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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

O Heimathland, so theuer mir vor allen,
Wann seh ich wieder meiner Väter Hallen?
Wann labt der Gaumen wieder sich am Quell,
Der bei dem Dörflein sprudelt silberhell?
Wann streift auf's neu' der Fuß die Berge nieder,
Indeß der Urwald echo't meine Lieder?
Wann lächelt abermals ein Himmel mir
Aus ihrem Aug', des Thales schönster Zier?

Montgommery.

 

Es war in der That für einen Amerikaner, der so lange nichts von Haus gehört hatte, eine Neuigkeit, so plötzlich erfahren zu müssen, daß sich einige Scenen des Mittelalters – Auftritte, welche die gröbsten Beeinträchtigungen menschlicher Rechte in sich faßten – in seinem eigenen Lande vorkommen sollten, in einem Lande, welches sich rühmt, nicht nur ein Zufluchtsort für den Bedrückten, sondern auch eine Stütze des Rechtes zu sein. Die Nachrichten waren mir schmerzlich nahe gegangen, da ich während meiner Reise stets ein theures Bild von Rechtssinn und politischen Auszeichnungen in der Heimath mir vorgehalten hatte, das ich jetzt aufgeben zu müssen befürchtete. Ich und mein Onkel beschlossen, ohne Zögern nach Hause zurückzukehren, da ein derartiger Schritt schon durch die Klugheit geboten wurde. Ich war nun in einem Alter, welches mich – soweit es »die neuen Gesetze und die neuen Herrn« gestatteten – zum Antritt meines Besitzthums befähigte; denn die von meinem Pfleger eingelaufenen Briefe sowohl, als auch gewisse Zeitungen meldeten die unangenehme Thatsache, daß viele Ravensnestpächter sich der Association angeschlossen hatten, zur Unterhaltung der »Inschens« Beisteuern leisteten und auf dem Punkte waren, in Betreff ihrer Anschläge und Plünderungsentwürfe so schlimm als die Uebrigen zu werden, obwohl sie noch immer ihre Renten zahlten. Der letztere Umstand wurde von unsrem Agenten der Thatsache zugeschrieben, daß viele von den Pachtverträgen dem Verfalle nahe seien, und es dann in meiner Gewalt stehe, an die Stelle mehrerer der gegenwärtigen Farm-Inhaber ehrlichere und grundsatzfestere Leute zu setzen. Wir trafen demgemäß unsere Maßregeln zu einem möglichst baldigen Aufbruch von Paris, um noch im Monat Mai die Heimath zu erreichen.

»Wenn wir Zeit hätten, würde ich bei dem gesetzgebenden Körper einige schriftliche Vorstellungen einreichen,« bemerkte mein Onkel ein paar Tage vor unserer Abreise nach Havre, wo wir uns auf dem Packetboote einschiffen wollten. »Ich habe gute Lust, als freier Mann gegen die Beeinträchtigung meiner Rechte, welche von den vorgeschlagenen Gesetzen beabsichtigt wird, Protest einzulegen; denn der Gedanke gefällt mir gar nicht, daß mir die Befugniß verkümmert sein soll, ein Pachtgut auf so lange Zeit, als ich es erhalten kann, zu miethen. Dieß ist nämlich eines von den Projekten, welche die Ultrareformer des freien und gleichen New-Yorks in Antrag gebracht haben. In welche merkwürdigen Thorheiten verfallen nicht die Menschen, Hugh, sobald sie – sei es in der Politik, oder in der Religion, oder in Sachen der Liebhaberei – sich in Uebertreibungen einzulassen anfangen. Unter unsern edlen Menschenfreunden sieht jetzt auf einmal die Hälfte die allerschlimmsten Folgen für die Menschenrechte in dem Umstand, daß einer dem andern auf möglichst lange Zeit Grund und Boden abzumiethen sucht, während sie sonst für das Lob des freien Verkehrs nicht Worte genug finden können. Manche Journale halten letztern für ein so treffliches Mittel, Grundbesitzer und Pächter an einer geordneten Uebereinkunft zu hindern, daß sie sich sogar über den Gedanken eines festen Preises für Miethkutschenplätze lustig machen; ihrem Princip vom freien Verkehr nach wäre es viel besser, die Leute im Regen stehen und um den Preis mäkeln zu lassen. Manche von unsern Philanthropen lassen sich's entweder angelegen sein, die Gesetzgebung zu spornen, daß sie den Bürger eines so einfachen Mittels der Ueberwachung seines Eigenthums beraube, oder stehen bei einem so ungeheuerlichen Treiben als müssige Zuschauer da.«

»Die Stimmen, Sir, die Stimmen kommen hier hauptsächlich in Rechnung.«

»Ja wohl, die Stimmen; denn nichts als diese sind im Stande, solche Leute mit ihren eigenen Inconsequenzen zu versöhnen. Was dich betrifft, Hugh, so wirst du gut daran thun, den bedeckten Kirchenstuhl abzuschaffen.«

»Welchen bedeckten Kirchenstuhl? ich weiß in der That nicht, was Ihr meint.«

»Du vergißst, daß der Familienstuhl in der St. Andrewskirche zu Ravensnest eine hölzerne Bedachung hat – ein Ueberbleibsel von den Sitten und Gebräuchen aus den Zeiten der Kolonie.«

»Nun Ihr davon sprecht, erinnere ich mich jenes plumpen und – offen gestanden – sehr häßlichen Vorsprungs, von dem ich immer annahm, er sei von den Erbauern der Kirche als Ornament angebracht worden.«

»Jener häßliche Vorsprung, den du für ein Ornament hieltest, sollte eine Art Baldachin vorstellen; derartige Gegenstände nämlich galten noch bis zum Schluß des letzten Jahrhunderts im Staat und in der Kolonie als gewöhnliche Merkmale der Auszeichnung. Die Kirche wurde auf Kosten meines Großvaters, des Generals Littlepage und seines Busenfreundes und Vetters, des Obristen Dirck Follock erbaut. Beide waren gute Wighs und tapfere Vertheidiger der Freiheit ihres Landes. Sie hielten es für passend, daß die Littlepage's einen bedachten Stuhl haben sollten, und in solchem Zustande kam das Gebäude an meinen Vater. Das alte Werk steht noch immer, und Dunning schreibt mir, unter die übrigen Beweise, welche gegen deine Interessen aufgebracht werden, gehöre auch der Umstand, daß sich dein Kirchenstuhl vor denen der übrigen Gemeinde auszeichne.«

»Um diese Auszeichnung würde mich gewiß kein Mensch beneiden, wenn man wüßte, daß mir der plumpe, mißgestaltete Vorsprung stets zuwider war, denn ich habe ihn immer für einen ganz abscheulichen Zierath gehalten. Daß mir dadurch eine persönliche Auszeichnung zugehen sollte, ist mir nie zu Sinn gekommen, da ich im Gegentheil stets der Ansicht war, er sei in der mißverstandenen Absicht, das Gebäude zu verschönern, nur deßhalb über unserem Stuhle angebracht worden, weil ein derartiger Auswuchs an einem solchen Platze am wenigsten Neid erwecken konnte.«

»Mit einer einzigen Ausnahme finde ich dein Urtheil ganz natürlich, und vor etwa vierzig Jahren noch konnte etwas Aehnliches wohl geschehen, ohne daß die Mehrzahl der Pfarrkinder darin etwas Ungewöhnliches erblickt hätte! Doch diese Zeiten sind vorbei, und du wirst auf deinem Besitzthum die Entdeckung machen müssen, daß du gerade in den Dingen, die von dir und deiner Familie herrühren, außer dem, was du dir um dein Geld kaufen kannst, weit weniger Rechte besitzest, als irgend einer deiner Nachbarn. Schon die einfache Thatsache, daß die St. Andrewskirche von deinem Urgroßvater erbaut und von ihm der Gemeinde geschenkt wurde, wird vielen in der Gemeinde Anlaß geben, bei allen Fragen, welche dieses Gebäude betreffen, dir dein Stimmrecht zu verkümmern.«

»Dieß ist so außerordentlich, daß ich wohl um den Grund fragen möchte.«

»Der Grund beruht auf einem Zuge, welcher so augenfällig der Menschennatur im allgemeinen und der des Amerikaners insbesondere inwohnt, daß ich mich wundere, wie du nur fragen kannst. Der einzige Beweggrund ist der Neid. Gehörte der Kirchenstuhl z. B. den Newcomes, so würde Niemand Anstoß daran nehmen.«

»Gleichwohl müßten die Newcomes sich lächerlich machen, wenn sie in einem Stuhle sitzen wollten, welcher sich vor denen ihrer Nachbarn auszeichnete. Die Abgeschmacktheit des Gegensatzes würde Jedermann auffallen.«

»Aber in deinem Falle besteht die Abgeschmacktheit nicht, und eben dieß ist die Ursache, warum dein Sitz ein Gegenstand des Neides ist. Du wirst übrigens gerne zugeben, Hugh, daß man in einer Kirche und aus einem Kirchhofe am wenigsten mit menschlichen Auszeichnungen prunken sollte; denn im Auge Dessen, den wir Alle anbeten, und im Grabe ist ein Mensch wie der andere. Ich habe die weltlichen Auszeichnungen in den Kirchen nie leiden können, und die katholische Sitte, welche nichts von abgeschlossenen Stühlen weiß, gefällt mir recht wohl. Grabmäler sind eine Ansprache an die Welt, und haben eine allgemeine Beziehung zu der Geschichte: sie mögen daher bis zu einem gewissen Punkte wohl angehen, obwohl sie in der Regel arge Lügner sind.«

»Ich bin mit Euch der Ansicht, Sir, daß es unpassend ist, in einer Kirche Auszeichnungen für einzelne anzubringen, und werde daher von Herzen gern meinen Baldachin abschaffen, obschon auch dieser seine historische Bedeutung hat. Wenn ich darunter saß, kam mir gewiß nie ein Gefühl des Stolzes zu Sinne, da ich mich im Gegentheil oftmalen seiner ungereimten Form schämte, wenn ich bemerkte, daß er die Blicke verständiger Fremder auf sich zog.«

»Ich finde dieß ganz natürlich, denn wenn wir auch den Luxus und die Auszeichnungen, an die wir von Jugend auf gewöhnt sind, nicht gerne vermissen, so machen sie doch den Besitzer selten stolz, wie sehr sie auch den Neid der Zuschauer wecken mögen.«

»Gleichwohl kann ich nicht einsehen, was der Kirchenstuhl mit meinen Renten oder meinen gesetzlichen Rechten zu schaffen hat.«

»In einer schlechten Sache wird allem aufgeboten, was ihr möglicherweise einigen Anstrich geben kann. Wer gute, rechtmäßige Ansprüche an ein Eigenthum hat, wird nie daran denken, diese noch durch weitere scheinbare unterstützen zu wollen, und ein Gesetzgeber, der seine Maßregeln durch gute, zureichende, vor Gott und Menschen Stich haltende Gründe zu belegen weiß, braucht nicht zu Umschweifen seine Zuflucht zu nehmen. Wenn die Antirenters im Recht wären, hätten sie nicht nöthig, sich in geheime Verbindungen einzulassen, Masken vorzunehmen, mit Blut- und Donnernamen zu prunken und die Gesetzgebung des Landes durch besondere Agenten zu bearbeiten. Das Recht bedarf keiner falschen Beihilfe, um sich als solches geltend zu machen, aber das Unrecht muß alle Hilfsmittel aufbieten, die es für seinen Dienst pressen kann. Dein Kirchenstuhl heißt aristokratisch, obschon er keine politische Gewalt verleiht; man nennt ihn ein Adelspatent, obgleich durch ihn eine Berechtigung weder gegeben noch genommen wird, und er ist nebst deiner Person verhaßt – aus dem einfachen Grunde, weil du darin sitzen kannst, ohne dich lächerlich zu machen. Vermuthlich hast du die Zeitung, die ich dir mittheilte, noch nicht sorgfältig durchgelesen?«

»Genug, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß sie mit hohlen Floskeln angefüllt sind.«

»Mit etwas Schlimmerem, als mit Floskeln, Hugh. Du findest darin die grundsatzlosesten Ansichten und die schändlichsten Gesinnungen, welche die arme Menschennatur herabwürdigen können. Einige von den Reformern machen den Vorschlag, Niemand solle mehr als tausend Acres Land besitzen, während Andere den sehr vernünftigen Grundsatz aufstellen, daß dem Einzelnen nur so viel Landbesitz zustehe, als er bewirthschaften könne. Wie ich höre, sind in letzterem Sinne sogar Petitionen an die Gesetzgebung eingereicht worden.«

»Diese hat aber weder in der Debatte noch sonst Notiz davon genommen – wenigstens ersehe ich aus den Berichten nicht, daß etwas der Art geschehen wäre.«

»Ja, ich kann mir denken, daß die Rabulisten dieser ehrenwerthen Körperschaften alle diese Ungeheuerlichkeiten sorgfältig bemänteln, weil einige derselben ohne Zweifel hoffen, sie können in die Schuhe der gegenwärtigen Grundbesitzer treten, sobald sie ihre Füße aus denen herausgekriegt haben, welche sie jetzt tragen. So aber lauten die Entwürfe und Petitionen in den Spalten der Journale, und sie sprechen für sich selbst. Unter anderem sagen sie, der größere Grundbesitz sei ein adeliges Institut.«

»Aus Mr. Dunning's Brief entnehme ich, es sei bei der Gesetzgebung eine Petition eingelaufen, meine Berechtigungen zu untersuchen. Nun stammt unser Grundbesitz von der Krone her ...«

»Um so schlimmer, Hugh. Pfui, wer wird in einem republikanischen Lande einen Rechtstitel von der Krone herleiten wollen! Daß du dich nicht schämst, dieß zuzugestehen. Weißt du nicht, Junge, wie ernstlich schon in einem Gerichtshofe die Behauptung verfochten wurde, das Volk habe durch seine Losreißung vom englischen König alle frühern Verleihungen desselben wieder erobert, und sie müßten daher für null und nichtig erklärt werden?«

»Dieß ist eine Ungereimtheit, von der ich noch nie gehört habe. Wie, die Bevölkerung New-York's, welche alle ihre Ländereien von der Krone erhielt, sollte sie für Andere erobert haben?« bemerkte ich lachend. »Mein guter Großvater und mein Urgroßvater, beide haben in der Revolution mitgefochten und ihr Blut für die Unabhängigkeit vergossen; aber sie wären recht thöricht gewesen, wenn sie ihre eigenen Besitzungen hätten erkämpfen wollen, um sie einer Bande von Einwanderern aus Neu-England und andern Theilen der Welt zu überlassen.«

»Ganz richtig gesprochen, Hugh,« fügte mein Onkel bei, indem er in mein Gelächter einstimmte; »aber deine Begründung hat noch viel wichtigere Unterstützungspunkte. Auch der Staat hat in seinem Korporationscharakter diese ganze Zeit über den Betrüger gespielt. Dir ist vielleicht von der Thatsache nichts bekannt, aber ich als dein Vormund weiß, daß die Erbzinsen, welche sich die Krone bei Verleihung der Güter Mooseridge und Ravensnest vorbehielt, von dem Staat in Anspruch genommen wurden; weil er nun Geld brauchte und das Volk nicht mit Steuern belasten wollte, so verglich er sich mit uns und erhielt eine bedeutende Summe, durch welche alle spätern Leistungen abgelöst wurden.«

»Dieß habe ich in der That nicht gewußt. Kann ein Beweis dafür aufgebracht werden?«

»Allerdings – die Thatsache ist allen alten Knaben, wie ich bin, wohl bekannt, denn die Maßregel war durchgreifend und betraf sämmtliche große Gutsbesitzer. Die Quittungen für das bezahlte Geld finden sich noch unter unsern Familienpapieren. Aeltere Besitzungen, wie die der Rensselaers sind, haben eine noch weit nachdrücklichere Begründung ihres Rechts; denn an die Uebertragung des Landes war die Verpflichtung geknüpft, innerhalb einer gegebenen Zeit so und so viel Ansiedler aus Europa herüberzubringen. Du kannst dir denken, daß eine solche Bedingung sich nicht ohne große Kosten ausführen ließ, und auf ihr beruhte auch in Wahrheit die Gründung der Kolonie.«

»Wie schlimm steht es nicht mit der Ehrenhaftigkeit eines Volkes, wenn es in einem derartigen Falle solche Thatsachen zu vergessen wünscht!«

»Von Vergessen ist nicht die Rede, denn die Verhältnisse waren Denen, welche in Betreff der von der Krone eroberten Rechte das große Wort führten, wahrscheinlich nie bekannt. Wie du übrigens sagst, die Civilisation eines Staatsverbandes ist nach dem Grade zu bemessen, in welchem sie die Grundsätze der Gerechtigkeit ehrt und mit ihrer Geschichte vertraut ist. Die große Masse der Bevölkerung New-Yorks beabsichtigt bei diesem Antirenten-Kampf keine Rechtseingriffe, da für sie keine unmittelbaren Interessen darin auf dem Spiele stehen; dagegen aber muß man ihr die theilnahmlose Unthätigkeit zum Vorwurf machen, indem sie sich und ihre Gesetzgebung von Leuten, welche nur für ihr eigenes politisches Aufkommen arbeiten oder nach dem unrechtmäßigen Besitz fremden Eigenthums ringen, mißbrauchen läßt.«

»Aber ist es nicht eine große Verlegenheit für eine Gegend, wie die um Albany, daß sie solchen Landbelastungen unterliegt, und daß eine so große Menschenmasse im Herzen des Staates rentenpflichtig sein soll, während es doch alle Verhältnisse wünschenswerth machen, den Unternehmungsgeist so ungefesselt, als nur möglich zu lassen?«

»Ich bin nicht vorbereitet, dieß auch nur nach Maaßgabe eines allgemeinen Grundsatzes einzuräumen. Ein Haupteinwurf der Antirenters besteht z. B. darin, daß die Patroone sich in ihren Verträgen die Wasserkräfte vorbehalten haben. Nun, und wenn auch? Irgend Jemand muß die Wassergerechtigkeit besitzen und warum der Patroon nicht so gut, als ein Anderer? Um der Einwendung Gewicht zu verleihen – nicht nach der Grundlage des Gesetzes oder der Moral, sondern nur nach der einer bloßen Zweckmäßigkeit – müßte nachgewiesen werden, daß die Patroone ihre Wasserkraft nicht zu so niedrigen Renten ablassen, als andere Personen; und da ist nun meine Ansicht, sie fordern nicht halb so viel, als der Fall wäre, wenn die geeigneten Lagen für Mühlen und Fabriken einer Anzahl von Personen, die durch's ganze Land zerstreut sind, zugehörten. Aber auch, zugegeben, daß ein so großes, derartiges Besitzthum in dieser Beziehung manche Unbequemlichkeiten mit sich führt, kann es in Betreff der Weise, wie man sich der Belästigung zu entledigen sucht, unter Biedermännern eine getheilte Ansicht geben? Alles hat seinen Preis, und im industriellen Sinne gebührt auch Allem sein Preis. Niemand erkennt dieß mehr an, als der Amerikaner, oder bringt es so ausgedehnt in Anwendung. Man lasse den Rensselaers Anerbietungen machen, die sie zu einem freiwilligen Verkauf verlocken, aber gestatte nicht, daß ihre Rechte durch die heilloseste von allen Bedrückungsakten, durch eine Spezialgesetzgebung gefährdet und sie selbst durch Einschüchterung im ruhigen Besitz ihres gesetzlichen Eigenthums gestört werden. Ist der Staat der Ansicht, daß ein derartiger Besitzstand dem Gesammtwohl nachtheilig sei, so möge er das Beispiel nachahmen, welches England gegen die Sklavenhalter beobachtet – er gebe ihnen eine volle Entschädigung, bedrücke sie aber nicht durch Taxen, ungerechte Gesetze und Belästigungen aller Art. Doch genug davon vor der Hand, Hugh, wir werden die Sache zum Ueberdruß hören müssen; wenn wir nach Hause kommen. Unter meinen Briefen habe ich einige von meinen übrigen Mündeln.«

»›Noch immer die alte Leyer von meiner Tochter‹, Sir,« antwortete ich lachend. »Ich hoffe, daß die lebhafte Miß Henrietta Coldbrooke und die sittsame Anna Marston sich vollkommen wohl befinden?«

»Beide erfreuen sich einer trefflichen Gesundheit und schreiben ganz bezaubernd. Ich muß dich doch Henriettas Brief lesen lassen, da er ihr meiner Ansicht nach sehr zur Ehre gereicht. – Gedulde dich einen Augenblick, ich hole ihn aus meinem Zimmer.«

Ich muß hier den Leser in ein Geheimniß einweihen, das mit dem Verlauf meiner Geschichte in einiger Beziehung steht. Ehe ich die Heimath verließ, war der vergebliche Versuch mit mir gemacht worden, mich zu veranlassen, daß ich mich mit einer von drei jungen Damen – mit Miß Henrietta Coldbrooke, mit Miß Anna Marston oder mit Miß Opportunity Newcome verlobe. Für die beiden Ersteren hatte mein Onkel Ro das Wort geführt, da er als ihr Vormund ein natürliches Interesse dabei hatte, für sie eine Partie ausfindig zu machen, die ihm als eine gute vorkam, während die Manöver zu Gunsten der Miß Opportunity Newcome von ihr selbst ausgingen. Unter solchen Umständen mag es daher wohl passend sein, einiges über die Persönlichkeit dieser jungen Damen zu sagen.

Miß Henriette Coldbrooke war die Tochter eines Engländers von guter Familie und einigem Vermögen, der sich in Amerika niedergelassen und verheirathet hatte, weil er es um gewisser politischer Theorien willen für das verheißene Land hielt. Ich erinnere mich seiner noch als eines unzufriedenen, mißvergnügten Wittwers, der, wie man glaubte, in Folge unkluger Speculationen täglich mehr verarmte, und zuletzt in all seinem Wünschen und Sehnen so ganz und gar wieder zum Engländer wurde, daß er behauptete, die gemeine Bisamente sei ein besserer Vogel als der Cannavaßbrücken. Er starb übrigens zeitlich genug, um seinem einzigen Kinde ein Vermögen zu hinterlassen, welches unter meines Onkels trefflicher Verwaltung zu mehr als einmalhundertsiebzigtausend Dollars angewachsen war, und einen Nettoertrag von achttausend im Jahr abwarf.

Dieß machte Miß Henrietta mit einemmal zu einer gesuchten Schönheit; da sie aber in meiner Großmutter eine kluge Freundin hatte, so war sie bisher vor dem Schritte bewahrt geblieben, sich an den nächsten besten Habenichts wegzuwerfen. Das Zartgefühl meines Onkels Ro kannte ich zu gut, um nicht überzeugt sein zu dürfen, daß er in seinen brieflichen Hindeutungen auf mich nicht weiterging, als der Anstand gestattete, und meine treffliche, biedere, offene alte Großmutter hatte einmal in einem Schreiben an mich einen Ausdruck fallen lassen, welcher mich auf den Glauben brachte, die leisen Anspielungen meines Onkels hätten im Herzen der jungen Dame so viel Anklang gefunden, als sich etwa mit einer Empfindung, die notwendigerweise nichts anderes, als Neugier sein konnte, füglich in Verbindung bringen ließ.

Miß Anna Marston war gleichfalls eine Erbin, aber in einem viel geringeren Maaßstabe, da sie aus einigen Häusern in New-York eine Rente von etwas mehr als dreitausend Dollars bezog, und von diesen ungefähr sechzehntausend Dollars als erspartes Kapital angelegt hatte. Sie war übrigens kein einziges Kind, sondern hatte noch zwei Brüder, auf die ein eben so großer Antheil wie auf die Schwester gefallen war – ein paar lockere Vögel, die, wie es in der Regel bei den Erben von New-Yorker Kaufleuten zu gehen pflegt, auf dem besten Weg sich befanden, durch ein schwelgerisches Leben in Bälde ihres Erbtheils ledig zu werden. Unter solchen Umständen kommt einem jungen Amerikaner nichts besser zu statten, als das Reisen, durch das er entweder zum Manne gemacht oder schnell ganz zu Grunde gerichtet wird. Ein unverbesserlicher Pinsel wird von europäischen Abenteurern in kurzer Zeit dermaßen gerupft, daß er den Nothstand bald überwunden hat; ist aber der junge Reisende in Folge der schlechten Erziehung, welche man zu New-York heimisch findet, nur eitel und leichtfertig, dabei übrigens mit einigem gesunden, heimischen Kern versehen, so läßt er sich den Bart um Ohren und Kinn wachsen, kleidet sich besser, nimmt feinere Manieren an, verliert bald den Geschmack an den gemeinen und niedrigen Liebhabereien der Jugend, und eignet sich eine Bildung an, wie sie Jeder gewinnen muß, der die kostbaren Augenblicke seiner früheren Jugend nicht ganz wegwirft. Ist einer in seiner Jugend gut erzogen worden und mit der Fähigkeit begabt, auf dieser Grundlage fortzubauen, so steht zu erwarten, daß ihm bei seinem Eintritt in die alte Welt die Schuppen schnell vom Auge fallen werden. Seine Ideen und Liebhabereien gewinnen eine neue Richtung, er bildet sich zu dem verständigen Mann, den die Natur aus ihm formen wollte, und kehrt zuletzt in die Heimath zurück, eben so sehr der guten als der schlimmen Seiten bewußt, welche sein Vaterland und dessen Institutionen bieten. Ein solches Reifen an Weisheit kann dann auch nicht verfehlen, ihn zu einem bessern Menschen zu machen. Wie dieser Versuch bei den Marstons angeschlagen hatte, war weder mir noch meinem Onkel bekannt, denn sie hatten das europäische Festland besucht, während wir uns im Orient aufhielten, und waren bereits wieder nach Amerika zurückgekehrt. Was Miß Anna betraf, so hatte sie eine Mutter, welche in gleicher Weise für die Ausbildung ihres Geistes und Körpers Sorge trug, obschon das Mädchen schon von Natur aus hübsch, gefühlvoll und verständig war.

Miß Opportunity Newcome spielte die belle zu Ravensnest, einem Dorfe auf meinem eigenen Besitzthum; sie war eine ländliche Schönheit, und vereinigte als solche eine entsprechende Erziehung, ländliche Sitten, Tugenden und Gewohnheiten in sich. Da Ravensnest in der Civilisation nicht sonderlich vorgeschritten, oder wie man nach Landessitte zu sagen pflegt, kein sonderlich »aristokratischer Platz« war, so will ich bei den Vorzügen dieses jungen Mädchens nicht länger verweilen; denn wenn sie auch für Ravensnest vollkommen hinreichten, so würden sie doch meinem Manuskript zu keiner wesentlichen Zierde dienen.

Opportunity war die Tochter Ovids, und dieser ein Sohn Jasons aus dem Hause Newcome. Wenn ich mich des Ausdrucks ›Haus‹ bediene, so muß man mich wohl verstehen, denn die Familie hatte seit unfürdenklichen Zeiten, d. h. seit ungefähr achtzig Jahren, eine Wohnung inne gehabt, die zu einem meiner Zinsgüter gehörte. Der Name Newcome konnte daher wohl in der Gegend als ein alter gelten. Diese ganze Zeit über war ein Newcome als Pächter auf der Mühle, dem Wirthshause, dem Kaufladen und der Meierei gesessen, welche dem Dorf Ravensnest oder Littlenest, wie es gemeiniglich genannt wurde, am nächsten lag; auch dürfte es hinsichtlich der Lehre, welche meine Erzählung in sich faßt, hier nicht ungehörigen Orts sein, wenn ich beifüge, daß schon vor dieser Periode meine Vorfahren die Grundherrn gewesen waren. Ich bitte den Leser, diesen letztern Umstand im Gedächtniß zu behalten, sintemal sich bald eine Gelegenheit ergeben wird, zu zeigen, daß gewisse Personen sehr geneigt waren, dieß zu vergessen.

Wie bereits gesagt, war Opportunity die Tochter Ovids und hatte einen Bruder, Namens Seneka oder Seneky, wie er sich selbst zu nennen pflegte: dieser war ein Sohn Ovids, des Sohnes von Jason, welcher als erster seines Namens auf Ravensnest wohnte. Besagter Seneka bekleidete kraft einer Licenz, die ihm von den Richtern des obersten Gerichtshofes sowohl, als von dem Gerichtshof für Civilprocesse in der County Washington verliehen war, die Stelle eines Rechtsgelehrten. Unter drei Generationen, welche mit Jason begann und mit Seneka endete, hatte stets eine Art erblicher Erziehung stattgefunden, und da der letztere Familienzweig im Dienste der Gerechtigkeit stand, so war ich hin und wieder sowohl mit ihm, als mit seiner Schwester zusammen gekommen. Ueberhaupt pflegte Miß Opportunity das Nest, wie mein Haus in vertrauten Kreisen genannt wurde – denn der wahre Name war Ravensnest, und mußte später als Bezeichnung sowohl des ganzen Besitzthums als des Dorfes dienen – sehr gerne zu besuchen; sie entfaltete früh eine große Zuneigung zu meiner lieben alten Großmutter und der mir nicht minder theuren jungen Schwester, welche namentlich zur Zeit der Herbstvacanzen einige Wochen in unserer Wohnung zubrachte. So fand ich denn vielfach Gelegenheit, den Einfluß ihrer Reize kennen zu lernen, und ich muß sagen, daß Miß Opportunity nicht versäumte, dergleichen Anlässe nach Kräften zu benützen. Wie ich hörte, hatte ihre Mutter, die denselben Namen trug, ihrem Ovid die Kunst der Liebe durch eine ähnliche Kundgebung beigebracht und den Sieg davongetragen. Diese Dame war noch am Leben und darf daher als Opportunity die Große betrachtet werden, während wir die Tochter Opportunity die Kleine nennen können. Im Alter war die junge Dame nicht sonderlich von mir verschieden, und da ich die Feuerprobe des verfänglichen Alters von zwanzig bereits zurückgelegt hatte, war, nun ich fünf Jahre weiter zählte, von einer wiederholten Bestehung der Gefahr nichts Sonderliches mehr zu fürchten. Ich muß übrigens auf meinen Onkel und den Brief der Miß Henrietta Coldbrooke zurückkommen.

»Hier ist er, Hugh!« rief mein Vormund heiter; »ich kann dir sagen, ein Kapitalbriefchen! Ich wünschte nur, daß ich ihn dir ganz vorlesen könnte; aber die beiden Mädchen haben mir das Versprechen abgenommen, daß ich ihre Depeschen nie Jemand zeigen wolle – dieß war natürlich auf dich gemünzt – denn nur unter dieser Bedingung wollten sie in ihrer Korrespondenz an mich über die gewöhnlichen Gemeinplätze hinausgehen. Jetzt sprechen sie ihre Gefühle natürlich und unverhohlen aus, so daß ich an ihren Briefen eine wahre Freude habe; indeß darf ich es wohl wagen, dir einen kleinen Auszug daraus zu geben.«

»O, unterlaßt es lieber, Sir, denn Ihr begeht dabei doch eine Art von Verrath, dessen ich mich in der That nicht theilhaftig machen möchte. Wenn Miß Coldbrooke nicht wünscht, daß ich lese, was sie schreibt, so muß es wohl ebenso sehr ihrer Absicht zuwider laufen, wenn mir etwas aus ihren Briefen vorgelesen wird.«

Onkel Ro warf mir einen Blick zu, in welchem sich Unzufriedenheit über meine Gleichgültigkeit auszudrücken schien. Dann las er den Brief für sich, lachte hier, lächelte dort, und murmelte ein: »trefflich!« »gut!« »bezauberndes Mädchen!« »einer Hannah More!« würdig u. s. w. vor sich hin, als ob er dadurch meine Neugierde reizen wolle. Wie übrigens jeder junge Mann von fünfundzwanzig Jahren sich recht wohl denken kann, trug ich kein Verlangen darnach, »Hannah More« zu lesen, weßhalb ich gegen alle diese Verlockungen mit der Ruhe eines Stoikers Stand hielt. Mein Vormund mußte daher nachgeben und legte die Briefe wieder in sein Schreibpult.

»Nun, die Mädchen werden sich freuen, uns wieder zu sehen,« sagte er nach einem kurzen Nachdenken; »ich kann mir schon jetzt ihre Ueberraschung vergegenwärtigen, denn in dem Schreiben an meine Mutter meldete ich, daß wir nicht vor dem Oktober eintreffen würden. Jetzt treffen wir spätestens Anfangs Juni ein.«

»Ich zweifle nicht, daß Patt sehr erfreut sein wird; was übrigens die beiden jungen Damen betrifft, so haben sie sich um so viele Freunde und Verwandte zu bekümmern, daß ihnen an uns sicherlich nicht viel gelegen sein kann.«

»Du thust ihnen Unrecht und könntest dich aus ihren Briefen davon überzeugen; sie nehmen den lebhaftesten Antheil an unsern Bewegungen und sprechen von meiner Rückkehr, als ob sie derselben mit der größten Erwartung und Freude entgegensehen.«

Die Antwort, die ich Onkel Ro gab, war etwas vorlaut; aber die Billigkeit fordert, daß ich sie hier berichte.

»Dieß glaube ich wohl, Sir, entgegnete ich; aber welche junge Dame sieht nicht mit ›Erwartung und Freude‹ der Rückkehr eines Freundes entgegen, der in Paris gewesen ist und bekanntlich eine gut gespickte Börse führt.«

»Wahrhaftig, Hugh, du verdienst keines von diesen theuern Mädchen, und wenn ich's ändern kann, sollst du auch keines davon kriegen.«

»Danke schön! Sir!«

»Pfui; das ist schlimmer als einfältig – es ist roh. Ich stehe dafür, die eine wie die andere würde deine Werbung zurückweisen, und wenn du morgen um ihre Hand nachsuchtest.«

»Dieß hoffe ich um ihrer selbst willen, Sir, denn es wäre doch eine gar handgreifliche Demonstration, wenn eine derselben gleich auf die Bewerbung eines Mannes einginge, den sie kaum kennt, und den sie seit ihrem fünfzehnten Jahre nicht mehr gesehen hat.«

Onkel Ro lachte, aber ich bemerkte, daß er sehr ärgerlich war; und da ich ihn trotz meiner Abneigung gegen seine Verheirathungspläne von Herzen liebte, so lenkte ich das Gespräch in scherzender Weise auf unsere bevorstehende Abreise.

»So höre denn, Hugh, was ich thun will,« rief mein Onkel, der in manchen Dingen etwas knabenhaft war – ein Umstand, der ohne Zweifel von seiner alten Junggesellenschaft herrührte; »ich habe eben am Bord des Packetschiffes falsche Namen eintragen lassen, und wir werden alle unsere Freunde überraschen. Unsere Leute kennen wir so weit, daß wir sicher sein dürfen, weder Jakob noch dein Diener wird uns verrathen, und wenn wir je etwas befürchten, so können wir sie ja über England nach Hause schicken. Wir beide haben Effekten in London, nach denen man sehen muß, und die Burschen gehen dann über Liverpool. Dieß ist ein guter Gedanke, und ich freue mich, daß er mir glücklicherweise noch eingefallen ist.«

»Ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden, Sir. Ohnehin nützt mich zur See mein Diener ebenso wenig, als ein Automat, und es ist mir lieb, wenn ich sein Jammergesicht nicht sehen muß. Er ist zwar ein Kapitalbursche auf dem Lande, aber eine wahre Niobe, wenn er auf dem Salzwasser dahinschwimmen soll.«

Die Sache wurde ins Reine gebracht, und ein paar Tage später brachen unsere beiden Leibdiener, d. h. Jakob, der Schwarze, und Hubert, der Deutsche, nach England auf. Die Wohnung in Paris, von welcher mein Onkel stets behauptete, ich müsse mit meiner jungen Braut einen Winter in derselben zubringen, wurde auf's Neue vermiethet, und wir traten in einer Art von Incognito den Weg nach Havre an. Auf dem Packetboot hatten wir ein Erkanntwerden nicht zu besorgen, um so weniger, da wir zuvor schon die Ueberzeugung eingeholt hatten, daß sich keine Bekannten in dem Schiff befanden. Ich hatte eine große Familienähnlichkeit mit meinem Onkel, weßhalb wir uns für Vater und Sohn ausgaben. Onkel Ro war der alte Mr. Davidson und ich der junge Mr. Davidson aus Maryland – oder Meir-rland – wie der Name im dorischen Dialekte dieses Staates lautet. Dieser Theil der Täuschung hatte eigentlich keine andere Behelligung für uns, als daß ich meinen angeblichen Vater nicht Onkel nennen durfte, da ein derartiger Verstoß natürlich unter einer fremden Gesellschaft aufgefallen wäre.

Die Ueberfahrt selbst lief ohne erwähnungswerthe Ereignisse ab. Wir hatten den gewöhnlichen, durchschnittlichen Wechsel von gutem und schlechtem Wetter, die gewöhnliche Verpflegung mit Speise und Trank und den gewöhnlichen Antheil von langer Weile. Der letztere Umstand trug vielleicht hauptsächlich dazu bei, einen weiteren Plan meines Onkels zur Reife zu bringen, den ich hier anführen muß.

Er hatte seine Briefschaften und Zeitungen abermals durchgelesen und war hiedurch auf den Glauben gekommen, die Anti-Renten-Bewegung habe weit mehr Bedeutung, als es ursprünglich den Anschein gewonnen. Das heimliche Bündniß unter den Pächtern hatte, wie wir von einem verständigen New-Yorker erfuhren, der mit uns reiste, sich viel weiter verbreitet, als wir unsern Berichten zu Folge anzunehmen Grund hatten, und man hielt es sogar in vielen Fällen entschieden für gefährlich, wenn sich Grundherrn auf ihren Besitzungen blicken ließen. Der allgemeinen Annahme zu Folge hatten sie Beschimpfung, persönliche Beleidigung, wo nicht gar Ermordung zu besorgen. Allerdings war aus dem bereits vergossenen Blut wenigstens so viel Gutes hervorgegangen, daß den ungestümeren Kundgebungen ein Zügel angelegt wurde; aber trotz aller der säumigen Erklärungen, daß man nur mit Mäßigung zu Werk gehen wolle und blos nach dem Rechte trachte, ließ sich doch unter den Pächtern leicht ermitteln, daß sie im Geheim entschlossen waren, ihre Absichten durchzusetzen. Wie konnte auch in diesem Falle von Recht die Rede sein, da dieses durch den Buchstaben sowohl als durch den Geist der Verträge gegeben war, und man so augenfällig sah, daß die Unzufriedenen es hierauf zuletzt abhoben!

Dem erfahrenen Manne gelten Betheurungen für nichts, wenn sie mit einem Handeln verbunden sind, das ihnen geradezu widerspricht. Für Alle, welche einen Blick in die Sache thun mochten, war es nur zu augenfällig, und zwar durch Beweise, welche nicht täuschen konnten, daß die große Masse der Pächter in den verschiedenen Counties New-Yorks darauf erpicht war, auch ohne die Zustimmung der Grundherren Vortheile aus ihren Farmen zu ziehen, die ihnen durch die Verträge nicht zugestanden waren; ihre Anschläge waren demgemäß von einer Art, wie sie kein ehrlicher Mann in der Gemeinschaft hätte dulden sollen.

Schon die Thatsache, daß sie das sogenannte »Inschens«-System unterstützten oder auch nur gewähren ließen, gab ihre Beweggründe zur Genüge zu erkennen, und wenn wir dabei noch ferner in Erwägung ziehen, daß diese »Inschens« bereits zu dem Aeußersten des Blutvergießens geschritten waren, so konnte wohl Niemand mehr daran zweifeln, daß die Angelegenheiten bald zu einer Krisis kommen mußten.

Wir beide, Onkel Ro und ich, stellten über alle diese Dinge mit der größten Ruhe unsere Betrachtungen an, und entschieden uns für ein Verfahren, das man hoffentlich nicht für unklug halten wird. Da dieser Entschluß folgereich für mein ganzes künftiges Leben wurde, so will ich jetzt in kurzen Zügen andeuten, was uns zu demselben bestimmte.

Es war für uns höchst wichtig, Ravensnest persönlich zu besuchen, und doch konnte ein derartiger offener Schritt sehr gefährlich werden. Das Nesthaus stand mitten auf dem Besitzthum, und da wir die Stimmung der Pächter nicht kannten, so war es vielleicht unklug, unsere Anwesenheit wissen zu lassen. Die Umstände begünstigten übrigens den Plan unseres Incognitobesuchs; denn da man uns erst im Herbst oder mit dem »Fall der Blätter,« – wie diese Zeit des Jahres poetisch in Amerika genannt wird – erwartete, so konnten wir wohl annehmen, daß wir bei unserem unvorhergesehenen Eintreffen auch unentdeckt blieben. Die Art, wie wir dieß angriffen, war sehr einfach, und läßt sich am besten im Laufe der Erzählung darstellen.

Das Packetschiff hatte eine leidlich kurze Fahrt gehabt, da wir in neunundzwanzig Tagen von Land zu Land gelangten. An einem lieblichen Mai-Nachmittag wurden wir vom Deck aus zum erstenmal der Höhen von Ravesink ansichtig, und eine Stunde später erblickten wir die thurmähnlichen Segel der Küstenfahrer, welche sich in der Nähe des niedrigen Landvorsprunges, der den bezeichneten Namen Sandy-Hook führt, versammelt hatten. Bald nachher tauchten die Leuchtthürme aus dem Wasser auf, und allmälig traten die Gegenstände an der New-Jersey-Küste aus dem nebligen Hintergrunde hervor, bis wir endlich nahe genug standen, um zuerst von dem Lootsen und dann von den Neuigkeitsbooten geentert zu werden. Merkwürdiger Weise kam jener vor diesem an, denn die Sucht nach Neuigkeiten ist in unserer guten Republik gewöhnlich viel zu rührig, als daß man auch mit der größten Wachsamkeit diesem Uebel entgehen könnte. Mein Onkel musterte die Mannschaft des Neuigkeitsboots auf's sorgfältigste, und da er Niemand an Bord bemerkte, den er schon früher gesehen hatte, so schloß er in Betreff der Ueberfahrt nach der Stadt den Handel ab.

Wir hatten den Fuß eben auf die Batterie gesetzt, als die Uhren New-York's 8 Uhr schlugen. Ein Zollbeamter untersuchte unsere Reisesäcke, und ließ sie passiren; denn unsere übrigen Effekten befanden sich noch auf dem Schiff und unter der Obhut des Kapitäns, welchen wir um diese Gefälligkeit angegangen hatten. Jeder von uns besaß ein Haus in der Stadt, aber wir wollten unsern Wohnungen nicht nahe kommen. Die meinige hatte blos den Zweck, Winters zum Gebrauch meiner Schwester und einer Tante zu dienen, welche während der Saison sich des Mädchens freundlich annahm, während das Haus meines Onkels hauptsächlich nur von seiner Mutter bewohnt wurde. Zu der gegenwärtigen Jahreszeit waren aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein paar alte Diener der Familie daselbst zu treffen, und es gehörte mit zu unserem Plan, sogar diese zu meiden. »Jack Dunning« aber, wie ihn mein Onkel stets zu nennen pflegte, war eher ein Freund, als ein Geschäftsführer, und hatte seine Junggesellenwirthschaft in Chamberstreet – – einem Stadttheil, auf den wir es zuvörderst abhoben. Um dahin zu gelangen, schlugen wir den Weg durch Greenwichstreet ein, weil wir fürchteten, in Broadway Jemand zu begegnen, von dem wir erkannt werden konnten.


 

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