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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtzehntes Kapitel.

Der Gordon ist gut, gilt es Eile.
Ein Campbell hat Knochen von Stahl;
Ein Grant, ein Mackensie und Murray
Ein Kameron nie sich ergibt.

Hogg.

 

Die erste Unterbrechung dieser Scene ging von dem alten Holmes aus, der in dem schrillen Tone, in welchem er gewöhnlich sprach, seinem Begleiter zurief:

»Dieß ist überschlimm, Shabbakuk. Jetzt werden wir unsere Pachtverträge nie wieder erneuert kriegen.«

»Dieß kann Niemand sagen,« entgegnete Tubbs mit einem lauten Ton, als sei er entschlossen, die Sache recht keckstirnig durchzuführen. Vielleicht ist der Gentleman noch froh, wenn er einen Vergleich erzielen kann. Es ist, glaube ich, gesetzlich Jedermann verboten, verkleidet auf der Landstraße sich blicken zu lassen. Ihr seht, Nachbar Holmes, beide Squire Littlepages befinden sich mitten im Weg, und beide waren erst noch vor einer Minute verkleidet.«

»Dieß ist wahr – Ihr glaubt also, es lasse sich etwas aus diesem Umstand erzielen? 's ist schon recht, wenn ein Profit dabei herausschaut.«

Shabbakuk räusperte sich abermals und blickte zurück, als wolle er sich überzeugen, was aus den Inschens geworden sei, denn augenscheinlich sagte ihm der ächte »Artikel« vor ihm gar nicht zu. Dann antwortete er:

»Wir können unsere Farmen kriegen, Nachbar Holmes, wenn Ihr mit mir einverstanden seid, in der Sache raisonabel sein zu wollen, so lang als Squire Littlepage seinen eigenen Interessen Gehör zu schenken wünscht.«

Mein Onkel wußte wohl, daß wir nichts gethan hatten, was uns vor dem kürzlich ergangenen Statut strafbar machen konnte, und würdigte daher den Bursch keiner Antwort, sondern wandte sich an die Indianer, gegen die er sich auf's Neue erbot, ihnen den Weg zu zeigen.

»Die Häuptlinge möchten gar gerne wissen, wer Ihr seid und wie ihr Beide zu den doppelten Skalpen kamt,« sagte der Dolmetscher lächelnd, als wolle er seinerseits uns bemerklich machen, daß ihm eine Perücke nichts Neues sei.

»Sagt ihnen, dieser junge Gentleman sei Hugh Littlepage und ich sein Onkel. Hugh Littlepage ist der Eigenthümer des Landes, das Ihr um Euch her seht.«

Die Antwort wurde mitgetheilt, und wir harrten des Erfolgs, den sie auf die Indianer übte. Zu unserem großen Erstaunen sammelten sich mehrere derselben um uns und betrachteten uns augenscheinlich mit achtungsvoller Theilnahme.

»Die Ansprüche eines Grundherrn werden, wie es scheint, von diesen ungebildeten Wilden weit besser begriffen, als von unsern eigenen Pächtern, Hugh,« sagte mein Onkel. »Doch sieh', der alte Holmes, dieser eingefleischte Schurke, und sein Freund Shabbakuk gehen in die Wälder zurück. Vielleicht kriegen wir's jetzt mit seinen Inschens zu thun.«

»Ich glaube nicht, Sir. Jener Stamm scheint mir nicht genug Mannhaftigkeit zu besitzen, um diesem die Stirne zu bieten. Zwar nimmt es im Allgemeinen der weiße Mann recht gut mit der Rothhaut auf; aber gleichwohl möchte ich zweifeln, ob Häuptlinge, wie diese, nicht einer zweimal so großen Anzahl von Spitzbuben, wie sie dort in den Büschen umherschleichen, gewachsen sind.«

»Warum bekunden die Häuptlinge so viel Interesse für uns?« fragte mein Onkel den Dolmetscher. »Wäre es möglich, daß sie uns so viel Achtung bezeugen, weil der Grund und Boden hier herum uns gehört?«

»Durchaus nicht – durchaus nicht,« lautete die Antwort. »Allerdings wissen sie recht wohl zwischen einem Häuptling und einem gewöhnlichen Menschen einen Unterschied zu machen, und während unseres Zugs durch das Land haben sie wohl zwanzigmal ihr Erstaunen gegen mich ausgedrückt, daß unter den Blaßgesichtern so viele gemeine Menschen Häuptlinge seien. Aber um Reichthümer bekümmern sie sich nicht. Unter ihnen ist Derjenige der Erste, welcher sich auf dem Kriegspfad und im Berathungszimmer am meisten auszeichnet, obgleich sie auch Solche ehren, welche große und verdienstvolle Vorfahren hatten.«

»Indeß scheinen sie doch eine ungewöhnliche, außerordentliche Theilnahme an den Tag zu legen. Vielleicht überrascht sie's, daß sie Gentlemen in solchen Anzügen sehen.«

»O mein Gott, Sir, wie sollten sich Menschen, welche die Vorsteher der Factoreien und Forts das halbe Jahr in Häute gekleidet sehen, um Anzüge kümmern! Sie wissen, daß es Feiertage und Werkeltage gibt – Zeiten für die Alltagkleidung und Zeiten für Federschmuck und Färbung. Nein, nein, ihre Ueberlieferungen sind schuld daran, daß sie euch Beiden so viel Interesse widmen.«

»Ihre Ueberlieferungen? Was können diese mit uns zu schaffen haben? Wir sind nie mit Indianern in Berührung gekommen.«

»In Beziehung auf euch und eure Väter mag dieß wohl seine Richtigkeit haben, nicht aber wenn andere von euren Vorfahren zur Sprache kommen. Als wir gestern in unsrem Nachtquartier Halt machten, begannen jene zwei Häuptlinge, der untersetzte Mann mit der doppelten Platte auf seiner Brust und der ältliche Krieger, der schon einmal skalpirt wurde, wie ihr an seinem Schädel sehen könnt, von der Verrätherei ihres eigenen Stammes zu erzählen, der einmal ein Canada-Volk war. Der ältere Häuptling sprach von den Abenteuern eines Kriegspfads, welcher von Kanada aus über das große Wasser bis nach einer Ansiedlung hinunterführte, wo sie viele Skalpe erwartet hatten, aber zuletzt mehr Kopfhäute verloren, als sie fanden. Sie trafen hier an demselben Ort auch Susquesus, den biederen Onondago, wie sie ihn in unserer Sprache nennen, und den Yengeese-Eigenthümer des Landes, der einen Namen führte, ungefähr wie der eurige. Ihre Ueberlieferungen schildern letzteren als einen Krieger von großem Muth und vieler Gewandtheit. Sie halten euch für Abkömmlinge desselben und ehren euch demgemäß. Hierin liegt das ganze Geheimniß.«

»Und ist es möglich, daß diese ungebildeten Wesen so zuverlässige Ueberlieferungen besitzen?«

»Du mein Himmel, wenn ihr nur hören könntet, was sie unter sich über die Lügen sagen, die ihnen aus den Zeitungen der Blaßgesichter vorgelesen werden, so würdet ihr daraus ermessen können, wie sehr sie die Wahrheit werth schätzen. In meiner Zeit habe ich einen Strich von vielen Tagreisen durch die Wildniß gemacht, ohne für meinen Pfad durch etwas Besseres geleitet zu werden, als durch eine indianische Tradition über den Lauf desselben – durch eine Tradition, die mindestens von hundert Sommern herstammen mußte. Sie wissen Alles von euren Vorvätern und auch Einiges von Euch, wenn Ihr der Gentleman seid, der den biederen Onondago oder die welke Tanne in seinem hohen Alter mit einem Wigwam versah und ihn noch immer mit Nahrung und Brennstoff versorgt.«

»Ist's möglich? Und von solchen Dingen spricht man unter den Wilden des fernen Westens?«

»Wenn Ihr diese Häuptlinge Wilde nennen wollt,« entgegnete der Dolmetscher einigermaßen gekränkt, als er einen solchen Ausdruck auf seine besten Freunde und beharrlichen Gefährten anwenden hörte. »Sie haben allerdings ihre eigenen Gebräuche, wie es ja auch bei den Blaßgesichtern der Fall ist; aber die indianischen Sitten sind nicht so gar wild, wenn man einmal ein wenig daran gewöhnt ist. Ich erinnere mich noch – 's ist freilich schon lange her – daß es mir gar nicht hinunter wollte, wenn ein Krieger seinen Feind skalpirte; als ich aber darüber nachdachte und mir so den Geist des Brauchs vergegenwärtigte, begann ich zu fühlen, daß die Sache ganz in der Ordnung war.«

Wir hatten uns wieder nach dem Wald in Bewegung gesetzt, und da ich eben vor meinem Onkel herging, so wandte ich mich jetzt um und bemerkte mit einem Lächeln gegen ihn:

»Es scheint also, daß diese Geschichte mit dem ›Geist‹ auch an anderen Plätzen, nicht nur in der Legislatur zu finden ist, und es ebensogut einen ›Geist des Skalpirens‹, als einen ›Geist der Institutionen‹ gibt.«

»Ja, Hugh, und einen ›Geist des Scherens‹, als Folge dessen, was man schnöderweise mit der letzteren Bezeichnung belegt. Doch es wird gut sein, wenn wir uns dem Walde nicht weiter, als bis hieher nähern. Die Inschens, von denen ich euch erzählt habe, stecken dort vorn in den Büschen und sind bewaffnet; ich überlasse es euch, den Verkehr mit ihnen einzuleiten, wie ihr es für gut haltet. Ihre Anzahl mag sich auf ungefähr zwanzig belaufen.«

Der Dolmetscher übersetzte seinen Häuptlingen diese Kunde, worauf die rothen Männer sich eine Weile sehr angelegentlich beriethen. Dann brach Prairiefeuer einen Zweig von dem nächsten Busch ab, hielt ihn in die Höhe, näherte sich dem Verstecke und rief laut, wobei er sich der verschiedenen Dialekte, mit welchen er bekannt war, bediente.

Aus dem Rasseln der Zweige ließ sich entnehmen, daß Menschen in dem Gebüsch waren; aber auf die Ansprache des Häuptlings folgte keine Entgegnung. Unter unsrem Haufen befand sich ein Wilder, der bei diesem Benehmen große Ungeduld an den Tag legte. Er war ein großer athletischer Iowa-Häuptling, der den Namen Kieselstein führte und, wie wir später in Erfahrung brachten, wegen seiner kriegerischen Thaten in hohem Rufe stand. Wenn sich eine Aussicht auf Skalpe zeigte, ließ er sich nur schwer zurückhalten, und bei gegenwärtiger Gelegenheit benahm er sich rückhaltsloser, als gewöhnlich, weil von seinem eigenen Stamme Niemand zugegen war, den er als Vorgesetzten achten mußte. Nachdem Prairiefeuer der Bande in dem Versteck zwei- oder dreimal vergeblich zugerufen hatte, trat Kieselstein vor, sprach mit Nachdruck und Geist einige Worte und schloß seinen Aufruf durch ein sehr wirksames, um nicht zu sagen schreckliches Kriegsgeschrei. Die meisten Uebrigen stimmten darin ein, und dann brachen sie nach rechts und links auf, sich mehr gleich Schlangen, als gleich zweifüßigen Wesen nach den Zäunen hinstehlend, unter deren Deckung sie nach dem Walde hinschoßen, den sie im Nu erreicht hatten. Vergeblich hatte ihnen der Dolmetscher zugerufen, sie sollten doch daran denken, wo sie seien, und ihren großen Vater in Washington nicht böse machen; aber nur Prairiefeuer blieb auf seinem Platze, der ihn jeder Kugel bloßstellte, wenn der vermeintliche Feind auf ihn zu feuern die Absicht hatte. Die Uebrigen eilten dahin wie Jagdhunde, welche eine Witterung gefunden haben und nun so erpicht auf die Beute sind, daß kein Eintreiber sie mehr festhalten kann.

»Sie erwarten Inschens zu finden,« sagte der Dolmetscher mit der Miene der Verzweiflung, »und da hält sie nichts zurück. Unmöglich können hier herum Feinde von ihnen sein, und der Agent wird bitter böse werden, wenn es zum Blutvergießen kömmt. Ich würde mir zwar nicht viel daraus machen, wenn die Leute dort zu den schurkischen Sacks und Foxes gehörten, denn bei diesem Volk ist's oft Barmherzigkeit, sie todtzuschlagen; aber anders ist's hier unten, und ich muß sagen, es wäre mir lieb, wenn dieß nicht vorgekommen wäre.«

Wir hatten ihn kaum aussprechen lassen, als mein Onkel und ich auf der Landstraße vorwärts eilten, bis wir den Wald erreicht hatten. Präriefeuer begleitete uns, und da er aus unsrer Bewegung zu entnehmen glaubte, daß jetzt Alles recht sei, so erhob er gleichfalls ein wildes Geschrei, als wolle er zeigen, daß er es auch könne und der Mangel an einem kräftigen Organ nicht Schuld gewesen sei, wenn er sich bisher stumm verhalten hatte. Der Weg machte an dem Punkte, wo er in den Wald eindrang, eine Krümmung und war, wie bereits erwähnt, mit Gebüsch gesäumt. Diese beiden Umstände machten es unmöglich, wahrzunehmen, was hinter den Coulissen vorging, bis wir die Beugung erreichten, wo die Wagen Halt gemacht hatten. Jetzt aber that sich der ganze Anblick mit einemmal in all seiner Großartigkeit vor uns auf.

Die ordnungslose Flucht einer »großen Armee« hätte kaum malerischer sein können. Die Straße war mit Fuhrwerken überfüllt, die, um uns eines militärischen Ausdrucks zu bedienen, in vollem Rückzug begriffen waren, oder, wie man's in der gemeinern Redeweise nennt, davon holperten. Jede Peitsche wurde aufs Eifrigste geschwungen, jedes Pferd befand sich in vollem Galopp, und die Hälfte der Gesichter waren rückwärts gekehrt, während die Weiber mit ihrem Gekreisch das Kriegsgeschrei der Wilden accompagnirten. Was die Inschens betraf, so hatten sie instinktartig die Wälder verlassen und flüchteten sich straßabwärts mit einer Eile, der man ansehen konnte, wie sehr es ihnen darum zu thun war, für einen sichereren Rückzug offenen Grund zu gewinnen. Einige waren in die Wagen gesprungen und bedrängten nun die tugendhaften Weiber und Töchter der ehrenwerthen Freisassen, die sich versammelt hatten, um die Mittel zu berathen, wie sie mich um mein Eigenthum betrügen sollten. Doch warum verweilen wir bei dieser Scene, sintemal ja die Heldenthaten dieser Inschens im Lauf der letzten sechs Jahre den zureichendsten Beweis geliefert haben, daß sie sich in nichts auszeichnen, als im Davonlaufen. Sie sind Helden, wenn ein Dutzend über einen einzelnen Mann herfallen kann, um ihn zu theeren und zu federn; ihre Tapferkeit ist groß, wenn hundert gegen fünf oder sechs stehen, und hin und wieder kömmt es ihnen auch auf einen Mord nicht an, wenn das Opfer Sicherheits halber mit fünf oder sechs Kugeln bearbeitet werden kann. Schon die Feigheit dieser Schurken sollte sie zum Abscheu des ganzen Landes machen; denn der Hund, welcher nur in Rudeln zu jagen den Muth hat, ist im Grunde doch nur ein erbärmlicher Köter.

Ich muß übrigens noch eines weiteren Zuges in dem Gemälde Erwähnung thun. Holmes und Shabbakuk bildeten den Nachtrab und peitschten auf ihr unglückliches Thier los, als ob seine Verwender – ich wage es nicht, sie »Herren« zu nennen, da ich der Aristokratie beschuldigt werden könnte, wenn ich mich in diesem Zeitalter der allgemeinen Freiheit eines so anstößigen Wortes bedienen wollte, während dagegen das eben von mir gebrauchte Wort für den gegenwärtigen Anlaß ganz besonders paßt – als ob seine »Verwender« etwas in »Little Neest« zurückgelassen hätten und deßhalb in aller Hast dahin zurückeilten, eh' es in andere Hände fiele. Der alte Holmes guckte zurück, als hetzten ihn die Stipulationen von vierzig Pachtverträgen und als sei der »Geist der Institutionen« angeführt von zwei Gouverneuren und »dem ehrenwerthen Gentleman von Albany« in voller Jagd auf ihn begriffen. In weit kürzerer Zeit, als dazu erforderlich wurde, diesen Bericht niederzuschreiben, war der Weg gesäubert, so daß mein Onkel, ich und Präriefeuer sich eines völlig ungestörten Besitzes der Landstraße erfreuten. Letzterer stieß ein sehr bedeutungsvolles »Hugh« aus, als sich der letzte Wagen in einer Staubwolke vor unsern Blicken verlor.

Wir durften nicht lange warten, bis unser Stamm oder unsere Stämme – wie ich mich richtiger ausdrücken muß, – uns nachkamen und sich an der Stelle, wo wir standen, in dem Wege sammelten. Der Sieg war vollständig, obschon er nicht mit Blut hatte erkauft werden müssen. Die wilden Indianer hatten nicht nur die tugendhaften und von der Aristokratie viel bedrückten Inschens total geschlagen, sondern auch in zwei Mitgliedern der Bande eben so viele Pröbchen von Tugend und Bedrückung gefangen genommen. Die Art, wie sich die Gefangenen benahmen, war so bezeichnend und ausdrucksvoll, daß es schien, Kieselherz, in dessen Hände sie gefallen waren, halte ihre Scalpe nicht einmal des Nehmens werth, da er es sogar verschmäht hatte, sie zu entwaffnen. Da standen die beiden Calico-Bündel gleich in Lacken gehüllten Kindern, ohne daß etwas jene natürliche Freiheit, deren sich ihre Partei so gerne rühmt, verrieth, als ihre Beine, welche sich als ein dernier ressort noch recht gut bewegten. Mein Onkel nahm jetzt eine etwas gebieterische Haltung an und befahl diesen Kerlen, ihre Verkappung abzunehmen; aber er hätte eben so gut zu den Eichen oder Ahornbäumen sagen können, sie sollten vor Umlauf der gehörigen Zeit ihre Blätter abschütteln – denn keiner von beiden that nur einen Ruck, um zu gehorchen.

Der Dolmetscher war, obschon ihn die Indianer in ihrem Dialekt Vielzunge nannten, ein Mann von überraschend wenigen Worten, namentlich wenn man bei einem Anlasse, wie der gegenwärtige war, seinen Beruf in's Auge faßte. Er ging auf einen der Gefangenen zu, entwaffnete ihn, riß ihm die Calico-Kapuze vom Kopf und förderte so das kleinlaute Gesicht von Brigham, Tom Millers neidischem Arbeiter, an's Licht. Die »Hughs!« die den Indianern entwischten, waren sehr ausdrucksvoll, als sie fanden, daß nicht nur ein Blaßgesicht unter der Hülle zum Vorschein kam, sondern noch obendrein ein Gesicht, das man sogar noch etwas blässer als gewöhnlich nennen konnte. Vielzunge hatte einen hübschen Antheil von Grenz-Schelmerei in sich und begann nachgerade zu begreifen, wie die Sachen standen. Er fuhr mit der Hand über Joshs Kopf und bemerkte kaltblütig:

»In Iowa würde man, denk' ich, diesen Scalp wohl höher anschlagen, als er, wenn man der Sache auf den Grund geht, wirklich werth ist. Na, laßt einmal sehen, wen wir da haben.«

Den Worten folgte eine entsprechende Handlung. Der Dolmetscher bemächtigte sich der Kapuze des andern Gefangenen, brachte sie übrigens nur mit Mühe weg, da der Verkappte sich aus Leibeskräften wehrte. Er bedurfte sogar noch des Beistands zweier jüngeren Häuptlinge, welche hervortraten, um ihm zu helfen. Ich sah voraus, was kommen mußte, da ich schon längst den Zwickel bemerkt hatte; aber man denke sich das Erstaunen meines Onkels, als er Seneka Newcomes wohlbekanntes Gesicht aus dem Calico sich herauswickeln sah!

Wie überaus gemein sich dieses Gesicht ausnahm, auf welchem der »gemischte Tumult« – wie man's nennt – von Wuth und Scham deutlich zu lesen war. Das erstere dieser Gefühle behauptete jedoch die Oberhand, und wie es nur zu häufig in Fällen militärischen Unsterns zu gehen pflegt, suchte der Verunglückte, statt seine Gefangennehmung den Umständen, der Tapferkeit seiner Feinde oder einem eigenen Versehen zuzuschreiben, seine Schmach dadurch zu mildern, daß er sie auf seinen Kameraden abzuladen sich mühete. In der That erinnerte mich die Art, wie diese beiden Männer an einander geriethen, nachdem man ihnen ihre Kapuzen abgenommen hatte, an zwei Kampfhähne, die man drei Fuß von einander aus ihren Säcken gelassen hat – nur mit dem Unterschiede, daß keiner von beiden krähte.

»Die Schuld liegt rein an dir, du memmenhafter Spitzbube,« rief Seneka entbrannt, denn die Scham hatte sein Gesicht mit tiefem Scharlach übergossen. »Wärest du auf deinen Beinen geblieben und hättest du in deiner Hast, zu entkommen, mich nicht niedergerannt, so wäre mir wohl mit den Uebrigen der Rückzug geglückt.«

Dieser Angriff war zu viel für Joshua, und die Rohheit, das Ungestüm, um nicht zu sagen, die Ungerechtigkeit desselben gab ihm Muth zur Antwort. Wir brachten nämlich später in Erfahrung, Newcome sei in der Eile seiner Flucht gestürzt, ohne daß Brigham auch mit die entfernteste Schuld daran trug, sintemal ihn dieser nur am Wiederaufstehen hinderte, indem er selbst auch über ihn hineinpurzelte. Während sich beide in dieser unbequemen Lage befanden, waren sie in die Hände ihrer Feinde gefallen.

»Oh, laßt nur Ihr mich ungeschoren, Squire Newcome,« antwortete Joshua mit der gleichen Entschiedenheit in Ton und Wesen. »Euch kennt man ja landauf und landab.«

»Wer kennt mich? – was könnt Ihr gegen mich oder meinen Charakter vorbringen?« fragte der Rechtsgelehrte mit trotziger Miene. »Ich will doch den sehen, der meinem Charakter etwas nachreden kann.«

Dieß war fein genug, wenn man in Betracht zog, daß der Kerl thatsächlich in Begehung eines mit Gefängnißstrafe belegten Verbrechens betreten worden war, obschon ich vermuthe, daß er diese Schwierigkeit im moralischen Sinne wohl zu überwinden im Stand war, wenn man sein Vergehen dahin erklärte, er habe nur die Menschenrechte und den »Geist der Institutionen« vertheidigen wollen. Diese Herausforderung war jedoch zu viel für Brigham's Geduld, und da er mittlerweile die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß es wohl schwerlich auf ein Skalpiren hinausgehen werde, so wandte er sich gegen Seneka und rief mit einer Steigerung seines Muths, die man wohl Frechheit nennen konnte:

»Ja, Ihr seid mir ein sauberer Freund des armen Mannes und des Volks, wenn man Euch auf den Grund geht. Jedermann in der Gegend, der in Geldverlegenheit ist, weiß, was er in Euch hat; Ihr verdammter Shaver Eigentlich: Bartscheerer; dann in übertragener Bedeutung: Plünderer, Wucherer.

Die letzten Worte waren kaum ausgesprochen, als Seneka's Faust mit einer Macht auf Brigham's Nase niederfiel, daß dieses Organ reichlich zu bluten anfing. Mein Onkel hielt es nun für an der Zeit, sich einzumengen, und wies den aufgebrachten Rechtsgelehrten mit Würde zurecht.

»Warum hat er mich einen verdammten Shaver genannt,« entgegnete Seneka noch immer in dem Feuereifer seines Zorns. »Dieß laß ich mir von Niemand gefallen.«

»Was liegt denn so Arges in einer derartigen Beschuldigung, Mr. Newcome? Ihr seid ein Mitglied des Advokatenstandes und solltet also die Gesetze Eures Landes kennen, so daß man Euch nicht erst sollte sagen müssen, das höchste Tribunal des Staates habe dahin entschieden, daß in dem Ausdruck Shaver keine Injurie liege. Manche ehrenwerthen Mitglieder dieser gelehrten Körperschaft scheinen sogar im Gegentheil der Ansicht zu sein, daß in einer solchen Bezeichnung eher ein Lob, eine Empfehlung liege. Ich schäme mich Eurer, Mr. Newcome – wahrhaftig, man muß für Euch roth werden.«

Seneka murmelte etwas vor sich hin, und ich glaubte die Worte verstanden zu haben: »der Teufel hole den Court of errors,« oder »der Court of errors« solle nach irgend einem sehr schlimmen Platz fahren, den ich nicht nennen mag. Indeß will ich doch nicht die Behauptung auf mich nehmen, daß ein anständiger Mann sich wirklich dieser unehrerbietigen Sprache gegen eine so hohe Gerichtsbehörde bedient habe, obschon man einem Menschen in der Wuth bisweilen Einiges zu gut halten muß. Mein Onkel war nun der Ansicht, es sei Zeit, diesem Auftritt ein Ende zu machen, weßhalb er, ohne sich zu weiteren Erklärungen herabzuwürdigen, Vielzunge bedeutete, er sei bereit, die Häuptlinge an den Ort zu führen, nach dem sie so angelegentlich verlangten.

»Was diese beiden Inschens betrifft,« fügte er bei, »so können wir durch ihre Festhaltung keine Ehre erholen, und da wir wissen, wer sie sind, so können sie jederzeit durch die Sherifs-Gehülfen oder Constabler aufgegriffen werden. Es verlohnt sich kaum der Mühe, uns auf dem Marsch mit solchen Wichten zu belästigen.«

Die Häuptlinge gaben zu diesem Vorschlag gleichfalls ihre Zustimmung, und wir verließen insgesammt die Wälder, während Seneky und Joshua auf der Straße zurückblieben. Wir erfuhren später, daß wir ihnen kaum den Rücken zugewandt hatten, als der Letztere über den Ersteren herfuhr und ihn dermaßen zerwalkte, daß Seneka zuletzt zugab, er sei nicht nur ein »Shaver,« sondern auch ein »verdammter Shaver« obendrein. Von solchem Schlag also waren die Leute, welche, wenn es nach dem Wunsche der verblendeten Antirenters New-Yorks gehen sollte, im socialen Sinne an die Stelle der alten Grundbesitzer des Landes zu treten berufen waren. In der That, sie würden eine saubere Deckgarbe für den Schober des Gemeinwesens abgeben, und unter ihrem Schirme müßte das Getreide wunderbar gut beschützt sein. Es wäre sicherlich der Mühe werth, zu hören, wie Kerle von diesem moralischen Kaliber ihre Verträge deuteten, und man könnte eine nützliche, wenn auch empfindliche Lehre daraus ziehen, wenn man ihnen ein Jährchen freie Hand ließe, nur um zu sehen, wie Viele – nachdem die Angelegenheiten in den alten natürlichen Gang zurückgebracht sind – noch wünschen würden, gleich dem Hund zu dem Gespieenen oder gleich dem Schwein nach der Schlammpfütze zurückzukehren.

Nachdem mein Onkel dem Dolmetscher einige Weisungen ertheilt hatte, bestiegen wir beide wieder unsern Wagen und fuhren den Weg hinauf, es den Indianern überlassend, uns zu folgen. Zum Sammelplatz bestimmten wir das Nest, wohin wir nun unverweilt in unserer wahren Eigenschaft zu gehen entschlossen waren. Als wir bei der Rektorei anlangten, machten wir Halt, um uns nach dem Befinden von Mr. und Miß Warren zu erkundigen. Ich war sehr erfreut, als ich erfuhr, daß sie sich bereits nach dem Neste begeben hatten, um daselbst ein Mittagmahl einzunehmen. Diese Kunde diente nicht dazu, der Eile von Millers Pferd Abtrag zu thun – oder vielmehr meines Pferdes, wie ich besser sagen sollte; denn ich bin der wirkliche Eigenthümer von Allem auf der Nestfarm und werde es wahrscheinlich bleiben, wenn nicht »der Geist der Institutionen« dort so gut, wie an andern Plätzen mein Besitzrecht zerstört. Im Lauf von einer halben Stunde erreichten wir den Rasen und machten an der Thüre Halt. Man wird sich erinnern, daß sich die Indianer im Besitz unserer Perücken befanden, denn wir beide hatten sie in ihren Händen gelassen, weil wir uns dieser Artikel nicht länger zu bedienen gedachten. Ungeachtet unsrer befremdlichen Tracht wurden wir doch, nachdem wir die eben erwähnten Verkleidungsmittel abgelegt hatten, augenblicklich erkannt, und im Nu lief der Ruf durch das Haus und durch die Gründe, daß »Mr. Hugh angelangt sei.« Ich gestehe, daß ich sehr gerührt war über die Theilnahme, welche die meisten Anwesenden, mochten es nun Dienstboten oder Andere sein, an den Tag legten, als sie mich wieder in guter Gesundheit, obschon nicht gerade in der zierlichsten Außenseite vor sich sahen. Auch mein Onkel wurde auf's freundlichste bewillkommt, und die ersten paar Minuten fühlte ich mich wahrhaft glücklich, ohne daß ich auch nur entfernt an das dachte, was mir so vielen Anlaß zum Verdruß gab.

Obgleich meine Großmutter, meine Schwester und Mary Warren recht wohl wußten, was der Ruf: »Mr. Hugh ist angekommen!« bedeutete, so kamen sie doch unverweilt auf die Piazza heraus. Mr. Warren hatte die Ereignisse des Tages, soweit sie ihm bekannt waren, berichtet; aber auch diejenigen, welche unser Geheimniß kannten, waren nicht wenig erstaunt darüber, daß wir ohne Perücken und in unserer eigentlichen Wesenheit wieder zurückkehrten. Was mich betraf, so gab ich genau Achtung auf die Art, wie die vier Mädchen mich begrüßten. Martha flog mir an den Hals, schlang ihre Arme um mich und küße mich sechs- oder achtmal, ohne inne zu halten. Zunächst kamen Miß Coldbrooke, auf deren Arm sich Anne Marston lehnte – beide mit heiterem Lächeln und ladyartigem Anstand, obschon sie ihre Ueberraschung nicht zu verbergen vermochten. Sie drückten ihre Freude aus, mich zu sehen, und erwiederten meine Begrüßung freimüthig, wie es unter alten Freunden üblich ist; indeß entging mir nicht, daß mein Anzug durchaus nicht ihren Beifall hatte. Mary blieb lächelnd, schüchtern und erröthend hinter den übrigen Mädchen stehen; übrigens genügten ein paar Blicke von mir, um mir die Ueberzeugung zu geben, daß ihr Willkomm gewiß eben so aufrichtig war, wie der meiner älteren Freundinnen. Mr. Warren war erfreut, uns offen begrüßen zu können und nun Gelegenheit zu finden, diejenigen näher kennen zu lernen, deren Rückkehr er schon seit drei oder vier Jahren mit Sehnsucht erwartet hatte.

Die erforderlichen Aufklärungen nahmen nur einige Minuten in Anspruch, da sie von denen, welche unser Geheimniß theilten, größtentheils schon gegeben waren. Meine liebe Großmutter und Patt bestanden nun darauf, daß wir uns nach unsern alten Zimmern verfügten und eine Kleidung anlegten, welche für unsere Stellung besser paßte. Wir hatten eine große Anzahl von Sommerkleidern zurückgelassen, und unsere Garderobe war bereits an diesem Morgen untersucht worden, weil wir derselben vielleicht in Bälde benöthigt sein konnten. Der Wechsel unsrer Anzüge hatte daher keine große Zögerung zur Folge. Ich war allerdings seit meiner Abreise etwas beleibter geworden. Da übrigens der Schneider meine Kleider ursprünglich nicht knapp auf den Leib angemessen hatte, so fand ich keine Schwierigkeit, mich herauszustaffiren. Ich fand einen schönen blauen Rock, der diesem Zwecke trefflich entsprach, nebst Westen und Pantalons ad libitum. In Europa kleidet man sich viel wohlfeiler, als in Amerika, weßhalb der reisende Amerikaner selten eine bedeutende Garderobe mit sich führt – eine Erfahrungsregel, die mein Onkel sein ganzes Leben über beobachtet hatte. Außerdem hatte Jeder von uns in dem Nest einen Kleidervorrath, der nie von dort entfernt wurde. In Folge dieser kleinen wirthlichen Vorsichtsmaßregeln gebrach es weder mir, noch meinem Onkel an den Mitteln, uns in Betreff der Außenseite für diesen abgelegenen Landestheil wenigstens mit andern unserer Classe auf eine gleiche Stufe zu stellen.

Die Zimmer für mich und meinen Onkel waren ganz nahe bei einander im nördlichen Flügel des Hauses oder in jenem Theile, welcher eine Aussicht nach den Feldern unter der Klippe, nach der waldigen Schlucht und nach dem Wigwam des »biedern Onondago« bot. Die Hütte des Letzteren war deutlich von dem Fenster meines Ankleidezimmers aus zu sehen, und ich schaute eben ins Freie hinaus, Betrachtungen anstellend über die Gestalten der beiden alten Knaben, die ihrem Nachmittagsbrauch gemäß in der Sonne saßen, als ein Pochen an der Thüre das Erscheinen John's ankündigte.

»Nun, John, mein guter Freund,« sagte ich lachend, »es scheint, daß, wo es das Erkennen eines alten Bekannten betrifft, eine Perücke für Euch einen großen Unterschied ausmacht. Gleichwohl muß ich Euch für die gute Bewirthung danken, die Ihr mir in der Eigenschaft eines Musikanten zu Theil werden ließt.«

»Ihr wißt wohl, Mr. Hugh, daß ich Euch von Herzen gern bediene, mögt Ihr kommen, wie Ihr wollt. Es ist die überraschendste Verblendung gewesen, Sir, die mir je vorkam; aber gleichwohl meinte ich die ganze Zeit über, Ihr seiet nicht ganz das, was Ihr zu sein schient, und ich sagte auch zu Kitty, sobald ich die Treppe hinunter war: ›Kitty,‹ sagte ich – ›diese zwei Hausirer sind just die ordentlichsten Hausirer, die ich je in diesem Land gesehen habe, und es sollt' mich nicht wundern, wenn's ihnen schon einmal besser ergangen ist.‹ Doch jetzt habt Ihr die Antirenters mit eigenen Augen gesehen, Mr. Hugh. Was haltet Ihr von ihnen, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, eine solche Frage zu stellen?«

»So ziemlich das, was ich von ihnen hielt, ehe ich sie gesehen hatte. 's ist eine Bande von Kerlen, die über Freiheit schreien und im gleichen Augenblicke alle ihre Kräfte aufbieten, um die Gesetze in Mißkredit zu bringen und ihre Selbstsucht für Patriotismus auszugeben. Doch eben so finden wir's bei denen, welche ihnen in der Regierung des Staats die Stange halten und die gleichen Tiraden vorbringen, obschon sie dabei nichts im Auge haben, als das Gewinnen von Stimmen. Wären die Pächter nicht stimmberechtigt, so hätte diese Frage nie auch nur entfernt in Anregung gebracht werden können. Doch ich sehe, jene beiden alten Bursche, Jaaf und Sus lassen sich's noch immer wohl sein.«

»Ja wohl, Sir, und ich kann mich nicht genug darüber wundern. Beide sind schon Antiquitäten gewesen – wie man in England sagt – als ich in dieses Land kam, und damals waret Ihr noch gar nicht einmal geboren, Mr. Hugh; 's ist schon ein Menschenalter her. Da sitzen sie nun, Sir, Tag auf Tag ein, und man könnte sie für Monumente aus vergangenen Zeiten ansehen. Der Nigger« – John hatte sich schon lange genug im Lande aufgehalten, um unsere heimischen Ausdrücke kennen zu lernen – »der Nigger wird mit jedem Jahr häßlicher und häßlicher. Dieß ist fast der einzige Unterschied, den ich an ihm bemerken konnte, während ich glaube, daß der Indianer nur schöner und schöner wird. Er ist der schönste alte Gentleman, Sir, den ich weit und breit kennen gelernt habe.«

»Ein alter Gentleman!« welch' eine ausdrucksvolle Bezeichnung war dieß nicht in dem gegenwärtigen Falle! Selbst in diesen »aristokratischen« Tagen, wo es mehr »Gentlemen« gibt, als Brombeeren, würde kein Mensch daran gedacht haben, Jaaf einen »alten Gentleman« zu nennen, während alle Welt geneigt sein mußte, Susquesus in dieser Weise zu bezeichnen. Der Onondago war wirklich ein Gentleman in der besten Bedeutung dieses Wortes, obschon ihm allerdings gewaltig viel von dem blos conventionellen Ton fehlte. Was John betraf, so würde er sich mir gegenüber nie dieses Wortes bedient haben, wenn sich's nicht um einen Fall gehandelt hätte, in welchem er der Ueberzeugung lebte, die in Sprache stehende Person habe Anspruch auf eine solche Bezeichnung.

»Mit seinem grauen oder weißen Kopf, mit seinen blitzenden Augen, seinen ruhigen Zügen und seiner ausdrucksvollen Haltung ist Susquesus in der That ein großartiger Anblick,« entgegnete ich, »während ich zugleich gestehen muß, daß Jaaf nicht unter die Schönheiten gezählt werden kann. Wie kommen denn die beiden alten Männer mit einander aus?«

»Es gibt viel Hader unter ihnen, Sir – das heißt der Nigger ist streitsüchtig, obschon der Indianer zu weit über ihm steht, um auf das zu achten, was er sagt. Auch will ich nicht sagen, daß Yop wirklich eine unverträgliche Person sei, Sir, denn er hat die größtmögliche Achtung vor seinem Freund; gleichwohl aber übertreibt er in der erstaunlichsten Weise – nun, ich glaube, daß dieß in der Natur eines Niggers liegt.«

»Hoffentlich hat man ihnen doch während meiner Abwesenheit nichts abgehen lassen. Ich zähle darauf, daß man für ihren Tisch und für ihre sonstigen Bequemlichkeiten geeignete Sorge trug?«

»Laßt Euch dieß nicht kümmern, Sir, denn so lange Mrs. Littlepage lebt, fehlt es hieran nicht. Sie liebt die alten Männer, als wäre sie ihr leibliches Kind, und hat sie mit Allem versehen, was sie möglicherweise brauchen können. Betty Smith, Sir – Ihr erinnert Euch doch noch an Betty, die Wittwe des alten Kutschers, welcher starb, als Ihr auf dem College waret – nun, Betty Smith hat während der letzten vier Jahre nichts Anderes zu thun gehabt, als nach den beiden Greisen zu sehen. Sie hält in der Hütte Alles in Ordnung, fegt sie zweimal in der Woche, besorgt die Wäsche, näht für die alten Männer, kocht für sie und läßt's ihnen an keiner Bequemlichkeit abgehen. Sie hat ihre Wohnung hart nebenan in der andern Hütte, Sir, so daß sie gleich bei der Hand ist.«

»Ich freue mich, dieß zu hören. Verirrt sich hie und da einer von den alten Knaben bis nach dem Nesthaus herunter, John? Ehe ich auf Reisen ging, waren sie die täglichen Gäste im Haus.«

»Dieser Brauch ist ein bischen abgekommen, Sir, obschon sich der Nigger noch ziemlich oft einstellt. Ist das Wetter gut, so kann man ihn ein- oder zweimal in der Woche im Nest sehen. Er macht dann in der Küche seinen Besuch und bleibt oft den ganzen Morgen dort sitzen; dann erzählt er die ärgsten Geschichten, Sir – ha, ha ha – ja, Sir, die ärgsten Geschichten, die man nur je gehört hat.«

»Und welcher Art sind denn diese Erzählungen, daß Ihr sie so belustigend findet?«

»Er ist der Meinung, Sir, Alles im Land gehe zu Grunde und sei viel schlechter, als zur Zeit seiner jüngeren Jahre. Die Truthühner seien nicht mehr so groß, Sir, und das Geflügel sei heutzutag nur ärmliches Zeug. Auch mit den Hämmeln ist er nicht zufrieden, weil sie nicht mehr so fett werden, Sir, und mit dergleichen Ungeheuerlichkeiten treibt er's fort.«

John lachte hier abermals herzlich, obschon man ihm recht gut anmerken konnte, daß solche Vergleichungen durchaus nicht nach seinem Geschmack waren.

»Und Susquesus« – fragte ich – »ist er auch so tadelsüchtig wie sein Freund?«

»Sus kömmt nie in die Küche, Sir – nie. Er weiß, daß alle Leute von Stand und von besseren Klassen durch das große Portal eintreten, weßhalb er sich nie eines anderen Eingangs bedient, weil er selbst zuviel von einem Gentleman an sich hat. Nein, Sir, ich habe Sus in meinem Leben nie in der Küche oder in dem Bedientenzimmer gesehen; auch läßt Mrs. Littlepage seinen Tisch nirgends anders decken, als in den oberen Zimmern oder auf der Piazza, wenn sie ihn mit etwas Absonderlichem zu tractiren wünscht. Der alte Gentleman hat viele Ueberlieferungen, wie er's nennt, im Kopf, Sir, und kann gewaltig viele Geschichten aus alten Zeiten erzählen; aber sie handeln nicht von Truthühnern, Rossen, Gartenerzeugnissen und dergleichen Dingen, an denen Yap in so verdrießlicher Weise mäckelt.«

Ich dankte nun John wiederholt für die Höflichkeit, die er mir als Musikanten erwiesen, und entließ ihn, um mich meinem Onkel anzuschließen. Als wir das kleine Besuchzimmer betraten, wo uns die ganze Gesellschaft erwartete, ehe wir zu Tisch gingen, entfuhr Allen ein gemeinsamer Ausruf freudiger Ueberraschung. Martha küßte mich abermals und erklärte, daß ich jetzt wieder Hugh sei; sie habe immer gedacht, daß ich so aussehen müsse – sie erkenne jetzt ihren Hugh in mir an, und was dergleichen mehr war. Meine Großmutter trat an meine Seite, streichelte mir das Haar und blickte mir mit thränenvollen Augen in's Gesicht, da meine Züge sie an ihren früh verstorbenen Erstgebornen erinnerten. Was die beiden anderen Damen, die Mündel meines Onkels Ro betraf, so benahmen sie sich mit lächelnder Freundlichkeit und schienen geneigt zu sein, den alten freundlichen Verkehr wieder aufzunehmen, während Mary Warren sich noch immer in den Hintergrund hielt, obschon ich ihrem bescheidenen, halb abgewandten Blick und ihren glühenden Wangen anzusehen glaubte, daß sie mit dem Glück ihrer Freundin Patt eben so innig, vielleicht noch inniger sympathisirte, als irgend eines von den anderen Mädchen.

Bevor wir zu Tisch gingen, schickte ich einen Diener nach dem Dachgiebel hinauf, damit er sich nach meinen rothen Freunden, welche die Landstraße einherkommen mußten, umsehe. Er kam mit der Meldung zurück, daß sie die Straße entlang zögen und wahrscheinlich im Lauf von einer halben Stunde das Nest erreichen würden; sie hätten eine Weile Halt gemacht und, so viel er vermittelst seines Fernglases habe entdecken können, ihre Gesichter gemalt, desgleichen auch in anderer Weise ihre Toilette geordnet, um sich für die erwartete Begegnung vorzubereiten. Nach dieser Mittheilung setzten wir uns in der Absicht zu Tisch, die Häuptlinge zu empfangen, sobald sie eintreffen würden.

Das Mahl wurde in Frohsinn und Heiterkeit begangen. Der Zustand des Landes und die Entwürfe meiner Pächter waren für den Augenblick vergessen, denn die Unterhaltung befaßte sich nur mit jenen näher liegenden Interessen und Gefühlen, welche naturgemäß zu solcher Zeit vorzugsweise unser Inneres anregten. Endlich warf meine liebe Großmutter scherzhaft die Bemerkung hin:

»Du mußt einen wahren Instinkt für die Entdeckung verschwiegener Personen haben, Hugh; denn Du hättest in der That Dein Vertrauen nicht besser anbringen können, als es heute Morgen während Deiner Fahrt nach dem Dorfe der Fall war.«

Mary erröthete wie ein italienischer Abendhimmel und schlug die Blicke zu Boden, um ihre Verwirrung zu verbergen.

»Ich weiß nicht, theure Großmutter, ob meinerseits nicht der Grund in einer bloßen Eitelkeit lag,« lautete meine Antwort; »denn ich gestehe, daß es mir in hohem Grade zuwider war, in Miß Warren's Augen als ein gewöhnlicher Musikant zu erscheinen.«

»Ei, Hugh,« fiel die naseweise Patt ein, »hatte ich Dir nicht vorhin schon gesagt, daß sie Dich für einen sehr ungewöhnlichen Musikanten halte? War es ja doch Dein Flötenspiel, über das sich Miß Warren in ein so beredtes Lob ergossen hat.«

»Martha!«

Dieser Ausruf von Mary Warren in halb vorwurfsvoller Dämpfung bekundete, daß das holde Mädchen sich wirklich beklommen zu fühlen anfing, und meine achtsame Großmutter gab der Unterhaltung in so geschickter Weise, wie man dieß nur von der gereiften Lebenserfahrung einer gebildeten Dame erwarten kann, eine andere Wendung. Sie benahm sich ganz einfach dabei, indem sie blos Mr. Warren eine Schüssel Gemüse anbot; aber die Art, wie sie es that, wechselte mit einemmale das Gesprächsthema.

Während des ganzen Diners konnte ich mich der Ueberzeugung nicht entschlagen, daß zwischen mir und Mary Warren ein stummer geheimnißvoller Verkehr stattfand, der wahrscheinlich den Uebrigen entging, unter uns beiden aber zum vollen Bewußtsein kam. Ja, es mußte so sein, denn dieses Bewußtsein drückte sich unverkennbar in Mary's Erröthen und sogar in ihren abgewandten Augen aus, so daß selbst die beredteste Sprache nicht überzeugender auf mich hätte wirken können.


 

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