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Ratsmädelgeschichten

Helene Böhlau: Ratsmädelgeschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Böhlau
titleRatsmädelgeschichten
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
addressMinden i. W.
printrunSechste Auflage
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20100313
modified201505213
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Letzte Geschichte.

Das Gomelchen.

Es sind viele, viele Jahre vergangen; unsere Ratsmädel sind alte Mütterchen. Ihre lustigen Spießgesellen sind alle dahin!

Beide Schwestern sind miteinander alt geworden, beide sind glücklich verheiratet gewesen, beide hatten Kinder und Enkel; Marie aber ist nun auch schon heimgegangen, nur Röse erlebt es, daß ihr die Urenkel in die sonnige Stube kommen und sich bei ihr erlustigen.

Ich habe schon, da Röse und Marie noch als lebensfrohe Dinger in Weimar ihr Wesen trieben, in diese Zeiten vorausgeschaut an dem Abend, als der junge Arthur Schopenhauer mitten in ihre Jugendpracht hinein sagte: »Hört einmal, Ihr Haareulen, denkt an das alte Weib; glaubt nicht, daß es so fortgeht; werdet gütig und mitleidig; schwätzt nicht; seid fleißig und sparsam, damit es später nicht allzu übel um Euch stehe.«

Ich habe auch erzählt, daß Röse vollkommen damit einverstanden war und das Benehmen des jungen, düsteren, närrischen Philosophen nicht gerade abgeschmackt fand. »Abgeschmackt« war ein Lieblingsausdruck der Ratsmädel, mit dem sie sonst recht freigebig waren. Ist nun Schopenhauer, der viel Geschmähte, viel Verehrte und Mißverstandene, daran schuld, daß zwei so freundliche, kluge Altchen auf Erden lebten, so soll er gelobt sein – hat dies die Natur ohne sein Zureden auch zu stande gebracht, so soll sie ebenso gelobt sein; denn sie that etwas, wofür man ihr Dank schuldig ist. Sie hat gezeigt, daß dem Alter der Stachel genommen werden kann. Sie hat gezeigt, daß es so übel mit dem Altwerden nicht ist; daß das Alter anmutig sein kann; daß es Freunde, Heiterkeit und Lebensfreude einbringt, wie man es sonst nur der lieben, grünen Jugend zutraut. Der Name »Gomelchen« ist der alten Frau, die früher das Ratsmädel war, wie eine weiche Federflocke angeflogen und an ihr haften geblieben. Aus Großmama wurde Gomama, aus Gomama Gomo – Gomelchen. Von den Lippen ihres ältesten Enkelkindes hat sie ihn zuerst gehört, und es war beinahe das erste Wörtchen, das dies Enkelkind sprechen konnte, war Name und Schmeichelname zugleich. Und so ist er geblieben, dieser Name – ein Leben lang immer in Liebe, immer in Zärtlichkeit ausgesprochen.

Ich bleibe bei dem Namen und meine, es sei genug, zu sagen und immer wieder zu sagen, daß sie Gomelchen heißt – und vergesse ganz, daß dieser Name für andere gar keinen Klang hat und das nicht sagt, was er mir sagt.

Mir selbst ist es, wenn ich ihn mir vorspreche, als glitte eine weiche Welle über mein Herz hin, als würde es behaglicher, wärmer im Zimmer; einen zarten Duft von Thee und schöner Sahne und Reseda und Hyacinthen meine ich zu spüren, einen Duft, der die Seele mit Wehmut und Erinnerung erfüllt. Es legt sich mir eine leichte, wohlthuende Hand auf die Stirn, ihre Hand. Die Fremde ist mir nicht mehr so fremd; Thränen treten mir in die Augen, und mein ganzes Herz will sich in Sehnsucht auflösen.

Wie lange ist es nun schon her, daß ich sie nicht sah, daß ich nicht mit ihr plauderte, wie lange! Und Gott mag es wissen, wann das Leben mich wieder zu ihr führt. Aber ich will von ihr erzählen, nicht von ihr träumen.

Ich will von ihr erzählen, darum, weil ich von den lustigen Jugendstreichen, den sonnigen Kindertagen berichtete, und weil es nichts schöneres, Erfreulicheres, Hoffnungssichereres giebt, als zu sehen, wie das Schicksal es freundlich zuläßt, daß einer glückseligen Jugend ein kräftiges, gutes Dasein und ein lebensfreudiges Alter folgen kann.

Es wäre doch wirklich schade, wenn einer oder der andere annehmen könnte, daß aus meinen beiden prächtigen Ratsmädeln ein paar verkümmerte oder geschwätzige oder sonst unliebenswürdige, alte Weiber geworden wären – oder wenn es schöner klingt: »alte Damen«. Denn wie selten stehen Jugend und Alter im Einklang. Wie oft könnte man sich entsetzen, würde man das Zukunftsbild eines hübschen Mädchens voraussehen!

Um gut und würdig und schön zu altern, muß man schon etwas an sich haben, was man genial nennt. Ich weiß, was ich damit sagen will. Man muß ein großes Teil Liebe und Güte besitzen, ein so großes Teil, daß, wenn es vermessen werden könnte, vernünftige Leute meinen müßten, es wäre ein sträflicher Aufwand vom lieben Herrgott, einen unbekannten, unberühmten Menschen, der auf der Gotteswelt nichts besonderes gethan hat, so üppig auszurüsten, und gar ein Weib – das wäre genug, um einen Fürsten auszustaffieren, der etwas Ordentliches, Nützliches damit hätte stiften können, Hospitäler, Besserungshäuser, Waisenhäuser, Vereine aller Art, Witwenkassen, Pensionen, Zuchthäuser, Nachtherbergen, Kaffee- und Theestuben und Armenküchen.

Um ein Menschenherz ganz mit Liebe zu beleben, daß es sein Lebtag alle Schicksalsschläge, alles, was das Dasein mit sich bringt, ohne Bitterkeit, Ungeduld und Härte über sich ergehen läßt, braucht es so viel an Liebe und Güte, daß Tausende sonst vortrefflicher Leute, die sich mit einem gebräuchlichen Anteil von Liebe begnügen, daran genug hätten.

Ein ganz guter, ganz liebevoller Mensch ist so selten wie ein großer Dichter oder Künstler, so selten wie ein großer Philosoph. Die Natur hat sich, wenn man die Legionen der Geschöpfe überschaut, die erwähnte Verschwendung nicht allzuoft zu Schulden kommen lassen, sonst würde die Welt ein anderes Ansehen haben. Ihr meint dennoch, daß es nicht in der Ordnung sei, wenn mit einer so großen Begabung an Liebe und Wohlwollen, die das so ausgezeichnete Geschöpf in die Reihe der Genies stellt, nicht weiter erreicht wird, als würdig, gut und freundlich zu altern. Das ist scheinbar sehr wenig und ist doch viel; traurig ist, daß die große Masse der Menschheit mit verkrüppelten, verhärteten Herzen Abschied von der Erde nimmt. Die Freundlichen, die Heiteren, die Gutes und Böses weichherzig ohne Sträuben aufnehmen, das sind die wahren Helden, nicht die, die dem Leben eckig und sparrig gegenüberstehen.

Nun kurz und gut. – Als unser Ratsmädel, die Röse, eine alte Frau geworden war, da wohnte sie und wohnt noch im Hause ihrer Tochter und hat da den oberen Stock inne. Ein Stübchen besonders, das ist so hell und freundlich, wie es wenige giebt. Durch ein großes Fenster scheint die Morgensonne herein und durch zwei Fenster die Mittagssonne. Blumen gedeihen da oben und Blatt- und Schlingpflanzen wie in einem Gewächshaus, und jahraus jahrein funkelt es hell auf glänzenden Blüten und Knospen. In diesem warmen, sonnigen Nest sitzt unser Ratsmädel, das Gomelchen, seit das Alter über sie gekommen ist, und wenn man sie sitzen sieht, ist nichts als Heiterkeit und Behagen zu spüren. Und was eigentlich heißt alt sein, sehr alt sein? Es heißt in tausend und Millionen Fällen wohl nur: müde und mürbe gerüttelt sein vom Leben, abgestumpft von den tausendfachen Schmerzen, gewöhnt an die Eingriffe des Todes, gewöhnt an alles und jedes. Die Schauspiele, die hier auf Erden dargestellt werden, sind für die Alten gar zu oft gegeben worden; die jammervollsten rühren nicht mehr, die heiteren erfreuen nicht mehr, die komischen machen nicht mehr lachen. Und die Alten denken wohl alle wie jener, der kurz vor seinem Tode sagte: »Es wäre nun Zeit, daß die Welt unterginge!« Sehr alt sein heißt, ganz vereinsamt sein, ganz in der Fremde leben. Alle guten Freunde, die von uns wußten, wie schön, wie jung, wie lebensvoll wir waren, die von uns wußten, wie wir litten und was uns Gutes geschah, sind abgefallen, ins Grab gesunken. Es ist niemand mehr da, der uns wirklich kennt; was haben die jungen, leichtsinnigen Geschlechter mit uns zu thun? – Sie meinen, die vor ihnen waren, die gälten nichts, die bedeuteten soviel wie Schatten und Träume. Ach, sie sehen ja nichts, was war, was gewesen! – Das sieht der Alte ganz allein – ganz allein, wie einer einen Geist erblickt, den die übrigen nicht gewahr werden.

Der Alte ist vereinsamt und bleibt vereinsamt; in seinem Herzen sitzt Sehnsucht und Wehmut, was lohnt es sich, zu reden, denkt er; es versteht Dich doch keiner, es ist jeder mit sich und seiner Zeit vollauf beschäftigt. Nur im Traume sieht der Alte seine Zeitgenossen, – lauter Verstorbene. Es ist ein schwerer Stand, das hohe Alter.

Körperliches Leiden und körperlicher Verfall, Stumpfsinn und Bitterkeit bedrücken die Lebenskräfte; Verschlossenheit und Übellaunigkeit bringt es ein, und die Kluft, die den Alten von den neuen Geschlechtern trennt, wird immer weiter und weiter.

Von alledem aber, was hier steht und was ganz natürlich und unvermeidlich zu sein scheint, wie das Alter selbst und der Tod, ist bei dem Gomelchen, wie ich schon sagte, nichts zu finden.

Sie hat es nicht einmal zu dem gebracht, was man »Würde« nennen möchte, die zusammengesetzt ist aus etwas vornehmer Steifheit, Unnahbarkeit, aus dem Unvermögen, sich lebendig zu rühren, aus dem Bewußtsein der eigenen Vortrefflichkeit, der reich gesammelten Erfahrung; nicht einmal zu der Würde hat sie es gebracht, die wie eine weich gepolsterte, schwerfällige Kutsche für die alten Leute bereit steht, in der sie sich bequem niederlassen und umherfahren können, und auf der zuvorderst ein kleiner Postillon sitzt und in sein Hörnchen bläst: »Vor dem grauen Haupte sollst Du aufstehen und das Alter ehren.« Nicht einmal dazu hat sie es gebracht. Wenn im Haus etwas fehlt, ist sie die erste, die bereit ist, es zu schaffen.

»Laßt das nur, laßt das nur, das besorge ich; ich springe hinüber und bringe es in Ordnung!« Dabei schaut sie nicht nach Wind und Wetter aus, langt nach ihrem Schlüsselbund, der unzertrennlich von ihr ist und mit dem sie wie mit einem Glockenspiel zu klingen versteht, – ehe man ihr Kommen merkt, hört man ihr Glöckchen schon – hat sie den Schlüsselbund, so schlägt sie ein Tuch um die Schulter, nicht etwa einen schönen Pelzsammetmantel, wie es eigentlich einer Frau Geheimrätin ziemte, den läßt sie hängen, wo er hängt – und macht so im Mützchen und Umschlagetuch ihre Verhandlung bei irgend einem Herrn Nachbar.

Sie ist eben immer noch das Ratsmädel; so wenig es der jungen, lustigen Röse in den Kopf gekommen wäre, eine Sammetmantille umzuhängen, um zu Madame Ortelli, die Bürgermeisters schräg gegenüber wohnte, zu laufen, so wenig fällt dies auch dem Gomelchen ein. Bis in die Fingerspitzen pulsierte Leben in ihr; wie sie ein Kommodenfach zuschiebt, wie sie näht und häkelt, wie sie die Hand giebt und einem über Wangen und Stirn streicht und wie sie die Treppen hinabläuft, das ist alles so lebendig, so leicht, so beweglich. Niemand auf Erden, glaube ich, versteht es, so zu bewillkommnen, wie sie.

Wenn wir Kinder verreist waren und zurückkamen, und der Wagen unten vor der Thür hielt, da schaute von oben aus dem zweiten Stock ihr Kopf heraus, mit einem Spitzenhäubchen umgeben und bräunlich blonden, aufgesteckten Locken an den Seiten. Im Nu war der Kopf verschwunden, und ehe wir aus dem Wagen gestiegen und zur Hausthür eingetreten waren, da stand das Gomelchen schon auf dem untersten Treppenabsatz mit ausgebreiteten Armen, als wenn sie zwei Flügel hätte und damit flatterte – so blieb sie stehen, und solche liebevoll glückselige Küsse und zärtliches Streicheln haben wenige Menschen im Leben gespürt, wie die, die dann auf dem Treppenabsatz bewillkommt wurden.

Wenn ich daran denke, daß ich wieder so von ihr empfangen werden könnte, so wird es mir, als freute ich mich auf einen ganz bestimmten, wunderschönen Frühlingstag. Soviel ich weiß, habe ich sie nie mißlaunig, nie unbereit zu helfen gesehen und immer fleißig und beschäftigt. Ich weiß auch nicht, daß sie je müde und angegriffen sich gezeigt hätte. Krank war sie manches Mal, schwer krank; aber kaum, daß die Krankheit gehoben, so kam sie auch wieder zu voller Lebensfreudigkeit und Anspruchslosigkeit.

Das Gomelchen ist die Jüngste im Haus, so heißt es immer. Sie ist es, die alle Augenblicke etwas vor hat. Bald geht sie ins Theater und thut es beinahe so begeistert und eifrig wie zu ihrer Ratsmädelzeit. Einschleichen freilich, das geht nicht mehr; dafür ist sie jetzt abonniert, vergißt aber regelmäßig, ihr Billet mitzunehmen, jedenfalls in Erinnerung an jene Zeiten, wo sie die Herrlichkeiten auch ohne Billet zu genießen verstand. – Ist es das Theater nicht, so geht sie zu guten Freunden oder sieht gute Freunde bei sich, oder fährt ein wenig über Land, um ihren Kaffee auswärts zu trinken. Gar oft spaziert sie so ganz allein und bringt dann immer etwas mit heim, einen Büschel schönes Gras, einen Strauß Feldblumen oder einen herbstlich bunten Zweig. Wie manchmal hat sie einer Enkelin solch einen selbstgepflückten Blumenschmuck in das Zimmer gestellt!

Wenn man hört, ein altes Mütterchen macht einen Gang in die Felder hinaus, spürt dort allerlei schönen Dingen nach und kommt mit Mohn und Kornblumen ganz beladen nach Hause, so scheint das absonderlich und erstaunlich zu sein. Bei dem Gomelchen aber ist dies ganz natürlich, es fällt niemandem auf, es wundert sich niemand darüber. Wenn sie einen mit ihren frischen, freundlichen Augen anschaut, vergißt man, daß sie eine alte Frau ist, daß sie alles Leiden, das auf der Menschheit liegt, wie andere alte Leute auch, durchkostet hat, daß sie alle teuren Zeitgenossen verloren und jetzt vereinsamt mit ihren Erinnerungen dasteht.

Und das Geheimnis, weshalb sie nicht gealtert ist wie die meisten Sterblichen, mag wohl sein, daß sie von jeher weit über ihr eigenes Interesse hinaus Herz für Menschen und Dinge hatte.

Der Freund, der am treuesten mit ihr im Leben ausgehalten, der sie erst vor kurzer Zeit verlassen hat, war ihr guter, alter Budang, ihr allererster Freund. Er, dem die Jungfer Concordia die beiden wilden Kreaturen anempfohlen, hat seine Ratsmädel nie aus den Augen verloren.

Uns Kindern war es immer ein wahres Fest, wenn der alte Herr Medizinalrat, den sie früher auf Weimars Gassen »Budang« nannten, zu der Gomel heraufkam. »Das weiß der liebe Gott,« sagte das Gomelchen, als ich, wie oft, bei ihr saß, und die Thür sich sachte aufthat, und ein weißlockiger Kopf hereinschaute, ein prächtiger Kopf mit lebendigen Augen, die Locken wie aus Silber und wie Wölkchen aufgeplustert; »das weiß der liebe Gott, gerade so, wie er mit seinem blonden Ruschelkopf in der Wünschengasse bei uns hereinschaute, ob die Luft auch rein und der Vater fort sei, so schaut der Alte auch jetzt durch den Thürspalt. Da red' mir einer davon, daß die Menschen sich ändern!«

Der Alte aber blieb mit dem Kopf zwischen der Thüre stecken und deklamierte eine Stelle aus Shakespeare, die mit der augenblicklichen Situation in keinerlei Verbindung stand, den Monolog des Hamlet. Er sprach ihn englisch und das mit solcher Weihe und Hingebung, daß es einem wunderlich zu Mute wurde. Während er noch mitten darin war, trat er ein und ging dabei im Zimmer auf und nieder, der feste, kleine, zierliche Mann, der so sauber und frisch aussah wie aus dem Ei geschält. Er sah und hörte nicht, bis er seinen Monolog zu Ende gebracht hatte.

Darauf blieb er vor dem Gomelchen stehen und sagte: »Das ist groß! Das ist göttlich! – Siehst Du, Röse, weshalb bist Du so träg' gewesen und hast nichts gelernt. Nun hast Du nichts davon verstanden. Meine Schuld ist es nicht; aber was für ein Leben hättest Du führen können, wär' etwas mehr in Deinen Kopf hineingegangen. Hier« – damit wies er auf mich, »die Kinder lernen doch hoffentlich, was Du nicht zu stande hast bringen können?«

Das Gomelchen strich der Enkelin zärtlich über den Kopf, sah ihren strengen Freund befangen lächelnd an und sagte: »Soviel ich weiß, sollen sie es auch nicht besonders weit gebracht haben. Die hier hat ihre Schularbeiten meistens bei mir gemacht und hat erschrecklich dabei gestöhnt.«

»Bei Dir?« fragte der Medizinalrat frappiert, setzte sich nieder, stemmte beide kleinen Hände auf die Kniee: »Da mögt Ihr etwas Schönes miteinander zu stande gebracht haben! ... Röse, die Kinder hier im Haus hast Du trotz der Erzieherin auf dem Gewissen,« sagte er. »Ich habe es mir immer gedacht, daß es bei den Enkeln wieder durchbrechen müßte. Ich würde Dich geheiratet haben, aber ich hatte Respekt vor Euch!«

»Geh, schwätz nicht!« sagte das Gomelchen lächelnd, »wir hätten Dich gar nicht genommen.«

»Übrigens,« fuhr der Medizinalrat fort, »ich komme eigentlich heute, um Dir etwas zu sagen: Gestern bist Du vor mir hergegangen und hast Dich erschrecklich krumm gehalten, hast einen ordentlichen Buckel gemacht. Thu das nicht. Ich denke noch, wer ist denn die Alte da? Wo bist Du denn gewesen? Was hast Du denn gedacht? So nachlässige Haltung macht frühzeitig alt; ich habe es von jeher nicht leiden können, wenn Du Dich schlecht hieltest. Kummer braucht unsereins nicht mehr niederzudrücken, Gott Lob,« sagte er heiter. »Wir wissen aus Erfahrung, daß auf die ganze Geschichte hier kein Verlaß ist; es kommt und geht und kommt und geht ohne Ende, und damit basta! Wer das oft mit angesehen, wie wir, den läßt es ruhig.«

»Bleib mir vom Hals, Du alter Philosoph, das ist ja Dein Ernst nicht – Du machst doch sonst keine Redensarten. So lang' man ein Herz im Leibe hat, so lang' bleibt alles neu, als geschähe es zum ersten Male, das ist meine Meinung,« sagte das Gomelchen freundlich und behaglich. »Mir war es damals zu unserer jungen Zeit wohl und ich finde mich auch in der neuen Zeit zurecht. Eins ist schade jetzt für die Jungen; die Leute, dächt ich, machten mehr Wesens aus allen Dingen als früher, das junge Volk thut mir leid; oder kommt mir's nur so vor, daß sie es so nicht mehr haben, wie wir es hatten? Herr, mein Gott, wenn ich an unsere lustigen Tage denke, wie wir Dich in Mädchenkleider gesteckt haben, wie wir miteinander Schlitten gefahren sind; wie kein Tag verging, an dem wir nicht etwas ausheckten – und sag doch selbst, ist da irgend etwas geschehen, an das wir nicht mit aller Ruhe und Freude zurückdenken könnten? – Doch gewiß nicht! Und wenn ich mir vorstelle, einen einzigen unserer Streiche, die wir miteinander verübten, ließe sich hier ein Mädel aus der höheren Töchterschule zu Schulden kommen, ich glaube, die alten Jungfern, die ihnen die Weisheit einfüllen und ihre Wege überwachen, schickten auf den Stadtkirchturm, um Sturm läuten zu lassen; der Direktor beriefe ein Ehrengericht, und das Mädel würde gebrandmarkt fürs Leben; warum? Weil sie rittlings auf der Käsehütsche den Bibliotheksberg heruntergerutscht ist. Siehst Du, Budang, ich habe ein warmes Herz für alle Welt; aber es giebt keine irdische Strafe, die ich einem Lehrer nicht gönnte. Und sie sind schlimmer geworden seit unserer Zeit. Wohin es noch kommen wird, ich weiß es nicht! Die Kinder heute werden vor lauter Weisheit und Furcht dumm und blöde.«

»Da hast Du recht, Röse,« sagte der Medizinalrat. »Seitdem die Welt steht, hat sich eine tüchtige Portion von Bosheit und Dummheit abgelagert. Es giebt schreckliche Dinge in der Geschichte, Christenverfolgungen, Judenverfolgungen, Hexenprozesse, Autodafés; aber schlimmer war das nicht, als was die Leute heutzutage mit Erziehung und Bildung bei Mann und Weib anrichten.«

»Du bist ein lieber, guter Mensch!« rief das Gomelchen ganz bewegt und klopfte dem alten Freund auf die Schulter. »Siehst Du, das ist mir aus der Seele gesprochen. Herr Gott, kommt denn nicht einmal ein vernünftiger Mensch, der dem Unwesen ein Ende macht!«

»Nun,« sagte der Medizinalrat, »vielleicht einmal aus Deiner Verwandtschaft und Nachkommenschaft, wer kann's wissen.«

»Na, mir sollte das recht sein, wenn ordentlich aufgeräumt würde. Das ist's ja, die Leute jetzt wissen es gar nicht, wie schlecht es um sie steht; denn wer kann vergleichen? Hier sitzen so ein paar Alte, die es noch können. Und sag einmal selbst, was sind denn das für vertrocknete Ehrenmännchen und junge alte Jüngferchen jetzt? Jeder unschuldige Backfisch hat die ernstesten Ideen über seine Versorgung und arbeitet auf seinen Lebensabend hin – weißt Du, Budang, das gefällt mir nicht, das dauert mich.« Frau Gomelchens Stimme wurde ganz bewegt.

»Laß das, Röse,« sagte der Medizinalrat. »Du sollst nicht immer gleich oben hinaus und nirgends an sein. Was meinst Du denn, wenn die Kinder alle freigelassen und, wie Du es Dir früher auszumalen liebtest, alle Lehrer gehangen oder verbannt würden, so versichere ich Dich, solche Schwesterpärchen, wie Ihr wart, würden doch nicht zu Dutzenden umherlaufen. Ja, ja,« sagte er und schaute die Enkelin mit seinen lebendigen Augen an: »Euer Gomelchen ist eine große Rarität – Gott behüt' sie.«

Oft lang unterhielten sich die beiden von verflossenen Zeiten, lachten über Personen, die einst ihr Wesen in Weimar getrieben, nun aber längst zu Staub zerfallen waren. Was für sonderbare, liebenswerte, närrische und vortreffliche Leute tauchten da aus der Vergessenheit auf und kamen auf ein paar Augenblicke wieder zu einem Schimmer von Leben und Wirkung.

Die Zuhörerin, welche die guten Freunde oft bei ihren Unterhaltungen und Erzählungen hatten, war immer ganz Teilnahme. Es schien ihr dann, als sehne sich das Gomelchen nach der Vergangenheit. Das rührte und ergriff sie so tief, daß sie nicht wußte, was sie der Guten Liebes anthun sollte.

Einmal, nach einem Abend, als sie den Erinnerungen der beiden treuen Kameraden gefolgt war, hatte sie einen wunderlichen, aber hübschen Traum. Sie sah das Gomelchen in einem ihr wohlbekannten Zimmer. Die Thüre, die in den Garten führte, stand mit beiden Flügeln weit offen. Sommerluft, Sonne und ein weicher Reseda- und Levkoyenduft drangen ein. Da mit einem Male kam ein wunderschönes, blondes Mädchen vom Garten in das Zimmer gesprungen, ein Mädchen, ganz von Sommerluft und Sonne durchwärmt, belebt und rosig übergossen. Das war das Ratsmädel, die Röse, das Gomelchen, als es noch jung war! Und das schöne, glückliche Mädchen lief auf die alte Frau zu, schloß sie in die Arme, drückte sie an sich, dem ungestümen Geschöpf glitt der breiträndrige Hut vom Kopfe. Das Gomelchen aber machte sich die Arme frei, hielt das Mädchen von sich ab, nickte lächelnd mit dem Kopf, ganz in Nachdenken versunken, schaute sie von oben bis unten an und rief mit einer ganz unbeschreiblich zaubervollen Stimme, in der alle Wehmut eines lebensfreudigen, sehnsüchtigen Herzens zitterte: »Ach, was waren das doch für herrliche Zeiten!«

 

An einem Frühlingstage verlor das Gomelchen ihren alten, treuen Freund. Sie empfing die Nachricht mit aller Ruhe. Seit Wochen schon hatte sie seinen Töchtern bei der Pflege mit beigestanden und hatte gewußt, daß es mit ihm zu Ende gehen mußte. Die Töchter erzählten, daß die alte Frau oft stundenlang bis in die Nacht hinein am Bette des sterbenden Freundes gesessen, daß sie lange, lange die Hand des Kranken in der ihrigen gehalten, und daß auf beiden Gesichtern dann eine wunderschöne Ruhe gelegen habe.

Noch bis zum letzten Tage, wenn es irgend anging, haben sie sich wohlgelaunt unterhalten, verständnisvoll und wehmütig, wie es nur zwei so gute, alte Freunde miteinander thun können.

Als er gestorben war, hat sie bis zu seinem Begräbnis sein Haus nicht verlassen, hat seine Töchter getröstet und aufrecht erhalten, hat überall nach dem Rechten gesehen und ist des Tags wieder und wieder in das stille Zimmer getreten, in dem ihr treuer Freund lag, hat sich ihn immer wieder angeschaut, und ihr Herz mag wohl einen ergreifenden Abschied genommen haben.

Nach dem Begräbnis holte eine Enkelin sie aus dem Hause ihres guten Freundes Budang ab.

Frau Gomel nahm von den Töchtern Abschied. Die wollten sie gar nicht gehen lassen und waren ganz aufgelöst in Schmerz um ihren alten Vater, der der Mittelpunkt ihres Lebens gewesen. Sie hätten die, die es so gut mit ihnen meinte, gar zu gern bei sich behalten. »Ihr müßt nicht so außer Euch sein,« sagte das Gomelchen. »Gönnt ihm seine Ruhe, wie Ihr ihm sein Leben gönntet – das eine wie das andere muß sein. Schaut Euch die Welt mit seinen Augen an, dann habt Ihr ihn in Euch. – Vergeßt auch nicht, heute Abend hinunter in den Park zu gehen. Jetzt schlagen die Amseln, da hat er es nie versämt, hinzugehen, so lange er gesund war. Geht nur – das wird Euch wohl thun. Zu unserer Zeit sind wir gar oft zum Amselschlag miteinander gegangen. Thut's nur heut' Abend und nehmt Euch hübsch zusammen. Ihr habt es ja immer gut mit ihm gemacht und könnt Euch zurückrufen, wie dankbar er war bis zum letzten Augenblick. Das ist ein Trost, den haben wenig Menschen. Den meisten mögen die bitteren Stunden, die sie einem Heimgegangenen zugefügt, mitten in den ersten Schmerz hinein in die Erinnerung kommen. Bei Euch braucht das nicht zu sein, Gott Lob. Lebt wohl, Ihr guten Mädchen,« sagte das Gomelchen und schloß eine jede in die Arme. »Lebt wohl und seid recht gelassen, so wie er es gern sehen würde. Die Blätter fallen nun einmal im Herbste.«

Und immer wieder nahm das Gomelchen Abschied von den Töchtern ihres alten Freundes. Es war, als wenn sie versuchte, ob nicht das rechte Trostwort sich vielleicht doch einstellen würde. Auf dem Heimwege war sie ganz schweigsam. Als sie aber ihre Treppe langsam und matt hinaufstieg, sagte sie: »Siehst Du, nun ist alles abgethan. Nun lebt von meinen Guten keiner mehr; mit dem letzten, der sie kannte und liebte, sind sie mir alle noch einmal gestorben.« Enkelin und Großmutter gingen miteinander in das sonnige Stübchen. Da legte sie sich nieder und schaute mit einem so geduldigen, freundlichen Ausdruck vor sich hin, der tief ergriff. »Die alte, alte Sonne, die scheint unentwegt,« sagte sie und schaute auf das Lichtgefunkel, das auf den Blättern und Blüten und auf dem Teppich in Flecken und Ringen spielte. Kein Laut war im Zimmer zu hören. So blieben sie beide schweigsam.

»Hör einmal,« sagte Frau Gomelchen freundlich, »zieh doch das oberste Kommodenfach auf und gieb mir einmal das Packet, das rechts liegt, heraus.«

Die Enkelin that so.

Gomelchen nahm es, öffnete es, da lagen zarte, gelbliche Spitzen in der Papierhülle. »Die hab ich Dir dieser Tage gekauft, Du hast ja so etwas gern,« sagte sie liebevoll und faßte die Hand der Enkelin und sah sie an, so wehmütig, beinahe wie hilfesuchend.

Da schlang diese die Arme um sie, und das Gomelchen fragte freundlich: »Wenn Du irgend etwas für mich zu thun hast, das gieb nur her und sag mir nur alles, was Du vorhast und was Du denkst. Das ist mir die allergrößte Freude.«

»Ach, mein Gomelchen!« flüsterte ihre gute Kameradin unter Thränen und hatte ganz die rührende, freundliche Seele verstanden.

»Und Ihr seid, der Budang und Du, immer gute Freunde gewesen, von damals an, als er Euch bei der Eselsgeschichte erwischte, immer gute Freunde und nie getrennt?« fragte die Enkelin zaghaft nach einer Weile.

»Immer gute Freunde und nie getrennt, heut' zum ersten Male getrennt,« wiederholte das Gomelchen. »Als Student war er ein paar Jahr auswärts; einen Katzensprung weit, in Jena; aber da kam er alle Nasen lang. Es hat ihn nie in die Fremde gezogen. Ich reise erst nach meinem Tode, sagte er immer, wenn das Gepäck leichter ist – und ich glaube,« fügte Frau Gomelchen lächelnd hinzu, »er reist jetzt – denn er hat stets durchgesetzt, was er wollte. Es war ein närrischer Kerl, ein ganz närrischer Kerl.« Versunken in Erinnerung schaute sie vor sich hin. »Ein guter Jugendfreund, der einem durchs ganze Leben treu war, ist das beste, was es giebt. Da bleibt das Dasein uns immer heimisch; der weiß alles, kannte alles, hat alles mit erlebt; Du kannst Dir gar nicht denken, was für ein Trost es alten Leuten ist, wenn sie einen guten Freund fragen können: Weißt Du denn auch noch, wie damals der und der und die und die aussah – und was sie sagten und was sie thaten, und weißt Du denn auch noch, als die Häuser an der Ackerwand noch nicht standen, und unten der ganze Park Feld und Gestrüpp war, und wie sie in der Esplanade unter den alten Bäumen die Wäsche trockneten, und wo jetzt, auch in der Esplanade, der Goldschmied wohnt, als da noch der uralte Turm stand, in dem der Hufschmied steckte? Und erinnerst Du Dich noch an Mamsell Muskulusen, ihren Veilchenhut und an das großgeblümte Kleid der Kummerfelden und an Adele Schopenhauers Gesicht, wenn der Geist über sie kam, und an den Brunnenkopf, den alten Löwen, der ihr so ähnelte? Gott gebe Dir,« sagte das Gomelchen, »daß Du einen guten Freund, ein gutes Herz Dein lebelang Dir nahe hast, dann ist das Altwerden so schlimm nicht.«

»Habt Ihr Euch denn nie miteinander verzürnt und habt nie Streit miteinander gehabt?« fragte die Enkelin.

»Daß ich nicht wüßte,« erwiderte das Gomelchen treuherzig. »Von dem Tage bei der Jungfer Concordia an, wo wir ihn zuerst länger sprachen, haben wir ihn, Marie und ich, immer ästimiert und voller Respekt behandelt. Zu Streit und Ärger hätte es nie mit ihm kommen können. Das ging alles so ruhig hin, man wußte nicht wie.«

»Und hat er denn nicht einmal zu einer von den Ratsmädchen eine wirkliche Liebe gefaßt?« fragte die Enkelin.

»I, gar!« antwortete das Gomelchen, genau in dem Ton, als sagte dies die junge Röse. »Er ist immer unser guter Freund geblieben; als wir uns verlobten, war er zwar nicht sehr erbaut davon, aber nur aus dem Grunde nicht, weil er uns noch für erschrecklich dumm hielt und weil er meinte, wir hätten noch mit dem »Unsinn« warten können. Mein Mann und er sind dann ganz gute Freunde geworden, so daß der Budang oft sagte: Siehst Du, Röse, nun bin ich doch für die viele Mühe, die ich mir mit Euch gab, belohnt worden. Er wäre für meinen Mann ins Feuer gegangen!«

Da leuchteten Gomelchens Augen von Liebe und Stolz auf.

»Und hat denn der Budang nie eine Dummheit gemacht, ist denn sonst nie etwas zwischen Euch gekommen?«

»Das mag schon sein – ich werde mich schon manchmal über ihn geärgert haben; aber das vergißt sich, und ich habe immer über die Freundschaft meine eigenen Gedanken gehabt und die will ich Dir sagen, die kannst Du Dir merken. Siehst Du, man muß gegen einen Freund zu allererst wohlwollend sein, wohlwollend in jeder Hinsicht – Ärger darf gar nicht Platz greifen. – Wenn Du Dir vorstellst, jemand, den Du lieb hast, habe irgend eine Angewohnheit, die Dir nicht recht ist, und stellst Dir vor, daß er auf lange Zeit totkrank wird, Du fürchtest ihn zu verlieren, – da aber mit einem Male ist die Gefahr vorüber – er wird gesund, und Du hörst ihn zum ersten Male wieder so recht nach Herzenslust schnaufen, oder was er gerade für eine Art, die Leute zu ärgern, an sich hat – Du aber fühlst nur: Gott sei Dank, er schnauft wieder! und da hast Du auch keine Spur von Ärger darüber. So muß es sein. Du mußt, wenn Du jemanden liebst, immer im vollen Bewußtsein Deiner Liebe und der Sorge, ihn zu verlieren, leben, dann lässest Du nichts in Dir aufkommen, was Ärger und Unwille und Ungerechtigkeit ist.«

»Ach, Du liebes Gomelchen, wer ist noch so gut wie Du!« rief die Enkelin und küßte ihr die Hände. »Das ist wahr, in Deiner Liebe zu den Menschen ist auch nicht ein Fünkchen Ärger mit hineingemischt; da ist wohl kein Schlingel schlimm genug, der nicht bei Dir Trost fände, wenn er zu Dir käme. Ich habe oft gedacht: Bei Dir giebt es Gute und Böse gar nicht, sondern nur Leute, mit denen man freundlich und hilfreich sein muß. Bist Du denn immer so gewesen, auch früher so gut?«

»Hör einmal, Du,« sagte das Gomelchen, »Du bist eine rechte Schmeichelkatze, was hast Du denn mit Deiner Alten? Von der ist überhaupt nicht zu reden. Was machst Du denn für ein Aufhebens! Wenn ein altes Weib nicht so lieben dürfte, wie es die Leute lieben will, wer möchte da ein altes Weib sein! ich gewiß nicht!« sagte das Gomelchen. »Wir Alten, Gott Lob, können lieben, wie wir wollen. Wir suchen auf Erden nichts mehr, glaub mir, keine Wichtigkeit mehr, auch keine Gerechtigkeit, nichts – gar nichts. Glaubst Du, der liebe Herrgott oben weiß etwas von Gerechtigkeit, von Härte, von Liebe, von Lieblosigkeit, von Würde oder von Vortrefflichkeit? Bei ihm da oben hört das dumme Zeug auf, der ganze Wirrwarr, alles Gezerre, aller Streit. Da ist ewige Ruhe und Stille. Und die Seele kommt zu ihm ganz unschuldig, wie der Wind und der Blitz. Nicht wahr, der Blitz ist doch unschuldig, wenn er in einen Baum gefahren ist, und der Wind ist unschuldig, wenn er im Meere gewirtschaftet hat? Oder ist er ein böser Blitz oder ein ungerechter Blitz – oder irgend etwas dergleichen? Wenn alles, was menschlich ist, von der Seele zurückgelassen, ist auch alles, was man so oder so nennt, von ihr fortgenommen, alles, was böse oder gut ist. Siehst Du, und wir alten Leute haben schon das meiste zurückgelassen. Die Seele ist schon freier in uns – das ist's – und hin und wieder fühlt man's auch ganz klar, in glückseligen oder schmerzlichen Augenblicken. Ach, mein Herzenskind,« sagte das Gomelchen, »die ganze Welt steckt so voller Ungerechtigkeit, voller Zank und Streit, voller Wichtigthun und Widerstand, voller Verwirrung und Irrtum und Mißverständnis, daß ein armer Mensch bei seinem Freunde, zu dem er in Liebe und Vertrauen kommt, nichts finden soll als eine weiche Ruhe und Stille, wie die Seele sie bei ihrem Gott findet, bei dem das nicht ist, was wir gut und böse nennen – Frieden – Frieden. Nicht dasselbe Spiel, das überall getrieben wird, soll dem Armen auch bei dem Freund bereitet sein – auch nicht ein klein wenig davon. Mein Liebling, merke Dir das, denke nie, nimm Dir nie vor, daß Du Deinen guten Freund durch Deine Weisheit und Vortrefflichkeit bessern oder beeinflussen willst. Laß das den Lehrmeistern, den Gouvernanten, und wie all die ernsten Leute heißen; sei Du klüger. Das Leben macht seine Sache ganz ohne Dein Zuthun. Freunde sind nur da, um das, was das Leben anrichtet, vergessen zu lassen. Gott gebe Dir, daß Du verstehst, beglückend zu lieben.«

Da faßte das Gomelchen den Kopf der Enkelin mit beiden Händen und zog sie zu sich nieder; und in den Augen glänzten ihr helle Thränen: »Lieben, geliebt werden, mein Herz, ist das einzige Glück auf Erden. Meine selige Mutter wußte wohl, was sie meinte, als sie sagte: ›Liebt das Schöne mehr, als das Gute.‹ Sie konnte die würdigen Leute nicht leiden. »Alle vortrefflichen Leute wissen, daß sie vortrefflich sind, und sind deshalb hart und hochfahrend und bösartig, weil sie glauben, die ganze Welt strafen zu müssen,« sagte sie; »sei Du klüger. Meine Mutter hatte recht, anmutig die Thorheiten thun, die man nun einmal im Leben thun muß, ist besser, als daß man sie würdig und vortrefflich thut. Anmut läßt keine Herzensbosheit, keine Wut, kein Wichtigthun aufkommen. Gott behüte Dich, mein Kind ... Weißt Du,« sagte Frau Gomelchen, »Du könntest heute den Thee bei mir trinken, mir ist so vereinsamt zu Mute. Herr, mein Gott, ich weiß gar nicht, ob ich Dir es wünschen soll, alt zu werden. Das Abschiednehmen von den teuern Lieben, einer geht – und wieder einer geht – und wieder einer – und wieder einer – und der letzte geht – 's gar zu jämmerlich. Mir ist's grad', als wäre ich die Hausherrin, die Wirtin; alle meine lieben Gäste, die so heiter waren, empfehlen sich, und ich bleib allein im Haus, und die Lichter gehen aus – und es wird öde und Nacht – und still.«

»Mein Gomelchen,« rief die Enkelin bewegt. »Wir sind bei Dir! – Ich bin bei Dir, mit mir rede von alten Zeiten.«

»Ja freilich, mein Herz,« sagte das Gomelchen und lächelte unter Thränen, »ich bin ein recht undankbares, altes Weib; aber es ist doch so; es wird zu viel im Leben dem Herzen wieder abgefordert, gar zu viel. Gottlob, daß es Freuden und Freunde giebt, die sich unmerklich vergessen. Das Leben ist eigentlich für unbegabtere, gefühllosere Geschöpfe, als wir sind, berechnet, oder für göttliche Geschöpfe, die über allem stehen, über dem Dasein selbst, über Tod und Abschied, über jeder Not und Qual; für solche mag es ein gutes Leben sein; aber die arme Mittelsorte! für solche Leutchen wie du und ich, für die ist's schlimm, die haben mehr als die einen, und weniger, als die andern, und wissen sich nicht zu helfen, wenn's auch so ausschaut, als wüßten sie's. Nun geh nur, und laß es unten sagen, daß Du Deinen Thee bei mir trinken wirst, und komme auch gleich wieder.«

Und wie gerne kam die Enkelin! Eine Theestunde bei Gomelchen hat die Eigenschaft, Sorgen und Trauer weich mit Behagen zu überdecken. Zu dieser Stunde wagt sich kein Leid der Welt in das blumenduftende, hübsche Zimmer herein, in dem der Theekessel summt, und in dem das freundlichste Herz seine Gäste bewillkommnet, ein Herz, das jeden Schmerz, bis in das hohe Alter hinein, wie ein Kind ohne Bitterkeit überwinden kann, nicht düster, nicht verschlossen, ein Herz, das bis in das hohe Alter die Augen im selben Augenblick weinen und lächeln läßt.

Als die Enkelin wieder hereintrat, fand sie die liebe Frau gelassen, doch mit zitternder Hand damit beschäftigt, den Theetisch für sich und ihren Gast zu ordnen. Aus einer Büchse nahm sie Eingemachtes und füllte es in eine kleine Krystallschale, die sie der Enkelin vor ihren Platz stellte mit einer Miene, der man es ansah, wie gerne sie jemandem etwas zu gute that.

Die Enkelin schaute ihr zu, fiel ihr um den Hals und flüsterte: »Wollte Gott, es gäbe viele Ratsmädel und viele Gomelchen auf der Welt, dann würden die Leute, wenn sie jung wären, mehr lustige Streiche machen, und wenn sie alt geworden, da wäre es erst recht hübsch; da hätten sie solche wundervolle Blumenstübchen wie Du, und alle Welt liebte sie, und sie hätten so gemütliche Theetische, und jede Freude sähe bei ihnen doppelt wie Freude aus, und jeder Schmerz machte sie so unbeschreiblich rührend und liebenswert, wie er Dich macht, mein liebes, liebes Gomelchen« – und die Enkelin hielt sie noch immer umfaßt. In beider Augen schimmerten Thränen, und sie setzten sich miteinander ganz einverständlich und voller Liebe zu einander hinter die summende Theemaschine, das Gomelchen in ihren weichen, gemütlichen Lehnstuhl. Die Lampe leuchtete unter dem großen rosa Schirm, und die Enkelin sagte: »Ich verstehe Dich, mein Gomelchen, das einzige, was auf Erden das Herz ruhig und glücklich macht, ist: Gut miteinander zu sein.«

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