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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Ein ächter Freistaat – wild und stark dabei,
Stolz demokratisch, wo ein Jeder treu
Dem bleibt, was er gelobt – gut oder schlecht,
Und eifrig hält an seiner blauen Satzung;
(Denn hieße »roth« sie, spräche Draco Recht).

Halleck.

 

Ich verließ die Kirche in so großer Hast, daß ich mich weder nach rechts oder links umsah. Die leichte, aber schön gerundete Gestalt Mary Warrens bewegte sich unter den Uebrigen weiter, schien aber doch zu zögern, als wolle sie mich nachkommen lassen. Ich eilte über die Straße und auf dem Feldweg weiter, so daß ich in kurzer Zeit die Mädchen eingeholt hatte.

»Was hat wohl jenes Volksgewühl zu bedeuten, Hugh?« fragte meine Schwester, mit der Spitze ihres Sonnenschirms nach der Straße hinunterweisend.

»Ein Volksgewühl? Ich habe keines wahrgenommen. Alles hat vor mir die Kirche verlassen und ist im Frieden abgezogen. Ha, wahrhaftig – dort auf der Straße sieht's doch wie ein Menschenhaufen aus. Beim St. George, es scheint ein organisirtes Meeting zu sein! Ja, ich sehe dort einen Präsidenten – er sitzt auf der obersten Latte des Zauns, und der Kerl mit einem Papierfetzen in seiner Hand ist ohne Zweifel der Sekretär. Alles dieß finde ich sehr amerikanisch und sehr regelmäßig. Ich stehe dafür, es wird unter dem Vorgeben, man wolle die öffentliche Meinung sprechen lassen, ein schnödes Projekt ausgebrütet. Seht, dort ist ein Sprecher – was er für mannhafte Gestikulationen macht!«

Wir Alle blieben eine Weile stehen, und sahen nach dem Volkshaufen zurück, der in der That ganz den Anschein eines öffentlichen Meetings hatte. Wie die Mädchen mir sagten, hatten die Leute sich schon versammelt gehabt, wie sie die Kirche verließen, und waren ebenso beschäftigt gewesen, wie jetzt. Der Anblick weckte unsere Neugierde, und da der Tag schön war, außerdem wir auch nicht zu eilen hatten, so gingen wir nur langsam über die Felder, und machten hin und wieder Halt, um zurückzuschauen und zu sehen, was auf der Straße vorging.

In dieser Weise mochten wir den halben Weg nach dem Nest zurückgelegt haben, als wir bei einem abermaligen Stillstand bemerkten, daß das Gedränge sich zerstreute. Einige fuhren in ihren Dearborns davon, Andere ritten und wieder Andere gingen zu Fuß weiter. Drei Männer aber kamen schnell in der Richtung her, welche wir eingeschlagen hatten, und es sah aus, als ob sie uns einzuholen wünschten. Sie befanden sich bereits auf dem Feldwege, welchen selten Jemand zu begehen pflegte, der nicht im Nest einen Besuch zu machen wünschte. Unter solchen Umständen beschloß ich Halt zu machen und sie zu erwarten. Zuerst griff ich jedoch in meine Tasche, um mich zu überzeugen, ob die Drehpistole darin stak, denn diese Waffe wird heutzutage sehr wichtig, da man die Privatfehden nicht mehr blos »Rocke an Rocke«, sondern auch durch eine regelmäßige »volle Lage«, Steuerbord und Backbord auszukämpfen pflegt.

»Da diese Männer augenscheinlich kommen, um mich aufzusuchen,« bemerkte ich, um den Mädchen meine Absicht mitzutheilen, »so wird es gut sein, wenn Ihr Euern Weg nach Hause fortsetzt, während ich hier an diesem Drehkreuz auf sie warte.«

»Ganz recht,« entgegnete Patt. »Sie können nichts auf dem Herzen haben, was wir zu hören wünschen, und du wirst uns bald einholen. Vergiß nicht, Hugh, daß wir an Sonntagen um zwei Uhr speisen. In diesem Monat beginnt der Abendgottesdienst um vier.«

»Nein, nein,« fiel Mary hastig ein; »wir können und dürfen Mr. Littlepage nicht verlassen. Diese Männer könnten ihm ein Leides zufügen wollen.«

Ich war über diese einfache natürliche Kundgebung von Theilnahme ebenso entzückt, wie über die Entschiedenheit, welche das theure Mädchen dabei an den Tag legte. Mary erröthete zwar über ihre Hast, war aber gleichwohl entschlossen, das genommene Terrain nicht aufzugeben.

»Was könnten wir Hugh nützen, meine Liebe, selbst zugestanden, daß Ihr recht hättet?« entgegnete Patt. »Zuverlässig wäre es besser, wenn wir nach dem Hause eilten und Leute herschickten, die ihm für einen solchen Fall Beistand leisten könnten. Mit müssigem Hieherstehen richten wir nichts aus.«

Miß Coldbrooke und Miß Marston, die bereits ein wenig voraus waren, benützten diesen Wink und liefen, was sie konnten, weiter, ohne Zweifel, um die Andeutung meiner Schwester in Ausführung zu bringen. Aber Mary Warren blieb fest, und Patt wollte ihre Freundin nicht verlassen, wie sehr sie auch geneigt sein mochte, mich mit weniger Rücksicht zu behandeln.

»Es ist wahr, wenn Gewalt versucht würde, so können wir Mr. Littlepage freilich keinen Beistand leisten,« nahm Mary wieder auf; »aber etwas der Art ist vielleicht am wenigsten zu befürchten. Diese irregeleiteten Menschen haben so wenig Achtung vor der Wahrheit, und wenn wir Euren Bruder allein lassen, stehen drei gegen Einen. Es ist daher besser, wir bleiben und hören mit an, was vorfällt, damit wir den Thatbestand bezeugen können, wenn es, wie dieß nur zu oft vorkömmt, jene Personen für passend halten sollten, die Wahrheit zu verdrehen.«

Wir Beide, Patt und ich, waren erstaunt über die Klugheit und den Scharfblick dieser Bemerkung. Meine Schwester trat jetzt ganz nahe an das Drehkreuz, an welchem ich noch immer stand, und entfaltete nun eine so feste entschlossene Haltung, wie die ihrer Freundin war. Die drei Männer näherten sich. Zwei von ihnen kannte ich dem Namen nach, obschon kaum von Person, während der Dritte mir wildfremd war. Die ersten Beiden hießen Bunce und Mowatt; sie waren Pächter auf meinem Besitzthum und, wie ich seitdem in Erfahrung brachte, eifrige Antirenters. Der Fremde gehörte unter die Klasse der wandernden Demagogen, er hatte das letzte Meeting angezettelt und die beiden Pächter zu seinen Werkzeugen gemacht. Alle drei kamen jetzt mit der Miene großer Wichtigkeit auf das Drehkreuz zu – ja, ihre gravitätische Haltung hätte nicht größer sein können, selbst wenn sie vom chinesischen Kaiser mit einer außerordentlichen Sendung betraut gewesen wären.

»Mr. Littlepage,« begann Mr. Brunce mit einer ganz besonders wichtig thuenden Physiognomie. »Das Volk hat diesen Morgen ein Meeting abgehalten und darin diese Resolutionen erlassen. Wir sind das Comité, welchem der Auftrag zu Theil wurde, Euch eine Abschrift davon einzuhändigen, und erfüllen nun unsere Pflicht, indem wir Euch dieses Papier übergeben.«

»Vermuthlich doch nicht, wenn ich es für passend halte, es zurückzuweisen, Sir?« lautete meine Antwort.

»Ich sollte meinen, in einem freien Lande könne sich Niemand weigern, eine Reihe von Resolutionen entgegen zu nehmen, die ein Meeting seiner Mitbürger erlassen hat.«

»Dieß könnte doch von den Umständen und namentlich von dem Charakter der Resolutionen abhängen. Zuverlässig gibt die Freiheit des Landes Einem das Recht, zu sagen, er kümmere sich nicht um Eure Resolutionen, wenn sie auch die Befugniß ertheilt, Resolutionen zu schmieden.«

»Aber Ihr habt sie noch nicht angesehen, Sir, und ehe dieß geschehen ist, könnt Ihr nicht wissen, wie sie Euch gefallen werden.«

»Dieß ist allerdings wahr; aber ich habe nur die Ueberbringer betrachtet, bin Zeuge von ihrem Benehmen gewesen, und muß daher sagen, es gefällt mir nicht sonderlich, wenn man sich anmaßt, mir bedeuten zu wollen, daß der nächste beste Menschenhaufen mir Resolutionen zuschicken könne, gleichviel, ob ich sie anzunehmen Lust habe, oder nicht.«

Ob dieser Erklärung schien sich das Comité höchlich zu entsetzen. Der Gedanke, daß ein Einzelner Anstand nehmen könnte, sich einem Joch zu unterwerfen, das ihm von Hunderten ausgelegt wird, war für Menschen, welche die Majoritäten für Alles in Allem hielten, so neu und unbegreiflich, daß sie kaum wußten, wie sie die Sache nehmen sollten Die Vorstellung, daß die Majoritäten allmächtig seien, ist unter dem amerikanischen Volk so allgemein, so tief gewurzelt und so weit verbreitet, daß sie einen Hauptzug in dem Nationalcharakter bildet. Freilich thut sie unendlichen Schaden, wenn man irrtümlicherweise in ihr den leidenden Grundsatz der Institutionen sieht, während das Wirken der Majoritäten dem Wesen nach doch nur ein Nothbehelf ist, um gewisse Fragen zur Entscheidung zu bringen, die von irgend Jemand in einer oder der andern Weise entschieden werden müssen. Hält es sich in der geeigneten Sphäre, so steht es vollkommen im Einklang mit der Gerechtigkeit, so weit diese unter Menschen geübt werden kann; der Mißbrauch aber öffnet der untrüglichsten Tyrannei Thor und Riegel. Natürlich wechseln die Irrthümer, welche mit diesem Gegenstand in Verbindung stehen, je nach den Abstufungen der Einsicht und der Selbstsucht. Nachfolgende Anekdote wird dem Leser einen Begriff geben, welchen Eindruck das unter uns herrschende Gefühl auf einen Fremden bald nach seiner Ankunft in unserem Lande machte. Vor ein paar Jahren hatte der Verfasser der gegenwärtigen Schrift einen Irländer im Dienste, der sich erst seit einigen Jahren in Amerika befand. Zu den Obliegenheiten dieses Menschen gehörte es, sich um die Wohlfahrt gewisser Schweine zu bekümmern, von denen eines ziemlich verbuttet war. »Hat Euer Ehren kürzlich nach den Schweinen gesehen?« fragte eines Tags der ehrliche Bursche. »In letzter Zeit nicht, Pat; hat's dort eine Veränderung gegeben?» – »Ja wohl, Sir und zwar eine sehr große. Der kleine Kerl gewinnt den übrigen die Majorität ab und wird unter allen das beste Schwein geben!» D. H.. Anfangs schienen sie gute Lust zu haben, für den Schimpf Rache zu nehmen; dann aber kam die Erwägung, welche sie wahrscheinlich belehrte, daß ein solcher Schritt doch nicht sonderlich gerochen sein dürfte, und sie entschieden sich für ein philosophischeres Verhalten, weil sie damit leichter ihren Zweck zu erreichen hofften.

»Muß ich Euch so verstehen, Mr. Littlepage,« nahm der Eine wieder das Wort, »daß Ihr Euch weigert, die Resolutionen eines öffentlichen Meetings anzunehmen?«

»Ja wohl; ich kümmere mich nicht um ein halb Dutzend öffentlicher Meetings, wenn ihre Resolutionen anstößig sind und in anstößiger Weise dargeboten werden.«

»Was die Resolutionen betrifft, so könnt Ihr nichts davon wissen, da Ihr sie nicht gelesen habt; auch glaube ich, daß über das Recht einer Volksversammlung, nach Gutdünken Resolutionen zu erlassen, kein Zweifel erhoben werden kann.«

»In Betreff dieses Rechts walten sehr große Zweifel ob, wie sich dieß in unsern eigenen Gerichtshöfen während der letzten paar Jahre zur Genüge herausgestellt hat. Aber wenn es auch bestünde, und zwar auf der breiten Grundlage, die Ihr dafür anzunehmen scheint, so folgt daraus noch lange nicht die Befugniß, mir dergleichen Resolutionen anzudringen.«

»Ich soll also dem Volk mittheilen, daß Ihr Euch weigert, seine Resolutionen auch nur zu lesen, Squire Littlepage?«

»Theilt ihm mit, was Euch gutdünkt, Sir. Ich weiß von keinem Volke, als von dem Volk im legalen Sinne, das unter gewissen gesetzlichen Bestimmungen seine Macht ausübt. Was aber diese neue Anmaßung betrifft, die sich im Lande breit macht und die Unverschämtheit hat, einen von Demagogen bearbeiteten und durch Lügen berückten kleinen Menschenhaufen das Volk zu nennen, so erkläre ich, daß ich sie weder achte, noch fürchte. Ja, ich verachte sie sogar und werde sie mit Verachtung behandeln, so oft sie mir in den Weg tritt.«

»Ich soll also dem Volk von Ravensnest sagen, daß Ihr es verachtet, Sir?«

»Ich ermächtige Euch in keiner Weise, von mir aus irgend Etwas dem Volk von Ravensnest zu sagen, denn ich weiß nicht, ob Euch das Volk von Ravensnest mit einem Auftrage versehen hat. Wenn Ihr mich achtungsvoll ersucht – von einem Recht auf Eurer Seite ist keine Rede, sondern nur von einer Gefälligkeit auf der meinigen – den Inhalt des Papiers zu lesen, das Ihr in Eurer Hand habt, so werde ich mich vielleicht bereit finden lassen. Jedenfalls aber verwahre ich mich dagegen, daß ein zusammengelaufenes Häuflein sich als Volk aufthun und sich in dieser Eigenschaft das Recht anmaßen kann, seine Einfälle anderen Leuten aufzuzwingen

Die drei Comitémänner traten nun einige Schritte zurück und beriethen sich zwei oder drei Minuten lang bei Seite. Während sie noch damit beschäftigt waren, vernahm ich zu meiner Seite die holde flüsternde Stimme Mary Warrens.

»Nehmt die Resolutionen an, Mr. Littlepage,« sagte sie, »und schafft Euch die Personen in dieser Weise vom Halse. Ich kann mir zwar wohl denken, daß das Geschreibsel sehr einfältig ist; aber wenn Ihr das Papier annehmet, so werdet Ihr die Beauftragten nur um so bälder los.«

Dieß war der Rath eines Frauenzimmers, und Weiber sind, wenn ihre Besorgnisse erregt werden, stets geneigt, mit Zugeständnissen allzu freigebig zu sein; indeß blieb mir die Unannehmlichkeit, ihn zurückweisen zu müssen, durch den veränderten Ton des Kleeblatts erspart, das jetzt wieder nach dem Drehkreuz kam und augenscheinlich zu einem endlichen Beschluß gekommen war.

»Mr. Hugh Roger Littlepage, junior,« begann Bunce mit feierlicher Stimme und in einer Weise, als habe er eine höchst wichtige legale Mittheilung zu machen, bei der es an geschraubter Phraseologie nicht fehlen dürfe, »ich ersuche Euch nun in der achtungsvollsten Weise, ob Ihr einwilligen wollt, dieses Papier anzunehmen. Es enthält gewisse Resolutionen, mit großer Einmüthigkeit von dem Volk in Ravensnest erlassen, und Ihr werdet vielleicht finden, daß sie auf Euch Beziehung haben. Ich habe die Weisung erhalten, Euch achtungsvoll zu fragen, ob Ihr diese Abschrift der besagten Resolutionen annehmen wollt.«

Ich schnitt den Faden der Rede ab, indem ich das mir hingebotene Papier annahm, und es kam mir vor, als ob die drei würdigen Botschafter über dieses Benehmen von meiner Seite einigermaßen betroffen seien. Dieß gab meinem Gedankengang eine neue Richtung, und hätten sie jetzt ihre Resolutionen wieder zurück verlangt, so würde ich mich so lang geweigert haben, als meine Drehpistole noch Dienste leistete. Einen Augenblick glaubte ich, Bunce habe Lust, das Experiment zu versuchen. Für ihn und seine Genossen wäre es der größte Jubel gewesen, wenn sie hätten landauf und landab schreien können, der aristokratische Grundherr, der junge Littlepage verachte das Volk und habe sich sogar geweigert, die Resolutionen anzunehmen, welche dasselbe in seiner Majestät zu erlassen für gut hielt. So wie es übrigens jetzt stand, hatte ich die Anmaßung dieser Freiheitsschwindler zur Genüge gerügt, nebenbei aber auch alle Folgen ihrer Geschreis vermieden und zugleich die Gelegenheit gewonnen, meine Neugierde zu befriedigen, da ich, wenn ich die Resolutionen las, erfahren konnte, auf was es die Führer des Meetings abgesehen hatten. Ich sage, die Führer des Meetings, denn es ist eine unumstößliche Thatsache, daß bei allen solchen Anlässen die Versammlungen selbst bei der Bildung und Geltendmachung der ausgedrückten Ansichten eben so wenig zu thun haben, als wären sie die ganze Zeit über in Kamtschatka gewesen. Ich legte daher das Papier zusammen, steckte es in meine Tasche, verbeugte mich gegen das Comité und ging auf der anderen Seite der Zauns weiter, nachdem ich den Sendlingen zuvor die Erklärung abgegeben hatte:

»Gentlemen, wenn diese Resolutionen einer Berücksichtigung bedürfen, so soll sie ihnen unfehlbar zu Theil werden. Oeffentliche Meetings an Sonntagen sind in diesem Theil so ungewöhnlich, daß die heutige Versammlung vielleicht ein Interesse hat für den kleinen Theil des Staats, der nicht zu Ravensnest wohnt.«

Es kam mir vor, als sei das Comité ein wenig beschämt; aber der Fremde oder der reisende Demagoge, der meine letzten Worte vernommen hatte, gab, als ich in Begleitung von Patt und Mary Warren mich entfernte, die Erwiederung:

»Je besser der Tag, desto besser die That. Die Sache betrifft den Sabbath, und zu dem gegenwärtigen Schritte hätte sich keine geeignetere Zeit auffinden lassen, als eben ein Sabbath.«

Ich gestehe, daß ich vor Begierde brannte, die Resolutionen zu lesen; aber ich mochte meiner Würde nichts vergeben und zögerte daher, bis wir eine Stelle erreicht hatten, wo der Pfad durch ein Gebüsch führte. Da wir hier gegen Beobachtungen geschützt waren, zog ich das Papier heraus, und die beiden Mädchen traten mit eben so großer Neugierde, als die meinige war, heran, um mir zuzuhören.

»Ihr seht hier schon auf den ersten Blick,« rief ich, indem ich die Papiere auseinander schüttelte, »wie das ›Volk‹ oft seine Resolutionen erläßt! Dieses ganze Schreiben ist von einer wahren Schulmeisterhand und mit großer Sorgfalt copirt; hiezu hat sich nun gewiß auf der Landstraße draußen, wo das Meeting abgehalten wurde, keine Gelegenheit geboten. Wir haben da den Beweis, daß Alles bereits dem souveränen Volk gehörig vorgekaut war; denn wie andern Monarchen wird diesem von den getreuen Dienern viele Mühe erspart.«

»Ich kann mir denken,« versetzte Patt, »daß zwei oder drei im Dorf drunten Alles zustutzten und dann ihre Arbeit dem Meeting vortrugen, damit sie gebilligt und als Stimme des Volks anerkannt werde.«

»Wenn es mit dieser sogenannten Billigung von Seiten der Zuhörer nur noch ehrlich zuginge, so wäre es schon recht; aber in jedem Meeting sind zwei Drittheile bloße Teiggesichter, die ein geschickter Demagog kneten kann, wie er will. Hören wir jedoch, um was sich's bei diesen denkwürdigen Resolutionen handelt; sie gefallen uns vielleicht, wenn wir sie gelesen haben.«

»Es ist etwas ganz Außerordentliches, daß in diesem Theile der Welt an einem Sonntag ein öffentliches Meeting abgehalten wird,« rief Mary Warren.

Ich schickte mich nun an, den Inhalt des Papiers zu lesen, der, wie ich auf den ersten Blick bemerkte, sehr sorgfältig für den Druck vorbereitet und ohne Zweifel nach kurzer Frist in einigen Journalen zu lesen war. Zum Glück ist ein derartiges Manövriren gewaltig übertrieben worden. Feuer wird am wirksamsten durch Feuer bekämpft, und man hat so viele der widersprechendsten Meetings, die stets die öffentliche Stimmung ausdrücken sollen, abgehalten, daß das ganze Verfahren in Verachtung gerathen ist und das Publikum mehr und mehr den großen Vortheil verliert, den es unter einer gemäßigteren Benützung seiner Gewalt besitzen könnte – ich meine die Berechtigung, bei ernstlichen Anlässen zuweilen seine wahren Ansichten und Wünsche kund zu geben. Wie es gegenwärtig steht, so weiß jeder Verständige, daß die simulirten öffentlichen Ansichten bei weitem den meisten Lärm im Lande machen, und er achtet daher auf nichts Derartiges, mag er nun davon hören oder lesen, wenn er nicht zufälligerweise mit der Quelle bekannt ist. Eine ähnliche Bewandtniß hat es mit der Tagespresse, welche so sehr in Mißkredit gekommen ist, daß sie nicht nur nicht viel Schlimmes mehr wirken kann, sondern auch fast alle Macht verloren hat, das Gute anzustreben. Man hat so oft unsinnigen Lärm von dem Wolf gemacht, daß Niemand mehr an dessen Vorhandensein glauben kann, selbst wenn die Bestie die wildesten Verheerungen unter den Heerden der Nation anrichtet. Für einen Menschen, der eine Stellung verloren hat, gibt es nur zwei Wege, sie wieder zu gewinnen; er muß entweder mannhaft wieder umkehren, oder einen so weiten Umweg machen, daß Alle, die ein Augenmerk auf ihn haben, ihn nach jeder Richtung hin begreifen und demgemäß schätzen lernen. Letzteres ist wahrscheinlich die Bahn des Demagogismus und der Presse; beide sind schon so weit gegangen, daß eine Umkehr fast unmöglich ist; sie können daher nur einen Theil des öffentlichen Vertrauens dadurch wieder gewinnen, daß sie sich begnügen, ihren Umweg zu vervollständigen. Freilich bleiben sie dadurch hinter der Nation zurück, und sie müssen Denen folgen, die sie in ihrem ehrgeizigen Ringen zu führen versucht hatten.

»In einem Meeting der Bürger zu Ravensnest,« begann ich laut vorzulesen, »das am 22. Juni 1845 nach Begebung des unter den Formen der Landeskirche von England abgehaltenen Gottesdienstes in dem bischöflichen Meetinghaus auf offener Landstraße stattfand, wurde Onesiphorus Hayden, Esquire, zum Präsidenten, und Pulaski Todd, Esquire, zum Sekretär ernannt. Nachdem Demosthenes Hewlett und John Smith, Esquires, die Gegenstände der Verhandlung in glänzenden Reden zur Sprache gebracht und mit der ganzen Schärfe ihres Talents die Aristokratie und die Rechte des Menschen beleuchtet hatten, wurde in ungetheilter Einmüthigkeit folgende Aeußerung der öffentlichen Ansicht abgegeben:

»Resolvirt, daß eine mit Mäßigung gehaltene Kundgebung der öffentlichen Meinung den Rechten freier Männer ersprießlich und eines der köstlichsten Privilegien der Freiheit sei, wie letztere in einem freien Lande von unseren Vorfahren, die auf der Grundlage der Freiheit und Gleichheit für die freien und gleichen Institutionen geblutet haben, auf uns vererbt worden ist.

» Resolvirt, daß wir dieses Privilegium schätzen und stets ein wachsames Auge darauf haben werden, damit wir diesen Preis der Freiheit nicht verlieren.

» Resolvirt, daß alle Menschen, weil sie in den Augen des Gesetzes gleich sind, es noch viel mehr sein müssen in den Augen Gottes.

» Resolvirt, daß Meetinghäuser Plätze sind, hergestellt für die Bequemlichkeit des Volks, und daß nichts daselbst Zugang finden sollte, was dem öffentlichen Geist widerspricht oder möglicherweise gegen denselben verstoßen könnte.

» Resolvirt, daß unsrem Urtheil nach ein Sitz, welcher gut genug ist für den Einen, auch gut genug sein müsse für den Andern – daß wir in Familien und Geschlechtern keinen Unterschied anerkennen, und daß die Kirchenstühle eben so gut als die Gesetze das Princip der Gleichheit zur Grundlage haben müssen.

» Resolvirt, daß die Bedachungen derselben königliche Auszeichnungen seien und sich durchaus nicht für Republikaner ziemen, am wenigsten aber für republikanische Meetinghäuser.

» Resolvirt, daß die Religion den Institutionen eines Landes angepaßt werden sollte, und daß eine republikanische Regierungsform auch eine republikanische Religionsform verlangen dürfe; daß wir ferner in den privilegirten Sitzen eines Gotteshauses die Grundsätze der Freiheit nicht zu erkennen vermögen.«

»Diese Resolution kann als Kommentar zu dem dienen, was letzter Zeit so viel durch die Zeitungen in Umlauf gesetzt wurde,« rief Mary Warren rasch. »Man hat zur Empfehlung gewisser Sekten die Behauptung aufgestellt, daß ihr Kirchenregiment und ihre Dogmen in weit größerer Harmonie mit dem Republikanismus stünden, als gewisse andere, die unserer Kirche miteingeschlossen.«

»Man sollte glauben,« entgegnete ich, »wenn diese Gleichförmigkeit eine Empfehlung sein sollte, müßte es die Pflicht der Menschen sein, die Institutionen in Einklang mit der Kirche zu bringen, nicht aber die Kirchen nach den Institutionen zu modeln.«

»Ja, aber heutzutage pflegt man nicht in dieser Weise zu schließen. In religiösen Dingen spekulirt man eben so gut, wie in anderen, auf Vorurtheile.

» Resolvirt,« fuhr ich fort zu lesen, »daß General Cornelius Littlepage, als er in dem St. Andrews-Meetinghaus zu Ravensnest ein Dach über seinen Kirchenstuhl setzte, mehr im Einklang mit dem Geist eines vergangenen Jahrhunderts, als im Geist der gegenwärtigen Zeit gehandelt hat – daß wir daher den Fortbestand besagten Daches als eine aristokratische Anmaßung von Besserseinwollen betrachten – als eine Anmaßung, die dem Charakter der Regierungsform widerspricht, die Freiheit beleidigt und als Beispiel gefährlich wirkt.«

»Dieß ist in der That zu schlimm,« rief Patt mit innerlichem Aerger, obschon sie nicht umhin konnte, über die maßlose Albernheit der Resolutionen und alles dessen, was damit in Verbindung stand, zu lachen. Der theure, freisinnige Großpapa, der für dieselbe Freiheit, um der willen dieses Volk ein solches Geschrei erhebt, focht und blutete – ja, der in Bildung der Institutionen, welche solche Leute gar nicht einmal verstehen, sondern im Gegentheil ohne Unterlaß verletzen, mitschaffen half, wird hier beschuldigt, er habe selbst die Grundsätze, die bekanntermaßen die seinigen waren, nicht befolgt!«

»Kehre dich nicht daran, meine Liebe. Es sind nur noch drei Resolutionen übrig und wir wollen sie hören.«

» Resolvirt, daß wir einen augenfälligen Zusammenhang sehen zwischen gekrönten Häuptern, Adelspatenten, bedachten Kirchenstühlen, Personal-Auszeichnungen, Lehens-Verhältnissen, Grundherren, Tagwerken, Zinshühnern, Bürgschafts-Verkäufen, Pachtverträgen auf drei Lebensdauern und Renten.

» Resolvirt, daß wir der Ansicht sind, wenn Eigenthümer von Scheunen sie aus was immer für einem Grunde zerstört zu sehen wünschen, so sollen sie Mittel wählen, welche die Nachbarschaft weit weniger in Schrecken setzen, als das Inbrandstecken derselben, aus welchem zudem noch sich tausend Gerüchte und Beschuldigungen erheben können, die durchaus aller Wahrheit entbehren.

» Resolvirt, daß eine saubere Abschrift von diesen Resolutionen gefertigt und ein Exemplar davon einem gewissen Hugh Roger Littlepage, Bürger von Ravensnest in der County Washington, überliefert werden solle; ferner, daß Peter Bunce, Esquire, John Mowart, Esquire, und Hesekia Trott, Esquire, das Comité bilden sollen, welches für Vollziehung dieses Akts Sorge trägt.«

»Hierauf wurde das Meeting vertagt sine die. Onesiphorus Hayden, Präsident; Pulaski Todd, Secretär.«

»Hu – u – u – i!« pfiff ich. »Da ist Pulver genug für ein zweites Waterloo.«

»Was will die letzte Resolution besagen, Mr. Littlepage?« fragte Mary ängstlich. »Ich meine die, welche von Scheunen spricht.«

»Sicherlich liegt in dieser ein verborgener Sinn, der seinen Stachel hat. Wollen die Schurken am Ende gar damit andeuten, ich hätte meine Scheune in Brand stecken lassen?«

»Wenn dieß der Fall wäre, so wäre es die nämliche Geschichte, die sie mit jedem Grundherrn, welchen sie zu berauben gedachten, versucht haben,« ergriff Patt mir Eifer das Wort. »Verleumdung scheint eine natürliche Waffe derjenigen zu sein, welche ihre ganze Macht nur der Berufung an die Massen verdanken.«

»Ich finde dieß ganz natürlich, meine theure Schwester, denn unter dem Volk wirken Vorurtheile und Leidenschaften als eben so mächtige Hebel, wie Vernunft und Thatsachen. Doch um dieser Schmähung willen soll Nachfrage gehalten werden. Wenn ich herausbringe, daß diese Menschen wirklich ein Gerücht in Umlauf zu setzen wünschen, ich habe meine eigene Scheune in Brand stecken lassen – doch pah, 's ist am Ende heller Unsinn. Haben wir nicht gegenwärtigen Augenblicks den Newcome und jenen andern Schurken in Haft, weil sie versuchten, mein Haus anzuzünden?«

»Verlaßt Euch hierauf nicht allzu zuversichtlich, Mr. Littlepage,« ergriff Mary mit einer Besorgtheit das Wort, so daß ich mich nothwendig sehr dadurch geschmeichelt fühlen mußte. »Mein theurer Vater sagt mir, er habe viel von seinem Vertrauen zu der Unschuld verloren, obschon Einer über uns sei, der alle menschlichen Schwächen richten werde. Eben dieses Gerücht könnte absichtlich in Umlauf gesetzt werden, um Eure Anklage gegen die zwei Mordbrenner, die Ihr auf der That ergriffen habt, zu verdächtigen. Vergeßt nicht, wie viel in der ganzen Sache von Eurem eigenen Zeugniß abhängt.«

»Ich werde das Eurige zur Unterstützung haben, Miß Warren, und der Geschworene ist noch nicht im Leben, der Anstand nehmen würde, das zu glauben, was Ihr bezeugt. Doch wir nähern uns dem Hause. Wir wollen nicht mehr über den Gegenstand reden, damit die liebe Großmutter nicht bekümmert wird.«

Im Nest fanden wir Alles ruhig, und von den Rothhäuten war keinerlei Bericht eingelaufen. Ihnen galt der Sonntag wie jeder andere Tag, mit der einzigen Ausnahme, daß sie während ihres Aufenthalts in den Ansiedlungen aus Achtung vor unsern Gewohnheiten sich ruhig verhielten. Einige Schriftsteller sind der Meinung, die ureingeborenen Amerikaner seien Abkömmlinge von den verlorenen Stämmen Israels; mir aber scheint es, daß ein solches Volk, wenn es für sich lebte und frei blieb von fremdem Einfluß, nothwendig die Tradition vom jüdischen Sabbath hätte bewahren müssen. Dem sei übrigens, wie ihm mag – John kam uns an der Thüre, die wir unmittelbar nach meinem Onkel und der Großmutter erreicht hatten, entgegen und machte uns die Meldung, daß, so viel er wisse, in den Farmgebäuden Alles ruhig sei.

»Sie haben in der letzten Nacht genug gekriegt, Mr. Hugh; ich denke, sie sind mittlerweile dahinter gekommen, daß es besser sei, im eigenen Kochofen ein Feuer anzuzünden, als zu kommen und den Boden von eines Gentlemens Küche zum Feuerherd zu machen. Ich habe immer gehört, daß sich die Amerikaner lieber mit den Engländern, als mit den Irischers vergleichen wollten; mir aber scheint's, sie werden dem wilden Volk aus Irland, von dem wir in London so viel zu hören kriegten, mit jedem Tag ähnlicher. Euer geehrter Vater, Sir, würde es nie geglaubt haben, daß in diese seine eigene Wohnung nächtlicher Weile Leute, die sogar seine Nachbarn sind, kommen und wie ächte Newgate-Vögel Mordbrennerei versuchen könnten. Wenn ich nur daran denke, Mr. Hugh, – dieser Squire Newcome, wie er sich nennt, ist ein Attorney und hat oft hier im Nest zu Mittag gespeist. Ich selbst bot ihm wohl fünfzigmale den Suppenteller, den Fisch und den Wein, just als ob er ein Gentleman wäre, und auch seiner Schwester, der Miß Opportunity. Da kommen sie denn her, um in stockfinsterer Mitternacht das Haus anzuzünden.«

»Ihr thut Miß Opportunity Unrecht, denn sie wenigstens hat mit der Sache nichts zu schaffen gehabt.«

»Na, Sir, heutzutag kann Niemand etwas gewiß wissen. Doch was seh' ich – entweder werden meine Augen schwach, oder dort ist die junge Dame, von der wir sprechen, selbst!«

»Eine junge Dame? wo? – Ihr könnt doch wahrhaftig nicht Opportunity Newcome meinen?«

»Ja wohl, Sir, und sie ist's – daran fehlt's nicht. Wenn dieß nicht Miß Opportunity ist, so ist der Gefangene, welchen die Wilden im Keller des alten Farmhauses eingesperrt haben, auch nicht ihr Bruder.«

John hatte recht. Opportunity stand in demselben Pfad und auf der nämlichen Stelle, wo sie die Nacht vorher meinen Blicken entschwunden war. Es war da, wo der Pfad in den bewaldeten Hohlweg überging, und die Ansteigung hatte sie uns so weit verborgen, daß wir nur den Kopf und den oberen Theil ihres Leibes unterscheiden konnten. Das Mädchen hatte sich nur so weit gezeigt, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sobald ihr dieß gelungen war, ging sie wieder einige Schritte rückwärts und entzog sich dadurch unsern Blicken. Ich winkte John, er solle über das, was vorgegangen war, schweigen, sprang die Treppe hinunter und ging auf den Hohlweg zu, vollkommen überzeugt, daß ich erwartet wurde, wenn ich gleich nicht mit mir im Reinen war, ob nicht dieser Besuch weiteres Unheil bedeute.

Die Entfernung war so kurz, daß ich bald den Rand des Hohlwegs erreichte; aber als ich daselbst anlangte, war Opportunity verschwunden. In dem Dickicht konnte sie sich leicht verbergen, und es war möglich, daß sie sich nur einige Schritte von mir befand, weshalb ich weiter abwärts ging, um zu erfahren, was sie wollte. Ich muß zwar sagen, daß mir dabei ein Strahl des Argwohns durch den Kopf schoß; er verlor sich jedoch bald in der neugierigen Erwartung, was wohl das Mädchen hieher geführt haben konnte.

Ich glaube, es ist bereits auseinandergesetzt worden, daß auf diesem Theile des Rasens eine tiefe schmale Schlucht im Walde gelassen worden war, und daß man den Pferdepfad, welcher nach dem Dorf hin ging, absichtlich durch dieselbe geführt hatte. Der Waldstrich mochte etwa drei oder vier Acres im Umfang haben, folgte dem Lauf des Hohlweges bis nach den Wiesen hin und enthielt drei oder vier ländliche Sitze zur Benützung während der wärmeren Monate. Da Opportunity alle Windungen und Verschlingungen des Platzes kannte, so hatte sie sich in die Nähe eines dieser Sitze begeben, der im dichtesten Gebüsch, dabei aber dem Hauptpfad so nahe stand, daß sie mich wissen lassen konnte, wo sie war. Als mein Tritt ihr sagte, daß ich näher kam, rief sie leise meinen Namen. Ich sprang auf den Nebenweg hinüber und befand mich im Nu an ihrer Seite. Ich glaube, daß das Mädchen, nun ihre Absicht so weit gelungen war, auf den Sitz niedersank weil sie nicht mehr zu stehen vermochte.

»Oh, Mr. Hugh!« rief sie mit einem so natürlichen Ausdrucke von Bekümmerniß in ihrem Gesichte, wie man ihn an ihr sonst nicht zu sehen gewohnt war. »Sen – mein armer Bruder Sen! Was habe ich gethan! Was habe ich gethan!«

»Wollt Ihr mir offen einige Fragen beantworten, Miß Opportunity? Ich gebe Euch mein Wort darauf, daß Eure Erwiederungen nie zu Eurem oder der Eurigen Nachtheil benutzt werden sollen. Es handelt sich um eine sehr ernstliche Angelegenheit, die ohne allen Rückhalt besprochen werden sollte.«

»Euch will ich auf Alles antworten – auf jede Frage, die Ihr mir vorlegen mögt, selbst wenn ich dabei schamroth werden müßte. Aber,« fügte sie bei, indem sie ihre Hand vertraulich, um nicht zu sagen, zärtlich auf meinen Arm legte – »warum müssen wir für einander Mister Hugh und Miß Opportunity sein, nachdem wir so lange Hugh und Op gewesen sind? Nennt mich wieder Op, und ich werde die Ueberzeugung daraus gewinnen, daß die Ehre meiner Familie und die Wohlfahrt des armen Sen unter der Obhut eines treuen Freundes sind.«

»Niemand kann hiezu bereitwilliger sein, als ich, meine theure Op, und ich werde recht gerne wieder Euer Hugh. Ihr seid übrigens doch von Allem unterrichtet, was vorgegangen ist?«

»Ja – ja wohl, die furchtbare Kunde ist bis zu uns gelangt, und die Mutter ließ mir keinen Augenblick Ruhe, bis ich mich wieder hinausstahl, um mit Euch zu sprechen.«

»Wieder? – so war also Eure Mutter von dem Besuch der letzten Nacht unterrichtet?«

»Ja, ja – sie weiß Alles und hat mir dazu gerathen.«

»Eure Mutter ist eine sehr gedankenvolle und kluge Frau,« entgegnete ich, in meine Lippen beißend, »und ich muß erst hintendrein erfahren, wie tief ich ihr verpflichtet bin. Euch, Opportunity, verdanke ich die Erhaltung meines Hauses und vielleicht auch die Rettung des Lebens Aller, die meinem Herzen theuer sind.«

»Gut; dieß ist jedenfalls Etwas. Es gibt kein Leid, das nicht auch seinen Trost mit sich führte. Ihr müßt übrigens wissen, Hugh, daß ich nie glaubte oder glauben konnte, Sen selbst werde so schwach sein, um sich in Person bei einem solchen Unternehmen zu betheiligen. Es war nicht erst nöthig, Euch zu sagen, daß in diesen Antirentenzeiten Feuer und Schwert das Gesetz sind, und im Allgemeinen genommen ist Sen ein sehr kluger und vorsichtiger Mensch. Lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen, ehe ich daran gedacht hätte, meinen eigenen Bruder in eine so grausame Klemme zu bringen. Nein, nein – Ihr müßt keine so üble Meinung von mir haben, daß Ihr glauben könntet, ich sei gekommen, meinen Bruder zu verrathen.«

»Es ist genug, daß ich weiß, wie viel Mühe Ihr Euch gabt, um mich vor Gefahr zu warnen; eben deßhalb ist es mir auch unmöglich, in Euch etwas Anderes, als eine Freundin zu sehen.«

»Ach, Hugh, wie glücklich und froh waren wir Alle noch vor einigen Jahren – das heißt vor der Zeit, als die Miß Coldbrookes, Miß Marstons und Mary Warrens in die Gegend kamen. Damals freuten wir uns gegenseitig unsrer Gesellschaft, und ich hoffe, diese Zeiten werden wiederkehren. Wenn Miß Martha sich nur an ihre alten Freundinnen hielte, statt neuen nachzulaufen, so würde Ravensnest bald wieder Ravensnest sein.«

»Unmöglich könnt Ihr es tadeln wollen, daß meine Schwester ihre Freundinnen liebt. Sie ist mehrere Jahre jünger als wir, und Ihr werdet Euch erinnern, daß sie vor sechs Jahren kaum alt genug war, um unsere Gefährtin zu sein.«

Opportunity war so gnädig, ein wenig zu erröthen, denn sie hatte sich Patts blos als eines Deckmantels bedient, um ihren Angriff auf mich machen zu können, sintemal sie so gut als ich wußte, daß meine Schwester mindestens sieben Jahre jünger war, als sie selbst. Dieses Gefühl nahm sie jedoch nur für einen Augenblick in Anspruch, und im nächsten ging sie auf den eigentlichen Zweck ihres Besuchs über.

»Was soll ich meiner Mutter sagen, Hugh? – ich weiß, Ihr werdet Sen wieder loslassen!«

Ich stellte jetzt zum ersten Mal Erwägungen über die Bedenklichkeiten des Falls an und muß sagen, daß es mich schwer ankam, die Mordbrenner entwischen zu lassen.

»Die Thatsachen müssen bald durch die ganze Stadtmarkung bekannt werden,« entgegnete ich.

»Hievon habt Ihr nichts zu besorgen, denn sie sind bereits schon ziemlich bekannt. Alle Welt muß zugeben, daß zu Ravensnest Neuigkeiten im Flug sich verbreiten.«

»Ja, wenn dieß nur auch der Wahrheit gemäß geschieht. Aber nach einem solchen Vorfall kann Euer Bruder kaum mehr hier bleiben.«

»Ach Himmel, wie mögt Ihr auch so sprechen! Wenn nur das Gesetz ihn ungeschoren läßt, wer wird sich dann wegen dieser Sache weiter um ihn kümmern? Ihr habt nicht lange genug in der Heimath gelebt, sonst würdet Ihr wissen, daß in diesen Antirentenzeiten die Leute sich aus dem Anzünden eines Hauses nicht halb so viel machen, als über einen Gutseingriff unter dem altmodischen Gesetz. Die Antirenterei ändert den ganzen Geist.«

Wie vollkommen richtig war dieß! Und wir haben junge Menschen unter uns, die ihr Leben vom zehnten bis zum achtzehnten und zwanzigsten Jahr in einem Zustand der Gesellschaft verbrachten, welcher fast hoffnungslos dem verderblichen Einfluß der schlimmsten Verlockungen preisgegeben ist. Es darf Niemand Wunder nehmen, daß man Mordbrennerei für ein verzeihliches Vergehen zu betrachten anfängt, wenn das sittliche Gefühl einer Gemeinschaft so ganz aus den Augen gerissen ist und die Knaben unter Ansichten, die aller Gerechtigkeit und Sicherheit Hohn sprechen, zum Mannesalter heranreifen.

»Das Gesetz ist übrigens nicht ganz so gefügig, wie das ›Volk‹. Es wird kaum gestatten, daß Mordbrenner ungestraft davon kommen, und es dürfte deßhalb nöthig sein, daß Euer Bruder aus dem Lande fliehe.«

»Was liegt daran? Viele gehen fort und bleiben eine Zeit lang aus. Dieß ist immerhin besser, als nach dem Norden zu wandern und in dem neuen Gefängniß zu arbeiten. Ich fürchte durchaus nicht, daß Sen mit dem Strick bestraft werden könnte, denn gegenwärtig ist in diesem Lande keine Zeit zum Hängen; immerhin wäre es doch ein wenig schimpflich für die Familie, wenn eines ihrer Mitglieder im Staatsgefängniß säße; daß obendrein die Strafe nicht von langer Dauer sein könnte, dieß seht Ihr so gut ein, wie ich. Wegen lauter Antirenterei sind schon Menschen ermordet worden; will man aber die Thäter zur Strafe ziehen, – du mein Himmel, dann erheben Senatoren und Assemblymänner ein solches Geschrei, daß man, wenn's noch lange so fortgeht, eine weit größere Ehre darein setzen wird, wegen Erschießen eines Friedensbeamten in's Gefängniß zu kommen, als wegen Unterlassung einer solchen That außen zu bleiben. Mit dem Gerede ist Alles abgethan, und wenn das Volk Lust hat, etwas ehrenhaft zu machen, so braucht es nur oft genug davon zu sprechen, und der Zweck ist erreicht.«

Dieß waren die Ansichten von Miß Opportunity Newcome über die neumodische Moral – und kann man sagen, daß sie sehr Unrecht hatte? Ich lächelte über die Art, wie sie den Gegenstand behandelte, obgleich in ihrer Denkweise ein hausbackener praktischer Menschenverstand lag, der vielleicht nachdrücklicher wirkte, als dieß bei Zugrundlegung eines gebildeteren und schärfer unterscheidenden Kodexes der Fall gewesen wäre. Sie sah die Dinge in dem Gesichtspunkte, wie sie waren, und eine solche Auffassung hat stets etwas für sich.

Was mich betraf, so hätte ich in dieser unglücklichen Brandstiftungs-Geschichte wohl gerne auf Opportunity Rücksicht genommen, weil sich das Mädchen stets hätte schwere Vorwürfe machen müssen, wenn sie sich in einem Lichte erschien, als habe sie zu dem Verderben ihres Bruders einen so wesentlichen Beitrag geleistet. Allerdings steht ein Schelm heutzutage nicht in sonderlicher Gefahr gehangen zu werden, und Seneka war nicht genug Gentleman, obschon er viel auf diesen Titel hielt, als daß er für seinen Hals hätte fürchten müssen. Wäre ein Grundbesitzer darüber ertappt worden, wie er auf dem Küchenboden eines seiner Pächter Feuer anzündete, so hätte sicherlich der Staat zu dessen Hinrichtung nicht Hanf genug erzeugen können; wenn man aber einen Pächter über der That erwischte, so war dieß etwas ganz Anderes. Ich konnte nicht umhin, mich selbst zu fragen, wie viele von den »ehrenwerthen Gentlemen« zu Albany sich für mich verwendet haben würden, wenn ich der Uebelthäter gewesen wäre; denn dieß ist einmal die rechte Art, an den »Geist der Institutionen«, oder vielmehr, wie ich ebensogut das Recht zu behaupten habe, an »ihren Geist« zu kommen, weil sich's doch einmal um Unerträglichkeit der Pacht-Verhältnisse mit demselben handelt; denn die Gesetze und Institutionen an sich haben mit ihm nichts zu schaffen, sondern stehen ihm gerade so schroff entgegen.

Die Resultate meiner Zusammenkunft mit Opportunity bestanden darin, daß ich erstlich mein Herz just da erhielt, wo es anfänglich gewesen war, wenn schon ich nicht ganz überzeugt bin, ob ich es mit Recht mein Eigenthum nennen konnte; zweitens – daß mich die junge Dame sehr beruhigt in Betreff der Ehre der Newcomes verließ, obschon ich Sorge dafür trug, mich nicht dadurch in ihre Macht zu geben, daß ich ihr eine Bemäntelung des Verbrechens zusagte; drittens – daß ich die Schwester einlud, heute Abend offen nach dem Nest zu kommen, weil sie auf diese Weise am leichtesten ihren Zweck – wohlgemerkt in Betreff Seneka's, nicht aber in Betreff meiner – erreichen könne; und schließlich – daß wir als so gute Freunde schieden, wie wir es nur je gewesen waren, indem jedes von uns Beiden gegenseitig die früheren Absichten festhielt. Worin diese bestanden? die Bescheidenheit legt mir hier Stillschweigen auf.


 

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