemand mehr länger als auf fünf Jahre zu einem Sklaven machen.«

»Sicherlich wird kein Mensch so thöricht sein, zu glauben, daß das Durchgehen eines derartigen Gesetzes die Aristokratie dämmen, und den Pächtern Vortheile verschaffen werde!« rief ich lachend.

»Lacht wie Ihr wollt, junger Sir,« nahm Jack Dunning wieder auf, »aber mit der Absicht trägt man sich wirklich. Ich kann mir wohl denken, was Ihr vorbringen wollt; Ihr werdet sagen, je länger der Pachtvertrag währt, desto mehr Vortheil hat der Pächter, wenn anders die Bedingungen leidlich sind; auch können die größeren Grundbesitzer für die Benützung ihrer Ländereien nicht mehr verlangen, als sie in diesem Land Werth sind, wo es zufälliger Weise mehr Grund und Boden, als Arbeiter gibt. Aber nein, die Landbesitzer erhalten aus diesem einfachen Grunde eher weniger für ihren Boden, als er werth ist. Ihr denkt deßhalb, wenn man einen Pächter zwinge, für die kurze Dauer von fünf Jahren einen Vertrag einzugehen, so erwachse ihm daraus ein Nachtheil, und er falle mehr der Willkür des Grundherrn anheim, weil er natürlich wünschen müsse, sich die Kosten und Mühen eines Umzugs zu ersparen, auch liege es in seinem Interesse, die angesäten Aecker zu schneiden, und den Ertrag des von ihm gemachten und verführten Düngers einzuheimsen. Ich sehe wohl, wie Ihr da rechnet, junger Sir; aber Ihr seid kläglich weit hinter der Zeit zurück.«

»Dann müßte die Zeit in der That wunderlich sein! Durch die ganze Welt herrscht die Ansicht, daß Pachtverträge von langer Dauer im Interesse des Pächters liegen, und caeteris paribus kann dieß Verhältniß durch nichts geändert werden. Wohl können durch eine derartige Maßregel Recht, Moral und eine bestimmte Gesetzgebung verletzt werden; aber wie wäre ein neuer Steuersatz im Stande, uns unsere Berechtigungen überhaupt zu entreißen? Nach der Art, wie ich anderweitig auf Ravensnest besteuert bin, hätte ich aus hundert Dollars Renten etwa fünfundfünfzig Cents zu bezahlen; wer kann wohl glauben, ich werde um einer solchen Auflage willen ein Besitzthum aufgeben, daß sich in meiner Familie durch fünf Generationen vererbt hat?«

»Ganz schön, Sir, ganz schön! prächtige Worte – aber ich möchte Euch rathen, ja nicht von Euren Vorhaben zu sprechen. Heut zu Tage können sich Grundbesitzer nicht ungestraft auf ihre Vorfahren berufen.«

»Ich erwähne der meinigen blos als eines Grundes für die natürliche Vorliebe, die mich an meine Güter fesselt.«

»Dieß könntet Ihr thun, wenn Ihr ein Pächter wäret, aber als einem Grundbesitzer läßt man es Euch nicht hingehen. Beim Grundbesitzer wird es zu aristokratischem, unerträglichem Stolze, der im höchsten Grad anstößig oder, wie Dogberry sagt: ›ganz tolerabel und nicht zu prästiren‹ ist.«

»Gleichwohl handelt sich's um eine Thatsache, und es liegt nur in der Natur derselben, daß sich die Gefühle nicht von ihr loszählen können.«

»Je unwidersprechlicher ein Thatbestand ist, desto weniger wird er Beifall finden. Man bringt eine Stellung in der Gesellschaft wohl mit Reichthum und anderweitigem Besitz in Verbindung, aber nicht mit Farmen, und je länger man letztere in einer Familie hatte, desto schlimmer ist es.«

»Ich glaube, Jack,« fügte Onkel Ro bei, »daß bei uns das Gegentheil von dem stattfindet, was in der ganzen übrigen Welt Geltung hat. Man ist der Ansicht, die Ansprüche einer Familie werden durch die Zeit eher vermindert, als verstärkt.«

»Gewiß,« antwortete Dunning, ohne mir Gelegenheit zu geben, etwas beizufügen. »Erinnert Ihr Euch noch jenes albernen Briefs, den Ihr mir Einmal aus der Schweiz in Betreff einer Familie, de Blonai genannt, schriebt? Ihr sagtet, sie hause schon etliche sechs- oder achthundert Jahre auf einem kleinen Felsenschlößlein, und wußtet mir nicht genug zu erzählen von der Achtung und Verehrung, welcher dieser Umstand wecke. Na, alles dieß war sehr thöricht, wie Ihr bei Gelegenheit Eures Incognitobesuchs zu Ravensnest finden werdet. Ich will dem Resultat der Belehrung, die Ihr dort zu gewärtigen habt, nicht vorgreifen, aber geht immerhin in diese Schule.«

»Die Rensselaers und andere große Grundeigenthümer, welche Besitztümer mit eisernen Verträgen haben, werden wahrscheinlich nicht geneigt sein, sie auszugeben, wenn man ihnen nicht Bedingungen stellt, die ihnen zusagen,« bemerkte mein Onkel. »Keinesfalls kann die unbedeutende Steuer, von der Hugh sprach, einen Anlaß dafür abgeben. Was verspricht sich also die Gesetzgebung von Erlassung einer derartigen Auflage?«

»Daß ihre Mitglieder Freunde des Volkes, und nicht Freunde der Grundbesitzer genannt werden. Wird wohl Jemand seine Freunde besteuern, wenn er es ändern kann?«

»Aber, was wird der Theil des Volks, der sich der Anti-Rentenbewegung angeschlossen hat, durch diese Maßregel gewinnen?«

»Nichts; und ihre Beschwerde wird nachher eben so laut klingen, ihre Habgier eben so regsam sein. Keine Gesetzgebung kann in der Sache ein Ende erzielen, wenn sie nicht alle Wünsche dieser unruhigen Köpfe befriedigt. Ihr werdet Euch erinnern, daß ein Comité der Assembly sogar den Beschluß beantragt hat, der Staat sei befugt, alle die fraglichen Ländereien an sich zu ziehen, und sie an die Pächter oder an sonst Jemand zu verkaufen. Wenn ich mich recht erinnere, lautet ungefähr so der Inhalt dessen, was die weise Versammlung herausgeklügelt hat.«

»Die Constitution der Vereinigten Staaten muß Hugh's Aegide sein.«

»Und diese allein wird ihn schützen, kann ich Euch sagen; aber ohne diese ehrenhafte Vorsorge in der Constitution der Föderalregierung würde sein Besitzthum unfehlbar für die Hälfte des wahren Werthes in fremde Hände gehen. Es führt zu nichts, den Stand der Dinge zu bemänteln oder dem Glauben Raum zu geben, die Menschen seien ehrlicher, als sie sind – man spricht in diesem Lande so viel von einem höllischen Gefühl der Selbstsucht, citirt es, und kömmt bei allen Gelegenheiten wieder darauf zurück, so daß man sich fast lächerlich macht, wenn man thut, als halte man noch auf Grundsätze

»Habt Ihr gehört, auf was es die Pächter von Ravensnest insbesondere abheben?«

»Sie möchten eben gerne Hugh's Ländereien haben, dieß ist alles, weiter nichts, kann ich Euch versichern.«

»Und darf ich fragen, unter welchen Bedingungen?« entgegnete ich.

»Sie möchten leichten Kaufs dazu kommen, wie sie selbst zu sagen pflegen, obschon auch einige darunter sind, welche erklären, sie seien bereit, einen schönen Preis dafür zu zahlen.«

»Aber ich wünsche sie nicht einmal für einen schönen Preis zu verkaufen, da mir nicht entfernt einfällt, mich von einen Eigenthum zu trennen, daß mir durch die theuersten Familienerinnerungen lieb geworden ist. Ich habe auf meiner Besitzung ein kostspieliges Haus und Anwesen; dieses erhält seinen Hauptwerth von dem Umstande, daß es sich einer Lage erfreut, welche mich befähigt, auf die bequemste Weise nach meinen Angelegenheiten zu sehen. Was könnte ich mit dem Gelde anders anfangen, als ein anderes Gut kaufen? Das, welches ich bereits besitze, ist mir jedenfalls lieber.«

»Pah, Junge, erinnerst du dich nicht? Du kannst Wechsel discontiren,« sagte Onkel Ro trocken. »Das höchste Tribunal hat sich dafür entschieden, daß dieser Beruf ein ehrenwerther sei, und Niemand sollte sich über das Geschäftsleben erheben wollen.«

»In einem freien Lande habt Ihr kein Recht, Sir,« entgegnete Jack Dunning mit Schärfe, »ein Besitzthum dem andern vorzuziehen, namentlich nicht, wenn andre Leute ein Auge darauf haben. Eure Ländereien sind an ehrliche, der harten Arbeit gewöhnte Männer verpachtet, welche ohne silberne Gabeln ihr Essen hinunterbringen, und deren Vorfahren ...«

»Halt,« rief ich lachend, »ich lasse keine Vorfahren gelten. Ihr erinnert euch, daß in einem freien Lande Niemand ein Recht an Ahnenschaft hat!«

»Der Grundbesitzer nicht, wohl aber der Pächter, denn dieser kann einen Stammbaum haben, so lange als die maison de Levis. Nein Sir, jeder Eurer Pächter hat die volle Befugniß zu verlangen, daß seine Familiengefühle geachtet werden. Sein Vater hat jenen Obstgarten angepflanzt, und die Aepfel darin sind ihm lieber als alle Aepfel der Welt ...«

»Und mein Vater hat die Propfreiser beigeschafft und sie ihm zum Geschenk gemacht.«

»Sein Großvater lichtete jenes Feld und arbeitete die Asche zu Pottasche um ...«

»Und mein Großvater erhielt jedes Jahr aus dem Lande, dessen Asche ihm zweihundertundfünzig Dollar einbrachte, eine Rente von zehn Schillingen.«

»Sein Urgroßvater, ein ehrlicher, trefflicher Mann – ja sogar überehrlich, ein vertrauensvolles Wesen – nahm sich zuerst des Landes an, als es noch eine Wildniß war, fällte mit eigenen Händen das Holz, und besäete den Grund mit Weizen –«

»Dessen Ertrag ihm zwanzigfältig Mühe und Aufwand vergütete, sonst wäre er nicht so einfältig gewesen, sich damit zu befassen. Auch ich hatte einen Großvater – hoffentlich wird man es nicht für aristokratisch halten, wenn ich dieß behaupte. Dieser – ohne Zweifel ein unehrenhafter, gefährlicher Schurke – trat das besagte Grundstück auf sechs Jahre vollkommen rentenfrei ab, damit sich's das ›arme vertrauensvolle Wesen‹ darauf bequem mache, ehe es anfing, für die übrigen drei Lebensdauern vom Acker sechs Pence oder einen Schilling zu zahlen, sich dabei der moralischen Gewißheit erfreuend, daß der Vertrag nach Ablauf desselben unter den freigebigsten Bedingungen, wie man diese nur in einem neuen Land kennt, wieder zu erneuern sei. Der ehrliche Mann wußte dabei recht wohl, daß er keine zwei Stunden vor seiner Thüre freies und eigenes Land erwerben konnte; gleichwohl aber gefiel ihm jener Handel weit besser, als dieser.«

»Genug mit solchen Thorheiten,« rief Onkel Ro, in das Gelächter einstimmend. »Wir alle wissen, daß man in unserem trefflichen Amerika mit den besten Ansprüchen an eine Sache thun muß, als besitze man die allergeringsten, um nur das Ungeheuer Neid zu ersticken. Da wir in Betreff unserer Grundsätze einig sind, so wollen wir auf Thatsachen übergehen. Was wißt Ihr von den Mädchen, Zack, und meiner verehrten Mutter?«

»Die edle, heldenmüthige Frau befindet sich in diesem Augenblick zu Ravensnest; die Mädchen wollten sie nicht allein ziehen lassen und haben sie begleitet.«

»Und Ihr, Jack Dunning, duldetet, daß sie unbeschützt nach einem Landestheil ging, der sich in offenem Aufruhr befindet?« fragte mein Onkel vorwurfsvoll.

»Ei, ei, Hodge Littlepage, dieß ist wohl recht erhaben als Theorie, aber nicht so einleuchtend, wenn es in Praxi ausgeführt werden soll. Ich habe Mistreß Littlepage und ihr junges Volk aus dem guten, sehr wichtigen Grund nicht begleitet, weil ich nicht getheert und gefedert zu werden wünschte.«

»Ihr habt sie also der Gefahr preisgegeben, an Eurer Statt getheert und gefedert zu werden?«

»Sagt, was Ihr wollt, von dem Freiheitsgeschrei, das jetzt so gewöhnlich unter uns wird und von dem wir früher nichts hörten; sagt, was Ihr wollt, Ro, von der Inconsequenz Derjenigen, welche in demselben Augenblicke, in welchem sie nach ausschließlichen Rechten und Privilegien für ihre Person ringen, über Feudalwesen, Aristokratie und Adel schimpfen; sagt, was Ihr wollt, über den Neid, dieses hervorragende Laster Amerika's, über Unehrenhaftigkeit, Schurkerei, Habgier und Selbstsucht – ich will Euch in allen Punkten beistimmen; nur sagt mir nicht, ein Frauenzimmer könne ernstlich in Gefahr kommen unter was immer für einem Amerikanerhaufen, selbst wenn dieser aus Antirenters und maskirten Rothhäuten obendrein bestünde.«

»Wenn ich weiter darüber nachdenke, so glaube ich, daß Ihr hierin Recht habt. Verzeiht mir meine Wärme; aber ich habe in letzter Zeit in der alten Welt und in einem Lande gelebt, in welchem es noch nicht so lange her ist, daß man sogar Frauen wegen ihrer politischen Ansichten auf's Schaffott führte.«

»Weil sie sich in Politik mengten. Eure Mutter ist in keiner ernstlichen Gefahr, obgleich schon ein kräftiger, weiblicher Sinn dazu gehört, sich auch nur zu dieser Ueberzeugung aufzuschwingen. Es gibt wenige Frauen im Staate, die ihrem Beispiele Folge geleistet haben würden, namentlich wenn man dabei ihr hohes Lebensalter berücksichtigt; und auch den Mädchen rechne ich es hoch an, daß sie nicht von ihr wichen. Die Hälfte der jungen Männer New-Yorks waren ganz verzweifelt bei dem Gedanken, daß drei so ehrenwerthe Damen sich einer Verunglimpfung aussetzen sollten. Eure Mutter ist nur gerichtlich belangt worden.«

»Gerichtlich belangt worden? Wem ist sie etwas schuldig, oder was kann sie gethan haben, um sich diesen Schimpf zuzuziehen?«

»Ihr wißt, oder solltet es wenigstens wissen, wie es in diesem Lande zugeht, Littlepage; wir müssen uns ein bischen vor den Gerichten herumschlagen, selbst, wenn es uns darum zu thun ist, gegen alles Recht zu handeln. Ein offener, dreister Schurke, der unverhohlen dem Gesetz Trotz bietet, ist eine wunderseltene Erscheinung. Wir sprechen vielleicht dann am meisten von Freiheit, wenn wir ihr den tiefsten Stoß versetzen wollen, und auch die Religion betheiligt sich in nicht geringem Grade an unsern Lastern. So haben nun auch die Antirenters dem Gesetz aufgeboten, um für ihre Anschläge eine Beihilfe zu finden. Wie ich höre, wurde einer von den Rensselaers wegen Geldes verklagt, daß er in einem Fährboot borgte, um damit die Fahrt über einen Fluß bis an seine Hausthüre bezahlen zu können, und eine weitere gerichtliche Aufforderung betraf Kartoffeln, welche seine Gattin in den Straßen von Albany gekauft haben sollte.«

»Von den Rensselaers aber braucht Keiner Geld zu borgen, um einen Fährmann zahlen zu können, da dieser ihn sicherlich kannte; auch stehe ich dafür, daß nie eine Dame aus der Familie Rensselaers in den Straßen von Albany Kartoffeln gekauft hat.«

»Ich finde, daß Ihr von Euren Reisen einige Kenntniß mitgebracht habt,« sagte Jack Dunning mit komischem Ernste. »Eure Mutter schreibt mir, sie sei wegen siebenundzwanzig Paar Schuhen verklagt worden, die ihr ein Schuhmacher geliefert haben soll, von dem sie nie etwas sah oder hörte, bis sie den Zahlungsbefehl erhielt.«

»Dieß ist also eine von den Belästigungsweisen, welche man in Anwendung bringt, um den Grundbesitzern ihr Eigenthum zu entleiden?«

»Ja. Und wenn die Grundbesitzer sich sogar auf ihre feierlichen, mit gutem Vorbedacht eingegangenen Verträge berufen, welche in einem Grundgesetz eine heilige Bürgschaft haben, so schallt gleichwohl das Geschrei über Aristokratie und Bedrückung aus dem Munde derselben Menschen, und wiederholt sich unter vielen von den Geschöpfen, die hohe Ehrenstellen unter uns einnehmen – oder doch Ehrenstellen einnehmen würden – wenn diese eine solche Bezeichnung durch den Umstand verdienten, daß sie mit würdigen Männern besetzt wären.«

»Ich sehe, Ihr gebt Euren Worten keinen Hinterhalt, Jack.«

»Warum sollte ich auch? Worte sind das Einzige, was mir geblieben ist. Ich habe in der Regierung unseres Staats so wenig Gewicht, als jenem Irländer, der Euch eben einließ, nach fünf Jahren zustehen wird. Weniger sogar, denn er wird durch seine Stimme eine Majorität anschwellen helfen, während die meinige, da ich sie nur nach Grundsätzen abgebe, wahrscheinlich für Niemand einen Nutzen hat.«

Dunning gehörte zu einer Schule, welche ziemlich viel speculative und unausführbare Theorien mit einer gediegenen Grundsatzfestigkeit verbindet, sich aber nutzlos macht, weil sie nichts von einem Vergleich wissen will. Gleichwohl hielt er es nicht mit jener Klasse von amerikanischen Doktrinären, welche behaupten – nein nicht behaupten, denn in unserem Lande thut dieß Niemand mehr, was auch seine Ansichten über den Gegenstand sein mögen – sondern welche denken, daß die politische Gewalt in letzter Stufe das Eigenthum weniger sein müsse. Er verlangte vielmehr im Gegentheil, daß New-York umfassende Vollmachten und Berechtigungen haben müsse. Demungeachtet war er kein Freund des allgemeinen Stimmrechts in seiner weitesten Ausdehnung, wie es wirklich besteht – eines Stimmrechts, dem im Innern vielleicht volle Dreiviertheile der ganzen Bevölkerung abgeneigt sind, obgleich kein einflußreicher Politiker der Jetztzeit den moralischen Muth besitzt, es auszusprechen. Dunning beugte sich vor den Grundsätzen, nicht vor den Menschen; er wußte wohl, daß ein untrügliches Ganzes nicht aus trüglichen Theilen bestehen durfte, und wenn er auch glaubte, daß viele Dinge durch Stimmenmehrheit zur Entscheidung gebracht werden müßten, hielt er doch an der Ansicht fest, daß es Rechte und Prinzipien gebe, die sogar der Einstimmigkeit, wie sie durch Menschen kund gegeben werden kann – geschweige denn den Majoritäten unnahbar wären. Mit seinen politischen Grundsätzen verband übrigens Dunning keine selbstsüchtigen Plane, da er nach keinem Amte strebte und deßhalb sich auch nicht veranlaßt sah, eine Außenseite anzunehmen, die nicht mit seinen Gedanken und Wünschen im Einklang stand. Er hatte seine Heimath nie verlassen, da sonst wahrscheinlich seine Ansichten von den Mißbräuchen in den verschiedenen Systemen, welche in der Welt Geltung haben, eine ganz andere Gestaltung gewonnen haben würden. Die ihm aus der täglichen Erfahrung bekannten Verhältnisse stammten nothwendig aus einer demokratischen Quelle, da es in Amerika weder einen Monarchen noch eine Aristokratie gibt, durch welche eine andere die Vergleichung möglichmachende Gestaltung der Dinge hätte hervorgerufen werden können, und da es auch unter solchen Zuständen an Mißbräuchen durchaus nicht fehlt, so darf es Niemand wundern, wenn er zuweilen die Thatsachen ein wenig entstellte und die Uebel vergrößerte.

»Und meine edle, hochsinnige, ehrwürdige Mutter hat sich also wirklich nach dem Nest begeben, um dem Feind entgegenzutreten?« rief mein Onkel nach einer Pause.

»Ja wohl, und die edlen, hochsinnigen, aber nicht ehrwürdigen Mädchen sind mit ihr gegangen,« entgegnete Mr. Dunning in seiner kaustischen Weise.

»Ihr meint wohl alle drei?«

»Alle drei – Martha, Henrietta und Anne.«

»Es wundert mich, daß die Letztere dieß gethan hat. Anna Marston ist ein so stilles, ruhiges, friedliebendes Mädchen, daß ich vermuthet hätte, wenigstens sie würde lieber bei ihrer Mutter bleiben, da dieß natürlich recht gut angegangen wäre, ohne zu irgend einer Bemerkung Anlaß zu geben.«

»Gleichwohl hat sie anders gehandelt. Mistreß Littlepage wollte einmal den Antirenters entgegentreten, und die drei Jungfrauen ließen sich's nicht nehmen, sie zu begleiten. Ohne Zweifel wißt Ihr, Ro, wie es bei dem zartern Geschlecht ist, wenn es sich etwas in den Kopf gesetzt hat?«

»Meine Mädchen sind lauter gute Kinder und haben mir nie sonderliche Ungelegenheiten gemacht,« antwortete mein Onkel wohlgefällig.

»Dieß glaub' ich Euch aufs Wort. Ihr seid bei Eurem letzten Ausfluge nur fünf Jahre von der Heimath abwesend gewesen.«

»Gleichwohl kann man dem Vormund keine Sorglosigkeit zur Last legen, da er Euch als Stellvertreter zurückließ. Hat Euch meine Mutter seit ihrer Ankunft unter den Schaaren der Philister nicht geschrieben?«

»Allerdings, Littlepage,« antwortete Dunning ernst; »ich habe dreimal von ihr gehört, denn sie schreibt mir stets, ich solle mich ja nicht auf dem Besitzthum blicken lassen. Ich wollte sie besuchen, aber sie benachrichtigte mich, daß dieß zu einer Scene der Gewaltthat führen könnte, ohne etwas zu nützen. Die Renten werden erst im Herbst fällig; bis dahin ist Master Hugh volljährig, und da zu erwarten stand, er werde um diese Zeit hier sein, um selbst nach seinen Angelegenheiten sehen zu können, so fühlte ich mich nicht bewogen, es für meine Person auf's Getheert- und Gefedertwerden ankommen zu lassen. Wir amerikanischen Rechtsgelehrten tragen keine Perücken, junger Gentleman.«

»Schreibt meine Mutter selbst, oder läßt sie schreiben?« fragte mein Onkel mit Theilnahme.

»Sie beehrt mich mit ihrer eigenen Hand. Ich kann Euch sagen, Roger, daß sie sogar viel besser schreibt, als Ihr.«

»Dieß kömmt daher, weil sie einmal, wie sie selbst zu sagen pflegt, die Fesseln der Liebe getragen hat. Schreibt Martha gleichfalls an Euch?«

»Natürlich; Ihr wißt ja, daß wir Beide, die süße, kleine Patty und ich, Busenfreunde sind.«

»Und sagt sie nichts von dem Indianer und dem Neger.«

»Von Jaaf und Susquesus? Ei freilich, Beide leben noch und sind wohl. Ich habe sie selbst gesehen, und erst im letzten Winter noch von ihrem Wildbrät gegessen.«

»Von den alten Burschen muß wohl jeder mehr als ein Jahrhundert auf dem Rücken haben, Jack; sie erwiesen sich bei meinem Großvater in dem alten französischen Krieg als sehr thätige, nützliche Leute, und waren schon damals älter als mein Großvater.«

»Ja, wenn ein Nigger oder eine Rothhaut sich der Mäßigkeit befleißt, so halten sie zäh am Leben. Laßt mich sehen, der Feldzug Abercrombies fand vor ungefähr achtzig Jahren statt. In der That die alten Knaben müssen weit über hundert sein, obgleich Jaap wie der älteste von Beiden aussieht.«

»Ich glaube, keiner von ihnen weiß die Zahl seiner Jahre anzugeben, obschon es schon lange her ist, daß man Beide für hundertjährig hält. Namentlich war Susquesus, als ich ihn zum letzten Male sah, noch erstaunlich rührig – wie etwa ein kräftiger Greis von Achtzig.«

»In letzter Zeit ist er gebrechlich geworden, obschon er, wie ich eben sagte, noch im vorigen Winter einen Hirsch schoß. Wie mir Martha schreibt, verirren sie sich öfter nach dem Nest hinunter, und der Indianer ist sehr erbittert über die jämmerlichen Nachahmungen seiner Rasse, die jetzt im Schwunge sind. Dem Vernehmen nach war er sogar mit Jaaf willens, gegen die Inschens in's Feld zu rücken. Auf Seneca Newcome sind sie ganz besonders erbost.«

»Wie geht es Opportunity? Nimmt sie auch Theil an dieser Bewegung?«

»Entschieden, wie ich höre. Sie hält es mit den Antirenters, wünscht aber zugleich mit ihrem Grundherrn auf gutem Fuße zu stehen.«

»Ein merkwürdiger Versuch, Gott und dem Mammon zugleich zu dienen! Sie ist übrigens nicht die Einzige, sondern wir haben wohl Tausende, welche in dieser Sache zwei Gesichter zur Schau tragen.«

»Hugh ist ein Verehrer von Opportunity,« bemerkte mein Onkel. »Ihr habt daher Ursache, in Euern Aeußerungen Maaß zu halten. Es versteht sich, daß der moderne Seneca mit Leib und Seele gegen uns ist?«

»Seneky möchte gern in die Gesetzgebung kommen und ist deßhalb natürlich auf der Seite der Mehrheit. Auch hat sein Bruder den Mühlpacht, und wünscht deßhalb natürlicher Weise selbst Eigenthümer zu sein, abgesehen davon, daß er noch weiter bei den Ländereien betheiligt ist. Was mir bei diesem Streit als vorzugsweise beachtenswerth auffiel, ist die Naivetät, mit welcher man die augenfälligen Aeußerungen der Habgier den sogenannten Prinzipien der Freiheit anzupassen bemüht ist. Hat Einer während einer Reihe von Jahren eine Farm bewirtschaftet, so stellt er dreist den Satz auf, diese Thatsache an sich gebe ihm einen hochmoralischen Anspruch, sie für immer zu besitzen. Schon die flüchtigste Untersuchung muß den Trugschluß darlegen, in Folge dessen diese Sophisten sich mit einer solchen Seelensalbung schmeicheln. Sie bebauen ihre Farmen kraft ihrer Verträge als Pächter, und im moralischen Sinne kann die Zeit keine andere Wirkung üben, als daß sie den Kontrakt heilige, folglich bindender macht. Diese Ehrenleute aber, deren Moral nur ihrem eigenen Sacke gilt, bilden sich ein, die durch die Zeit geheiligten Verträge geben ihnen ein Recht, schon wegen ihrer Dauer von den übernommenen Bedingungen abzugehen und für den Fall des Ablaufs derselben Ansprüche zu erheben, welche sogar weiter greifen, als wenn das Pachtverhältniß noch in Wirksamkeit stünde.«

»Schon gut, Jack, es ist nicht nöthig, sich in so vielen Worten über eine Frage zu ergehen, deren Bedeutung so leicht zu erfassen ist. Amerika ist entweder ein civilisirtes Land, oder es ist es nicht. Im erstern Falle wird es seine Gesetze und die Rechte des Eigenthums achten, im andern aber ist dieß nicht zu erwarten. Millionen und Millionen Kapital sind in pachtbarem Eigenthum angelegt, und das daraus entspringende politische Verhältniß hat seit dem Bestand unserer Institutionen einen wesentlichen Theil derselben gebildet; es gehört daher eine dreiste Stirne dazu, die Behauptung aufzustellen, daß das Pachtsystem dem Geist unserer Staatseinrichtungen zuwider laufe, und ich glaube nicht, daß irgend ein Mann in Albany Grütze genug besitzt, die bisherigen Grundsätze zu widerlegen. Man trägt sich zwar allgemein mit der Ansicht, daß das Hinneigen, die Tendenz zu gewissen Mißbräuchen, welche jedem System inne wohnt, den Geist des Letzteren bilde; dieß ist übrigens ein Trugschluß, dessen Irrthümlichkeit man schon bei geringem Nachdenken entdecken muß. Ist es denn wirklich wahr, daß die Freiheitsschreier die Ernennung von Bevollmächtigten beantragt haben, welche das Amt von Schiedsrichtern zwischen den Grundbesitzern und Pächtern übernehmen und über Beschwerdepunkte entscheiden sollen, die Niemand zu erheben berechtigt ist?«

»So wahr wie das Evangelium, und wenn es so weit kömmt, werden wir ein regelmäßiges Stern-Kammer-Tribunal haben. Es ist doch wunderbar, wie überall die Extreme sich berühren!«

»Hierauf kann man so sicher zählen, wie auf die Wiederkehr der Sonne am Morgen. Doch laßt uns jetzt von unserem Plan und von der Art sprechen, Jack, wie wir unentdeckt unter diese durch ihre eigene Habgier verblendeten Menschen kommen können. Ich bin fest entschlossen, selbst Augenschein zu nehmen, um mir über ihre Beweggründe und ihr Benehmen selbst ein freies Urtheil zu bilden.«

»Nehmt Euch vor dem Theerfaß und dem Federnsack in Acht, Roger!«

»Ich werde nicht versäumen.«

Der Gegenstand wurde nun ein Langes und Breites verhandelt; ich enthalte mich übrigens eines Berichts darüber, da er nur zu Wiederholungen führen würde, und verweise den Leser auf den regelmäßigen Verlauf meiner Erzählung. Um die gewöhnliche Stunde begaben wir uns, – als Davidson senior und junior, da uns diese Bezeichnung als passend und klug schien, – zu Bette. Am andern Tage setzte sich Mr. John Dunning für uns in Thätigkeit und leistete uns sehr werthvolle Dienste. Als alter Junggeselle hatte er viele Bekannte beim Theater, und es gelang ihm, uns durch seine Freunde aus dem Garderobezimmer mit Perücken zu versehen. Ich und mein Onkel sprachen ziemlich gut deutsch, und unser ursprünglicher Plan lief darauf hinaus, daß wir in der Eigenschaft eingewanderter Hausierer mit Galanteriewaaren und Essenzen handeln sollten. Da ich aber eine Vorliebe für eine Drehorgel und einen Affen gefaßt hatte, so kamen wir endlich zu dem Beschlusse, daß Mr. Hugh Roger Littlepage senior sein Abenteuer mit einer Kiste voll wohlfeiler Zündhölzchen und vergoldeter Messingwaaren antreten, Mr. Hugh Roger Littlepage junior aber in der Rolle eines Leierkastenmanns seine Heimath besuchen sollte. Die Bescheidenheit gestattet mir nicht, in Betreff meiner musikalischen Geschicklichkeit Alles zu sagen, was ich wünschte; indeß muß ich doch hier bemerken, daß ich für einen Dilettanten ziemlich gut sang, und daß ich sowohl auf der Violine als auf der Flöte eine mehr als gewöhnliche Fertigkeit besaß.

Im Laufe des folgenden Tages wurden alle erforderlichen Vorbereitungen getroffen, und unsere Perücken trugen dazu bei, die Verkleidung vollständig zu machen. Da mein Onkel fast kahl war, so belästigte ihn die Perücke nicht sonderlich, während dagegen mir meine dichten Locken einige Noth machten. Die Scheere half übrigens diesem Uebelstand ab, und ich mußte herzlich über mich selbst lachen, als ich Nachmittags vor Dunnings Ankleidespiegel mein Kostüm bewunderte. Das Verbot, bewaffnet und verkleidet aufzutreten, ging uns natürlich nichts an, da wir keine Wehr, sondern nur die Erfordernisse unseres Gewerbes mit uns führten.


 

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