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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 19
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel.

O Tuskarorakönig, wär' er hier
Um, mir zur Seite hier, dein edles Bild zu schauen
In der Medaillen und des Bartes Zier,
Das Schwarze Feueraug', die sinnig ernsten Brauen –
Die Stirne, kriegerisch halb, halb höfisch fein,
Den Blick so schwunghaft, gleich dem kühnen Flug der Aare.
Wie würde gen der Freiheit Land so klein
Europa auch im Glanz der Könige und Czaare.

Rothjacke.

 

Onkel Ro ließ die beiden Pächter ruhig ziehen, obgleich ich seinem Gesichte anmerkte, daß er die ganze Abgeschmacktheit des Gewäsches, dem wir eben zugehört, gefühlt hatte. Wir waren noch etwa tausend Schritte von den Wäldern entfernt, als acht Inschens auf den Wagen zugalopirten, der unmittelbar hinter uns fuhr und einen anderen meiner Pächter mit dessen ältestem Sohn, einem Jungen von sechzehn Jahren, barg. Der Alte hatte das Bürschlein mitgebracht, damit es auch etwas lerne und sein Rechtlichkeitsgefühl durch die selbstsüchtige Mystifikation, die im Lande herrschte, umgestürzt werde – eine väterliche Sorgfalt von ziemlich zweideutigem Verdienst. Ich habe gesagt, das die Inschens aus acht Mann bestanden; aber sie hatten nur vier Pferde, und jedes derselben mußte zwei Personen tragen. Sobald das vordere Paar des Haufens den erwähnten Wagen erreicht hatte, wurde dieser angehalten, und der Eigenthümer erhielt Befehl, auszusteigen. Obschon nun letzterer ein entschiedener Antirenter war, so entsprach er der Weisung doch nicht mit der besten Geneigtheit, oder vielmehr gar nicht, bis dieses Bruchstück seines eigenen Corps d'armée einige Gewalt brauchte. Vater und Sohn waren bald auf die Landstraße gesetzt, worauf zwei von den »verkappten Bewaffneten« sich der freien Plätze bemächtigten, das Roß antrieben und in wüthender Eile an uns vorbeifuhren. Dem Eigenthümer des Fuhrwerks nickten sie zuvor noch zu und trösteten ihn wegen seines jeweiligen Schadens, indem sie ihm bedeuteten: »Inschen brauchen ihn – Inschen guter Kerl – Ihr wißt.«

Ob dieß nun der verblüffte Vater wußte oder nicht, konnten wir nicht ausfindig machen; jedenfalls aber sah er aus, als wünsche er die Inschen überall hin, nur nicht in ihre »glücklichen Jagdgründe«. Wir fuhren lachend weiter, denn es lag in der menschlichen Natur, sich an einer derartigen Schaustellung des Zwangssystems oder einer praktischen Anwendung der »Freiheit und Gleichheit« zu ergötzen, um so mehr, da ich wußte, der »ehrliche, fleißige hornhändige Bebauer des Bodens« wolle mich um eine Farm betrügen oder doch, um den Fall von einem günstigeren Standpunkte aufzufassen, mich zwingen, sie ihm für einen Preis zu verkaufen, den er mir selbst bestimmte. Damit war's übrigens noch nicht genug, denn wir fanden, noch ehe wir die Wälder erreichten, weiteren Anlaß zur Heiterkeit. Holmes und Tubbs trabten gleichfalls zu Fuß auf der Landstraße weiter, denn die andern beiden Ehrenmänner, welche en croupe gesessen, hatten sie gleichfalls ihres Wägelchens beraubt und ihnen bedeutet, sie sollen es den Inschens auf Rechnung bringen. – Wir erfuhren nachher, daß dieses Verfahren sehr allgemein war. Der Eigenthümer erhielt gewöhnlich sein Pferd und sein Gespann einige Tage später wieder, mußte sich aber selbst darum bemühen, wenn er hörte, es sei in dieser oder jener Schenke in einiger Entfernung von seinem Wohnplatze stehen geblieben. Was den alten Holmes betraf, so fanden wir ihn, als wir ihn einholten, voll ehrenhafter Entrüstung, und sogar Tubbs machte eine saure unzufriedene Miene, als glaube er, daß Freunde wohl zu einer bessern Behandlung berechtigt seien.

»Was gibt's?« rief Onkel Ro, der sich die ganze Zeit über des Lachens kaum erwehren konnte. »Was habt ihr denn? wo ist euer schöner Wagen und euer rüstiger Gaul hingekommen?«

»Es ist zu arg! – ja es ist einewege zu heillos!« grunzte Holmes. »Da bin ich nun mit meinen Siebenzigen, der vollen Zeit für die Menschen, wie die Bibel sagt – und Ihr wißt ja, was die Bibel sagt, muß wahr sein. – Da bin ich, und sie haben mich auf die Landstraße geschmissen wie einen Sack mit Kartoffeln, um volle zwei Stunden weit zu Fuß weiter zu traben, bis ich mein Haus erreiche! Es ist zu arg – es ist einewege eine gränzenlose Bosheit!«

»Oh, 's ist gleichwohl nur eine Kleinigkeit im Vergleich mit dem Uebelstand, wenn Ihr aus Eurer Farm geschmissen worden wäret.«

»Ich weiß nicht – ich weiß nicht! – Gleichwohl mag's recht sein, denn 's ist nur auf die gute Sache abgesehen. Man will der Aristokratie das Handwerk legen und die Menschen wirklich gleich machen, wie's vom Gesetz beabsichtigt ist. Aber ich muß noch einmal sagen, es ist einewege zu arg.«

»Und bei einem so alten Manne!«

»Ja, ich bin siebenzig – fehlt kein Tag daran, 's kann nimmer lang mit mir dauern, und meine Füße sind schwach. Ja, die Bibel sagt, das menschliche Leben beschränke sich so ziemlich auf die Siebenzig, und der Bibel will ich nie entgegen treten.«

»Und was sagt denn die Bibel, wenn Ihr begehrt Eures Nächsten Gut?«

»Dieß ist schwer verboten! Ja über diesen Punkt steht viel in dem guten Buch, und ich weiß dieß, weil man mir's vorgelesen hat – ja, und weil ich's auch selbst gelesen habe während meiner Siebenzig. Es ist eine schwere, schreckliche Sünde. Ich will dieß den Inschens sagen, sobald sie das nächste Mal wieder meinen Wagen haben wollen. Die Bibel erklärt sich durchaus gegen solche Praktiken.«

»Die Bibel ist ein gutes Buch.«

»Ja wohl – ja wohl – und aus seinen Blättern läßt sich viel Trost und Hoffnung erholen, wie ich selbst an mir erfahren habe. Es freut mich, zu finden, daß man in Tscharmany auch etwas auf die Bibel hält. Ich habe stets gemeint, wir hätten in Ameriky fast allein etwas von der Religion, und es ist erfreulich, zu hören, daß man auch in Tscharmany was davon findet.«

Diese ganze Zeit hatte der alte Holmes zu Fuß weiter gekeucht, während Onkel Ro sein Pferd im Schritt gehen ließ, um sich mit dem alten Burschen unterhalten zu können.

»O ja – ja – es ist noch einige Religion in der alten Welt geblieben – die Puritaner, wie Ihr sie nennt, haben nicht Alles mitgenommen.«

»Desperat gute Leute das! Wir haben alle unsere besten Zustände von unsern Puritanischen Vorvätern überkommen. Einige Leute sagen, daß wir Alles, was wir in Ameriky haben, diesen Heiligen verdanken.«

»Ja – und wenn's auch nicht so wäre, so liegt nichts daran; denn sie werden gewiß noch ganz Ameriky kriegen.«

Holmes gerieth in Verlegenheit, pustete sich aber gleichwohl weiter, und warf sehnsüchtige Blicke nach unserem Wagen, während er bemüht war, mit demselben gleichen Schritt zu halten. Da er besorgte, wir möchten schärfer ausholen und ihn verlassen, so setzte er das Gespräch fort:

»Ja,« sagte er, »zuletzt muß doch unsere Ermächtigung zu Allem von der Bibel herstammen. Sie sagt uns, wir sollen keinen Groll im Herzen tragen; und dieß ist eine Regel, der ich stets nachzukommen bemüht bin; denn Ihr seht, ein alter Mann kann seiner sündigen Natur nicht mehr so nachhängen, selbst wenn er wollte. Da bin ich jetzt in Little-Neest unten gewesen, um dem Antirenten-Meeting anzuwohnen – aber ich habe keinen Groll gegen Hugh Littlepage, gewiß nicht – eben so wenig, als wenn er gar nicht mein Grundherr wäre. Ich verlange nichts weiter von ihm, als meine Farm unter solchen Bedingungen, daß ich und die Jungen nach mir darauf bestehen können. Es kommt mir schrecklich hart und bedrückend vor, daß die Littlepage's uns den Platz verweigern sollten, nachdem ich ihn schon für die Dauer von drei ganzen Leben bearbeitet habe.«

»Und sie sind mit Euch einig geworden, daß sie Euch die Farm verkaufen wollen, wenn die drei Lebensdauern vorüber wären?«

»Nein, nicht ausdrücklich gerade – dieß muß ich gestehen. Was den Handel betrifft, so fehlt's nicht, daß der Vortheil ganz auf Seite der Littlepage ist. Ihr Großvater hat's so eingeleitet, und wenn Ihr nicht so schnell fahren wollt, da ich ein bischen kurzathmig bin, so sollt Ihr hören, wie die Sache steht. Gerade dieß ist's, worüber wir uns beklagen, denn der Handel ist so ganz und gar zu seinem Vortheil. Nun, meine Lebenszeiten haben verzweifelt gut ausgehalten. Meint Ihr nicht, Shabbakuk?« wandte er sich berufend an Tubbs. »Es sind volle fünfundvierzig Jahre, seit ich den Pacht antrat, und ein Leben, das meiner Alten, ist noch im Dasein, wie man's nennt, obschon's eine Art von Dasein ist, das man eben so gut entbehren könnte. Sie kann's nicht lange mehr treiben, und dann geht diese Farm, auf die ich so große Stücke halte, auf der ich fast mein ganzes Leben lang meinen Unterhalt gewonnen habe und auf der ich vierzehn Kinder groß zog – aus meinen Händen, um Hugh Littlepage zu bereichern, der ohnehin schon so viel hat, daß er sein Geld nicht wie ehrliche Leute daheim verbrauchen kann, sondern in's Ausland gehen muß, um es in einem üppigen Leben zu verschwelgen, wie die Leute sagen. Ja, wenn mir nicht der Gouverneur und die Legislatur aus meiner Noth hilft, so sehe ich wohl, daß Hugh Littlepage Alles kriegt. ›Der Reiche muß noch reicher und der Arme ärmer werden.‹«

»Und wie kommt's denn, daß es so grausam unter euch zugeht? Warum können in Ameriky die Leute nicht ihr Eigenthum behalten?«

»Ja, seht Ihr, daran liegt's eben. Dem Gesetz nach ist's nicht mein Eigenthum, sondern nur nach der Natur und nach dem Geist der Institutionen, wie man's nennt. Freilich läge mir nicht viel daran, wie ich dazu gekommen wäre, wenn ich's nur hätte. Kann's der Gouverneur so weit bringen, daß die Grundbesitzer verkaufen oder überhaupt abtreten müssen, so darf er jedenfalls auf meine Unterstützung zählen, vorausgesetzt, daß der Preis nicht zu hoch angesetzt ist. Ich hasse hohe Preise, denn sie vertragen sich durchaus nicht mit einem freien Lande.«

»Sehr wahr. Ich meine, durch Euern Vertrag habt Ihr die Farm unter raisonnablen Bedingungen, da Ihr schon so lang im Besitz seid.«

»Ich zahle nur zwei Schillinge für den Acre,« antwortete der alte Kerl mit einem verschmitzten Blick, als wolle er damit andeuten, was für ein Kapitalgeschäft er in der Sache gemacht habe, »oder fünfundzwanzig Dollars jährlich für hundert Acres. Ich gebe zu, dieß ist nicht viel; aber meine drei Leben haben so desperat ausgehalten, bis hier herum die Landpreise auf vierzig Dollars gestiegen sind, und ich kann eben so wenig die Fortdauer dieses Preises erwarten, als ich hoffen darf, Kongreß-Mitglied zu werden. Wenn ich den Platz verpachten wollte, so könnte ich morgen hundert und fünfzig Dollar so gutes Geld dafür kriegen, als nur irgend eines zu finden ist.«

»Und wie viel dürfte wohl Squire Littlepage bei Verwilligung eines neuen Vertrags ansprechen?«

»Einige denken zweiundsechzig und einen halben Dollar, obgleich wieder Andere der Meinung sind, er werde die Farm mir auf weitere drei Lebensdauern für fünfzig Dollars ablassen. Als der alte Schin'ral die Urkunde unterzeichnete, sagte er mir, ich habe einen guten Handel gemacht; ›doch gleichviel,‹ sagte er: ›wenn ich Euch gute Bedingungen stelle, so werdet Ihr dafür ein um so besserer Pächter sein, und ich sehe auf den Vortheil meiner Nachkommenschaft so gut, wie auf meinen eigenen; wenn ich auch nicht so viel daraus erziele, als ich erhalten könnte,‹ sagt er, ›so wird es meinen Kindern oder meinen Kindskindern zu gut kommen. Der Mensch muß in dieser Welt nicht ganz für sich leben wollen, besonders wenn er Kinder hat.‹ Das sind gute Ideen gewesen – meint Ihr nicht?«

»Man sollte stets so denken. Und wie viel würdet Ihr gutwillig für die Farm zahlen, wenn Ihr eine neue Urkunde erhalten könntet?«

»Je nun, es gibt verschiedene Ansichten über den Gegenstand. Die am meisten beliebte besteht darin, daß Hugh Littlepage veranlaßt werden solle, den alten Vertrag voll zu gewährleisten. Ihr wißt, Verbindlichkeit ist das Wichtigste in einem Kontrakt – –«

»Ja, aber nicht vielleicht auch in einen Pachtkontrakt?« fügte mein Onkel trocken bei.

»Dieß kömmt darauf an. Aber Andere sagen, die Farmen sollen ganz abgetreten und das Dokument darüber ausgestellt werden, wenn die Pächter ihrem Grundherrn den Preis des Landes aus der Zeit, als das Patent ertheilt wurde, sammt den Interessen bis auf den heutigen Tag entrichten. Es scheint mir desperat hart zu sein, außer dem, wie bisher geleistet wurde, noch Kapital und Zinsen zu zahlen.«

»Habt Ihr bereits eine Berechnung gemacht, wie hoch sich in einem solchen Falle die Summe belaufen dürfte?«

»Ich nicht, aber Shabbakuk. Sagt dem Gentleman, Shabbakuk, wie viel wohl auf den Aker kommen wird.«

Shabbakuk war ein weit verschmitzterer Spitzbube, als sein Nachbar Holmes. Letzterer hatte blos einen sehr beschränkten, auf den Eigennutz berechneten Gesichtskreis, weil er sein ganzes Leben über nur damit beschäftigt gewesen war, sich ein Vermögen zusammenzuscharren, weßhalb denn auch sein Geist vollkommen in die Schlingen und Netze dieser Welt gefallen war; sein Begleiter dagegen ergriff, wie der Franzose sagt, die Initiative in der Schurkerei, indem er nicht blos die Entwürfe der Bosheit ausführte, sondern die Plane dazu selbst entwarf. Augenscheinlich behagte ihm diese Berufung auf seine Rechenkunst nicht; da er jedoch keine Ahnung davon hatte, mit wem er sprach, und in dem Wahne lebte, jeder Angehörige der niedrigeren Lebensklasse müsse ein Verbündeter des Plans sein, »den Reichen ärmer und den Armen reicher zu machen,« so ließ er sich etwas weiter über den Gegenstand aus, als sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Nach einer kurzen Erwägung las er uns seine Antwort von einem Streifen Papier ab, auf welchem er die ganze Summe zur Benützung für das letzte Meeting umständlich berechnet hatte.

»Das Land war, als es der erste Littlepage erhielt, meinetwegen zehn Cents dem Acre nach werth, und dieß ist ein liberaler Preis. Wir wollen nun achtzig Jahre rechnen, denn die Zeit des alten Herman Mordaunt können wir nicht mitzählen, weil damals das Land fast nichts werth war. Die Interessen aus zehn Cents, zu sieben Prozent berechnet, geben jährlich sieben Mills oder fünfhundert und sechzig Mills für achtzig Jahre. Zins aus Zins habe ich natürlich nicht gerechnet, weil diese ungesetzlich sind und in den Anschlag nichts Ungesetzliches aufgenommen werden darf. Zählen wir zu den 560 Mills die 10 Cents, so erhält man 660 Mills oder 66 Cents. Diese Summe nun, oder eine Summe nach denselben Grundsätzen berechnet, wollen alle Pächter gern für ihre Farmen zahlen Damit der Leser nicht glaube, Mr. Hugh Littlepage habe das Obige erfunden, will ich beifügen, daß landauf und landab noch weit übertriebenere Vorschläge offen unter den Antirentern in Umlauf kamen. Der Herausgeber., und wenn es noch Gerechtigkeit gibt, so müssen sie's noch darum kriegen.«

»Dieß scheint mir aber ganz wenig für ein Stück Landes zu sein, das jetzt jährlich vom Acre einen Dollar Rente zahlt.«

»Ihr vergeßt, daß die Littlepage's während der vollen Zeit von achtzig Jahren die Rente bezogen haben.«

»Und die Pächter haben während der vollen Zeit von achtzig Jahren die Farmen benützt.«

»Oh, wir rechnen das Land gegen die Arbeit. Wenn mein Nachbar Holmes da seine Farm fünfundvierzig Jahre bewirthschaftet hat, so kam dagegen der Farm fünfundvierzig Jahre lang seine Arbeit zu gut. Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß der Gouverneur und die Legislatur alles Dieß prächtig versteht.«

»Wenn dieß der Fall ist, so müssen sie auch ganz prächtig für ihre hohen Posten passen,« antwortete Onkel Ro, indem er sein Pferd in Trab peitschte. »Oh es ist ein bedeutender Vortheil für ein Land, wenn es große Gouverneure und große Gesetzgeber hat. Guten Tag.«

Und fort ging's, während Nachbar Holmes, Shabbakuk Tubbs, der Gouverneur und die ganze Gesetzgebung mit ihrer vereinten Moral, Weisheit, Logik und Philosophie auf der Landstraße zurückblieben. Onkel Ro schüttelte den Kopf und lachte dann, da er sich die Abgeschmacktheit dessen, was er eben gehört hatte, nicht aus dem Sinn schlagen konnte. Ohne Zweifel lassen sich Viele finden, welche Grundsätze und Ansichten, die dem Wesen nach den eben mitgetheilten um kein Haar nachstehen, offen ausgesprochen haben, aber doch dieselben ableugnen, wenn man sie ihnen vorhält. Es kömmt häufig genug vor, daß Menschen ihre eigenen Kinder nicht anerkennen, wenn sie sich der Umstände schämen, durch welche sie in's Dasein gerufen wurden. Aber im Verlauf dieser Streitfrage habe ich oft gehört und in den Zeitungen gelesen, wie Männern von Ansehen sogar bei Gelegenheit der Aufführung ihrer öffentlichen Reden Grundsätze in den Mund gelegt wurden, die, wenn man ihnen ihre sehr dünne Hülle abstreifte, ganz auf demselben Niveau mit Denjenigen standen, welche wir eben von Holmes und Tubbs gehört haben. Ich weiß zwar, daß bis jetzt noch kein Gouverneur auf die Bedrängnisse der Pächter mit endlichen Pachtverträgen angespielt hat; indeß wäre es eitle Mühe, abläugnen zu wollen, daß man Grundsätzen oder vielmehr einem Mangel an Grundsätzen die Thüre geöffnet hat, unter welchem, wenn dem Uebel nicht bald Einhalt gethan wird, alles derartige Eigenthum in dem Strome eines rücksichtslosen Pöbelgeschreis untergehen muß. Ich sage, dem Uebel, denn es ist ein Fluch für jede Gemeinde, die Sicherheit des Eigenthums zu zerstören, und noch dazu eine Sicherheit, die man bisher für die beste gehalten hat. Ja, der Fluch wird im moralischen Sinn um so verderblicher, weil dadurch nur die Habgier, welche der große Haufen an den Tag legt, beschwichtigt werden soll.

Wir hatten bald Holmes und Tubbs aus dem Gesichte verloren und fuhren nun in den Wäldern weiter. Ich gestehe, daß ich jeden Augenblick erwartete, Hall in den Händen der Inschens zu treffen, denn die Aufregung der letzteren schien mir hauptsächlich gegen ihn gerichtet gewesen zu sein. Wir sahen jedoch nichts der Art, und hatten nahezu den nördlichen Rand des Waldstreifens erreicht, als wir der beiden Wagen ansichtig wurden, deren sich die edle Soldateska so ritterlich bemächtigt hatte. Auch zwei von den Reitern waren in ihrem Geleite. Die ganze Gruppe hatte seitwärts von der Landstraße Halt gemacht, und ein einzelner Inschen hielt Wache dabei, so daß wir hieraus entnehmen konnten, daß wir uns einer Scene von einigem Interesse näherten.

Mein Onkel und ich erwarteten zuverlässig, wenn wir den erwähnten Platz erreichten, wieder angehalten zu werden; es trat uns jedoch Niemand in den Weg, und wir durften ohne Behelligung weiter fahren. Sämmtliche Pferde standen mit Schaum bedeckt da, als seien sie scharf angetrieben worden, sonst aber deutete nichts auf etwas Absonderliches, als etwa die Anwesenheit der einzelnen Schildwache. Auch dieser Kerl belästigte uns in keiner Weise, und wir fuhren so langsam oder schnell weiter, als es Tom Millers Gaule beliebte, bis wir nahe genug an den Rand des Waldes kamen, um einen Blick in die offenen Felder jenseits werfen zu können. Hier bemerkten wir jedoch gewisse Bewegungen, die, wie ich bekennen muß, mir einige Besorgniß einflößten.

In dem Gebüsch, das die Landstraße säumte und schon weiter oben beschrieben wurde, erblickte ich mehrere von den »verkappten Bewaffneten,« welche augenscheinlich im Hinterhalt lagen. Ihre Zahl mochte im Ganzen aus ungefähr zwanzig Mann bestehen, und wir konnten jetzt deutlich erkennen, daß Diejenigen, welche die Wagen in ihren Dienst gepreßt hatten, vorwärts geeilt waren, um ihren Haufen zu verstärken. Ich glaubte nun sicherlich angehalten zu werden; aber es war nicht der Fall, und wir durften eben so gut, wie bei den Wagen und Pferden, unbehelligt weiter ziehen, obschon es dem Haufen bekannt sein mußte, daß wir von ihrer Anwesenheit an diesem Platze unterrichtet waren. So ging es denn weiter und wir erreichten bald ohne Belästigung das offene Land. Es stund indeß nicht lange an, bis sich das Geheimniß uns aufklärte. Ein Weg lief von dem höheren Grunde, der ein wenig links von uns im Westen lag, abwärts, und wir erblickten auf demselben in schnellem Schritt einen Haufen Männer, die wir Anfangs irrtümlicher Weise für eine Abtheilung der Inschens hielten, bei näherer Musterung aber als Indianer oder eigentliche Rothhäute erkannten. Der Unterschied zwischen beiden ist sehr groß, wie jeder Amerikaner gerne zugeben wird, obgleich Viele, welche diese Schrift lesen, von mir eine weitere Erklärung verlangen dürften. Es gibt »Indianer« und »Inschens.« Der Inschen ist ein Weißer, der, weil er sich mit unwürdigen und ungesetzlichen Umtrieben abgibt, sein Gesicht verhüllen und als Verkappter sein Wesen treiben muß. Der Indianer dagegen ist ein rother Mann, der sich weder fürchtet noch scheut, vor Freund und Feind sein Gesicht zu zeigen. Ersterer ist ein Werkzeug ränkesüchtiger Demagogen, der Miethling unzufriedener habgieriger Menschen, welche der Wahrheit und dem Rechte Hohn sprechen, während sie sich selbst glauben machen wollen, ihre Thätigkeit ziele auf nichts ab, als auf Durchführung »des Geists derselben Institutionen«, die sie schänden und zugleich scheuen, während der Andere nur sich selbst dient und sich vor nichts fürchtet. Der Eine flieht und meidet die Pflichten, welche ihm die Zivilisation auflegt, der Andere aber, obgleich ein Wilder, gibt sich wenigstens für nichts Anderes, als was er ist.

Es fehlte nicht – wir sahen wirklich eine Abtheilung von etwa sechzehn oder achtzehn wirklichen Ureingeborenen. Man bemerkt zwar häufig genug einen oder zwei Indianer, die vielleicht etliche Weiber bei sich haben, und im Lande umherstreifen, um Körbe zu verkaufen. Früher bestand ihr Handel aus Besen, aber in neuester Zeit hat der Gang des Aufschwungs ein so rohes Fabrikat fast ganz aus dem Lande verbannt. Heutzutag übrigens ist es eine sehr ungewöhnliche Erscheinung, wenn man im Herz des Staates einen ächten indianischen Krieger trifft, der die Büchse und den Tomahawk mit sich führt; doch in solcher Bewaffnung zogen Diejenigen einher, welche wir hurtig den Weg herunterkommen sahen. Onkel Ro war eben so erstaunt, wie ich selbst, und er machte an der Verbindung der beiden Landstraßen Halt, um die Ankunft der Fremden zu erwarten.

»Dieß sind ächte Rothhäute, Hugh – in der That ein edler Stamm,« rief mein Onkel, sobald der Haufen nahe genug war, um sich besser unterscheiden zu lassen. »Ohne alle Frage Krieger aus dem Westen, die von einem Weißen begleitet werden. Was können sie möglicherweise in Ravensnest wollen?«

»Vielleicht gedenken die Antirenters ihre Pläne zu erweitern und die ächten Söhne des Urwalds in ihren Bund zu ziehen. Glaubt Ihr nicht, daß es damit auf eine Einschüchterung abgesehen ist?«

»Einschüchtern – wen? die Weiber und Kinder der Antirenters? Doch da kommen sie – wahrhaftig ein edler Haufen! Wir können sie anreden.«

Sie kamen heran – siebenzehn von dem schöneren Stamm der Rothhäute, wie man sie jetzt bisweilen unter uns sieht, wenn sie von ihren fernen Prairien herkommen oder dahin wieder zurückkehren; denn der weiße Mann hat bereits den Indianer sammt den Bären, den Elenten und dem Musethier aus den amerikanischen Forsten nach jenen weiten Ebenen gedrängt.

Wo die Ausbreitung der amerikanischen Nation enden wird – dieß ist eines von den Geheimnissen der göttlichen Vorsehung. Bleibt sie sich selbst – bleibt sie dem Recht getreu und übt sie Billigkeit – nicht im Sinne der Unterwerfung unter das Geschrei der Massen, sondern im Sinne einer guten Gesetzgebung – so kann unsere Republik alle Einmengung der europäischen Gewalt, wenn sie es auf unsere heimischen Interessen abgesehen hat, als eine durch Jahrhunderte morsch gewordene Politik, welche nicht mehr in die Geschichte und Denkweise unserer Zeit paßt, verlachen und zur Erfüllung einer Bestimmung fortschreiten, die, wenn sie nach der augenfälligen Absicht des Weltenlenkers angestrebt wird, alle uns vorausgegangenen Staaten so tief in den Schatten stellen muß, wie der Berg das Thal. Indeß darf man nicht vergessen, daß die herrlichste Morgenröthe einen sehr trüben Tag einzuführen im Stande ist, daß der verheißungsvollsten Jugend nicht selten ein Mannesalter voll getäuschter Hoffnungen und vereitelter Wünsche folgt – ja, daß selbst der anerkannte Mann Gottes vom Glauben abfallen und eine Laufbahn, die er tugendhaft begonnen, endigen kann in Verworfenheit und Sünde. Völker sind gegen den Einfluß der Versuchung eben so wenig gesichert, als einzelne Personen, und namentlich besitzt die amerikanische Nation eine Schwäche, die ihr eigenthümlich ist. Statt in Nothfällen das sicherste Rettungsmittel in dem volksthümlichen Princip zu gewinnen, bieten eben die Unverantwortlichkeit und der gewaltthätige Charakter dieses Princips die Hauptgefahr. Bliebe es in den Schranken des Rechts, so wäre es in bewundernswürdiger Weise geeignet, das gewöhnliche Wirken der Habgier und Selbstsucht, wie sich dieß gewöhnlich in erkünstelteren Regierungsformen ausdrückt, zu zügeln; gestattet man aber, daß es die ihm gesetzten Schranken durchbreche, so wird es zu einem wilden Strome, der beim Eisgang des Frühlings sein Bette zerreißt und in seinem zerstörenden Laufe alles Schöne und Wohlthätige, das wir der Natur sowohl als der Kunst verdanken, verwüstet. Bis jetzt hat die Erfahrung von zwei Jahrhunderten für die künftige Wohlfahrt des Landes noch nichts so Bedrohliches geboten, als die sociale Gährung, welche gegenwärtig im Staate New-York um sich greift. Von ihrem Erfolge hängt die Lösung der hochwichtigen Frage ab, ob unsere Republik von Grundsätzen oder von Menschen beherrscht werden soll – und noch obendrein von Menschen, die, wie man aus ihren gemeinen und abstoßenden Eigenschaften ersieht, keine andere Triebfeder kennen, als ihr Ich. Kann ein Staat glücklich sein, der solche Personen zu Hütern und Werkzeugen hat? – Diesem Stand der Dinge ist es beizumessen, daß wir bereits mit ansehen mußten, wie ein gesetzgebender Körper in öffentlicher Verhandlung die Mittel und Wege berieth, den Bestimmungen seiner eigenen Gesetzgebung auszuweichen – daß wir Zeugen waren, wie Männer, denen ihre Pflicht gebot, mit strenger unerbittlicher Rechtlichkeit der Welt entgegen zu treten, in ihren Bemühungen, sich gegenseitig in demagogischen Kunstgriffen zu überbieten, eine höchst verderbliche Geschicklichkeit an den Tag legten.

Als die Indianer den Nord- und Südweg oder denjenigen erreichten, in welchem unser Wagen stand, machte der ganze Haufen mit bezeichnender Höflichkeit Halt, als wolle er unserem Wunsche, sie anzureden, entgegenkommen. Der Vorderste, welcher zugleich auch der älteste war und mindestens seine sechszig Lebensjahre zählen mochte, nickte uns mit dem Kopf zu und sprach die gewöhnliche Begrüßung aus:

»Sago, Sago.«

»Sago,« entgegnete mein Onkel.

»Sago,« erwiederte auch ich die Begrüßung.

»Wie gehen?« fuhr der Indianer fort, der, wie wir jetzt entdeckten, Englisch sprach. »Wie heißen dieß Land?«

»Dieß ist Ravensnest. Das Dorf Littlenest liegt etwa eine halbe Stunde jenseits von diesem Walde.«

Der Indianer wandte sich um und theilte in seinen tiefen Gutturaltönen den Uebrigen die erhaltene Auskunft mit. Sie fand augenscheinlich gute Aufnahme, was wir als einen Beweis deuten konnten, daß sie das Ziel ihrer Wanderschaft erreicht hatten. Sie besprachen sich nun mit einander in kurzen, inhaltsvollen Bemerkungen, worauf der alte Häuptling sich wieder an uns wandte. Ich nenne ihn Häuptling, obschon es augenscheinlich war, daß das ganze Häuflein aus Männern bestand, welche Anspruch auf den gleichen Titel hatten – eine Thatsache, die aus ihren Medaillen, ihrem guten Anzug und aus ihrer ruhigen, würdevollen, um nicht zu sagen stolzen Haltung hervorging. Sie trugen insgesammt eine leichte Sommertracht, die Moccassins, Leggings u.s.w. nebst dem Calico-Hemd oder einer dünnen Decke, die sie ungefähr nach Weise der römischen Toga um ihren Oberleib geworfen hatten. Sie waren insgesammt mit der Büchse, dem blanken Tomahawk und einem in der Scheide steckenden Messer bewaffnet; auch führte Jeder ein Pulverhorn nebst einem Kugelbeutel bei sich, und einige von den Jüngeren waren in etwas gewählterer Weise mit Federn und den Geschenken geschmückt, die sie während ihrer langen Reise erhalten hatten. Von dem ganzen Haufen war übrigens keiner gemalt.

»Dieß Ravensnest, eh?« fuhr der alte Häuptling freimüthig, aber mit entsprechender Höflichkeit fort.

»Wie ich Euch sage. Das Dorf liegt auf der andern Seite jenes Waldes; und das Haus, von welchem die Gegend den Namen führt, steht in der entgegengesetzten Richtung – etwa eine halbe Stunde entfernt.«

Auch dieß wurde übersetzt, und es folgte eine gedämpfte, aber allgemeine Aeußerung der Freude.

»Keine Inschens hier herum, eh?« fragte der Häuptling mit so ernster Miene, daß wir Beide überrascht wurden.

»Ja,« antwortete mein Onkel. »Es gibt hier Inschens – ein Haufen liegt gegenwärtigen Augenblick dort an der Ecke des Waldes, nur dreißig Ruthen von Euch.«

Diese Thatsache wurde den begierigen Zuhörern mit großer Hast mitgetheilt und erregte unter dem Haufen augenscheinliches Interesse, obschon sich dasselbe nur in einer Weise kundgab, wie es unter den Ureingeborenen dieses Welttheils gewöhnlich ist – ruhig, rückhaltsvoll und mit einer Kälte, die fast zur Gleichgiltigkeit stieg. Indeß unterhielt uns doch die Wahrnehmung, daß diese Kunde unter den rothen Männern weit mehr Theilnahme geweckt hatte, als sie wahrscheinlich gefühlt haben würden, wenn man ihnen gesagt hätte, daß eine Stadt wie London auf der andern Seite des Waldes liege. Wie Kinder bekanntermaßen die größte Freude an Kindern haben, so schienen auch diese Kinder des Urwaldes sich auf's Lebhafteste für diese unverhofften Nachbarn zu interessiren, welche sie ohne Zweifel für Stammverwandte hielten. Nach einem angelegentlichen Gespräch unter sich wandte sich der alte Häuptling, der, wie wir nun hörten, Prairiefeuer hieß, wieder an uns und stellte die Frage:

»Was Stamm, eh? Kennen Stamm?«

»Man nennt sie die Antirenten-Inschens. 's ist ein neuer Stamm in diesem Theil des Landes, und er erfreut sich keiner sonderlichen Achtung.«

»Bös Inschen, eh?«

»Ich muß dieß leider bejahen. Sie sind nicht ehrlich genug, um gemalt einherzugehen, sondern tragen Hemden über ihren Gesichtern.«

Es erfolgte abermals ein langes Gespräch, in welchem die Indianer Merkmale der Verwunderung kundgaben. Wahrscheinlich hatten die amerikanischen Wilden bisher nie etwas von dem sogenannten Antirenter-Stamme gehört, und die erste Kunde von dem Vorhandensein eines solchen Volkes mußte natürlich großes Interesse wecken. Wir wurden bald darauf ersucht, ihnen den Weg nach der Stelle zu zeigen, wo sie diesen unerhörten Stamm auffinden könnten. Dieß war etwas mehr, als mein Onkel erwartet hatte; indeß gehörte er nicht unter die Männer, welche den Rückzug antreten, wenn sie sich einmal auf ein Unternehmen eingelassen haben. Nach kurzer Erwägung deutete er seine Zustimmung an und stieg aus dem Wagen. Wir befestigten Tom Millers Gaul an einen Zaunpfahl und brachen zu Fuß auf, um unsere neuen Gefährten nach der Stelle zu geleiten, wo der große Stamm der Antirenters zu finden war. Wir hatten die Entfernung nach dem Wald hin kaum zur Hälfte zurückgelegt, als wir auf Holmes und Tubbs trafen, die in einem andern Wagen Platz gefunden hatten, bis sie den Ort erreichten, wo der ihrige aufgestellt war. Hier brachten sie ihr Eigenthum wieder an sich und waren nun auf dem Heimweg begriffen, in steter Angst lebend, daß ein neuer Schwank ihrer großen Verbündeten sie abermals auf die Landstraße werfen könne. Dieses Fuhrwerk war, mit Ausnahme unseres eigenen, das einzige, das bis jetzt aus dem Wald herausgekommen war, denn die Eigenthümer von etlich und zwanzig anderen zogen es vor, im Hintergrund zu bleiben, bis die Begegnung der beiden Stämme stattgefunden hatte.

»Was, um der Natur willen, soll alles dieß bedeuten?« rief der alte Holmes, bei unserem Näherkommen sein Pferd zügelnd, um ein Gespräch anknüpfen zu können. »Schickt gar der Gouverneur wirkliche Inschens gegen uns, um sich bei den Grundherren wohl daran zu machen?«

Für einen Antirenter war dieß eine sehr harte und lieblose Weise, das Benehmen des Gouverneurs zu beurtheilen; da aber dieser Würdenträger in der obschwebenden großen Frage den Hauptfehler gemacht hatte, weder »Gott noch dem Mammon« zu dienen, so war es kein Wunder, wenn es von Rechts und von Links aus auf ihn losging, da aller Wahrscheinlichkeit nach weder Gott noch Mammon sein Verfahren billigen werden.

»Ich weiß wahrhaftig nicht,« lautete die Antwort meines Onkels in gebrochenem Englisch. »Dieß sind wirkliche Rothhäute, und dort haben wir die leibhaftigen Inschens; dieß ist Alles. Wenn Ihr wissen wollt, was im gegenwärtigen Augenblicke diese Krieger hieher führt, so müßt Ihr sie selbst fragen.«

»Ja, eine Frage kann nichts schaden, und ich bin nicht so scheu vor Rothhäuten, da ich sie oft gesehen habe, und mein Vater, wie ich von ihm hörte, seiner Zeit manchen Kampf mit ihnen ausfechten mußte. Sago, Sago.«

»Sago,« antwortete Prairiefeuer mit seiner gewohnten Höflichkeit.

»Um aller Natur willen, wo kommen alle die Rothhäute her, und wohin könnt ihr möglicherweise wollen?«

Holmes gehörte augenscheinlich einer Schule an, die nie zögert, wenn es gilt, eine Frage zu stellen, und der Ansicht ist, sie verdiene auch eine Antwort, wenn anders Antwort sich erzielen läßt. Der alte Häuptling war ohne Zweifel schon früher mit ähnlichen Blaßgesichtern zusammengekommen, denn der ungebildete Amerikaner gehört zuverlässig unter diejenigen menschlichen Wesen, welche mit ihrer Neugier überall vornean stehen. Andererseits aber hält der rothe Mann eine derartige Neuigkeitssucht für eine weibliche Schwäche, die sich mit der Fassung und Würde eines Kriegers nicht verträgt. Ohne Zweifel war Prairiefeuer schon in früher Jugend dahin belehrt worden, die Kundgebung von Ueberraschung und das Verrathen von Neugier seien Dinge, die nur den Weibern ziemten, sein eigenes Geschlecht aber schändeten, es war daher wohl diesem Zuge in seiner Erziehung zuzuschreiben, daß ihm weder das Benehmen des Pächters, noch dessen Sprache auch nur die mindeste Aeußerung von Verwunderung entlockte. Dagegen beantwortete er die Frage mit einer Kälte, die probehaltig zu sein schien.

»Kommen von Niedergehen der Sonne. Sein gewesen zu seh' groß' Vater zu Washington – gehen heim,« lautete die kurze Entgegnung.

»Aber wie geht's zu, daß ihr an Ravensnest vorbeikommt? Ich fürchte, der Gouverneur und jene Kunden von Albany müssen ihre Hand dabei im Spiel haben, Shabbakuk.«

Was Shabbakuk von dem »Gouverneur und jenen Kunden zu Albany« hielt, wissen wir nicht, da er es nicht als passend erachtete, eine Antwort zu geben; denn sein gewöhnlicher Hang, sich in Alles zu mischen, wurde wahrscheinlich durch die Anwesenheit dieser wirklichen Rothhäute eingeschüchtert.

»Ich frage, warum ihr diesen Weg kommt?« wiederholte Holmes mit noch größerem Nachdruck. »Wenn ihr zu Washington gewesen seid und ihn daheim getroffen habt, warum geht ihr nicht auf demselben Weg wieder zurück?«

»Kommen hieher, zu finden Inschen. Habt kein Inschen hier, eh?«

»Inschen? Ei, von einer Art haben wir mehr dergleichen Kreaturen, als man wohl gern möchte. Von welcher Farbe sind die Inschens, die ihr aufsucht? – Haben sie die Blaßgesichtsnatur, oder sind sie roth wie ihr selbst?«

»Wollen finden rothen Mann. Er jetzt alt wie Wipfel von todter Tanne. Wind blas' durch seine Zweig, bis alles Laub abfall.«

»Beim Georg, Hugh,« flüsterte mein Onkel, »suchen am Ende diese Rothhäute den alten Susquesus?«

Dann vergaß er plötzlich die Nothwendigkeit, in Anwesenheit seiner beiden Ravensnester Zuhörer – insbesondere des Shabbakuk Tubbs – sein gebrochenes Englisch beizubehalten; er wandte sich, für einen Mann von seinen Jahren etwas unüberlegt, an Prairiefeuer und bemerkte hastig:

»Ich kann Euch in Euren Nachforschungen Beistand leisten. Ihr sucht einen Krieger der Onondagoes, der seinen Stamm vor hundert Jahren verlassen hat – einen rothen Mann, der in den Wäldern um seines leichten Fußes willen berühmt war und nie das Feuerwasser kosten wollte. Sein Name ist Susquesus.«

Bis jetzt hatte sich der einzige weiße Mann aus der Gesellschaft dieses fremden Haufens – fremd wenigstens in unserem Theile vom Staat New-York, obschon vielleicht häufig genug auf den Hauptverkehrsstraßen des Landes – stumm verhalten. Er war ein gewöhnlicher Dolmetscher und den Indianern für den Nothfall zur Begleitung beigegeben worden, kannte aber die Sitte der Civilisation nur wenig mehr, als Diejenigen, die er zu führen hatte, weßhalb er klüglicher Weise still geblieben war, bis er sah, daß er von einigem Nutzen sein konnte. Wir erfuhren später, daß die Häuptlinge, welche zu verschiedenen Stämmen gehörten, den Wunsch ausgedrückt hatten, auf ihrem Heimwege die »welke Tanne, die noch steht,« – wie sie dichterisch in ihren Dialekten den Susquesus nannten – zu besuchen. Der Unteragent, welcher mit ihnen nach Washington gekommen war, benützte nun diese Gelegenheit, um zugleich auch seine eigenen Verwandten in Massachusetts zu besuchen, da bei einer derartigen Wallfahrt, welche blos einer theuren Erinnerung galt, seine Anwesenheit nicht eben nöthig gewesen wäre.

»Ihr habt recht,« bemerkte der Dolmetscher. »Diese Häuptlinge sind nicht gekommen, um einen Stamm aufzusuchen; aber es sind zwei von den alten Onondagoes unter ihnen, und ihre Ueberlieferungen erzählen von einem Häuptlinge, Namens Susquesus, der Alles, nur die Tradition nicht, überlebt habe. Er verließ sein Volk vor langer, langer Zeit; aber der Ruf seiner Tugenden blieb zurück, und dieß ist Etwas, was eine Rothhaut nie vergißt.«

»Und alle diese Krieger sind zwanzig Reisestunden von ihrem Weg abgegangen, um Susquesus ihre Huldigung zu bringen?«

»Dieß war ihr Wunsch, und ich suchte bei dem Bureau zu Washington die Erlaubniß für sie nach, den Umweg machen zu dürfen. Es kostet zwar Onkel Sam fünfzig oder hundert Schillinge weiter, als es in der andern Richtung der Fall gewesen wäre; aber ein solcher Besuch wird für alle Krieger des Westens eine Million Dollars werth sein. Niemand ehrt Recht und Gerechtigkeit mehr, als eine Rothhaut, obschon sie dabei auch ihre besondere Weise hat.«

»Ich bin überzeugt, Onkel Sam hat in Beziehung auf dieses Volk nie anders, als rechtlich gehandelt, und hoffe auch, daß er stets so handeln wird. Susquesus ist ein alter Freund von mir, und ich will euch zu ihm führen.«

»Um aller Natur willen, und wer seid denn ihr?« fragte Holmes, dessen Neugierde auf eine frische Spur gerathen war.

»Wer ich bin? – Ihr sollt wissen, wer ich bin,« antwortete Onkel Ro, indem er seine Perücke beseitigte – ein Schritt, den ich auf der Stelle nachahmte. »Ich bin Roger Littlepage, der seitherige Curator dieses Besitzthums, und dieß ist Hugh Littlepage, der nunmehrige Eigenthümer.«

Der alte Holmes war in den meisten Dingen muthig genug, und von weit besserem Schrote, als der schleichende, schnüffelnde, schwatzhafte Demagog an seiner Seite; aber diese Entdeckung machte ihn völlig kleinlaut. Er sah meinen Onkel, dann mich an und heftete dann zuletzt einen betrübten, fragenden Blick auf Shabbakuk. Was die Indianer betraf, so stießen sie, trotz ihrer gewohnten Ruhe, ein gemeinsames »Hugh« aus, als sie sahen, wie sich zwei Männer so zu sagen selbst skalpirten. Onkel Ro war sehr aufgeregt, und sein Benehmen erschien in hohem Grade theatralisch, als er mit der einen Hand seine Mütze, mit der andern die Perücke entfernte und letztere mit ausgestrecktem Arm in die Richtung der Indianer hinhielt. Da sich eine Rothhaut selten eines Akts von Rohheit schuldig macht, wenn er nicht in gutem Ernst den Wilden zu spielen beabsichtigt, so mochte wahrscheinlich der Chippewa, gegen welchen die Hand mit der Perücke hingerichtet war, die Haltung irrthümlicher Weise für eine Einladung nehmen, den merkwürdigen Artikel zu untersuchen. So viel ist wenigstens gewiß, daß er denselben mit sanfter Gewalt aus den Fingern meines Onkels zog, und im Nu waren alle Wilden um ihn versammelt, wobei sich mancher gedämpfte, behutsame Laut der Ueberraschung kund gab. Die Männer waren lauter Häuptlinge und wußten ihr Erstaunen über das merkwürdige Schauspiel gut zu zügeln. Hätten sie aus unedlem, gemeinem Volk bestanden, so wäre ohne Zweifel die Perücke von Hand zu Hand gegangen und hätte sich wohl einem Dutzend von Köpfen, bereits zur Aufnahme geschoren, anpassen lassen müssen.


 

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