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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

»Wie weit dieß Lichtlein seine Strahlen wirft!
So leuchtet eine gute That in einer
Verderbten Welt.«

Shakespeare.

 

Ich habe gesagt, daß meine Erzählung von der Art, wie Gerechtigkeit bisweilen unter uns ausgemessen wird, selbst auf diese rohe Bande selbstsüchtiger und neidischer Empörer nicht ohne Wirkung blieb. Ich nenne sie roh, weil sie der Vernunft und der Gesetzgebung Hohn sprachen, und selbstsüchtig, weil sie sich durch ihre Habgier, und durch den Wunsch, an die Stelle derer, welche sie für reicher hielten, die Pächter zu setzen, zu solchem Treiben verlocken ließen. Es folgte eine tiefe Stille; dann aber flüsterten die Calico-Bündel eine Weile unter einander, ohne übrigens die Ruhe weiter zu stören, da sie augenscheinlich – vorderhand wenigstens – nicht geneigt waren, uns zu belästigen. Ich hielt den Augenblick für günstig, und nahm meine alte Stellung wieder ein, entschlossen, jetzt die Dinge ihren Lauf gehen zu lassen. Dieser Wechsel und die tiefe Stille, welche nun folgte, führte auf den Besuch der Indianer und ihren Zweck zurück.

Während der ganzen Zeit des Vorrückens unserer »Inschens« hatten sich die Männer der Prairien und Susquesus fast so regungslos wie Statuen verhalten. Allerdings verwandte Kieselherz kein Auge von den Eindringlingen; indeß wußte er es doch so einzuleiten, daß man ihm durchaus keine Unruhe oder Sorge anmerkte. Außer diesem einzigen gewahrte ich kaum ein weiteres Zeichen von Wachsamkeit unter meinen Gästen von der Prairie, obschon mir Vielzunge nachher zu verstehen gab, sie hätten recht wohl gewußt, wie sie sich benehmen mußten; auch gestehe ich gerne, daß ich nicht in der Lage war, die ganze Zeit über meine Rothhäute zu beobachten. Nachdem aber jetzt eine Pause eingetreten war, schien sich Alles so natürlich dem ursprünglichen Besuch zuzukehren, als ob gar keine Unterbrechung stattgefunden hätte. Zu Sicherung der Ruhe rief Vielzunge den Inschens in gebieterischer Stimme zu, die Häuptlinge in ihrem Vorhaben nicht zu stören, weil eine Art religiöser Heiligkeit darin liege, die nicht ungestraft verletzt werden dürfe.

»So lange ihr euch ruhig verhaltet, werden meine Krieger euch nicht belästigen,« fügte er bei; »aber wenn Einer unter euch je in der Prairie gewesen ist, so muß er von der Natur einer Rothhaut genug gehört haben, um zu wissen, daß er auch Ernst macht, wenn's im Ernst ist. Männer, die eine Reise von mehr als tausend Stunden vor sich haben, gehen nicht wegen Kleinigkeiten abwegs; dieß kann auch also ein Beweis sein, daß eine ernste Angelegenheit die Häuptlinge hieher geführt hat.«

War es, daß diese Ermahnung Wirkung übte, oder daß auch die »verkappten Bewaffneten« neugierig waren – lag es vielleicht nicht in ihrer Absicht, zum Aeußersten zu schreiten, oder trafen alle diese drei Rücksichten zusammen – ich weiß es nicht; so viel aber ist gewiß, daß die ganze Bande als ruhige, aufmerksame Beobachter stehen blieben, bis eine Unterbrechung stattfand, die ich geeigneten Orts berichten werde. Vielzunge, welcher sich zum Zwecke des Dolmetschers fast in der Mitte der Piazza aufgestellt hatte, winkte nun den Häuptlingen, sie könnten ruhig in ihrem Vorhaben fortfahren. Nach einer geziemenden Pause erhob sich derselbe junge Krieger, welcher bei früherer Gelegenheit Jaaf angeredet hatte, abermals und spielte mit einer Feinheit, die man in den meisten Rathsversammlungen civilisirter Menschen vergeblich suchen würde, auf den Umstand an, daß der Neger seine Rede nicht zu Ende gebracht und vielleicht noch etwas auf dem Herzen habe, dessen er sich zu entledigen wünsche. Dieß war einfach aber mit Bestimmtheit ausgedrückt, und wurde dem Neger von Vielzunge übersetzt, welcher dem alten Schwarzen die Versicherung gab, von allen Häuptlingen werde keiner ein Wort sprechen, bis die Person, welche zuletzt »auf den Beinen« gewesen, Gelegenheit gehabt habe, ihr Sprüchlein zu Ende zu bringen. Diese Zurückhaltung ist charakteristisch für das Benehmen von Leuten, die wir Wilde nennen – von Männern, die allerdings wilde, sogar grausame Gebräuche haben, aber doch gewisse andere treffliche Eigenschaften besitzen, welche in unserem civilisirten Zustand nicht so zu gedeihen scheinen.

Es hielt ziemlich schwer, den alten Jaaf wieder auf die Beine zu bringen, denn obschon er ein gewaltiger Brummbart war, konnte man seinen Rednergaben doch nicht viel nachrühmen. Da man jedoch nach der Erklärung des Dolmetschers nicht darauf rechnen durfte, ein Häuptling werde das Wort ergreifen, ehe der Schwarze sein Recht vollständig benützt hatte, so mußte meine liebe Patt wieder die Vermittlerin machen. Sie legte eine ihrer elfenbeinweißen Hände auf die Schulter des grämlichen alten Negers und sprach ihm zu, daß er aufstehen und seine Rede zu Ende bringen solle. Er kannte sie, und sie setzte ihre Absicht durch. Es ist bemerkenswerth, daß der alte Neger, obschon er sich kaum mehr erinnerte, was vor einer Stunde vorgefallen war, und dabei die Zeiten furchtbar verwechselte, so daß er oft von meiner Großmutter als von Miß Dus sprach, wie wenn sie noch ein Mädchen wäre – gleichwohl alle noch am Leben befindlichen Familienglieder kannte, und uns demgemäß ehrte und liebte, trotzdem, daß er sich vorstellen konnte, wir seien bei Scenen gegenwärtig gewesen, welche sich zutrugen, als unsere Großeltern noch junge Leute waren. Um jedoch auf seine Rede zu kommen –

»Was all' die Kerl da woll', aufgewickelt in Calico, wie so viele Squaw?« brummte Jaaf, sobald er wieder aufgestanden war, indem er dabei scharf nach den Inschens hinsah, welche in einer vier Mann hohen Linie ganz in der Nähe der Piazza standen. »Warum Ihr laß' sie komm', Masser Hugh, Masser Hodge, Masser Malbone, Masser Mordaunt – welcher von euch jetzt hier, weiß ich nicht; es sein so Viele und wird so hart, sich auf Alles zu erinnrr'. O, wie ich so gar alt! – Ich wunner', wenn meine Zeit komm'! Auch Sus da, er gut für gar nix mehr. Sonst er groß Läufer, groß Krieger, groß Jäger – ziemlich gute Kerl für Rothhaut – aber er ganz ausgemergelt. Seh' nicht viel Nutz, warum er leb' länger. Inschen gut für nix, wenn er nicht kann jag'. Bisweilen er mach' Korb und Besen; aber man brauch jetzt besser Besen, und Inschen verlier dieses Geschäft. Was dort die Calico-Deifel woll, eh. Miß Patty? Da auch Rothhaut – zwei, drei, vier – alle komm', zu seh' Sus. Ich wunner, warum kein Neger komm', um mich zu besuch! Alte Schwarze so gut, wie alte Rothemann. Wo selbe Kerl krieg' als das Calico her und häng es über ihr Gesicht? Masser Hodge, was all dieß bedeut?«

»Es sind Antirenters, Jaaf,« entgegnete mein Onkel kalt. »Männer, welche Master Hugh's Farmen zu besitzen wünschen und ihm die Mühe abnehmen möchten, weitere Renten einzuziehen. Wahrscheinlich bedecken sie ihre Gesichter, um ihre Schamröthe zu verbergen, denn die Bescheidenheit ihrer Natur unterliegt dem Gefühl ihrer Großmuth.«

Obschon Jaaf ohne Zweifel den Inhalt dieser Rede nicht ganz faßte, begriff er sie doch theilweise, denn vor ein paar Jahren, als sein Geist noch nicht ganz so umdunkelt war, wie gegenwärtig, hatte er sich über den fraglichen Umstand so ereifert, daß der Eindruck unzerstörlich fortwirkte. Die Worte meines Onkels blieben übrigens augenscheinlich auch an den Inschens nicht verloren, denn sie konnten sich kaum enthalten, darüber loszubrechen. Die Unklugheit, bei solcher Gelegenheit zur Ironie Zuflucht zu nehmen, verdient allerdings eine Rüge, indeß bin ich doch nicht mit mir im Klaren, ob nicht doch etwas Gutes daraus floß. So viel steht als Ueberzeugung bei mir fest, daß wenn es sich um Grundsätze handelt, mit Nachgeben nie etwas gewonnen werden kann, und daß es stets das Beste sein dürfte, dem Recht unverhohlen das Wort zu reden, sintemal nur der Abbruch, den man der Wahrheit thut, wenn man der Nützlichkeit Zugeständnisse macht, Schuld daran ist, wenn der Irrthum die Hälfte seiner Macht behält. Indeß hielt Politik, Furcht oder irgend ein anderer Beweggrund den aufsteigenden Zorn der Inschens im Zaum, so daß dieser Rede keine Störung folgte.

»Was ihr hier woll', ihr Kerl?« fragte Jaaf rauh und in scheltendem Tone, als habe er es mit einem aufdringlichen Buben zu thun. »Heim mit euch! – Fort da, Oh, wie werd' ich so gar alt! – Ich wünsch' ich wär', wie ich sein, als ich noch jung – wegen euch, ihr Gewürm! Was woll' ihr mit Masser Hugh's Land? – warum mach ihr euch Gedank', zu krieg' Gentle'm's Land? Weiß noch die Zeit, wo eure Vater komm' kriechend und bettelnd zu Masser Mordy, zu bitt' just um ein biss'l Farm, zu leb' drauf, und zu sein Pächter und zu versuch' zu mach' ein biss'l für seine Family. Und nun komm ihr her in Calico-Bündel, zu sag' mein Masser Hugh, daß er nicht soll sein Masser von sein eigen Land! Wer ihr, möcht ich auch wiss', zu komm' her und zu red' mit Gentle'm in dieser schlechten Manier? Geht heim – fort da – weg mit euch, oder ihr hör', was ihr nicht gerne hab.«

Obschon hierin viel »Nigger«-Philosophie lag, war sie doch eben so gut wie die, welche man sich hin und wieder bei Unterstützung des »Geists der Institutionen« beruft, namentlich wenn letztere mit »Aristokratie« und den »Futteralbräuchen« in Verbindung gebracht wird. Der Neger trug sich mit der Vorstellung, daß alle seine »Massers«, all und jung, besser seien, als alle übrigen Menschen, während die Vorkämpfer der modernen Bewegung der Ansicht zu sein scheinen, daß alles Recht sich in der niedrigen Hälfte der großes »republikanischen Familie« concentrire. Ihnen gilt der Mann von Bildung nicht als Gentleman, denn um als ein solcher angesehen zu werden, fordert es ihre großartige sociale Proportion, daß man ein Lump sei. Ja, was noch mehr ist, jeder, der sich auch nur im mindesten über die Masse erhebt, ohne durch die Masse erhoben worden zu sein – denn diese hat dann natürlich auch die Macht, ihn wieder in den Staub zu ziehen – besitzt durchaus kein Recht, sobald dieses mit der Habgier des großen Haufens in Widerspruch geräth. Der Neger hatte daher in seiner Art, die Dinge zu betrachten, nicht viel mehr Unrecht, als die philosophischen Vertheidiger der gewerblichen Ehrlichkeit. Zum Glück hat weder die eine noch die andere Raisonir-Methode viel Einfluß auf den wirklichen Zustand der Dinge. Thatsachen bleiben Thatsachen, und es ist schwer, den Beweis zu liefern, daß schwarz weiß sei. Was einmal besteht kann durch das Zappeln des Neides und der Habsucht eben so wenig dem Auge entrückt werden, als Jaafs lang gehegte Lieblings Ansicht, daß die Littlepage's die Großen der Erde seien, im Stande war, uns über das zu erheben, was wir wirklich sind. Ich habe die Rede des Negers einfach deßhalb angeführt, um Solchen, welche nur auf die Verdrehung und das Geschrei derer hören, die Eigenthümer von anderer Leute Farmen werden möchten, zu zeigen, daß die Frage zwei Seiten hat, und sofern sich's um Begründung handelt, sehe ich nicht ein, warum die einen nicht so gut sein sollte, wie die andere.

Trotz der ernsten Sachlage konnte man sich doch eines Lächelns nicht erwehren, wenn man die Gravität in's Auge faßte, mit welcher die Indianer dieser wunderlichen Episode zuhörten. Keiner von ihnen erhob sich, wandte sich um oder legte auch nur die mindeste Ungeduld – ja, nicht einmal die Neugierde an den Tag. Die Anwesenheit von zweihundert Bewaffneten, die in Calico vermummt waren, bewog sie nicht, nach denselben hinzuschauen, da wahrscheinlich die frühere Erfahrung, welche sie diesem tapferen Corps gegenüber gemacht hatten, ihnen Grund gab, sie nicht sonderlich hoch anzuschlagen.

Für die Indianer war jetzt die Zeit gekommen, den Hauptzweck ihres Besuchs in Ravensnest zur Sprache zu bringen, und Prairiefeuer erhob sich langsam, um das Wort zu ergreifen. Wir haben den Leser bereits früher bemerkt, daß Vielzunge Alles, was gesprochen wurde, Satz für Satz übersetzte; denn er war in den verschiedenen Dialekten der Stämme, von denen einige den der Onondagoes nach den Prairien verpflanzt hatten, sehr bewandert. In diesem Punkte war der Dolmetscher ein ziemlich merkwürdiger Mann, denn er gab die Worte nicht nur ohne Zögern, sondern auch mit großer Energie wieder. Gleichwohl muß ich hier beifügen, daß ich mich beim Niederschreiben der gehaltenen Reden hin und wieder gewählterer Ausdrücke bediente, als die waren, welche mir der ungebildete Mann in die Feder gab.

»Vater,« begann Prairiefeuer feierlich und mit einer Würde, die man in unserer modernen Oratorik nicht gewöhnlich zu finden pflegt. Die Geberdungen, deren er sich dabei bediente, waren zwar spärlich, dann aber von auffallender Kraft und Bedeutsamkeit. – »Vater – das Herz deiner Kinder ist schwer. Sie sind weit her gewandert, über einen langen und dornigen Pfad; ihre Moccasins haben sich abgenützt, und ihre Füße sind wund geworden, aber ihr Gemüth war leicht. Sie hofften das Gesicht des biederen Onondagos zu sehen, wenn sie das Ende ihres Pfades erreicht hätten. Sie sind am Ziel ihrer Wanderung angelangt und haben ihn jetzt vor sich. Er sieht aus, wie sie erwartet hatten, daß er aussehen werde. Er ist wie eine Eiche, die der Blitzstrahl zwar versengen, und der Schnee mit Moos bedecken kann; aber tausend Stürme und hundert Winter sind nicht im Stande, ihn seiner Blätter zu entkleiden. Er sieht aus wie die älteste Eiche im Urwald. Er ist sehr großartig und man hat eine Freude, ihn zu betrachten. Wenn wir ihn sehen, sehen wir einen Häuptling, der die Väter unserer Väter und die Väter unserer Großväter kannte. Eine lange Zeit ging darüber hin. Er ist eine Ueberlieferung und kennt alle Dinge. Nur Eines bemerken wir an ihm, das nicht sein sollte. Er wurde als ein rother Mann geboren, hat aber so lange unter den Blaßgesichtern gelebt, daß wir fürchten, wenn er hingeht zu den glücklichen Jagdgründen, werden die guten Geister ihn für ein Blaßgesicht halten und ihn auf den unrechten Pfad weisen. Wäre dieses der Fall, so würden die rothen Männer den Biederen unter den Onondagoes für immer verlieren. Dieß sollte nicht sein. Auch mein Vater kann dieß nicht wünschen, und er wird sich eines Besseren bedenken. Er wird zurückkehren unter seine Kinder und seine Weisheit, seinen Rath dem Volk seiner eigenen Farbe hinterlassen. Ich bitte ihn, daß er dieß thue.

»Es ist jetzt ein langer Pfad bis zu den Wigwams der rothen Männer. Früher war's nicht so, aber der Pfad hat sich gestreckt. Es ist ein sehr langer Pfad. Unsere jungen Männer wandern ihn oft, um die Gräber ihrer Väter zu besuchen, und sie wissen, wie lang er ist. Meine Zunge ist nicht krumm, sondern gerade; sie will daher kein falsches Lied singen, und sagt meinem Vater die Wahrheit. Der Pfad ist sehr lang. Doch die Blaßgesichter sind wunderbar! Was haben sie nicht gethan? Was werden sie nicht thun? Sie haben Canoes gemacht und Schlitten, die so geschwind fliegen, wie die Vögel. Der Hirsch könnte sie nicht fangen. Sie haben Schwingen von Feuer und werden nie müde. Sie gehen, wenn die Menschen schlafen. Der Pfad ist lang, aber er läßt sich bald zurücklegen mit solchen Schwingen. Mein Vater kann die Reise machen, und er wird an keine Müdigkeit denken. Möge er es versuchen. Seine Kinder werden Sorge für ihn tragen. Onkel Sam gibt ihm Wildpret, und es wird ihm an nichts mangeln. Wenn er dann aufbricht nach den glücklichen Jagdgründen, wird er sich nicht irren in dem Pfad, sondern für immer unter den Rothhäuten leben.«

Dieser Rede, welche mit großer Würde und Kraft vorgetragen worden war, folgte eine feierliche Pause. Ich konnte sehen, daß Susquesus ergriffen war von diesem Gesuche und von der Huldigung, welche die Stämme aus den Prairien seinem Rufe zollten, indem sie so weit gekommen waren, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihn zu bitten, daß er mit ihnen ziehe, um in ihrer Mitte zu sterben. Er hatte von diesen Stämmen selbst in seinen jüngeren Tagen nicht einmal durch die Ueberlieferung etwas gehört, obschon ihm bekannt sein mußte, daß Trümmer von den alten New-Yorker Völkern meist ihren Weg nach jenen fernen Gegenden gefunden hatten: aber dennoch mußte es ihm beruhigend sein, zu erfahren, daß es letzteren gelungen war, durch ihre Erzählung einen so lebhaften Eindruck zu seinen Gunsten hervorzurufen. Die meisten Männer in seinem Lebensalter wären vielleicht für ein derartiges Gefühl unempfindlich gewesen, und von Jaaf ließ sich dieß zuverlässig in einem gewissen Grade behaupten; aber bei dem Onondago war es nicht der Fall. Wie er in seiner früheren Rede an seine Gäste sich ausgedrückt hatte, weilte sein Geist mehr bei Scenen seiner Jugend, und die eingeborenen Erregungen gewannen in seinem Geiste mehr Frische, als sogar früher um die Mitte seines Alters. Alles, was von seinem jugendlichen Feuer zurückgeblieben war, schien neu aufzulodern, und man sah es ihm nur an seiner äußern Person oder wenn er gehen mußte an, daß er ein Mann war, welcher mehr als siebenzig Lebensjahre zurückgelegt hatte.

Nachdem die Häuptlinge aus den Prairien so bestimmt den großen Zweck ihres Besuchs zur Sprache gebracht und ihren Wunsch so lebhaft an den Tag gelegt hatten, Susquesus als einen Mann von ihrer Farbe und ihrem Geschlechte wieder in den Schooß ihrer Gemeinschaften zurückzuführen, kam es natürlich dem Onondago zu, sich zu erklären, in welchem Lichte ihm ihr Vorschlag erschien. Die tiefe Stille, die um ihn herrschte, mußte dem alten Indianer die Ueberzeugung geben, mit welcher Beklommenheit man seiner Antwort entgegensah. Dieses Schweigen dehnte sich auch auf die »verkappten Bewaffneten« aus, welche nachgerade von der interessanten Scene so sehr in Anspruch genommen worden waren, als Diejenigen, welche sich auf der Piazza befanden. Ich glaube, daß für den Augenblick alle Theile – Pächter sowohl als Grundbesitzer – den Antirentismus vergessen hatten. Prairiefeuer saß wohl drei Minuten auf seinem Stuhl, ehe sich Susquesus erhob; inzwischen aber wurde die tiefe Stille, von welcher ich gesprochen, von keiner Seite her unterbrochen.

»Meine Kinder,« antwortete der Onondago, dessen Stimme gerade genug von dem hohlen Beben des Alters besaß, um einen tiefen Eindruck zu machen, obschon er mit einer Bestimmtheit und Klarheit redete, daß er von allen Anwesenden gehört werden konnte – »meine Kinder, wir wissen nicht, was geschieht, wenn wir jung sind – dann ist Alles jung was wir sehen. Wenn wir aber alt werden, wird Alles mit uns alt. Die Jugend ist voll von Hoffnung, das Alter aber voll von Augen; es sieht die Dinge wie sie sind. Ich habe in meinem Wigwam allein gelebt, seit der große Geist den Namen meiner Mutter ausrief, und sie eilte hinweg nach den glücklichen Jagdgründen, um Wildpret für meinen Vater zu kochen, der zuerst gerufen worden war. Mein Vater war ein großer Krieger. Ihr habt ihn nicht gekannt. Es ist mehr als hundert Winter her, als er von den Delawaren getödtet wurde.

»Ich habe euch die Wahrheit gesagt. Als meine Mutter hinging, um für ihren Gatten Wildpret zu kochen, blieb ich allein in meinem Wigwam.«

Es folgte jetzt eine lange Pause, während welcher er mit seinen Gefühlen zu kämpfen schien, obgleich er aufrecht stehen blieb, wie ein festgewurzelter Baum. Was die Häuptlinge betraf, so beugten sie meist in gespannter Begier ihre Körper vorwärts, um zu hören; nur hie und da erklärte einer aus ihrer Zahl in leisen Guttural-Tönen gewisse Stellen der Rede, weil einige von den Indianern den Dialekt, in welchem sie vorgetragen wurde, nicht ganz verstanden. Nach einer Weise fuhr Susquesus fort:

»Ja, ich lebte allein. Eine junge Squaw hätte in meinen Wigwam treten und in demselben bleiben sollen. Sie kam nie. Wohl wünschte sie einzutreten, aber sie that es nicht. Ein anderer Krieger hatte ihr Versprechen, und es war recht, daß sie ihr Wort hielt. Das Herz war ihr anfänglich schwer, aber sie erwachte zu dem Gefühl, daß es gut sei, gerecht zu sein. In meinem Wigwam hat nie ein Squaw gelebt. Ich dachte nie daran, je ein Vater zu sein; aber seht, wie ganz anders es geworden ist! Ich bin jetzt Vater aller rothen Männer! Jeder indianische Krieger ist mein Sohn. Ihr seid meine Kinder; ich will euch anerkennen, wenn wir uns treffen auf dem lieblichen Pfad jenseits der Jagdgründe, die ihr derzeit noch begeht. Ihr werdet mich Vater nennen, und ich werde euch als Söhne begrüßen.

»Dieß ist genug. Ihr bittet mich, ich solle den langen Pfad mit euch gehen und meine Gebeine in den Prairien niederlegen. Ich habe von jenen Jagdgründen gehört und unsere alten Ueberlieferungen erzählen uns davon. – ›Gegen die ausgehende Sonne hin,‹ sagten sie, ›ist ein großer Salzsee, und unter der niedergehenden Sonne liegen große Seen von süßem Wasser. Jenseits des großen Salzsee's ist ein fernes Land, angefüllt mit Blaßgesichtern, die in großen Dörfern und mitten unter gelichteten Feldern wohnen. Unter den niedergehenden seien auch große gelichtete Felder, aber keine Blaßgesichter und wenige Dörfer. Einige unserer weisen Männer glaubten, diese Felder seien die Felder der rothen Männer, welche den Blaßgesichtern nach dem Lauf der Sonne folgten; andere meinten, es seien Felder, wohin die Blaßgesichter ihnen nachzögen. Ich denke, dieß war die Wahrheit. Der rothe Mann kann sich in keine Ecke verbergen, wo das Blaßgesicht ihn nicht finden würde. Der große Geist will es so haben. Es ist sein Wille und der rothe Mann muß sich unterwerfen.

»Meine Söhne, die Reise zu der ihr mich auffordert, ist zu lang für ein hohes Alter. Ich habe mit den Blaßgesichtern gelebt, bis die eine Hälfte meines Herzens weiß wurde, obschon die andere roth blieb. Die eine Hälfte ist erfüllt mit den Ueberlieferungen meiner Väter, die andere mit der Weisheit der Fremden. Ich kann mein Herz nicht in zwei Stücke theilen. Es muß ganz mit euch gehen oder ganz hier bleiben. Der Körper kann sich von dem Herzen nicht trennen, und beide müssen bleiben, wo sie jetzt schon so lange geweilt haben. Ich danke euch, meine Kinder, aber was ihr wünscht, kann nie geschehen.

»Ihr seht einen sehr alten Mann, zugleich aber auch einen sehr unstäten Geist. Es gibt rothe Ueberlieferungen und Blaßgesichts-Ueberlieferungen. Beide sprechen von dem großen Geiste, aber nur die einen reden von dem Sohne desselben. Eine sanfte Stimme hat mir letzter Zeit viel ins Ohr geflüstert von dem Sohne Gottes. Spricht man zu euch in den Prairien draußen auch in dieser Weise? Ich weiß nicht, was ich davon denken soll – ich wünsche zu denken, was recht ist; aber es wird nicht leicht, es zu begreifen.«

Susquesus hielt jetzt inne und setzte sich mit der Miene eines Mannes, der nicht weiß, wie er seine Gefühle ausdrücken soll. Prairiefeuer wartete achtungsvoll eine Weile, um ihm Zeit zu lassen, seine Anrede fortzusetzen; als er aber bemerkte, daß der Greis nicht wieder aufstund, erhob er sich selbst und bat ihn um eine weitere Erklärung.

»Mein Vater hat Weisheit gesprochen,« sagte er, »und das Ohr seiner Kinder war offen. Aber sie haben noch nicht genug gehört und möchten noch mehr vernehmen. Wenn mein Vater des Stehens müde ist so kann er sitzen; seine Kinder verlangen von ihm nicht, daß er stehe. Sie möchten erfahren, woher jene sanfte Stimme kam und was sie sagte.«

Susquesus erhob sich jetzt nicht wieder, hatte sich aber inzwischen für eine Antwort vorbereitet. Mr. Warren stand ganz in seiner Nähe und Mary lehnte sich in seinen Arm. Er winkte dem Geistlichen, er möchte einige Schritte näher treten und in Willfahrung dieses Gesuchs brachte der Vater das nichts ahnende Kind gleichfalls mit.

»Seht, meine Kinder,« nahm Susquesus wieder auf, »dieß ist ein großer Arzt der Blaßgesichter. Er spricht immer von dem großen Geist und seiner Güte gegen den Menschen. Es gehört zu seinem Beruf, von den glücklichen Jagdgründen und von guten und bösen Blaßgesichtern zu reden. Ich kann euch nicht sagen, ob er damit Gutes wirkt, oder nicht. Man redet unaufhörlich viel von solchen Dingen unter den Weißen; aber ich kann nur wenig Veränderung sehen und habe nun doch schon mehr als achtzig Winter und Sommer, ja – nahezu neunzig unter ihnen gelebt. Das Land ist so ganz anders geworden, daß ich es kaum mehr kenne; aber die Leute verändern sich nicht. Seht dort – dort sind Menschen – Blaßgesichter in Calico-Säcken. Warum laufen sie umher und beschimpfen den rothen Mann, indem sie sich selbst Inschens nennen? Ich will es euch sagen.«

Es fand jetzt eine entschiedene Bewegung unter den »Tugendhaften und Gewerbfleißigen« statt, obschon die Begier, den alten Mann ausreden zu hören, vorderhand eine gewaltsame Unterbrechung hinderte. Ich glaube kaum, daß je irgend Jemand aufmerksamere Zuhörer gehabt hat, als wir Alle waren, nun sich's darum handelte, was der Biedere unter den Onondagoes von dem Antirentismus hielt. Ich folgte seinen Ansichten mit um so größerer Spannung, weil ich wußte, daß er das Meiste, was er berichtete, mit erlebt hatte, und weil ich der vollen Ueberzeugung leben konnte, er sei mit dem Gegenstand ebensogut bekannt, wie viele, die in den gesetzgebenden Hallen sich darüber vernehmen lassen.

»Diese Männer sind keine Krieger,« fuhr Susquesus fort. »Sie verbergen ihre Gesichter und führen Büchsen, können aber Niemand einschüchtern, als die Squaws und die Papuse. Wenn sie einen Skalp nehmen, so ist's deßhalb, weil sie ihrer Hundert sind und ihre Feinde aus einzelnen Personen bestehen. Sie sind nicht tapfer. Warum kommen sie überhaupt? Was wollen sie? Sie verlangen nach dem Lande dieses jungen Häuptlings. Meine Kinder, alles Land nah und fern war früher unser Eigenthum. Die Blaßgesichter kamen mit ihren Papieren, machten Gesetze und sagten: ›es ist gut! wir wollen dieses Land. Weiter im Westen ist noch genug für euch rothe Männer. Geht dorthin und jagt, fischt, pflanzt euern Mais und laßt uns dieses Land.‹ Unsre rothen Brüder thaten, was man von ihnen verlangte, und die Blaßgesichter hatten das, was sie wünschten. Sie machten Gesetze und verkauften das Land, wie die rothen Männer ihre Biberhäute verkauften. Nachdem das Geld bezahlt war, erhielt jedes Blaßgesicht einen Brief und meinte, alles was er bezahlt habe, gehöre ihm. Aber der böse Geist, der den rothen Mann vertrieb, ist nun thätig, um auch die Blaßgesichts-Häuptlinge zu vertreiben. Es ist derselbe Teufel und kein anderer. Damals war es ihm um Land zu thun, und jetzt will er wieder Land. Nur ein einziger Unterschied ist vorhanden und dieser besteht darin – als die Blaßgesichter unsere rothen Männer vertrieben, fand kein Vertrag mit ihnen Statt. Sie hatten nicht mit einander geraucht, sich keine Wampums gegeben und kein Papier unterzeichnet. Alles, was geschah, bestand darin, daß der rothe Mann einwilligte, er wolle abziehen und das Blaßgesicht solle bleiben. Wenn aber ein Blaßgesicht das andere vertreibt, so ist ein Vertrag vorhanden: sie haben zusammen geraucht, sich Wampums gegeben und ein Papier unterzeichnet. Dieß ist der Unterschied. Der Indianer hält sein Wort dem Indianer, aber das Blaßgesicht bricht es dem Blaßgesicht gegenüber.«

Susquesus hielt inne und zum ersten Mal diesen Morgen richtete jeder Häuptling seinen Blick auf die »verkappten Bewaffneten« – auf die »tugendhaften und schwer sich abmühenden Leute«. Unter der Bande zeigte sich eine kleine Bewegung, ohne daß übrigens ein Ausbruch erfolgte, und während diese Aufregung noch anhielt, erhob sich Adlersflug langsam von seinem Sitze. Die natürliche Würde und Leichtigkeit in seinem Wesen bot reichlichen Ersatz für sein wenig ansprechendes persönliches Aeußeres, und uns Allen erschien er jetzt als eines von den keineswegs seltenen Beispielen, in welchen durch die Gewalt des Geistes die Unvollkommenheiten des Körpers nicht nur überschattet, sondern sogar ausgetilgt wurden. Ehe die Wirkung dessen, was Susquesus eben gesprochen hatte, verloren ging, begann dieser gewandte Redner seinen Vortrag. Die Betonung war in hohem Grade eindringlich; auch sprach er mit einer Umsicht und mit so wohl angebrachten Pausen, daß Vielzunge in seiner Uebersetzung den Eindruck jeder Sylbe zu geben vermochte.

»Meine Brüder,« begann Adlersflug, indem er hauptsächlich die Inschens und die übrigen Zuhörer anredete, »ihr habt die Worte des Alters gehört. Sie sind Worte der Weisheit. Sie sind Worte der Wahrheit. Der Biedere unter den Onondagoes kann nicht lügen. Er hat es nie gekonnt. Der große Geist machte ihn zu einem gerechten Indianer, und wie der große Geist einen Indianer bildet, so ist er. Meine Brüder, ich will euch eine Geschichte erzählen; es wird gut für euch sein, wenn ihr sie anhört. Wir haben eure Geschichte gehört – zuerst von dem Dolmetscher, und nun von Susquesus. Es ist eine schlimme Geschichte, und wir wurden bekümmert, als wir sie vernahmen. Was recht ist, sollte geschehen, und was unrecht ist, sollte unterbleiben. Es gibt schlimme rothe Männer und gute rothe Männer, es gibt schlimme Blaßgesichter und gute Blaßgesichter. Die guten rothen Männer und die guten Blaßgesichter thun, was recht ist; die Schlimmen aber thun Unrecht, dieß ist bei beiden das Gleiche. Der große Geist des Indianers und der große Geist des weißen Mannes ist der nämliche; ebenso ist es bei den bösen Geistern. Hierin findet kein Unterschied Statt.

»Meine Brüder, ein rother Mann weiß in seinem Herzen, wenn er thut was recht ist, und wenn er thut, was unrecht ist. Man braucht es ihm nicht erst zu sagen, denn er sagt sich's selbst. Sein Gesicht ist roth und er kann die Farbe nicht wechseln. Der Anstrich ist zu dick. Wenn er sich sagt, wie viel Unrecht er gethan habe, so geht er in's Gebüsch und ist bekümmert. Kommt er wieder zurück, so ist er ein besserer Mann.

»Meine Brüder, anders ist dieß bei dem Bleichgesicht. Er ist weiß und braucht keine Steine zu seinem Anstrich. Wenn er sich sagt, er habe Unrecht gethan, so kann sein Gesicht sich selbst färben. Jedermann kann sehen, daß er sich schämt. Er geht nicht in das Gebüsch, denn es würde ihn nichts nützen. Er malt sich so schnell, daß keine Zeit dafür vorhanden ist. Deßhalb hüllt er sein Gesicht in einen Calico-Sack. Dieß ist nicht gut, aber immerhin besser, als wenn man auf Einen mit den Fingern zeigt.

»Meine Brüder, der Biedere unter den Onondagoes ist nie in's Gebüsch gelaufen, weil er sich schämte. Er hatte nie Ursache dazu. Er brauchte sich nicht zu sagen, daß er boshaft sei, und hat auch sein Gesicht nicht in einen Calico-Sack gesteckt; er kann sich nicht malen, wie ein Blaßgesicht.

»Meine Brüder, hört – ich will Euch eine Geschichte erzählen. Vor langer Zeit war hier Alles anders. Die Lichtungen waren klein und die Wälder groß. Damals gab es hier viele rothe Männer und nur wenige Blaßgesichter. Jetzt ist's anders. Ihr wißt selbst, wie es heute hier aussieht.

»Meine Brüder, ich spreche von Dingen, die vor hundert Wintern vorgingen. Wir waren damals noch nicht geboren. Susquesus war damals jung, stark und rührig. Er konnte laufen mit dem Hirsch und kämpfen mit dem Bären. Er war ein Häuptling, weil seine Väter vor ihm Häuptlinge waren. Die Onondagoes kannten und liebten ihn. Kein Kriegspfad wurde geöffnet, ohne daß er ihn als der Vorderste beschritt. Kein anderer Krieger konnte so viele Scalpe zählen. Kein junger Häuptling hatte so viele Zuhörer beim Berathungsfeuer. Die Onondagoes waren stolz darauf, daß sie in einem so jungen Manne einen so großen Häuptling hatten. Sie glaubten, er werde lang leben, und sie könnten ihn sehen und stolz auf ihn sein noch weitere fünfzig Winter.

»Meine Brüder, Susquesus hat zweimal fünfzig Winter länger gelebt; aber er verlebte sie nicht unter seinem Volke. Nein, diese ganze Zeit über war er ein Fremder unter den Onondagoes. Die Krieger, die er kannte, sind todt. Die Wigwams, in welche er ging, vermischten sich inzwischen mit der Erde: die Gräber sind dem Boden gleich geworden und die Enkel seiner Gefährten schleppen sich mühselig einher vor hohem Alter. Susquesus ist da; Ihr seht ihn und er sieht Euch. Er kann gehen – er spricht – er ist eine lebende Ueberlieferung! Warum ist dieß so? – Der große Geist hat ihn noch nicht hinweggerufen. Er ist ein gerechter Indianer, und es ist gut, daß er so lange hier behalten wurde, damit alle rothen Männer erfahren mögen, wie sehr er geliebt wird. So lange er bleibt, braucht kein rother Mann einen Calico-Sack.

»Meine Brüder, die jüngeren Tage von Susquesus waren glücklich. Als er kaum zwanzig Winter zurückgelegt hatte, sprach man schon unter allen benachbarten Stämmen von ihm. Er hatte viele Skalpkerben. Als er dreißig Winter gesehen hatte, war kein Häuptling unter den Onondagoes, der mehr geehrt worden wäre oder mehr Macht besessen hätte. Er war der Erste unter den Onondagoes. Es war nur ein einziger Fehler an ihm. Er nahm keine Squaw in seinen Wigwam. Der Tod kommt eh' man sich's versieht, und so geht's mit dem Heirathen. Endlich wurde mein Vater wie ein anderer Mann und wünschte sich eine Squaw. Dieß trug sich folgendermaßen zu:

»Meine Brüder, die rothen Männer haben so gut Gesetze, wie die Blaßgesichter. Wenn ein Unterschied stattfindet, so besteht dieser im Halten derselben. Ein Gesetz unter den rothen Männern spricht jedem Krieger seinen Gefangenen zu. Bringt er einen Krieger ein, so ist er sein Eigenthum – wenn eine Squaw, so gehört sie ihm gleichfalls. Dieß ist recht. Er kann den Skalp des Kriegers nehmen oder die Squaw nach seinen Wigwam bringen, wenn er leer ist. Ein Krieger, Wasservogel genannt, machte ein Mädchen der Delawaren zur Gefangenen. Sie hieß Quithwith und war schöner als der Kolibri. Der Wasservogel hatte seine Ohren offen und hörte, wie schön sie war. Er lauerte lange, bis er sich ihrer bemächtigen konnte, und endlich nahm er sie. Sie gehörte ihm, und er gedachte sie in seinen Wigwam zu nehmen, wann er leer würde. Drei Monate vergingen, eh dieß geschehen konnte. Inzwischen sah Susquesus Quithwith und Quithwith sah Susquesus. Ihre Augen verwendeten sich nicht von einander. Für sie war er das edelste Musethier in den Wäldern und in seinen Augen war sie das fleckigte Reh. Er wünschte sie in seinen Wigwam zu nehmen, und sie wünschte ihm zu folgen.

»Meine Brüder, Susquesus war ein großer Häuptling, der Wasservogel aber nur ein Krieger. Der Eine besaß Macht und Ansehen, der Andere aber keines von beiden. Doch es gibt ein Ansehen unter den rothen Männern, höher, als das eines Häuptlings. Es ist das Gesetz der rothen Männer. Quithwith gehörte dem Wasservogel sie gehörte nicht Susquesus. Es wurde eine große Berathung gehalten, und die Ansichten der Männer waren verschieden. Einige sagten, ein so nützlicher Häuptling und ein so berühmter Krieger wie Susquesus sollte der Gatte von Quithwith werden; Andere sagten, sie müsse dem Wasservogel folgen, der sie von den Delawaren geholt hatte. Ueber diesen Fragen erhob sich ein großer Zwist, und alle sechs Nationen betheiligten sich dabei. Viele Krieger waren für das Gesetz, die meisten aber für Susquesus. Sie liebten ihn und waren der Meinung, er werde für das Delawarenmädchen den besten Gatten abgeben. Sechs Monate lang verwickelte sich die Sache immer mehr, und eine dunkle Wolke stieg auf über dem Pfad, der unter den Stämmen hin und herführte. Krieger, die in Gemeinschaft Skalpe genommen hatten, betrachteten sich gegenseitig wie der Panther den Hirsch. Einige waren bereit, die Axt auszugraben für das Gesetz; Andere wollten es thun für den Stolz der Onondagoes und für den Colibri der Delawaren. Die Squaws ergriffen Partie für Susquesus. Sie kamen von nah und fern zusammen, um sich zu besprechen, und drohten sogar ein Berathungsfeuer anzuzünden und darum zu rauchen, wie die Krieger und Häuptlinge.

»Brüder, so konnte es keinen weiteren Mond mehr fortgehen. Quithwith mußt in den Wigwam des Wasservogels oder in den Wigwam von Susquesus gehen. Die Squaws sagten, sie solle in den Wigwam von Susquesus gehen; sie thaten sich zusammen und führten sie nach seiner Thüre. Als Quithwith diesen Pfad ging, sah sie mit ihren Augen nach ihren Füßen; aber ihr Herz hüpfte wie das springende Reh, wenn es in der Sonne spielt. Sie ging nicht zur Thüre hinein. Der Wasservogel war da und verbot es ihr. Er war allein gekommen. Er hatte nur wenige Freunde, während die Köpfe und Arme der Freunde von Susquesus so zahlreich waren, wie die Beeren im Busch.

»Meine Brüder, jenes Verbot des Wasservogels war wie eine Steinmauer vor der Thüre zu dem Wigwam des Fährtelosen. Quithwith konnte nicht hineingehen. Die Augen von Susquesus sagten ›nein‹, während sein Herz ›ja‹ sagte. Er bot dem Wasservogel seine Büchse, sein Pulver, alle seine Häute und seinen Wigwam an; aber dem Wasservogel war seine Gefangene lieber, und er antwortete: ›nein‹. ›Nimm meinen Skalp‹, sagte er; ›Du bist stark und kannst es thun – aber nimm mir nicht meine Gefangene‹.

»Meine Brüder, jetzt stand Susquesus in der Mitte des Stammes auf und öffnete sein Herz. ›Der Wasservogel hat Recht,‹ sagte er. ›Nach unsern Gesetzen ist sie sein, und was die Gesetze der rothen Männer sagen, daß muß der rothe Mann thun. Wenn der Krieger gefoltert werden soll und er erbittet sich Zeit, um nach Hause zu gehen und seine Freunde zu sehen, kommt er nicht an dem bestimmten Tag und um die bestimmte Stunde wieder zurück? Soll ich, Susquesus, der erste Häuptling der Onondagoes stärker sein, als das Gesetz? Nein – mein Gesicht müßte sich für immer verbergen in dem Gebüsch, wenn es so weit käme. Es sollte nicht sein – und so darf es nicht sein. Nimm sie, Wasservogel – sie gehört dir. Behandle sie liebreich, denn sie ist so zart, wie der Zaunkönig, wenn er zum ersten Mal aus dem Neste fliegt. Ich muß für eine Weile in die Wälder gehen. Wenn mein Geist Frieden gefunden hat, wird Susquesus zurückkehren.‹

»Brüder, als Susquesus seine Büchse, sein Horn, seine besten Moccasins und seinen Tomahawk holte, herrschte in jenem Stamm eine Stille, ähnlich der, welche mit der Dunkelheit kömmt. Die Männer sahen ihn gehen, aber Niemand wagte es, ihm zu folgen. Er ließ keine Spur zurück, und er wurde der Fährtelose genannt. Sein Geist fand keinen Frieden, denn er ist nie wieder zurückgekehrt. Sommer und Winter kamen und gingen oft, ehe die Onondagoes von seinem Aufenthalt unter den Blaßgesichtern hörten. Diese ganze Zeit über lebte der Wasservogel mit Quithwith in seinem Wigwam, und sie gebar ihm Kinder. Der Häuptling war fort aber das Gesetz war geblieben. So geht auch ihr, Männer der Blaßgesichter, die ihr eure Schande in Calico-Säcken verbergt, und thut das Gleiche. Folgt dem Beispiel eines Indianers – seid ehrenhaft, wie der Biedere unter den Onondagoes.«

Als diese einfache Erzählung sich ihrem Ende näherte, konnte ich unter den Führern der »Calico-Säcke« die Anzeichen von großer Unruhe bemerken. Die beißende Vergleichung zwischen ihrem Treiben und der Gerechtigkeit eines Indianers war ihnen unerträglich, denn nichts hatte mehr zu den Mißbräuchen, welche der Antirentismus in seinem Gefolge mit sich führte, beigetragen, als die weit verbreitete Verblendung, welche im Lande über die Allmacht der Massen herrscht. Der Irrthum, welcher den Menschen überredet, trügliche Theile können ein untrügliches Ganzes geben, hat tiefe Wurzel gefaßt, und eine Belehrung darüber verletzte ihren Dünkel, während sie zugleich für den Erfolg ihrer Plane bedrohlich wurde. Ein Gemurmel lief durch die Versammlung, welche bald nachher in ein gellendes Geschrei ausbrach. Die Inschens rasselten mit ihren Büchsen, indem sie sich für die Erreichung ihres Zwecks am meisten von der Einschüchterung versprachen; aber einige schienen von einer schlimmeren Absicht erfüllt zu sein, und ich zweifle nicht, daß es, weil auch die Indianer jetzt zu ihren Waffen griffen, in der nächsten Minute zum Blutvergießen gekommen wäre, wenn sich nicht plötzlich, von Jack Dunning eingeführt, der Sheriff der County auf der Piazza gezeigt hätte. Diese unerwartete Erscheinung hatte eine Pause zur Folge, während welcher die »verkappten Bewaffneten« etlich und zwanzig Schritte zurückwichen, die Damen aber in's Haus eilten. Was meinen Onkel und mich betraf, so waren wir über diese Unterbrechung eben so erstaunt, wie nur irgend einer der Anwesenden.


 

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