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Ravensnest oder die Rothhäute

James Fenimore Cooper: Ravensnest oder die Rothhäute - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorJames Fenimore Cooper
titleRavensnest oder die Rothhäute
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
seriesJ. F. Cooper's Amerikanische Romane
volumeSechsundzwanzigster Band
printrunZweite Auflage
year1853
translatorCarl Kolb
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.

Noch seh' ich dich!
Das geist'ge Auge ruft hervor
Dich aus dem Staub im schönsten Flor;
Du bist bei mir in dunkler Nacht,
Bist nah' mir, wenn der Morgen lacht;
Durch meine Träume strahlt dein Bild
Das um mich schlingt die Arme mild.
Und stets vernehm' ich den Gesang,
Der sonst so süß der Seele klang.
Noch seh' ich dich!

Sprague.

 

Es war eben Zehn am andern Morgen, als Onkel Ro und ich des alten Hauses bei dem Nest ansichtig wurden. Ich nenne es alt, denn eine Wohnung, über die schon über ein halbes Jahrhundert hingegangen ist, kann in einem Lande, wie Amerika, wohl Anspruch auf die Bezeichnung »ehrwürdig« erheben. Für mich war es in Wahrheit alt, denn das Gebäude hatte an der Stelle, wo ich es damals sah, schon zweimal so lang, als ich mich im Dasein befand, gestanden und rief mir alle theuern Erinnerungen der Jugend in's Gedächtniß zurück. Von Kindheit an war ich gewöhnt, diesen Platz als meine künftige Heimath zu betrachten, wie er die Heimath meiner Eltern, meiner Großeltern und in einem gewissen Sinne auch Derjenigen gewesen war, welche in zwei Generationen vor ihnen ihren Staub mit jenem Boden vermengt hatten. Das ganze vor mir liegende Land, die reichen, von wallendem Gras üppig strotzenden Bottoms, die Abhänge, die Wälder, das ferne Gebirg – die Obstgärten, die Wohnhäuser, die Scheunen und der ganze Zubehör landwirthschaftlichen Gewerbfleißes – alles Dieß war mein Eigenthum – mein Eigenthum, ohne daß meines Wissens auch nur die mindeste Ungerechtigkeit gegen irgend ein menschliches Wesen daran haftete. Sogar die Rothhäute hatten von Herman Mordaunt, dem Patentisirten, ihre redliche Zahlung erhalten, wie von Susquesus, der Rothhaut von Ravensnest, wie wir unsern alten Onondago zu nennen pflegten, mir stets versichert wurde. Es war deßhalb nur ein natürlicher Zug, wenn ich ein so erworbenes und so gelegenes Besitzthum liebte. Kein civilisirter Mann – ja, Niemand, nicht einmal der Wilde, war je außer den Angehörigen meines Blutes Eigenthümer jener weiten Felder gewesen. Dieß ist ein Umstand, dessen sich außer Amerika wenige rühmen können, und wenn man in Landestheilen, wo die Künste bereits belebend eingewirkt und den Segen der Civilisation verbreitet haben, eine derartige Thatsache mit Wahrheit von sich behaupten kann, so entspringt daraus eine solche Tiefe des Gefühls, daß es mich nicht wundert, wenn die unsteten Glücksritter, welche auf der ganzen Erde umher irren und ihre Hände in Jedermanns Schüssel tauchen, nicht im Stande gewesen sind, ihren anderen oberflächlichen Entdeckungen auch diese einzuverleiben. Nichts kann der gewöhnlichen Gier der Habsucht weniger zusagen als eine Innigkeit, welche in solchen Momenten ihren Grund hat, und ich bin überzeugt, daß ein derartiger Einfluß nicht verfehlen kann, die Gefühle dessen, der ihn empfindet, zu veredeln.

Und da gab es nun Männer unter uns in hoher politischer Stellung, – so hoch als es derartige Männer nur bringen können; – denn wenn die Macht in solche Hände kommt, so wird es eine nothwendige Folge, daß selbst die Würde dem natürlichen Niveau ihrer Träger wieder nahe rückt – es gab Männer unter uns, sage ich, welche die ihnen verliehene Macht zu national-ökonomischen Vorschlägen mißbrauchten, deren Ausführung mich zwingen mußte, dieses ganze Besitzthum zu verkaufen, so daß mir vielleicht für den eigenen Gebrauch nur eine einzige Farm übrig blieb. Das erlöste Geld konnte ich dann in einer Weise anlegen, daß die Interessen daraus meinem gegenwärtigen Einkommen gleich kamen. Allerdings war es mit dieser Theorie nicht unmittelbar auf mich abgesehen, da meine Farmen nach Ablauf ihrer Pachtzeit wieder an mich zurückfielen. Der Schlag sollte zuvörderst Stephen und William van Rensselaer treffen, faßte aber natürlich auch noch andere in sich, und zunächst konnte dann die Reihe an mich kommen. Welches Recht hatten die Rensselaers, die Livingstons, die Hunters, die Littlepage's, die Verplancks, die Morgans, die Wadsworths oder ein halb tausend Anderer in ähnlicher Stellung, »Gefühle« zu hegen, welche das »Geschäftsleben« hemmten oder die Wünsche irgend eines unstäten Yankee's vereitelten, der sich aus Neu-England zu uns verloren hatte und durchaus eine bestimmte Farm auf seine eigenen Bedingungen hin haben wollte? Es ist aristokratisch, durch Gefühle den Verkehr beeinträchtigen zu wollen, und der Verkehr selbst hört auf, Verkehr zu sein, wenn der Gewinn nicht dem großen Haufen zu Gute kömmt. Ja, selbst die heiligen Grundsätze des Verkehrs müssen sich durch Majoritäten beherrschen lassen!

Selbst Onkel Ro konnte die schöne Landschaft nicht ohne Erregung betrachten, obschon ihm nie ein Fußbreit davon gehört hatte. Aber auch er war hier geboren worden – hatte hier seine Kindheit verbracht, und liebte den Ort, ohne daß sich auch nur eine Spur von niedriger Habsucht in dieses Gefühl gemischt hätte. Er gefiel sich in der Erinnerung, daß unser Geschlecht der einzige Eigenthümer des Bodens gewesen war, auf welchem er stand, und seine Seele hob sich in jenem edlen Stolz, welcher von einer bleibenden achtbaren Stellung in der Gesellschaft unzertrennlich ist.

»Da sind wir jetzt, Hugh,« rief er, nachdem wir Beide eine Weile stumm dagestanden hatten, um die grauen Mauern des guten und solid gebauten, aber gewiß nicht sonderlich schönen Wohnhauses, zu betrachten; »da sind wir nun, und es dürfte jetzt Zeit sein, über unsere nächsten Schritte einen Entschluß zu fassen. Du erinnerst dich, das Dorf ist keine zwei Stunden entlegen; wollen wir dahin gehen und uns ein Frühstück holen? Versuchen wir's etwa mit einem unserer Pächter – oder stürzen wir uns mit einem Male in medias res, um uns die Gastfreundschaft meiner Mutter und deiner Schwester zu erbitten?«

»Ich fürchte, Sir, das letztere könnte Argwohn erregen, und wenn wir in die Hände der Inschens fallen, so haben wir zum mindesten Theer und Federn zu gewärtigen.«

»Du sprichst von den Inschens? Ei, warum gehen wir nicht geradenwegs nach dem Wigwam unseres alten Susquesus und lassen uns von ihm und von Yop über den Stand der Dinge unterrichten? Gestern Abend habe ich in unserem Wirthshaus von dem Onondago sprechen hören, und die Leute waren der Ansicht, er sehe noch immer wie ein Mann von Achtzigen aus, obschon man allgemein glaube, daß er mehr als ein Jahrhundert auf dem Rücken habe. Der Indianer hat eine scharfe Beobachtungsgabe, und dürfte wohl im Stande sein, uns in einige von den Geheimnissen seiner verkappten Brüder einzuweihen.«

»Wenigstens können wir dort Auskunft über die Familie erhalten; es liegt ebenso wenig Auffallendes darin, wenn wir in dem Wigwam einsprechen, als man es wohl bei Hausirern für natürlich halten wird, wenn sie dem Nesthaus einen Besuch abstatten.«

Diese Erwägung gab der Sache den Ausschlag, und wir verfügten uns nach dem Engthal, an dessen Seite die unter dem Namen Wigwam bekannte Hütte in ihrer alterthümlichen Form stand. Sie war aus Holzstämmen zusammengesetzt, klein, reinlich, – und warm oder kühl, je nachdem es die Jahreszeit verlangte; auch nahm sie sich, obschon sie nie den einladend ländlichen Charakter eines Farmer-Hauses hatte, stets ansprechend genug aus, da der Grundherr, dieses verhaßte Geschöpf, welches in der ganzen Gegend so vieles Aehnliche zu bestreiten hatte, für ihre Unterhaltung sorgte, sie gelegentlich übertünchen ließ und bisweilen auch neues Möbelwerk beischaffte. Auch ein Garten gränzte daran, der für die Jahreszeit schon recht anständig bestellt war; denn der Neger machte sich im Laufe des Sommers mit den Gemüsen und Früchten einigermaßen zu schaffen, obschon ich wohl wußte, daß die regelmäßige Besorgung des Bodenstücks von einem Arbeiter im Nest ausging, welchem die Obliegenheit zukam, hin und wieder einen halben Tag nach dem Gärtchen zu sehen. Auf der einen Seite der Hütte befanden sich ein paar Ställe, der eine für die Schweine und der andere für eine Kuh; auf der andern aber schloßen sich die Bäume des jungfräulichen Urwaldes an, welche in diesem Engthale noch nie gestört worden waren und das Dach mit ihren Zweigen überschatteten. Diese etwas poetische Anordnung war die Folge eines Vergleichs zwischen den Insassen; denn der Neger bestand auf den Zugaben seiner rohen Civilisation, während der Indianer die Schatten des Waldes verlangte, um sich in seine Lage finden zu können. Hier also hatten diese beiden, in seltsamer Weise zusammengeführten Wesen – denn der Eine leitete seinen Ursprung von den entarteten Rassen Afrika's, der Andere von dem ungestümen aber hochsinnigen Ureinwohnern dieses Kontinents ab – fast die ganze Periode eines gewöhnlichen Menschenlebens neben einander gewohnt. Die Hütte selbst fing an, in Wirklichkeit alt auszusehen, während ihre Insassen sich seit Menschengedenken nur wenig verändert hatten! Derartige Beispiele einer langen Lebensdauer sind, was auch die Theoretiker über diesen Gegenstand sagen mögen, weder unter den Schwarzen noch unter den Rothhäuten sehr selten, obschon vielleicht die ersteren vor letzteren den Vorzug haben mögen, wenn sie nicht gerade nach den nördlichen Theilen der Republik verpflanzt sind. Allerdings behauptet man gewöhnlich, daß diese beiden Rassen nicht länger lebten, als die Weißen, und ihr angebliches hohes Alter rühre mehr von dem Umstande her, daß sie die Zeit ihrer Geburt nicht anzugeben wüßten. Dieß mag in der Hauptsache seine Richtigkeit haben, denn wir wissen, daß im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre in nicht großer Entfernung von Ravensnest ein Weißer starb, der mehr als hundert und zwanzig Lebensjahre zurückgelegt hatte; aber im Verhältniß zu der geringen Anzahl sind doch hochbetagte Neger und Indianer eine so gewöhnliche Erscheinung, daß dieser Umstand Jedem, welcher ihn zu beobachten Gelegenheit findet, auffallen muß.

In der Nähe des Wigwams – denn so nannte man die Hütte gewöhnlich, obschon sie im eigentlichen Sinne des Worts kein Wigwam war – befand sich keine Landstraße. Das kleine Gebäude stand auf den Gründen des Nesthauses, die mit Einschluß eines Urwaldstreifens und ohne die Felder, welche zu der anliegenden Farm gehörten, zweihundert Acres umfaßten. Der Zugang wurde nur durch Fußpfade, deren mehrere hin und her führten, und einen einzigen, schmalen Fahrweg vermittelt, der in seinen Windungen über die Güter in der Nähe der Hütte vorbeigeführt worden war, um meiner Großmutter und Schwester – vermuthlich auch meiner theuren Mutter, so lange sie noch am Leben war – Gelegenheit zu geben, während ihrer häufigen Spazierfahrten dem alten Paar einen Besuch abzustatten. Auf dem letzterwähnten Wege näherten wir uns nun dem Wohnplatze der farbigen Greise.

»Da sind die zwei alten Knaben; sie benützen den schönen Tag, um sich in der Sonne zu wärmen!« rief mein Onkel mit einem etwas bebenden Tone in seiner Stimme, als wir nahe genug herangekommen waren, um die Gegenstände zu unterscheiden. »Hugh, ich habe diese Männer nie ohne ein Gefühl von Ehrfurcht und Liebe ansehen können. Beide waren die Freunde und Einer davon der Sklave meines Großvaters; und so lange ich mich ihrer erinnern kann, sind sie stets alte Leute gewesen! Sie scheinen als Denkmäler der Vergangenheit hieher gesetzt worden zu sein, um die entschwundenen Geschlechter mit den künftigen in Verbindung zu bringen.«

»Wenn dieß der Fall ist, Sir, werden sie bald die Einzigen ihrer Art sein. Geht es noch länger so fort, wie bisher, so kommt es mir wahrhaftig vor, als fingen die Menschen an, sogar auf die Geschichte eifersüchtig zu werden, weil ihre handelnden Personen Abkömmlinge zurückgelassen haben, welche sich in das bischen Ehre, das zu erholen ist, theilen möchten.«

»Ich widerspreche dir nicht, Junge, denn hinsichtlich dieses Punktes herrscht unter uns eine seltsame Verkehrung der alten, natürlichen Gefühle. Indessen darfst du nicht vergessen, daß unter den dritthalb Millionen, welche der Staat birgt, sich vielleicht keine halbe Million befindet, der ächtes Yorker Blut in den Adern fließt; die Anderen können natürlich keinen Sinn haben für die Geburtsstätten und die älteren Ueberlieferungen der Gesellschaft, in welcher sie leben. Viel kommt hiebei auf Rechnung unserer Zustände, obschon ich zugebe, daß diese es nicht auf den Umsturz von Grundsätzen absehen sollten, sintemal es ohnehin nicht einmal nöthig ist. Aber sieh' einmal diese beiden alten Käuze an! Selbst nachdem sie so lange Zeit gemeinschaftlich in dieser Hütte verlebt hatten, sind sie den Gefühlen und Gewohnheiten ihrer Rassen treu geblieben. Dort kauert sich, müssig und arbeitsscheu, Susquesus auf einem Stein und hat seine Büchse an den Apfelbaum gelehnt, während Jaaf oder Yop, wie ich ihn vielleicht besser nennen sollte, sich im Garten zu schaffen macht, als glaubte er, noch immer als Sklave arbeiten zu müssen.«

»Und welcher ist wohl der Glücklichere, Sir – der emsige alte Mann, oder der Müssiggänger?«

»Wahrscheinlich ist es Jedem am wohlsten, wenn er seinen früheren Angewöhnungen nachhängen kann. Der Onondago hat übrigens nie arbeiten mögen, und wie ich von meinem Vater hörte, schätzte er sich überglücklich, als er vernahm, er könne den Rest seiner Tage in otio cum dignitate verbringen, ohne daß er nöthig habe, sich mit Korbflechten abzumühen.«

»Yop sieht nach uns her. Es ist vielleicht am besten, wenn wir ohne Weiteres auf sie zugehen und sie anreden.«

»Yop reißt vielleicht am weitesten die Augen auf, aber ich setze mein Leben daran, daß der Indianer zweimal so viel sieht. Seine Sinne sind jedenfalls die besseren, und überhaupt ist er ein Mann von einer merkwürdigen und außerordentlichen Beobachtungsgabe. In früheren Tagen ist ihm nie etwas entgangen. Doch wie du sagst, wir wollen auf sie zugehen.«

Ich berieth mich nun mit meinem Onkel, ob es wohl zweckmäßig sei, unser gebrochenes Englisch auch gegen diese beiden Greise in Anwendung zu bringen. Anfangs erschien uns dieß unnöthig; als wir aber bedachten, daß auch Andere dazu kommen könnten und unser Verkehr mit den Zweien im Lauf der nächsten paar Tage sich öfter wiederholen dürfte, so änderten wir unsern Sinn. und beschloßen, streng auf unserem Incognito zu beharren.

Als wir uns der Thüre der Hütte näherten, kam Jaaf langsam aus seinem Garten, und schloß sich dem Indianer an, der ruhig und unbeweglich auf seinem Steine sitzen blieb. So viel wir bemerken konnten, hatten sich die Greise während unserer fünfjährigen Abwesenheit nur wenig verändert, denn sie boten in ihrer Art vollkommene Bilder eines zwar sehr hohen, aber nicht hinfälligen Alters. Der Schwarze – wenn man ihn so nennen konnte, denn seine Farbe bestand eher aus einem schmutzigen Grau – mochte wohl den größten Wechsel erlitten haben, obschon ich dieß, als ich ihn zum letzten Mal sah, kaum für möglich gehalten hätte. Was den Fährtelosen oder Susquesus, wie er gemeiniglich genannt wurde, betraf, so hatte ihm die Mäßigkeit eines langen Lebens treffliche Dienste geleistet, und seine halb nackten Glieder, wie auch der gerippartige Körper, der sich dem Auge unverhüllt darbot, weil er im Sommer den Anzug seines Volkes trug, schienen von Leder überzogen zu sein, das lange in eine Lohbrühe von reinster Qualität eingeweicht gewesen war. Seine Sehnen erschienen noch immer, trotz ihrer Steifheit, wie Peitschenschnüre, und sein ganzer Leib erinnerte an eine vertrocknete Mumie, die noch Lebenskraft in sich birgt. Die Farbe seiner Haut war weniger roth, als ehedem, und näherte sich mehr der des Negers, wie sie sich jetzt dem Auge darbot, obschon der Unterschied noch immer sehr bemerklich war.

»Sago – Sago,« rief mein Onkel, als wir ganz nahe herangekommen waren, denn wir sahen nicht ein, welche Gefahr darin liegen könnte, uns dieses vertraulichen halb indianischen Grußes zu bedienen Der Herausgeber hat schon oft Gelegenheit gehabt, die Bedeutung derartiger Ausdrücke zu erklären. Die Kolonisten lernten viele Worte von den Indianern, die sie zuerst kennen lernten, und bedienten sich derselben gegen alle Uebrigen, wenn diese auch einer andern Zunge angehörten. Da sich nun die Letzteren solcher Ausdrücke als englischer Worte bedienten, so bildete sich im Lande eine Art lingua franca, die überall verstanden wird. So gehören aller Wahrscheinlichkeit nach die Worte » Moccasin«, » Squaw«, » Papoose«, » Sago«, » Tomahawk«, » Wigwam« u. s. w. insgesamt zu derselben Klasse. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Bezeichnung » Yankees« von » Yengeese« herrührt – die Art, wie die Stämme, welche Neu-England am nächsten liegen, das Wort » English« aussprachen. In jener Gegend ist es bis auf diese Stunde noch üblich, das Wort English, lies Inglisch, wie » Englisch« auszusprechen. Die Umänderung des » Englisch« in » Yengeese« macht sich leicht. Der Herausgeber.. »Sago, Sago, diesen schönen Morgen – in meiner Sprache heißt dieß: » guten Tag

»Sago,« entgegnete der Fährtelose in tiefem Kehltone.

Yop dagegen sagte nichts, sondern warf nur ein paar Lippen auf, welche dicken Stücken verbrannten Beefsteaks glichen, musterte abwechselnd uns Beide mit seinen rothen Triefaugen, und verzog wiederholt seinen Mund, wohin sich seine Kinnbacken abarbeiteten, als seien sie stolz auf die trefflichen Zähne, welche sie noch immer aufzuweisen hatten. Als ein Sklave der Littlepage's hielt er Hausirer für weit unter sich stehende Wesen; denn die alten Neger New-Yorks identificirten sich stets mehr oder weniger mit den Familien, zu denen sie gehörten und unter denen sie so oft geboren worden waren.

»Sago,« wiederholte der Indianer langsam, höflich und mit Nachdruck, nachdem er meinen Onkel eine Weile betrachtet hatte; es schien, als habe er etwas an ihm bemerkt, was ihm Achtung einflößte.

»Wir haben heute einen wunderschönen Tag,« fuhr Onkel Ro in seinem gebrochenen Englisch fort, indem er seine Stirne abwischte und ruhig auf einem Holzblock Platz nahm, der als Heizmaterial für den Ofen beigeschafft worden war. »Was ist dieß für eine Gegend?«

»Dieß hier?« entgegnete Yop nicht ohne einige Verachtung, »Dieß ist York Colony. Wo komm' denn Ihr her, daß Ihr solche Frag' thu'?«

»Aus Tscharmany. Das ist weit weg, aber ein gutes Land. Zwar, diese Gegend gefällt mir auch.«

»Warum Ihr dann fortzieh', wenn es gut Land sein – he?« versetzte der Schwarze.

»Könnt Ihr mir sagen, warum Ihr aus Afrika fortgezogen seid?« erwiederte Onkel Ro in kaltem Tone.

»Ich nie da gewesen,« brummte der alte Yop, seine Zähne in der Art des Ebers fletschend, wenn er seinen Zorn kund gibt und dadurch anzeigt, daß es gut sein möchte, ihm aus dem Wege zu gehen. »Ich ein geboren Yorknigger, und hab' nie gesehn kein Afrika – und will auch nit sehen, in meinem Leben nit.«

Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß Jaaf einer Klasse angehörte, bei welcher der Ausdruck »farbiger Gentleman« nie in Brauch gekommen war. Die Männer aus seiner Zeit und von seinem Korn nannten sich ›Niggers‹. Die Ladies und Gentlemen aus derselben Periode aber nahmen sie beim Wort und legten ihnen dieselbe Bezeichnung bei, obwohl heutzutage kein Schwarzer mehr sich anders, als im Tone des Vorwurfs, dieses Ausdrucks bedient. Der »Nigger« ist also nunmehr zum Schimpfwort geworden, und es ist ein eigenthümlich seltsamer Zug in der Menschennatur, daß es Niemand lieber, als gerade der Schwarze, wenn er seinem Unmuth Luft machen will, in Anwendung bringt.

Mein Onkel hielt einen Augenblick inne, um zuvor zu überlegen, ob er eine Unterhaltung fortführen sollte, die dem Anscheine nach nicht unter den schmeichelhaftesten Auspicien begonnen hatte.

»Wer mag wohl in jenem großen steinernen Hause wohnen?« nahm er wieder auf, sobald er glaubte, daß der Neger Zeit gehabt habe, wieder ruhiger zu werden.

»Jedermann kann seh', daß Ihr kein New-Yorker, schon an Eurer Sprach',« versetzte Yop, den diese Frage nichts weniger als milder gestimmt hatte. »Wer anders sollt' dort wohnen, als Schin'ral Littlepage?«

»So? Ich hätte geglaubt, er sei längst gestorben.«

»Und wenn auch! Es ist sein Haus und er leb' darin; und so auch leb' dort die alt jung Missus.«

Nun hatte es, vom Vater auf den Sohn gezählt, unter den Littlepage's durch drei Generationen hindurch Generale gegeben. Der erste war der Brigadiergeneral Evans Littlepage aus der Miliz, welcher während der Revolution im Dienste seinen Tod fand, der zweite Cornelius Littlepage, der, nachdem er als Obrist der New-Yorker Linie den Feldzug mitgemacht hatte, am Schlusse des gedachten Kriegs als Brigadiergeneral seinen Abschied nahm, und als dritten und letzten muß ich meinen Großvater, den Generalmajor Mordaunt Littlepage aufzählen, der gegen das Ende des gleichen Feldzugs hin im Regiment seines Vaters als Kapitän gedient hatte, später zum Major befördert wurde und endlich zum General in der Miliz avancirte – ein Posten, den er viele Jahre lang bis zu seinem Tode behauptete. Sobald aber der gemeine Soldat das Recht erhielt, seine Offiziere selbst zu wählen, hörte die Stellung eines Generalmajors bei der Miliz auf, eine achtbare zu sein, und nur wenige Männer von Bildung ließen sich fortan zum Eintritt in den Dienst bewegen. Wie vorauszusehen war, gerieth nach und nach das Militär in allgemeine Verachtung, und wird wohl in derselben beharren müssen, bis bei Besetzung der Offiziersstellen ein anderes System befolgt wird. Das Volk kann zwar viel ausrichten; aber nimmermehr wird es im Stande sein, »aus einem Schweinsohr eine seidene Börse zu machen«. Erst wenn die Offizierposten auf's Neue nach der alten Weise ausgefüllt werden, kann sich der Militärstand wieder heben, denn in keinem andern Lebensverhältniß erfordert die Handhabung der Gewalt in so hohem Grade Männer von Bildung, Erziehung und Charakterfestigkeit, wie im militärischen Dienste. Wohl hört man viele schöne Reden und ergeht sich in breiten patriotischen Lobsprüchen über den innern Werth und die Einsicht des Volkes; auch hat man sich mit allerlei Entwürfen getragen, sogenannte »Bürgersoldaten« zu schaffen; aber der Bürger kann und wird nie ein Soldat – weder ein guter noch ein schlechter – werden, wenn er nicht unter der Leitung tüchtiger Offiziere steht. Doch um wieder auf Yop zurückzukommen:

»Darf ich fragen, wie alt die Lady ist, welche Ihr die alte junge Missus nennt?« fragte mein Onkel.

»Potz tausend – sie ist noch ein leibhaftig Mädel – just eine Weile geboren nach der alt französisch Krieg. Kenn' sie noch gut, wie sie Miß Dus Malbone sein. Jung Masser Mordaunt hatt' sie gern und nehmen sie zu sein Weib.«

»Hoffentlich hattet Ihr gegen diese Verbindung nichts einzuwenden?«

»Ich nit, sie damals eine schön junge Lady, und sie auch jetzt eine sehre schön jung Lady.«

Dieß von meiner ehrwürdigen Großmutter, die bereits ihr achtzigstes Lebensjahr zurückgelegt hatte!

»Wer mag jetzt der Besitzer jenes großen Hauses sein?« fragte mein Onkel abermals.

»Hab' ich's nit schon gesagt? Schin'ral Littlepage. Masser Mordaunt heißt er – mein junger Meister. Sus da ist nur ein Inschen; er nie so glücklich sein, zu hab gut Meister. Ich hör', mit Niggers es werden knapp heutzutag in der Welt.«

»Ich denke, auch mit den Inschens. Die Rothhäute werden nicht mehr sehr häufig sein.«

Der Onondago richtete sich jetzt auf und heftete einen ernsten Blick auf meinen Onkel. Die Art, wie er Beides that, war edel und eindrucksvoll. Bis jetzt hatte er außer seinem Gruße keine Sylbe verlauten lassen, aber nunmehr bemerkte man, daß er zu sprechen beabsichtigte.

»Neuer Stamm,« sagte er, nachdem er uns eine Minute lang angelegentlich gemustert hatte. »Wie nennen Ihr ihn – woher er kommen?«

»Ja, ja – Ihr meint die Antirentenrothhäute. Habt Ihr etwas von ihnen gesehen, Fährteloser?«

»Ja wohl; sie kommen, mich zu besuchen. Gesicht im Sack – benehmen sich wie Squaw. Arme Inschen – arme Krieger!«

»In der That, ich glaube, daß dieß wahr genug ist. Solche Inschens kann ich nicht leiden – möchte um keine Welt ein solcher Inschen sein. Was sagt Ihr dazu, he?«

Susquesus schüttelte langsam und mit Würde den Kopf, worauf er angelegentlich meinen Onkel musterte und dann seine Blicke in gleicher Weise auf mich heftete. So wandte er abwechselnd seine Augen von dem Einen zum Andern und schlug sie endlich in stummer Ruhe zu Boden. Ich nahm den Leierkasten heraus, und begann eine lebhafte Weise zu spielen, die früher unter den amerikanischen Schwaben sehr beliebt gewesen war, später aber, wie ich leider sagen muß, auch bei den Weißen sehr in Aufnahme gekommen ist. Meine Musik übte keinen besondern Eindruck auf Susquesus, obschon ein leichter Schatten der Verachtung über seine dunkeln Züge flog. Bei Jaaf dagegen verhielt sich die Sache ganz anders. So alt er auch war, konnte ich doch ein gewisses nervöses Zucken seiner untern Gliedmaßen bemerken – ein deutliches Kennzeichen, daß der alte Knabe wirkliche Lust zum Tanzen fühlte. Dieß verging jedoch bald wieder; aber aus seinem grimmigen, harten, runzlichten, grauen Gesichte schien noch eine Weile ein Strahl des inneren Wohlbehagens aufzublitzen. Hierin lag nichts Ueberraschendes, denn die Gleichgültigkeit der Indianer gegen Musik ist fast eben so charakteristisch, wie die Empfänglichkeit der Neger dafür.

Wir konnten nicht erwarten, daß so alte Leute geneigt sein würden, viel zu sprechen. Der Onondago war von jeher ein schweigsamer Mann gewesen, und der Grund dazu war ebenso sehr in dem Ernst und der Würde seines Charakters, als in seiner gewöhnten Klugheit zu suchen. Jaaf aber neigte sich von Natur aus zur Plauderhaftigkeit, obschon die Last der Jahre notwendigerweise diesen seinen Hang sehr vermindert hatte. Auch mein Onkel verfiel jetzt in ein gedankenvolles, schwermüthiges Schweigen, und nachdem ich mit meinem Spiele aufgehört hatte, beharrten wir alle vier etliche Minuten lang in stummer Betrachtung. Nun aber ließ sich das gedämpfte Rollen eines Wagens vernehmen, und bald nachher kam eine leichte Sommerkalesche, die ich von Alters her wohl kannte, um den Stall herum; sie machte zehn Fuß von der Stelle, wo wir saßen, Halt.

Bei dieser unerwarteten Unterbrechung vermochte ich mich kaum mehr zu halten, und ich konnte bemerken, daß mein Onkel kaum weniger ergriffen war. Inmitten einer zierlichen Draperie von wallenden Sommershawls und andern Ziermitteln der weiblichen Toilette bemerkten wir vier sonnige, jugendliche Gesichter und ein Antlitz, ehrwürdig in der Reife der Jahre. Mit einem Worte, meine Großmutter, meine Schwester, die beiden übrigen Mündel meines Onkels und Mary Warren befanden sich in dem Wagen. Ja, die hübsche, sanfte, schüchterne, aber geistreiche und einsichtsvolle Tochter des Rektors war mit von der Partie, und schien sich, wie unter Freundinnen, ganz heimisch und wohl zu fühlen. Sie war auch die Erste, welche zu sprechen anhub, obgleich dieß nur in gedämpfter, ruhiger Stimme geschah. Ihre Worte galten meiner Schwester und schienen ihr durch die Ueberraschung abgerungen worden zu sein.

»Da sehe ich eben die beiden Hausirer, von welchen ich Euch erzählt habe, Martha,« sagte sie. »Jetzt könnt Ihr selbst einmal die Flöte gut spielen hören.«

»Ich zweifle, ob er sich besser darauf verstehen wird, als Hugh,« lautete die Antwort meiner lieben Schwester. »Indeß möchte ich doch sein Spiel hören, wäre es auch nur, um dadurch an den fernen Bruder erinnert zu werden.«

»Nun, die Musik können wir ja haben, und wir wollen die Gelegenheit benutzen, mein Kind,« rief meine Großmutter heiter, »obgleich wir derselben nicht bedürfen, um an den lieben abwesenden Jungen erinnert zu werden. Guten Morgen, Susquesus; ich hoffe, dieser schöne Tag kommt Euch zu Statten.«

» Sago,« entgegnete der Indianer, indem er auf eine würdevolle, ja sogar anmuthige Weise den einen Arm vorwärts bewegte, ohne sich übrigens von seinem Platze zu erheben. »Wetter gut – großer Geist gut, dieß der Grund. Wie es gehen, Squaws?«

»Danke schön, wir sind Alle wohl, Fährteloser. Guten Tag, Jaaf. Wie geht es Euch an diesem schönen Morgen?«

Yop, Jaap oder Jaaf erhob sich wankend, machte eine tiefe Verbeugung und antwortete in der halb achtungsvollen, halb vertraulichen Weise eines alten Familiendieners, wie sie seit unserer Väter Zeiten nicht wieder bestehen.

»Schön Dank, Miß Dus, von ganze Herz. Ziemlich gut heut; aber bei der alte Sus geht's Nachlaß; wird verzweifelt schnell älter und älter.«

Nun war von den Beiden jedenfalls der Indianer bei weitem der schönere Ueberrest männlicher Kraft, obschon er sich viel gesetzter und weniger unruhig, als der Schwarze, benahm. Indeß war bei Jaaf der Hang, den Splitter im Auge seines Freundes zu sehen und den eigenen darüber zu vergessen, eine langjährige und wohlbekannte Schwäche, so daß seine gegenwärtige Kundgebung nur ein allgemeines Lächeln hervorrief. Ich war namentlich entzückt über den leuchtenden lachenden Strahl aus Mary Warrens Augen, obschon ihre Lippen sich stumm verhielten.

»Ich kann nicht sagen, daß ich mit Euch einverstanden bin, Jaaf,« entgegnete meine Großmutter lächelnd. »Der Fährtelose trägt seine Jahre überraschend gut, und ich glaube nicht, daß er in langer Zeit besser ausgesehen hat, als eben an diesem Morgen. Wir sind nicht mehr so jung, wie in den Jahren unserer ersten Bekanntschaft, Jaaf, denn diese stammt, wenn auch nicht ganz, so doch nahezu von sechzig Jahren her.«

»O, Ihr nichts anders sein als ein Mädchen noch,« brummte der Neger; »aber der alt Sus ist der wirklich alte Kerl. Miß Dus und Masser Mordaunt hab' ja erst kürzlich geheirath' – nit lang nach der Rivyluschen.«

»Ja wohl,« versetzte die ehrwürdige Frau mit einem melancholischen Anflug in dem Ton ihrer Stimme; »aber seit der Revolution sind schon viele, viele lange Jahre verflossen!«

»Was das? Ich sein erstaunt, Miß Dus! Wie könn' Ihr dieß nenn' so lang, wenn's doch erst vor kurze Zeit sein?« erwiederte der starrköpfige Neger, der nun widerhaarig zu werden, und in kurzer, verächtlicher Weise zu sprechen begann, als sei es ihm gar nicht recht, Dinge hören zu müssen, denen er nicht beipflichten konnte. »Masser Corny wäre vielleicht ein bissel alt, wenn er noch lebt'; aber all' die Uebrig' von Euch sein nix als Kinder. Sag' mir nur Eins, Miß Dus – ob's wahr, daß sie zu Satanstoe eine Stadt krieg'.«

»Man hat vor einigen Jahren den Versuch gemacht, in der ganzen Gegend Städte anzulegen, und unter anderen Plätzen ist auch der Neck dazu ausersehen worden; indeß glaube ich nicht, daß dieser je mehr, als eine gute Farm abgeben wird.«

»Um so besser. Dort sein gut' Land, sag' ich Euch! Ein Acre dort drunten bring mehr ein, als zwanzig Acres hier oben.«

»Mein Enkel würde nicht sehr erfreut sein, wenn er dieß aus Eurem Munde vernehmen müßte, Jaaf.«

»Wer, Euer Enkel, Miß Dus? Ich wohl wissen, Ihr hab' vor eine Weile klein' Baby; aber Baby kann nit wieder hab' Baby.«

»Ach, Jaaf, mein alter Freund, jene Babies sind seitdem Männer und Frauen geworden, die bereits hoch im Alter stehen. Einer davon, und dieser war mein Erstgeborener, ist vor uns eingegangen in eine bessere Welt, und sein Sohn ist jetzt Euer junger Meister. Die junge Dame, die mir gegenüber sitzt, ist seine Schwester, und es würde ihr sehr schmerzlich fallen, wenn sie glauben müßte, daß Ihr sie vergessen hättet.«

Jaaf litt an einer Schwäche, die dem hohen Alter so gewöhnlich eigen ist: er vergaß die Erlebnisse der neueren Zeit, während er sich auf Alles, was vor einem Jahrhundert vorgefallen war, noch recht gut entsinnen konnte. Das Gedächtniß ist eine Tafel, welche an den Eigenthümlichkeiten aller unserer Ansichten und Gewohnheiten Theil nimmt. In der Jugend hat sie die größte Bildsamkeit; die Eindrücke greifen tief und behalten ihre Bestimmtheit bei, während die zahlreichen später folgenden auf dem bereits überfüllten Grunde weniger Wurzel fassen können. In dem gegenwärtigen Falle handelte sich's um ein so hohes Alter, daß der Wechsel wirklich erstaunlich war, denn die Erinnerungen des greisen Negers wirkten auf den Zuhörer nicht selten wie eine Stimme aus dem Grabe. Was den Indianer betraf, so hatte er sich, wie ich später erfahren mußte, in jeder Hinsicht weit besser erhalten, als der Schwarze. Von Jugend auf hatte er sehr mäßig gelebt, nie etwas von Arbeit wissen wollen, seinen Körper stets in freier Luft geübt, und wenn man hiezu noch die Gemächlichkeit eines dem Mangel nicht preisgegebenen halbcivilisirten Lebens rechnet, so läßt sich wohl denken, daß unter solchen Umständen, trotz der langen Reihe von Jahren, Körper und Geist gleich kräftig bleiben konnten. Als ich ihn so ansah, kam mir Alles wieder in Erinnerung, was ich als Knabe je von seiner Geschichte gehört hatte.

Das frühere Leben des Onondago war stets in einen geheimnißvollen Schleier gehüllt gewesen, und wenn je ein Glied unserer Familie Kunde davon gehabt hatte, so mußte dieß Andries Coejemans, ein Halbonkel meiner lieben Großmutter, der in der Gegend unter dem Beinamen »Kettenträger« bekannt war, gewesen sein. Meine Großmutter hatte mir gesagt, sie wisse aus dem Munde des »Onkel Kettenträger,« denn so wurde der alte Verwandte von uns Allen genannt, daß er in die ganze Geschichte des Susquesus eingeweiht gewesen sei: warum derselbe seinen Stamm verlassen, wie er ein Jäger geworden, und wie er als Krieger und als Läufer unter den Blaßgesichtern sich nützlich gemacht habe; seinen Aeußerungen zufolge gereichten seinem rothen Freunde die Einzelnheiten seines Lebens sehr zur Ehre, obschon er auf eine Enthüllung derselben nicht eingehen wollte. Wie dem übrigens sein mochte, Onkel Kettenträger stand in so hohem Ruf der Rechtlichkeit, daß diese seine Angaben vollkommen zureichten, um dem Onondago das unbedingte Vertrauen der ganzen Familie zu gewinnen, und die Erfahrung von neunzig Jahren hatte bewiesen, daß dasselbe am rechten Orte angebracht war. Ueber den Grund, warum der alte Mann so lange in dieser Art von Verbannung gelebt hatte, waren die Ansichten sehr verschieden, und Einige suchten ihn in der Liebe, Andere im Krieg, wieder Andere in den Folgen jener wilden persönlichen Fehden, die bekanntlich unter den Wilden so häufig vorkommen. Dieß waren jedoch nur Muthmaßungen, die das Geheimniß nicht aufklären konnten. Wie wäre dieß auch möglich gewesen, nun wir uns der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nähern, während es schon unseren Vätern, die doch zu Anfang der zweiten Hälfte des achtzehnten lebten, nicht gelungen war, den Schleier zu lüften. Kehren wir übrigens zu dem Neger zurück.

Obgleich Jaaf für einen Augenblick mich und meine Eltern ganz und gar vergessen hatte, so erinnerte er sich doch meiner Schwester, da ihn dieselbe oft zu besuchen pflegte. In welcher Weise er sie mit der Familie in Verbindung brachte, weiß ich nicht anzugeben; so viel ist übrigens gewiß, daß er sie nicht nur von Ansehen, sondern auch dem Namen und – wie man sagen möchte – dem Blut nach kannte.

»Ja, ja,« rief der alte Bursche etwas hastig, indem er seine dicken Lippen zusammen schnalzte, etwa wie ein Alligator seine Kinnladen aufeinander klappt: »ja, natürlich kenn' ich Miß Patty. Miß Patty ist sehre schön, und wird schöner und schöner jedesmal, so oft ich ihr seh' – ha, ha, ha!«

Das Lachen des alten Negers tönte auffallend und unnatürlich, obschon es im Grunde, wie das eines jeden Negers, etwas frohherziges in sich barg.

»Ha, ha, ha! ja, Miß Patty wunnervoll schön und sehre wie Miß Dus. Ich glaub' jetzt, Miß Patty sein geboren um die Zeit, da Schin'ral Washington sterb'.«

Dieß hieß das Alter meiner Schwester um ein Ansehnliches mehr als verdoppeln, weßhalb die leichtherzigen Mädchen, die noch immer im Wagen saßen, in ein gemeinsames Gelächter ausbrachen. Ein Strahl des Verständnisses, welcher sich fast zu einem Lächeln steigerte, glitt gleichfalls über die Züge des Onondago; aber obgleich die Muskeln seines Gesichts in Thätigkeit waren, verblieb er doch stumm. Es wurde mir später die Ueberzeugung an die Hand gegeben, daß die Tafel seines Gedächtnisses die Eindrücke besser aufbewahrt hatte.

»Was für Freunde habt Ihr heut bei Euch, Jaaf?« fragte meine Großmutter, indem sie zu gleicher Zeit das Haupt anmuthig gegen uns wanderndes Volk verneigte – ein Gruß, zu dessen Erwiederung wir beide uns ungesäumt erhoben.

Hätte ich dem Drange meines Herzens Folge geben dürfen, so wäre ich, ich gestehe es ehrlich, ohne Weiteres in den Wagen gesprungen, um die noch immer gut aussehenden aber farblosen Wangen meiner Großmutter zu küssen und Patty – vielleicht auch Einige von den Andern – an meine Brust zu drücken. Onkel Ro dagegen bewahrte seine Fassung besser, obschon ich bemerken konnte, daß die Worte seiner ehrwürdigen Mutter, in deren Ton sich ein kaum bemerkliches Beben mischte, ihn beinahe überwältigten.

»Diese sein Hausirer, Ma'am, denk' ich wohl,« antwortete der Schwarze. »Sie hab' eine Truch' mit etwas drinn und hab' auch eine neue Art von Fidel. Wie, junge Mann, gib Miß Dus ein Stück – aber ein lebhaft, so daß es ein alter Nigger in die Füß' spür'.«

Ich warf den Leierkasten um und fing an, drauf loszuspielen, als mich plötzlich eine holde, süße Stimme mit einer Hast unterbrach, welche den Ton etwas lauter als gewöhnlich erklingen ließ.

»Oh, nicht dieß, nicht dieß – die Flöte, die Flöte!« rief Mary Warren, über ihre eigene Dreistigkeit bis zu den Augen erröthend, sobald sie bemerkte, daß sie gehört worden und ich im Begriffe war, ihrer Aufforderung zu willfahren.

Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß ich mich achtungsvoll verbeugte, den Leierkasten wieder ablegte, die Flöte aus meiner Tasche hervorholte und nach einigen Schnörkeln eine der neuesten Arien oder Melodieen aus einer beliebten Oper vorzutragen begann. Sobald ich ein paar Takte durchgemacht hatte, bemerkte ich, daß meiner Schwester Martha das Blut nach den Wangen stieg und ihre Erregtheit gab mir die Ueberzeugung, daß das liebe Mädchen sich der Flöte ihres Bruders erinnerte. Von meinem sechzehnten Jahre an hatte ich dieses Instrument stets gespielt, während meines fünfjährigen Aufenthalts in Europa aber sehr große Fortschritte in der Musik gemacht. Der Unterricht trefflicher Lehrer zu Neapel, Paris, Wien und London war nicht an mir verloren gegangen, und ich hoffe, nicht für eitel gehalten zu werden, wenn ich beifüge, daß meine natürliche Anlage die Fortschritte begünstigt hatte. Meine treffliche Großmutter hörte in größter Aufmerksamkeit zu, und alle vier Mädchen geriethen in Entzücken.

»Diese Musik verdient wohl, in einem Zimmer gehört zu werden,« bemerkte die Erstere, sobald ich mit meiner Arie zum Schluß gekommen war. »Wenn Ihr anders in unserer Nähe bleibt, so hoffen wir, Ihr werdet uns diesen Abend im Nesthause mit Euern Leistungen erfreuen. Inzwischen müssen wir unsere Spazierfahrt fortsetzen.«

Während meine Großmutter so sprach, lehnte sie sich vorwärts und bot mir mit einem wohlwollenden Lächeln ihre Hand hin. Ich trat näher und nahm den Dollar, welchen sie mir bestimmt hatte, in Empfang; aber unfähig, meine Gefühle zu beherrschen, erhob ich die Hand achtungsvoll zu meinen Lippen und küßte sie mit Wärme. Hätte sich Martha's Gesicht in meiner Nähe befunden, so würde es ihm gleichfalls übel ergangen sein. In dieser ehrerbietigen Begrüßung konnte, sofern Ausländer auch ausländische Sitten mit sich bringen, nichts sonderlich Auffallendes liegen; ich bemerkte übrigens noch vor dem Abfahren des Wagens, daß die Wangen meiner Großmutter erglühten. Ihr wenigstens war die Glut meines Handkusses nicht entgangen. Mein Onkel hatte sich abgewandt, wahrscheinlich um die Thränen zu verbergen, welche ihm in die Augen getreten waren, und Jaaf folgte ihm nach der Thüre der Hütte, um die Honneurs des Platzes zu machen. So war ich denn allein mit dem Indianer.

»Warum nicht küssen Gesicht von Großmutter?« fragte der Onondago mit ruhiger Kälte.

Wenn sich ein Blitzstrahl über meinem Haupte entladen haben würde, so hätte ich nicht bestürzter sein können. Die Maske hatte meine nächsten Verwandten – hatte Seneka Newcome und sogar seine Schwester Opportunity getäuscht; und doch mußte sie an dem Indianer fehlschlagen, von dem man hätte voraussetzen sollen, daß seine Sinne durch das hohe Alter geschwächt waren.

»Ist's möglich, daß Ihr mich kennt, Susquesus?« rief ich, indem ich, um ihn zur Vorsicht aufzufordern, nach dem Neger hindeutete – »daß Ihr Euch meiner überhaupt nur noch erinnert? Ich hätte geglaubt, daß mich diese Perücke und diese Kleider zureichend verhüllten.«

»Ja wohl,« antwortete der greise Indianer gelassen. »Kenne jung Häuptling, sobald ich ihn sehen; kenne Vater – kenne Mutter; kenne Großvater, Großmutter – Urgroßvater; seinen Vater auch; kenne Alle. Warum vergessen jung Häuptling?«

»Habt Ihr mich schon erkannt, ehe ich die Hand meiner Großmutter küßte, oder wurdet Ihr erst durch diesen Akt darauf aufmerksam gemacht?«

»Kennen, sobald als ich ihn sehen. Wozu Augen gut, wenn nicht dazu? Kennen Onkel da auch; willkommen zu Haus!«

»Aber Ihr werdet doch nicht wollen, daß auch Andere uns erkennen, Fährteloser? Wir sind hoffentlich stets Freunde gewesen?«

»Ja wohl, Freunde. Warum soll der alte Adler mit dem weißen Kopf stoßen auf junge Taube? Axt liegen nie im Pfad zwischen Susquesus und Jemand vom Stamm Ravensnest. Zu alt, sie jetzt wieder auszugraben.«

»Es sind gute Gründe vorhanden, warum mein Onkel und ich einige Tage unbekannt bleiben müssen. Vielleicht habt Ihr etwas von den Mißhelligkeiten gehört, die es im Land zwischen den Grundbesitzern und den Pächtern gegeben hat?«

»Was das, Mißhelligkeit?«

»Die Pächter wollen keine Renten mehr zahlen, und wünschen einen neuen Handel zu schließen, durch welchen sie Eigenthümer der Farmen werden können, auf denen sie leben.«

Ein grimmiges Licht spielte um die dunkeln Züge des Indianers; seine Lippen bewegten sich, aber kein Laut drang aus seinem Munde.

»Habt Ihr nichts davon gehört, Susquesus?«

»Klein Vogel sing' solch ein Lied in mein Ohr – that nicht lieben, es zu hören.«

»Und von Indianern, die, mit Büchsen bewaffnet und in Calico gekleidet, landauf landab ziehen?«

»Was für Stamm diese Inschen?« fragte der Fährtelose mit einer Raschheit und einem Feuer, wie ich es an einem so bejahrten Manne nicht für möglich gehalten hätte. »Warum sie herumziehen – auf Kriegspfad, he?«

»In einem gewissen Sinne ließe sich dieß wohl von ihnen behaupten. Sie gehören zu dem Stamm der Anti-Renter; wißt Ihr etwas von einer solchen Nation?«

»Arme Inschen, das, glaub' ich. Warum kommen so spät? – Warum nicht kommen als der Fuß von Susquesus leicht sein, wie Vogelfeder? – Warum bleiben so lang fort, bis Bleichgesichter weit mehr als Laub auf Bäumen oder Schnee in der Luft? Vor hundert Jahr, als diese Eiche noch klein sein, war solche Inschen gut; jetzt aber er taug' für nix.«

»Aber Ihr werdet unser Geheimniß bewahren, Sus – werdet nicht einmal dem Neger sagen, wer wir sind?«

Der Indianer nickte in einfacher Zustimmung mit dem Kopf, und schien sodann wieder in eine Art thunlosen Brütens zu versinken, als sei er nicht geneigt, den Gegenstand weiter zu verfolgen. Ich verließ ihn, um mich meinem Onkel anzuschließen und diesem mitzutheilen, was mir eben zugestoßen war. Mr. Roger Littlepage gerieth in das gleiche Erstaunen wie ich selbst, als er hörte, daß ein so alter Mann eine Verkleidung durchblickt hatte, welche sogar unsern nächsten Verwandten undurchdringlich gewesen war. Die feine Beobachtungsgabe und der ruhige Scharfblick dieses Indianers war übrigens von jeher ein Gegenstand der Bewunderung gewesen, und da seine Treue schon so viele Proben bestanden hatte, so belehrte uns ein kurzes Nachdenken, daß wir von seiner Seite keinesfalls einen Verrath besorgen durften.


 

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