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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Des ros'gen Tages süße Freundin,
Dich führt dein ländlich Echo ein;
Im Lüftchen leis wiegt summend sich die Biene,
Und seine Klage mengt der Kukuk drein.

Campbell.

 

Den Abend verbrachte ich im Familienkreise unter meinem eigenen Dache. Obschon jetzt meine Anwesenheit auf dem Besitzthum Allen, die sich möglicherweise dafür interessirten, bekannt war, so kann ich doch nicht sagen, daß ich wegen der Antirenters und der Gefahren, die vielleicht aus dieser Entdeckung hervorgingen, sonderliche Besorgnisse hegte. Die Memmenhaftigkeit der »Inschens« in Anwesenheit der eigentlichen Indianer und ihre frühere Großthuerei, die man für wahren Muth gehalten hatte, dienten nicht dazu, den Unzufriedenen Achtung zu erwirken, sondern machten mich im Gegentheil geneigt, ihrem Verfahren weit gleichgültiger zuzusehen, als wohl sonst der Fall gewesen wäre. Ich fühlte mich glücklich im Umgang mit meiner Schwester, mit Mary und den Mündeln meines Onkels, so daß ich den Ruhestörern erst wieder einen Gedanken zuwandte, als es schon ganz dunkel war. Die Art übrigens, wie John, nachdem sich die Damen zurückgezogen hatten, Thüren und Fenster verrammelte, machte einen unbehaglichen Eindruck auf mich, und meinem Onkel erging es ebenso. Dieser anscheinend wichtige Dienst war kaum besorgt, als mein treuer maître d'hôtel – denn dieß war gewissermaßen die Stellung des Engländers – wie Robinson Crusoe bewaffnet zu uns in die Bibliothek kam, wo ich und mein Onkel seiner harrten. Er brachte Jedem von uns eine Drehpistole und eine Büchse mit gehörigem Vorrath von Munition.

»Missus« – denn so pflegte John meine Großmutter fortwährend zu nennen, obschon dieß bei englischen Bedienten, nachdem sie drei Monate im Land gewesen sind, selten mehr vorkömmt – »Missus hat Befehl ertheilt, einen großen Vorrath von Waffen einzuthun, Mr. Hugh, und wir Alle sind mit Büchsen und solchen Pistolen bewaffnet. Sie selbst hat für sich und Miß Martha Gewehre in ihrem Zimmer; da sie aber meint, ihr könnt besseren Gebrauch davon machen, als Frauenzimmer, so erhielt ich die Weisung, sie zu holen und euch anzubieten, Gentlemen. Sie sind insgesammt geladen und werden sich als gute Schutzmittel erweisen.«

»Sicherlich hat es doch doch keinen Anlaß gegeben, von derartigen Wehren Gebrauch zu machen?« rief mein Onkel.

»Man kann nie wissen, Mr. Roger, wann der Feind kömmt. Seit der Anwesenheit der Damen sind wir zwar nur dreimal beunruhigt worden, und zum Glück lief es ohne Blutvergießen ab, obschon es zwischen uns und dem Feind zum Schießen kam. Wenn ich sage, daß kein Blut vergossen wurde, so muß ich beifügen – auf unserer Seite lief es unblutig ab; denn wir konnten nicht erfahren, in welchem Grade die Antis gelitten haben, die nicht wie wir eine steinerne Mauer zum Schirme hatten.«

»Himmlische Barmherzigkeit, hievon hatte ich keine Ahnung! Hugh, das Land ist in einem schlimmeren Zustand, als ich erwartet hatte, und die Damen dürfen uns über Morgen keine Stunde mehr hier bleiben.«

Da zu den Damen, welche mein Onkel im Auge hatte, Mary Warren nicht gehörte, so faßte ich den Gegenstand nicht ganz von seinem Gesichtspunkte auf. Es wurde übrigens nicht weiter von der Sache gesprochen, und kurze Zeit nachher schulterte Jeder seine Büchse, um nach seinem Gemach zurückzukehren.

Es war Mitternacht vorbei, als ich mein Zimmer erreichte; aber ich fühlte keine Neigung zum Schlafen. Der Tag war für mich wichtig und reich an Aufregung gewesen; auch übten die heutigen Erlebnisse noch immer einen Einfluß auf mich, der mich an ein Zubettegehen nicht denken ließ. Nachdem die Thüren geschlossen waren, und keine Fußtritte sich mehr vernehmen ließen, herrschte bald durch das Haus eine tiefe Stille, und ich begab mich an ein Fenster, um in die schweigende Nachtlandschaft hinauszusehen. Der Mond war nahezu voll, und verbreitete hinreichend Licht, um die näheren Gegenstände deutlich unterscheiden zu lassen. Der Anblick bot nichts Ungewöhnliches dar, sondern hatte blos einen ländlich lieblichen Charakter. Der Fluß und die weiten Wiesen waren von dieser Seite des Hauses aus nicht zu sehen, wohl aber die Straße, welche sich auf dem Rasen hinzog, das Farmhaus, die ferne Kirche, die hübsche Rectorei (Mary's Wohnung) und eine lange Reihe von Farmen, die im Thal hin lagen und westlich gegen die Höhen hinauf liefen.

Nah und fern schien alles in die tiefe Ruhe der Nacht begraben zu sein. Selbst das Vieh in den Feldern hatte sich zum Schlafen niedergelegt, denn es folgt gerne, wie der Mensch, dem Gesetz der Natur und theilt seine Zeit nach Licht und Finsterniß ein. John hatte die Lichter in mein Ankleidezimmer gestellt und die inneren Läden geschlossen; ich aber saß an einem Fenster des Schlafgemachs auf einem Stuhl, nur von dem Monde beleuchtet, der sich seinem Untergang näherte. Ich hatte ein halbes Stündchen oder mehr über die Ereignisse des Tages Betrachtungen angestellt, als es mir vorkam, als bewege sich auf dem Pfade, der zum Dorf führte, und der von der gewöhnlichen Landstraße verschieden war, ein Gegenstand. Dieser Weg lief einige tausend Schritte durch meine eigene Farm und über meine Gründe, war auf eine beträchtliche Entfernung hin zu jeder Seite mit hohen Zäunen begränzt und führte, sobald er die freien Felder verließ, durch das Gebüsch des Rasens. Er war angelegt worden, damit mein Großvater seine Felder befahren konnte, ohne von Thoren oder Hemmstangen gestört zu werden, und lief außerdem durch den mehr erwähnten Waldausläufer, so daß man, wenn man nach dem Dorfe wollte, eine volle Viertelstunde Wegs ersparte. Dieser Pfad wurde von denen, welche beritten das Nest verließen, oder nach demselben kamen, oft benützt, aber in der Regel nur von Angehörigen der Familie. Obgleich er so alt war, als das Nest selbst, kannten Andere ihn doch nur wenig, weil man nicht der allgemeinen Liebhaberei für die Oeffentlichkeit nachgegeben und zwischen dem Nesthaus und der Stelle, wo er jenseits des Waldes ganz in der Nähe des Dorfs mit der Straße sich vereinigte, ein gesundes Wohnhäuslein angebracht hatte. Ich konnte die ganze Linie dieses Privatwegs, mit Ausnahme einiger Zwischenräume, die von Bäumen und Dickicht verborgen waren, von dem Punkte an, wo er endigte, bis zu seinem Eintritt in den Wald überblicken. Ja, es fand hier kein Irrthum statt. So spät die Stunde auch war, galopirte doch ein Reiter oder eine Reiterin unter den Zaungeländern dahin, bald deutlich unterscheidbar, bald auch wieder den Blicken verloren. Ich war des Phantoms ansichtig geworden – denn zu so ungewöhnlicher Stunde und in der trügerischen Beleuchtung brauchte sich die Einbildungskraft nicht sehr anzustrengen, um der Gestalt einen gespenstischen Charakter beizulegen, als es eben aus dem Walde auftauchte, und konnte mich über die Richtigkeit meiner Entdeckung nicht mehr täuschen. Auf dem Rasen ging es durch einen ziemlich beholzten Hohlweg, und kaum war der befremdliche Gegenstand meinen Blicken entschwunden, als ich meine Augen begierig nach der Stelle hinlenkte, wo er wieder aus seinem Versteck auftauchen mußte.

Vor dem Hohlweg führte der Pfad noch zwanzig Ruthen weit im Schatten dahin; dann bog er sich quer über den Rasen gegen die Thüre zu und lag auf einer doppelt so großen Entfernung in vollem Mondlicht da. Wo die Beschattung endigte, stand eine einzelne Eiche mit einer Ruhebank, welche während der Hitze des Sommers von den Damen fleißig besucht wurde. Mein Auge wanderte von diesem Punkte aus, welcher hell beleuchtet war, nach dem hin, wo der Hohlweg aufhörte. Hier konnte ich nun eben noch den sich bewegenden Gegenstand wahrnehmen, und ich folgte demselben auf's Aufmerksamste. Das Pferd jagte im Galop die Ansteigung herauf und ermäßigte seine Eile nicht früher, bis unter der Eiche die Zügel angehalten wurden. Jetzt bemerkte ich zu meiner großen Ueberraschung, daß eine weibliche Gestalt mit großer Behendigkeit aus dem Sattel sprang und ihr Thier im Schatten des Baumes festband. Dieß war kaum geschehen, als sie sich, augenscheinlich in großer Hast, dem Hause zu bewegte. Da ich die Familie nicht stören wollte, so verließ ich jetzt auf den Zehen und ohne Licht mein Zimmer, weil der Mond hell genug in die Hausfluren schien, um meinem Zweck zu dienen. Ich eilte in möglichster Schnelligkeit nach dem Erdgeschoß hinunter, mußte aber dort die Bemerkung machen, daß mir dennoch Jemand zuvorgekommen war. Als ich nämlich die kleine Seitenthüre erreichte, an welcher der Pfad endigte und wo die Damen, wenn sie ausreiten wollten, ihre Pferde zu besteigen pflegten, fand ich eine Frauengestalt, die ihre Hand an das massive Schloß gelegt hatte, als wolle sie eben den Schlüssel umdrehen. Man denke sich mein Erstaunen, als ich beim Näherkommen in dem matten Lichte, das durch ein kleines Fenster über der Thüre einfiel, Mary Warren erkannte.

Diese unerwartete Entdeckung kam mir in hohem Grade befremdlich vor; aber gleichwohl konnte ich nicht wahrnehmen, daß meine Ankunft einen überraschenden Eindruck auf sie machte. Vielleicht hatte sie, als ich die Treppe herunterstieg, meinen Tritt gehört, und dieß mochte wohl der Grund gewesen sein, daß sie auf die Begegnung gefaßt war.

»Ihr habt sie auch gesehen, Mr. Littlepage – nicht wahr?« redete mich Mary in gedämpftem Tone an. »Was kann sie möglicherweise zu so später Stunde hieherführen?«

»Ihr wißt also, wer die Person ist, Miß Warren?« entgegnete ich, und ein unbeschreibliches Wonnegefühl folgte meiner Ueberraschung, als ich mir vergegenwärtigte, das holde Mädchen, welches noch eben so angekleidet war, wie eine Stunde vorher, als es das Besuchszimmer verließ, müsse, wie ich selbst, Mondscheinbetrachtungen angestellt haben – eine Art Romantik, die wenigstens auf eine Aehnlichkeit, auf Geschmack, wo nicht auf eine geheime Sympathie zwischen uns hindeutete.

»Allerdings,« erwiederte Mary in festem Tone. »Ich glaube, in dieser Person kann ich mich nicht leicht täuschen. Es ist Opportunity Newcome.«

Meine Hand faßte den Schlüssel, und ich drehte ihn im Schlosse um. Der noch vorhandene Riegel war gleichfalls bald zurückgeschoben, und wir öffneten die Thüre. Richtig sahen wir auch die erwähnte Person nur zehen Fuß von der Treppe entfernt, die sie ohne Zweifel heranzusteigen gedachte. Sie zeigte große Ueberraschung, als sie bemerkte, wer ihre Pförtner waren, eilte aber in's Haus und blickte ängstlich zurück, als fürchte sie sich vor Verfolgung oder Beobachtung. Ich ging nach dem Bibliothekzimmer voraus, zündete die Lampe an, und wandte mich dann an meine beiden stummen Begleiterinnen, um mir über diesen befremdlichen Besuch Aufklärung zu erbitten.

Opportunity war ein Frauenzimmer von etwa sechsundzwanzig Jahren und nicht ohne große persönliche Reize. Der scharfe Ritt und die kürzliche Aufregung hatten das Roth ihrer Wangen erhöht, so daß sie ungewöhnlich lieblich aussah. Gleichwohl war Opportunity keine Person, die in mir eine Liebesflamme hervorrufen konnte, obschon mir bekannt war, daß sie dieß längst beabsichtigt hatte. Ich muß gestehen, daß ich dem Argwohn Raum gab, ihr gegenwärtiges Anliegen stehe mit diesem Plan in Verbindung, weßhalb ich darauf gefaßt war, ihrer Mittheilung nur mit Vorsicht Gehör zu schenken. Was dagegen Opportunity betraf, so zögerte sie damit, und die ersten Worte, die über ihre Lippen gingen, waren nichts weniger, als zart oder frauenhaft.

»Ei der Tausend!« rief Opportunity, »ich hätte nicht erwartet euch Zwei zu dieser Stunde der Nacht allein zu treffen!«

Ich hätte sie in die Zunge kneipen mögen, um sie von ihrer Neigung, gleich das Aergste zu denken, zu heilen; die Besorgniß für Mary Warren bewog mich jedoch, ihr einen ängstlichen Blick zuzuwenden. Nie hat übrigens das ruhige Bewußtsein der Unschuld besser sich geltend gemacht, als in der Art, wie das holde Mädchen sich diesem rohen Angriff gegenüber benahm – einer Unschuld, die keiner geheimen Absicht, keinem geheimen Wunsche, die Gefühle zu beunruhigen, Raum gibt.

»Wir hatten uns bereits nach unseren Schlafgemächern zurückgezogen,« antwortete das edelsinnige Mädchen, »und ich glaube, in meinem Flügel liegt schon Alles im Bett und in tiefem Schlafe. Ich fühlte mich jedoch noch nicht aufgelegt, das Lager zu suchen, und saß am Fenster, um die schöne Mondscheinlandschaft zu betrachten, als ich Euch aus dem Wald heraus reiten und den Pfad heraufkommen sah. Ich erkannte Euch, wie Ihr an der Eiche anlangtet, und eilte herunter, um Euch einzulassen, weil ich mir wohl denken konnte, daß nur etwas Außerordentliches Euch zu so später Stunde hieher führen mußte.«

»Oh, durchaus nichts Außerordentliches,« entgegnete Miß Opportunity in unbekümmerter Weise. »Ich liebe den Mondschein so gut wie Ihr Mary, und Ihr wißt ja, daß ich eine desperate Reiterin bin. Ich hielt es für romantisch, nach dem Nest herüber zu galopiren und Morgens zwischen ein und zwei Uhr wieder zurückzukehren. Weiter ist's nicht, kann ich Euch versichern.«

Die Ruhe, mit welcher sie dieß sprach, verblüffte mich nicht wenig, obgleich ich nicht thöricht genug war, auch nur eine Sylbe davon zu glauben. Allerdings war Opportunity mit einer ziemlichen Portion gemeiner Sentimentalität begabt, welche manche Mädchen irrthümlicher Weise für seine Bildung zu halten geneigt sind. Indes stand doch nicht von ihr zu erwarten, daß sie um Mitternacht und allein diesen Weg machte, ohne einen besonderen Zweck dabei im Auge zu haben. Es fiel mir ein, letzterer könnte auf ihren Bruder Beziehung haben, weßhalb sie natürlich ihre Mittheilungen unter vier Augen anzubringen wünschte. Wir hatten an einem Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, Platz genommen; Mary und ich saßen nebeneinander, Opportunity aber an der entgegengesetzten Ecke. Ich schrieb nun einige Worte auf einen Streifen Papier, um Mary zu bitten, sie möchte mich mit unserem Besuch allein lassen, und schob ihr das Billet in einer Weise zu, daß Opportunity's Argwohn nicht geweckt wurde, indem ich zu gleicher Zeit mich mit Letzterer über die schöne Nacht, über das Wetter und über ihren Spazierritt unterhielt. Während wir so beschäftigt waren, erhob sich Miß Warren und verließ ruhig das Zimmer. Dieß geschah so leise, daß ich glaube, meine zurückbleibende Gefährtin bemerkte es im Augenblick nicht einmal.

»Ich glaube, Miß Opportunity,« bemerkte ich, »Ihr habt durch die Andeutung über unser Alleinsein Mary Warren vertrieben.«

»Ach Himmel, was liegt daran? Ich bin daran gewöhnt, mit Gentlemen allein zu sein, und denke mir nichts dabei. Aber sind wir auch wirklich unter uns, Mr. Hugh – werden wir nicht belauscht?«

»Vollkommen, wie Ihr seht. Wir Beide und Mary sind, glaube ich, die einzigen Personen im Hause, die nicht zu Bett sind. Sie scheint ein wenig gekränkt zu sein und hat uns deßhalb verlassen; wir sind also ganz allein.«

»Oh, ich kümmre mich nicht viel um Mary Warrens Gefühle, Mr. Hugh. Sie ist eine gute Kreatur« – ja, diese elegante junge Dame bediente sich wirklich dieses außerordentlichen Wortes – »und muß schon aus Religiosität nachsichtig sein. Außerdem hat sie nur einen bischöflichen Geistlichen zum Vater, und wenn Eure Familie fortzieht, so kann ich Euch sagen, daß dieses Glaubensbekenntniß in Ravensnest nicht mehr lange bestehen wird.«

»So kann ich nur erfreut sein, daß meine Familie noch hier ist, da ich dieses Glaubensbekenntniß ehre und liebe. Der Pfründe soll es an einer guten Begabung nicht fehlen, so lange der habgierige und neuerungssüchtige Zeitgeist den Littlepage's noch etwas zur Verfügung läßt. Was Miß Warren betrifft, so ist es mir lieb, aus Eurem Munde ihren nachgiebigen Charakter rühmen zuhören.«

»Ich weiß dieß wohl und beabsichtige mit meinen Worten nicht, in Eurer Anschauungsweise einen Wechsel hervorzubringen, Mr. Hugh. Mary Warren wird übrigens sich durch meine heutige Bemerkung morgen nicht mehr anfechten lassen; ich glaube nicht, daß sie sich nur halb so viel daraus macht, als ich gethan haben würde, wenn sie gegen mich geäußert worden wäre.«

Dieß mochte wohl seine volle Richtigkeit haben, denn Mary Warren nahm die Andeutung auf, wie es bei arglosen unschuldigen Seelen stets der Fall ist, wenn ihnen ihr Gewissen nichts vorzuwerfen hat, während Opportunity's Geist geeignet war, die Rüstung anzulegen, die ihr erfahrungsgemäß gut paßte.

»Sicherlich habt Ihr diesen langen Spazierritt nicht blos deßhalb gemacht, um den Mond zu bewundern, Miß Opportunity,« warf ich jetzt gleichgültig hin, um sie auf den eigentlichen Gegenstand ihres nächtlichen Besuchs zu bringen. »Wenn Ihr die Güte haben wollt, mir den wahren Zweck mitzutheilen, so werde ich Euch mit Vergnügen Gehör schenken.«

»Aber wie – wenn Mary am Schlüsselloch stünde und horchte?« entgegnete die elegante ›Kreatur‹ mit dem Argwohn eines gemeinen Sinnes. »Um eine ganze Münzstadt voll Geld möchte ich nicht, daß sie hörte, was ich Euch mitzutheilen habe.«

»Ich glaube nicht, daß wir etwas der Art zu besorgen haben,« antwortete ich, erhob mich aber dennoch von meinem Sitz und warf die Thüre weit auf. »Ihr könnt Euch selbst überzeugen, daß Niemand da ist, wir also ungestört sprechen können.«

Opportunity war übrigens nicht so leicht zufrieden gestellt; denn da sie selbst einen neugierigen klatschsüchtigen Charakter besaß, so konnte sie sich nicht wohl denken, daß möglicherweise Andere sich nicht von denselben Gefühlen leiten ließen, wie sie. Sie stand daher auf, ging auf den Zehen in die Flur hinaus und hielt eigene Umschau. Nachdem sie sich endlich überzeugt hatte, daß wir nicht belauscht wurden, kehrte sie nach dem Zimmer zurück, drückte die Thüre leise zu, winkte mir Platz zu nehmen, setzte sich ganz in meine Nähe und schien dann endlich eine Geneigtheit zu verrathen, zur Sache zu kommen.

»Dieß ist ein schrecklicher Tag gewesen, Mr. Hugh,« begann sie jetzt mit einer Miene der Bekümmerniß, die sie ohne Zweifel wirklich fühlte. »Wer hätte auch glauben sollen, daß hinter dem Straßenmusikanten Ihr stecktet und der alte deutsche Uhrenhausirer Mr. Roger war! Wahrhaftig, die Welt scheint ganz verkehrt zu werden, und Niemand kann mehr wissen, ob er an seinem rechten Platze ist!«

»Es war vielleicht ein thörichtes Abenteuer; indeß muß ich sagen, daß wir ihm einige sehr wichtige Geheimnisse verdanken.«

»Dieß ist eben das Schlimme. Ich vertheidige Euch so gut ich kann und sage meinen Brüdern, Ihr habet nichts gethan, als was sie jeden Augenblick selbst thun würden, wenn auch nur eine halbe Farm davon abhinge, während in Eurem Falle möglicherweise mehr als hundert in Frage stehen.«

»Eure Brüder beklagen sich also, daß ich verkleidet unter den Antirenters auftrat.«

»Ja wohl, ganz desperat, Mr. Hugh – sie sind völlig außer sich darüber. Wie sie sagen, ist es sehr unedel von Euch, daß Ihr in dieser Weise in Eure Heimath gekommen seid, um Euren Nachbarn ihre Geheimnisse abzustehlen. Ich habe mich zwar nach Kräften zu Euren Gunsten verwendet, aber wenn sich die Leute einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, so verfangen Worte nichts. Ihr wißt Mr. Hugh, ich bin von den Tagen Eurer Kindheit an stets Eure Freundin gewesen und habe mich mehr als einmal in Ungelegenheiten gebracht, wenn es galt, Euch aus einer Klemme zu helfen.«

Während dieser Erklärung, die, nebenbei bemerkt, nicht sonderlich auf Thatsachen fußte, stieß Opportunity einen leisen Seufzer aus, ließ die Augen sinken und nahm eine so verschämte Miene an, daß ich wohl bemerken konnte, ein derartiges Spiel sei ihr zur zweiten Natur geworden. Ich hielt es übrigens nicht für nöthig, in einem solchen Augenblicke eine sehr unpassende Ziererei kund zu geben, da mir eben so wenig einfiel, ein vertrauensvolles Herz irre zu leiden, als ich daran gedacht haben würde, eine Anaconda oder Boa constrictor mit Regenwürmern mästen zu wollen. Ich ergriff daher die Hand der jungen Dame und drückte sie so sentimental als möglich, obschon ich mich vielleicht albern genug dabei ausnahm.

»Ihr seid allzu gütig, Opportunity,« antwortete ich. »Ja, ich habe stets auf Eure Freundschaft gebaut und nie daran gezweifelt, daß Ihr mich vertheidigen würdet, wenn meine Abwesenheit mich hinderte, es selbst zu thun.«

Ich ließ sodann ihre Hand wieder los, halb in Furcht, die junge Dame könnte im nächsten Augenblicke schluchzend an meinem Halse liegen, wenn ich nicht einige Mäßigung beobachtete. Opportunity schien nur ungern auf meine Hand zu verzichten, aber was konnte ein Mädchen thun, wenn der Gentleman selbst so rücksichtsvoll sich benahm?

»Ja, Seneky namentlich ist ganz besonders aufgebracht,« nahm sie wieder auf, »und um ihn zufrieden zu stellen, willigte ich ein, selbst zu dieser Stunde der Nacht herüberzureiten, um Euch von dem in Kenntniß zu setzen, was Euch bedroht.«

»Dieß ist sehr freundlich von Euch, Opportunity; aber da es schon so spät ist, wird's vielleicht gut sein, wenn Ihr ohne Zögerung mir mittheilt, was Ihr auf dem Herzen habt, und dann in ein Zimmer geht, um nach dem scharfen Ritt auszuruhen.«

»Ihr sollt hören, was ich Euch mitzutheilen habe, denn 's ist hohe Zeit dazu; aber von Ausruhen kann keine Rede sein. Sobald der Mond untergeht, muß ich wieder auf mein Pferd und in vollem Galop zurück, denn heute Nacht darf ich nur in meinem eigenen Bette schlafen. Natürlich werdet Ihr und Mary Warren über meinen Besuch Stillschweigen beobachten, da ich nur Euer Bestes dabei im Auge hatte.«

Ich gab ihr diese Zusicherung für Mary sowohl, als für meine Person, und drang dann in sie, die Nachricht, um derer willen sie so weit geritten war, nicht länger zu verschieben. Die Mittheilung ward bald gemacht, und erwies sich als hinreichend beunruhigend. Einen Theil der Thatsachen erfuhr ich von Opportunity selbst, das Uebrige aber später aus unterschiedlichen zuverlässigen Quellen. Der Sachbestand war im Wesentlichen folgender: –

Seneka war der Inschenbande und seinen antirentisch gesinnten Bundesgenossen, als dieselben ihren schleunigen Rückzug nach dem Dorfe antraten, nachgeeilt, und seine Eröffnungen hatten eine allgemeine Bestürzung zur Folge. Es wurde jetzt bekannt, daß der junge Pariser Verschwender auf seinem Besitzthum angelangt war, – ja daß er sich an demselben Tage unter den Unzufriedenen befunden und viele ihrer Geheimnisse erspäht hatte. Daraus folgerte man nun, er habe sich wahrscheinlich gewisse Pächter, deren Zeit demnächst abgelaufen war, ad notam genommen. So schlimm nun hiedurch die Sachen wurden, war dieß doch noch nicht das Aergste; denn man nahm es für ausgemacht an, der junge Grundherr habe Einige von den verkappten Verbrechern erkannt, und hege gegen andere Argwohn. Natürlich war der Schuldige seiner Gnade preisgegeben, und die Verschwörer hatten noch natürlichen Verstand genug, um zu begreifen, daß ein Mann, den man seines Besitzthumes zu berauben gedachte, aller Wahrscheinlichkeit nach die Waffen gegen seine Feinde kehren werde, sobald sich Gelegenheit dazu darbiete. Wenn sich Leute bei einem Unternehmen betheiligen, das so eingefleischt schändlich ist, wie der seiner Ansprüche entkleidete und in nackter Häßlichkeit dastehende Antirentismus, so darf man von ihnen nicht erwarten, daß sie es blos bei Spielereien bewenden lassen, und eben dem verzweifelten Charakter des Unfugs verdankt das Land die schamlose Unterdrückung der Wahrheit, die sich so allgemein in seinem weitern Verlaufe ausspricht, indem man die gefährliche Grundsatzlosigkeit, die Verwirrung zwischen Recht und Unrecht, und die schließlich daraus hervorgegangenen Mordthaten ganz und gar ignorirt. Es ist blos das jämmerliche Prärogativ der Demagogen gewesen, dem entsittlichenden Gang der Dinge das Wort zu reden, und so kam es denn, daß das Land Zeuge sein mußte, wie dieselben Quasigesetzgeber – Gesetzgeber durch die Stimme einer Partie und durch die Höflichkeit des Landes, wenn auch durch keine andere Eigenschaft – mit der Miene hoher Anspruchsfülle einerseits die höchst bedenkliche Politik eines Versuchs, die Menschen durch ein Statutargesetz moralisch zu machen, unterstützen, andererseits aber mit offenkundigen Räubern Hand in Hand gehen. Bei einem solchen Zustand der Gesellschaft darf es Niemand wundern, wenn jedes Hilfsmittel versucht wurde, mich durch Einschüchterung zum Schweigen zu bringen. Ein Conclave der Rädelsführer beschloß später, ich und mein Onkel sollten vor einem antirentisch gesinnten Friedensrichter wegen Verletzung des kürzlich erschienen Verbotes die »Verkappung und Bewaffnung« betreffend, verklagt werden, damit wir nicht gegen die eigentlichen Verbrecher auftreten könnten. Allerdings hatten wir keine Masken vorgehabt, aber unsere Verkleidungen waren gleichwohl von der Art, daß sie in den Bereich des Gesetzes gefallen wären, wenn wir Waffen getragen hätten. Letztere hatten wir absichtlich nicht mit uns geführt; doch was machten sich Schurken, wie die in Frage stehenden Verschwörer, aus einem Meineid? Der Friedensbeamte, an den sich Seneka mit seiner Beschwerde zu wenden gedachte, hatte schon ähnliche Schwüre angenommen und Verhaftungsbefehle unterzeichnet, blos um diesen Hauptdemagogen in die Lage zu setzen, einen Vergleich zu erwirken. Man hielt es übrigens nicht für zureichend, mich und meinem Onkel mit einer derartigen Klage zu bedrohen, sondern bot auch anderweitige Einschüchterungen auf, um uns Furcht vor einem Kriminalprozeß einzujagen – eine Maßregel, welche uns zeigen sollte, daß es unsere Feinde in baarem Ernst meinten. Opportunity hatte in Erfahrung gebracht, daß man mit irgend einem gefährlichen Versuche umging, und glaubte, daß derselbige noch in der nämlichen Nacht bewerkstelligt werden sollte, obschon sie nicht wußte, worin derselbe bestand, wenn sie nicht etwa absichtliche Unkenntniß vorschützte.

Der Zweck ihres Besuchs lief darauf hinaus, daß sie für ihren Bruder oder für ihre Brüder einen Vergleich erzielen wollte, und indem sie mich vor irgend einer unbekannten, aber dringenden Gefahr warnte, hoffte sie vielleicht, all jenen Einfluß wieder zu gewinnen, der, wie sie meinte, einer so wesentlichen Dienstleistung nicht fehlen konnte. Ohne Frage durfte ich von Glück sagen, daß ich eine solche Freundin im feindlichen Lager besaß, obgleich frühere Erfahrung mich Vorsicht gelehrt hatte und ich daher wohl auf der Hut sein mußte, daß mein unglückliches empfindsames Herz nicht in den Maschen eines Netzes hängen blieb, welches schon so oft nach demselben ausgeworfen worden war.

»Ich erkenne ganz die Wichtigkeit Eures Dienstes, Miß Opportunity,« versetzte ich, nachdem die zungengeläufige junge Dame ihre Geschichtchen angebracht hatte, »und werde nicht ermangeln, desselben eingedenk zu sein. Natürlich kann von einem unmittelbaren Abfinden mit Eurem Bruder Seneka keine Rede sein, weil ich dadurch einem Verbrechen Nachsicht zu Theil werden ließe und mich selbst der Strafe aussetzte; aber wenn es mir passend erscheint, kann ich mich unthätig verhalten, und Ihr dürft darauf zählen, daß Eure Wünsche bei mir großes Gewicht haben. Der Versuch, meinen Onkel und mich verhaften zu lassen, macht mir, im Fall er je beabsichtigt werden sollte, keine Sorge, da er die Anstifter nur einer Klage wegen boshafter Verfolgung aussetzen würde. Es ist überhaupt noch zweifelhaft, ob wir im Sinne des Statuts verkleidet waren, und in keinem Fall sind wir bewaffnet gewesen. Ohne Meineid muß also eine derartige Klage nothwendig fehl schlagen –«

»In diesen Antirentenzeiten schwören die Leute verzweifelte Eide!« unterbrach mich Opportunity mit einem bedeutsamen Blicke.

»Ich weiß dieß wohl. Menschliches Zeugniß ist ohnehin selbst im besten Fall mangelhaft und oft unzuverlässig; in Zeiten der Aufregung, der Leidenschaft und der Habgier aber wird es oft zur verbrecherischen Lüge. Vorderhand ist's übrigens das Wesentlichste, den schlimmen Anschlägen auf die Spur zu kommen, welche gegen uns beabsichtigt werden.«

Opportunity's Auge wandte sich nicht ab, als das meinige, während sie diese Frage beantwortete, auf ihr haftete, sondern sie behauptete die ganze Ruhe der Aufrichtigkeit.

»Es wäre mir lieb, ich könnte Euch davon in Kenntniß setzen, Mr. Hugh,« versetzte sie, »aber was Ihr bereits wißt, ist Alles, was ich Euch mitzutheilen im Stande bin. Ich lebe der Ueberzeugung, daß heute Nacht noch etwas Schlimmes versucht werden wird; worin es aber besteht, ist mir selbst unbekannt. Ich muß jetzt wieder nach Hause, denn der Mond ist beinahe untergegangen, und es wäre mir nicht lieb, wenn ich von einem der Antirenter gesehen würde. Das Wenige, was ich zu Gunsten der Littlepages bereits vorbrachte, hat mir ohnehin schon Feinde gemacht; man würde mir nie vergeben, wenn mein nächtlicher Ritt bekannt würde.«

Opportunity erhob sich nun und eilte mit einem Lächeln hinweg, welches ich mit der vollen Geschützsalve eines Corsaren vergleichen möchte, wenn er seine Anwesenheit so denkwürdig als möglich machen möchte. Natürlich begleitete ich sie bis nach der Eiche und half ihr in den Sattel. Bei dieser Gelegenheit ergaben sich einige kleine Züge ländlicher Koketterie, und die junge Dame that, als entfernte sie sich nur mit Widerwillen, obschon Alles bereit und sie in so großer Eile war. Ihr Spiel stand zuverlässig so verzweifelt, wie das der Antirenter selbst, aber jedenfalls war sie fest entschlossen, es auszuspielen. Der Mond war noch nicht ganz untergegangen, und dieser Umstand diente ihr als Vorwand zur Zögerung, während ich glaubte, sie möchte noch eine weitere Mittheilung auf dem Herzen haben.

»Eure Warnung ist so freundlich gewesen, theure Opportunity,« sagte ich, sanft eine meiner Hände auf die ihrige legend, während sie die Zügel hielt; »sie erinnert mich so ganz an die alten Zeiten – so ganz an Euch, wie Ihr vordem waret, daß ich kaum weiß, wie ich Euch danken soll. Doch wir werden's noch erleben, daß es wieder wird, wie ehedem, und dann kann der frühere Verkehr zwischen uns wieder eröffnet werden. Es waren glückliche Tage, als wir mit einander über die Berge galopirten – allerdings sind wir damals noch bloße Kinder gewesen; aber ich hoffe, Ihr werdet zugeben, daß wir frohherzige Kinder waren.«

»Ja wohl sein wir dieß gewesen« – Opportunity's Erziehung und Anmuth erstreckte sich im gewöhnlichen Gespräche nicht bis zu einer guten Grammatik, die vielen unter uns als etwas Antirepublikanisches erscheint – »ja wohl sein wir dieß gewesen, und ich möchte jene Tage wieder durchleben. Doch laßt's Euch nicht anfechten, Hugh; Ihr werdet's schon so weit bringen, mit diesen Leuten zurecht zu kommen, und dann macht Ihr Euch natürlich seßhaft und heirathet. Ihr gedenkt doch zu heirathen?«

Dieß war eine ziemlich unverhohlene Demonstration; aber ich war – und welcher junger Mann von Vermögen könnte nicht das Gleiche von sich sagen? – an Derartiges schon gewöhnt, und wenn man die Gefahr kennt, kann man sie leicht vermeiden. Ich drückte ihre Hand sanft, ehe ich sie los ließ, und bemerkte dann in etwas unzufriedenem Tone:

»Ich sollte Euch freilich nicht wieder fragen, worin die Benachtheiligung besteht, die ich heute Nacht zu gewärtigen habe. Ich weiß, ein Bruder ist ein näherer Freund, und kann daher Euer Bedenken gar wohl zurecht legen.«

Opportunity hatte dem muthigen Thiere, das sie ritt, bereits die Zügel gelassen und war im Begriffe, davon zu sprengen; aber die letzten Worte rührten ihr Herz. Sie lehnte sich vorwärts, beugte ihren Kopf, daß unsere Gesichter kaum einen Fuß von einander abstanden, und sagte dann mit gedämpfter Stimme:

»Feuer ist ein guter Diener, aber ein gewaltthätiger Herr. Ein Theekessel voll Wasser, zur rechten Zeit darauf geworfen, hätte den letzten großen Brand in York verhüten können.«

Diese Worte waren kaum über ihre Lippen geglitten, als das kühne Mädchen ihrem Pferde einen schallenden Hieb versetzte, und mit fast lautlosem Huf galopirte sie über den Rasen dahin. Ich schaute ihr eine Weile nach und sah sie in die Hohlgasse hineinreiten. Nachdem sie meinen Blicken entschwunden war, fand ich Gelegenheit, allen meinen Gedanken nachzuhängen.

» Feuer!« – Dieß war wirklich ein verhängnißvolles Wort. Es ist das stets fertige Werkzeug des gemeinen Schurken, und man kann sich vor dem Lecken seiner verzehrenden Zunge nicht genug in Acht nehmen. Schon hatte es in diesen Antirentenunruhen eine Rolle gespielt, obschon vielleicht weniger, als unter ähnlichen Umständen fast in jedem andern Lande der Fall gewesen wäre; denn die Institutionen Amerika's haben, selbst wenn sie manchen irrigen und übertriebenen Ansichten von Freiheit Bahn brachen, doch darin eine sehr wohlthätige Wirkung geübt, daß sie einige von den andern Uebeln der Menschheit milderten. Dennoch hatte man bereits zu Feuer seine Zuversicht genommen, und der Ausdruck »Scheunenanzünder« ist unter uns sehr gemein geworden – weit gemeiner, als, wie ich mit Freuden sagen kann, die Unthat, welche zu dieser Bezeichnung Anlaß gab. Gleichwohl war es augenscheinlich für gewisse Personen in Ravensnest von höchster Wichtigkeit, mich durch Einschüchterung von einem gerichtlichen Verfahren gegen sie abzuhalten, da, wenn anders Gerechtigkeit waltete, ihre Verbrechen nothwendig nach dem Gefängnisse des Staats führen mußten. Ich beschloß daher selbige Nacht, mein Haupt nicht eher auf den Pfühl zu legen, bis ich die Ueberzeugung gewonnen hätte, daß die Gefahr vorüber war.

Der Mond war jetzt untergegangen: aber die Sterne ergoßen ihre funkelnden Strahlen über die umnachtete Landschaft. Ich bedauerte diesen Wechsel nicht, da er mich in die Lage setzte, umherzugehen, ohne daß ich so leicht wahrgenommen zu werden besorgen mußte. Zuerst sollte ich einige Gehilfen aufsuchen, die mich in meinem Wächteramte unterstützten, und da fiel mir denn ein, mich unter meinen Gästen, den Indianern, um Beistand umzusehen. Wie Feuer durch Feuer zu bekämpfen ist, so ist ein Indianer stets im Stande, es mit einem »Inschen« aufzunehmen, denn zwischen diesen beiden Klassen von Menschen findet just der Unterschied statt, der durch ihre Bezeichnung angedeutet ist. Der Eine benimmt sich stets natürlich, würdevoll und in seiner Art fein – ja ich möchte sagen, gentlemanisch, während der Andere ein schleichender Schurke und so gemein ist, wie sein Name. Niemand würde daran denken, diese verkappten Schurken »Indianer« zu nennen, und die allgemeine Stimme hat sie, ohne daß auch der sorgfältigste Sprachpurist etwas dagegen einzuwenden hätte, »Inschens« getauft. » Il y a chapeau et chapeau,« und eben so gibt es auch »Indianer und Inschens.«

Ohne nach dem Hause zurückzukehren, wählte ich meine Richtung geradenwegs nach dem Quartier meiner rothen Gäste. Da ich jeden Gegenstand in meiner Umgebung kannte, so hielt ich mich im Schatten und schlich über den Rasen und die Felder auf einem so verborgenen Wege, daß ich nicht sonderlich fürchten durfte, beobachtet zu werden, selbst wenn der Feind Späher ausgestellt hatte. Die Entfernung war nicht groß, und ich hatte bald den Fuß des kleinen Hügels erreicht, auf welchem das alte Farmhaus im Schutze einer dunkeln Reihe alter Johannisbeerbüsche stand, welche sich unten an dem früheren, jetzt halbverödeten Garten hinzogen. Hier machte ich Halt, um einen Augenblick nachzudenken und mich umzusehen, ehe ich weiter schritt.

Dort stand das gute, alte, wohnliche Haus meiner Väter in seinen schattigen Umrissen, groß und massenhaft durch das Dunkel ragend. Es konnte allerdings von außen angezündet werden; aber jedenfalls war dieß keine so leichte Aufgabe, da es mit Ausnahme des Dachs, der Piazza und der Außenthüre dem Brandstifter nur wenig feuerfangendes Material darbot. Gegen eine solche Gefahr konnte man sich also durch einen geringen Grad von Wachsamkeit sicher stellen. Auch bedrohte das Gesetz Brandstiftung an einem bewohnten Hause, wie dieß bei Mordbrennerei nicht mehr wie billig ist, mit dem Tode, und die schleichenden Schurken unseres Landes wagen es selten, eine solche Gefahr über sich ergehen zu lassen. Man hat zwar viel über die Zweckwidrigkeit der Bestrafung durch den Strang gesprochen, aber Niemand kann sagen, wie viel tausendmal sie einer verbrecherischen Hand Einhalt gethan und das Herz zum Zittern gebracht hat. Ehe Jemand unter uns auftreten kann, der dieses wichtige Geheimniß zu enthüllen im Stande ist, dürfte es wohl eitel sein, über die wenigen Fälle zu sprechen, von denen bekannt ist, daß die Gefahr des Todes unzureichend war, einem Verbrechen vorzubeugen. So viel ist eine Erfahrungssache, daß trotz des Bestandes anderer Züchtigungen unter Verhöhnung derselben täglich und stündlich Verbrechen begangen werden: es ist daher nicht einzusehen, warum dieß nicht eben so gut als Beweis für die Unzulänglichkeit der Pönitentiarstrafen aufgebracht wird, als man den gleichen Grundsatz gegen die Strafe des Galgens geltend macht. Was mich betrifft, so bin ich vollkommen der Ansicht, man solle das Bewußtsein zu unterhalten suchen, daß es eine Macht im Lande gebe, welche kräftig genug ist, den Verbrecher aus dem Leben zu schaffen, sobald sich's um zureichend wichtige Fälle handelt, um eine solche Warnung zweckmäßig zu machen.


 

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