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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

»Hoff', daß dein Leid vom großen Geist
Geahnet werde, wann die Glieder modern;
Doch gräme dich – daß Niemand lebt, um dann
Das Erbe deines Throns und Ruhms zu fordern.«

Rothjacke.

 

Es war etwas auffallend, daß der alte triefäugige Neger der Erste unter uns war, welcher die Annäherung eines Inschenhaufens von nicht wohl weniger als zweihundert Mann bemerkte; der Umstand läßt sich übrigens aus der Thatsache erklären, daß die Augen aller Uebrigen auf den Sprecher gerichtet waren, während die des Redners selbst auf gar nichts hafteten. Die Inschens zogen in Masse heran, und diesmal augenscheinlich ohne Furcht. Der weiße Amerikaner tritt, wenn er auf den Kampf vorbereitet ist, dem rothen Mann mit viel Zuversicht entgegen, und das Resultat hat gezeigt, daß er, wenn er in der Wildniß auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesen ist und Zeit gehabt hat, einige Erfahrung zu gewinnen, gewöhnlich zu einem sehr furchtbaren Feinde wird. Dennoch war ein Dutzend Indianer von dem Gepräge derjenigen, welche sich bewaffnet und gemalt bei uns zu Besuch eingefunden hatten und in dem Herzen einer unserer größten und bevölkertsten Counties standen, wohl geeignet, besagte ganze County in einen Paroxismus von Furcht zu versetzen. So lang der Gedanke keine Zeit gewann und das Gerücht nicht durch die Ansichten der Verständigen zurechtgelegt wurde, konnte natürlich nur panischer Schrecken herrschen. Die Mütter drückten ihre Kinder an sich, die Väter wollten ihre Söhne von der Schlachtbank zurückhalten, und sogar die Helden vom Militär vergaßen einen Augenblick unter der Eingebung der Klugheit und Vorsicht ihr kriegerisches Feuer.

So war die Lage der Dinge in und um Ravensnest, als Kieselherz so unerwartet seine Begleiter in den Wald führte und die »tugendhaften, bedrückten« Pächter meines Besitzthums auseinander trieb, wie sie eben von einem Meeting zurückkehrten, das den tugendhaften Zweck hatte, mein Eigenthumsrecht an die Farmen, die sie bewirthschafteten, auf sich selbst zu übertragen. Niemand zweifelte in jenem Augenblick, daß ich neben den andern unerhörten Dingen, die von mir und den Meinigen begangen worden waren, auch einen Haufen Wilder aus dem fernen Westen herbeigezogen hatte, um sie den Streitkräften entgegen zu setzen, die in Folge der Bemühungen meiner Pächter, und zwar nach einem Grundsatze, der das Licht einer näheren Untersuchung scheute, schon im Felde standen. Hätte ich auch so gehandelt, so glaube ich kaum, daß ich nicht moralisch vollkommen gerechtfertigt gewesen wäre; denn ein derartiges Uebel, das man zu jeder Zeit in einem Monate hätte unterdrücken können, während die selbstsüchtige Gleichgültigkeit der Bürgerschaft es Jahre lang ungehemmt fort wuchern ließ, gibt Jedem das natürliche Recht der Selbstverteidigung zurück. Freilich zweifle ich nicht, daß ich, wenn ich zu einem derartigen Mittel meine Zuflucht genommen hätte, ohne Erbarmen und ohne ein Fürwort von Seite unserer Philanthropen gehängt worden wäre; höchstens dürfte mir noch die Wohlthat der »Geistlichkeit« dieses Landes zu gut gekommen sein, eh' sich's nämlich darum handelte, mich an dem Hals aufzuknüpfen.

Sobald übrigens in Betreff des eigentlichen Zwecks, um dessen willen die Rothhäute sich eingefunden hatten, die Wahrheit bekannt geworden, war aber alle Furcht verschwunden. Der Muth der »Tugendhaften und Ehrlichen« lebte wieder auf; und eine der ersten Kundgebungen dieses erneuerten Geistes war der Versuch, mir Haus und Scheunen anzuzünden. Eine so ernstliche Demonstration – glaubte man – wäre wohl geeignet, mich von der gewichtigen Macht des Volkes zu überzeugen und uns Alle zu belehren, daß es nicht Lust hatte, ungestraft sich seine Wünsche kreuzen zu lassen. Da Niemand gern Haus und Scheunen einen Raub der Flammen werden sieht, so mußte es seltsam zugehen, wenn man einer solchen Kundgebung des »Geistes der Institutionen« Widerstand leistete; denn man kann mit dem gleichen Rechte annehmen, daß die Versuche der Mordbrenner aus ihrem politischen Glaubensbekenntniß stammten, als man dieselbe Grundlage den Bestrebungen der Pächter, mehr Rechte zu erhalten, als in ihren Verträgen bestimmt waren, unterzustellen befugt ist.

Die Gewohnheit, an Aeußerlichkeiten festzuhalten, welche unter einer gewissen Klasse unserer Bürger so allgemein ist und in religiösen Dingen fortdauert, nachdem das Lebensprinzip selbst bereits der Vergessenheit anheimfiel, verhinderte an dem nächsten Tage, welcher ein Sonntag war, jeden ernstlichen Ausbruch, obschon auch diese Gelegenheit zu einer Einschüchterung benützt wurde; denn das Meeting sammt seinen Resolutionen war in einem geheimen Conclave von den Lokalführern des Antirentismus ausgeheckt und in der bereits beschriebenen Weise zur Ausführung gebracht worden. Dann folgte die Zerstörung des Kirchenstuhldachs als abermalige Demonstration im »Geist der Institutionen« – sicherlich ein so triftiger Beweis, wie nur einer von denen, welche seither zu Gunsten der Lehre des neuen politischen Glaubensbekenntnisses aufgebracht worden waren. Die öffentliche Meinung bedarf zuverlässig einiger Erholung, nachdem sie sich so weit ereifert hat, um Kirchen zu entweihen und Privateigenthum zu zerstören. Das Vorhandensein des Kirchenstuhldachs hatte man lange als ein sehr triftiges Antirenten-Argument zu behandeln beliebt, und man konnte nunmehr ersehen, daß seine Zerstörung Demonstrationshalber ausgeführt worden war.

Im Laufe ihrer Heldenthaten hatten übrigens die Inschens ihre Furcht vor den Indianern so sehr bemeistert, daß die Führer der ersteren den heroischeren Theil ihres Corps kaum daran hindern konnten, auf den Sturm, in welchem sie das Kirchenstuhldach genommen, einen Coup de main gegen das alte Farmhaus und dessen Bewohner folgen zu lassen. Wären die Anführer nicht verständiger gewesen, als ihre Untergebenen, so hätte es zwischen diesen beiden quasi kriegführenden Parteien leicht zum Blutvergießen kommen können. Aber die Krieger der Prairien waren die Gäste Onkel Sams, und wenn man die Sache näher betrachtete, mußte man doch finden, daß der alte Gentleman einen langen Arm hatte, der ohne viel Mühe von Washington bis nach Ravensnest heraufreichen konnte. Man durfte ihn daher nicht unbesonnener Weise beleidigen, denn seine Macht war besonders zu fürchten, sintemalen ohne ihn in jener Vertrags-Angelegenheit nicht einmal Inschens und Agitation nöthig gewesen wären, weil ja doch die Albany-Politiker so sehr geneigt waren, für die »tugendhaften und ehrlichen Leute« alle ihre Kräne aufzubieten. Onkel Sams Indianer wurden demgemäß weit mehr respektirt, als die Gesetze des Staates, und dieß war der Grund, durch den sie dem Geschick entgingen, im Schlaf ermordet zu werden.

Als Jaaf unsere Aufmerksamkeit zum ersten Mal auf die Inschens lenkte, zogen sie langsamen Schritts in einer langen Reihe die Straße einher, und ließen uns somit, im Fall wir es für nöthig hielten, Zeit, unsere Stellung zu verändern. Mein Onkel war der Ansicht, es dürfte nicht räthlich sein, auf dem Rasen außen zu bleiben, wo man einer so sehr überlegenen Gewalt ausgesetzt war, und traf demgemäß seine Maßregeln. Zuerst erging an die weibliche Dienerschaft, welche aus acht bis zehn Personen bestand, die Aufforderung, unverweilt nach dem Haus zurückzukehren, wo die Wirtschafterinnen und Dienstmädchen unter Johns Leitung alle unteren Läden verschließen und durch Riegel fest anlegen sollten. War dieß geschehen und hatte man außerdem das Thor und die beiden äußeren Thüren abgesperrt, so wurde es nicht leicht, ohne Gefahr einen Angriff auf unsere Feste zu wagen. Da Niemand eines zweiten Aufgebots zum Abzug bedurfte, so war dieser Theil der Vorsichtsmaßregeln bald bereinigt, und das Haus befand sich vorderhand in Sicherheit.

Während dieser Vorgänge fanden Susquesus und Jaaf Anlaß, ihre Stellungen zu wechseln und auf die Piazza zu kommen. Auch hatten hier die beiden alten Knaben bereits wieder gemächlich ihre Sitze eingenommen, noch ehe einer von den Rothhäuten auch nur einen Fuß rührte. Letztere verhielten sich so unbeweglich, wie Statuen – den einzigen Kieselherz ausgenommen, welcher mit den Augen das Dickicht der nahegelegenen Schlucht zu recognosciren schien; denn wie bereits bemerkt wurde, bildete dasselbe einen ziemlich ausgedehnten Versteck.

»Wünscht Ihr die Rothhäute im Haus zu haben, Obrist?« fragte der Dolmetscher ruhig, nachdem es einmal so weit gekommen war. »Wenn dieß der Fall ist, so sprecht Euch ungesäumt aus, oder sie werden im Nu wie ein Flug Tauben in jenem Versteck dort eingefallen sein. Dann kömmt's aber sicherlich zu einem Gefecht, denn diese Leute spassen eben so wenig, als ein Meilenstein; seid daher so gut, Euch in Zeiten auszusprechen.«

Nach diesem Winke zögerten wir nicht länger, und das Ersuchen meines Onkels, sie möchten dem biedern Onondago folgen, kam noch eben recht, um ihr Ausfliegen zu verhindern – ein Ausfliegen in dem Sinne, wie es Vielzunge gemeint hatte, denn es war nicht sehr wahrscheinlich, daß diese Krieger in der buchstäblichen Bedeutung Reißaus genommen, sondern nur den Versteck der Wälder aufgesucht haben würden, weil eine derartige Weise des Kriegführens ihren Gewohnheiten am angemessensten war. Als übrigens der Indianerhaufen nach der Piazza kam, bemerkte ich, daß namentlich Kieselherz einen hastigen, spähenden Blick auf das Haus warf, so daß wir daraus entnehmen konnten, er untersuche die Wehrfähigkeit dieses Platzes. Der Umzug der Häuptlinge ging mit der größten Ruhe von Statten, und am meisten wunderte uns der Umstand, daß Keiner von ihnen der Annäherung ihrer Feinde oder der Männer, die sie mit Fug als Gegner betrachten konnten, auch nur die mindeste Aufmerksamkeit zu schenken schien. Wir schrieben diese außerordentliche Zurückhaltung der Festigkeit ihres Charakters und dem Wunsche zu, in der Anwesenheit des Fährtelosen eine ruhige, würdevolle Haltung zu bewahren. War übrigens letzteres ausschließlich der wahre Beweggrund, der jede Kundgebung von Ungeduld, Besorgniß oder Unruhe unterdrückte, so durften sie sich wohl Glück wünschen, daß es ihnen in so hohem Grade gelungen war, ihre Gefühle im Zaum zu erhalten.

Wir waren eben mit unseren Maßregeln zu Stande gekommen, als die Inschens auf dem Rasen anlangten. John meldete, daß alle Läden verschlossen, desgleichen das Hauptthor und die kleine Thüre verriegelt seien. Ferner machte er uns die Mittheilung, er habe alle Männer und Jungen, die sich aufbieten ließen, nämlich die Gärtner, die Arbeiter und das Stallpersonal – eine Streitmacht von fünf bis sechs Köpfen – bewaffnet in der Flur aufgestellt und unsere Büchsen laden lassen. Mit einem Worte – die Vorbereitungen, welche meine Großmutter unmittelbar nach ihrer Ankunft getroffen hatte, kamen uns jetzt sehr zu Statten und setzten uns in die Lage, in Vereinigung mit unseren Freunden aus den Prairien einen weit furchtbareren Widerstand zu leisten, als ich andernfalls bei einer so plötzlichen Gefahr je hätte hoffen können.

Unsere Maßregeln waren sehr einfach. Die Damen saßen in der Nähe des großen Thores, um im Nothfall von demselben gedeckt werden zu können; Susquesus und Jaaf hatten ihre Stühle ein wenig seitwärts, aber unfern von der vorerwähnten Gruppe, und die Männer aus dem fernen Westen nahmen das entgegengesetzte Ende der Piazza ein, wohin zu ihrer Bequemlichkeit die Bänke geschafft worden waren. Vielzunge stand zwischen den beiden Abtheilungen unserer Gesellschaft, um beiderseits das Amt des Dolmetschers versehen zu können, während mein Onkel, ich, John und zwei oder drei andere Diener hinter unsern betagten Freunden Posto gefaßt hatten. Seneka und sein Mordbrennergenosse befanden sich in der Mitte der Häuptlinge.

In demselben Augenblicke, als die Inschens den Rasen betraten, hörten wir das Klappern eines Roßhufes, und jedes Auge wandte sich in die Richtung, aus welcher dieser Ton kam. Er scholl von der Schlucht her, und gleich Anfangs war es mir vorgekommen, als ob sich von dieser Seite des Thales aus uns Jemand nähere. So stellte sich's denn auch heraus, denn bald nachher bekamen wir Opportunity zu Gesicht, welche den Pfad heraufgalopirte. Sie hielt ihr Pferd nicht früher an, bis sie den Baum erreicht hatte, schwang sich mit einem einzigen Satz aus dem Sattel, schlang den Zügel um einen Ast und eilte raschen Schrittes dem Haus zu. Meine Schwester Patt ging bis an die Stufen der Piazza vor, um den unerwarteten Gast zu empfangen, und ich folgte ihr in gleicher Absicht auf dem Fuße. Opportunity's Begrüßung war übrigens hastig und verrieth keine sonderliche Fassung. Sie blickte umher, und sobald sie sich überzeugt hatte, in welcher Lage sich ihr Bruder befand, ergriff sie mich beim Arm, um mich ohne viele – oder besser gesagt – ohne alle Umstände nach der Bibliothek zu führen; denn so viel mußte man zur Steuer der Wahrheit dieser jungen Dame nachrühmen, daß sie – sobald sich's um etwas Ernstliches handelte – eine große Energie besaß. Das einzige Wahrzeichen einer kleinen Abweichung von dem beabsichtigten Zwecke bestand darin, daß sie einen Augenblick inne hielt, um meiner Großmutter ihr Kompliment zu machen.

»Im Namen aller Wunder, was habt Ihr mit Sen vor?« fragte die regsame junge Dame, mich aufmerksam und mit einem Ausdrucke, der halb böse, halb zärtlich war, in's Auge fassend. »Ihr steht über einem Erdbeben und scheint es nicht zu wissen.«

Opportunity hatte die Wirkung mit der Ursache verwechselt; doch dieß kam bei einem so denkwürdigen Anlasse nicht in Betracht. Augenscheinlich war es ihr sehr ernst, und ich hatte aus Erfahrung gelernt, daß ihr Rath und ihre Winke uns Allen im Nest gute Dienste zu leisten vermochten.

»Auf welche besondere Gefahr spielt Ihr an, meine theure Opportunity?« entgegnete ich.

»Ach, Hugh! wenn's nur wieder so wäre, wie ehmals – wir Alle könnten so glücklich in Ravensnest beisammen sein! Doch es ist jetzt keine Zeit, von solchen Dingen zu sprechen; denn, wie Sarah Soothings sagt, ›das Herz ist am meisten monopolisirt, wenn der Schmerz am tiefsten sitzt, und nur wenn sich unsere Gefühle frei erheben können zu der Oberfläche der Einbildungskraft, entringt sich der Geist den Fesseln der Knechtschaft.‹ Aber im gegenwärtigen Augenblick habe ich keine Minute Zeit für Sarah Soothings. Seht Ihr die Inschens nicht?«

»Oh, deutlich genug; und wahrscheinlich sehen sie auch meine ›Indianer‹.«

»Ach, um diese kümmern sie sich jetzt auf der ganzen weiten Welt am allerwenigsten. Anfangs, als man glaubte, Ihr hättet einen Haufen desperater Wichte gedungen, um die Leute zu skalpiren, trug man sich wohl mit einiger Besorgniß; nun aber die ganze Geschichte ruchbar geworden ist, kümmert man sich keinen Strohhalm mehr um sie. Handelt sich's um Skalpe, so sind es die ihrigen. Aber was ich Euch sagen muß – das ganze Land ist in Aufregung, und man trägt sich nah und fern mit dem Gerücht, Ihr hättet eine Bande blutdürstiger Wilder aus den Prairien mitgebracht, um den Weibern und Kindern die Hälse abzuschneiden und die Pächter zu vertreiben, noch ehe die Lebensdauern abgelaufen seien. Einige Leute sagen, die Wilden hätten eine Liste, auf welcher alle die in Euren Verträgen genannten Leben verzeichnet seien, und wären im Begriff, mit diesen zuerst aufzuräumen, damit Ihr das Gesetz so viel wie möglich auf Eure Seite krieget. Ihr steht auf einem Erdbeben, Mr. Hugh – ja, ich sage Euch, Ihr steht in der That auf einem Erdbeben.«

»Meine theure Opportunity,« erwiederte ich lachend, »ich bin Euch für die Sorge, die Ihr meiner Wohlfahrt schenkt, unendlich verbunden und räume Euch unverhohlen ein, daß Ihr mir Samstag Nachts einen wesentlichen Dienst geleistet habt; indeß möchte ich fast glauben, daß Ihr jetzt die Gefahr übertreibt – daß Ihr die Farben zu stark auftragt.«

»Durchaus nicht – ich wiederhole Euch feierlichst, daß Ihr über einem Erdbeben steht, und weil ich stets Eure Freundin bin, habe ich diesen Ritt unternommen, um Euch in Zeiten zu warnen.«

»Ihr meint wohl, damit ich mich der Gefahr entziehe? Aber, wie können wohl so schlimme, blutdürstige Gerüchte in Umlauf gekommen sein, wenn man, wie Ihr selbst zugesteht, den Charakter der westlichen Indianer kennt und doch die Furcht vor ihnen in der Stadtmarkung ganz verschwunden ist? Hierin liegt ein Widerspruch.«

»Oh, Ihr wißt wohl, wie es in diesen Antirentenzeiten geht. Wenn man einer Aufregung bedarf, so bleiben die Leute nicht so buchstäblich bei den Thatsachen stehen, sondern sprechen Dinge nach und erfinden auch Dinge, just wie's eben für sie gelegen ist.«

»Wohl wahr; dieß ist mir sehr einleuchtend, und es wird unter solchen Umständen nicht schwer, Euch Glauben zu schenken. Aber seid Ihr diesen Morgen einfach deßhalb hieher gekommen, um mich über die Gefahr in Kenntniß zu setzen, durch die ich von dieser Seite her bedroht bin?«

»Ich glaube, ich bin immer nur zu gerne bereit, nach dem Nest herüber zu galopiren! Nun ja, jeder Mensch hat die eine oder die andere Schwäche, und ich will keine Ausnahme von der Regel machen,« entgegnete Opportunity, welche ohne Zweifel den Augenblick für günstig hielt, um die Eroberung mit einer vollen Salve vollbringen zu können. Auch verstärkte sie das Geschütz der Worte mit einem Blicke, wie ihn nur der erfahrenste Pikaroon auf der See der Galanterie zu entsenden vermag. »Doch, Hugh – ich nenne Euch Hugh, Mr. Littlepage, denn in meinen Augen seid Ihr nur Hugh, nicht aber der stolze, übelgesinnte, aristokratische und hartherzige Grundherr, zu dem Euch die Leute gern machen möchten – ich wäre nie im Stande gewesen, Euch die Mittheilung zu machen, um derer willen ich Euch letzthin mitten in der Nacht besuchte, wenn ich geglaubt hätte, sie könnte Sen in eine solche mißliche Lage bringen.«

»Ich kann mir wohl denken, wie sehr Ihr Euch wegen Eures Bruders beängstigt fühlt, Opportunity; aber zählt darauf, daß bei Behandlung dieser Angelegenheit Eure freundschaftlichen Dienstleistungen nicht unberücksichtigt bleiben werden.«

»Wenn Ihr dieß im Sinne habt, warum wollt Ihr dann nicht zugeben, daß die Inschens ihn aus den Händen Eurer wirklichen Wilden befreien?« entgegnete Opportunity einschmeichelnd. »Ich will Euch in Sens Namen versprechen, daß er die Gegend verlassen und, wenn Ihr darauf besteht, einige Zeit fortbleiben soll. Ist die Geschichte in Vergessenheit gerathen, so kann er wieder zurückkehren.«

»So ist also die Befreiung Eures Bruders die Ursache, welche die Inschens hierbei geführt hat?«

»Zum Theil – sie sind darauf erpicht, ihn wieder zu haben. Er ist in alle Geheimnisse der Antirenters eingeweiht, und sie fürchten für ihr eigenes Leben, so lang er in Euern Händen ist. Wird er eingeängstigt und gibt er nur den vierten Theil von dem an, was er weiß, so haben wir für die nächsten zwölf Monate in der County auf keinen Frieden zu hoffen.«

In diesem Augenblick und ehe ich noch Zeit fand, eine Antwort zu geben, wurde ich nach der Piazza berufen, denn die Inschens waren mittlerweile so nahe herangekommen, daß es mein Onkel für räthlich hielt, an die Thüre zu treten und mir mit lauter Stimme kund zu thun, daß meine Anwesenheit wünschenswerth sei. Ich sah mich daher genöthigt, Opportunity zu verlassen, sintemal die Dame sich klüglicherweise nicht unter uns zeigen wollte, obschon ihre Anwesenheit auf dem Neste, soferne sich's jetzt um eine Fürbitte für ihren Bruder handelte, weder Aufsehen noch üble Deutung zur Folge haben konnte.

Als ich die Piazza erreichte, waren die Inschens bis zu dem Baume vorgerückt, wo wir anfänglich unsere Stellung gewählt hatten; sie machten daselbst Halt und schienen gegenseitig sich zu berathschlagen. Hinter ihnen her kam Mr. Warren, und eilte in gerader Linie auf uns zu, ohne auf die Leute Rücksicht zu nehmen, die, wie er wohl wußte, feindselig gegen ihn gesinnt waren; seine Hast zeigte augenscheinlich, daß ihm darum zu thun war, das Haus noch vor den »verkappten Bewaffneten« zu erreichen. Dieser kleine Umstand gab Anlaß zu einem ergreifenden Vorfall, und ich kann nicht umhin, desselben Erwähnung zu thun, gleichviel, ob auch der Bericht über Dinge, welche vielleicht Anderen bedeutsamer erscheinen, dadurch unterbrochen wird.

Mr. Warren drängte sich nicht geradenwegs durch den Haufen der Tumultuanten – denn dieß waren sie jedenfalls, wenn nicht etwa gar der schärfere Ausdruck »Aufrührer« auf sie Anwendung fand – sondern machte einen kleinen Umweg, um eine unnöthige Berührung zu vermeiden. Sobald er übrigens den halben Weg zwischen dem Baum und der Piazza zurückgelegt hatte, stießen die Inschens ein wildes, gellendes Geschrei aus, und viele derselben sprangen vor, um ihn einzuholen und wahrscheinlich festzuhalten. In demselben Augenblicke, als wir uns in gemeinsamer Theilnahme an dem Geschick des guten Rektors unwillkürlich erhoben, eilte Mary von der Piazza weg, und war so schnell an der Seite und in den Armen ihres Vaters, daß sie dahin geflogen zu sein schien. Sie klammerte sich an ihn an und drängte ihn augenscheinlich gegen uns her; aber Mr. Warren zog es vor, ein weiseres Benehmen einzuschlagen, als die Flucht gewesen wäre. Er trug die Ueberzeugung in sich, daß er nichts gethan oder gesprochen hatte, was ihm nicht von der Pflicht geboten gewesen wäre, und machte deßhalb Halt, um sich gegen seine Verfolger umzuwenden. Der Schritt, welchen Mary Warren gewagt, hatte den Bewegungen jener gesetzlosen Menschen Einhalt gethan, und das würdevolle Benehmen des Geistlichen vervollständigte den Sieg. Die Führer der Inschens blieben stehen, um sich gegenseitig zu berathen, und Alle, welche sich von dem Haupthaufen getrennt hatten, kehrten wieder zu ihren Gefährten unter dem Baume zurück, so daß Mr. Warren und seine bezaubernde Tochter unbelästigt und mit Anstand zu uns nach der Piazza kommen konnten.

In demselben Momente, in welchem Mary Warren auf ihren Vater zueilte, war ich vorgetreten, um ihr unter dem Einflusse eines unwiderstehlichen Dranges zu folgen. Aber wie plötzlich auch dieser Impuls einerseits war, kamen mir doch mein Onkel und meine Großmutter zuvor, indem der erstere mich an einem Rockzipfel erwischte und mich mit aller Gewalt zurückhielt, die leichte Berührung der letzteren aber sogar eine noch größere Gewalt über mich übte. Beide machten mir Vorstellungen, und hatten dabei augenfällig das Recht so sehr auf ihrer Seite, daß ich die Thorheit, die ich begehen wollte, einsah und mein Vorhaben aufgab. Wäre ich in die Hände der Antirenters gefallen, so hätten sie – wenigstens für den Augenblick – sich eines vollständigen Triumphs erfreuen können.

Mr. Warren stieg mit so ruhiger und unveränderter Miene die Treppe der Piazza heran, als beträte er seine eigene Kirche. Der wackere alte Gentleman hatte in der Schule des Lebens seine Gefühle bewältigen gelernt, und da er außerdem gewöhnt war, stets auf den Schutz von oben zu bauen, so hielt er sich auch darauf gefaßt, sobald die Erfüllung einer ernsten Pflicht es forderte, Alles über sich ergehen zu lassen. Ueberhaupt fand ich öfters Gelegenheit zu der Wahrnehmung, daß Furcht ihm unbekannt war. Was Mary betraf, so war sie mir nie in einem so wahrhaft liebenswürdigen Lichte erschienen, als in dem Augenblicke, in welchem sie, zärtlich und vertrauensvoll an ihrem Vater sich anschmiegend, mit ihm die Treppe heraufstieg. Die Aufregung einer solchen Scene hatte ihr Antlitz mehr als gewöhnlich geröthet, und vielleicht wirkte dieser Umstand mit, daß der Glanz ihrer Augen um ein Wesentliches vermehrt wurde. Mit einem Worte – es kam mir vor, der menschliche Geist habe sich nie ein Bild phantasiren können, in welchem sich weibliche Anmuth so schön mit kindlicher Aufopferung paarte.

Patt, das liebe hochsinnige Mädchen, eilte ihrer Freundin entgegen, um sie mit der ganzen Wärme und Innigkeit ihres Wesens zu umarmen, während meine Großmutter Mary auf beide Wangen küßte, und auch die zwei andern Mädchen nicht säumten, die gewöhnlichen Merkmale von Mitgefühl, wie sie ihr Geschlecht auszudrücken geeignet ist, an den Tag zu legen. Auch Onkel Ro trat auf sie zu und küßte ihr galant die Hand, so daß das arme Mädchen über und über erröthete; nur der arme Hugh mußte sich in den Hintergrund halten und zufrieden sein, daß er seine Bewunderung in Blicken ausdrücken konnte. Indeß fing ich aus dem Auge des holden Wesens einen einzigen Strahl auf, der mich vollkommen tröstete, indem er mir die Versicherung gab, meine Zurückhaltung werde begriffen und dem richtigen Beweggrunde zugeschrieben.

Während dieses interessanten Auftritts schienen nur die Männer aus den Prairien unbeweglich zuzusehen; denn sogar die Dienstboten und Taglöhner hatten eine warme Theilnahme an dem edeln Benehmen des Mädchens an den Tag gelegt, und das weibliche Gesinde kreischte im Chor, als ob dieß nicht anders sein dürfe. Von den Indianern aber rührte sich nicht ein einziger, und kaum Einer wandte den Blick von Susquesus ab, obschon sie aus der Theilnahme, die wir Alle verriethen, erkennen mußten, daß in ihrer unmittelbaren Nähe etwas von Belang vorging, und auch der Umstand, daß ihre Feinde sich in kurzer Entfernung aufgestellt hatten, ihnen bekannt war. Mit Beziehung auf die letzteren glaube ich, die Unbekümmertheit oder scheinbare Sorglosigkeit der westlichen Krieger dürfte der Anwesenheit der Damen zugeschrieben werden, weil sie sich wohl denken konnten, daß man sich nicht sonderlich vor ernstlichen Feindseligkeiten zu fürchten hatte, so lange diese zugegen waren. Die Theilnahmlosigkeit der Häuptlinge schien sich auch auf den Dolmetscher auszudehnen, welcher in demselben Augenblicke, als die Warren'sche Episode vorfiel, sich kaltblütig eine Pfeife anzündete und zu rauchen begann – eine Beschäftigung, in der er sich durch den Lärm und die Verwirrung unter uns nicht stören ließ. Da auch die Inschens ihrem Näherkommen Einhalt gethan hatten, so fanden wir Muße zu einer kurzen Berathung. Mr. Warren theilte uns mit, er habe die »verkappten Bewaffneten« an der Rektorei vorbeikommen sehen und daraus Anlaß genommen, ihnen zu folgen, um uns, im Fall uns eine Beschädigung zugedacht wäre, als Vermittler dienen zu können.

»Die Zerstörung des Baldachins über Hughs Kirchenstuhl muß Euch wohl nachdrücklich belehrt haben, daß die Angelegenheit zu einem Losbruch gekommen ist.«

Von diesem Vorfalle hatte Mr. Warren noch gar nichts gehört. Obgleich er der Kirche so nahe wohnte, daß man das Getöse von Hammerschlägen mußte wahrnehmen können, war doch Alles mit solcher Fertigkeit geleitet worden, daß das Dach abgeschlagen und fortgeschafft war, ohne daß Jemand in der Rektorei auch nur das Mindeste davon merkte. Ueberhaupt war die Thatsache nur deßhalb im Neste bekannt geworden, weil der Gegenstand, welcher kürzlich noch in der Saint Andrewskirche von Ravensnest der Aristokratie zur Bedeckung gedient hatte, jetzt in gleicher Eigenschaft den Schweinen des Farmhauses zu gut kam. Der gute Geistliche drückte seine Ueberraschung etwas stark aus, obschon, wie es mir vorkam, die Entfernung des anstößigen Daches ihm nicht in gleichem Grade zu Herzen ging. Er war zwar nicht der Mann, welcher einem Akte der Ungesetzlichkeit und Gewaltthat, am wenigsten aber dem Neid, diesem den Amerikanern so eigenthümlichen Laster das Wort reden mochte; aber andererseits konnte er sich auch nicht mit eiteln Auszeichnungen befreunden, wenn diese sich sogar bis in das Haus Gottes verirrten, wo doch Alle als gleiche Sünder sich einfinden müssen, um durch die Wirkungen der Gnade von der gemeinsamen Verdammniß gerettet zu werden. Wie das Grab als der große Gleichmacher des menschlichen Geschlechtes erscheint, so sollte auch die Kirche als Vorbereitungsstufe für das Hinabsteigen nach jener Tiefe benützt werden, die – im geistigen Sinn wenigstens – Jeder zu erringen suchen muß, ehe er hoffen kann, auch nur zu der schlechtesten unter den vielen Wohnungen im Hause unseres Vaters erhoben zu werden!

Wir gewannen jedoch nur kurze Frist zum Athmen, als die Inschen schon wieder vorzurücken begannen, und es wurde bald augenscheinlich, daß sie nicht blos müssige Zuschauer bei der Scene, die inzwischen auf der Piazza spielte, zu bleiben, sondern in einer oder der anderen Weise eine thätige Rolle zu übernehmen gedachten. Sie bildeten eine Linie, die weit mehr in dem Charakter der Militzen unserer großen Republik, als in dem der Krieger des Westens gehalten war, und kamen herangetrabt, um uns bis in's Innerste unserer Seelen zu erschrecken. Unsere Vorkehrungen waren übrigens getroffen, und Alles so eingeleitet, wie man es nur wünschen konnte. Durch das Beispiel meiner Großmutter ermuthigt, behielten die Damen ihre Sitze in der Nähe der Thüre bei; die zum Haushalt gehörigen Männer blieben auf ihren Plätzen stehen, und auch von den Indianern rührte sich nicht einer. Was Susquesus betraf, so hatte er viel zu lange gelebt, um der Ueberraschung und den übrigen Erregungen der niedrigeren Klassen zugänglich zu sein, und die Männer der Prairien schienen ihr Verhalten nach dem seinigen zu richten. So lange er unbeweglich blieb, verriethen auch sie keine Lust, von der Stelle zu weichen.

Die Entfernung zwischen dem Baum und der Piazza betrug nicht viel mehr als hundert Schritte; es war also wenig Zeit erforderlich, um sie zurückzulegen. Indeß bemerkte ich doch, daß die Inschens, allen Gesetzen der Anziehung zum Trotz, immer langsamer und unstätiger in ihren Bewegungen wurden, je näher die Linie ihrem Ziele rückte. Sie verlor ihre Bildung und beugte sich zu Curven, obschon das Getrappel immer lauter und lauter wurde, als wünschten die heranziehenden Helden ihren Muth durch Getöse rege zu erhalten. Sobald sie sich auf etwa zwanzig Schritte der Treppe genähert hatten, hörten sie ganz und gar auf vorwärts zu gehen, sondern stampften blos noch mit den Füßen, wie es schien in der Hoffnung, uns durch Einschüchterung zur Flucht zu bewegen. Ich hielt dieß für einen günstigen Augenblick, der zwischen meinem Onkel und mir getroffenen Verabredung Folge zu geben, und trat als Inhaber des Eigenthums, welches von der gesetzlosen Bande also überlaufen wurde, an die Vorderseite der Piazza, durch ein Zeichen Aufmerksamkeit fordernd. Das Getrampel hörte mit einem Male auf, und es herrschte nun eine tiefe Stille, so daß ich meine Rede ungehindert beginnen konnte.

»Ihr Alle kennt mich,« ergriff ich ruhig und, wie ich hoffe, mit Festigkeit das Wort: »Ihr wißt daher, daß ich der Eigenthümer dieses Hauses und dieser Ländereien bin. Als Eigenthümer befehle ich nun Jedem von euch, den Platz zu verlassen und euch nach der Landstraße oder auf das Eigenthum einer andern Person zu begeben. Wer nach dieser Warnung dennoch zurückbleibt, erlaubt sich einen Eingriff in fremdes Gut, und Vergehungen solcher Personen sind in den Augen des Gesetzes doppelt ernst angesehen.«

Ich sprach diese Worte laut genug, so daß sie von jedem Anwesenden vernommen werden konnten, obschon ich zu viel behaupten würde, wenn ich sagen wollte, daß sie von besonderem Erfolg begleitet waren. Die Calicobündel neigten sich gegen einander, und es schien eine Art Aufregung stattzufinden; aber die Führer beruhigten das Volk – im gegenwärtigen Fall des allmächtigen Volks, wie es in den meisten andern zu gehen pflegt. Die Souveränität der Masse ist als Grundsatz wohl etwas Schönes und wirkt in langer, langer Zeit vielleicht auch einmal etwas Gutes – ja, sie thut dieß in einem gewissen Sinne sogar immer, indem sie eine gewisse Art von höchst gehässigen und unverträglichen Mißbräuchen im Zügel hält; aber wenn man die alltäglichen politischen Umtriebe in's Auge faßt, so haben ihre kaiserlichen Majestäten, die Souveräne von Amerika, unter die ich zufälligerweise auch gehöre, eben so wenig Beziehung zu den Maßregeln, die sie dem Anscheine nach zu fordern und aufrecht zu halten bewogen werden, wie der Nabob von Oude, sofern nämlich die Engländer, welche sich so uneigennützig und großmüthig um die Rechte der Menschheit kümmern, wann immer die große Republik der kleinen väterlichen Heimath einige Acres zulegt – einen solchen Potentaten noch im Dasein gelassen haben.

So ging es nun auch mit der Entschlossenheit der »verkappten Bewaffneten«, bei der eben erwähnten Gelegenheit. Sie entschieden sich dafür, daß meine Aufforderung, den Platz zu verlassen, nur mit einem verächtlichen Geschrei beantwortet werden sollte, obschon sie erst von ihren Führern erfahren mußten, wozu sie sich eigentlich entschließen mußten. Gleichwohl war der Lärm ziemlich allgemein und übte die gute Wirkung, daß er die Inschens überzeugte, sie hätten die Verachtung meiner Autorität klar genug dargelegt und somit für den Augenblick einen hinreichenden Sieg errungen. Demungeachtet schloß aber die Demonstration hiermit noch nicht, und es folgten gewisse Rufe nebst einem kurzen Dialog, den ich hier berichten muß.

»König Littlepage,« rief einer aus dem Haufen der »verkappten Bewaffneten«; »was ist aus deinem Thron geworden? Das Meetinghaus von St. Andrews hat seinen monarchischen Thron verloren.«

»Seine Schweine haben sich endlich als große Aristokraten aufgethan; demnächst werden sie auch Patroone sein wollen.«

»Hugh Littlepage, sei ein Mann; steig herab auf eine gleiche Stufe mit deinen Mitbürgern und halte dich nicht für besser, als andere Leute. Du bist im Grunde doch nur Fleisch und Blut.«

»Warum ladet Ihr mich nicht eben so gut wie den Pfaffen Warren ein, zu Euch zu kommen und mit Euch zu speisen? Ich kann so gut essen, wie nur irgend ein Mann in der County, und auch eben so viel.«

»Ja, und er kann auch trinken, Hugh Littlepage. Sorgt daher nur an dem Tage, an welchem er eingeladen werden soll, für den besten Saft, den Ihr in Eurem Keller findet.«

Alles das galt unter den Inschens und jenem Theile der »tugendhaften, ehrlichen und hart sich abmühenden Leute,« welche an diesem Tage nicht nur ihre Bande in's Feld rücken ließen, sondern bei gegenwärtiger Gelegenheit ihr auch Gesellschaft leisteten, für Witz; ich habe nämlich seitdem in Erfahrung gebracht, daß ungefähr die Hälfte des Haufens aus Pächtern der Ravensnester Farmen bestanden. Ich gab mir Mühe, gelassen zu bleiben, und wenn man in Betracht zieht, wie viel Anlaß sich ergab, zornig zu werden, gelang mir meine Anstrengung ziemlich gut. Solche Leute mit Gründen belehren zu wollen, hieran war natürlich nicht zu denken, und da sie auf ihre Anzahl, wie auch auf ihre physische Ueberlegenheit pochen konnten, so kümmerten sie sich nicht einen Deut um meine gesetzliche Rechte. Das Schlimmste von Allem war ohne Zweifel der Umstand, daß sie wußten, das Gesetz selbst werde durch das Volk verwaltet; sie hätten daher nur wenig oder eigentlich gar nichts von allen den Strafandrohungen zu fürchten, die im Gesetz bestimmt waren, selbst wenn ich seiner Zeit zu letzterem meine Zuflucht nahm. Schickte man zehn oder zwölf verschmitzte Agenten durch das Land, welche Lügen in Umlauf setzten und vor sowohl, als während der Gerichtsverhandlung die Countystadt besuchten, um eine Partei auf die Beine zu bringen, die mehr oder weniger unmittelbar, vielleicht unter Beihilfe der Unwahrheiten und Vorurtheile aus einigen Zeitungsblättern, die Gemüther der Geschworenen bearbeiteten, so mußte dieß im kritischen Augenblicke eben so wirksam sein, wie das Gesetz, der Zeugenbeweis und das Recht. Was die Richter und ihre amtliche Stellung betrifft, so haben sie unter dem Wirken dieses heillosen Systems meist ihren Einfluß verloren, und sind in der Verwaltung der Rechtspflege, handle es sich nun um ein nisi prius oder um ein Commissionsgericht, fast als Nichts anzuschlagen. Dieß sind traurige Wahrheiten, und Jeder, der von der Theorie absieht, um auf dem Kampfplatz der Praxis herunterzusteigen, wird sich bald zu seinem Staunen und Schrecken von ihrer Unanfechtbarkeit überzeugen, wenn er überhaupt ein ehrlicher Mann ist und einen unbestochenen Sinn mit sich bringt. Ein Theil dieses unseligen Zustands der Dinge ist eine Folge der legislativen Kesselflickerei, welche eine der wohlthätigsten Maaßnahmen des Gemeinrechts zerstörte, indem sie verbietet, daß die Richter die Verachtung strafen, wenn diese nicht in offenem Gerichtshof vorkömmt. Jetzt zieht namentlich die Presse von dieser Straflosigkeit Vortheil und übt einen Einfluß auf die Entscheidung fast aller Prozeßfälle, welche für die Oeffentlichkeit interessant gemacht werden können. Alles dieß fühlt man recht wohl, und der Uebelthäter kümmert sich nur wenig um's Gesetz, während nur für den Rechtlichen einige Gefahr vorhanden ist. Mein Onkel Ro sagt, Amerika gleiche dem, was in dieser Beziehung vor zwanzig Jahren war, gerade so, wie Kamtschatka Italien. Was mich betrifft, so möchte ich nur der Wahrheit das Wort reden, und eben so wenig mir eine Uebertreibung erlauben, als zu einer feigen Verheimlichung meine Zuflucht nehmen.

Da ich mir an der Schwelle meines eigenen Hauses nicht frechen Trotz bieten lassen wollte, so beschloß ich noch etwas zu sagen, ehe ich an meinen Platz zurückkehrte. Männer, wie die, welche mir gegenüberstanden, können nie begreifen, daß Stillschweigen eine Frucht der Verachtung ist, und ich hielt es für das beste, auf die oben bemerkten Zurufe, an die sich noch Dutzende von ähnlichen moralischen Kaliber anschloßen, eine Antwort zu geben. Meinem Winke zum Schweigen wurde abermals Folge gegeben.

»Ich habe euch in der Eigenschaft des Besitzers befohlen, meinen Rasen zu verlassen,« sagte ich, »und wenn ihr dennoch bleibt, so macht ihr euch selbst zu Gesetzübertretern. Was ihr mit meinem Kirchenstuhl angefangen habt, würde mich sogar zu Dank verpflichten, wäre es nicht durch eine Rechtsverletzung geschehen, denn ich hatte mir fest vorgenommen, die Bedachung entfernen zu lassen, sobald sich das Geschrei über dieselbe gelegt hätte. Ich bin eben so wenig ein Freund von Auszeichnungen irgend einer Art im Haus Gottes, als ihr selbst, und verlange sie nicht für mich oder meine Angehörigen. Mir ist's um nichts zu thun, als um gleiche Rechte mit meinen Mitbürgern – um weiter nicht, als daß mein Eigenthum so gut beschützt werde, wie das ihrige. Aber ich kann mir nicht denken, daß ihr oder irgend Jemand ein Recht hat, einen Theil von meinen weltlichen Gütern zu verlangen – eben so wenig als ich befugt bin, einen Antheil an seiner Habe zu fordern. Was ermächtigt euch, auf meine Ländereien Anspruch zu erheben, während mir doch keine Befugniß zusteht, einen Antheil an eurem Vieh und an euren Ernten zu verlangen? Es ist nur ein jämmerliches Gesetz, das nicht beide Theile gleich behandelt.«

»Ihr seid ein Aristokrat,« rief einer aus dem Inschenhaufen, »sonst würdet Ihr andern Leuten auch so viel Land gönnen, als Ihr selbst habt. Ihr seid ein Patroon; alle Patroone aber sind Aristokraten und hassenswerth.«

»Ein Aristokrat,« erwiederte ich, »ist einer von den Wenigen, welche im Besitz von politischer Gewalt sind, denn ohne die kann selbst die höchste Herkunft, das größte Vermögen und der abgeschlossenste Umgang keinen Menschen zu einem Aristokraten stempeln. In unserem Lande gibt's keine Aristokraten, weil wir nichts von einer unbeschränkten politischen Gewalt wissen. Dagegen haben wir eine falsche Aristokratie, die Ihr deßhalb nicht kennt, weil sie sich zufälligerweise nicht in den Händen gebildeter Männer befindet. Demagogen und Zeitungsschreiber sind eure privilegirten Klassen – diese sind eure Aristokraten und Niemand anders. Was die Aristokratie der Grundbesitzer betrifft, so vernehmt eine wahre Geschichte, welche euch überzeugen wird, in wie weit sie eine Aristokratie genannt zu werden verdient. Merkt euch, was ich euch jetzt sage, denn es ist so wahr, wie ein Evangelium, und verdient nah und fern, wohin immer euer Geschrei über Aristokratie reicht, bekannt zu werden. Es gibt in diesem Staate einen Grundbesitzer, einen Mann von umfassenden Mitteln, der wegen einer Bürgschaft für einen Andern eine bedeutende Zahlung leisten sollte. Um dieselbe Zeit, in welcher seine Renten, Dank sei es eurer Einmengung und der Gewissenlosigkeit unserer Gesetzesvollstrecker, nicht eingesammelt werden konnten, trat der Sheriff in sein Haus und verkaufte dessen Inhalt, um die Execution gegen ihn zu vollstrecken! Dieß ist eure amerikanische Aristokratie – leider muß ich auch beifügen, die amerikanische Gerechtigkeit, wie sie jetzt unter uns gehandhabt wird.«

Ich hatte mich in der Wirkung dieser buchstäblich wahren Erzählung nicht getäuscht. So oft ich sie erzählte, hat sie sogar die größten demagogischen Schreier verwirrt, und für einen Augenblick einige jener Grundsätze, die Gott ursprünglich in ihr Inneres gepflanzt hatte, ins Leben gerufen. Ja wohl, amerikanische Aristokratie! Der gebildete Mann kann von Glück sagen, wenn es ihm so gut wird, auch nur mit Widerstreben magere Gerechtigkeit zu erringen!


 

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