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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel.

Zwei Kutschen stehen in dem Bauernhaus,
Das wie ein Edelhof schier nimmt aus.
Der Teufel lacht darob, denn wo im Kleid
Der Demuth sich der stolze Sinn macht breit,
Da steht er seiner schönsten Frucht entgegen.

Teufelsgedanken.

 

Nun war es nöthig, zu entscheiden, welche Schritte wir zunächst einschlagen sollten. Bei Leuten von unserer angeblichen Beschäftigung konnte es als anmaßend erscheinen, wenn wir uns vor der bestimmten Zeit im Nesthause einfanden, und begaben wir uns nach dem Dorfe, so hatten wir mit den Geräthschaften unseres Berufs den Weg zwischen den beiden Plätzen zweimal zurückzulegen. Nach kurzer Berathung wurden wir deßhalb dahin einig, daß wir die nächsten Wohnungen besuchen und uns so nahe wie möglich bei meinem Hause aufhalten sollten, da sich in der unmittelbaren Nachbarschaft wohl irgendwo eine Schlafstätte auftreiben ließ. Konnten wir Jemand unser Geheimniß anvertrauen, so fuhren wir wahrscheinlich nur um so besser; indeß hielt es doch mein Onkel für klug, das strengste Incognito beizubehalten, bis wir uns in dem Dorf über den wahren Stand der Dinge unterrichtet hätten.

Wir verabschiedeten uns deßhalb von den beiden Alten, versprachen ihnen, im Laufe dieses oder des nächsten Tages wieder bei ihnen einzukehren, und folgten dem Pfade, der nach dem Farmhause führte. Wir hofften, wenigstens unter den Insassen der heimischen Farm Freunde zu treffen; denn dieselbe Familie war schon seit drei Generationen im Besitz, und da sie für die Besorgung der Landwirthschaft sowohl, als für Ueberwachung des Viehstands Lohn bezog, so konnten hier nicht dieselben Gründe zur Unzufriedenheit obwalten, die der Sage nach so allgemein auf die Pächter eingewirkt hatten. Die Familie führte den Namen Miller und bestand aus dem Elternpaar nebst sechs oder sieben Kindern, von denen einige noch ganz jung waren.

»Tom Miller war zur Zeit unserer früheren Bekanntschaft ein zuverlässiger Bursche,« sagte mein Onkel, als wir uns der Scheune näherten, in welcher wir den gedachten Mann an der Arbeit sahen. »Auch hat er sich, wie ich höre, im Laufe des Sommers bei Gelegenheit einiger Tumulte, mit denen es auf das Nest abgesehen war, gut benommen. Gleichwohl dürfte es räthlich sein, auch ihn vorderhand noch nicht in unser Geheimniß einzuweihen.«

»Ich bin vollkommen mit Euch einverstanden, Sir,« entgegnete ich; »denn wer weiß, ob es ihm nicht eben so gut, wie irgend einem Andern darum zu thun ist, die Farm, auf welcher er lebt, eigen zu besitzen. Er ist der Enkel des Mannes, welcher hier den Urwald lichtete, und hat deßhalb die gleichen Ansprüche, wie die Anderen.«

»Sehr wahr; und warum sollte ihm dieser Umstand nicht eben so gut ein Recht geben, von der Farm mehr anzusprechen, als ihm seinem Lohn-Kontrakte gemäß gebührt? Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen einem gemietheten Arbeiter und einem Pächter, da Letzterer gleichfalls nicht über die Stipulationen seines Vertrags hinauszugehen befugt ist. Der Lohn des Einen besteht in dem Ueberschuß des Feldertrags nach Abzug seiner Jahresrente, der Andere erhält die Vergütung seiner Arbeit theilweise in Naturalien, theilweise in Lohn. Dem Princip nach sind beide Fälle um kein Haar von einander verschieden, und doch dürfte sich sehr fragen, ob der wüthendste Demokrat im Staat sich erdreisten würde, zu behaupten, daß der Mann oder die Familie, welche gegen Zahlung – und wäre es für die Dauer von hundert Jahren – eine Farm bewirtschaften, auch nur das mindeste Recht zu der Erklärung erhalten, sie wollen nicht abziehen, wenn sie nach Verfluß der Dienstzeit der Brodherr nicht mehr zu beschäftigen beabsichtigt.

»›Die Habsucht ist die Wurzel allen Uebels‹, und wo dieses Gefühl die Ueberhand gewinnt, kann Niemand berechnen, wie weit es der Mensch treiben wird. Die Aussicht auf eine gute Farm, die umsonst oder doch für einen unbedeutenden Preis zu gewinnen ist, dürfte zureichen, sogar Tom Millers Moralität über den Haufen zu werfen.«

»Du hast Recht, Hugh, und hier ist einer der Punkte, in welchem unsere Politiker den Pferdefuß zeigen. Sie schreiben, erlassen Proklamationen und halten Reden, als ob die Antirentenunruhen blos aus dem System des ewigen Pachtes erwüchsen, während wir doch Alle wissen, daß die Bewegung sich auf jede Art von Verbindlichkeiten ausdehnt, die für Benützung von Land geleistet werden soll – handle sich's nun um lebenslängliche Pachtungen, um Pachtverträge von bestimmter Dauer, um Kontraktsstipulationen oder Hypothekenscheine. Wir haben da einen weiten, obschon noch nicht allgemein verbreiteten Versuch von Seiten Derjenigen, welche durchaus keine Ansprüche an Liegenschaftsbesitz haben, sich dieses Recht voll zuzueignen, und zwar durch Mittel, welche weder durch das Gesetz, noch durch die Moral gutgeheißen werden können. Wir wissen ja, daß es ein gewöhnliches Zufluchtsmittel aller Parteigänger ist, von ihren Grundsätzen und Absichten nicht mehr offen kund zu geben, als gerade für ihre Zwecke paßt. Doch wir kommen jetzt in Hörweite und müssen wieder zu unserem Hochdeutsch greifen. – Guten Tag, guten Tag,« fuhr Onkel Ro fort, indem er mit Leichtigkeit wieder in das gebrochene Englisch unserer Maskerate überging. Wir näherten uns dabei der Scheune, wo Miller nebst zweien seiner ältern Knaben und einigen Lohnarbeitern mit Schleifen von Sensen, die für die bevorstehende Heuerndte zugerichtet werden mußten, beschäftigt war. »Ein schöne Morgen, der einen warmen Tag verspricht.«

»Guten Tag, guten Tag,« entgegnete Miller hastig, indem er mit einiger Neugierde nach unseren Geräthschaften hinschaute. »Was habt Ihr in Eurer Truh' – Essenzen?«

»Nein, Uhren und Schmucksachen,« versetzte mein Onkel, in dem er die Truhe absetzte und sie zu Besichtigung aller Anwesenden öffnete. »Wollt Ihr nicht an diesem schönen Morgen eine gut Uhr kaufen?«

»Ist sie wirklich von Gold?« fragte Miller mit zweifelhafter Miene. »Und alle diese Ketten und Ringe, sind sie auch Gold?«

»Nicht ächt Gold; nein, nein, ich möchte das nicht sagen – doch als Gold gut genug für so einfache Leute, wie Ihr und ich.«

»Dergleichen Dinge wären wohl nichts für das vornehm Volk im großen Haus da drüben,« rief einer von den Arbeitern der mir unbekannt war, und von dem ich nachher erfuhr, daß er Joshua Brigham hieß. Der Mann sprach mit einem boshafter Hohne, aus dem wir sogleich entnehmen konnten, daß er kein Freund war. »Denk' wohl, Ihr meint, Eure Waare sei für arme Leute?«

»Sie ist für Jedermann, der mich ehrlich zahlt,« versetzte mein Onkel. »Möchtet Ihr nicht auch gerne eine Uhr haben?«

»Das möchte ich wohl, und eine Farm obendrein, wenn ich wohlfeil dazu kommen könnte,« antwortete Brigham mit einem Gifte, das er nicht zu verhehlen bemüht war. »Wie hoch stehen heutzutag bei Euch die Farmen?«

»Ich habe keine Farmen und kann mich deßhalb nicht mit ihrem Verkauf abgeben. Mein Handel beschränkt sich auf Uhren und Schmucksachen. Was ich habe, ist mir feil; aber ich kann nicht verkaufen, was nicht mein Eigenthum ist.«

»O, wenn Ihr lange genug in dieser Gegend bleibt, werdet Ihr Alles kriegen, was Ihr zu haben wünscht! Dieß ist ein freies Land und just ein Platz für den armen Mann – oder wird's wenigstens werden, sobald wir alle vornehmen Herren und Aristokraten fortgejagt haben.«

Dieß war das erste Mal, daß ich solchen politischen Galimathias mit meinen eigenen Ohren zu hören bekam, obschon er, wie ich von vielen Seiten her vernahm, von Denjenigen, welche ihrem Neid und ihrer Habsucht einen volltönenden Anstrich zu geben wünschten, häufig genug in Anwendung gebracht wurde.

»Wie ist dieß?« entgegnete mein Onkel mit der Miene der köstlichsten Einfalt. »Ich habe doch gehört, daß es in Amerika keine Adelichen und Aristokraten gebe: ja, man könne das ganze Land durchlaufen, ohne auch nur einen einzigen Grafen zu finden.«

»O, es gibt allerlei Arten von Volk bei uns, so gut wie anderwärts,« fiel Miller ein, indem er sich ruhig auf das Ende des Schleifsteintroges setzte, um eine Uhr zu öffnen und das Geheimniß des Getriebes zu untersuchen. »Josh Brigham da nennt alle Leute in der Welt, die über ihm stehen, Aristokraten, obschon er nicht alle unter ihm zu seines Gleichen zählen mag.«

Diese Rede gefiel mir, namentlich um der ruhigen Entschiedenheit willen, mit welcher sie der Sprecher vortrug. Ich entnahm daraus, daß Tom Miller die Dinge vom richtigen Standpunkt aus betrachtete und keine Scheu trug, seine Gedanken laut werden zu lassen. Auch mein Onkel fühlte sich auf eine angenehme Weise überrascht und wandte sich gegen den Farmer, um das Gespräch wieder anzunehmen.

»Es gibt also in Amerika keinen Adel?« fuhr er in fragendem Tone fort.

»O ja, wir haben eine Menge solcher gnädiger Herren, wie Josh da – Leute, denen es so ausnehmend darum zu thun ist, oben zu bocken, daß sie nicht ruhen, bis sie an allen Leitersprossen herumgetappt haben. Ich sag' ihm daher immer: ›guter Freund sag' ich, du mußt nicht allzuschnell voran wollen, und eh' ich mich für einen Gentleman aufthäte, ließ ich's lieber bleiben, wenn ich' nicht verstünd'.‹«

Josh schaute etwas kleinlaut drein über einen Verweis, der von einem Mann aus seiner Klasse herrührte und den er verdient zu haben im Geheim sich bewußt war. Aber der Dämon hatte sein Werk schon in ihm begonnen und ihm die Ueberzeugung eingeflüstert, er sei ein Vorkämpfer der heiligen Freiheit, während er doch einfach und augenfällig nichts weiter als ein Uebertreter des zehnten Gebotes war. Brigham gab sich übrigens nicht so schnell gefangen, sondern maulte gegen Miller weiter, ähnlich dem etliche Mal gepeitschten Hunde, der über seinem Knochen zu knurren fortfährt, so oft ihm sein Herr in die Nähe kommt.

»Nun, dem Himmel sei Dank,« rief er, »daß ich doch einigen Geist in meinen Leib gekriegt habe.«

»Wohl wahr, Joshua, den habt Ihr,« entgegnete Miller indem er die eine Uhr niederlegte und eine andere aufnahm; »aber zufälligerweise ist's ein gar schlimmer Geist.«

»Was kümmere ich mich um die Littlepage's, und warum sollten sie besser sein, als andere Leute?«

»Wenn ich Euch gut zu Rathe bin, Joshua, so laßt Ihr mir die Littlepage's ungeschoren, denn dieß ist eine Familie, von der Ihr ja hinten und vorn nichts wißt.«

»Brauche auch nichts von ihr zu wissen, obschon ich zufälligerweis gerad' so viel weiß, als ich brauche. Sie ist mir viel zu schlecht.«

»Wenn sie so gar schlecht wär', würdet Ihr sie nicht stets im Mund' führen, mein guter Bursch, denn Niemand verachtet das was er sich nicht aus dem Sinn bringen kann. – Was soll diese Uhr da kosten, Freund?«

»Vier Dollars,« entgegnete mein Onkel hastig, indem er in seinem Preise viel tiefer herunterging, als wohl klug war; denn er wünschte Miller für sein richtiges Gefühl und für seine gute Gesinnung zu belohnen. »Ja, ja – Ihr sollt diese Uhr für vier Dollars haben.«

»Da fürcht ich nur, sie ist am End' gar nichts werth,« versetzte Miller in dem natürlichen Mißtrauensgefühl, welches ein so niedriger Preis wohl einzuflößen im Stand war. »Ich will das Innere noch einmal besehen.«

Niemand hat wohl je eine Uhr gekauft, ohne mit einer Miene von Sachkenntniß das Getriebe zu betrachten, obschon aus einer derartigen Musterung nur der Mann von Fach Nutzen ziehen kann. Tom Miller handelte nach diesem Grundsatze, denn das gute Aussehen der Uhr wirkte neben dem niedrigen Preis ungemein verführerisch auf ihn. Aber auch der unruhige, neidische Joshua, der seinen eigenen Vortheil recht gut zu verstehen schien, fühlte sich dadurch gereizt. Keiner von diesen beiden Männern hatte die Uhr je für golden gehalten; aber obschon der Metallwerth an einer Uhr sich nicht sonderlich hoch beläuft, steht derselbe doch gewöhnlich viel höher, als der Betrag, welcher im gegenwärtigen Falle für den ganzen fraglichen »Artikel« gefordert wurde. Auch war dieselbe Uhr schon vom Fabrikanten aus meinem Onkel zu einem zweimal so hohen Preise, als der war, welchen er jetzt darauf legte, berechnet worden.

»Und was fordert Ihr für diese?« fragte Joshua, eine andere Uhr aufnehmend, die so ziemlich derjenigen glich, welche offen in Millers Hand lag und auch den nämlichen Werth hatte. »Könnt Ihr sie nicht für drei Dollars ablassen?«

»Nein, diese geht um keinen Cent wohlfeiler, als um vierzig Dollars,« entgegnete mein Onkel starrköpfig.

Diese beiden Männer sahen jetzt den Hausirer überrascht an. Miller nahm seinem Lohnarbeiter die Uhr ab, untersuchte sie aufmerksam, verglich sie mit der andern und fragte dann aufs neue nach dem Preis.

»Ihr könnt für vier Dollars unter diesen beiden Uhren wählen,« erwiederte mein Onkel – sehr unvorsichtig, wie es mir vorkam.

Dieß erregte neue Ueberraschung, obschon Brigham glücklicherweise die Unterscheidung auf Rechnung eines Mißverständnisses schrieb.

»Oh,« sagte er, »ich habe gemeint, Ihr hättet vierzig Dollars gesagt. Vier Dollars ist etwas anderes.«

»Josh,« unterbrach ihn der ruhige und schärfer blickende Miller, »'s ist jetzt hohe Zeit, daß Ihr und Peter nach den Schafen seht, eh' zum Mittagessen geblasen wird. Wollt Ihr einen Handel machen, so könnt Ihr dieß thun, wenn Ihr wieder zurückkommt.«

Trotz der Einfachheit seines Aussehens und seiner Sprache war doch Tom Miller Herr in seinem Hauswesen. Er ertheilte zwar vorgedachten Befehl in seiner gewohnten ruhigen und vertraulichen Weise, aber es war augenscheinlich, daß ihm ohne Widerrede Folge geleistet wurde. Nach ein paar Minuten hatten sich die beiden Lohnarbeiter entfernt, so daß Niemand mehr in der Scheune war, als Miller, seine Söhne und wir zwei.

»Jetzt ist er fort,« nahm Miller ruhig wieder auf, legte aber auf das letztere Wort einen Nachdruck, welcher deutlich bekundete, was er damit sagen wollte. »Vielleicht kann ich jetzt den eigentlichen Preis der Uhr erfahren. Ich habe Lust daran, und es kann wohl sein, daß wir handelseins werden.«

»Vier Dollars,« entgegnete mein Onkel mit Bestimmtheit. »Ich habe Euch gesagt, daß Ihr die Uhr für diesen Preis haben könnt, und wenn ich mich einmal erklärt habe, so bleibt's dabei.«

»Gut, ich nehme sie. Freilich wär' mir's lieber gewesen, Ihr hättet acht gesagt; aber vier Dollars erspart, ist schon etwas für des armen Mannes Beutel. Das Ding ist vertrackt wohlfeil, so daß ich fast Angst kriege. Aber ich will's Probiren. Da habt Ihr Euer Geld – gute klingende Münze.«

»Danke schön. Wollen die Ladies dort nicht auch meine Schmucksachen ein wenig ansehen?«

»Oh, wenn Ihr mit Ladies zu schaffen haben wollt, die Ketten und Ringe kaufen, da ist das Nesthaus der Platz dazu. Mein Weib wüßte nicht, was sie mit solchen Dingen anfangen sollte, und 's ist ihr nicht darum zu thun, die feine Madam zu spielen. Der Bursch, den ich eben nach den Schafen fortgeschickt habe, ist der einzige große Mann, den wir auf der Farm haben.«

»Ja, ja – er ist ein Adeliger in schmutzigem Hemd. Aber woher kommt ihm denn der hohe Sinn?«

»Er muß ihn wohl aus dem Schweinstall geholt haben, denn er wünscht seinen Rüssel im ganzen Tag herum zu stecken und wird ganz rabiat, wenn er findet, daß ihm Jemand anders im Weg ist. Wir kriegen nachgerade eine ganze Last solcher Kerle im Land herum, und es ist nicht gut mit ihnen hausen. Am Ende glaube ich gar, Jungen, es wird sich noch herausstellen, daß Josh ein Inschen ist.«

»Dieß ist etwas Altes,« entgegnete der ältere von den beiden Söhnen, ein Mensch von neunzehn Jahren, »denn wo könnte er sonst Nachts und an Sonntagen sein, als bei ihrem Exerciren? Auch wüßt' ich nicht, was der Calico-Bündel anders zu bedeuten hätte, den ich vor einen Monat unter seinem Arme sah. Ich hab's Euch damals schon gesagt.«

»Wenn ich dahinter komme, daß du recht hast, Harry, so soll er mir keine Stunde mehr auf der Farm bleiben. Ich kann hier keine Inschens brauchen.«

»Meine ich doch, dort an den Wäldern in einer Hütte einen alten Inschen gesehen zu haben,« bemerkte mein Onkel unschuldig.

»Oh, das ist Susquesus, ein Onondago. Er ist ein wahrer Inschen, und ein rechter Mann: aber wir haben eine Bande von falschen in der Gegend, die jedem ehrlichen Mann ein Dorn im Auge, und eine wahre Pest für die Gegend sind. Die Hälfte davon besteht aus nichts, als Dieben, die sich zu Inschens verkleidet haben. Das Gesetz ist gegen sie, das Recht ist gegen sie, und jeder, wer's im Land gut mit der Freiheit meint, sollte ebenfalls gegen sie sein.«

»Was geht denn in diesem Lande vor? In Europa hörte ich, Amerika sei ein freies Land, und gestehe Jedermann seine Rechte zu; aber seit ich hier bin, habe ich von nichts als Patroonen, Adelichen, Pächtern und Aristokraten reden hören – lauter schlimme Dinge, von denen ich meinte, ich habe sie in der alten Welt zurückgelassen.«

»Mein guter Freund, die Sache ist einfach die, daß Derjenige, welcher nur wenig hat, neidisch auf den ist, welcher viel besitzt, und so liegt man sich jetzt in den Haaren, um zu sehen, wer durch Gewalt am weitesten reicht. Auf der einen Seite sind Recht, Gesetz und feierliche Verträge, auf der andern Tausende von – nicht Dollars, sondern Menschen, Tausende von Stimmgebern – versteht Ihr dieß?«

»Ja, ja, ich verstehe; es ist leicht genug. Aber warum spricht man denn so viel von Adelichen und Aristokraten? Gibt's denn in Amerika wirklich noch einen Adel und Aristokratie?«

»Weiß nicht, denn ich verstehe mich nicht viel auf dergleichen Dinge. 's ist allerdings ein Unterschied unter den Leuten und ein Unterschied im Vermögen, in der Erziehung, und in dergleichen Dingen.«

»Dann begünstigt vielleicht auch in Amerika das Gesetz die Reichen auf Kosten der Armen? Eure Aristokraten sind vielleicht Leute, welche keine Steuern zahlen, alle Aemter an sich reißen und die Staatsgelder einziehen möchten? Sie sind wahrscheinlich in allen Stücken vor dem Gesetze besser daran, als die, welche keine Aristokraten sind? Ist's nicht so?«

Miller lachte laut heraus und schüttelte den Kopf bei dieser Frage, ohne sich übrigens in seiner Musterung des Hausirerkrams stören zu lassen.

»Nein, nein, mein Freund, solche Dinge haben wir Gott Lob nicht in diesem Theil der Welt. Vornweg kommen die Reichen nur sehr wenig zu Aemtern, denn für einen, der eine Stelle sucht, ist sein Hauptempfehlungsgrund, daß er arm ist und sie braucht. Bei uns fragt man nicht sonderlich darnach, wer dem Amt wohl anstünde, wohl aber, wer eine Besoldung nöthig hat. Was dann die Steuern betrifft, so wird von wegen ihrer dem Reichen auch nichts geschenkt. Der junge Squire Littlepage zahlt selbst die Steuer von dieser Farm, und sie ist wiederum in Anbetracht aller Dinge halb so hoch angelegt, wie nur irgend eine andere Farm auf seiner Besitzung.«

»Aber dieß ist nicht recht.«

»Wer sagt, daß es recht sei – oder wer denkt überhaupt daran, daß es bei solchen Besteuerungen mit rechten Dingen zugehe? Hab' ich doch mit eigenen Ohren den Steuerabschätzer sagen hören: ›der und der Mann ist reich, und kann schon zahlen,‹ oder ›der und der Mann ist arm, es wird ihm hart ankommen.‹ Oh, es gibt heutzutag allerlei Arten von Vorwänden, mit denen man die Unehrlichkeit zudeckt.«

»Doch das Gesetz – der Reiche muß doch wahrhaftig das Gesetz auf seiner Seite haben?«

»Möcht' wissen, wie dieß zugehen sollt'! Die Geschwornengerichte sind Alles, und ein Geschworner urtheilt eben nach seinem Gefühl, so gut wie andere Menschen. Ich habe solche Dinge mit eigenen Augen angesehen. Die Landschaft zahlt heutzutag just genug, daß die armen Leute sich gern als Geschworene brauchen lassen, und diese bleiben nie zurück; aber Diejenigen, welche die Strafe erschwingen können, kommen eben nicht, und so bleibt denn das Gesetz fast ganz in den Händen einer einzigen Partei. Kein reicher Mann gewinnt einen Prozeß, wenn seine Sache nicht augenfällig so gut ist, daß man nicht anders kann.«

»Ich hatte dieß schon früher gehört, denn durch's ganze Land herrscht eine allgemeine Klage über die Mißbräuche, zu welchen das System der Geschwornengerichte geführt hat. So vernahm ich schon von sehr einsichtsvollen Rechtsgelehrten die Beschwerde – wenn ein wichtiger Fall zur Verhandlung komme, so laute die erste Frage nicht: »wie steht die Sache?« »wer hat das Recht und den Beweis auf seiner Seite?« sondern man erkundigt sich, wer möglicherweise im Schwurgericht sitzen werde. Hieraus geht augenfällig hervor, daß man die Zusammensetzung der Jury für bedeutsamer hält, als die Gesetze und die Beweismittel. Systeme nehmen sich oft gar schön in der Theorie und auf dem Papier aus, während eine nähere Untersuchung zeigt, daß sie in der Praxis bodenlos schlecht sind. Was nun die Schwurgerichte betrifft, so glaube ich, die einsichtsvollsten Köpfe aller Länder sind darin einig, daß sie bei einer beengenden Regierungsform ein Hauptmittel sind, dem Mißbrauch der Gewalt Widerstand entgegenzusetzen; wo aber die Macht der Regierung durch das demokratische Prinzip verkümmert ist, üben sie die Wirkung, welche man überall bemerkt, wenn man die Handhabung des Gesetzes in die Hände Solcher gibt, welche der Natur der Sache nach am meisten geneigt sind, Mißbrauch davon zu machen. Statt nämlich der leitenden Oberherrlichkeit des Staats, von der in einer Volksregierung unvermeidlich die meisten Mißbräuche ausgehen, Widerstand entgegenzusetzen, wird dieselbe im Gegentheil nur noch mehr unterstützt.

Da mein Onkel in Miller einen verständigen, gewissenhaften Mann gefunden hatte, so war er geneigt, sich über den begonnenen Gegenstand weiter mit ihm einzulassen, weßhalb er nach einer kurzen Pause – als hätte er sich inzwischen das Besprochene überlegt – den Faden der Unterhaltung wieder aufnahm.

»Wodurch wird man denn in diesem Lande zu einem Aristokraten?« lautete seine nächste Frage.

»Ja, mein guter Freund,« entgegnete Miller mit sehr gedehnter Betonung der ersten Sylbe seiner Erwiederung – »ja, mein guter Freund, dieß ist schwer zu sagen. Man hört in diesem Lande so viel von Aristokraten, und liest so viel von Aristokraten, und ich weiß auch, daß sie bei den meisten Leuten verhaßt sind; gleichwohl ist's mir aber noch immer nicht klar geworden, was man eigentlich unter einem Aristokraten versteht. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, was das Wort zu bedeuten hat?«

»Ja, ja; ein Aristokrat ist einer von den Wenigen, welche alle Gewalt der Regierung in den Händen haben.«

»Potz Tausend! Nein, das ist's nicht, was wir uns in diesem Theile der Welt unter einem Aristokraten vorstellen. Solche Kreaturen nennen wir hier zu Land Dimigogen. Bei uns heißt z. B. der junge Squire Littlepage, dem das Nesthaus da drüben und das ganze Gut hier herum nah und fern gehört, ein Aristokrat; aber der hat nicht so viel Gewalt, um nur zum Stadtschreiber gewählt zu werden, geschweige denn, daß er was Anderes werden könnte, bei dem sich's der Mühe verlohnte.«

»Wie kann er denn ein Aristokrat sein?«

»Begreif's wer kann – wenn anders die Auskunft, die Ihr mir über einen Aristokraten gebt, wahr ist; denn demnach müßten die Dimigogen die Aristokraten von Amerika sein Ich stehe dafür, Josh Brigham, den ich vorhin nach meinen Schafen geschickt habe, könnte für jedes Amt im Land weit mehr Stimmen kriegen, als der junge Littlepage.«

»Vielleicht ist dieser Littlepage ein schlimmer junger Mann?«

»Nein, das nicht; er ist so gut wie andere Leute und besser, als die meisten. Wenn er aber außerdem so schlimm wäre, wie der Teufel selber, so wissen die Leute im Lande nicht einmal etwas von ihm, weil er just von der Schule weg in fremde Länder gegangen ist.«

»Wie, und er sollte nicht über so viele Stimmen gebieten können, wie jener arme unwissende Kerl? Dieß finde ich seltsam.«

»Seltsam ist's freilich, aber so wahr wie ein Evangelium. Woher's kömmt? dieß ist freilich nicht so leicht zu sagen. Ihr wißt ja, wie's heißt – viel Köpfe, viel Sinn. Manche Leute können ihn nicht leiden, weil er in einem großen Hause wohnt; Andere hassen ihn, weil sie meinen, er sei besser daran, als sie; die Einen trauen ihm nicht, weil er einen guten Rock trägt, und Andere wollen sich mausig über ihn machen, weil sein Eigenthum durch seinen Vater, durch seinen Großvater u. s. w. auf ihn gekommen ist, und er es nicht selber verdient hat. Wie's eben heutzutag geht – manche Leute sind der Meinung, man dürfe dessen, was man hat, nicht froh werden, wenn man's nicht selbst zusammengebracht hat.«

»Wenn die Sache sich so verhält, so ist Euer Herr Littlepage sicherlich kein Aristokrat.«

»Mag sein, aber hier herum denkt man anders. In letzter Zeit hat es viele Versammlungen gegeben, und man sprach darin über das Recht des Volkes an seine Farmen; auch hörte man viel darin sprechen von Aristokratie und Feudalwesen. Wißt Ihr auch, was ein Feudalwesen ist?«

»Ja; in meinem Vaterlande, das heißt in Deutschland, besteht noch viel von diesem Institut. Es ist nicht sehr leicht, es in wenigen Worten zu erklären; aber die Hauptsache liegt darin, daß der Vasall seinem Lehensherrn zu Leistungen verpflichtet ist. In alten Zeiten mußten die Vasallen Kriegsdienste thun, und etwas der Art besteht auch jetzt noch. In meinem Lande sind hauptsächlich die Adelichen zum Feudaldienst verpflichtet, und zwar ist dieß den Königen und Fürsten gegenüber der Fall.«

»Und nennt man's in Deutschland nicht einen Feudaldienst, wenn Einer statt der Rente einen Gockel bringen muß?«

Onkel Ro und ich lachten laut hinaus, obschon wir uns alle Mühe gaben, unsere Heiterkeit zu zügeln, denn in dieser Frage lag ein Pathos, das sich höchst possierlich ausnahm. Sobald mein Onkel sich wieder gesammelt hatte, erwiederte er den Farmer:

»Wenn der Grundherr ein Recht hat, beliebig zu kommen und Hühner wegzunehmen, so viel ihm anstehen, dürfte allerdings von einem Feudalrecht (Faustrecht) die Rede sein; wenn aber der Vertrag sagt, so und so viele Hühner müssen jährlich statt der Rente bezahlt werden, so ist dieß wohl das Nämliche, wie wenn in so und so viel Geld bezahlt würde – im Gegentheil sogar leichter für den Guts-Insassen, da ihn die Hühner nicht so sauer ankommen, wie die klingende Münze. Gewiß ist ein Mann viel besser daran, wenn er seine Schulden in dem zahlen darf, was er selber erzielt.«

»Wahrhaftig, so kömmt mir's auch vor! aber hier herum und auch zu Albany schwatzen die Leute davon, es sei feudal für einen Mann, daß er in die Geschäftsstube des Grundbesitzers ein paar Hühner tragen solle; der Grundbesitzer selbst aber sei ein Aristokrat, weil er dieß verlange.«

»Nun, wenn man dieses Geschäft nicht gerne selbst besorgt, so kann man ja einen Knaben, ein Mädchen oder einen Nigger damit beauftragen.«

»Dieß wohl; denn weiter wird nicht verlangt, als daß man das Federvieh wirklich liefere.«

»Und wenn der Patroon vielleicht seinem Schneider oder seinem Schuhmacher etwas schuldig ist, muß er ihn nicht in seiner Werkstatt oder sonstwo aufsuchen, um ihn zu bezahlen, sofern er nicht haben will, daß er von Gerichts wegen um die Forderung belangt wird?«

»Dieß ist auch wahr. Jungen, erinnert mich daran, daß ich's heute Abend Josh sage. Ja, der größte Grundbesitzer im Land muß seinen Gläubigern nachlaufen, oder sich verklagen lassen – gerade so wie der geringste Pächter.«

»Und er muß natürlich in etwas Bestimmtem zahlen – in Gold oder Silber?«

»Ja – in einem gesetzlichen Zahlungsmittel. Dieß gilt dem Einen, wie dem Andern.«

»Und wenn Euer Herr Littlepage einen Lieferungsvertrag unterzeichnete, vermöge dessen er sich anheischig machte, Jemanden auf seinen Gütern den Ertrag jenes Obstgartens abzulassen – müßte er da die Aepfel nicht auch bringen oder schicken?«

»Natürlich; dieß ist Handelsbrauch.«

»Und er muß die nämlichen Aepfel hergeben, die auf diesem und diesem Baume wachsen – ist's nicht so?«

»So richtig wie ein Evangelium. Wenn ein Mann sich vertragsmäßig anheischig macht, die Aepfel des einen Obstgartens zu verkaufen, so kann er dem Käufer nicht die Aepfel eines andern aufdringen.«

»Und in solchen Dingen ist das Gesetz gleich – für die Einen wie für die Andern?«

»Es gibt keinen Unterschied und darf auch keinen geben.«

»So verlangen also jetzt die Patroonen und Grundbesitzer eine Umwandlung des Gesetzes, damit sie der vertragsmäßigen Zahlung ihrer Schulden entbunden werden, und in dieser Weise einen Vortheil über die armen Pächter gewinnen?«

»Ich habe nie etwas der Art gehört und glaub' auch nicht, daß sie eine solche Umwandlung verlangen.«

»Nun, und über was beklagen sich denn die Leute?«

»Daß sie überhaupt Rente zahlen sollen. Sie meinen, die Grundherrn sollten gezwungen werden, ihre Farmen zu verkaufen oder sie ihnen zu schenken. Einige sehen's auf's Schenken ab.«

»Wenn aber die Grundherrn ihre Farmen nicht verkaufen wollen, so kann man sie doch nicht zwingen, ihr Eigenthum, das ihnen nicht feil ist, zu veräußern. Was würden die Pächter dazu sagen, wenn man ihnen zumuthete; sie müßten gegen ihren Willen ihre Schweine und ihre Schafe verkaufen?«

»Buben, hört ihr's? So ist mir's immer vorgekommen, und ich hab's auch stets den Nachbarn gesagt. Na, Freund Deutscher, ich will Euch noch weiter erzählen, was man im Schild führt. Einige Leute verlangen vom Staat, er solle den Rechtstitel des jungen Littlepage untersuchen – sie sagen, er besitze gar keinen.«

»Aber der Staat wird dieß thun, ohne daß er besonders darum angegangen wird – meint Ihr nicht?«

»Ich hab' nie gehört, daß es hierauf abgesehen wär.«

»Wenn Jemand einen Anspruch auf das Eigenthum hat, werden nicht die Gerichtshöfe eine Prüfung vernehmen?«

»Ja, ja – wenn Ihr so meint; aber ein Pächter kann keinen Rechtstitel aufbringen gegen seinen Grundherrn.«

»Wie sollte auch dieser dazu kommen? Als Pächter kann er keine Ansprüche haben, als die, welche ihm sein Grundherr verleiht, und es wäre Betrug und Spitzbüberei zumal, wenn sich Einer unter dem Vorwande des Pachts auf einer Farm festsetzte, um dann erst hervorzutreten und sie als Eigenthümer anzusprechen. Glaubt ein Pächter bessere Rechte zu haben, als sein Grundherr, so versetzte er die Farm in den Zustand, wie sie war, ehe er den Pacht antrat, und dann kann ja, dächte ich, der Staat die Besitztitel untersuchen.«

»Ja, ja – in dieser Weise ging's wohl; aber die Leute wollen's anders haben. Sie verlangen vom Staat, daß er eine gesetzliche Untersuchung vornehmen lassen, und wo möglich die Grundherrn von ihren Ländereien fortjagen soll, damit sie an ihrer Statt die Farmen an sich bringen können.«

»Aber dieß wäre nicht ehrlich von solchen, welche die Farmen gar nichts angehen. Wenn sie dem Staat gehören, so muß er darauf sehen, daß er möglichst viel dafür erlöst und hiedurch dem ganzen Volk eine Steuerlast erspart wird. Die ganze Geschichte kommt mir wie eine Spitzbüberei vor.«

»Ich glaub', s' ist gerad' dieß und nichts anderes! Wie Ihr sagt, der Staat wird den Besitztitel untersuchen, wie er ist, und wir brauchen um deßwillen keine Gesetze.«

»Wie meint Ihr – würde wohl der Staat ein Gesetz erlassen, daß die Forderungen, welche gegen die Patroone geltend gemacht werden, einer Untersuchung zu unterwerfen seien, nachdem die Handwerksleute ihre Rechnungen eingeschickt haben?«

»Ich möchte den Patroon sehen, der ein solches Ansinnen stellte! Man würde ihn auslachen von York bis Buffalo.«

»Und es würde ihm recht geschehen. Aber wie ich aus Allem ersehe, Freund, sind Eure Pächter die Aristokraten, die Grundherrn dagegen die Vasallen.«

»Je nun, seht – wie ist doch gleich Euer Name? – da wir wahrscheinlich bekannter mit einander werden, möchte ich doch Euern Namen wissen.«

»Ich heiße Greisenbach, und komme aus Preußen.«

»Schaut, Mr. Greisenbach, der Haupthaken wegen der Aristokratie steckt darin: Hugh Littlepage ist reich, und sein Geld schafft ihm Vortheile, die andern Leuten nicht zu gut kommen. Dieß ist's, was einige Leute nicht den Hals hinunter kriegen können.«

»Oh, dann ist's also in diesem Lande auf eine Vertheilung des Eigenthums abgesehen – es läuft daraus hinaus, daß Niemand mehr haben soll, als ein Anderer?«

»So weit ist's noch nicht ganz gekommen, obschon ich dem Geschwätz von Einigen anmerke, daß sie auch darauf hinschielen. Nun, es gibt auch hier herum Personen, welche sich darüber beschweren, daß die alte Madame Littlepage und ihre jungen Ladies die armen Leute nicht besuchen.«

»Freilich, wenn sie so hartherzig sind und kein Gefühl haben für den Armen und Unglücklichen – –«

»Nein, nein; dieß war's nicht, was ich meinte. Niemand zieht ihnen in Abrede, daß sie für der Art Arme mehr thun, als irgend Jemand anders in der Gegend. Ich will damit sagen, daß sie die Armen, die nicht eben Mangel leiden, hintansetzen.«

»Nun, es muß eine rechte bequeme Art von Armuth sein, die nichts von Mangel weiß. Ihr meint vielleicht, daß die Frauenzimmer nicht mit ihnen umgehen, wie mit ihres Gleichen?«

»Ganz richtig. Ueber diesen Punkt muß ich nun sagen, daß etwas Wahres in dem Vorwurf liegt, denn die Mädels drüben im Nest kommen nie hieher, um mein Mädel zu besuchen, und Kitty ist ein so nettes junges Ding, wie nur eines in der Gegend.«

»Und besucht Kitty die Töchter des Mannes, der dort drüben in dem Haus am Berg wohnt?«

Mein Onkel deutete dabei nach einer Hütte hin, deren Außenseite auf einen Bewohner von der bescheidensten Klasse schließen ließ.

»Kaum! Kitty ist gerade nicht stolz, aber es wär' mir doch nicht lieb, wenn sie mir dort zu heimisch würde.«

»Oh, so seid Ihr im Grunde selbst ein Aristokrat, sonst hättet Ihr nichts dagegen einzuwenden, wenn Eure Tochter die Tochter jenes Mannes besuchte.«

»Ich sag' Euch, Grunzebach, oder wie Ihr sonst heißen mögt,« erwiederte Miller ein wenig aufgebracht, obschon er im Ganzen ein herzguter Mann war, »ich sage Euch, daß mein Mädel unter keinen Umständen die Töchter des alten Stephens besuchen soll.«

»Nun, nun, natürlich kann sie dieß halten wie es ihr beliebt; aber ich denke, es sollte auch den Mademoiselles Littlepage's freistehen, nach ihrem Gutdünken zu handeln.«

»Es ist nur eine einzige Miß Littlepage vorhanden. Wenn Ihr diesen Morgen den Wagen habt fahren sehen, so saß sie drinnen. Sie hatte zwei Yorker Mädels und Pfarrer Warrens Tochter bei sich.«

»Dieser Pfarrer Warren ist vielleicht auch reich?«

»Nein, der nicht; er hat außer dem, was er vom Kirchspiel zieht, auf der ganzen Welt keine sechs Pence Vermögen. Wie ich mir oft und oft habe sagen lassen, ist er so arm, daß seine Freunde ihm die Tochter mußten erziehen lassen.«

»Und die Miß Littlepage ist wohl eine gute Freundin von der Miß Warren?«

»Ja, die sind so dick miteinander, wie nur irgend zwei junge Weibspersonen in diesem Theile der Welt sein können. Ich habe nie ein paar Mädel gesehen, die unter einander vertrauter gewesen wären. Da haben wir auch eine junge Lady in der Stadt, sie heißt Opportunity Newcome, und man sollte glauben, sie ginge in dem Haus täglich und stündlich der Mary Warren vor; gleichwohl aber ist dieß nicht, denn neben Mary scheint sie allen Glanz zu verlieren.«

»Und welche von beiden ist wohl die reichste – Opportunity oder Mary?«

»Allen Sagen nach hat Mary Warren nichts, während, wenn's auf Vermögen ankömmt, der allgemeine Glaube herrscht, Opportunity sei die reichste von allen jungen Mädels hier herum, und komme gleich nach Patty. Aber Opportunity ist in dem Nest nicht sonderlich beliebt.«

»Dann scheint sich doch im Grund herauszustellen, Miß Littlepage wähle ihre Freundinnen nicht wegen ihrer Reichthümer. Sie liebt Mary Warren, obschon sie arm ist, und an Opportunity kann sie keinen Gefallen finden, trotz dem, daß diese ihr schönes Auskommen in der Welt hat. Vielleicht sind die Littlepage's doch keine so arge Aristokraten, als Ihr glaubt.«

Miller war verdutzt, konnte aber gleichwohl eine Neigung zum Lachen nicht unterdrücken. Unter Leuten, welche vermöge ihrer Stellung und Lebensweise nicht im Stande sind, die Kettenglieder zu würdigen, welche eine gebildete Gesellschaft zusammenhalten, ist es ein sehr gewöhnlicher Irrthum, Alles auf das Vermögen zu beziehen. In einem gewissen Sinn – als Mittel nämlich und um seiner Folgen willen – kann zwar der Reichthum bei Theilung der Gesellschaft in Klassen wohl als ein Haupthebel betrachtet werden; aber auch wenn er längst verschwunden ist, bleiben doch seine Früchte zurück, wenn er zur rechter Zeit gut angewendet wurde. Die gemeine Ansicht, oder – um mich besser auszudrücken – die Ansicht des gemeinen Menschen, Geld sei das einzige Bindemittel der feinen Gesellschaft, ist vollkommen unrichtig. Diese Thatsache weiß Jeder, der sogar nur in unsern Handelsstädten, wie los und zufällig hier auch der gesellschaftliche Zustand ist, Zutritt in die besseren Zirkel hatte; denn allenthalben öffnet der Gebildete nur mit Widerwillen gemeinem Reichthum seine Kreise – ja, schließt ihn wohl ganz aus, während die gute Erziehung auch bei völliger Armuth eine offene Thüre findet. Ohnehin denkt die Jugend selten viel an Geld; Familienbeziehungen aber, früher Umgang, Aehnlichkeit der Ansichten und der Neigungen knüpfen Verbindungen und halten sie oft zusammen, nachdem die goldene Kette längst zerbrochen ist.

Doch der Mensch kann nicht gut erfassen, was außer dem Bereich seiner geistigen Sphären liegt. Das Geld besticht allerdings die Sinne eines Jeden; feine Bildung aber in ihren unendlichen Abstufungen kann hauptsächlich und in vielen Fällen ausschließlich nur von solchen gewürdigt werden, welche sie selbst besitzen, und es darf daher nicht überraschen, wenn der gewöhnliche Sinn ein Band, das für ihn ein Geheimniß sein muß, mehr in dem gleißenden Einfluß, als in dem weniger augenfälligen sucht. Ja, gewiß, die Abstufungen der Bildung sind unendlich, und lange nicht so sehr die Frucht der Laune und des Sichgehenlassens, als man gewöhnlich glaubt. Sogar in den Gesetzen der Etikette liegt eine allgemeine Bedeutung – ich möchte sogar sagen, ein gewisser Grad von Weisheit, und eben deßhalb, weil sie nur unter den Gleichen zu finden sind, bekunden sie die gegenseitige Achtung, welche unter ihnen besteht. Der Umgang und die Gewohnheiten eines Menschen wirken so sehr auf sein Benehmen, auf sein Aeußeres und sogar auf seine Ansichten, daß mein Onkel stets zu behaupten pflegte an einem Platz wie Saratoga könne ein Mensch in seinen Jahren den Mann von Welt schon nach einem Verkehr von fünf Minuten erkennen; ja, er wolle sogar sagen, welcher Lebensklasse derselbe ursprünglich angehört habe. Als wir letzten Sommer auf unserer Rückkehr von Ravensnest nach dem Kurort kamen, legte er eine Probe von seiner Geschicklichkeit ab, und ich war sehr erfreut über den glücklichen Erfolg derselben, obschon ich gestehen muß, daß er auch hin und wieder einen Mißgriff machte.

»Dieser Mann kommt aus den bessern Zirkeln, ist aber nie gereist,« sagte er mit Bezug auf Einen aus einer Gruppe, die noch bei Tisch saß, »während sein Nachbar Reisen gemacht hat, aber aus einer ungebildeten Familie stammt.« Diese Unterscheidung mag als sehr spitzfindig erscheinen, läßt sich aber, meine ich, leicht ermitteln. »Hier sind zwei Brüder von einer trefflichen Familie aus Pennsylvanien,« fuhr er fort, »wie man schon ihrem Namen entnehmen kann. Der ältere ist auf Reisen gewesen, der jüngere nicht.« Diese Unterscheidung war noch schärfer und schwieriger; wer aber die Welt so gut kannte, wie mein Onkel Ro, wußte die betreffenden Punkte wohl zu entdecken. In dieser Weise fuhr er zu meiner größten Belustigung mehrere Minuten fort, und ich muß sagen, daß seine Folgerungen sehr annehmbar, manche davon auch überraschend treffend waren. Das Verwandte wird durch das Verwandte angezogen, und in diesem Umstande liegt das ganze Geheimniß, welches der gewöhnlichen Zusammensetzung der Gesellschaft zu Grunde liegt. Gerathen zwei Männer von überlegenem Geiste in das volle Gewühl eines Salons, so werden sie sich bald herausgefunden haben und über die Begegnung erfreut sein. Ein Gleiches trifft zu in Betreff der bloßen Denkweise, durch welche sich die socialen Kasten charakterisiren, und gilt vielleicht von Amerika noch weit mehr, als von den andern Ländern, weil der Charakter unsers Verkehrs so gemischt ist. Ja ich glaube sogar, wenn ein Mann von hohem Geiste mit einem andern zusammentrifft, der an Einsicht weit unter ihm steht, aber in Betreff des Benehmens und der gesellschaftlichen Ansichten eine gleiche Höhe mit ihm einnimmt, so findet er an dem Umgang mit diesem ein weit größeres Wohlgefallen, als wenn er mit einem ebenso gediegenen Kopfe, dem übrigens die feinere Bildung abgeht, zu thun hat.

Daß Patt ein Wesen wie Mary Warren liebgewonnen hatte, schien mir eben so natürlich, als daß sie einem vertraulichen Verkehr mit Opportunity Newcome abgeneigt war. Wäre meine Schwester auch nur im mindesten einem so engherzigen Einflusse zugänglich gewesen, so stand das Vermögen der Letzteren gegen das, was sie ihr ganzes Leben über als Wohlstand zu betrachten gewöhnt gewesen, doch so niedrig, daß dieser Umstand keine Wirkung geübt haben konnte. Aber freilich war dieß eine Sache, welche dem armen Tom Miller nicht in den Kopf wollte. Er konnte nur aus dem seine Schlüsse ziehen, was er verstand, und er verstand sich freilich gar wenig auf die beziehungsweisen Begriffe des Reichthums, noch weniger aber auf die Macht der Bildung im gesellschaftlichen und geistigen Leben. Immerhin aber fühlte er sich durch eine Thatsache betroffen, die sein Fassungsvermögen nicht recht zu verdauen wußte, obschon er sie nicht abweisen konnte – durch den Umstand nämlich, daß Mary Warren, die zugestandenermaßen arme Mary Warren eine Busenfreundin Derjenigen war, welche er zuweilen das »Littlepager Mädel« zu nennen beliebte. Es war unverkennbar, daß dieß Eindruck auf ihn machte, und da er hierin eine Lehre sehen mußte, so steht zu hoffen, daß sie in Betreff eines der gewöhnlichsten menschlichen Gebrechen nicht ohne gute Wirkung für ihn blieb.

»Nun ja,« versetzte er, nachdem er über die letztere Bemerkung meines Onkels eine volle Minute schweigend nachgedacht hatte, »ich weiß nicht – und muß wahrhaftig sagen, es kömmt mir selbst auch so vor. Und doch haben mein Weib und Kitty ganz andere Gedanken von der Sache. Ihr werft mir meine Vorstellungen von Aristokratie völlig über den Haufen, denn obgleich mir die Littlepage's lieb und werth sind, hab' ich sie doch stets für desperate Aristokraten gehalten.«

»Nein, nein, Eure sogenannten Dimigogen sind die amerikanischen Aristokraten. Sie ziehen alle öffentlichen Gelder an sich, und sind im Besitz der Gewalt; nur das wurmt ihnen und macht sie rappelköpfig, weil sie sich den Gentlemen und Ladies von Amerika nicht eben so gut aufdringen können, wie den öffentlichen Aemtern des Landes.«

»Bei Gott! ich weiß nicht, ob Ihr hierin nicht recht haben mögt. Ueberhaupt kann ich mir gar nicht denken, wie Einer befugt sein mag, sich über die Littlepage's zu beklagen.«

»Behandeln sie die Leute gut, wenn diese kommen, um ihnen einen Besuch zu machen?«

»Ja wohl, wenn nur die Leute sie auch so gut behandelten – aber dieß geschieht nicht immer. Es gibt hier herum Schweinekerle« – Tom war ein bischen scharf in seinen Bildern, aber man wird sagen müssen, daß er damit vollkommen recht hatte – »ja ich hab's selbst mitangesehen, wie die Kerls zu Madame Littlepage in die Stube schoßen, die Stühle an's Feuer rückten, den Tabakssaft umherspritzten und keinen Augenblick daran dachten, auch nur die Hüte abzunehmen. Dergleichen Volk thut immer gewaltig wichtig mit sich selbst, denkt aber nie an anderer Leute Gefühle.«

Wir wurden jetzt durch den Ton rasselnder Räder unterbrochen, und wie wir umschauten, bemerkten wir, daß der Wagen meiner Großmutter auf dem Rückwege vor der Thüre des Farmhauses angefahren war. Miller hielt es für nicht mehr als in der Ordnung, daß er hingehe und sich erkundige, ob man etwas von ihm verlange, und wir folgten ihm langsam nach; denn mein Onkel beabsichtigte, seiner Mutter eine Uhr anzubieten, um sich zu überzeugen, ob sie wirklich nicht im Stande sei, seine Maske zu durchschauen.


 

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