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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

»Du sagst, entschwunden seien alle
Von jenem tapfern, edlen Stamm,
Die Kähne auch, die sonst so spielend
Sich wiegten auf der Wellen Kamm.
Im Urwald, den er sonst duchstreifte,
Ist's mit des Jägers Ruf vorbei;
Doch lebt sein Name auf den Wassern –
Dort bleibt er ewig jung und neu!«

Mrs. Sigourney.

 

Nachdem ich Vielzunge die Weisung ertheilt hatte, die Brandstifter zu binden, sprang ich in die Küche, um die Flammen zu löschen. Es war hohe Zeit, obschon mir auch hierin Mary Warren bereits zuvorgekommen war. Sie hatte mehrere Eimer voll Wasser auf das Feuer, das schon durch die Stühle zu prasseln begann, ausgeleert und so der Flamme wesentlichen Eintrag gethan. Ich wußte, daß sich in der Küche eine Wässerungs-Maschine befand, die einen reichlichen Vorrath Wasser lieferte. So füllte ich denn mehrere Eimer, goß deren Inhalt auf die Lohe aus, und in einer halben Minute war das ganze Gelaß mit dickem Rauch erfüllt. Dem grellen Lichte folgte eine tiefe Dunkelheit, so daß wir zu Lampen und Lichtern unsre Zuflucht nehmen mußten.

Der durch die vorbeschriebene Scene veranlaßte Lärm brachte bald alle Insassen des Hauses an Ort und Stelle. Die männlichen und weiblichen Dienstboten kamen die Treppe herunter, unter welcher das Feuer angezündet worden war, und im Nu sah man in allen Richtungen des Hauses Lichter sich bewegen.

»Der Tausend, Mr. Hugh,« rief John, nachdem er den Zustand der Küche beaugenscheinigt hatte, »da sieht's ja schlimmer aus, als in Irland, Sir! Die Amerikaner wollen sich stets über die armen Irischers lustig machen und nennen die Heimath derselben ein wildes Land, das ganz unpassend sei, bewohnt zu werden; aber dort sieht's lange nicht so schlimm aus, als es hier zu werden anfängt. Noch ein paar Minuten, und die Treppe hätte gebrannt; stand aber diese einmal im Feuer, so hätte Niemand von uns Dachstübchen-Bewohnern dem Tod entrinnen können. Man soll mir jetzt nur wieder über Irland raisonniren!«

Der arme John! Seine Vorurtheile waren die eines Engländers von seiner Klasse, und dieß will Alles heißen, was man einem Vorurtheil nur nachrühmen kann. Aber dennoch – wieviel Wahrheit lag in seiner Bemerkung! Die Ruhe, mit welcher wir uns in Betreff der Moral, der Ordnung, der Gerechtigkeit und der Tugend über alle anderen Nationen erheben, enthält wahrlich eine gewichtige Lehre, sobald man einmal die Dinge betrachtet, wie sie wirklich sind. Es liegt nicht in meiner Absicht, die Mängel meines Vaterlandes über Gebühr zu vergrößern; aber zuverlässig bin ich nicht so gewissenlos, sie zu verheimlichen, wo ein derartiger Fehlgriff die gefährlichsten Folgen nach sich ziehen könnte. Im Ganzen gibt es allerdings bei uns in Amerika weit weniger Unruhen, Tumulte und Erschütterungen, als vielleicht, sofern Zahlen dabei in Frage kommen, unter den meisten anderen christlichen Nationen, selbst die Zeit mit eingerechnet, seit welcher der große Versuch begonnen hat; aber den Grund davon müssen wir in unsern Zuständen suchen, da diese unabhängig von dem Nationalcharakter dastehen. Unsre Institutionen haben den Massen nichts gelassen, nach dem sie ringen könnten, und der Hunger ist unter uns unbekannt. Doch was bietet uns die andere Seite des Gemäldes? Kann mir irgend Jemand ein Land in Europa namhaft machen, in welchem eine große politische Bewegung von einem so keckstirnig schurkischen Grundsatz ausgegangen wäre, als der ist, welcher die Uebertragung des Eigenthums von einer Bevölkerungs-Klasse auf die andere fordert? Daß ein solcher Plan unter uns verfolgt wird, ist über allen billigen Widerspruch erhaben, und ebensowenig läßt sich in Abrede ziehen, daß dieses Treiben auch die Gesetzgebung mißbraucht hat und die Regierung in ihren gewaltigsten Werkzeugen vergiftet. John hatte recht, wenn er sagte, wir hätten nicht nöthig, über die Aufwallungen des mißhandelten und mit Füßen getretenen Irlands die Nasen zu rümpfen, so lange in unserem eigenen Banne solche Vergehungen gegen die einfachsten Gebote des Rechts vorfielen.

Das Feuer war gelöscht und das Haus in Sicherheit. In der Küche hatte sich der Rauch bald verloren, und an seiner Stelle sah man eine wahre Wolke von Rothhäuten. Prairiefeuer, Adlersflug und Kieselstein – Alle waren zugegen, um mit finsteren, aufmerksamen Blicken die Wirkungen des Feuers zu untersuchen. Ich sah mich nach Mary Warren um; allein das sanfte, sittige Mädchen hatte, nachdem sie eine Geistesgegenwart und Entschlossenheit kundgegeben, die einem jungen Manne von ihrem Alter Ehre gemacht haben würden, mit dem Zartgefühl ihres Geschlechts sich zurückgezogen und die übrigen Frauenzimmer aufgesucht. Ihr Dienst, der uns so wesentlichen Nutzen brachte, war beendigt, und sie wünschte jetzt nur. daß ihre Theilnahme an dem ganzen Vorgange der Vergessenheit übergeben werden möchte. Dieß erfuhr ich freilich erst am andern Tage.

Vielzunge hatte sich der Brandstifter versichert, die sich jetzt mit auf den Rücken gebundenen Händen und Armen gleichfalls in der Küche befanden. Da ihre Gesichter noch immer geschwärzt waren, so vermochte ich keinen von Beiden zu erkennen. Der Kerl, den ich mit dem Büchsenschaft zu Boden geschlagen, war noch immer ganz verwirrt, und ich befahl den Domestiken, ihn zu waschen – einmal, weil ich hoffte, daß er hiedurch mehr zur Besinnung komme, und dann, weil ich zu sehen wünschte, wer er war.

Dieß war bald geschehen und damit mein doppelter Zweck erreicht. Die Köchin bediente sich eines Tellertuches mit solcher Gewandtheit, daß schon nach der ersten Anwendung der Mohr zu einem Weißen umgewandelt war; bald sah er so säuberlich aus, wie ein Kind, das die Wärterin, ehe es in die Schule geht, herausgeputzt hat. Nach Beseitigung der Verkappung zeigte sich das beschämte und erschreckte Gesicht Josua Brighams, des gemieteten Knechts meines Farmers Miller – oder vielmehr meines eigenen Taglöhners, da in Wirklichkeit seine Belohnung aus meiner Kasse floß.

Ja, dieß war eine von den Wirkungen der gefährlichen Ansichten, die sich in dem Lande so weit verbreitet hatten – Alles unter dem Einflusse jenes schweren moralischen Wahnsinns, der mit einer Gefahr unter uns wüthet, weit größer, verderblicher und gefährlicher, als diejenige ist, welche im Gefolge der Cholera auftritt. Ein Kerl, der fast mit meiner Familie unter Einem Dache wohnte, hatte sich nicht nur mit Andern verschworen, mich in großartigem Maaßstabe meines Eigenthums zu berauben, sondern sogar seinen Anschlag so weit getrieben, daß er zur Brandfackel und zur Büchse griff, um mittelst derartiger Werkzeuge seine tugendhaften Entwürfe zur Vollendung zu bringen, Und noch obendrein war dieß nicht das Resultat eines gemeinen Diebs-Sinns, sondern nur die Folge eines weitverbreiteten Systems, welches unter den Politikern des Landes schnell in Fleisch und Blut übergegangen ist, und das von Menschen, welche sich auf das Gewicht der Majoritäten verlassen, keckstirnig sogar in den Hallen der Gesetzgebung vertheidigt wird Damit der Leser, welcher mit den Vorgängen in New-York weniger bekannt ist, nicht glauben möge, daß der Verfasser übertreibe, soll hier nur eines einzigen Auskunftsmittels Erwähnung geschehen. zu dem die Antirenters in die Gesetzgebung gegriffen haben, um ihre Zwecke zu erreichen. Männiglich weiß, daß die Constitution der Vereinigten Staaten den einzelnen Staaten nicht gestattet, Gesetze zu erlassen, durch welche die Verbindlichkeit von Contrakten geschwächt wird. Ohne diese Vorsorge der Föderal-Constitution wäre es wahrscheinlich der Macht der Zahlen längst gelungen, unter einem hellen Geschrei von Ehre und Freiheit das Eigenthum der Wenigen unter selbstgestellten Bedingungen an den großen Haufen zu bringen! Dieses Gesetz übrigens hat stets als unüberwindliches Hinderniß dagestanden, bis gegen die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hin die Welt mit folgendem denkwürdigen Entwurf beglückt wurde, durch welchen denen, »die eben Farmen haben wollen und haben müssen«, zu Erreichung ihres Zwecks aller Vorschub geleistet wird. Der Staat ist ermächtigt, das Gesetz über den Heimfall statuarisch zu regeln. Es ist daher in der Gesetzgebung von New-York der feierliche Antrag gestellt worden, besagtes Heimfalls-Statut solle dahin abgeändert werden, daß die Pächter, wenn ein Grundherr, der auf seinen Gütern gewisse Pachtverhältnisse aufrecht hält, mit Tod abgeht oder ein Heimfall kassirt ist – gesetzmäßig sich an den Kanzler wenden könne, damit sein Pachtgut in ein hypothekarisches umgewandelt und ihm zu eigen zugeschrieben werde, sobald er die Schuld bezahlt hat. Mit andern Worten: A. verleiht eine Farm für immer an B., behält sich aber eine Grundrente unter der Clausel des Wiedereintritts u.s.w. vor. B. wünscht nun das Gut eigen zu besitzen, ist aber nicht geneigt, den von A. gestellten Preis zu zahlen. Die Vereinigten Staaten erklären, der Contrakt dürfe nicht geschmälert werden; man kann sich also über den Charakter der Gesetzgebung von New-York ein Urtheil bilden, wenn man das vorerwähnte Abhilfsmittel in's Auge faßt, welches das Gesetz der Föderal-Constitution umgeben soll. Seit der Zeit, in welcher Obiges geschrieben worden, ist das erwähnte Gesetz wirklich bei der Assembly durchgegangen, obschon es bei dem Senate noch nicht angenommen wurde. Die Verfügung faßt alles vermiethete Grundeigenthum in sich, dessen Verträge auf mehr als einundzwanzig Jahre oder auf Lebensdauer lauten. D. H..

Ich gestehe, daß die Ausschaalung des Josua Brigham mich in Betreff seines Spießgesellen ein wenig neugierig machte. Hester, die Köchin, erhielt die Weisung, auch das andere Kindlein zu säubern, und die gute Person schickte sich wohlgemuth an, das Werk zu erfüllen. Aber man denke sich unser Erstaunen, als schon der erste Strich mit dem nassen Lappen uns das Gesicht des abermals gefangenen Seneka Newcome enthüllte! Man wird sich erinnern, daß wir diese beiden Ehrenmänner zum letzten Mal gesehen hatten, als sie sich auf der Landstraße herumbalgten.

Diese Entdeckung erschütterte mich in hohem Grade. Allerdings hatte es in dem Geschlecht der Newcome's von dem Großvater an, der es in Ravensnest gründete, bis auf Opportunity herab nie ein Glied gegeben, das unter uns geschätzt und geachtet worden wäre. Arglist, Tücke, Betrug und Uebervortheilung waren von dem Tage an, an welchem Jason den Mühlplatz miethete, bis auf die gegenwärtige Stunde herunter stets ein Familienzug gewesen. Gleichwohl lebten sie in unserer Nähe, und die Gewohnheit hatte eine gewisse Theilnahme für sie erzeugt. Außerdem besaß die Familie eine Art Anspruch, welcher sie weit öfters, als die meisten übrigen Pächter mit uns in Berührung brachte. Der Großvater hatte einige Erziehung genossen, die sich gewissermaßen bis auf den unglücklichen Elenden fortgesetzt hatte, der nun als Gefangener, flagrante delictu in einem todeswürdigen Verbrechen ergriffen, vor uns stand. Seneka war zwar nie ein Mann von Bildung gewesen, wie dieser Ausdruck von wirklich gebildeten Leuten genommen wird, aber er gehörte einem Beruf an, welcher den Menschen wesentlich über die Stufe der Gemeinheit erheben sollte. Auch Opportunity hatte ihre quasi-Erziehung erhalten, und zwar eine weit anspruchsvollere Erziehung, als die meiner eigenen Schwester war; allein der Unterricht, den sie genossen, konnte nichts weniger als gut genannt werden, denn sie hatte nicht einmal lesen gelernt, sofern sie diese Kunst mit einer provinziellen Aussprache übte, die bisweilen den Ohren weh that. Indeß besaß sie doch Gefühl und konnte keine Ahnung von den Absichten ihres Bruders gehabt haben, als sie mir jene wichtige Mittheilung machte. Außerdem war sie in Folge ihres beschränkteren Umgangs zartfühlender als Seneka, und dieses unerwartete Ergebniß ihrer eigenen Handlungsweise konnte sie wohl zur Verzweiflung treiben.

Ich dachte noch immer über diese Dinge nach, als mich meine Großmutter zu sich rufen ließ. Sie befand sich in ihrem Ankleidezimmer und war von den vier Mädchen umgeben, auf deren lieblichen Gesichtern sich ein interessantes Gemisch von Schrecken und Neugierde ausdrückte. Mary allein war in ihrer regelmäßigen Toilette, während die Andern mit instinktartiger Koketterie sich in einer Weise eingehüllt hatten, daß sie sich schöner als je ausnahmen. Was meine liebe Großmutter betraf, so hatte sie zwar schon erfahren, daß für das Haus nichts mehr zu besorgen stand; indeß fühlte sie doch ein unbestimmtes Verlangen, mich zu sehen, und es konnte dieß unter obwaltenden Umständen auch nicht auffallen.

»Der Zustand des Landes ist schrecklich,« sagte sie, nachdem ich einige ihrer Fragen beantwortet und ihr zugleich mitgetheilt hatte, wer die Gefangenen waren. »Wir können kaum mehr mit Sicherheit hier bleiben. Schon der Gedanke, daß einer der Newcome's – daß namentlich Seneka bei seiner öffentlichen Stellung und einer Erziehung sich bei einem solchen Verbrechen betheiligen konnte.«

»Ei, Großmutter,« fiel ihr Patt ein wenig schelmisch ins Wort, »ich habe Euch noch nie den Newcome's viel Gutes nachrühmen hören, und Opportunity duldetet Ihr ja blos in der Hoffnung, daß sich an ihr etwas besser machen lasse.«

»Du hast recht; es ist ein schlimmes Geschlecht, und die Umstände zeigen jetzt, wie nachtheilig irrige Begriffe, die sich durch Generationen vom Vater auf die Kinder forterbten, in einer Familie werden können. Hugh, übermorgen dürfen uns diese lieben Mädchen keine Stunde mehr hier bleiben. Morgen – oder vielmehr heute, denn wie ich sehe, ist es schon zwei Uhr vorbei – heute ist's Sonntag, und wir können die Kirche besuchen. Die Nacht wollen wir auf der Hut sein, und am Montag Morgen muß dein Onkel mit allen drei Mädchen nach Satanstoe aufbrechen.«

»Ich weiche nicht von meiner lieben Großmutter,« entgegnete Patt, »und eben so wenig wäre es freundlich von uns, Mary Warren an einem solchen Platze zurückzulassen.«

»Ich muß jedenfalls bei meinem Vater bleiben,« versetzte Mary mit ruhiger Festigkeit. »Seine Pflicht fordert es, daß er bei seinen Pfarrkindern aushalte, und jetzt sogar mehr, als zu jeder anderen Zeit, da so viele von ihnen irre geleitet sind. Was aber mich betrifft, so verlangt es Pflicht sowohl als Liebe, bei ihm zu bleiben.«

War dieß Comödienspiel und Heuchelei, oder war es ächte Natur, reine kindliche Liebe und Anhänglichkeit? Ohne alle Frage das Letztere; und hätte nicht schon der einfache Ton, der Ernst und die fast erschrockene Hast, womit das theure Mädchen sprach, Zeugniß dafür abgelegt, so brauchte man nur ihr heiteres, argloses Auge anzusehen, um sich aller Zweifel zu überheben. Meine Großmutter lächelte der lieblichen Sprecherin in ihrer freundlichsten Weise zu, ergriff ihre Hand und sagte mit Innigkeit:

»Mary und ich, wir Beide bleiben bei einander. Ihr Vater schwebt in keiner Gefahr, denn sogar die Antirenter müssen einen Diener des Evangeliums achten und können zu der Einsicht gebracht werden, daß es seine Pflicht ist, ihre Sünden zu rügen. Was jedoch die übrigen Mädchen betrifft, so ist es eine ernste Obliegenheit für uns, wenigstens den Mündeln deines Onkels nicht zu gestatten, daß sie sich fernerhin Gefahren aussetzen, wie die waren, welche wir in letzter Nacht erleben mußten.«

Die beiden jungen Damen thaten jedoch in der zierlichsten Weise vor der Welt ihren Entschluß kund, daß sie die »Großmama«, wie sie die Mutter ihres Vormunds nannten, nicht verlassen würden, und während noch davon die Rede war, trat Onkel Ro, der eben von der Küche kam, in's Zimmer.

»Dieß ist eine saubere Geschichte!« rief der alte Junggeselle, sobald er in unserer Mitte erschienen war. »In dem Herzen der weisesten und besten Gemeinschaft, welche es je auf Erden gegeben, gehen Mordbrenner, Antirentismus, Tödtungsversuche und Ungeheuerlichkeiten aller Art Hand in Hand, während dabei die Gesetze in so tiefem Schlaf liegen, als ob ein solches erbauliches Treiben sogar verdienstlich sei. Dieß überbietet die Auflehnung zwanzigfach, Hugh.«

»Wohl, mein lieber Onkel, wird aber nicht den zehnten Theil so viel zu sprechen machen. Betrachtet nur die Zeitungen, die wir morgen früh frisch von Wall-Street, Pine-Street und Anne-Street erhalten werden. Wenn etwa ein unglücklicher Wicht von einem Senator den Antrag stellt, einem Infanterie-Regiment einen Extra-Corporal beizugeben, so werden die Zeitungsschmierer ob dieser beunruhigenden Kriegs-Demonstration in Gichter fallen oder von dem Sinken der Curse bei einem Staatspapier sprechen, das keinen Cent innern Werth hat, als ob der Sturz einer ganzen Nation daran hänge; dabei schlummert man ganz gemächlich über diesem Vulkan, der unter dem ganzen Gemeinwesen tobt und sich mehr und mehr kräftigt, die Nation selbst, welche die Schöpferin der Staatspapiere ist, mit Vernichtung bedrohend.«

»Die maaßlose Selbstsucht, die sich überall breit macht, ist wahrhaftig ein sehr schlimmes Symptom, und Niemand kann wissen, wohin sie noch führen wird. So viel aber ist zuverlässig, daß die Menschen Anlaß daraus nehmen, alle ihre Berechnungen auf den gegenwärtigen Augenblick zu bauen, und um eine Verdrießlichkeit, die unsere augenblicklichen Interessen bedrängt, zu beseitigen, setzen sie lieber die ganze Zukunft auf's Spiel. Doch was sollen wir mit Seneka Newcome und seinem Bundesgenossen, dem andern Mordbrenner, anfangen?«

»Ich bin Willens, dieß Eurer Umsicht zu überlassen, Onkel. Sie haben sich, wie ich vermuthe, des Verbrechens der Mordbrennerei schuldig gemacht, und müssen nun, wie jeder andere Uebelthäter, die Folgen auf sich nehmen.«

»Sie werden noch immer gut genug dabei wegkommen, Hugh. Hätte man dich in Seneka Newcome's Küche ertappt, wenn du eben im Begriffe gewesen wärest, sein Haus in Brand zu stecken, so würde ohne allen Widerspruch erbarmenlos die verdiente Strafe über dich ergehen; bei ihnen ist's aber ganz anders. Ich wette Hundert, sie werden nicht verurtheilt, – und im Falle es doch so wäre, Tausend, daß sie begnadigt werden.«

»Von Freisprechen kann keine Rede sein, Onkel. Miß Warren und ich; wir Beide sind Zeuge gewesen, wie sie das Feuer anzündeten, und in Betreff ihrer Identität fehlt es auch nicht an den nöthigen Beweisen.«

Diese unbesonnene Rede lenkte alle Blicke auf meine Helferin, und sämmtliche Damen, alt und jung, wiederholten den Namen »Mary« in der lieblichen Weise, wie das zarte Geschlecht seine Ueberraschung ausdrückt. Mary dagegen wich schüchtern und erröthend zurück; die Glut der Scham bedeckte ihr Antlitz, obschon sie sich selbst keinen Grund dafür angeben konnte, wenn dieser nicht etwa in dem geheimen Bewußtsein lag, daß sie wirklich auf eine seltsame Weise mit mir in Verbindung gekommen war.

»Miß Warren ist allerdings noch in dem Anzug des gestrigen Abends,« sagte meine Großmutter mit einigem Ernst, »und kann heute Nacht nicht zu Bette gewesen sein. Wie kommt dieß, meine Liebe?«

So aufgefordert zögerte Mary Warren, die sich eines reinen Sinnes bewußt war, keinen Augenblick mehr, den Hergang zu berichten. Jeder Vorfall, den sie in Erfahrung gebracht hatte, wurde einfach und mit Klarheit vorgetragen, obschon sie aus Rücksicht gegen Opportunity den Namen unseres nächtlichen Gastes verschwieg. Alle Anwesenden waren zu zartfühlend, um sie nach diesem zu fragen, sondern hörten blos der Erzählung mit gespannter und beifälliger Theilnahme zu. Sobald Mary zu Ende gekommen war, gab ihr meine Großmutter einen Kuß, und Patt, das edle Wesen, umschlang ihren Leib mit der liebevollen Innigkeit einer theilnehmenden Schwester.

»Es scheint also, daß wir unsere Sicherheit hauptsächlich Mary verdanken!« rief meine gute Großmutter; »denn ohne ihre Sorgfalt und ihre Wachsamkeit hätte Hugh wahrscheinlich auf dem Rasen draußen gepaßt, bis es zu spät gewesen wäre, das Haus oder uns zu retten.«

»Dieß ist noch nicht Alles,« fügte Onkel Ro bei. »Jede andere Person hätte ›Feuer‹ gerufen oder sonst einen unverständigen Lärm gemacht; aber aus Mary Warrens treuem und klarem Bericht geht hervor, daß ohne die ruhige, besonnene Weise, in welcher sie ihre Rolle spielte, nicht die Hälfte von dem Geschehenen hätte erwirkt werden können, so daß das Haus am Ende doch verloren gewesen wäre. Ja, hätten diese Elenden Hugh überrascht, statt daß er sie überraschte, so befänden wir uns jetzt vielleicht in der Lage, seinen Verlust zu beklagen.«

Ich bemerkte, wie Patt und Mary, die sich noch immer umarmt hielten, zusammenschauderten; namentlich war letztere in einer Weise ergriffen, daß ich das Wort nahm, um sie zu beruhigen.

»Ich sehe nicht ein, wie diese Mordbrenner auch nur entfernt eine Aussicht hätten, zu entkommen,« bemerkte ich gegen meinen Onkel. »Sollte das Zeugniß, das gegen sie aufgebracht werden kann, nicht zureichen? Ich bin in der That erstaunt, wie Ihr über das Ergebniß des gerichtlichen Verfahrens nur einen Zweifel erheben könnt.«

»Du fühlst und schließst, wie ein sehr junger Mensch, Hugh, – wie ein Mensch, welcher meint, die Verhältnisse stehen dem, was sie sein sollten, viel näher, als dieß aus den Thatsachen hervorgeht. Heutzutage ist die Gerechtigkeit blind – nicht aus Unpartheilichkeit, sondern aus dem einfachen Grunde, weil sie allzu oft nur die eine Seite einer Frage berücksichtigt. Wie sie entkommen werden? Vielleicht sind die Geschworenen der Ansicht, das Anzünden eines Holzstoßes und einiger Stühle sei nicht als Anzünden eines Hauses zu betrachten, mag auch der Animus so nahe liegen, daß sie mit den Nasen darauf stoßen müssen. Denk' an mich, Hugh Littlepage, ehe noch ein Monat um ist, werden eben die Ereignisse dieser Nacht zu Gründen verzerrt sein, die dem Antirentismus Vorschub leisten müssen.«

Ein gemeinsamer Ausruf, welchem sich sogar meine Großmutter anschloß, gab zu erkennen, daß alle Anwesenden anderer Meinung waren.

»Schon gut, meine Damen,« entgegnete Onkel Ro gelassen – »schon gut, Master Hugh; aber warten wir nur erst den Ausgang ab. Ich habe bereits von anderen Mißbräuchen der Antirenters gehört, die als Gründe namhaft gemacht wurden, warum die Gesetze geändert werden sollten – damit nämlich die Menschen nicht über ihre Kräfte versucht würden; und warum sollte nicht dieselbe Schlußfolge auf dieses Verbrechen in Anwendung kommen können, wenn man sie doch schon in Fällen von Mord benützte? ›Das Grund-Pachtverhältniß drängt die Leute zum Mord‹, heißt es, ›und deßhalb muß es aufgehoben werden‹. ›Das Grund-Pachtverhältniß veranlaßt die Leute zu Mordbrennerei‹, wird man dann sagen, ›und wer wollte wohl Gesetze beibehalten, die solche Verbrechen herbeiführen?‹«

»Nach demselben Grundsatz könnte man behaupten, es solle kein bewegliches Eigenthum geben, weil durch dasselbe die Menschen über Gebühr versucht und zum Diebstahl verleitet werden.«

»So weit würde es auch ohne Zweifel kommen, wenn dadurch politisches Uebergewicht zu erlangen wäre. Nein, es gibt keinen Trugschluß, kein moralisches Sophisma, das zu Erreichung eines solchen Ziels nicht wünschenswerth wäre. Doch es ist spät, und wir sollten daran denken, die Gefangenen für heute Nacht sicher unterzubringen. Was bedeutet diese Helle? Das Haus ist am Ende doch in Brand gerathen!«

In dem Ankleidezimmer meiner Großmutter waren die Läden geschlossen und die Vorhänge niedergelassen; aber gleichwohl drang ein ungewöhnliches Licht zu uns herein und erfüllte uns mit plötzlichem Schrecken. Ich öffnete die Thüre und fand alle Gänge beleuchtet; doch trug Alles im Innern den Charakter der Ruhe und der Sicherheit. Dagegen ließ sich vom Hof her ein Geschrei vernehmen, und urplötzlich scholl der furchtbare Kriegsruf der Wilden durch die Luft. Wie es mich däuchte, kam das Getöse von Außen, weßhalb ich nach der kleinen Thüre hinstürzte, und als ich auf den Rasen hinaustrat, löste sich mir augenblicklich das Geheimniß. Eine große Heuscheune, welche mit dem Ertrag der Ernte des Jahrs gut angefüllt war, stand in Feuer, und die gespaltenen wehenden Flammenzungen leckten wenigstens hundert Fuß hoch in die Luft. Dieß war nur ein neuer Beweis gegen das Grundpachtsystem und sollte den ›Geist der Institutionen‹ den menschlichen Sinnen ein wenig lebhaft nahe rücken. Ueber's Jahr figurirt er vielleicht in der Botschaft eines Gouverneurs oder in den philanthropischen Leistungen irgend eines Albany-Redners, wenn anders dann noch derselbe »Geist« in den »Institutionen« herrscht, wie heutzutage. Ist ein Kontrakt zu dulden, der freie Männer verleitet, Scheunen in Brand zu stecken?

Die brennende Scheune stand in der Ebene unter der Klippe und etwa tausend Schritte von dem Rest entfernt. Die Lohe flackerte weit auf und verbreitete natürlich ein helles Licht. Der Verlust für mich überstieg vielleicht einige hundert Dollars nicht, und obschon dieser Beweis zu Gunsten des Antirentismus nicht sehr angenehm war, traf er mich doch nicht so empfindlich, als wohl der Fall gewesen wäre, wenn er in derselben Weise an andern Gebäuden versucht worden wäre. Mit andern Worten, der Schaden machte mich nicht in so hohem Grade bestürzt, daß mir nicht noch einiger Sinn für die Schönheit der Scene übrig geblieben wäre, namentlich, da mir Onkel Ro zuflüsterte, Dunning habe alle meine Baulichkeiten in der auf Wechselseitigkeit begründeten Saratoga-Assecuranz versichern lassen – ein Umstand, welcher wahrscheinlich einen beträchtlichen Theil der Pächter in die unangenehme Lage versetzte, für ihren Spaß zahlen zu müssen.

Da es zu spät war, an eine Rettung der Scheune und ihres Inhalts zu denken, auch außerdem Miller mit seinen Leuten sich bereits an Ort und Stelle begeben hatte, um nach den Zäunen und sonstigen Gegenständen, die durch die sprühende Asche gefährdet werden konnten, zu sehen, so blieb uns nichts übrig, als unthätig zuzuschauen. Der Anblick war wenigstens in Wahrheit sehenswerth und verdient daher wohl eine kurze Schilderung.

Das Licht der brennenden Scheune verbreitete sich auf eine weite Strecke hin und war »einer schlimmen That in einer schlechten Welt« vergleichbar; denn abgesehen von der hohen Autorität Shakespeare's sind es zuletzt doch die ›schlimmen Thaten‹, welche die hellste Lohe verbreiten und in dem Prüfungszustand, in welchem wir leben, ihre Strahlen am weitesten hin entsenden.

Die merkwürdigsten Gegenstände in dieser merkwürdigen Scene waren die ächten und falschen Rothhäute – die »Indianer« und die »Inschens«, die sich auf den Wiesen hin und her bewegten. Von der Klippe aus, auf welcher wir standen, konnten wir (die Damen befanden sich an den Fenstern ihrer Zimmer) Beide deutlich unterscheiden, obschon sie sich wahrscheinlich gegenseitig nicht so gut zu beobachten im Stande waren.

Die Indianer beobachteten in ihren Bewegungen eine gute Ordnung und näherten sich dem anderen Haufen in verstohlener Weise, indem sie auf allen Vieren weiter krochen, oder sich wie Panther auf die Erde duckten, dabei sich eines jeglichen Versteckes bedienend, der sich ihnen darbot. Zwischen beiden Haufen befand sich die brennende Scheune, und dieß war der Hauptgrund, warum die »Inschens« die Gefahr, in welcher sie schwebten, nicht so bald bemerkten. Letztere waren eine Bande von etlich und vierzig oder fünfzig verkappten Bewaffneten, die schreiend und lärmend umhertanzten – der Brandstätte nahe genug, um sich des Anblicks erfreuen zu können, obschon die Stelle, wo sie sich befanden, nicht ihre notwendige Verbindung mit der Unthat nachwies. Wie wir uns denken konnten, sollte ihre Anwesenheit und ihr Treiben uns bemerklich machen, daß sie in jener Nacht bei der Beschädigung meines Eigenthums heimlich mitgewirkt hatten – eine Art Warnung für mich, was ich zu gewärtigen habe, wenn ich dem »Geist der Institutionen« ferner widerstehe. Vielzunge, dem eine gewisse unbestimmte Vorstellung von der Nothwendigkeit vorschwebte, sich auf die Windseite des Gesetzes zu halten, begleitete seine rothen Brüder nicht, sondern kam aus der Durchfahrt heraus und schloß sich mir und meinem Onkel an. Wir standen unter dem Schirm eines edlen Kastanienbaums am den Rand der Klippe und sahen dem Verlauf der Dinge auf der Wiese zu. Als ich ihn bemerkte, drückte ich meine Ueberraschung gegen ihn aus, und fragte ihn, ob Kieselherz oder Prairiefeuer seiner Anwesenheit nicht benöthigt sein dürften.

»Durchaus nicht, durchaus nicht, Obrist,« antwortete er mit der größten Kälte: »Für das Geschäft, in welchem meine guten Freunde begriffen sind, brauchen sie keinen Dolmetscher, und wenn die Begegnung einen üblen Ausgang nimmt, so ist's vielleicht am besten, wenn die beiden Partien sich nicht verstehen, da dann Alles als ein Spiel des Zufalls gedeutet werden kann. Ich hoffe, sie werden nicht besonders auf Skalpe erpicht sein; denn als ich Kieselherz verließ, bedeutete ich ihm, daß in diesem Theile der Welt die Leute es nicht gerne sähen, wenn sie skalpirt würden.«

Dieß war der einzige Trost, den uns der Dolmetscher ertheilen konnte; auch schien der Gränzmann der Ansicht zu sein, die Dinge seien jetzt gerade im rechten Gang, und jede Schwierigkeit werde bald secundum artem ihre Erledigung finden. Die Inschens gewannen übrigens der Sache einen ganz andern Gesichtspunkt ab, und hatten es nicht eben auf eine ernstliche Balgerei mit Jemand abgesehen; um so weniger aber waren sie geneigt, mit Feinden von dem berufenen Charakter der Rothhäute anzubinden. Wie ihnen die Nähe ihrer Gegner kund geworden war, kann ich nicht sagen, obschon ich es für wahrscheinlich halte, daß man sie trotz ihrer Sorgfalt in den Wiesen dahin schleichen sah, und dadurch in Schrecken gerieth. Der Schrecken war wenigstens zuverlässig Meister geworden, denn der Haufen des vorigen Tages hätte sich kaum mit größerer Eile aus dem Gehölz flüchten können, als heute die »verkappten Bewaffneten« mit einemmale unsichtbar wurden. Ueberhaupt benahmen sich diese Wichte stets, so oft sie mit bewaffneten Haufen in Berührung kamen, selbst wenn diese der Zahl nach weniger stark waren – in einer ähnlich feigen Weise. Sie zeigten sich wild und sogar viehisch genug bei verschiedenen Anlässen, in welchen sie es nur mit einzelnen Personen zu thun hatten; aber jedesmal, wenn auch noch so kleine bewaffnete Abtheilungen gegen sie ausgeschickt wurden, wichen sie scheu von hinnen und verriethen gewaltige Furcht vor einer Berufung an dieselbige Gewalt, die sie durch ihre früheren Handlungen so vermessen herausgefordert hatten. Ist es also wahr, daß diese soit disant »Inschens« nicht den gewöhnlichen Muth ihres Geschlechts besitzen, und daß sie tief unter den Amerikanern stehen, die mit den Waffen in den Händen einen so tapferen Geist entfalten? Nein, dieß ist nicht der Fall. Nur das Bewußtsein der Schuld hat sie zu Memmen gemacht; sie wissen, daß »des Königs Name eine starke Veste« ist, und fürchten sich daher vor Kämpfen, in welchen, wie die von Oben eingepflanzte innere Stimme ihnen sagt, sie eine nichtswürdige Sache verfechten, und durch unrechtfertigbare Mittel nach Erreichung eines schnöden Zweckes ringen müssen. Ihr Benehmen beweist, wie leicht es gewesen wäre, ihren Räubereien schon von Anfang an Einhalt zu thun, wenn der Staat vernünftigen Gebrauch von seiner Gewalt gemacht hätte; aber eben daraus erhellt auch, welche schwere Verantwortlichkeit auf denen lastet, die in Betreff dieser Angelegenheit ihre Pflicht vernachlässigt haben.

Sobald Kieselherz und seine Begleiter die Ueberzeugung gewonnen hatte, die »verkappten Bewaffneten« hätten wirklich Reißaus genommen, und es sei keine Aussicht vorhanden, den Morgen, wie wohl Jeder unter ihnen gehofft hatte, in einem Scharmützel zu verbringen, brachen sie in ein gellendes Geschrei aus, wie während der letzten achtzig Jahre nie ein ähnliches in diesem Thale gehört worden war. Die Zeit der Indianerkämpfe in der Gegend von Ravensnest lag außer dem Bereich der Erinnerung; denn hin und wieder ein falscher Lärm während des Revolutionskrieges kann nicht hieher gezählt werden. Wie wir von unserer Klippe aus deutlich sehen konnten, übte dieses Gezeter die Wirkung, daß die Flüchtlinge ihren Rückzug um so mehr beschleunigten; die vorsichtigen Krieger der Prairien aber waren zu behutsam, um ihre Körper bloßzustellen, und vermieden es daher, sich der lodernden Scheune allzusehr zu nähern. Augenscheinlich waren sie nicht unzufrieden darüber, daß es nichts zu thun gab, und da sie keine Parade machen wollten, wo dieß nicht durch irgend einen Dienst geboten wurde, so zogen sie sich langsam aus dem Thal zurück und fanden sich in einer Weise, die wohl ihnen selbst am besten bekannt sein mochte, wieder auf der Klippe ein.

Diese militärische Demonstration von Seiten unserer rothen Brüder blieben nicht ohne nützliche Folgen; sie zeigte den Inschens, daß man auf der Hut und bereit war, es mit ihnen aufzunehmen – eine Thatsache, welche für dieselbe Nacht jeder weiteren Störung vorbeugte, und den Insassen des Rests die Ueberzeugung gab, daß wir für den Augenblick keine Gefahr mehr zu besorgen hatten. Dieses Sicherheitsgefühl erstreckte sich nicht nur auf meinen Onkel und mich, sondern auch auf die Frauenzimmer, die, wie wir bei unserer Rückkehr nach dem Hause bemerkten, den ganzen Vorgang von den oberen Fenstern aus mit angesehen hatten. Nach einer kurzen Unterredung mit meiner Großmutter entschloß sich diese, sich wieder zur Ruhe zu begeben, und nachdem wir Vorbereitungen zur Aufstellung einer Wache getroffen hatten, waren alle Hausgenossen wieder nach ihren Schlafgemächern entlassen. Vielzunge übernahm das Amt eines Auslugers, obschon er den Gedanken für lächerlich hielt, daß im Laufe der Nacht noch eine weitere Ruhestörung vorfallen könnte.

»Was die Rothhäute betrifft,« sagte er, »so schlafen sie zu dieser Jahreszeit eben so gerne unter den Bäumen draußen, als unter einem Dach, und wenn es sich um's Wachen handelt, so gehen sie über die Katzen. Nein, nein, Obrist; überlaßt nur Alles mir, und ich will Euch so ruhig durch die Nacht bringen, als wären wir in den Prairien und lebten unter gutem, gesundem Prairiegesetz.«

»So ruhig, als wären wir in den Prairien!« so weit war's also in New-York gekommen, daß nach einem Brande ein Bürger wirklich hoffen dürfte, den Rest der Nacht so ruhig wie in den Prairien zuzubringen! Und zwanzig Stunden vor uns saß zu Albany jene träge, morsche, nutzlose Maschine, Gouvernement genannt, – so ruhig, so selbstzufrieden, so vollkommen überzeugt, die amerikanische Nation sei die größte auf der Erde, sie selbst aber die glorreiche Vertreterin derselben, als seien die aufgewühlten Counties lauter Paradiese, ehe darin Sünde und Unrecht bekannt war! Wenn sie überhaupt etwas that, so berechnete sie wahrscheinlich das Minimum, das der Pächter für das Land seines Grundherrn zahlen sollte, sobald Letzterer hinreichend abgeängstigt war, daß er sich gerne von seinem Besitzthum trennte. Vielleicht auch erläuterte sie ihre Ansichten von Freiheit dadurch, daß sie auf's Genaueste die Summe festsetzte, mit der sich ein Bürger begnügen müsse, damit die Habgier eines andern zufrieden gestellt werde!

Ich wollte eben zum erstenmal in dieser Nacht mein Lager aufsuchen, als Onkel Ro gegen mich bemerkte, es dürfte wohl passend sein, nach unseren Gefangenen zu sehen. Es war früher die Weisung ertheilt worden, den Elenden ihre Bande abzunehmen und sie in einen leeren Vorrathsraum zu sperren, welcher außer der Thüre keine zum Entkommen benutzbare Oeffnung besaß. Wir begaben uns dahin und wurden natürlich von der Schildwache ohne Widerrede eingelassen. Seneka Newcome fuhr bei meinem Eintritt zusammen, und ich gestehe, daß ich nicht wußte, wie ich ihn anreden sollte; denn ich mochte eben so wenig mir den Anschein des Triumphs geben, als ich ein Zugeständniß zu ertheilen geneigt war. Mein Onkel war übrigens, wahrscheinlich weil er seinen Mann besser kannte, nicht so bedenklich, und ging ohne Weiteres zur Sache über.

»Der schlimme Geist muß in der Gegend sehr um sich gegriffen haben, Seneka Newcome, wenn sich Männer von Euren Kenntnissen in so gefährliche Anschläge verwickeln,« sagte Onkel Ro in finsterem Tone. »Was hat mein Neffe je gethan, daß Ihr Euch verlockt saht, gleich dem Dieb in der Nacht als Mordbrenner in sein Haus zu kommen?«

»Fragt mich nichts, Mr. Littlepage,« entgegnete der Attorney mürrisch, »denn ich werde Euch nicht antworten.«

»Und dieses unglückliche verführte Geschöpf, das Euer Bundesgenosse im Verbrechen gewesen ist! Zum letztenmal sahen wir diese beiden Menschen, Hugh, als sie auf der Landstraße wie Hund und Katze an einander waren, und man sieht es an ihren Gesichtern, daß die Rauferei nach unserer Entfernung noch feindseliger geworden ist.«

»Und hier finden wir sie beisammen als Gefährten in einer Unternehmung, bei der sich's um Leben und Tod handelt!«

»So ist's immer mit Schurken. Sie treiben ihre Zwistigkeit auf's Aeußerste und sind im Nu wieder einig, wenn der Dämon der Habgier ihnen einen Gegenstand zu gemeinschaftlicher Beraubung zeigt. Du siehst denselben Geist auch in der Politik und sogar in der Religion. Menschen, die ihr halbes Leben über in Feindseligkeit gelebt, und sich wegen selbstsüchtiger Zwecke herumgestritten haben, vereinigen zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels plötzlich ihre Kräfte und arbeiten mit einander wie die erprobtesten Freunde, so lange ihnen die Aussicht vorschwebt, ihre Wünsche zu verwirklichen. Währe die Ehrlichkeit nur halb so thätig, wie die Büberei, so würden wir viel besser daran sein. Aber der ehrliche Mann hat Bedenken, achtet sich selbst, und seine Grundsätze sowohl, als seine Konsequenz zeichnen ihm die Laufbahn vor, von der er nicht bei jedem neuen Impulse abgehen kann, wie der Schurke, der heute Feind und morgen Freund ist. Ich frage Euch,« er wandte sich jetzt an Josh Brigham, der finster vor sich hinstierte – »Euch, der Ihr in Hugh Littlepage's Brod standet: was hat er gethan, daß Ihr ihm um Mitternacht in's Haus fallt, um ihn wie eine Raupe im Frühling zu verbrennen?«

»Er hat seine Farm lang genug gehabt,« brummte der Kerl; »es ist Zeit, daß auch arme Leute eine Aussicht gewinnen.«

Mein Onkel zuckte die Achseln, dann aber, als besänne er sich plötzlich eines Besseren, lüpfte er seinen Hut, verbeugte sich mit der Würde eines Gentleman, wünschte Seneka gute Nacht und entfernte sich. Unterwegs drückte er gegen mich seine Ueberzeugung aus, im gegenwärtigen Falle sei jede Vorstellung nutzlos – man müsse daher nothwendig dem Gesetz seinen Lauf lassen. Es dürfte zwar unangenehm sein, einen Newcome wirklich hängen zu sehen, aber nichts als eine derartige Operation sei im Stande, die Brut von ihren schlimmen Wegen abzuführen. Nach den Ereignissen der Nacht erschöpft, begab ich mich jetzt zu Bette und schlief bis tief in den anderen Morgen hinein. Es war Weisung ertheilt worden, im Haus Ruhe zu erhalten, und so brachte denn Jeder die versäumte Zeit ein, sich so sorgenlos seines Schlafes erfreuend, wie in den Tagen, als noch das Gesetz in der Republik Geltung hatte.


 

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