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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

»Er kennt das Spiel; wie richtig er sein Luv hält!«
»»Still, sag' ich!««

König Heinrich VI.

 

Nachdem wir am andern Morgen bei Zeiten das Frühstück eingenommen hatten, bereitete sich die Familie zum Aufbruch vor; denn nicht nur Miller, sondern auch sein Weib und seine Tochter gedachten nach »Little Neest« hinunterzugehen – so hieß nämlich in diesem Bruchtheil des Universums fast allgemein der kleine Weiler, um ihn von dem eigentlichen »Neest« zu unterscheiden. Ich fand später, wie in den Kontroversen sogar dieser Umstand gegen mich aufgeführt und es mir als ein crimen laesae majestatis gedeutet wurde, daß ein Privathaus den Major des Schlusses monopolisirte, während ein ganzer Ort sich mit dem Minor begnügen mußte – und noch obendrein ein Ort, mit zwei Wirthshäusern, welche ausschließlich Eigenthum des Volks waren: denn es gibt unter dem Volk so gut eine Ausschließlichkeit, wie unter den Aristokraten, namentlich bei allen Dingen, bei welchen Gewalt oder Vortheil in Frage kömmt. In Beziehung auf die beiden letzteren Punkte war sogar Joshua Brigham weit aristokratischer, als ich, und es muß zugestanden werden, daß die Amerikaner ein sehr humaner Menschenschlag sind, sintemal man wohl nirgends ein Volk findet, welches der Ansicht ist, daß ein Bankerott Anspruch an öffentliche Gunst verleihe So ungemein es auch erscheinen mag, so ist dieß gleichwohl eine Wahrheit, welche ihren Grund sogar in einem achtbaren Zuge hat – nämlich in dem Wunsch, dem Unglücklichen fortzuhelfen. Es ist übrigens zuverlässig ein großer Irrthum, wenn man bei einer Erwählung für öffentliche Stellen ein anderes Motiv gelten läßt, als die Befähigung. D. H..

Was die beiden »Nester« betrifft, so wäre ohne Zweifel der Vorrang der Namen wirklich als eine Frage von Belang aufgegriffen worden, wenn sich's bei der Agitation nicht um weit wichtigere Gegenstände gehandelt hätte. Ich habe einmal in Frankreich von einem Prozeß über einen Namen gehört, welcher in jenem Lande so lange sich einer Berühmtheit erfreute, daß sein Ursprung, wie sich aus der Controverse ergab, weit über das Alter aller Urkunden zurückreichte – über einen Namen, der auch in den Annalen unserer eigenen Republik sich einen hohen Ruf erwarb. Ich meine damit das Haus de Grasse, welches vor der Revolution eine Stadt im südlichen Theil des Königreichs bewohnte und vielleicht auch noch jetzt bewohnt. Diese Stadt führt den Namen Grasse und ist durch die Verfertigung von Luxusartikeln fast eben so bekannt, wie die Familie durch ihre Waffenthaten. Vor ungefähr einem Jahrhundert soll der Marquis de Grasse gegen seine Nachbarn in einen Prozeß verwickelt worden sein, in welchem sich's um Herstellung des Tatbestandes handelte, ob die Familie der Stadt oder die Stadt der Familie den Namen gab. Der Marquis behauptete in diesem Kampfe das Feld, obschon durch diesen neuen Sieg sein Vermögen sehr geschmälert wurde. Da mein Haus oder vielmehr der Vorgänger desselben gebaut wurde und seinen Namen erhielt, als das nunmehrige Little-Nest noch jungfräulicher Urwald war, so sollte man glauben, seine Ansprüche an die Priorität des Besitzes seien über allen Zweifel erhoben, obschon vielleicht bei gerichtlicher Verhandlung die Sache sich anders herausstellen dürfte. Es gibt unter uns zwei Arten der Geschichtschreibung, je nachdem auf öffentliche oder Privatverhältnisse Rücksicht genommen werden soll; die eine ist nahezu so wahr, als gewöhnlich, die andere aber stets eine Ausgeburt der menschlichen Einbildungskraft. Alles hängt so sehr von Majoritäten ab, daß diejenige Ueberlieferung als die bündigste erscheint, welche von den meisten am liebsten geglaubt wird; denn unter dem System der Zahlen nimmt man wenig Rücksicht auf die triftigeren Momente, als da sind, Sachkenntniß und Forschungseifer, weil in Allem nur die Stimmen gezählt werden, und drei Lügner mehr Gewicht haben, als zwei Wahrheitsfreunde. Daß diese Afterhistoriographie auch in der Antirenten-Controverse sehr häufig in Anwendung kömmt, kann man oft genug bemerken, denn mit jedem Tag tauchen Thatsachen auf, die längst in den Gräbern der Vergangenheit geschlafen haben. Diese Thatsachen sollen den ganzen Rahmen für die Geschichte des Staats und der Kolonie geben, färben aber schwarz, wo der Pinsel ursprünglich weiß aufgetragen, und bringen die Schlaglichter an, wo man vordem stets nur Schatten gesehen hatte. Mit einem Worte, man trägt seine Mährlein vor, wie sie am besten mit den gegenwärtigen Ansichten zusammenstimmen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie auch im Einklang mit dem Sachverhalten stehen.

Es war die Absicht Tom Millers, mir und Onkel Ro einen einspännigen Wagen zu geben, während er, sein Weib, Kitty und eine Magd in einem zweispännigen Fuhrwerk, das sich besser für eine solche Fracht eignete, nach dem »Little-Neest« zu fahren gedachte. Nachdem diese Einleitungen getroffen waren, verließen wir, als die Uhr über der Farmhausthüre eben neun schlug, insgesammt den Platz. Ich lenkte mein Roß selbst – und mein war es in der That; denn jeder Huf, das Fuhrwerk, die Ackerbaugeräthschaften, kurz Alles in der Restfarm gehörte den alten Gesetzen zufolge mir so gut an, wie der Hut, den ich auf meinem Kopf trug. Allerdings waren die Miller nun schon fünfzig Jahre oder drüber, ja fast sechzig im Besitz, und nach der neuen Deutungsmethode mögen wohl Einige glauben, wir hätten für Bearbeitung des Feldes und für Benützung des Viehs und der Utensilien so lange Lohn bezahlt, daß im moralischen Sinn der Rechtstitel für mich verloren gegangen sei, um an Tom Miller zu gelangen. Wenn die Benützung ein Recht bedingt, warum sollte dieß nicht eben so gut von einem Wagen und einem Pferde, als von einer Farm gelten?

Als wir den Platz verließen, blickte ich begierig nach dem Nesthause hin, in der Hoffnung, ich möchte irgend eine theure Gestalt am Fenster, auf dem Rasen oder auf der Piazza zu Gesicht bekommen; aber es erschien keine Seele, und wir trabten in kurzer Entfernung hinter dem andern Wagen die Straße hinab, uns über Dinge unterhaltend, wie sie uns eben zu Sinne kamen. Die Entfernung mochte ungefähr anderthalb Wegstunden ausmachen, und die Vorlesung, welche die große Angelegenheit des Tages war, sollte um eilf Uhr beginnen. Wir brauchten daher nicht sehr zu eilen, und ich wollte lieber das Thier langsam seinen eigenen Gang gehen lassen, als es antreiben und vielleicht ein paar Stunden früher anlangen, als erforderlich war. In Folge unseres langsamen Fahrens verloren wir daher Miller und seine Familie bald aus dem Gesicht, da unseren Wirthen darum zu thun war, den Tag so viel wie möglich zu benützen.

Natürlich war der Weg mir und meinem Onkel vollkommen bekannt; aber selbst wenn auch dieß nicht der Fall gewesen wäre, hätten wir doch kein Verirren zu besorgen gehabt, da wir nur der allgemeinen Richtung des breiten Thales, durch welches er lief, zu folgen brauchten. Außerdem hat auch Miller uns sehr rücksichtsvoll belehrt, daß wir an zwei Kirchen, oder an einer Kirche und einem Meetingshaus vorbeikommen müßten, deren Thürme, weil sie auf dem Weg fast immer zu sehen waren, uns als Wegzeiger dienten. In Beziehung auf den Ausdruck »Meetinghaus« wirft sich die Frage auf: liefert er nicht an sich schon einen maaßgebenden Beweis von der thörichten Inconsequenz jenes weisesten aller Erdenwesen, des Menschen? Er wurde eingeführt im Widerspruch und als Opposition gegen den vermeintlichen Götzendienst, welchen man mit dem Gebrauch des Worts »Kirche« in Verbindung zu bringen beliebte, und zu einer Zeit, als gewisse Sekten Anstoß daran nahmen, die Orte ihrer Gottesverehrung in letzterer Weise bezeichnen zu hören, während heutzutage dieselben Sektirer gute Lust haben, die ausschließliche Führung des vorgeschriebenen Worts durch Conventikel, welche es stets beibehalten haben, für höchst anmaßend, und sogar für ein wenig »aristokratisch« zu erklären. Ich fürchte beinahe, daß unsere Ultras in der Politik, in der Religion, in der Freiheitsliebe und in anderen menschlichen Vortrefflichkeiten einigermaßen geneigt sind, in ihrem excentrischen Kreisen dergleichen in sich zurückgehende Bahnen zu machen, um zuletzt ziemlich in der Nähe der Plätze wieder anzulangen, von denen sie ausgegangen sind.

Der Weg zwischen dem Nesthaus und dem Dörflein Littlenest ist ländlich und ganz so angenehm, wie man ihn gewöhnlich in Landestheilen findet, die weder Wasserpartien, noch eine Gebirgsscenerie bieten. Die Gegenden New-Yorks sind, wenn man sie mit den edeln Landschaften vergleicht, die man in Italien, in der Schweiz, in Spanien und in den schönern Theilen Europa's findet, selten – ja ich kann wohl sagen, nie großartig; indeß haben wir doch sehr viele Striche, die in ihren künstlichen Beigaben nur einiger Vollendung bedürften, um ungemein lieblich zu werden. Dasselbe ist nun der Fall bei dem Hauptthale von Ravensnest, welches in jenem Augenblicke, als wir durch dasselbe hinfuhren, uns ein überraschendes Bild ländlichen Ueberflusses und ländlicher Gemächlichkeit bot, wie man Beides selten in der alten Welt sieht; denn die Abwesenheit der Einzäunungen und die in den Dörfern zusammengehäuften Wohnungen geben dort den Feldern ein nacktes, verödetes Ansehen, wie gut sie auch angebaut sein, und wie üppig ihre Ernten dastehen mögen.

»Dieß ist ein Besitzthum, für das man wohl einen Kampf wagen darf,« sagte mein Onkel, als wir langsam dahintrotteten, »obschon es bisher nicht sonderlich ergiebig für seinen Besitzer war. Das erste halbe Jahrhundert eines derartigen amerikanischen Eigenthums trägt dem Grundherrn selten viel weiter ein, als Mühe und Verdruß.«

»Und nach dieser Zeit kommt der Pächter her, um es als Lohn für seine Mühe zu einem ihm beliebigen Preis an sich zu reißen.«

»Ach, welche Beweise allenthalben, wo immer das Auge ruht, von der Selbstsucht des Menschen und von seiner Unfähigkeit, ohne Zügel die Angelegenheiten der Gesammtheit zu ordnen! In England streitet man sich mit den Grundherrn, die eine wirkliche Aristokratie bilden und in der Gesetzgebung sitzen, über die Art, wie diese sich und den Ertrag ihrer Länderei schützen, während hier der wahre Eigenthümer des Bodens sich gegen die Macht der Zahlen, gegen das Volk, welches bei uns die einzige Aristokratie bildet, wehren muß, um sein Eigenthumsrecht in der einfachsten und nacktesten Form zu erhalten. Diesen beiden Bedrückungen liegt ein gemeinsames Laster zu Grund – das Laster der Selbstsucht.«

»Aber in welcher Weise sind Mißbräuche, wie diejenigen, über welche wir uns hier beklagen – Mißbräuche von der schändlichsten Art, da der Unterdrücker so viele sind, und sie durch ihre Zahl sich aller Verantwortlichkeit entheben – zu vermeiden, wenn man dem Volk das Recht gibt, sich selbst zu beherrschen?«

»Gott sei dem Lande gnädig, wo ein solches Selbstregiment im buchstäblichen Sinne des Worts besteht, Hugh! Der Ausdruck ist blos conventionell und bedeutet, im geeigneten Lichte betrachtet, eine Regierung, in welcher die Quelle der Gewalt in der Gesammtheit der Nation liegt und nicht von einem einzelnen Souveräne ausgeht. Wenn ein Volk, das seinen Erfahrungen eine passende Erziehung verdankt, ruhig seine Geschäftsführer wählt und ohne Vorurtheil an's Werk geht, um eine Reihe von Prinzipien aufzustellen, welche das Grundgesetz oder die Constitution bilden sollen, so ist die Maschine auf dem rechten Wege und wird ihrem Zwecke gut genug entsprechen, so lange sie aus demselben erhalten werden kann; aber dieses Fortrennen, dieses Aendern der Grundsätze, so oft eine politische Partei Rekruten braucht, gibt zu einer Tyrannei in der schlimmsten Form Anlaß – zu einer Tyrannei, welche für die wahre Freiheit eben so gefährlich ist, wie die Heuchelei für die Religion.«

Wir näherten uns nun der St. Andrews-Kirche und der Rectorei mit ihrer Scholle Landes, welche hart an den Kirchhof oder – wie die Amerikaner sich ausdrücken – an den »Gräberhof« gränzte. Seit ich das Pfarrhaus mit seiner Umgebung zum letztenmal gesehen, hatte es augenscheinlich wesentliche Verschönerungen erfahren. Es war Gesträuch angepflanzt, die Verzäunungen befanden sich in guter Ordnung, der Garten war zierlich und gut bearbeitet, die Felder sahen trefflich aus, und Alles deutete darauf hin, daß der »neue Herr auch eine neue Ordnung gebracht hatte.« Sein Vorgänger war ein weinerlicher, unzufriedener, engherziger, selbstsüchtiger und träger Pfaffe gewesen – ein Charakter, der fast auf einer eben so niedrigen Stufe steht, wie der des offenkundigen Verbrechers; aber Mr. Warren erfreute sich des Rufs eines frommen, wahren Christen, der sein heiliges Amt mit inniger Freudigkeit erfüllte und seinem Gott diente, weil er ihn liebte. Ich weiß vollkommen zu würdigen, wie beschwerlich das Leben eines Landgeistlichen ist und mit welch einem dürftigen Gehalt er sich gemeiniglich behelfen muß, während er doch unendlich mehr verdiente, wenn seine Belohnung nach zeitlichen Dingen zu ermessen wäre. Wie jedes andere, hat übrigens auch dieses Gemälde seine verschiedenen Seiten, und hin und wieder treten Menschen aus Beweggründen in den Kirchendienst, die nicht in entfernter Beziehung zu denjenigen stehen, welche den eigentlichen Impuls dazu geben sollten.

»Mr. Warren hat seinen Wagen vor der Thüre stehen,« bemerkte mein Onkel, als wir an der Rektorei verbeikamen. »Er wird doch nicht bei einer solchen Gelegenheit auch das Dorf besuchen wollen?«

»Wenn das Zeugniß, welches ihm Patt gibt, richtig ist, so finde ich dieß sehr wahrscheinlich,« entgegnete ich. »Sie sagt mir, er lasse sich's eifrig angelegen sein, den Geist der Habsucht zu beschwören, der im Lande immer weiter greift, und habe sogar – zwar in allgemeinen Ausdrücken, aber doch mit Kühnheit – gegen die Grundsätze gepredigt, welche bei Gelegenheit der Antirentenfrage aufgetaucht seien. Wie ich höre, strebt der Geistliche im Dorf nach Popularität und hält's in seinen Predigen sowohl, als in seinen Gebeten mit den Antirenters.«

Es wurde jetzt nichts mehr gesprochen, sondern wir fuhren weiter und gelangten bald in einen breiten Streifen Gehölz, der mit dem jungfräulichen Urwald zusammenhing. Dieser Wald, der wohl tausend Acres Landes bedeckte, erstreckte sich von den Bergen herunter über unebnes und nicht sehr werthvolles Land, welches von der Axt verschont blieben war, damit es den Bedürfnissen späterer Zeiten Rechnung trage. Es war daher im vollsten Sinne des Worts mein Eigenthum, und so auffallend es auch scheinen mag, wurde unter den Anschuldigungsgründen gegen mich und meine Vorfahren auch der vorgebracht, daß wir es abgelehnt hätten, diesen Strich zu verpachten. So wurden wir also einerseits verlästert, weil wir unser Land in Pacht gegeben hatten, und andererseits machte man uns den Vorwurf, daß dieß von uns nicht geschehen sei. Die Sache ist übrigens erklärlich: man erwartete von mir, wie von allen größeren Grundbesitzern, daß wir unser Eigenthum so viel als möglich zum Besten anderer Leute benützen sollten, sintemal diese andere Leute der Meinung sind, fremde Habe sei nur da, um ihnen Vortheil zu bringen.

Wir mußten etwa eine Viertelstunde durch den Wald fahren, bis wir wieder in's Freie gelangten, von wo aus wir noch eine kleine Stunde Wegs bis nach dem Dörflein hatten. Zur Linken von uns erstreckte sich das Gehölz nicht weiter als auf etwa hundert Ruthen, und endigte dann an dem Ufer des Flüßleins oder des Bächleins – wie es unpassender Weise genannt wird, da es nur hundert Fuß breit ist – welches unter dem bergigen Grund, der sich hieher ausdehnte, dahinfloß. Rechts aber lief der Wald eine gute Strecke weiter, bis er sich mit anderen Theilen des Forstes, die zu den angränzenden Farmen gehörten, vermischte. Wo Wege durch ein Gehölz gehen, ist es in Amerika nicht ungewöhnlich, daß zu beiden Seiten der Straße ein zweiter Baumwuchs aufschießt, und so war es auch hier der Fall; dieser Waldweg war nach seiner ganzen Länge mit großen Büschen von Fichten, Schierlingstannen, Ahorn und Kastanien gesäumt. An einigen Stellen liefen diese fast bis an den Pfad vor, während an andern der Raum auf eine ziemliche Breite frei war. Wir wanden uns durch dieses Gehölz und hatten fast dessen Mitte erreicht, von der aus man nach keinem von den mindestens eine Viertelstunde entlegenen Häusern hinsehen konnte. Die Aussicht nach vorn und hinten war in jeder Richtung auf sechs oder acht Ruthen hin durch die jungen Bäume begränzt, und wir betrachteten uns eben die Stelle, als ein gedämpftes schrilles, banditenartiges Pfeifen an unsere Ohren schlug. Ich gestehe, daß mir bei dieser Unterbrechung durchaus nicht wohl zu Muth war, da ich an die Unterhaltung der vorigen Nacht dachte. Mein Onkel sprang plötzlich auf und griff instinktartig nach der Stelle, wo eigentlich hätte ein Pistol stecken sollen, um einer solchen Crisis zu begegnen – eine Geberdung, aus welcher ich entnahm, daß auch er glaube, er befinde sich bereits in den Händen der Philister.

Eine halbe Minute reichte übrigens zu, um uns über das wahre Sachverhalten zu belehren. Ich hatte kaum das Pferd gezügelt, um mich umzuschauen, als eine Reihe von Männern, sämmtlich bewaffnet und verkleidet, in einer einzelnen Zeile aus dem Gebüsch hervorkam und sich quer in dem Wege aufstellte. Es waren sechs sogenannte Inschens, von denen jeder eine Büchse, ein Pulverhorn, einen Kugelbeutel und sonstige kampffertige Ausstattung bei sich führte. Die Verkleidung war sehr einfach, indem sie nur aus einer Art weiten Calicojagdhemds und aus Beinkleidern bestand, so daß die Person des Trägers vollkommen verhüllt war. Den Kopf deckte eine Art Kaputze oder Maske, gleichfalls aus Calico, die mit Einschnitten für die Augen, die Nase und den Mund versehen war. Ein so ausstaffirter Mensch war natürlich nicht zu erkennen, wenn er sich nicht etwa durch ungewöhnliche Größe oder Kleinheit auszeichnete; jedenfalls war ein Mann von mittlerer Statur vollkommen sicher, so lange er nicht redete und die Maske beibehalten werden konnte. Wie ich übrigens bald fand, veränderten Diejenigen, welche sprachen, ihre Stimmen und bedienten sich dabei eines Jargons, welcher das unvollkommene Englisch der eingebornen Eigenthümer des Bodens nachahmen sollte. Obschon weder ich noch mein Onkel je zuvor einen von der Bande gesehen hatten, so wußten wir doch im Augenblick, daß wir in diesen Personen die viel besprochenen Störer des öffentlichen Friedens – denn ich kann sie mit keinem andern Ausdruck bezeichnen – vor uns hatten. Unter den Verhältnissen, in denen wir uns befanden, konnte ohnehin nicht wohl ein Irrthum statt finden; aber wenn wir sie auch anderswo getroffen hätten, so würden die Tomahawks, welche ein paar dieser Leute mit sich führten, die Art, wie sie marschirten, und der sonstige Zubehör ihrer Mummerei uns augenblicklich belehrt haben, womit wir es hier zu thun hatten.

Mein erster Gedanke war, den Wagen umzukehren und zu versuchen, ob ich den trägen Gaul nicht in Galopp peitschen könne. Zum Glück blickte ich, ehe ich diesen Versuch machte, zurück, um zu sehen, ob für ein solches Kunststück Raum genug vorhanden sei, und nun bemerkte ich, daß sechs andere von diesen Inschens hinter uns quer in der Straße aufgezogen waren. Unter solchen Umständen war es wohl das Klügste, zur Sache eine gute Miene zu machen und das Pferd dreist vorwärts gehen zu lassen, bis es von einem aus der Bande, der es am Zügel nahm, angehalten wurde.

»Sago, Sago,« rief Einer, der den Häuptling zu spielen schien und den ich als solchen bezeichnen will, in seiner natürlichen Stimme, obschon er die indianische Aussprache nachzuahmen versuchte. »Wie gehen, wie gehen? – Wo komm' Ihr her, he? Wohin gehen, he? – Was Ihr sagen – leben Rent oder nieder mit Rent, he?«

»Wir sind zwei Tscharmans,« entgegnete Onkel Ro in seinem verzweifeltsten Dialect; und die Abgeschmacktheit von Männern, welche der gleichen Zunge angehörten, aber ihre Sprache zu Zwecken der Täuschung entstellten, kam mir so seltsam vor, daß ich mich gewaltig versucht fühlte, den Kerlen in's Gesicht zu lachen. »Wir sind zwei Tscharmans, die einen Mann über's Rentenzahlen sprechen hören, und bei dieser Gelegenheit Uhren verkaufen wollen. Sind keine Liebhaber für Uhren unter Euch, Ihr guten Schentlemans?«

Obgleich die Kerle, so weit unsere angenommenen Rollen gingen, ohne Zweifel wußten, wer wir waren, und wahrscheinlich auf unsere Ankunft gewartet hatten, so verfing doch dieser Köder, denn es entstand jetzt eine allgemeine Unruhe und Rührigkeit unter ihnen, woraus wohl zu ersehen war, daß dieser Vorschlag ihnen viel Vergnügen machte. In einer Minute hatte sich der ganze Haufen nebst acht oder zehn weiteren, die aus dem nächsten Gebüsche zum Vorschein kamen, um uns versammelt, und wir wurden mit sanfter Gewalt, durch welche die Bursche ihre Ungeduld an den Tag legten, aus dem Wagen gehoben. Natürlich erwartete ich, daß alle die Schmucksachen und Uhren, die nur von geringem Werth waren, augenblicklich verschwinden würden; denn wer hätte auch daran zweifeln sollen, daß Personen, die mit so großartigen Raubversuchen umgingen, Bedenken tragen würden, auch in kleinerem Maßstab ein Geschäftchen mitlaufen zu lassen, wenn sich eine fügliche Gelegenheit dazu zeigte. Ich war jedoch im Irrthum, denn eine Art unbegreiflicher Mannszucht hielt Diejenigen, welche vielleicht Lust dazu gehabt haben würden, und deren es wahrscheinlich etliche in den Haufen gab, in jeweiliger Ordnung. Der Gaul blieb – hocherfreut, daß er ausruhen durfte – mitten in der Straße stehen, während man uns nach einem in der Nähe liegenden gefallenen Baumstamm hinwies, damit wir daselbst unsere Raritätentruhe aufstellten. Ein Dutzend Uhren befand sich schnell in den Händen eben so vieler scheinbarer Wilden, die über das blanke Aussehen derselben eine große Freude an den Tag legten. Während dieser Auftritt, der halb Mummerei, halb Natur war, vor sich ging, winkte mir der Häuptling nach einem Sitz auf dem andern Ende des Baums, und während mich noch ein paar weitere Inschens umringten, begann er mich folgendermaßen in's Verhör zu nehmen.

»Merk' wohl, ich will Wahrheit,« sagte er in nicht sehr gelungener Nachahmung des Indianer Englisch. »Dieß ›Blitzstrahl,‹« er legte dabei die Hand auf seine Brust, damit ich mich nicht in der Person des Kriegers irre, welcher einen so ausgezeichneten Titel führte; »nicht gut lügen ihn – wissen alle Ding', bevor er frag'; nur frag für Spaß – was thun hier, he?«

»Wir sind gekommen, um die Inschens und die Leute im Dorf zu besuchen, weil wir hoffen, daß sie uns Uhren abkaufen werden.«

»Das Alles – gewiß? – kann Ihr ruf: ›nieder mit Rent,‹ eh?«

»Dieß ist sehr leicht. ›Nieder mit Rent, eh!‹«

»Auch gewiß Tscharman, eh? Ihr kein Spion? Ihr nicht hieher geschickt von Gubbernöhr, eh? – Grundherr Euch nicht zahlen, eh?«

»Wie könnt ich ein Spion sein? Da ist nichts zu erspioniren, als Männer mit Callicogesichtern. Warum fürchtet Ihr Euch vor dem Gouverneur? Ich denke, der Gouverneur ist ein guter Freund der Antirenters?«

»Nicht, wenn wir so handeln. Schick Roß, schick Fußvolk nach uns dann. Denken auch gut Freund, aber er nicht dürfen.«

»Mög' ihn der Teufel holen!« plärrte einer aus dem Stamm in so gutem ländlichem Englisch, als nur je eines aus dem Munde eines Bauernkerls kam. »Wenn er unser Freund ist, warum schickt er Artillerie und Reiterei an den Hudson herunter? – Und warum hat er den großen Donner vor seine höllischen Gerichtshöfe gezogen? Mög er verdammt sein!«

In Betreff dieses Gefühlsergusses war eine Mißdeutung unmöglich, und so schien auch Blitzstrahl zu denken, denn er flüsterte einem von dem Stamm etwas zu. Dieser ergriff sofort den derb englisch sprechenden Inschen beim Arm und führte den Kerl fort, der noch immer vor sich hin brummte und grollte, gleich dem mehr und mehr sich entfernenden Donner, wenn ein Gewitter vorübergezogen ist. Was mich selbst betrifft, so zog ich aus diesem Vorgang mehrere ersprießliche Betrachtungen hinsichtlich des unausbleiblichen Schicksals Derjenigen, welche es versuchen, Gott und dem Mammon zugleich zu dienen. In dieser Antirentenfrage lag einem Gouverneur nichts Anderes ob, als eine einzige Richtung zu verfolgen – nämlich durch Unterdrückung der Gewaltthätigkeit dem Gesetz Achtung zu verschaffen und die Personen, welche sich über ihre Pachtverträge beschwerten, mit ihren Klagen an die Gerichtshöfe zu weisen, wie man es gewöhnlich bei Mißhelligkeiten über Kontrakte zu halten pflegt. Ein Regiment ist nur ärmlich, wenn es nicht beiden Theilen Gehör schenkt. Mancher Grundherr hat für sich selbst einen sehr nachtheiligen Vertrag eingangen, und es ist mir namentlich ein Fall bekannt, in welchem schon seit langer Zeit einer Familie die zweckmäßige Benützung eines sehr werthvollen Eigenthums bitter verkümmert wird, blos weil ein schwachköpfiger früherer Besitzer der Liegenschaften Seelen für das Paradies zu gewinnen vermeinte, wenn er seine Farmen, die er blos dem Namen nach mit einer Rente beschwerte, unter der Bedingung, daß jeder Pächter zweimal eine besondere Kirche besuchen müsse, auf die Dauer von neunundzwanzig Jahren vergabte! Nun ist es sonnenklar, daß der Bürger, welcher der Eigenthümer vieler derartig verliehener Farmen ist, unter einer weit größeren Benachtheiligung leidet, als der Pächter einer einzelnen Farm, selbst wenn die Bedingungen beschwerend sind, und schon nach allgemeinen Grundsätzen hätte der fragliche Grundbesitzer weit mehr Anspruch auf Abhilfe, sintemal ein Einzelner, über den viel ergeht, eher Mitleid verdient, als Viele, von denen jeder nur wenig leidet. Was würde wohl ein Gouverneur sagen, wenn der Grundbesitzer, den ich im Auge habe, mit seinen Beschwerden sich an die executive Gewalt wendete und die Erklärung vorbrächte, dieselbe Vertragsbedingung, welche seinen Vorgänger zu dem Irrthum veranlaßt habe, also seine Mittel zu vergeuden, finde eine offene Mißachtung – die Farmen, welche einen Werth von vielen tausend Dollars besäßen, seien nun fast ein Jahrhundert lang für blose Nominalrenten von den Pächtern benützt worden – der wahre Eigenthümer des Landes habe jetzt Gelegenheit, sein Besitzthum vortheilhaft zu verwenden u. s. w.? Würde der Gouverneur in einem solchen Falle einen legislativen Act in Vorschlag bringen? Würde die lange Dauer eines solchen Vertrags ihn veranlassen, darauf anzutragen, daß fortan kein Pacht mehr für länger, als für fünf Jahre eingegangen werden könne? Würden die Grundbesitzer, welche ein Corps von Inschens auf die Beine brächten, um die Pächter durch Plackereien zum Abtreten von ihren Farmen zu vermögen, Gegenstände des Mitleids werden? – Und würde bei Anstiftung von Rebellion und Raubzügen, wenn sie von solcher Seite ausgingen, das Gesetz gleichfalls Jahre lang schlummern, bis etwa zwei oder drei Mordthaten die öffentliche Entrüstung geweckt hätten? Mag diese Frage beantworten wer kann; so viel ist übrigens gewiß, daß ich mich als Grundbesitzer nicht gerne dem Hohn aussetzen möchte, der zuverlässig auch nur eine öffentliche Beschwerde über derartige Benachtheiligungen begleiten würde. Mit spöttischem Lachen würde man mich an die Gerichtshöfe verweisen – hier solle ich Abhilfe suchen, wenn ich Abhilfe brauche, und der ganze Unterschied zwischen dem »Wenn und dem Wenn« in den beiden Fällen bestände einzig darin, daß der Grundbesitzer nur eine einzige, die Pächter aber Tausende von Stimmen abzugeben haben Diese Angabe ist keineswegs erdichtet, sondern buchstäblich aus dem Leben gegriffen, und der Herausgeber kann sie um so mehr bezeugen, da er gleichfalls bei einem Eigenthum betheiligt ist, welches sich in solcher Lage befindet. Allerdings ist es ihm noch nicht eingefallen, bei dem gesetzgebenden Körper Abhilfe suchen zu wollen. Der Herausgeber..

»Der Teufel soll ihn holen!« murmelte der aufgebrachte Inschen, so lange ich noch etwas von ihm hören konnte.

Nachdem er übrigens völlig beseitigt war, nahm Blitzstrahl sein Verhör wieder auf, obschon man ihm ansehen konnte, daß ihn der undramatische Charakter der Unterbrechung einigermaßen verdroß.

»Gewiß kein Spion eh? – gewiß Gubbernör Euch nicht send, eh? – gewiß kommen zu verkaufen Uhr, eh?«

»Wie ich Euch bereits gesagt habe, komme ich, um zu sehen, ob sich mit unsern Uhren nichts machen lasse. Von dem Gouverneur weiß ich nichts, und habe überhaupt den Mann in meinem Leben nie gesehen.« Da Alles dieß der Wahrheit gemäß war, so konnte sich mein Gewissen vollkommen beruhigt fühlen, wenn auch einige Zweideutigkeit in der Aeußerung liegen mochte.

»Was denken die Leute da drunten von Inschen, eh? – Was sagen Leute von Antirent, eh? – Hör' sie viel sprech davon?«

»O ja, Einige meinen, die Antirenterei sei gut, und Andere glauben, sie sei schlecht. Jeder denkt eben, wie er's gerne hätte.«

Ein leises Pfeifen ließ sich jetzt die Straße herunter oder vielmehr aus dem Gebüsch her vernehmen, und sämmtliche Inschens waren im Nu auf den Beinen. Jeder gab übrigens ehrlich die Uhr, die er in den Händen hatte, zurück, und nach weniger als einer halben Minute saß ich mit meinem Onkel allein auf dem Baumstamm. Diese Bewegung war so plötzlich, daß wir über die passende Art, wieder fortzukommen, nicht sonderlich im Zweifel zu sein brauchten. Mein Onkel packte kaltblütig seine Schätze wieder in die Truhe, und ich begab mich nach dem Pferde hin, welches sein Kopfzeug abgeschüttelt hatte und ruhig im Wege graste. Wir mochten etwa ein paar Minuten in dieser Weise beschäftigt gewesen sein, als das Traben eines Pferdes und das Gerassel von Rädern die Ankunft eines jener Fuhrwerke, die fast national geworden sind – eines Dearborn oder eines einspännigen Wägelchens ankündigten. Sobald dasselbe hinter einen Schirm von Gebüsch, das eine Krümmung des Weges säumte, hervorkam, bemerkte ich, daß es Mr. Warren und dessen holde Tochter enthielt.

Da der Weg nur schmal war und unser Fuhrwerk in der Mitte desselben stand, so konnten die neuen Ankömmlinge nicht fortfahren, wenn wir nicht bei Seite rückten, und der Geistliche zog deßhalb die Zügel an, sobald er die Stelle, wo wir uns befanden, erreicht hatte.

»Guten Morgen, Gentlemen,« sagte Mr. Warren herzlich, sich eines Wortes bedienend, das wie ich wohl fühlte, in seinem Munde Alles ausdrückte, was es bedeutete. »Guten Morgen Gentlemen. Spielt Ihr den Waldnymphen eine Händelsche Passage vor, oder declamirt Ihr Hirtengedichte?«

»Keines von beiden, Herr Pastor. Wir sind hier mit Kunden zusammengetroffen, und sie haben uns eben erst verlassen,« antwortete Onkel Ro, der zuverlässig seine Rolle mit vollkommenen Aplomb spielte, und mit einer bewundernswürdigen Mimik begleitete. »Guten Tag, guten Tag. Will der Herr Pastor vielleicht nach dem Dorf gehen?«

»Wir sind auf dem Wege. Wie ich höre, soll daselbst von den irregeleiteten Menschen, welche sich Antirenters nennen, ein Meeting abgehalten werden, und vielleicht sind einige meiner Pfarrkinder dabei anwesend. Bei einer solchen Gelegenheit halte ich es für meine Pflicht, mich unter meinen Leuten zu zeigen und ihnen ein Wort des Rathes zuzuflüstern. Zwar bin ich der Ansicht, daß es sich für einen Geistlichen durchaus nicht schicke, sich in politische Angelegenheiten zu mengen; aber hier handelt sich's um eine Sache, welche die Moralität betrifft, und der Diener Gottes vernachlässigt seine Pflicht, wenn er sich von Orten fernhält, wo ein Wort der Ermahnung einen wankenden Bruder vielleicht abhalten kann, eine schwere Sünde zu begehen. Diese Rücksicht hat mich bewogen einen Schauplatz zu besuchen, den ich unter andern Umständen herzlich gern vermeiden würde.«

»Dieß mag vollkommen in der Ordnung sein,« sagte ich zu mir selbst, »aber was hat deine Tochter auf dem Schauplatze zu schaffen? Ist der Geist von Mary Warren am Ende um kein Haar besser, als der ihrer gewöhnlichen Landsmänninnen, und kann sie eine Freude haben an derartigen öffentlichen Meetings oder an der Aufregung, welche durch solche Volksreden hervorgerufen wird?« Es gibt keinen bessern Probierstein der Bildung, als die Art, wie sie gleichsam in Folge innerer Eingebung zurückbebt vor einem unnöthigen Verkehr mit Liebhabereien und Grundsätzen, die unter ihrem Niveau stehen. Hier aber war das Mädchen, in das ich – ich will nur so wenig als möglich sagen – bereits halb verliebt war, und stand im Begriff, nach dem ›Littlenest‹ hinunterzugehen, um daselbst einen wandernden Vorleser seine unverdauten Brocken über Staatsökonomie auskramen zu hören, den Spektakel im Dorf mitanzusehen, und sich zugleich ansehen zu lassen! Ein schmerzliches Gefühl getäuschter Erwartung bemächtigte sich meiner, und ich hätte in jenem Augenblicke gern die beste Farm meines Besitzthums hingegeben, wenn es anders gewesen wäre. Der Bemerkung nach, welche sich jetzt mein Onkel erlaubte, mußten ihm wohl ähnliche Gedanken in den Kopf herumgegangen sein.

»Und ist es der Jungfrau auch darum zu thun, die Inschens zu sehen und sich zu überzeugen, daß sie ein sehr gottloses Volk seien?«

Als das Wägelchen anhielt, war, wie es mir vorkam, Marys Gesicht ein wenig blaß gewesen; aber jetzt goß sich eine hohe Scharlachröthe darüber aus. Sie ließ sogar den Kopf ein wenig sinken, und ich bemerkte nun, daß sie einen ängstlichen, bittenden Blick auf ihren Vater warf. Ich kann nicht sagen, ob sie damit eine stumme unwillkürliche Berufung beabsichtigte; so viel aber ist gewiß, daß der Vater, ohne auch nur des Blickes gewahr zu werden, für seine Tochter das Wort ergriff.

»Nein, nein,« sagte er hastig, »das liebe Mädchen thut allen ihren Gefühlen, mit Ausnahme eines einzigen, Gewalt an, indem sie es wagt, einen solchen Platz zu besuchen. Ihre kindliche Liebe ist stärker geworden, als ihre Befürchtungen, und als sie fand, daß ich mich nicht abhalten ließ, so konnte keine Vorstellung von meiner Seite sie bewegen, zu Hause zu bleiben. Gebe Gott, daß sie es nicht bereue!«

Das Roth wich noch immer nicht von Marys Gesichte; aber der Ausdruck desselben verklärte sich, als sie fand, daß ihre wahren Beweggründe Anerkennung fanden, und sie lächelte sogar, obschon ihre Lippen schwiegen. Meine eigenen Gefühle erlitten jetzt eine abermalige plötzliche Umwandlung. Also nicht der Mangel an jenen Angewöhnungen und Neigungen, welche allein die Jungfrau einem Mann von Gefühl anziehend machen können, sondern ein hohes moralisches Gefühl und der Drang der kindlichen Liebe hatten sie bewogen, sich selbst zu überwinden und dem, was sie für ihre Pflicht hielt, ein schweres Opfer zu bringen. Allerdings war es nicht sonderlich wahrscheinlich, daß sich an jenem Tage etwas zutragen konnte, was Mary Warrens Anwesenheit auch nur im mindesten nöthig oder nützlich machte; aber ihre kindliche Anhänglichkeit machte einen sehr lieblichen Eindruck auf mich, und ich freute mich sogar darüber, daß sie unter obwaltenden Umständen nicht anders denken konnte.

In demselben Augenblicke übrigens bemächtigte sich meiner sowohl, als meines Onkels eine andere, weit weniger angenehme Vorstellung. Das Gespräch wurde nämlich sehr laut oder doch wenigstens laut genug geführt, um in einiger Entfernung verstanden werden zu können; denn das Pferd und ein Theil des Wagens trennte die Sprecher, und es war daher unabweislich, daß Einige von Denen, welche in den Büschen steckten, alle unsere Worte hörten und vielleicht ernstlichen Anstoß daran nahmen. In dieser Besorgniß forderte mich mein Onkel auf, unser eigenes Wägelchen so weit als möglich bei Seite zu bringen, damit der Geistliche vorfahren könne. Mr. Warren war es übrigens hiemit nicht so eilig zu thun, denn er wußte nichts von der Zuhörerschaft, die er hatte, und hegte gegen uns jenes Gefühl, welches Männer von freisinniger Bildung so gern unterhalten, wenn sie andere, die eine ähnliche Erziehung genossen haben, in der Bedrängniß des Unglücks sehen müssen. Er wünschte daher, uns seine freundliche Theilnahme kund zu geben, und wollte nicht weiter fahren, selbst nachdem wir ihm den Weg geöffnet hatten.

»Es ist schmerzlich,« fuhr Mr. Warren fort, »finden zu müssen, daß die Menschen irrtümlicherweise in ihrer Habgier nichts als das Wirken der Freiheitsliebe sehen; und doch kann der verständige Mann mit Händen greifen, daß diese Antirentenbewegung blos eine Raubsucht ist, die ihren Urquell in dem Vater des Bösen hat. Ihr werdet unter diesen Leuten Männer finden, welche sich einbilden, sie unterstützen durch ihre Theilnahme an den Umtrieben die Sache unserer freien Institutionen, während sie in Wahrheit Allem aufbieten, um sie in Mißkredit zu bringen und für die Folge ihren sicheren Sturz herbeizuführen.«

Dieß brachte uns in große Verlegenheit; denn wären wir näher hinangegangen, um ihn in leiser Stimme zu warnen und so eine Veränderung im Gespräch herbeizuführen, so hätten wir uns selbst verrathen und uns möglicherweise in eine sehr ernstliche Gefahr gestürzt. Zudem bemerkte ich in demselben Augenblick, in welchem der Geistliche also sprach, daß der maskirte Kopf des Blitzstrahls zwischen einigen niedrigen Fichten, die in kurzer Entfernung hinter dem Wägelchen standen, zum Vorschein kam – eine Stellung, welche den Lauscher befähigte, jede Sylbe von unserem Gespräch aufzufangen. Ich scheute mich, auf eigene Verantwortlichkeit etwas zu thun, und verließ mich deßhalb auf die größere Erfahrung meines Onkels. Ob dieser den angeblichen Häuptling auch bemerkt hatte, wußte ich nicht; er kam jedoch zu dem Entschlusse, das Gespräch seinen Fortgang nehmen zu lassen und sich eher auf die Antirenten-Seite der Frage zu halten, da auf diese Weise kein ernstlicher Nachtheil herbeigeführt, wohl aber unsere eigene Lage gesichert werden konnte. Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß uns diese Betrachtungen schnell genug durch den Kopf schoßen, um eine lästige und Verdacht erregende Pause in der Unterhaltung zu vermeiden.

»Vielleicht zahlen sie eben die Rente nicht gerne,« entgegnete mein Onkel mit einer Rauhheit in seinem Wesen, die ganz im Einklang mit den Worten selbst stand. »Ich kann mir denken, daß die Leute ihr Land lieber umsonst haben, als Rente dafür zahlen.«

»In diesem Falle sollen sie hingehen, wo sie sich Land kaufen können. Liegt es nicht in ihrer Absicht; die Rente zu bezahlen, warum haben sie sich dazu anheischig gemacht?«

»Mag sein, daß ihnen ein anderer Sinn gewachsen ist. Wenn Einem heute etwas gut dünkt, so ist dieß noch keine Folge, daß es morgen eben so sein muß.«

»Ihr mögt hierin wohl recht haben; aber wir sind nicht befugt, durch unsern Wankelmuth andere Leute in Nachtheil zu bringen. Ich glaube wohl auch, daß es besser für den ganzen Staatsverband wäre, wenn ein so großer Landstrich, wie der des Herrenguts Rensselaerwyck zum Beispiel, welcher noch obendrein im Herzen des Staats liegt, sich in den Händen der Bebauer befände und die Interessen darauf nicht so getheilt wären; hieraus folgt aber noch nicht, daß der Wechsel durch Gewalt oder durch betrügliche Mittel herbeigeführt werden darf. Aus jedem dieser beiden Fälle erwächst für die ganze Gemeinschaft ein weit größerer Nachtheil, als wenn die gegenwärtigen Pachtverhältnisse noch tausend Jahre fortbestünden. Ohne Zweifel läßt sich der größere Theil dieser Farmen durch eine mäßige Abschlagszahlung an dem wahren Geldwerth erwerben, und dieß ist die einzige Art, wie man über die Schwierigkeit wegkommen kann; dagegen ist es Unrecht, wenn man die Besitzer durch Einschüchterung aus ihrem Eigenthum verscheuchen will. Ist der Staat der Ansicht, daß es von großer politischer Wichtigkeit sei, die Pachtverhältnisse abzuschaffen, so soll er selbst in's Mittel treten und durch ein annehmbares Erbieten seinerseits diejenigen Offerten, welche die Pächter machen wollen, unterstützen. Ich stehe dafür, die Grundbesitzer werden nicht so sehr gegen ihr eigenes Interesse handeln, um gute Preise abzuweisen.«

»Aber es könnte vielleicht der Fall stattfinden, daß sie ihre Ländereien gar nicht verkaufen, sondern lieber für sich selbst behalten wollten.«

»Sie haben das Recht, Ja oder Nein zu sagen; uns aber steht durchaus nicht die Befugniß zu, sie durch Umtriebe oder durch den Mißbrauch der Gesetzgebung aus ihrem Eigenthum zu verdrängen. Die Legislatur des Staats hat in letzter Zeit eine der bedauerlichsten Ansichten kund gegeben, die mir während meines ganzen Lebens vorgekommen sind. Monate lang kämpfte sie sich ab, um einen Ausweg zu finden, vermöge dessen sie die entschiedenen Verfügungen der Gesetze und Constitutionen umgehen könnte, und auf was ist sie verfallen? Man will die Rechte einiger Weniger zum Opfer bringen, um sich die Stimmen des großen Haufens zu sichern.«

»In Wahlzeiten sind Stimmen etwas Gutes, ha, ha, ha!« rief mein Onkel mit rohem Lachen.

Mr. Warren blickte überrascht und mit gekränkter Miene auf. Das rohe Wesen, welches mein Onkel angenommen hatte, erreichte zwar seinen Zweck bei den Inschens, vernichtete aber beinahe die gute Meinung, welche der Geistliche von uns gehabt hatte, und warf die Vorstellung, die er von unserer Bildung und unsern Grundsätzen unterhalten, ganz über den Haufen. Wir hatten übrigens keine Zeit, uns auf weitere Erklärungen einzulassen, denn wie mein Onkel mit seinem derben »ha ha ha« zu Ende gekommen war, ließ sich ein schrilles Pfeifen im Gebüsch hören, und vierzig oder fünfzig Inschens sprangen schreiend aus ihrem Versteck hervor, nach allen Richtungen hin unsere beiden Fuhrwerke umringend.

Ob diesem erschreckenden Auftritt stieß Mary Warren einen leichten Schrei aus, und ich bemerkte, daß sie mit einer Art unwillkürlicher Bewegung ihren Arm um den ihres Vaters schlang, als wolle sie ihn gegen jede drohende Gefahr schützen. Dann schien sie sich wieder zu fassen, und von diesem Augenblicke an gewann ihr Charakter eine Thatkraft, einen Ernst, einen Muth und eine Unerschrockenheit, wie ich etwas Aehnliches nie von ihrer milden Außenseite und von ihrem wirklich so lieblichen Charakter erwartet hätte.

Doch hiefür hatten die Inschen kein Auge. Sie folgten eben der Eingebung des Augenblicks, und ihr erster Schritt bestand darin, daß sie Mr. Warren und seiner Tochter aus dem Wagen steigen halfen. Dieß geschah in ziemlich anständiger Weise und gewiß nicht ohne einige Achtung vor dem heiligen Amt des Vaters, wie auch vor dem Geschlecht der Tochter. Das Ganze ging schnell und säuberlich vor sich, und im Nu standen wir alle, Mr. Warren, Mary, mein Onkel und ich, von etlich und fünfzig Inschens umringt, mitten in der Straße.


 

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