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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Dreißigstes Kapitel.

»Tyrannenhaß und Schurkenhaß
Sind glühend heiße Gefühle!
Verehrung dem Recht,
Verachtung dem schnöden Knecht,
Dem Feigling im Bubengewühle!«

Hallecks wilde Rose vom Alloway

 

Obgleich die Erfahrung gezeigt hat, daß das Erscheinen eines Sheriffs in dieser Rentenbewegung noch keineswegs eine Bürgschaft ist für das Erscheinen eines Freundes des Gesetzes, so war dieß doch bei dem gegenwärtigen Anlaß zufälligerweise der Fall, und die »verkappten Bewaffneten« wußten, daß dieser Würdenträger geneigt war, seine Pflicht zu erfüllen Der Herausgeber muß hier bemerken, daß aus nahe liegenden Gründen die Namen, die Counties u.s.w., die in dem Manuscript zur Sprache kommen, erdichtet sind; indeß liegen alle Lokalitäten den hier erwähnten nahe genug, um den doppelten Zweck der Wahrheit und Dichtung zu erreichen. Da einer von den »ehrenwerten Gentlemen« der Gesetzgebung über unsere Aeußerungen in Betreff der provinzialen Gefühle und Ansichten mit einer Großartigkeit herfällt, welche beweißt, wie er selbst durchaus ein Mann von Welt ist, so wollen wir den übrigen Angehörigen des menschlichen Geschlechts, welchen zufälligerweise dieses Buch in die Hände kommt, bemerken, daß wir diese Erklärung für nöthig hielten, damit nicht jene gründliche Betrachtungsweise der Dinge, an die man sich bisher so eifrig hielt, weil auf den Blättern einer Novelle ein gewisses Haus oder eine gewisse Straße genannt wird, von denen man glauben könnte, man kenne jedes darin wohnende Individuum – unsere Anspielungen auf diesen oder jenen besondern Würdenträger beziehe. Der Herausgeber. Eine von den wilden Ungereimtheiten, in welche die Demokratie verfallen ist – und die Demokratie ist ebensowenig untrüglich, als sich dieß von den einzelnen Demokraten behaupten läßt – besteht darin, daß die Offiziere und die Sheriffe der Counties wählbar sind. Es folgt daraus nothwendig, daß das Militär zu einem Possenspiel wird und die Vollstreckung der Gesetze in einer besondern Grafschaft hauptsächlich davon abhängt, ob es in dem Willen besagter County liegt, sie vollziehen zu lassen oder nicht. Letzteres ist namentlich eine treffliche Einrichtung für die ansäßigen Schuldner zum Beispiel, obgleich die abwesenden Gläubiger nicht so ganz damit zufrieden sein werden. Doch all' dieß ist von keinem großem Belang, sintemal die Theorieen, welche gegenwärtig über Gesetzgebung und Regierung üblich sind, einen Charakter tragen, daß, hätten sie eine Wahrheit zur Grundlage, Gesetze und Regierungsbeamte überhaupt ganz unnöthig wären. Zwangsmaßregeln aller Art können nur nachtheilig wirken, wenn man ihnen Vollkommenheit zuschreibt.

Sobald die Bewegung ihren Anfang genommen hatte, und die Damen entflohen waren, nahm ich Seneka und seinen Mitgefangenen am Arm und führte sie in das Bibliothekzimmer. Dieß that ich, weil ich es für unbillig hielt, Gefangene einer gefährlichen Lage auszusetzen – und in der That, ich dachte in jenem Augenblicke an nichts Anderes. Unmittelbar darauf kehrte ich nach der Piazza zurück, wo man mich nicht vermißt hatte, um Zeuge der weiteren Vorgänge zu sein.

Wie bereits angedeutet wurde, war es bekannt, daß dieser Sheriff nicht zu den Gönnern der Antirentenbewegung gehörte, und da man nicht glaubte, er könne sich ununterstützt auf einem solchen Schauplatz gezeigt haben, so wichen die Inschens zurück und thaten in dieser Weise der Gefahr eines augenblicklichen Zusammenpralls Einhalt. Ich habe seitdem unter der Hand erfahren, daß einige aus der Bande sich nach der Erzählung des Adlersflugs wirklich schämten, weil sie sich sagen lassen mußten, eine Rothhaut habe ein lebhafteres Gefühl für Gerechtigkeit, als die Weißen. Was die Führer in dieser Angelegenheit auch immer über die Bedrängnisse der Pächter, über »Futteralbräuche,«, »Aristokratie« und »Zinshühner« sagen mögen, so folgt doch daraus noch keineswegs, daß sie an ihre eigenen Theorien und Beweisgründe glauben. Im Gegentheil trifft bei solchen Menschen in der Regel der Fall zu, daß sie sich ganz frei von der Aufregung halten, die sie bei Anderen zu wecken sich zum Geschäft machen. Sie haben hierin Aehnlichkeit mit dem berühmten John Wilkes, welcher, als er Georg III. den Charakter eines früheren Mitarbeiters in seiner Agitation schilderte, ganz ernsthaft die Bemerkung beifügte: »er war ein Wilkesite, Sir; ich war es nie.«

Auch das unerwartete Auftreten Dunnings, des verhaßten Geschäftsführers unserer Familie, blieb nicht ohne Wirkung; denn diejenigen, welche auf der Außenseite des Vorhangs standen, konnten nicht wohl daran glauben, daß er es wagen würde, sich ohne einen zureichenden Hinterhalt in Ravensnest zu zeigen. Wer übrigens so dachte, kannte Jack Dunning nicht. Er hatte allerdings einen natürlichen und sehr verständigen Widerwillen gegen das Theerfaß und den Federnsack; aber wenn die Notwendigkeit ein Wagniß forderte, so war Niemand kühner, als er. Seine unvorhergesehene Ankunft läßt sich leicht und einfach erklären.

Unruhig über die Art, wie wir Ravensnest besuchten, beschloß dieser wackere Freund nach einer Zögerung von einigen Tagen uns zu folgen. Als er in der County anlangte, hörte er von dem Brand der Scheune, von dem Versuch, den man mit dem Haus beabsichtigt hatte, und machte sich ohne Säumen auf den Weg, um den Sheriff aufzusuchen. Da es Dunning hauptsächlich darum zu thun war, die Damen aus der Höhle des Löwen zu bringen, so wartete er nicht auf das Aufgebot des posse comitatus, sondern miethete ein Dutzend entschlossener, bewaffneter Bursche, mit denen er nach dem Nest aufbrach. Wie er sich dem Hause näherte, erreichte ihn das Gerücht, daß wir belagert wären; es wurde daher nöthig, zu einigem Manövriren Zuflucht zu nehmen, um der Garnison Succurs bringen zu können. Da Dunning als Knabe und als Mann manchen Monat bei meinem Onkel und Vater in dem Nest zugebracht hatte, so war er mit allen Windungen und Wegen der Umgegend wohl vertraut; namentlich kannte er die Lage der Klippe, des Hofes und die verschiedenen Eigenthümlichkeiten des Platzes. Unter andern Einrichtungen, die im Laufe der letzten Jahre getroffen worden waren, hatte man auch am Ende der langen Gallerie, welche durch einen der Flügel führte, eine Thüre angebracht und eine Treppe an den Felsen angebaut, vermittelst welcher man zu gewissen Pfaden gelangen konnte, die sich durch die Wiesen hinschlängelten und den Windungen des Stromes folgten. Dunning beschloß den Versuch zu machen, ob er nicht von dieser Seite aus in's Haus kommen könne, indem er hoffte, er werde sich wohl Jemand drinnen vernehmlich machen können, im Falle er die Thüre verschlossen finde. Alles gelang ganz nach Wunsch, obschon vom ganzen Haushalt nur die Köchin im anderen Flügel auf ihrem Posten war. Sie sah den Ankömmling augenblicklich, wie er sich auf dem oberen Theil der Treppe zeigte, und Jack Dunnings Gesicht war im Nest so gut bekannt, daß die gute Frau keinen Augenblick Bedenken trug, ihn einzulassen. So gelangte er in das Gebäude und sein ganzer Haufen folgte ihm. Letzteren ertheilte er die Weisung, sich in den Gemächern zu verbergen, worauf er und der Sheriff sich der Thüre näherten. Dort hörte er den größten Theil der Rede Adlersflugs mit an und war Zeuge der Aufmerksamkeit, welche allerseits seiner Erzählung geschenkt wurde. Das Uebrige ist dem Leser bekannt.

Ich muß hier gleichfalls bemerken, daß Opportunity, die Dunning und sein Gefolge hatte ankommen sehen, keinen Augenblick säumte, die Gefangenen, sobald sie sich mit ihnen allein in der Bibliothek befand, ihrer Bande zu entledigen und ihnen vermittelst desselben Ganges, der Thüre und der Treppe die Mittel zur Flucht an die Hand zu geben. So vermuthe ich wenigstens, denn die Schwester ist nie über diesen Gegenstand zur Rede gestellt worden. Seneka und sein schurkischer Spießgeselle waren verschwunden ohne sich seitdem wieder in unserer Gegend blicken zu lassen. Ihre Flucht hinderte die Anstellung einer Klage wegen Versuchs der Mordbrennerei. Der Mord Steele's, des Sheriff-Gehilfen von Delaware, hat dem »Inschen«-System einen Stoß versetzt und in dem Lande ein Gefühl erweckt, welchem, in solcher Form wenigstens, von Menschen kein Widerstand geleistet werden konnte, die so offen allen Grundsätzen der Ehrenhaftigkeit Trotz boten, wie die Antirenters.

Als ich, nachdem ich Seneka in das Bibliothek-Zimmer gestoßen hatte, wieder auf der Piazza erschien, waren die Inschens in augenscheinlicher Verwirrung um etwa zwanzig oder dreißig Schritte zurückgewichen, während die Indianer kalt und ruhig unter ihren Waffen standen – so wachsam zwar, wie auf Beute lauernde Panther, aber doch im Zaume gehalten durch die Gelassenheit, mit welcher ihre Führer den Verlauf der Dinge beobachteten. Der Sheriff forderte nun die Ersteren als Gesetz-Uebertreter auf, sich zu zerstreuen, und nannte ihnen mit einer Stimme, die hinreichend klar und bestimmt war, um verstanden werden zu können, die Strafen, welche sie durch eine Weigerung über sich verhängten. Es war ein Augenblick, während dessen die Inschens unschlüssig zu sein schienen. Sie hatten sich in der vollen Absicht eingefunden, meinen Onkel und mich mit dem Theer-Eimer zu bedienen und uns durch eine derartige Einschüchterung einen Vergleich abzunöthigen. Dieß war das feige Ausfluchtsmittel von Hunderten, die einzelne Personen angriffen und zu ängstigen versuchten – von Menschen, die in besonderer Gunst bei einer gewissen Klasse unsrer ultra Freiheitsfreunde stehen, solcher Freiheitsfreunde, welche meinen, sie seien im Besitz aller öffentlichen Tugend der Nation, und dadurch alle ihre Handlungen rechtfertigen zu können glauben. Der ganze Haufen dieser tugendhaften Bürger, welcher es für nöthig hielt, die Glut der Scham unter ihren Calico-Kapuzen zu verbergen, wich mit einem Male mit aller Eile zurück, anfangs zwar noch an einiger Ordnung festhaltend, aber bald in eine Verwirrung gerathend, die sich in kurzer Zeit in eine chaosartige Flucht auflöste. Der Grund lag in dem Umstande, daß sich Dunnings Leute an den Zimmerfenstern zu zeigen begannen und ihre Musketen- oder Büchsenläufe durch dieselben steckten. Dieß bewog die »verkappten Bewaffneten« wie es bei allen Antirenten-Unruhen stets der Fall gewesen ist, zu einem wunderbar eiligen Rückzug. Wenn der Streiter in einer guten Sache dreimal stark ist, so ist derjenige zehnfach eine Memme, welcher in seinen Händeln Unrecht hat. Hieraus erklärt sich einfach die Feigheit, welche unter denen, die an diesem Inschenkriege Theil nahmen, sich so allgemein an den Tag legte – eine Feigheit, welche dazu Anlaß gab, daß zwanzig gegen Einen die Helden spielten, geheime Versuche auf das Leben von Schildwachen gemacht wurden, und sonstige Schändungen allen männlichen Gefühls vorfielen, die so bezeichnend waren für das heroische Treiben unserer Gegner.

Sobald wir von den Inschens für den Augenblick nichts mehr zu fürchten hatten, fanden wir Zeit, den Indianern wieder unsre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Letztere schauten mit stummer Verachtung Denen nach, welche die Lebensweise und vor Allem den Muth der Indianer durch ihre Nachäfferei so schmählich beschimpften, und Prairiefeuer, der ein wenig Englisch sprach, bemerkte gegen mich mit Nachdruck:

»Arme Inschens – armer Stamm – läuft davon vor seinem eigenen Kriegsgeschrei!«

Dieß war buchstäblich Alles, was die Krieger der Prairien über diese Störer des öffentlichen Friedens, über die Werkzeuge der Habgier zu äußern sich herabließen, welche Nachts umherstreifen wie Wölfe, um das verirrte Lamm zu ergreifen, aber rasch Reißaus nehmen, wenn sie einen Bullenbeißer knurren hören. Man kann sich über solche Elende, die auch nie und nirgends einen einzelnen Funken vom wahren Geist der Freiheit an den Tag gelegt haben, nicht hart genug ausdrücken; denn stets zitterten sie vor der Autorität, wenn diese auch nur mit dem mindesten Anschein von ihrer Gewalt auftrat, während sie dieselben unabänderlich mit Füßen traten, so oft das Ueberwiegen der Zahl die Gefahr beseitigte.

Der alte Susquesus hatte den Vorgängen ruhig zugesehen, denn er kannte die Beschaffenheit des Tumults und verstand Alles vollkommen, was mit den Ausbrüchen desselben in Verbindung stand. Sobald auf der Piazza die Ordnung wieder hergestellt war, erhob er sich noch einmal, um seine Gäste anzureden.

»Meine Kinder,« sagte er feierlich, »ihr hört meine Stimme zum letzten Mal. Auch der Zaunkönig kann nicht immer singen, und sogar die Schwinge des Adlers wird mit der Zeit müde. Ich werde bald aufgehört haben, zu sprechen. Wenn ich in den glücklichen Jagdgründen der Onondagoes anlange, will ich den Kriegern dort von eurem Besuche erzählen. Eure Väter sollen erfahren, daß ihre Söhne die Gerechtigkeit lieben. Mögen die Blaßgesichter immerhin Papiere unterzeichnen und hinterdrein d'rüber lachen. Das Versprechen eines rothen Mannes ist sein Gesetz. Wird Einer gefangen genommen, und seine Besieger wünschen ihn zu foltern, so sind sie zu edelmüthig, um ihn nicht hinziehen zu lassen zu seinem Stamm, damit er Abschied nehme von seinen Freunden. Ist seine Zeit um, so kehrt er zurück. Wenn er Häute verspricht, so bringt er sie, obschon kein Gesetz ihm in die Wälder folgen und ihn dazu zwingen kann. Sein Versprechen geht mit ihm; seine Zusage ist stärker als Ketten – sie bringt ihn wieder zurück.

»Meine Kinder, vergeht dieß nie. Ihr seid keine Blaßgesichter, die das Eine sagen und das Andere thun. Was ihr sagt, müßt ihr erfüllen. Wenn ihr ein Gesetz macht, so haltet es auch. Dieß ist recht. Kein rother Mann begehrt den Wigwam eines Andern. Braucht er einen Wigwam, so baut er ihn selbst. So ist es nicht bei den Blaßgesichtern. Der Mann, welcher keinen Wigwam hat, versucht, wie er den seines Nächsten an sich bringt. Während er dieß thut, liest er in seiner Bibel und geht in seine Kirche. Ich habe bisweilen gedacht, je mehr er lese und bete, desto mehr sei er auf den Wigwam seines Nachbars erpicht. So kömmt's wenigstens einem Indianer vor – möglich, daß er hierin irrt.

»Meine Kinder, der rothe Mann ist sein eigener Herr. Er geht und kommt, wie es ihm beliebt. Wenn die jungen Männer den Kriegspfad einschlagen, so kann er es auch thun. Er kann auf den Kriegspfad ziehen oder auf die Jagd gehen, kann aber auch in seinem Wigwam bleiben. Alles, was er zu thun hat, besteht darin, daß er sein Versprechen hält, nicht stiehlt und nicht unaufgefordert in den Wigwam eines andern rothen Mannes geht. Er ist sein eigener Herr. Er sagt es zwar nicht, aber er ist es dennoch. Wie verhält sich dieß mit den Blaßgesichtern? Sie sagen, sie seien frei, wenn die Sonne aufgeht; sie sagen, sie seien frei, wenn die Sonne über ihren Häuptern steht, sie sagen, sie seien frei, wenn die Sonne sich hinter den Bergen verbirgt. Sie hören nie auf, davon zu sprechen, daß sie ihre eigenen Herren seien. Hievon reden sie mehr, als sie in ihrer Bibel lesen. Ich habe nahezu hundert Winter unter ihnen gelebt und weiß, was sie sind. Sie thun dieß und wollen noch obendrein einem andern seinen Wigwam nehmen. Sie sprechen von Freiheit; dann sagen sie aber, du sollst diese Farm haben und du sollst jene nicht haben. Sie sprechen von Freiheit und rufen sich gegenseitig zu, sie wollen sich in Calico-Säcke stecken, damit ihrer Fünfzig einen Einzigen theeren oder federn können. Sie sprechen von Freiheit und verlangen, daß Alles nach ihrem Kopf gehe.

»Meine Kinder, diese Blaßgesichter könnten wohl mit euch nach dem Prairien gehen, um da zu lernen, was recht ist. Es wundert mich nicht, daß sie ihre Gesichter in Säcke verstecken. Sie fühlen die Schamröthe auf ihren Wangen und haben auch allen Grund dazu.

»Meine Kinder, dieß ist das letzte Mal, daß ihr meine Stimme höret. Die Zunge eines alten Mannes kann sich nicht immer bewegen. Nehmt daher meinen Rath an und thut, was recht ist. Der große Geist wird euch darin belehren – hört auf meine Stimme. Was mein Sohn von mir gesagt hat, ist wahr. Es ist mich schwer angekommen, denn die Gefühle hätten gern anders gehandelt; aber es geschah nicht. Nach kurzer Zeit kam wieder Frieden über meinen Geist und ich war froh. Aber ich konnte nicht zurückgehen und unter meinem Volke leben, denn ich fürchtete, zu thun, was unrecht war. Ich blieb unter den Blaßgesichtern und fand hier Freunde. Meine Kinder, lebt wohl! Thut was recht ist, und ihr werdet glücklicher sein, als das reichste Blaßgesicht, wenn es unrecht handelt.«

Nach diesen Worten setzte sich Susquesus nieder und dann traten die rothen Männer, einer nach dem andern, heran, um ihm die Hand zu drücken. Die Indianer machen wenige Worte und lassen lieber ihre Handlungen sprechen. Keine Sylbe verlautete unter diesen rohen Kriegern, als sie sich von Susquesus verabschiedeten. Jeder hatte bereitwillig dem Manne, dessen Gerechtigkeit und Selbstverleugnung in ihren Ueberlieferungen gefeiert werden, den Zoll der Ehrerbietung abgetragen, und nachdem dieß geschehen war, ging er zufrieden, wenn auch nicht ganz glücklich, seines Weges. Die Häuptlinge drückten auch allen Denjenigen, welche sich auf der Piazza befanden, die Hand und äußerten ihren Dank für die freundliche Aufnahme, die sie gefunden hatten. Mein Onkel vertheilte den Ueberrest seiner Siebensachen unter sie, und sie verließen uns mit den freundlichsten Gefühlen. Gleichwohl lag in ihrem Abzuge nichts Dramatisches, denn er war so einfach wie ihre Ankunft. Sie hatten den Biederen unter den Onondagoes besuchen wollen, und nachdem dieser Zweck erreicht war, zögerten sie nicht länger mit dem Aufbruch. Ich sah ihre Linie sich auf der Landstraße hinwinden, und die Episode eines solchen Besuches kam uns Allen mehr wie ein Traum, denn wie eine Wirklichkeit vor. Sie erlitten auf ihrem Rückwege keine Störung, und eine halbe Stunde, nachdem sie die Piazza verlassen hatten, sahen wir sie den Berg hinanziehen, wo wir die Herunterkommenden zum ersten Mal bemerkt hatten.

»Nun, Hodge,« sagte Jack Dunning einige Stunden später, »wofür habt Ihr Euch entschieden? Wollt Ihr hier bleiben oder nach Eurem eigenen Sitz in West-Chester ziehen?«

»Ich gedenke zu bleiben, bis es uns Allen gefällt, aufzubrechen; dann aber will ich mich bemühen, so frei zu sein wie ein Indianer und hinzugehen, wohin es uns beliebt – natürlich stets vorausgesetzt, daß wir nicht gegen die Neigung unseres Nachbars in dessen Wigwam wollen.«

Jack Dunning lächelte, und schritt einigemal in dem Bibliothekzimmer auf und ab, ehe er wieder das Wort ergriff.

»Als ich in der County anlangte, ließ ich mir sagen, Ihr und alle Eure Angehörigen seiet vorbereitet, den Morgen nach dem Versuch, Euer Haus anzuzünden, die Gegend zu verlassen.«

»Dieß ist eine von jenen liebenswürdigen Verkehrungen der Wahrheit, welche so oft die Moral einer ganzen Geschichte verschönern müssen. Was die Leute wünschen, bilden sie sich ein, und was sie sich einbilden, sagen sie aus. Sogar die Mädchen betheuern, sie wollen das Haus nicht verlassen, so lange es noch ein Dach habe, um ihre Häupter zu schirmen. Aber, Jack, woher kommt dieser Geist?«

»Ich sollte denken, dieß wäre die letzte Frage, die ein leidlich unterrichteter Mann zu stellen nöthig hat,« antwortete Dunning lachend. »Es liegt auf flacher Hand, woher er kommt – von dem Teufel selbst, denn er hat jedes Merkzeichen von dem Handwerk dieses saubern Patroons. Zuvörderst liegt Geldgier oder Habsucht zu Grunde. Dann kommen die Lügen als seine Werkzeuge. Seine erste und anspruchvollste Lüge ist die der Freiheit, denn sie tritt alle Grundsätze der letzteren unter die Füße. Dann kommen die Schocke von Hilfstruppen in der Form kleiner Erfindungen, welche die Thatsachen in Betreff der ursprünglichen Ansiedelung des Landes abläugnen, über den Fortgang derselben Angaben fabriciren und aller Wahrheit zum Trotz derartige Machwerke festhalten, wenn man meint, daß etwas damit zu erzielen sei Der entsetzliche Hang, seine Zwecke durch Lügen zu erreichen, ist in Amerika so in Aufschwung gekommen, daß er alle Gerechtigkeit gänzlich umzustürzen droht. Ohne mich auf allgemeine Thatsachen einlassen zu wollen, drängen sich doch zwei Umstände, die in unmittelbarer Verbindung mit der Antirentenfrage stehen, unwillkürlich meiner Berücksichtigung auf. Sie beziehen sich auf große Besitzthümer, auf das Erbe eines Engländers, welcher die Hälfte einer langen Lebenszeit im Lande verbrachte. Es ist in öffentlichen legislativen Dokumenten behauptet worden, daß die Frage seiner Berechtigung an diese Besitzthümer noch unerledigt sei, während doch veröffentlichte Erlasse des höchsten Landesgerichtshofs zeigen, daß schon vor dreißig Jahren zu Gunsten des besagten Engländers eine Entscheidung gegeben worden ist; ferner sprechen in Beziehung auf seinen Erben amtlich officielle Angaben sich dahin aus, er sei nie dazu zu vermögen gewesen, seine Liegenschaften anders, als auf Lebensdauer zu verpachten. Nun ist es zwar von keinem sonderlichen Belang, ob dieß wahr ist oder nicht, sintemal das Gesetz Jedem gestattet, in dieser Hinsicht zu handeln wie er will. Die Thatsache ist aber, wie ich aus dem Munde des Agenten, der die Vertrags-Urkunden ausstellte, vernahm, ganz das Gegentheil von dem, was in obgesagter legislativer Urkunde offen behauptet wird. Der gegenwärtige Besitzer des fraglichen Eigenthums ist von dem Pächter auf's Dringlichste angegangen worden, neue Pachtverträge auf Lebensdauer zu gestatten, und er hat sich entschieden geweigert, zu willfahren! In diesem Falle also ist die Gesetzgebung ohne Zweifel durch die selbstsüchtigen Darstellungen der Antirenters hintergangen worden. Der Herausgeber.. Ueber den Ursprung eines solchen Treibens kann kein Irrthum obwalten, es müßte denn sein, daß Alles, was man uns über den Unterschied zwischen gut und bös lehrt, eine Dichtung wäre. In der That, Hodge, ich bin erstaunt, daß ein vernünftiger Mann nur so fragen kann.«

»Vielleicht habt Ihr recht, Jack; aber zu was soll es führen?«

»Ei, dieß ist nicht so leicht zu beantworten. Die neuen Ereignisse in Delaware haben die besseren Gefühle des Landes geweckt, und man kann nicht wissen, was hieraus hervorgehen mag. Eines übrigens halte ich für gewiß; der Geist, der in dieser Angelegenheit herrscht, muß gänzlich, auf's Wirksamste und vollständig unterdrückt werden, oder wir sind verloren. Sobald man einmal im Lande weiß, daß man sich durch Combinationen und durch die Macht der Zahlen seiner Schulden entledigen und die geschlossenen Verträge nach eigenem Gutdünken modeln kann, so wird's nicht lange mehr anstehen, bis sogar die Hölle ein Paradies ist in Vergleichung mit New-York. In der Natur aller dieser Pachtverträge liegt auch nicht ein einziger gerechter Beschwerdegrund, welche Nachtheile auch in einzelnen Fällen obwalten mögen; aber wollten wir auch annehmen, dem Verhältniß des Grundherrn und der Pächter, wie es bei uns besteht, liegen falsche sociale Principien zu Grunde, so wäre es doch ein weit größeres Uebel, durch eine solche Kombination einen Reformversuch machen zu wollen, als wenn die ursprüngliche Benachtheiligung in alle Ewigkeit fortdauerte

»Ich vermuthe, diese Gentry hält sich für stark genug, ihre Interessen in die Politik hinein zu spielen, und hofft wohl durch diesen Prozeß ihren Zweck zu erreichen. Aber Antimaurerei und verschiedene derartige Entwürfe sind bis jetzt unterlegen, und so dürfte es auch in der Folge mit diesen gehen. Wir haben da einen versöhnenden Zug in den Institutionen, Jack; man kann wohl eine Zeitlang betrügen, aber so wird es unmöglich immer fortgehen. Ich beklage nur, daß der wirklich ehrenwerthe Theil des Gemeinwesens so lange seinen Einfluß ruhen läßt; wäre nur die Hälfte desselben so thätig, wie diese Elenden, so würden wir gut genug zurecht kommen können.«

»Das Resultat ist unbekannt. Möglich, daß man mit der Sache gänzlich, wirksam und in einer Weise zu Stande kommt, welche die Schlange tödtet und nicht blos zerstückelt. Aber eben so gut läßt sich denken, daß man nur zu halben Maßregeln greift, in welchem Falle das Unwesen fortschleicht, wie eine Krankheit im menschlichen Körper; sie ist stets vorhanden, droht unablässig mit Rückfällen und ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mittel, die endliche Auflösung des Leibes herbeizuführen.«

Gleichwohl hielt mein Onkel Wort und blieb in der County, in welcher er sich noch immer aufhält. Unser Hauswesen hat jedoch eine neue Verstärkung erhalten, und bald nach dem Besuche der Inschens fand in der Politik der Antirenters ein Wechsel statt – zwei Momente, denen wir ein Sicherheitsgefühl verdanken, wie es uns sonst kaum zu gut gekommen wäre. Die Verstärkung rührte von gewissen jungen Männern her, die von den Quellen aus ihren Weg zu uns gefunden haben und im Nest Gäste geworden sind. Sie sind lauter alte Bekannte von mir, meistentheils Schulkameraden und zugleich auch große Verehrer von unsern jungen Damen. Jede von den Mündeln meines Onkels, die Coldbrooke sowohl als die Marston, hatte, wie wir jetzt entdeckten, einen begünstigten Freier – Umstände, die mir in meiner Bewerbung um Mary Warren freie Hand ließen. In Patt habe ich eine treffliche Verbündete gefunden, denn sie liebt das theure Mädchen fast eben so sehr, wie ich, und hat mir in dieser Angelegenheit große Dienste geleistet. Mein Gesuch ist bedingungsweise angenommen, obschon Mr. Warren's Einwilligung noch nicht nachgesucht wurde. In der That glaube ich kaum, daß der gute Rektor auch nur die mindeste Ahnung hat von dem, was im Winde ist. Onkel Ro weiß freilich den ganzen Stand der Dinge, obschon ich nie gegen ihn eine Sylbe verlauten ließ. Zum Glück ist er mit der Wahl seiner beiden Mündel wohl zufrieden, und dieß hat seinen Verdruß über die fehlgeschlagenen Plane einigermaßen gemildert.

Mein Onkel Ro hängt durchaus nicht am Gelde, und der Umstand, daß Mary Warren auch nicht das mindeste Vermögen besitzt, macht ihm keine Sorge. Ueberhaupt ist er selbst so reich, daß er wohl weiß, es liege in seiner Macht, meine Mittel um ein Ansehnliches zu vergrößern und mich dadurch im Nothfall über die Gefahren des Antirentismus zu erheben. Nachstehendes ist ein Pröbchen von seinem Humor und von der Art, wie er sich zu benehmen pflegte, wenn ihn die Laune danach anwandelte. Eines Morgens, etwa eine Woche, nachdem die Inschens durch die Scham vor den Indianern aus dem Felde geschlagen worden waren, – denn hierin lag das Geheimniß ihres endlichen Verschwindens aus unserem Landestheile – eines Morgens, etwa eine Woche nach ihrem letzten Besuche befanden wir uns in dem Bibliothekzimmer – ich meine die Großmutter, meinen Onkel, Patt und mich – und plauderte über dieß und das, als mein Onkel plötzlich ausrief:

»Beiläufig, Hugh, ich habe dir ein wichtiges Stück Neuigkeit mitzutheilen – eine Neuigkeit, welche dich in einem Belange von fünfzigtausend Dollars angeht.«

»Hoffentlich doch keine neuen Antirenten-Gefahren, Roger?« versetzte meine Großmutter ängstlich.

»Für den Augenblick hat Hugh von dieser Seite her wenig zu befürchten. Der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten ist sein Schild, und dieser hat wohl eine zureichende Größe, um seinen ganzen Leib zu decken. Was die zukünftigen Pachte betrifft, so wird er, wenn ich ihm gut zu Rath bin, keinen für länger als für fünf Jahre verleihen, und dann werden seine Pächter bei der Gesetzgebung genug lärmen, daß man ihnen gestatte, für sich selbst ihren Handel schließen zu dürfen. Aller Wahrscheinlichkeit nach bringt am Ende die Scham unsere Freunde des freien Verkehrs herum, und die Zeit wird kommen, wann unsere doppeltdestillirten Freiheitsschreier einzusehen anfangen, es sei eine gar jämmerliche Art von Freiheit, welche einem reichen Grundbesitzer nicht gestatte, seine Farmen für eine lange Periode abzutreten, oder einem armen Landwirthe verbietet, einen Vertrag zu schließen, wie er ihm selbst am vortheilhaftesten ist. Nein, vorderhand wenigstens hat Hugh aus dieser Quelle nichts Ernsthaftes zu besorgen, obschon man nicht weiß, was die Folge bringen mag. Gleichwohl aber wiederhole ich, daß der Verlust, den ich meine, weit sicherer ist und sich bis auf fünfzigtausend Dollars beläuft.«

»Dieß ist viel Geld, wenn ich es verlieren soll,« antwortete ich, obschon ich mich die Kunde nicht sehr anfechten ließ, »und es könnte mich in Verlegenheit bringen, in der Eile eine so große Summe anzutreiben. Dennoch gestehe ich, daß mir wegen dieser Angelegenheit nicht sehr bange ist, trotz Eurer Ankündigung. Ich habe keine Schulden und der Rechtstitel an Alles, was ich besitze, ist unbestreitbar, wenn nicht etwa zuletzt noch eine Entscheidung kömmt, daß eine Verleihung des Königs von Republikanern nicht geduldet werden dürfe.«

»Dieß ist Alles recht schön, Meister Hugh, aber du vergißst daß du der natürliche Erbe meines Besitzthumes bist. Patt weiß, daß für sie ein Schnipfelchen abfällt, wenn sie heirathet, und ich bin jetzt im Begriff, auf eine andere junge Dame eben so viel als Morgengabe zu übertragen.«

»Roger!« rief meine Großmutter, »dieß kann dir unmöglich Ernst sein! Von ebensoviel, sprichst du?«

»Genau von der vorgenannten Summe, meine theure Mutter. Ich habe Zuneigung gefaßt zu einer jungen Dame, und da ich sie nicht selbst heirathen Kann, so bin ich entschlossen, ihr, sofern Geld dabei in Frage kommt, eine gute Partie möglich zu machen.«

»Aber warum wollt Ihr sie nicht selbst heirathen?« fragte ich. »Aeltere Männer, als Ihr, thun dieß mit jedem Tage.«

»Ja, Wittwer – ich gebe es zu; diese heirathen fort, und wenn sie tausend Jahr alt würden; aber nicht so verhält sich's mit uns Junggesellen. Ist einer einmal hübsch über seine Vierzig hinaus, so ist er nicht leicht dazu zu bewegen, daß er dieses Opfer bringe. Nein, es ist ein wahres Glück, daß sich Jack Dunning hier befindet. Ich habe ihm Arbeit gegeben; er muß mir eine Urkunde aufsetzen, welche auf die junge Dame, die ich im Sinn habe, eine Morgengabe überträgt, ohne daß ihr künftiger Gatte ein Recht daran hätte, mag dieser nun sein, wer er will.«

»Es ist Mary Warren!« rief meine Schwester im Tone des Entzückens.

Mein Onkel lächelte und versuchte eine gesetzte Miene anzunehmen; indeß kann ich ihm nicht nachrühmen, daß ihm dieß sonderlich gelang.

»Ja – ja – es ist Mary Warren, und Onkel Ro gedenkt ihr ein Vermögen zu geben!« fügte Patt bei, indem sie wie ein junges Hirschlein auf dem Boden umhertanzte, sich ihrem Vormund um den Hals warf und ihm in dieser Umarmung ein Dutzend Küsse versetzte, als wäre sie noch ein Kind, obschon sie bereits eine schöne junge Dame von Neunzehn war. »Ja es ist Mary Warren, und Onkel Hodge ist ein prächtiger alter Gentleman – nein, ein entzückender junger Gentleman; und wenn er nur dreißig Jahre jünger wäre, so müßte er seine eigene Erbin zur Frau haben. Guter, lieber, edelmüthiger, verständiger Onkel Ro! Dieß sieht ihm so gleich – trotz aller seiner getäuschten Erwartungen; denn ich weiß, Hugh, er hatte sein Herz daran gesetzt, daß du Henrietta heirathen solltest.«

»Und was hat der Umstand, daß ich Henrietta heirathe oder nicht heirathe, mit dieser Schenkung von fünfzigtausend Dollars an Miß Warren zu schaffen? Ich glaube die jungen Damen sind noch immer zu haben.«

»Oh, du weißt wohl, wie alle dergleichen Dinge betrieben werden,« sagte Patt, welche bei dieser Anspielung auf den Ehestand, selbst wenn sie eine andere Person betraf, erröthete und zugleich lachte. »Mary Warren wird nicht immer Mary Warren sein.«

»Und welcher Name könnte Ihr dann zukommen?« fragte Onkel Ro rasch.

Aber Patt hielt zuviel auf die Rechte und Privilegien ihres Geschlechts, um unmittelbar etwas verlauten zu lassen, was auch nur den Anschein einer Bloßstellung ihrer Freundin gehabt hätte. Das schalkhafte Mädchen streichelte daher die Wange ihres Oheims, erröthete noch höher, blickte schelmisch nach mir hin, wendete ihre Augen ab, als könnte sie ein Geheimniß verrathen, und kehrte so gesetzt nach ihrem Stuhle zurück, wie wenn sich's um den allerernstesten Gegenstand handle.

»Es ist dir aber doch nicht Ernst mit Dem, was du uns gesagt hast, Roger?« fragte meine Großmutter mit mehr Interesse, als ich in Betreff einer solchen Angelegenheit bei ihr für möglich gehalten hätte. »Ist am Ende diese Schenkung nur eine Grille?«

»Was ich gesagt habe, ist so wahr wie ein Evangelium, meine theure Mutter.«

»Und hat Martha Recht? Ist wirklich Mary Warren die begünstigte junge Dame?«

»Um der Reuigkeit willen muß ich zugeben, daß Patt gut gerathen hat.«

»Ist Mary Warren von deiner Absicht unterrichtet, oder hast du ihren Vater darüber zu Rathe gezogen?«

»Beide wissen darum. Wir haben gestern Abend Alles ins Reine gebracht, und Mr. Warren willigt ein

»In was?« rief ich aufspringend, denn der Nachdruck, welchen Onkel Ro auf die letzten zwei Worte gelegt hatte, war zu bedeutsam, als daß er hätte übersehen werden können.

»Hugh Roger Littlepage – wohlgemerkt, dieß ist mein Name – zum Schwiegersohn anzunehmen; und was noch mehr ist, auch die junge Dame ist ›angenehm‹.«

»Wir Alle wissen, daß sie mehr als angenehm ist,« ergriff Patt das Wort. »Sie ist entzückend – trefflich! Angenehm ist kein Ausdruck, den man auf Mary Warren anwenden darf.«

»Pah, Mädchen – wenn du auf Reisen gewesen wärest, so würdest du wissen, daß dieß ein Londoner Ausdruck ist, welcher bedeutet, daß Einem eine Sache angenehm ist. Mary Warren ist es genehm, die Gattin von Hugh Roger Littlepage zu werden, und ich übertrage auf sie fünfzigtausend Dollars als Heirathsgut.«

»Es handelt sich hier um diesen Hugh Roger Littlepage,« rief Patt, indem sie den Arm um meinen Hals schlang, »nicht um jenen Hugh Roger Littlepage. Fügt nur dieß noch bei, liebster, theuerster Onkel, und ich will Euch eine Stunde lang in einem fort küssen.«

»Entschuldige mich, mein Kind, der vierte Theil von dieser Zeit würde ungefähr so viel sein, als ich vernünftigerweise erwarten könnte. Ich glaube übrigens, daß du Recht hast, denn ich erinnere mich nicht, daß dieser Hugh Roger etwas bei der Sache zu schaffen hat, wenn nicht etwa das Geldhergeben für etwas gilt. Ich werde keine von deinen Muthmaßungen in Abrede ziehen.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als die Thüre des Bibliothekzimmers langsam aufging und Mary Warren hereintrat. Wie sie sah, aus welchen Bestandtheilen unsere Gesellschaft zusammengesetzt war, wollte sie sich wieder zurückziehen; aber meine Großmutter lud sie freundlich ein, zu bleiben.

»Ich fürchtete, eine Familienpartie zu stören, Ma'am,« entgegnete Mary schüchtern.

Patt eilte auf sie zu, schlang den Arm um ihren Leib, zog sie in's Zimmer herein und schloß hinter ihr die Thüre – alles in einer Aufsehen erregenden Weise; und dieß lag auch in der Absicht der jungen Dame, da sie Aufmerksamkeit zu wecken wünschte. Wir Alle lächelten, mit Ausnahme Mary's, die halb erfreut, halb furchtsam zu sein schien.

»Es ist wirklich eine Familienpartie,« rief Patt, ihre künftige Schwägerin küssend; »und Niemand sonst soll zugelassen werden, wenn nicht etwa der gute Mr. Warren kommt, um seinen Platz anzusprechen. Onkel Ro hat uns Alles gesagt, und wir sind vollkommen unterrichtet.«

Mary verbarg ihr Antlitz an Patt's Busen, aber bald zog sie meine theure Großmutter zurück, um sie zu küssen. Die Reihe kam sodann an meinen Onkel, und nach diesem an Patt. Hierauf verließen alle Anwesenden, mit Ausnahme Mary's und mir, das Zimmer, und – ja – dann kam auch an mich die Reihe.

Wir sind noch nicht verheirathet, aber der Tag der Trauung ist bereits anberaumt. Ein Gleiches muß ich von den beiden Mündeln berichten, und sogar Patt erröthet und meine Großmutter lächelt gelegentlich, wenn die Namen von Gentlemen, die gegenwärtig in Egypten reisen, zur Sprache kommen. Die letzten Briefe des jungen Beekmann datiren sich, wie mir mitgetheilt wurde, aus jener Weltgegend. Die drei Trauungen sollen in der St. Andrewskirche stattfinden, und Mr. Warren wird die Feierlichkeit vollziehen.

Der Leser wird sich wundern, wenn ich ihm noch zwei Thatsachen mittheile. Meine Verlobung mit der Tochter eines armen Geistlichen hat den Antirenters, die doch sonst so laut über Aristokratie schreien, zu viel Klatscherei und Lästerung Anlaß gegeben. Man wendet dagegen ein, daß die Partie nicht gleich sei! Jene Gleichheit, welche eine Folge der gesellschaftlichen Stellung, der Erziehung, der Lebens- und Denkweise – meinetwegen auch des Vorurtheils ist, hat für solche Personen natürlich keinen Sinn. Sie sind nicht einmal im Stande, das Vorhandensein derselben zu begreifen, obschon sie recht wohl einsehen, daß der Eigenthümer eines unbelasteten und schönen Grundbesitzes reicher ist, als die Erbin eines armen Geistlichen, der mit seinen fünfhundert Dollars kaum das Jahr hindurch ausreicht. Je nun, ich lasse sie brummen, denn ich weiß wohl, sie werden an mir nichts als Fehler finden, bis sie mir mein Land abgedrungen oder die Ueberzeugung gewonnen haben, daß sie es nie erhalten werden. Was Opportunity betrifft, so ist mir versichert worden, sie drohe, mich wegen »Bruchs eines Eheversprechens« gerichtlich belangen zu wollen; auch würde es mich durchaus nicht Wunder nehmen, wenn sie wirklich diesen Versuch machte. Es ist keineswegs ungewöhnlich, daß eine Person, die ihr ganzes Herz und ihre ganze Seele an irgend einen besonderen Zweck hängt, sich Umstände, die nie bestanden haben, als förderlich für ihre Plane träumt, und Opportunity mag sich wohl vorstellen, das, was ich gehört habe, sei »das Summen in ihrem Ohr« gewesen. Außerdem hat die Marktschreierei der gesetzgebenden Körperschaften die Damen allen Ernstes in Thätigkeit gesetzt, und bald wird der Jüngling von Glück sagen können, der die Tage seiner Ehelosigkeit zuzubringen im Stande ist, ohne daß irgend ein verzweifelter Angriff, sei dieser nun juristisch, oder moralisch, vom andern Geschlecht auf ihn geübt wird. Ueberhaupt muß man auf Alles gefaßt sein, wo man sieht, der populärste und zahlreichste Zweig der Gesetzgebung von New-York lebe wirklich des Glaubens, er könne jene feierliche Verwahrung der Constitution unserer Vereinigten Staaten, welche erklärt, »kein Staat solle ein Gesetz erlassen, das die Verbindlichkeit von Verträgen beeinträchtigt«, umgehen, wenn er, da ihm die Regulirung des Heimfallstatuts zusteht, den Beschluß faßt, sobald ein Grundbesitzer sterbe, solle der Pächter sich an den Kanzler wenden dürfen, damit sein höriges Gut in ein Hypothekar-Gut umgewandelt werde, welches nach Abtrag der daraus haftenden Schuld ihm frei und eigen zugehöre! Man hat in England viel von einer »Fingerhutadministration« gesprochen, und in der That scheint diese industrielle Nation die mit dem gedachten Ausdruck bezeichnete Zucht nach Amerika ausgeführt zu haben. Wie Viele von denen, die für ein solches Gesetz stimmten, werden wohl gerne nach zehn Jahren ihr Ja und Nein in den Journalen der Assembly lesen? Wenn dann noch einer von diesen Menschen im Staat übrig ist, wird er wohl ein Gegenstand des allgemeinen Mitleids sein. Wir haben zwar schon viele legislative Ränke erlebt, und einige davon sind mit leidlichem Witz ausgeführt worden; aber die Plackerei, um die sich's hier handelt, ist ein so handgreifliches Experiment, daß ihm Jedermann auf den Grund sehen muß, der nicht gerade mit einer ganz negativen Dosis von Scharfsinn begabt ist. Unsere eigenen Gerichtshöfe werden nicht einmal Rücksicht darauf nehmen, selbst wenn der Senat seine Zustimmung ertheilte, und was die höheren Gerichtsstellen der Vereinigten Staaten betrifft, so müssen sie nothwendig das Unwesen nach Verdienst behandeln und ihm das Brandmal der Schande aufdrücken. Der nächste Schritt wird darauf hinauslaufen, daß man ein Gesetz zu Regelung des sogenannten Heimfalls erläßt und dabei die Klauseln zu Grunde legt, vermöge welcher die Schuldner eines Verstorbenen ihre Verpflichtungen mit einer Münze, welche den technischen Namen » puppies« führt, erfüllen können.

Jaaf faselt fort. Hin und wieder brummt er über vergangene Ereignisse und über den Zustand des Landes seine Gefühle vor sich hin. Einen Antirenter sieht er für nichts anderes an, als für einen Dieb, und er nimmt auch keinen Anstand, dieß unverhohlen auszusprechen. Hin und wieder entfällt ihm wohl auch eine gute Bemerkung über den Gegenstand, und eine, die er erst gestern äußerte, verdient hier aufgeführt zu werden.

»Was die Kerl woll, Masser Hugh?« fragte er. »Sie hab die eine Hälft' von ihr Farms, und nun sie woll' die anner Hälft auch. Nehm' an, ich hab' ein Kuh oder ein Schaf in Kompany, was Recht ich hab', ihn ganz zu verlang'? Gosch, es hab' kein solch' Gesetz geben in alte Zeit. Wer auch je sehen so arme Inschen! Rothhaut mis'rubbel genug, was auch Ihr mögt halt auf sie; aber dieß Inschen so mis'rubbel, daß ich mir nicht wunner, warum Ihr sie nicht ausstehen könn'. O, wie ich so alt werd' – ich kann nicht glaub', daß alte Sus es noch lang treib'.«

Der alte Sus lebt noch, ist aber ein Gegenstand des Hasses für alle Antirenters nah und fern.

Das »Inschensystem« ist – vorderhand wenigstens – aufgelöst; aber der Geist, der es in's Leben rief, wuchert fort unter dem heuchlerischen Scheine der »Menschenrechte.« Der Biedere unter den Onondagos weiß nichts von der Gesinnung, die gegen ihn besteht, und es ist kaum wahrscheinlich, daß Diejenigen, welche ihm Feindschaft geschworen haben, sich selbst einen Grund dafür angeben können; sie müßten sich denn sagen, daß er ein Mann sei, welcher das Gesetz, bei dessen Erlassung er mitwirkte, achtete und lieber sich selbst verbannte, ehe er sich einen Akt der Ungerechtigkeit zu Schulden kommen ließ.


 

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