Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/cooper/ravens/ravens.xml
typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20121017
projectid99d5e72e
Schließen

Navigation:

Sechsundzwanzigstes Kapitel.

»Wenn der Mensch die Rechte des Eigenthums gewahrt sehen will, muß er auch die Folgen davon – die Unterscheidungen der gesellschaftlichen Klassen – auf sich nehmen. Ohne Eigenthumssicherheit ist der Bestand der Civilisation kaum möglich, während die höchste Stufe der Veredlung wahrscheinlich das Resultat derselben gesellschaftlichen Auszeichnungen ist, welche von so vielen Seiten her verrufen werden. Um das große politische Problem zu lösen, muß man ein Urtheil darüber gewinnen, ob die Unterschiede in der Gesellschaft, die von der Civilisation unzertrennlich sind, neben vollkommener Gleichheit in politischen Rechten existiren können. Wir sind der Ansicht, daß dieß der Fall ist, und halten den, der grundlos hiegegen Widerspruch erhebt, für einen Träumer, der allerdings für einen Zustand solcher Gleichheit nicht paßt; denn ebensogut könnte man behaupten, es habe nicht ein Mensch wie der andere Gelegenheit, sich aufzuschwingen.«

Politische Abhandlung.

 

Meine Zusammenkunft mit Opportunity Newcome blieb unter denen, welche die erste Kunde davon erhielten, ein Geheimniß. Der Abendgottesdienst in der St. Andrewskirche wurde nur von der gewöhnlichen Gemeinde mitgefeiert, da die Neugierde der Menge durch den Besuch am Morgen beschwichtigt zu sein schien. Der Rest des Tages entschwand, wie sonst, und nachdem ich den lieblichen Abend, wie auch die ersten Stunden der Nacht in Gesellschaft der Mädchen verbracht hatte, begab ich mich zu Bette, wo ich bis zum Morgen mich eines gesunden Schlafes erfreute. Onkel Ro theilte meine philosophische Stimmung, und wir ermuthigten uns gegenseitig darin durch ein kurzes Gespräch, das, ehe wir uns zur Ruhe begaben, in seinem Zimmer stattfand.

»Ich bin ganz deiner Ansicht, Hugh,« sagte mein Onkel in Erwiederung auf eine meiner Bemerkungen; »es führt zu nichts, wenn wir uns über Mißstände abhärmen wollten, deren Beseitigung nicht in unsrer Macht liegt. Werden wir niedergebrannt und unseres Eigenthums beraubt, nun so sei's drum, in Gottesnamen – ich habe ein hübsches Kapital in Europa angelegt, und wenn das Schlimmste zum Schlimmen kömmt, so können wir Alle davon leben, obschon es dann ein wenig knapp hergehen wird.«

»Es ist sehr auffallend, aus dem Munde eines Amerikaners zu hören, daß er in der alten Welt seine letzte Zuflucht suchen wolle.«

»Es wird oft genug vorkommen, wenn's in so lustiger Weise fortgeht, wie seit den letzten zehn Jahren. Bisher haben die Reichen von Europa auf die Zeit der Noth ihre Sparpfennige für Amerika aufbewahrt, aber wenn nicht bald ein großer Wechsel eintritt, werden wir's ehestens erleben, daß die reichen Amerikaner das Kompliment auf's freundlichste heimgeben. In vielen Beziehungen sind wir weit übler daran, als wenn wir uns in einem Zustand der Natur befänden; denn uns sind die Hände durch die Verantwortlichkeit gebunden, die an unserer Stellung und an unsern Mitteln haftet, während unsere Gegner blos dem Namen nach unter einem Zügel stehen. Die Magistratspersonen machen sie aus Leuten, welche ganz in ihrem Interesse stehen, und ebenso wählen sie auch die Sherifs, welche für die Vollstreckung der Gesetze zu sorgen haben. Der Theorie nach ist das Volk tugendhaft genug, um alle diese Pflichten gut zu erfüllen; aber leider ist keine Klausel für den Fall vorhanden, in welchem das Volk zufälligerweise en masse auf Irrwege geräth.«

»Wir haben doch Gouverneure und Herren zu Albany, Sir?«

»Ja wohl haben wir Gouverneure zu Albany, aber gerade diese sind die schlimmsten Knechte! Seit dem Auftauchen dieses höllischen Geistes ist freilich die Zeit dahin, daß eine klare männliche, energische und grundsatzfeste Proklamation, vom Gouverneur dieses Staats erlassen, allein hingereicht hätte, alle bessern Gefühle des Gemeinwesens zu wecken und dem gegenwärtigen Unfug zu steuern; immerhin aber wäre Einiges dadurch erzielt worden – doch auch diese kleine Huldigung, dem Rechte gegenüber, wurde uns verweigert. Auch sehe ich keiner Aenderung entgegen, bis wir diese doppelt destillirten Patrioten fallen lassen und bei der Besetzung wichtiger Aemter wieder zu den altmodischen Gentlemen mit ihren gediegenen Grundsätzen greifen. Der Himmel bewahre mich vor den extratugendhaften, patriotischen und erleuchteten Bürgern, denn von diesen ist noch nie etwas Gutes ausgegangen.«

»Es ist, denke ich, das klügste, Sir, wir halten uns darauf gefaßt, das Schlimmste über uns ergehen zu lassen, denn wir sind in unsern Institutionen bei dem Reaktionspunkt angelangt. Meine Drehpistole ist immer mit gutem Zündkraut versehen, und bei solcher Vorsorge hoffe ich, wenigstens nicht lebendig verbrannt zu werden.«

Nachdem wir uns noch eine Weile länger unterhalten hatten, trennten wir uns und suchten unsere Pfühle; auch kann ich sagen, daß ich in meinem ganzen Leben nie so trefflich geschlafen hatte, wie in jener Nacht. Wenn ich auch um meine Habe kam, so war es andern schon eben so ergangen, ohne daß sie sich darüber zu Tode grämten – und warum sollte ich mich nicht darein finden können? Allerdings waren jene andern hauptsächlich Opfer sogenannter Tyrannen, zum Theil aber doch auch solche, welche durch den Pöbel ihre Habe verloren hatten. So zum Beispiel geriethen in Frankreich tausende an den Bettelstab durch die politischen Confiscationsakte der Menge, und Tausende bereicherten sich an dem unrechtmäßigen Gewinn, indem sie das Unglück ihrer Umgebung auszubeuten wußten; was also dort geschah, war auch hier wieder möglich. Hochtönende Worte weiß der Vernünftige wohl zurechtzulegen, denn Niemand wird dadurch auch nur um ein Haar freier, weil er mit seiner Freiheit groß thut, und ich sollte nun erfahren, daß man stets am tiefsten verletzt wird, wenn das Unrecht von den Massen ausgeht. Mögen sie auch sonst nicht sehr zu derartigen Verbrechen geneigt sein, so sind sie doch ebensowenig unfehlbar, als einzelne Individuen. – In dieser Philosophischen Stimmung beschlich mich der Schlaf.

Als ich am andern Morgen erwachte, sah ich neben meinem Bette John stehen, der eben zuvor die Läden geöffnet hatte.

»Wahrhaftig, Mr. Hugh,« begann der wohlmeinende, aber bisweilen nur allzu diensteifrige Diener, »ich weiß nicht, wie weit's noch zu Ravensnest kommen wird, wenn der böse Geist unter den Bewohnern mehr und mehr um sich greift.«

»Stille, stille, John – was Ihr einen bösen Geist nennt, ist nur der ›Geist der Institution‹, und dieser verlangt Ehrerbietung, nicht aber üble Nachrede.«

»Ei, Sir, ich weiß nicht, wie sie ihn nennen, denn man spricht hier so viel von den Institutionen des Landes, ohne daß ich begreifen kann, was sie damit wollen. An meinem letzten Platz im Westende von London wohnte ich in der Nähe einer Institution,« – der arme John wollte vermuthlich Institut sagen – »und da lernten die jungen Herrn lateinisch und griechisch sprechen und schreiben. Die amerikanischen Institutionen aber müssen für Leute berechnet sein, die vom Latein ebensowenig wissen, als ich, denn man thut hier dergleichen, als ob man sie aus dem Fundament kenne. Doch werdet Ihr's wohl glauben – könnt Ihr's wohl glauben, Mr. Hugh daß das Volk in letzter Nacht einen Vatermord begangen hat?«

»Dieß sollte mich nicht Wunder nehmen, denn seit langer Zeit geht es mit einem Muttermord um, sofern es nemlich das Land seine Mutter nennt.«

»'s ist schrecklich, Sir – 's ist wahrhaftig schrecklich, wenn ein ganzes Volk ein solches vatermörderisches Verbrechen begeht. Ich wußte wohl, daß Ihr Euch drüber entsetzen würdet, Mr. Hugh, und kam deßhalb her, um Euch davon in Kenntniß zu setzen.«

»Ich bin Euch für diese Aufmerksamkeit ungemein verbunden, mein guter Freund, werde es Euch aber um so mehr Dank wissen, wenn Ihr einmal zur Sache übergehen wollt.«

»Recht gerne, Sir – von Herzen gern. Wozu sollte es auch nützen, die Thatsache zu bemänteln? Er ist hin, Mr. Hugh!«

»Wer ist hin, John? – Sprecht nur dreist heraus, mein guter Freund; ich kann's ertragen.«

»Der Kirchenstuhl, Sir, oder vielmehr das schöne Dach, das darüber angebracht war und ihm ein Aussehen verlieh, gerade wie dem Sitz des Lordmayor in Guildhall. Ich habe dieses Dach geehrt und bewundert, Sir, denn es ist der eleganteste Gegenstand in diesem Lande gewesen, Sir.«

»Was höre ich – sie haben es also wirklich zerstört? Allem Anschein nach ermuthigte und spornte sie die Aeußerung einer öffentlichen Meinung, die in einem mit Präsidenten und Sekretär versehenen Meeting proclamirt wurde, den Baldachin mit dem Beil abzutragen?«

»Ja wohl, Sir, und sie haben saubere Arbeit damit gemacht. Da steht er jetzt, bei Miller droben, über dessen Schweinstall!«

Dieß war kein sehr heroisches Ende in der Laufbahn des anstößigen Baldachins; gleichwohl aber konnte ich nicht umhin, herzlich darüber zu lachen. John fühlte sich durch diese Leichtfertigkeit einigermaßen gekränkt, und entfernte sich bald, um mich meine Toilette selbst zu Ende bringen zu lassen. Ohne Zweifel würden viele von den ehrlichen Ravensnestern ebensosehr über die Gleichgiltigkeit, welche ich bei dem Geschick des edlen Kirchenstuhls an den Tag legte, in Erstaunen gerathen sein, als John; aber sofern meine gesellschaftliche Erhöhung oder vielmehr meine gesellschaftliche Erniedrigung dabei in Frage kam, kümmerte ich mich durchaus nichts um dieses Anhängsel. Die Zerstörung desselben ließ mich gerade so, wie ich war, weder größer noch kleiner, und wenn es eines Denkzeichens bedurfte, um die Welt wissen zu lassen, wer meine Vorfahren gewesen oder wer ich selbst in diesem Augenblick war, so reichte hierfür das Land selbst oder doch der Theil desselben, in welchem wir wohnten, vollkommen zu. Seine Geschichte muß vergessen oder verändert werden, ehe man sich über unsere Lage täuschen kann, obschon aller Wahrscheinlichkeit nach die Zeit kommen wird, wo irgend ein außerordentlich sublimirter Freund der Gleichheit auf den Gedanken geräth, alle Lichter der Vergangenheit auszulöschen, damit ja kein in der Geschichte ausgezeichneter Name mehr Anstoß gebe, weil es noch andere Leute gibt, die sich eines solchen Vermächtnisses nicht zu erfreuen haben. Mit Recht hält man den Familienstolz für den verletzendsten, weil man sich dabei einer Sache rühmt, die auch nicht durch das mindeste persönliche Verdienst errungen wurde, während Männer von den höchsten persönlichen Ansprüchen vielleicht ganz und gar eines Vortheils entbehren müssen, zu dessen Genuß längst Verstorbene ein Recht begründet haben. Was nun diesen Punkt betrifft, so lassen die Institutionen sowohl ihrem Buchstaben, als ihrem Geiste nach möglichst die Gerechtigkeit walten, obschon auch sie genöthigt sind, einen der mächtigsten Hebel solcher Auszeichnungen durch die gesetzliche Bestimmung aufrecht zu erhalten, daß sich das Besitzthum des Vaters auf das Kind vererbe. Wann wir Alles recht und so haben werden, wie es in diesem dem Fortschritte huldigenden Land sein soll, weiß nur der Himmel, denn ich finde, meine Pächter legen ein großes Gewicht auf die Thatsache, daß ihre Väter Ländereien für Generationen gepachtet haben, während sie nur gar zu gerne vergessen, daß meine Väter diese ganze Zeit über die Verpächter waren.

Die vier Mädchen traf ich auf der Piazza, wo sie sich in der Luft eines so balsamischen Sommermorgens ergingen, wie ihn eine wohlwollende Natur nur je bescheert hatte. Die Kunde über das Schicksal des Kirchenstuhldachs war bereits bis an sie gelangt und übte, je nach den Temperamenten, verschiedene Wirkung. Henriette Coldbrooke lachte ganz unmäßig und in einer Weise darüber, die mir nicht gefiel, denn das helle Lachen einer jungen Dame bekundet oft genug, daß man hinter einem solchen Frauenzimmer nicht viel mehr als Lachlust suchen dürfe. Ich halte zwar dem jugendlichen Geist und einer natürlichen Neigung, den Dingen eine scherzhafte Seite abzugewinnen, Vieles zu gut; indeß muß ich doch sagen, daß es mich verletzte, über diese Heldenthat des Antirentismus eine volle halbe Stunde hinter einander lachen zu hören. Anne Marstons Benehmen gefiel mir viel besser. Sie lächelte zwar viel, und lachte eben genug, um zu zeigen, daß ihr die Sache sehr abgeschmackt vorkam; dann aber bekundete ihre Miene, daß sie fühlte, es handle sich hier um eine Rechts-Verletzung. Was Patt betraf, so war sie sehr entrüstet über diesen Schimpf, und säumte auch nicht, ihre Ansichten auszusprechen. Die Art aber, wie Mary Warren den Vorfall beurtheilte, machte den angenehmsten Eindruck auf mich, und ich muß sagen, daß es mir bei fast allen ihren Aeußerungen eben so erging. Sie zeigte weder Leichtfertigkeit noch Verdruß. Ein- oder zweimal, wenn Henrietten eine drollige Bemerkung entwischte, lachte sie ein wenig – aber nur sehr wenig und ganz unwillkührlich, gerade genug, um zu beweisen; daß sie einen Scherz wohl zu würdigen verstand; dann aber warf sie eine kleine Bemerkung bin, des Inhalts, daß man weit mehr den Grund der Handlung, den schlimmen Geist, der im Lande walte, in's Auge fassen müsse, – man sehe hier seine Wirkung, und diese müsse man zu Herzen nehmen. Niemand schien sich um das Dach selbst zu kümmern, nicht einmal meine treffliche Großmutter, obschon die Kirche zur Zeit ihrer jüngeren Jahre gebaut worden war, in welcher derartige Auszeichnungen noch mehr im Einklänge mit den Verhältnissen standen, als es heutzutage der Fall ist. Ich hatte mich eben lange genug auf der Piazza aufgehalten, um Zeuge von dem verschiedenen Benehmen der Mädchen zu sein, als sich meine Großmutter uns anschloß.

»O Großmutter, habt Ihr schon gehört, was diese elenden ›Inschens‹, wie man sie so richtig bezeichnet, mit dem Baldachin unsres Kirchenstuhls angefangen haben!« rief Patt, welche eine Stunde vorher am Bett der ehrwürdigen Frau gestanden und sie geküßt hatte. »Er ist abgerissen und über einem Schweinstall aufgepflanzt worden!«

Ein allgemeines Gelächter, in welches Patt selbst einstimmte, unterbrach für einen Augenblick die Antwort, und auch die alte Mrs. Littlepage verrieth eine kleine Neigung, dem Vorgange eine komische Seite abzugewinnen.

»Wohl habe ich davon gehört, meine Liebe,« entgegnete meine Großmutter, »und ich denke, wir können im Ganzen froh sein, daß wir jenes Daches los geworden sind. Es ist vielleicht besser, daß wir es nimmer in der Kirche haben, obschon es für Hugh nicht passend gewesen wäre, es nach den vorausgeschickten Drohungen herunternehmen zu lassen.«

»Sind während Eurer jüngeren Jahre auch derartige Dinge vorgekommen, Mrs. Littlepage?« fragte Mary Warren.

»Häufig genug, obschon minder auf dem Lande, als vielmehr in den Stadtkirchen. Ihr werdet Euch erinnern, daß die Trennung von England nur erst kurze Zeit bestand, als die St. Andrewskirche gebaut wurde, und die meisten von den alten Colonial-Ideen hatten damals unter uns Gewicht. Die Ansichten über gesellschaftliche Stellungen waren sehr verschieden von denen, welche jetzt stattfinden, und New-York konnte in einem gewissen Sinne unter die aristokratischsten Kolonieen des Landes gezählt werden, wenn sie nicht vielleicht gar den Vorrang vor allen übrigen behauptete. Ungefähr so ging es unter den Holländern, obschon sie Republikaner waren, und ihren Patroonen zu; aber als die Kolonie an die Engländer überging, wurde sie mit einem Male zu einer königlichen Kolonie, und englische Ansichten kamen natürlich in Aufnahme. Vielleicht gab es in keiner andern so viele Herrschaftsgüter; die Sklaverei des Südens führte ein ganz anderes System ein, während die Politik Penns und Neu-Englands im Allgemeinen demokratischer war. Ich fürchte, Roger, wir verdanken diesen Antirentenkampf und hauptsächlich die Schwäche, mit welcher man ihm Widerstand leistet, den Meinungen, die unter dem Volk Neu-Englands herrschen. Von dort her haben wir so viele Einwanderer unter uns, und die Denkweise dieser Leute ist von der unsrer reinen New-Yorker verschieden.«

»Ihr habt vollkommen recht, meine theure Mutter,« antwortete mein Onkel, obgleich schon unsre Pächter, die doch geborne New-Yorker sind, sich nicht säumig finden lassen, der Neuerung Vorschub zu thun. Letztere sind dabei entweder durch Habgier geleitet, oder suchen bei den Massen Popularität zu gewinnen, während meiner Ansicht nach die Eingewanderten ihre Ansichten durch den geselligen Zustand bestimmen lassen, aus dem sie selbst, oder ihre Eltern unmittelbar hervorgegangen sind. Ein sehr großer Theil der gegenwärtigen Bevölkerung New-Yorks ist neuenglischen Ursprungs, und wir können vielleicht ein volles Drittel derselben als solche annehmen, die entweder in Neu-England geboren oder vielleicht Söhne und Enkel dortiger Ansäßiger sind. Nun findet man aber in Neu-England allgemein eine große Gleichheit in der Stellung, namentlich wenn man sich einmal über die eigentliche Hefe aufgeschwungen hat. Mit Ausnahme der großen Handelsstädte gibt es daselbst nur wenige, die in New-York als reich gelten könnten, und ein großer Landbesitzer ist fast gar nicht zu finden. Das Verhältniß des Grundherrn und des Pächters, wie es auf unseren sogenannten Besitztümern besteht, ist daher dem Wesen nach in Neu-England unbekannt, obschon Maine einige Ausnahmen bietet. Dieser Umstand hat seinen Grund in der eigenthümlichen Abkunft der Bevölkerung, und in der Thatsache, daß die Auswanderung so lange Zeit den Ueberschuß der Population abgeleitet hat. Die Hauptmasse derjenigen, welche zurückbleiben, sind daher wohl in der Lage, Freigüter zu besitzen. Menschen, welche unter einem solchen Zustande der Gesellschaft erzogen wurden, sind natürlich Allem abgeneigt, was Andere in eine Stellung versetzt, die sie selbst nicht besitzen und auch nicht einnehmen können. Nehmen wir nun an, ein Drittheil der New-Yorker Bevölkerung bestehe aus neuenglischen Abkömmlingen; in Folge davon müssen mehr oder weniger neuenglische Ansichten herrschen, namentlich, da bei weitem der größere Theil der Advokaten, Zeitungsschreiber, Aerzte und Politiker mit unter dieses Drittel fallen. Wir denken wenig hierüber nach, und diese Verhältnisse kommen selten zur Sprache, denn keine Nation forscht den moralischen Einflüssen, aus denen man sich eine politische Statistik bilden kann, weniger nach, als die amerikanische, wie groß auch die Folgen sein mögen, die daraus hervorgehen.«

»Ihr scheint also der Ansicht zu sein, Sir, daß diese Antirenten-Bewegung neuenglischen Ursprungs sei?«

»Vielleicht irre ich. Der Ursprung ist wahrscheinlich unmittelbarer vom Teufel abzuleiten, der die Pächter ebensogut, wie vor Zeiten unseren Erlöser, in Versuchung führte. Die Wirren brachen zuerst unter den Abkömmlingen der Holländer aus, die zufällig Pächter waren; was aber die Theorien betrifft, die dabei auftauchten, so riechen sie mehr nach der Reaktion gegen europäische Zustände, als nach irgend etwas, was in Amerika faktischen Bestand hat. Wenigstens konnte Neu-England keinen Anlaß dazu bieten, denn dort stehen die Rechte des Eigenthums und die Gesetze in hohen Ehren. Gleichwohl bin ich der Ansicht, daß wir der Denk- und Lebensweise derjenigen, welche aus diesen Gegenden zu uns eingewandert sind, die hauptsächlichste Gefahr zuschreiben müssen.«

»Das scheint etwas paradox zu sein, Onkel Ro, und ich gestehe, es wäre mir lieb, wenn Ihr uns Eure Meinung besser auseinander setztet.«

»Ich will versuchen, es in möglichst kurzen Worten zu thun. Die eigentliche Gefahr geht von denen aus, welche Einfluß auf die Gesetzgebung üben. Nun werdet ihr viele Hunderte unter uns finden, welche wohl einsehen, wie wichtig die Heiligachtung contractlicher Verbindlichkeiten ist, – welche die Nachtheile des Antirentismus erkennen und seine ungestüme, gewaltthätige Aeußerung unterdrückt zu sehen wünschen; gleichwohl aber halten sie es nicht mit den Grundbesitzern, weil sie doch im Geheim eifersüchtig sind auf Vortheile, die ihnen selbst nicht zu gut kommen, und wären es wohl zufrieden, wenn das Grundpachtsystem aufgehoben würde, sofern dieß ohne einen allzuheftigen Zusammenprall mit der Gerechtigkeit geschehen könnte. Spricht man mit solchen Leuten, so ergehen sie sich in Gemeinplätzen und drücken ihre nichtsbesagende Ansicht dahin aus, es wäre gut, wenn jeder Landbebauer nicht Pächter, sondern Eigenthümer des von ihm bewirtschafteten Bodens wäre, denn jedenfalls sei das Rentenzahlen ein große Beschwerniß, und dergleichen mehr. Mit weit edlerem Sinne äußerte der Sage nach Heinrich der Vierte den Wunsch, jeder seiner Unterthanen möchte » une poule au pot« haben; aber mit dem Wunsche war nichts ausgerichtet, da er die Töpfe nicht mit Hühnern füllte. Eben so verhält sich's mit dem eitlen Wunsche, daß jeder amerikanische Landwirth Freisasse sein sollte. Wir Alle wissen, daß ein solcher Zustand der Gesellschaft nie existirt hat und wahrscheinlich auch nie existiren wird; man stellt deßhalb nur ein philanthropisch seinsollendes Gefasel in den Vordergrund des Gemäldes, statt die Zustände treu darzustellen, wie sie sind. Was mich betrifft, so gehöre ich unter diejenigen, welche sich nicht zu dem Glauben bekehren können, daß irgend ein Land besser daran sei, wenn es keine Grundherrn und Pächter habe.«

»Mr. Littlepage,« rief Mary Warren, »Ihr seid doch nicht der Ansicht, großer Reichthum in den Händen weniger bei Verarmung der großen Masse sei einem weithinverbreiteten Wohlstand vorzuziehen?«

»Nein, so weit gehe ich nicht; aber ich bleibe bei der Behauptung, daß Amerika eben jetzt einer Klasse dringend benöthigt ist, welche mit Unabhängigkeit des Charakters und der Stellung jene Muße verbindet, durch die allein seine Bildung, Geschmack und Grundsätze gewonnen werden können.«

»Grundsätze, Mr. Littlepage?« ergriff meines Onkels holde Opponentin wieder das Wort. »Mein Vater würde hierin kaum einstimmen, obschon er in vielen Stücken ganz Eurer Ansicht ist.«

»Ich weiß das nicht und muß wohl das Wort Grundsätze wiederholen; denn wenn eine Klasse vielen Versuchungen enthoben ist, ohne jedoch über dem Bereich der öffentlichen Meinung zu stehen, so gewinnt sie jene Grundsatzfestigkeit, welche am ehesten geeignet ist, einer Art secundärer aber doch sehr nützlicher Moral zur Stütze zu dienen – einer Moral, die sich nicht unmittelbar aus rein religiösen Pflichten ableiten läßt. Gegen letztere werde ich kein Wort sagen, da sie aus der von der göttlichen Allmacht stammenden Gnadenquelle fließen und glücklicherweise dem Armen eben so zugänglich sind, wie dem Reichen – ja, sogar noch mehr. Aber wie die Menschen einmal sind, regelt unter Hunderten nicht einer sein Leben nach einer durch solche Impulse geschaffenen Richtschnur, und selbst wenn es der Fall ist, wird diese leider stets einigermaßen durch die gewöhnlichen Ansichten bestimmt. Die christliche Moral des Ostindianers ist nicht identisch mit der eines Puritaners, und die eines Mannes von hochgebildetem Geiste verhält sich anders, als die eines Menschen, welcher nicht den gleichen Vortheil der Erziehung genossen hat. Es gibt eine Klasse von Grundsätzen, die unter freisinnigen, gebildeten Geistern sehr verbreitet ist und nichts von der Kleinlichkeit des Tagesbrauchs in sich aufnimmt; diese meine ich. Wir brauchen eine verhältnismäßige Anzahl von Männern, die zur Organisirung unserer Gesellschaft beitragen können und über die Gemeinheit des gewöhnlichen Lebens erhaben sind.«

»Wenn man dieß in Gath hörte,« rief meine Schwester lachend, »so würde man es für die schreiendste Aristokratie erklären.«

»Und gleichwohl ist es nur der gesunde Menschenverstand, der hier so laut schreit,« entgegnete mein Onkel, der sich durch ein Gelächter nicht von dem abbringen ließ, was er für eine Wahrheit hielt, »und die Thatsachen werden es lehren. Neu-England hat zuerst das System der Gemeinde-Schulen eingeführt, und vielleicht besitzt kein Theil der Welt eine Bevölkerung, die in allgemeinen Kenntnissen besser unterrichtet wäre. Dieß ist schon so lange her, daß die Population von Connektikut und Massachusetts zum Beispiel der eines jeden andern Staats, selbst New-York mit eingeschlossen, einen wesentlichen Vorsprung abgewonnen hat, obschon wir, nachdem wir das System unserer östlichen Brüder nachgeahmt haben, gleichfalls nicht über Verwahrlosung klagen können. Und dennoch – wer wird behaupten wollen, Neu-England sei in vielen anderen wesentlichen Punkten so weit vorangeschritten, wie die mittleren Staaten? Nehmen wir zum Beispiel nur die Küche – ihre beste Kochkunst steht weit unter der, welche man selbst unter den geringeren Familien der eigentlichen mittleren Staaten findet. Auch ihre Sprache ist provinziell und gemein, so daß ich wohl ohne Uebertreibung behaupten kann, die arbeitenden Klassen der mittleren Staaten, wenn sie nicht neuenglischer Abkunft sind, reden ein viel besseres Englisch, als sogar Tausende der gebildeten Personen Neu-Englands. Diese beide Eigenthümlichkeiten rühren meiner Ansicht nach von dem Umstande her, daß der eine Landestheil eine Klasse besessen hat, welche den Ton angeben konnte, der andere aber nicht. Die Gentlemen der größern östlichen Städte üben zwar ohne Zweifel einen Einfluß auf ihre Wohnplätze; im Innern aber tritt Niemand an die Spitze, und so hilft sich denn der gewöhnliche Sinn so gut fort, als er kann.«

»Aristokratisch, Sir – wilde Aristokratie.«

»Und wenn auch? Hat denn die Aristokratie, wie du sie nennst – eine Aristokratie, die im gegenwärtigen Falle nur eine entschiedene sociale Stellung sein kann, nicht ihre Vortheile? Gereicht nicht sogar der reiche Müssiggänger einer Nation zu einigem Nutzen? Er trägt seinen vollen Antheil bei zu der höhern Civilisation, die mit Geschmack und Bildung in Verbindung steht – ja, er schafft sie sogar. In Europa heißt es, daß für eine solche Civilisation Höfe nöthig seien; aber Thatsachen widersprechen dieser Theorie. Allerdings braucht man dafür eine Scheidung der Klassen; aber diese kann bestehen ohne einen Hof, ebensogut, als sie Angesichts einer Demokratie existiren kann und nie aufhören wird, Bestand zu haben. Bringt man nun die gebildetere Klasse mit dem Landbesitz in Verbindung, so wird man sehen, wie wesentlich sich die Aussicht des Aufschwungs steigert. Loke von Norfolk hat der englischen Landwirtschaft wahrscheinlich weit werthvollere Dienste geleistet, als alle bloßen Bauern seiner Zeit. Solche Männer sind es in der That, deren Mitteln und deren Unternehmungsgeist man fast alle bedeutendern wohlthätigen Einwirkungen verdankt. Die schöne Wolle, die wir in Amerika haben, rührt hauptsächlich von dem Umstande her, daß die Livingstones Land besitzen, und wenn man solche Männer vertreibt, begibt man sich auch der Wohlthaten, die aus ihrem Wirken stammen. Eine Anzahl einsichtsvoller, gebildeter, freisinniger Grundbesitzer, durch den ganzen Staat New-York zerstreut, würden die Interessen des Gemeinwesens unendlich mehr fördern, als der ganze Schwarm von Kartoffeladvokaten und Gouverneuren, die man in zwölf Monaten zusammen bringen kann. Ja, was noch mehr ist – unsere gesellschaftlichen Zustände sind gerade von der Art, daß man von einer solchen Klasse alle durch sie bedingten Vortheile zu ernten im Stande ist, ohne zugleich die Uebel einer eigentlichen Aristokratie mit in den Kauf nehmen zu müssen. Die Grundbesitzer haben keine besondere politische Gewalt und werden sie auch nie erringen; es steht daher nicht zu besorgen, daß man in ihrem Interesse Korngesetze und eine besondere Legislatur schaffen könnte. Reiche und Arme müssen wir haben – dieß läßt sich nicht ändern, und ich frage jeden vernünftigen Mann, ob er einen Zustand der Dinge wünscht, in welchem der Erstere keine Verlockung findet, sich liegenden Besitz zu erwerben, der Letztere aber keine Aussicht hat, sich durch Bebauung des Feldes anders als im Taglohn sein Brod zu verdienen.«

»Ihr sprecht Euch scharf aus, Onkel Ro,« fiel ihm Patt in's Wort, »und werdet nie in den Kongreß kommen.«

»Mag sein, meine Liebe; dagegen aber wahre ich mir durch ein ehrliches Benehmen meine Selbstachtung. Wenn ich etwas sage, so ist's mir Ernst damit, und dieß ist mehr als Viele von der Gegenpartei von sich rühmen können. In einem Lande wie das unsrige, in welchem sich so viel unbebauter Boden befindet, daß die Uebel eines allgemeinen Länder-Monopols unmöglich sind, ist eine begüterte Gentry mit ihren Grundsätzen, Sitten und Liebhabereien gewiß dasjenige, was man für eine höhere Stufe der Civilisation nicht entbehren kann. Wenn man diese Klasse in verständiger Weise hebt und gebührendermaßen achtet, so ist von ihr ungemein viel Gutes zu erwarten, ohne daß irgend eine bekannte gesellschaftliche Kaste auch nur die mindeste Gefahr dabei liefe. Ja New-York hat sie, obschon ihr Einfluß sich immer mehr verringerte, stets bestanden, und ist meiner Ansicht nach die Veranlasserin gewesen, warum wir in gewissen Stücken vor Neu-England so viel voraus haben, obschon dieser Theil des Landes in manchen anderen, die mit der Schulbildung zusammenhängen, hinter letzterem zurückgeblieben sind.«

»Ich höre es gern, wie Jemand offen und mannhaft seine Ansichten behauptet,« sagte meine Großmutter, »und du hast dieß von deiner Kindheit an gethan, Roger. Meine eigene Familie stammt väterlicher Seits aus Neu-England, und ich unterschreibe großentheils, was du sagst, namentlich jenen Theil, der auf die Apathie des Publikums bei der gegenwärtigen großen Rechtskränkung Bezug hat. Es ist übrigens Zeit, zum Frühstück aufzubrechen, denn John macht schon seit ein paar Minuten an der Thüre dort seine Bücklinge.«

So begaben wir uns denn zur Frühstückstafel und vertrieben uns trotz Brandstiftern, Antirentismus, Baldachinen und Schweinställen recht angenehm die Zeit. Henrietta Coldbrooke und Anna Marston hatten sich, obschon verschieden in ihrer Weise, nie geistreicher gezeigt, als diesen Morgen. Ich glaube, daß ich selbst ein wenig betroffen war, denn ich bemerkte, daß mein Onkel mir gelegentliche Blicke zuwarf, als wollte er jedesmal, so oft eines seiner Mündel etwas vorbrachte, was ihm ungewöhnlich witzig vorkam, zu verstehen geben, »hörst du's, mein guter Freund – was hältst du jetzt von diesem?«

»Habt Ihr schon davon gehört, Mutter,« fragte Onkel Ro, »daß sich Sus und Jaaf in großartigem Kostüm hier auf dem Nest einfinden werden? Es scheint, die rothen Häuptlinge sind im Begriffe, aufzubrechen, und da muß noch die Pfeife geraucht und eine große Berathung gehalten werden. Der Fährtelose ist der Ansicht, der würdevollste Platz hiefür sei die Vorderseite von dem Hause seiner Blaßgesichtsfreunde, da sich diese weit besser dazu eigne, als der Platz vor seiner Hütte.«

»Wie hast du dieß erfahren, Roger?«

»Ich bin diesen Morgen in dem Wigwam gewesen, und der Onondago sowohl, als der Dolmetscher, den ich dort traf, hat mich von diesem Vorhaben in Kenntniß gesetzt. Beiläufig, Hugh, wir müssen uns bald entscheiden, was wir mit den Gefangenen anfangen sollen, sonst geht man uns mit einem Habeas corpus-Writ zu Leib und will wissen, warum wir sie festhalten.«

»Ist es möglich, Onkel Ro,« denn so wurde er stets von seinen Mündeln genannt, – »einen Gentleman dadurch vom Galgen zu retten, daß man ihn heirathet?« fragte Henrietta Coldbrooke mit gesetzter Miene.

»Diese Frage kömmt mir sehr befremdlich vor, und es ist einem Vormund wohl zu Gute zu halten, wenn er gerne wissen möchte, aus welchem Grunde sie gestellt wird.«

»Erzähle es nur ohne Rückhalt, Henrietta,« sagte Anna Marston, ihre Gefährtin zum Sprechen ermuthigend. »Ich will dir das Erröthen sparen und den Dienst des Dolmetschers übernehmen. Miß Coldbrooke wurde während der letzten vierundzwanzig Stunden von Mr. Seneka Newcome mit diesem Brief beehrt, und da sich's um eine Familien-Angelegenheit handelt, so meine ich, er sollte einem Familienrath vorgelegt werden.«

»Ei, Anne, dieß ist nicht ehrlich« – ergriff die erröthende Henrietta das Wort – »auch glaube ich nicht, daß es mir als einer Lady ziemt, den Inhalt des Briefes allgemein bekannt werden zu lassen, namentlich da du jedenfalls schon davon unterrichtet bist.«

»Euer Widerwille gegen eine Vorlesung des Schreibens erstreckt sich doch nicht auch auf mich, Henrietta?« fragte mein Onkel.

»Gewiß nicht, Sir; auch nicht auf die theure Mrs. Littlepage, und eben so wenig auf Martha, obschon ich bekenne, daß ich nicht einsehe, welches Interesse der Gegenstand für Mr. Hugh haben kann. Da ist der Brief – nehmt ihn und lest, wenn ihr es für gut haltet.«

Mein Onkel hielt es für gut, ihn auf der Stelle zu lesen. Im Verlaufe dieses Geschäftes runzelte sich seine Stirne, und er biß sich in die Lippen, als sei er in gleichem Grade erzürnt und ärgerlich. Dann lachte er und warf das Papier auf den Tisch, wo es liegen blieb, ohne daß sich Jemand herausnahm, es zu belästigen. Diese ganze Zeit über erröthete Henrietta Coldbrooke einmal über das andere, obschon sie zwischen hinein lachte und eine verdrießliche Miene annahm. Unsere Neugierde wurde dadurch so sehr gesteigert, daß meine Großmutter Lust fühlte, sich in's Mittel zu legen.

»Kann dieser Brief nicht zum Besten Aller laut vorgelesen werden?« fragte sie.

»Es ist kein besonderer Grund vorhanden, den Inhalt geheim zu halten,« antwortete Onkel Ro verächtlich, »und je mehr er bekannt wird, desto mehr trifft den Kerl das verdiente Gelächter.«

»Wird dieß auch recht sein, Onkel Ro?« rief Miß Coldbrooke hastig. »Kann man einen Gentleman, wie er ist, so behandeln – –«

»Pah, es handelt sich hier ganz und gar nicht um einen Gentleman. Der Mensch ist in diesem Augenblick ein Gefangener, weil er mitten in der Nacht ein bewohntes Haus in Brand zu stecken versuchte.«

Henrietta sagte nichts mehr, und meine Großmutter nahm das Schreiben auf, um es laut vorzulesen. Ich gebe keine Abschrift von dem Ergusse Seneka's, der mehr schlau, als philosophisch gehalten war, sondern bemerke nur, daß er eine kräftige Liebes-Erklärung enthielt, die Sache geschäftsmäßig dringend behandelte und mit einem großmüthigen Anerbieten seiner Hand einer Erbin gegenüber schloß, die ein Einkommen von jährlichen achttausend Dollars besaß. Und dieser Antrag war nur um einen oder zwei Tage früher datirt, als der Kerl über Mordbrennerei erwischt wurde, er stammte also aus einer Zeit, wo er aufs Tiefste in die Entwürfe des Antirentismus verwickelt war.

»Es gibt eine Klasse von Leuten unter uns,« sagte mein Onkel, nachdem männiglich dieses edle Anerbieten verlacht hatte, »welche auch nicht die mindeste Vorstellung von Anstand zu besitzen scheint. Wie ist's möglich, oder was konnte den Wicht veranlassen, sich auch nur einen Augenblick einzubilden, ein Mädchen von Vermögen und Stellung werde ihn heirathen – und dieß noch obendrein fast ohne alle vorläufige Bekanntschaft! Ich wette darauf, Henrietta hat ihn ihr ganzes Leben über keine zehnmal gesprochen.«

»Nicht fünfmal, Sir, und auch dann nur handelte sich's um die gleichgültigsten Dinge von der Welt.«

»Und Ihr habt den Brief beantwortet, meine Liebe?« fragte weine Großmutter. »Eine Antwort durfte nicht wohl vergessen werden, obschon sie vielleicht im gegenwärtigen Falle passender von Eurem Vormund ausging.«

»Ich habe dieses Amt selbst auf mich genommen, Ma'am, weil ich für meine Betheiligung an der Sache nicht ausgelacht zu werden wünschte. Ich dankte ablehnend für die Ehre, die mir Mr. Seneka Newcome mit seiner Hand zugedacht hatte.«

»Nun, wenn doch die Wahrheit heraus muß,« fiel Patt trocken ein, »es sind kaum drei Wochen her, daß ich das Gleiche that.«

»Und ich hatte erst vor acht Tagen eine ähnliche Verrichtung vorzunehmen,« fügte Anne Marston mit gesetzter Miene bei.

Ich kann mir nicht denken, meinen Onkel je so seltsam aufgeregt gesehen zu haben; denn während Alles um ihn her herzlich lachte, war seine Miene ernst, wo nicht wild. Dann wandte er sich plötzlich an mich und sagte:

»Wir müssen den Kerl an den Galgen bringen, Hugh; denn wenn er tausend Jahre lebte, würde er doch nie lernen, was der Anstand fordert.«

»Ihr werdet Euch eines Besseren bedenken, Sir, und mehr Barmherzigkeit walten lassen. Der Mann hat nur edel gewagt. Ich muß übrigens gestehen, daß ich gar gerne wissen möchte, ob Miß Warren allein seinen Angriffen entgangen ist.«

Mary – die hübsche Mary – sie erröthete wie Scharlach, schüttelte aber den Kopf und weigerte sich, eine Antwort zu geben. Wir Alle sahen, daß ihre Gefühle bei der Sache keineswegs betheiligt waren; indeß gewann es doch den Anschein, wie wenn die Huldigungen, die Seneka ihr zu Theil werden ließ, ernstlicherer Natur seien, als seine Aufmerksamkeiten gegen die drei anderen Mädchen. Wie ich seitdem in Erfahrung gebracht habe, hegte er wirklich eine Art Liebe für Mary, und unter Berücksichtigung seines Geschmacks in dieser Beziehung bin ich auch bereit gewesen, ihm die Grundsatzlosigkeit und unverschämte Weise zu vergeben, in welcher er seine Fliegen den andern Fischen zuwarf. Von Mary selbst aber war nichts herauszubringen.

»Ihr dürft Euch hieraus nicht so viel machen, Mr. Littlepage,« rief sie, sobald sie sich von ihrer Verwirrung ein wenig erholt hatte, »denn am Ende ist in der Sache blos nach dem großen Antirenten-Grundsatze gehandelt worden. In dem einen Fall spricht sich der Wunsch nach wohlfeilen guten Farmen, in dem andern der nach guten Frauen aus.«

»In dem einen Falle nach den Farmen anderer Leute und in dem andern nach den Frauen anderer Männer.«

»Allerdings nach den Frauen anderer Männer, wenn überhaupt von Frauen die Rede ist,« bemerkte Patt bezeichnend. »Es ist kein Mr. Seneky Newcome da.«

»Wir müssen dem Gesetz seinen Lauf lassen und den Kerl dem Galgen überantworten!« entgegnete mein Onkel. »Den Versuch, das Nesthaus niederzubrennen, könnte ich ihm noch nachsehen, aber diese Unverschämtheit macht mich erbarmenlos. Menschen von seiner Klasse bringen gern Alles sens dessus dessous, und es nimmt mich nicht Wunder, da es einen Antirentismus im Land gibt. Ein solches Ehestands-Experiment hätte zwischen so verschiedenen Betheiligten in keinem Lande versucht werden können, das nicht durch den Antirentismus vergiftet oder vom Teufel verblendet ist.«

»Ein Irländer würde in den Wurf seines Netzes auch meine Großmutter miteingeschlossen haben; dieß ist der einzige Unterschied, Sir.«

»Ja, wahrhaftig – warum seid wohl Ihr entronnen, theuerste Mutter. Auch Ihr besitzt ein schönes Witthum.«

»Weil der Freier, wie Hugh bemerkte, kein Irländer war – ich kenne keinen andern Grund, Hodge. Aber eine Person, welche den Damen so große Verehrung zollt, darf nicht in der grausamen Weise um's Leben kommen, die du ihm zugedacht hast. Wir müssen dem Elenden freien Abzug gestatten.«

Alle Mädchen vereinigten sich nun mit meiner Großmutter in dieser für sie so ganz natürlichen Petition, und einige Minuten hörten wir nichts als Aeußerungen des Bedauerns und Bitten, daß Seneka nicht dem Gesetz überantwortet werden möchte. »Dem zarten Erbarmen des Gesetzes« dürfte man passend hier sagen; denn es ist jetzt fast zu einer unumstößlichen Wahrheit geworden, je größer der Schelm ist, desto bessere Aussicht hat er, dem Galgen zu entrinnen.

»Alles dieß ist recht gut, meine Damen – gewaltig menschenfreundlich, frauenhaft und ganz dem Charakter gemäß,« antwortete mein Onkel; »aber erstlich will es was heißen, wenn man ein Kapitalverbrechen vertuscht, und die Folgen sind nicht eben die angenehmsten. Außerdem muß man auch ins Auge fassen, welche Wirkung ein solcher Schritt auf die Gesellschaft im Allgemeinen üben könnte. Wir haben da einen Kerl, der anfänglich versuchte, die Herzen von nicht weniger als vier jungen Damen in Flammen zu setzen, und nachdem ihm dieß nicht gelungen ist, hilft er sich dadurch, daß er in Hughs Küche Feuer einlegt. Wißt Ihr auch, daß ich fast geneigt bin, für das ersten Vergehen ihn ebenso zu bestrafen, wie für das letztere?«

»Unter den Rothhäuten findet eine großartige Bewegung statt, Ma'am,« bemerkte jetzt John, der unter der Thüre des Frühstückszimmers stand, »und ich kann mir denken, daß die Damen, Mr. Littlepage und Mr. Hugh Lust haben werden, sie zu sehen. Der alte Sus ist auf dem Wege hieher begriffen und hat Yop bei sich, der brummend hinter ihm drein kommt, als ob ihm diese Unterhaltung durchaus nicht gefalle.«

»Hast du Vorsorge getroffen, Roger, daß unsere Gäste diesen Morgen passend empfangen werden?«

»Ja, Mutter. Wenigstens ertheilte ich Befehl, unter den Bäumen Bänke aufstellen und eine hinreichende Menge Tabaks beischaffen zu lassen. Ich glaube, das Rauchen spielt eine wichtige Rolle bei einer Berathung, und Alles ist so eingeleitet, daß sie damit anfangen können, sobald sie zusammentreffen.«

»Ja, Sir, es ist Alles für sie zugerüstet,« nahm John wieder auf. »Miller hat die Bänke in einem Einspänner hergeschickt, und wir sind mit so viel Tabak versehen, als sie verbrauchen können. Die Dienerschaft hofft, Ma'am, es möchte ihr erlaubt werden, der Feierlichkeit mitanzuwohnen. Es kommt nicht vor, daß civilisirte Leute wirkliche Wilde zu sehen kriegen.«

Meine Großmutter ertheilte ihre Zustimmung, und es folgte nun ein allgemeiner Aufbruch nach dem Rasen, um der Abschiedszusammenkunft zwischen dem Fährtelosen und seinen Gästen anzuwohnen.

»Ihr seid sehr rücksichtsvoll gewesen, Miß Warren,« flüsterte ich Mary zu, als ich ihr den Shawl anlegen half, »daß Ihr das wichtigste von Seneka's Liebesgeheimnissen – denn so muß ich es wohl ansehen – nicht verrathen wolltet.«

»Ich gestehe, diese Briefe haben mich überrascht,« versetzte das holde Mädchen gedankenvoll und mit einem Blicke, der einige Verwirrung zu bekunden schien. »Niemand kann wohl von Mr. Newcome eine sehr günstige Meinung haben; indeß war es keineswegs nöthig, sein Charakterbild in einer Weise zu vervollständigen, daß man sogar schlimm von ihm urtheilen muß. «

Ich schwieg, diese wenigen Worte aber, die Mary unbewußt und unwillkürlich zu entwischen schienen, überzeugten mich, daß Seneka sich's ernstlich hatte angelegen sein lassen, trotz ihrer Armuth Theilnahme in ihrem Herzen zu wecken.


 

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.