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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel.

»Ich sage dir, Jack Cade, der Tuchmacher
gedenkt, das Gemeinwesen herauszustutzen, es
zu wenden und neue Haare daran hinzubürsten.«

König Heinrich VI.

 

Da ich annahm, Mary müsse ihrem Vater meinen wahren Namen mitgetheilt haben, so zögerte ich nicht, ihnen zu folgen, und sie zu fragen, ob ich ihnen in irgend Etwas dienstlich sein könne – eine Freiheit, die ich mir nicht wohl hätte erlauben dürfen, wenn man meine frühere Rolle für Wahrheit gehalten hätte. Nie sah ich größere Betrübniß in dem Gesichte eines Menschen ausgedrückt, als dieß während meiner Annäherung bei Mr. Warren der Fall war; ja, seine innere Aufregung sprach sich so lebhaft aus, daß ich mich ihm nicht aufzudringen wagte, sondern nur stillschweigend nachfolgte. Er und Mary gingen langsam neben einander über die Straße hinüber nach dem Stoup eines Hauses, dessen gewöhnliche Insassen wahrscheinlich die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen hatten. Hier ließ sich Mr. Warren nieder, und Mary nahm an seiner Seite Platz, während ich in ihrer Nähe stehen blieb.

»Ich danke Euch, Mr. Littlepage,« sagte der Geistliche mit einem schmerzlichen Lächeln; »denn Mary sagt mir, daß ich Euch so nennen müsse – ich danke Euch für diese Aufmerksamkeit, Sir; aber es wird in einer Minute vorüber sein. Ich fühle mich schon jetzt besser und werde mich bald wieder vollkommen fassen können.«

Ueber die Ursache seiner Betrübniß wurde nicht weiter gesprochen, und Mary hat mir sie erst später mitgetheilt. Als ihr Vater in das Meetinghaus ging, war es ihm nicht entfernt eingefallen, daß mit den Ceremonien eines solchen Tages eine Art Gottesdienst in Verbindung gebracht werden könnte. Die beiden Geistlichen auf dem Gerüst hatten ihm zuerst Unruhe eingeflößt, und ein schmerzlicher Kampf ging in seinem Innern vor, denn er wußte nicht, sollte er gehen oder bleiben und dem Possenspiel mit anwohnen, in welchem Gott mit Gebeten angerufen werden sollte, und zwar von einer Versammlung, die sich eingefunden hatte, um eines der einfachsten seiner Gebote mit Füßen zu treten; denn ein Possenspiel mußte es um so eher genannt werden, da verkappte Schurken das Gebäude umringt hatten, um in der Mummerei die Hauptpersonen zu spielen. Als Diener des Altars mußte er in ersterem Falle den Schein auf sich laden, daß er Diejenigen verließ, welche sich im Gebet vereinigen wollten, und zwar noch obendrein unter Umständen, welche ihm gedeutet werden konnten, als verwerfe er jede Gottesverehrung, die nicht mit seinen eigenen Ansichten von der Wahrheit im Einklange stehe – eine Deutung, die sich nothwendig nah und fern verbreiten und gegen seine eigene Pfarrgenossen große Vorurtheile wecken mußte. Bei näherer Erwägung der Sache gewann er übrigens die Ueberzeugung, daß er, wenn er blieb, an einer Art Gotteslästerung Theil nehme, weßhalb er unverweilt dem Impulse seines Innern nachgab und den vorerwähnten entschiedenen Schritt that; er wollte draußen bleiben, bis das regelmäßigere Geschäft des Tages seinen Anfang genommen hätte.

Mr. Warren hatte zuverlässig einem sehr edlen Antriebe Folge gegeben, indem er aus christlichem Gefühl und aus Ehrfurcht vor Gott keinen Theil nehmen wollte an einem Unterfangen, welches den Allmächtigen unter solchen Umständen mit Gebeten zu verhöhnen gedachte; aber durch eben diesen Schritt verlor er vielen Einfluß und gewann dafür eine Menge von Feinden. Dasselbe Gefühl, welches zu dem Geschrei über Aristokratie gegen jeden Gentleman Anlaß gegeben hatte, der in zureichend naher Berührung mit der Masse steht, um sich durch seine Lebensweise von seiner Umgebung zu unterscheiden, – das Gefühl, welches die Einwanderer aus dem Osten, wo es keine großen Grundbesitzer gibt, auf den Wahn bringt, sie müssen alle hieher bezüglichen Verhältnisse niederreißen, weil sie nicht selbst Grundherren sein können, – und die Ansicht, welche dem Gesetzgeber als Triebfeder dient, aufzutreten und ohne Erröthen in demselben Augenblicke von Feudalbräuchen zu sprechen, in welchem er kund gibt, daß die Gleichheit des Rechts denen versagt ist, welche er gern als Feudalherren brandmarken möchte – diese Gefühle und Ansichten hatten sich auch auf die Religion ausgedehnt, und die Kirche, welcher Mr. Warren diente, wird fast durchgängig selbst des Aristokratismus geziehen. Diese Beschuldigung rührt daher, weil sie Ansprüche erhebt, welche andere Kirchen gezierter Weise von sich ablehnen und als unwesentliche Glaubenstheile verwerfen. Gleichwohl können sich letztere unter ihren eigenen Dogmen nicht befriedigen, und während sie jubelnd singen, sie hätten »eine Kirche ohne einen Bischof« gefunden, hassen sie die Kirche, die einen Bischof hat, weil hier etwas ist, was sie selbst nicht besitzen. Davon ist natürlich keine Rede, daß sie die verblendeten Mitglieder einer solchen Kirche bemitleiden, wenn sie glauben, daß sie Unrecht hätten. Allgemein wird man dieß freilich nicht zugestehen wollen; aber gleichwohl handelt sich's hier um eine buchstäbliche Wahrheit, die sich auf hundert Arten und Weisen kund gibt. Man sieht dieß in dem Versuche, die eigenen Priester Bischöfe zu nennen, in dem Gefühle, welches sich so augenfällig an den Tag legt, so oft ein Geschrei gegen die Bischöflichen erhoben werden kann, und in dem Geiste, in welchem die theologischen Streitigkeiten stets geführt werden.

Wenn ich meine Kirche, wie sie in Amerika besteht, mit derjenigen, aus welcher sie hervorgegangen ist, mit den sie umgebenden Sekten und mit den eigentlichen politischen Verhältnissen der beiden Hemisphären vergleiche, so gibt sich mir eine genaue Analogie an die Hand. Durch Entfernung vieles Ueberflüssigen, durch Zurückführen der geistlichen Orden auf die ursprüngliche Zahl Drei – eine Maßregel, die sowohl in der Theorie als in der Praxis durchgeführt worden ist – und durch Verwerfung aller Beziehung zu der Staatsgewalt hat der amerikanische Zweig der bischöflichen Kirche eine Stellung gewonnen, die ich nur wünschenswerth finden kann, da sie so gut wie möglich die Einfachheit des apostolischen Zeitalters wieder herstellt, ohne die Vorschriften und Bräuche der Apostel selbst zu mißachten. Sie hat sich nicht über das Alterthum und lang herkömmliche Autorität erhoben, sondern im Gegentheile sich Mühe gegeben, beides zu erhalten, ohne übrigens den neueren Mißbräuchen Duldung zufließen zu lassen. Ebenso ist's auch mit der Politik der Fall. Man hat keine Versuche gemacht, in Amerika neue sociale Gränzlinien zu schaffen, sondern nur diejenigen, welche von dem Bestand jeder civilisirten Gesellschaft unzertrennlich sind, von dem unpassenden Ineinandergreifen befreien wollen, das durch die Werkzeuge kriegerischer Bedrücker organisirt wurde. Die Weisen unseres Landes haben bei Schaffung der Institutionen eben so wenig daran gedacht, die großen Grundbesitzer abzuschaffen, als es der Kirche einfiel, sich ihrer Bischöfe zu entledigen. Erstere wußten recht wohl, daß die Abstufungen im Besitz eine unvermeidliche Beigabe der Civilisation seien – daß es, wenn vielleicht auch möglich, doch nicht klug wäre, den Reichen zu hindern, seine Kapitalien auf Grund und Boden anzulegen, und daß letzteres sich nicht ausführen lasse, ohne daß das System des großen Grundbesitzes im Verein mit dem Pachtverhältniß Fortbestand habe. Dadurch, daß in anderen Theilen der Welt die Grundherren Vorrechte besitzen, die für den natürlichen oder einfachen Bestand des Charakters nicht nöthig sind, war kein Grund gegeben, den Charakter selbst zu zerstören. Die Thatsache, daß die Bischöfe von England eine Autorität besitzen, von welcher die Apostel nichts wußten, konnte doch den amerikanischen Zweig derselben Kirche nicht vermögen, ein Amt ganz zu beseitigen, das von den Aposteln herstammte. Neid und Eifersucht lassen übrigens Niemand Zeit, über derartige Dinge nachzudenken, denn für solche Personen ist es einerseits genug, daß Andere Bischöfe haben, ohne daß sie selbst ein Anrecht an ein derartiges Institut besitzen, wenn sie nicht ihre gegenwärtige Organisation und ihre Dogmen aufgeben wollen, während andererseits die Thatsache zureicht, daß Leute Ländereien besitzen und sich gesellschaftlicher Stellungen erfreuen, die ihnen nicht zugänglich sind. Deßhalb heißt es dann auch: »ich will mich dir entgegenstellen und in das Geschrei Derjenigen einstimmen, welche umsonst zu Farmen kommen möchten!«

Ich habe mich über diese Punkte mit ewiger Ausführlichkeit verbreitet, weil mein und Mr. Warrens Benehmen bei dem vorerwähnten Anlaß einen unmittelbaren Einfluß auf die Umstände übte, die bald in meiner Erzählung zur Sprache kommen werden. Wahrscheinlich dachte an jenem Morgen die volle Hälfte Derjenigen, welche sich in dem Meetinghaus von Littlenest versammelt hatten, als sie aufstand, und dem Gebet nur eine träge Aufmerksamkeit schenkte – an nichts Anderes, als an die skandalöse aristokratische Aufführung des Mr. Warren, der »das Meeting verließ, als die Versammlung eben zu beten anfangen wollte!« Gewiß waren nur Wenige zugegen, welche diesen Akt einem Beweggrund christlicher Liebe zuschrieben, und wahrscheinlich konnte sich nicht Einer von den Anwesenden denken, daß die Veranlassung dazu in einem der reinsten und edelsten Gefühle bestand. So treibt die Welt ihren Hohn. Es unterliegt keinem Zweifel, daß von Stunde an ein boshafter bitterer Groll gegen den würdigen Rektor erwachte – ein Groll, der noch nicht nachgelassen hat und auch wahrscheinlich in vielen Hunderten nicht nachlassen wird, bis einmal die Nähe des Todes die wahre Beschaffenheit von so vielen ihrer Gefühle aufdeckt.

Es stund einige Minuten an, ehe Mr. Warren seine ganze Fassung wieder gewonnen hatte. Endlich redete er mich in seiner gewöhnlichen milden und wohlwollenden Weise an, indem er mir über meine Rückkehr einige Komplimente sagte, zugleich aber seine Besorgniß ausdrückte, daß ich und mein Onkel Ro so unklug gewesen seien, uns so zu sagen in den Rachen des Löwen zu begeben.

»Eure Verkleidung muß allerdings ausgezeichnet gut sein,« fügte er lächelnd bei, »da sie Euch bis jetzt so wunderbare Dienste geleistet hat. Daß Mary und ich getäuscht wurden, kann nicht sehr in Frage kommen, da wir Beide Euch früher nie gesehen haben; aber die Art, wie Ihr Eure nächsten Verwandten irre führtet, ist wirklich überraschend. Gleichwohl ist aller Grund vorhanden, die größte Vorsicht zu beobachten, denn der Haß und die Eifersucht haben ein Auge, welches noch schärfer ist, als das der Liebe.«

»Ich denke, wir sind sicher, Sir,« antwortete ich, »da das Verbot auf uns nicht in Anwendung kommen kann. Wir kennen unsere klägliche aristokratische Lage zu gut, um uns den Krallen des Gesetzes preiszugeben; denn wenn man uns als begüterten Adel betrachtet, so sind unsere Vorrechte so ausgezeichnet, daß wir der moralischen Ueberzeugung leben dürfen, Jeder von uns würde als Verbrecher in's Staatsgefängniß geschickt werden, wenn wir uns zu Schulden kommen ließen, was diese Inschens vollkommen ungestraft begehen und auch in Zukunft begehen werden. Keine Stimme würde sich für uns erheben, und wir dürften darauf zählen, so lange festgehalten zu werden, als noch eine Thräne des Schmerzes Denen abgepreßt werden könnte, welche man der Aristokratie beizuzählen beliebt. Nur die Demokratie findet eine Theilnahme unter den gewöhnlichem Pflegern der amerikanischen Gerechtigkeit!«

»Ich fürchte, daß Eure Ironie nur zu viel Wahres enthält. Doch die Bewegung um das Gebäude her scheint anzudeuten, daß das eigentliche Geschäft des Tags seinen Anfang nimmt, und wir werden gut thun, wenn wir wieder in die Kirche zurückkehren.«

»Jene verkappten Männer beobachten uns auf eine sehr mißliebige und beunruhigende Weise,« sagte Mary Warren – und ihre Wachsamkeit für mich entzückte mich weit mehr, als ich durch die Thatsache, welche sie berichtete, besorglich gemacht wurde.

Daß wir übrigens beobachtet wurden, stellte sich, als wir uns dem Gebäude näherten, in dem Benehmen einiger der Inschens augenfällig genug heraus. Sie hatten die Seite der Kirche, wo sie während des Gebetes ihre Posten genommen, verlassen, und unter Denen, welche uns am nächsten standen, ging Kopf zu Kopf, oder um mich besser auszudrücken, Calicobündel zu Calicobündel, da von der Form des Kopfes nirgends etwas zu sehen war. Mr. Warren und Mary blieben unangefochten und konnten unbelästigt in das Meetinghaus gehen; aber zwei von den verkappten Ehrenleuten traten vor mich hin, versperrten mir mit ihren Büchsenläufen den Weg und ließen mich nicht weiter.

»Wer Ihr?« fragte einer von den Beiden abgebrochen. »Wohin gehen? – woher kommen?«

Mit meiner Antwort war ich schnell fertig, und ich hoffe, daß sie auch mit zureichender Festigkeit vorgetragen wurde.

»Ich komme von Tscharmany und will in die Kirche, wie man in meinem Lande zu sagen pflegt – in das Meetinghaus, wie Ihr es hier nennt.«

Wer weiß, was noch gefolgt wäre, wenn sich nicht eben die laute, deklamatorische Stimme des Vorlesers, welcher seinen Vortrag begann, hätte vernehmen lassen. Dieß schien für den Stamm ein Signal zu einer Bewegung zu sein, denn die beiden Kerle, welche mich angehalten hatten, entfernten sich wieder mit aller Ruhe, obschon die Calicobündel sich fortwährend zu einander hinneigten, während die Träger derselben, augenscheinlich sich ihre Argwöhnungen mittheilend, von hinnen marschirten. Ich benützte das Aufgehen der Thüre und trat in die Kirche, wo ich mich durch das Gedräng weiter arbeitete, bis ich an der Seite meines Onkels einen Platz gefunden hatte.

Ich habe eben so wenig Zeit und Platz, als Geneigtheit, den Vortrag des Sprechers umständlich zu zergliedern, der zwar sehr geläufig, aber auch in hohem Grade aufgeblasen, und nichts weniger als logisch redete. Er gerieth nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit den Gesetzen der Natur in Widerspruch, und ich brauche den einsichtsvollen Leser nicht erst darauf aufmerksam zu machen, daß der Charakter der Rede im Allgemeinen blos eine Berufung an die Leidenschaften und Interessen des Auditoriums, nicht aber eine Appellation an ihre Vernunft war. Er verbreitete sich anfänglich über die besonderen Pachtverhältnisse auf den alten Besitzthümern der Kolonie, und kam dabei in der gewöhnlichen Weise auf die Bürgschaftsverkäufe, die Zinshühner, die Tagarbeiten und die ewigen Verträge zu sprechen. Auch der Vorbehalt der Minen wurde als eine tyrannische Bedingung bezeichnet, als ob ein Grundbesitzer verpflichtet sei, von den ihm zugehörigen Rechten mehr abzutreten, als er für passend hält, oder ein Pächter mehr ansprechen könne, als von ihm gemiethet wurde. Dieser Mann behandelte alle diese Zweige seines Thema's so, wie wenn die Pächter durch Zeit und Benützung gewisse geheimnißvolle Interessen gewonnen hätten, und übersah dabei ganz und gar die Thatsache, daß durch den nämlichen Prozeß die andere Partei so gut ein Recht gewonnen hatte, als die eine; denn die Vertragsurkunde ist ein Instrument, welches durch den Lauf der Zeit unter beiden an Ansehen gewinnen muß. Ist der eine Theil als Pächter alt geworden, so wurde es der andere als Grundbesitzer. Es kam mir vor, als ob sich der Vorleser gar gerne auf die Manor-Verhältnisse beschränkt hätte, da diese ein Thema waren, über das er sich gewöhnlich zu verbreiten pflegte; aber hier handelte sich's um eine ganz andere Aufgabe, weil man zu Ravensnest nicht über die feudalistische Bedrückung der Bürgschaftsverkäufe, über die »vier fetten Hühner,« über die »Frohntage« und über die »lange Dauer« der Pachtverträge in schwunghafte Ergießungen ausbrechen konnte. Es lag augenscheinlich im Interesse, hier nichts von den ersteren Punkten zu sagen, sondern sich eher über die Kürze der Pachtverträge zu beklagen, da die meinigen großentheils in Bälde fällig waren. Weil er deßhalb nothwendig ein neues Terrain suchen mußte, so nahm er sich vor, einen guten Boden zu fassen, der ihm das Weiterkommen am wenigsten erschwerte.

Sobald der Vorleser die Hauptpunkte durchgegangen hatte und sich ihm nun die Notwendigkeit an die Hand gab, die Einzelnheiten zu besprechen, so ließ er sich zuvörderst in sehr deklamatorischer Weise über die Familie Littlepage aus. Was hatte sie je für Amerika gethan, fragte er, daß sie im Lande die Lords spielen sollten? In Folge eines Prozesses, den er wohl selbst am besten verstehen mußte, hatte er die Landlords Grundbesitzer. zu Lords im Lande umgewandelt, und nun zielte er darauf hin, letztere, wo nicht beide Stellungen, den Pächtern anzuweisen. Natürlich kamen manche öffentliche Dienstleistungen, deren sich die Littlepage's rühmen konnten, nicht zur Sprache, denn unter einem solchen Ausdrucke verstand der Vorleser sowohl, als sein Auditorium, nichts Anderes, als Dienstleistungen für das Volk, indem man dazu half, allen seinen Wünschen Vorschub zu leisten, wie raubsüchtig oder nichtswürdig sie auch sein mochten. Wer den Zustand der Dinge unter uns kennt, weiß recht wohl, wie selten das »Volk« die Wahrheit zu hören bekommt, sobald seine Macht und seine Interessen in Frage kommen, und es darf daher nicht überraschen, wenn auch der seichteste Schwätzer im Stande war, über diesen besonderen Gegenstand der Ravensnester Zuhörerschaft Sand in die Augen zu streuen.

Am meisten Interesse hatte es übrigens für mich, als dieser Mensch auf mich selbst zu sprechen kam. Es trifft sich nicht oft, daß Jemand eine so gute Gelegenheit findet, seinen eigenen Charakter bezeichnen und seine innersten Beweggründe zergliedern zu hören. Erstlich wurde dem Auditorium mitgetheilt, daß dieser junge Hugh Littlepage nie etwas für das Land gethan habe, welches er stolz und nach Weise eines vornehmen europäischen Adeligen sein ›Besitzthum‹ nenne. »Die meisten von euch, meine lieben Mitbürger, können als Besitztitel an jene Farmen ihre schwieligen Hände ausweisen und sich noch der sengenden Sonnenhitze erinnern, unter welcher sie jene nun so lieblichen Auen anlegten. Aber Hugh Littlepage hat in seinem Leben nie ein Tagwerk verrichtet –« zehn Minuten vorher hatte er die »Tagwerke« in den Manor-Verträgen als einen Schimpf bezeichnet, dem sich ein freier Mann nicht unterziehen sollte – »nein, Mitbürger, diese Ehre ist ihm nie zu Theil geworden und wird ihm nie zu Theil werden, wenn nicht über sein Eigenthum oder über das, was er sein Eigenthum nennt, eine gerechte Theilung ergeht und er sich dadurch in die Nothwendigkeit versetzt sieht, zu arbeiten, um die Ernten zu erzielen, die er aufbrauchen will.

»Wo ist im gegenwärtigen Augenblick dieser Hugh Littlepage? In Paris, wo er, wie die Tonangeber der Aristokratie, euren sauern Verdienst in einem schwelgerischen Leben verpraßt. Er sitzt mitten im Ueberfluß, führt eine kostspielige Tafel und kleidet sich auf's Reichste, während ihr mit den Eurigen im Schweiß eures Angesichts das tägliche Brod esset. Er ist nicht der Mann, der sich mit einem Blechlöffel und einer zweizinkigen Gabel begnügt! Nein, meine Landsleute, er muß für einige seiner Gerichte einen goldenen Löffel haben, und seine Gabeln – ihr werdet's zwar schwer finden, es zu glauben, weil ihr nur anspruchslose republikanische Farmer seid, aber dennoch ist es buchstäbliche Wahrheit – dürfen nur von Silber sein! Mitbürger, Hugh Littlepage würde um keine Welt beim Essen sein Messer in den Mund stecken, wie wir – wie alle einfachen, anspruchslosen Republikaner es halten. Er könnte daran ersticken, und nur silberne Gabeln dürfen seine gesalbten Lippen berühren!«

Ein schwacher Versuch, einen Beifallssturm herbeizuführen, verunglückte ganz und gar, denn die Männer von Ravensnest hatten die Littlepages ihr ganzes Leben über in der socialen Stellung gesehen, die sie einnahmen, und es kam ihnen im Grunde nicht so gar außerordentlich vor, daß wir silberne Gabeln haben sollten, während ja Andere auch silberne Löffel besaßen. Der Vorleser hatte Takt genug, um zu bemerken, daß er in Betreff dieses Punktes nicht die rechte Saite angeschlagen hatte, und ging deßhalb auf einen andern über.

Der nächste Angriff galt unserem Besitztitel. Woher rührt er? fragte der Vorleser. Von dem König von England. Aber das Volk hat diesem Souverän das Land abgekämpft und sich selbst an dessen Stelle gesetzt. Ist es nun nicht ein ganz vernünftiger Grundsatz in der Politik, daß die Beute dem Sieger gehört? Er wenigstens sei dieser Ansicht und in der Eroberung von Amerika habe das Volk auch das Land erobert; es stehe daher in vollem Recht, wenn es dieses an sich bringen und für sich behalten wolle. Auf Besitztitel, die von Königen herrühren, halte er nicht viel, und er glaube, daß es dem amerikanischen Volk im Allgemeinen eben so ergehe. Wenn Hugh Littlepage ein Besitzthum, wie er es nenne, wünsche, so solle er zu dem Volk kommen und »diesem« dienen; er werde dann schon sehen, welcher Art das Besitzthum sei, das er von demselben erhalten werde.

In dieser Rede befand sich übrigens ein Abschnitt, der so merkwürdig war, daß ich wohl den Versuch machen muß, ihn zu geben, wie er vorgetragen wurde. Während der Vorleser sich über den Punkt der Rechtstitel verbreitete, brach er in folgende Ergießung aus:

»Kommt mir nicht,« – keuchte er – denn seine Stimme hatte sich nachgerade zu einer Höhe gesteigert, wie man sie von den Methodisten bei einem Feldmeeting zu hören pflegt – »kommt mir nicht mit Alterthum, Zeit und langem Besitz, als mit Dingen, welche Berücksichtigung verdienen. Es ist nichts – gar nichts dahinter. Ich will zwar zugeben, daß nur der Besitz vor dem Gesetz gut ist; aber das ist's eben, behaupt' ich, was die Pächter auf ihrer Seite haben. Sie sind in den rechtmäßigen Besitz des Eigenthums gekommen, welches nah und fern hier herum liegt, und es ist eine reiche, gute Erbschaft, wenn es unter fleißige, ehrliche Leute vertheilt wird, jedenfalls aber um zehn Tausende von Acres zu viel für einen jungen Burschen, der sein Vermögen in fremden Ländern verpraßt. Ich behaupte, daß schon jetzt, gegenwärtigen Augenblick, die Pächter in einem gesetzmäßigen Besitz stehen; nur sind sie vom Gesetz verhindert, sich desselben zu erfreuen. An alledem ist nur jenes verwünschte Gesetz schuldig, daß der Pächter keine Besitzansprüche gegen seinen Grundherrn erheben könne. Ihr erseht aus dieser einzigen Thatsache, meine Mitbürger, daß die Grundherrn eine privilegirte Klasse bilden und auf das Niveau der allgemeinen Menschheit heruntergebracht werden müssen. Ihr könnt Besitztitel gegen jeden andern Menschen geltend machen, nur nicht gegen einen Grundherrn. Ich weiß, was in den Primisis gesagt ist« – er verschüttelte dabei den Kopf, als verlache er jede Beweisführung, welche über diesen besondern Punkt von der Gegenpartei aufgebracht werden könnte – »ich weiß, daß Umstände die Sachen ändern. Ich kann einsehen, wie hart es wäre, wenn ein Nachbar dem andern für einen Tag ein Pferd abborgen oder abmiethen, dann aber behaupten könnte, er habe aus irgend einem andern Grund ein Besitzrecht daran. Aber Pferde sind kein Land und ihr müßt mir dieß zugestehen. Ja, wenn Pferde Land wären, dann würde sich die Sache ganz anders gestalten. Land ist ein Element, ebensogut wie Feuer, Wasser und Luft, und wer wird wohl sagen wollen, daß ein freier Mann kein Anrecht habe an die Luft und an das Wasser, oder, nach demselben Grundsatze, auf Grund und Boden? Er hat es, meine Mitbürger – er hat es. Es gibt Dinge, welche man in der Philosophie Elementarrechte nennt, und gerade hieher gehört auch das Recht an die Elemente, von denen der Grund und Boden eines und zwar das hauptsächlichste bildet. Ich sage, das hauptsächlichste; denn wäre kein Land da, auf dem man fußen könnte, so würden wir von der Luft wegfallen und könnten uns ihrer nicht erfreuen; alles unser Wasser würde sich in Dunst auflösen und könnte nicht zu Mühlen und Fabriken verwendet werden. Und welchen Nutzen brächte uns das Feuer, wenn wir keinen Boden hätten, um es darauf anzuzünden? Nein, das Land ist das erste Elementarrecht, und in unmittelbarer Verbindung mit ihm steht das erste und heiligste Recht an die Elemente.

»Ich will zwar das Alterthum nicht ganz und gar verachten. Nein, ich ehre und achte Vorkaufsrecht, denn es kräftigt und unterstützt das Recht an die Elemente. Auch kann ich das Squattern nicht so verdammen, wie es Einige thun. Man handelt dabei naturgemäß, und die Natur ist ein Recht. Ich achte und ehre den Besitz eines Squatters, denn er steht unter dem heiligen Grundsatz der Nützlichkeit, welcher da sagt: »gehe hin und laß die Wildniß wie die Rose erblühen.« Das Squattern dient dem ›Fortschritt‹. Dieß ist ein Alterthum, welches ich achte. Ich achte das Alterthum der Besitzungen, auf denen ihr als Pächter seßhaft seid; denn es ist ein mit schwerer Mühe erworbenes nützliches Alterthum – ein Alterthum, das sich vermehrt und vervielfältigt. Wenn man sagen will, Hugh Littlepage's Ahnen – dieser Adel hat ›Ahnen‹, während wir ›gemeinen Leute‹ uns mit Vorfahren begnügen müssen« – dieser Hieb verfing bei vielen Anwesenden und erregte ein fast allgemeines Lachen – »aber wenn man mir sagen will, dieses Hugh's Ahnen hätten für das Land etwas bezahlt – meine lieben Mitbürger, so würde ich an Eurer Stelle großmüthig sein und es ihm wieder zurückgeben. Vielleicht entrichteten seine Ahnen an den König einen Cent für den Acre – kann sein auch zwei, oder sagen wir meinetwegen sechs Pence, wenn ihr so wollt. Ich würde ihm seine sechs Pence für den Acre zurückgeben, nur um ihm den Mund zu schließen. Nein, ich bin für nichts, was unedelmüthig wäre.

»Mitbürger, ich erkläre, daß ich bin, was man einen Demokraten nennt. Ich weiß zwar, daß es unter euch viele sogenannte Whigs gibt – indeß kann ich mir wohl denken, daß in Betreff des Landpachtsystems kein sonderlicher Unterschied zwischen uns stattfinden wird. Wir Alle sind Republikaner, und das Verpachten von Farmen ist antirepublikanisch. Gut also; ich wünsche auch freisinnig gegen Diejenigen zu sein, welche ich gemeiniglich bei den Wahlen bekämpfe, und will deßhalb freimüthig zugestehen, daß in Beziehung auf diesen Antirentismus die Whigs uns Demokraten ziemlich in den Hintergrund gedrängt haben. Es thut mir leid, es einräumen zu müssen, indeß muß doch zugestanden werden, daß in Betreff der Gouverneure viel Uneinigkeit geherrscht hat. Ja, thut sie in einen Sack, schüttelte sie wohl durch einander, und ihr werdet kaum wissen, welcher zuerst herauskommen wird, welcher sich selbst die unsterblichste Ehre erwiesen hat, und welchen man als den gründlichsten, umfassendsten und besten Staatsmann betrachten darf. Ich weiß, daß einige von unsern Leuten sich über die Gouverneure beschweren, weil sie Truppen gegen die Inschens ausgeschickt haben; aber sie konnten nicht anders und würden es, wenn mir ein Urtheil zusteht, gewiß unterlassen haben, wenn es nur halbwegs möglich gewesen wäre, diese Maßregel zu umgehen. Das Gesetz war zu stark für sie, und deßhalb mußten sie auf die Inschens los; aber jetzt machen sie mit uns gemeinschaftliche Sache, um die Aristokratie zu unterdrücken und das Banner der allgemeinen Humanität aufzupflanzen. Nein, ich will nichts gegen die Gouverneure sagen, obschon man von vielen Seiten her anderer Meinung ist.

»Aber ich erkläre, daß ich ein Demokrat bin, und will Euch meine Grundsätze im Umriß vorlegen, damit Alle sehen mögen, warum sie unmöglich, unter was immer für einer Form oder Gestalt, jetzt oder für alle Zeiten mit der Aristokratie oder dem Adel eines Sinnes sein können. Ich lebe des festen Glaubens, daß in allen Stücken ein Mensch so gut ist wie der andere. Weder Geburt noch Gesetz, weder Erziehung, noch Reichthümer, weder Armuth noch sonst etwas kann an diesem Grundsatz etwas ändern; denn er ist heilig, ist ein Grundprinzip und der Haupteckstein einer wahren Demokratie. Ein Mensch ist so gut wie der andere, sage ich, und alle haben ein gleiches Recht, sich der Erde und ihrer Privilegien zu erfreuen. Ich halte dafür, daß die Mehrheit in allen Dingen herrschen muß, und daß es Pflicht der Minderzahl ist, sich zu unterwerfen. Diesen Satz hat man mir zwar an manchen Plätzen, wo ich sprach, zurückgegeben und mit der Frage erwiedert: ›wie soll ich dieß verstehen? – Die Mehrheit muß herrschen und die Minderzahl sich unterwerfen – in diesem Falle ist der Wesenheit nach die Minderzahl übler daran, als die Mehrheit, und hat nicht das gleiche Recht. Man verlangt von ihr, daß sie etwas anerkenne, was ihrer Ansicht nach nicht geschehen sollte.‹ Die Erwiederung hierauf ist so einfach, und es nimmt mich Wunder, wie ein vernünftiger Mensch die Frage stellen kann; denn jede Minderheit hat weiter nichts zu thun, als sich der Majorität anzuschließen, und dann hat sie Alles, wie sie's wünscht. Der Weg ist Jedem freigelassen, und eben dieser offene Weg ist's, was die wahre Freiheit macht. Jeder kann's mit der Majorität halten, und verständige Personen thun's gemeiniglich, wenn sie dieselben finden können. Dieß macht einen nicht nur zu einem Mann, wie man zu sagen pflegt, sondern auch zu einem freien Manne, was ein noch ehrenwertherer Titel ist.

»Mitbürger, eine große Bewegung ist im Gang! ›Vorwärts‹ heißt die Losung, und der Zug ist begonnen. Unsere Gedanken fliegen bereits auf den Schwingen des Blitzes dahin und unsere Körper bewegen sich nicht viel langsamer durch die Kraft des Dampfes. Bald werden unsere Grundsätze Allem vorausschießen und in der allgemeinen Reform den Strahlenglanz eines herrlichen Tages einführen. Dann sehen wir Lieblichkeit, Tugend und Menschenliebe im schönen Bunde! Man wird das gehässige Wort Rente nicht mehr hören, und Jeder kann sich niedersetzen unter seinen eigenen Apfel- oder Kirschbaum, wenn nicht gar etwa unter den eigenen Feigenbaum.

»Ich bin ein Demokrat – ja ein Demokrat. Glorreiche Bezeichnung! Ich schwelge in ihr! Sie ist mein Stolz, mein Ruhm und meine Tugend. Laßt nur das Volk in Wahrheit herrschen, und Alles muß einen guten Fortgang nehmen. Das Volk hat keine Verlockung, Unrecht zu thun. Wenn es den Staat verletzt, verletzt es sich selbst, denn das Volk ist der Staat. Ist es wohl denkbar, daß Jemand sich selbst beschädige? Gleichheit ist mein Grundsatz. Aber unter Gleichheit verstehe ich nicht jene beschränkte klägliche Gleichheit vor dem Gesetze, wie man sie bisweilen zu nennen pflegt, denn diese ist durchaus keine Gleichheit. Ich habe eine wesentlichere Gleichheit im Auge, und diese muß hergestellt werden, da das Wirken des Gesetzes sie in Unordnung gebracht hat. Mitbürger, wißt ihr, was unter einem Schaltjahr zu verstehen ist? Ich kann mir denken, daß einige von euch es nicht wissen, denn namentlich die Damen schenken der Astronomie nicht viel Aufmerksamkeit. Gut; ich habe meine Forschungen angestellt und bin zu folgendem Resultate gekommen. Wie wir alle wissen, wälzt sich die Erde im Lauf eines Jahrs um die Sonne; auch ist allbekannt, daß wir dreihundert und fünfundsechzig Tage im Jahr zählen. Aber die Erde braucht einige Stunden länger als dreihundert und fünfundsechzig Tage, um ihren Umlauf zu machen – fast sechs Stunden länger. Nun weiß Jedermann, daß viermal sechs vierundzwanzig gibt, und deßhalb wird mit jedem vierten Jahr dem Februar ein neunundzwanzigster Tag beigegeben, um die verlorene Zeit wieder herzustellen. Nach langer Frist wird ein abermaliger Wechsel vorgenommen, um die Bruchtheile auszugleichen. So verhält sich's mit der Demokratie. Die menschliche Natur kann noch keine Gesetze aufstellen, die Alles auf vollkommen gleichen Fuß zu erhalten im Stande sind, und deßhalb sind für den politischen Kalender politische Schaltjahre nöthig, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. In der Astronomie müssen wir die Stunden und Minuten auf's Neue theilen, in der Menschheit aber ist es erforderlich, daß von Zeit zu Zeit das Land getheilt werde.«

Doch ich kann diesem aufgeblasenen Narren nicht länger folgen, denn er war ebenso sehr Narr, als Schurke, obschon er von der letzteren Eigenschaft einen großen Theil in sich barg. Augenscheinlich dehnte er manche seiner Ansichten viel weiter aus, als die Mehrzahl seiner Zuhörerschaft; aber gleichwohl traf er, so oft er auf den Antirentismus anspielte, eine Saite, welche durch die ganze Versammlung vibrirte. Daß die Pächter ihre Farmen eigen besitzen und keine Renten mehr zahlen, daß ihnen alle Wohlthaten ihrer früheren Arbeiten zu gut kommen sollten, obgleich diese Arbeiten in den früheren Renten sowohl, als in den laufenden niedrigen Pachtzinsen, für welche sie das Land benützen durften, mit in Anschlag gekommen waren – dieß war eine Doktrin, die sie alle vollkommen verstanden, und leider muß ich sagen, daß nur Wenige zugegen waren, welche bei gegenwärtiger Gelegenheit nicht kund gaben, wie sehr der Eigennutz und die Selbstsucht ihr Rechtsgefühl verdunkelt hatte.

Die Vorlesung hatte mehr als zwei Stunden gedauert, und als sie endlich vorbei war, erhob sich eine Person in dem Charakter eines Präsidenten – wenn hätten sich je drei Amerikaner zu einer Verhandlung vereinigt, ohne daß ein Präsident, ein Sekretär und die ganze parlamentarische Form eingeführt worden wäre? – und forderte jeden Anwesenden, welcher eine von der des Sprechers verschiedene Meinung hege, auf, seine Ansicht preiszugeben. Nie zuvor hatte ich mich so versucht gefühlt, öffentlich zu sprechen, wie bei dieser Gelegenheit. Mein erster Gedanke war, die Perücke wegzuwerfen und als Hugh Littlepage das seichte Gewäsche zu beleuchten, welches eben erst im Saale verklungen war. So wenig ich auch an eigene öffentliche Vorträge gewöhnt war, so glaube ich doch, das es mir unter den obwaltenden Umständen leicht geworden wäre, und ich unterrichtete von diesem Vornehmen flüsternd meinen Onkel, der bereits aufgestanden war, um dieses Amt für mich zu besorgen, als ihm der Ruf »Mister Präsident« von einem andern Theile der Kirche her zuvorkam. Wie ich umschaute, erkannte ich mit einem Male das Gesicht des verständigen Handwerkers Hall, welchen wir auf unserm Weg nach dem Nest schon zu Mooseridge getroffen hatten. Dieß bewog mich, meinen Sitz wieder einzunehmen, denn ich konnte jetzt der vollkommenen Ueberzeugung leben, daß die Sache in guten Händen war.

Der Sprecher begann mit großer Mäßigung sowohl im Ton, als in der Haltung, und bewährte dieselbe während seines ganzen Vortrags. Sprache und Betonung trugen natürlich das Gepräge seiner Stellung im Leben; aber sein klarer Verstand und seine gediegenen Grundsätze waren in gleicher Weise Gaben von Oben. In diesem einzigen Individuum zeigte sich mehr von dem »wahren Abbilde des Schöpfers«, als man wohl unter fünfzig gewöhnlichen Menschen zu finden im Stande ist. Er hatte seinen Gegenstand klar aufgefaßt und demonstrirte mit Nachdruck. Da er in der ganzen Umgegend wohl bekannt war und eine allgemeine Achtung genoß, so hörte man ihm mit tiefer Aufmerksamkeit zu, während er seinerseits wie ein Mann sprach, der sich nicht vor Theer und Federn fürchtete. Wären seine Ansichten von einem Fremden in einem guten Rock, oder auch von mir selbst, der ich doch so viel dabei auf dem Spiel hatte, vorgetragen worden, so hätten die Meisten sie für aristokratisch und durchaus unduldbar erklärt; aber dergleichen kleine Widersprüche fallen selbst bei den sublimsten Freunden der Gleichheit nicht selten vor.

Als Einleitung erinnerte Hall die Zuhörerschaft daran, daß sie alle ihn kennten, und wohl wüßten, daß er kein Grundbesitzer sei. Er sei ein Handwerker, der sich von seiner Tagearbeit nähren müsse, wie die meisten aus ihrer Mitte, weßhalb sich's bei ihm nicht um ein Interesse handle, das ihn von dem Gemeinwohl der Gesellschaft trennen könne. Dieser Eingang war eine kleine Huldigung, dem Vorurtheile gegenüber, denn Vernunft ist Vernunft und Recht bleibt Recht, gleichviel, von welcher Seite her sie kommen.

»Auch ich bin ein Demokrat,« fuhr er in seiner Rede fort, »aber ich verstehe unter Demokratie etwas ganz Anderes, als dasjenige, was der letzte Sprecher mit diesem Ausdruck bezeichnet. Ich muß diesem Gentleman unverhohlen erklären, daß ich kein Demokrat bin, wenn er einer ist; und bin ich ein Demokrat, so ist er keiner. Unter Demokratie verstehe ich eine Regierung, in welcher die souveräne Gewalt dem Gesammtkörper der Nation zukömmt, nicht aber wenigen oder gar nur einer einzelnen Person. Dieser Grundsatz ermächtigt übrigens die Masse des Volks ebensowenig zu ungerechten Handlungen, als in einer Monarchie, in welcher die souveräne Gewalt einem Einzigen übertragen ist, dieser Einzige die Befugniß erhält, der Gerechtigkeit Hohn zu sprechen. Unter Gleichheit verstehe ich gar nichts Anderes, als die Gleichheit vor dem Gesetz, und wenn das Gesetz erklärt hätte, nach dem Tode des seligen Malbone Littlepage sollen seine Farmen nicht an seine nächsten Verwandten oder an seine Legatare, sondern an seine Nachbarn kommen, so hätte dem Gesetz Folge gegeben werden müssen, obschon eine derartige Verfügung zerstörend einwirken müßte auf die Civilisation, weil der Mensch kein Vermögen sammeln wird, wenn dieses nach seinem Tode der Gemeinde anheimfallen soll. Es muß etwas vorhanden sein, was dem Menschen näher am Herzen liegt, wenn er arbeiten und sich versagen soll, womit er sich das Leben angenehm machen könnte.

»Der Gentleman hat von einer Art politischen Schaltjahrs gesprochen, das den gesellschaftlichen Kalender regeln soll. Er erklärte dieß dahin, daß das Eigenthum, wenn es ungleich geworden sei, vertheilt werden müsse, um den Menschen Gelegenheit zu einem neuen Anlauf zu geben. Ich fürchte dann nur, daß er mit Schaltjahren nicht ausreichen wird, sondern zu Schaltmonaten, Schaltwochen, oder gar Schalttagen seine Zuflucht nehmen muß; denn wenn die liegenden Gründe dieser Stadtmarkung heute Morgen und in diesem Meetinghaus vertheilt würden, so hätten wir ohne Frage vor Abend schon wieder die Ungleichheit. Es gibt Personen, welche kein Geld in ihrer Tasche leiden können, und bei andern klebt es so zäh wie Pech an den Fingern.

»Wenn nun Hugh Littlepage's Eigenthum vertheilt werden soll, so müßte die gleiche Maßregel auf alle Nachbarn desselben Anwendung finden, damit wenigstens der Schein der Gleichheit gewahrt würde. Auf alle Fälle wäre es nur ein Schein, wenn auch dieß geschähe; denn Hugh Littlepage besitzt mehr, als alle übrigen Insassen des Township zusammengenommen. Ja, meine Mitbürger, Hugh Littlepage zahlt in diesem Augenblick den zwanzigsten Theil der Steuer, welcher für die ganze County erhoben wird. Dieß ist ungefähr der Antheil, welcher auf Ravensnest fällt, und die Steuer kommt in Wirklichkeit aus seinen Taschen, wie denn auch der größte Theil der Lasten in den Counties Rensselaer und Albany, wenn man die darin enthaltenen großen Städte ausnimmt, von den Rensselaers getragen werden. Man muß mir nicht damit kommen, daß man mich belehren will, die Pächter zahlten die Steuern, denn ich weiß dieß besser. Uns Allen ist bekannt, daß der wahrscheinliche Betrag der Grundlasten in dem ursprünglichen Vertrag geschätzt und bei der Rentenberechnung in Abzug gebracht ist; sie wird also von Niemand anders getragen, als von dem Grundherrn. Man hat gute Gründe dafür, warum man die Zahlung durch den Pächter besorgen läßt – Gründe, die in seinem eigenen Interesse liegen, denn wenn der Landlord die Entrichtung der Steuer verabsäumte, so würde sich das Gesetz eben an die Ochsen, Pferde und Wagen der Pächter halten. Der Steuereinnehmer greift stets nach der persönlichen Habe, die er auf dem Eigenthum findet, und wenn der Betrag der Steuer von der Rente in Abzug gebracht, folglich an den Pächter ausgezahlt ist, so kann letzterer sicher gehen und sich selbst vor Schaden wahren. Wollte man sagen, der Pächter bringe die Steuern, die er wahrscheinlich zu bezahlen habe, bei seinem Vertrag nicht in Anschlag, so hieße dieß so viel, als ihn für einen unzurechnungsfähigen Menschen erklären, dem man für die Erklärung seiner Angelegenheiten einen Vormund bestellen müßte. Leider muß ich sagen, daß es in dieser Gemeinschaft Leute gibt, welche die Erlassung eines Gesetzes wünschen, vermöge dessen die Renten aus einem ewigen Pacht oder aus einem Pacht überhaupt mit Taxen belegt werden sollen, damit den Grundbesitzern das Beharren auf ihren Ansprüchen entleidet werde; aber solche Menschen sind keine wahren Freunde der Gerechtigkeit, und meinen es ebensowenig gut mit ihrem Vaterlande. Durch ein derartiges Gesetz würde das Einkommen einer besondern Klasse der Gesellschaft besteuert und alle andern gingen unbelastet aus. Ein solches Gesetz würde die gekränkten Partien berechtigen, zu den Waffen zu greifen und entschiedenen Widerstand zu leisten, wenn nicht eben die Gesetzgebung dem Uebelstand wieder Abhilfe leistete, wie meiner Ansicht nach sicherlich der Fall sein würde. Durch den Wegzug nach einem andern Staat könnten sie obendrein der Taxe ganz und gar entgehen, und die klugen Leute, welche sie ausgeheckt haben, verlachen. Auf Letzteren läge dann die Schmach, ein machtloses Unrecht begangen zu haben, und sie würden verhöhnt und verachtet, abgesehen davon, daß dem Staat ein gewaltiger Nachtheil zuginge, wenn er das Geld verlöre, welches andernfalls innerhalb seiner Gränzen verbraucht worden wäre. Denke man sich nur einen Augenblick den Eindruck, den man von der New-Yorker Gerechtigkeit gewinnen müßte, wenn Hunderte von reichen, angesehenen Bürgern nach Philadelphia oder Paris zögen und dort vor der Welt ausposaunten, sie seien lieber in die Verbannung gezogen, als daß sie sich einer Steuer unterworfen hätten, die blos auf eine einzige Klasse gemünzt war. Je mehr man die Sache erwägt, desto schlimmer erscheint sie; denn mag man, um zur Zeit der Wahlen wieder wohl daran zu sein, sagen, was man will – wenn nur ein einziges Stück oder ein theilweises Eigenthum besteuert werden soll, so ist dieß eine Einkommens-Taxe und nichts Anderes. Noch übler wird aber das Ganze durch den Umstand, daß jeder vernünftige Mensch wohl weiß, daß man hier dieselbe Person dem Wesen nach für die nämliche Sache zweimal besteuern würde, denn die Taxe, welche unmittelbar den Grund und Boden betrifft, ist in dem ursprünglichen Vertrag dem Grundherrn an seiner Rente abgezogen.

»Was alles dieses Geschrei über Aristokratie besagen soll, verstehe ich nicht. Hugh Littlepage hat ebensogut ein Recht, nach einer ihm beliebigen Weise zu leben, wie ich es habe. Der Gentleman sagt, er verlange zum Essen goldene Löffel und silberne Gabeln. Nun, und wenn auch – ich meine, der Gentleman selbst hält ein Stahlmesser und eine Gabel für nützliche Werkzeuge, und hat nichts gegen einen silbernen oder wenigstens gegen einen blechernen Löffel einzuwenden. Nun gibt es aber Leute, die sich hölzerner Gabeln oder gar keiner Gabeln bedienen, und froh sind, wenn sie mit hörnernen Löffeln 'was zu essen haben; diese könnten nun den Gentleman auch einen Aristokraten nennen. Wenn man in solchen Dingen sich selbst zum unbedingten Maaßstab macht, so kann ich wahrhaftig nichts von Freiheit sehen. Mag ich nicht mit einem Menschen zu Mittag essen, der sich einer silbernen Gabel bedient, so kann mich in diesem Lande Niemand dazu zwingen; wenn aber andererseits der junge Littlepage keinen Gefallen an einem Gesellschafter hat, der, wie ich z. B., Tabak kaut, so muß man es ihm gleichfalls überlassen, seiner Reizung zu folgen.

»Was weiter den Satz betrifft, daß ein Mensch so gut sei, wie der andere, so hat dieß wieder seine zwei Seiten. Ich bin von Herzen gerne bereit, einzuräumen, daß alle Menschen die gleichen allgemeinen Rechte haben sollen, aber wenn Einer so gut ist, wie der Andere, warum geben wir uns so viele Mühe und wenden so viele Kosten auf bei den Wahlen? Man könnte ja, wie für die Schwurgerichte, das Loos ziehen und sich in dieser Weise sowohl Zeit als Geld ersparen. Uebrigens wissen wir Alle, daß es einen Unterschied unter den Menschen gibt, und ich glaube, so lange die Leute die Wahl haben, zu sagen, dieser soll meine Angelegenheiten verwalten, oder er soll sie nicht verwalten, so besitzen sie wohl so viel Recht, als ihnen zusteht. Was aber alles Uebrige betrifft, so muß man andere Leute gehen lassen, vorausgesetzt, daß sie den Gesetzen Gehorsam leisten.

»Ich muß noch ferner sagen, daß ich keinen großen Gefallen daran habe, wenn man den Leuten immer sagt, daß sie vollkommen seien. Ich kenne diese County ziemlich gut, vielleicht so gut, als die meisten, die darin wohnen, und wenn es auch in Washington County einen vollkommenen Mann geben mag, so muß ich sagen, daß ich noch nicht mit ihm zusammengetroffen bin. Zehn Millionen unvollkommener Menschen machen noch nicht einen einzigen vollkommenen Mann, und ich suche daher bei dem Volk ebensowenig Vollkommenheit, als bei den gekrönten Häuptern. Von einer Demokratie verlange ich nicht mehr, als daß die Zügel in hinreichend vielen Händen ruhen, um zu verhindern, daß einige Wenige Alles für sich selber ausbeuten. Gleichwohl dürfen wir nicht vergessen, daß es weit schlimmer ist, wenn ein Unrecht von Vielen, als wenn es von Wenigen ausgeht.

»Wenn mein Sohn das Eigenthum des Malbone Littlepage nicht erbte, – je nun, so beerbt auch Malbone Littlepage's Sohn mich nicht. In dieser Hinsicht stehen wir auf gleichem Fuße. Und was weiter die Rentenzahlung betrifft, welche einigen Personen so beschwerlich erscheint – was würden sie wohl anfangen, wenn sie weder Haus, noch Farm hätten, um darauf zu leben und zu arbeiten? Wünscht Jemand ein Haus oder eine Farm zu kaufen, so kann ihn Niemand daran hindern, wenn er das Geld dazu hat; ist aber letzteres nicht der Fall, so kann man nicht erwarten, daß andere Leute hergehen und ihn aus eigenen Mitteln mit dem ausstatten, was – –«

Der Sprecher wurde hier plötzlich von einem wilden Geschrei unterbrochen, und die Inschens drangen in's Haus herein, so daß sie Diejenigen, welche sich in den Gängen befanden, vor sich hertrieben. Männer, Weiber und Kinder sprangen zu den niedrigen Fenstern hinaus, während Andere sich durch die beiden Seitenthüren flüchteten, da die Inschens nur durch den Haupteingang hereingekommen waren. In kürzerer Frist, als ich auf die Mittheilung der Thatsache zu verwenden hatte, war fast das ganze Auditorium auseinander gesprengt.


 

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