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Ratsmädelgeschichten

Helene Böhlau: Ratsmädelgeschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Böhlau
titleRatsmädelgeschichten
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
addressMinden i. W.
printrunSechste Auflage
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
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Sechste Geschichte

Wie Frau Rat über das Leben, über Erziehung und über die ersten Liebesbriefe ihrer Töchter dachte

Wie zwei Vögel in einem herrlichen Garten harmlos leben, in dem die wunderbarsten Seltenheiten grünen, blühen und Früchte tragen, so lebten die beiden jungen Mädchen, Röse und Marie, in Weimar, welche Wunder, welche Außerordentlichkeiten sich auch um sie her begaben, sie erachteten das überreich entfaltete Leben als nichts Erstaunenswertes, so wenig sie über ihre eigene Existenz erstaunten. Es war ganz in der Ordnung, daß gerade zu ihrer Zeit die Welt einmal gehörig in Gang kam. Sie hatten ihre Freude daran, daß es in Weimar so viel zu sehen und zu erfahren gab, daß im Theater alle Augenblicke etwas Neues, was man unter allen Umständen sehen mußte, zur Aufführung kam, daß Budang ihnen hin und wieder erklärte, sie lebten in einer Zeit, wie sie noch nicht auf Erden dagewesen sei, von der man in Jahrtausenden noch reden würde.

Das war den Ratsmädchen angenehm zu hören und trug das Seinige zu ihrem Selbstbewußtsein mit bei. Sie empfanden eine bewegte, schöne Atmosphäre um sich her und gediehen in ihr. Die verschiedensten Kreise der weimarischen Gesellschaft waren ihnen vertraut. Sie verkehrten, wie wir es wissen, im Salon der Madame Schopenhauer; ebenso gern aber steckten sie bei Kesselrings im Turm, bei Budangs Angehörigen, den Müllersleuten, und dann wiederum erschienen ihnen Apothekers als die Krone der Gesellschaft.

Die beiden thaten einen weiten Blick in das Leben schon in frühester Jugend und genossen das Gute, Lebensvolle, das sich ihnen in den verschiedensten Verhältnissen darbot, in vollen Zügen.

Durch diese kluge, freie Erziehung spürten sie im freundschaftlichen Zusammenleben mit Leuten in weit voneinander getrennten Lebensstellungen überall das Menschliche als die Hauptsache heraus; die Verhältnisse verdeckten es ihnen nicht, wie es bei denen, die in einem engen Gesichtskreis erzogen wurden, wohl meist der Fall ist.

Es war selten, daß unsere beiden, wenn sie nach Hause zurückkehrten, von einem Spaziergange, einer Besorgung in der Stadt, einer Gesellschaft oder vom Markte, sie nicht erfüllt von der Freundlichkeit der Menschen waren, und mochte ihnen etwas Gutes durch das Marktweib, oder den Handwerkermeister, oder durch Karl August, oder gar Geheimrat Goethe selbst angethan worden sein, sie schienen nur eine Art von Dankbarkeit und Wohlwollen in sich zu haben, eine einzige Art, die für alle herhalten mußte.

Frau Rat hatte darüber ihre Freude. Sie war es, die so zu fühlen ihren beiden kleinen Gerechten gewünscht, die sie darauf hingeleitet hatte, und war dankbar, als sie ihre Wünsche sich erfüllen sah.

Die wenigsten Menschen kennen das, was man Lebensgenuß nennt, und alle guten Christen eifern mit Zorn, Predigen und Strafen dagegen, preisen Pflichterfüllung, Aufopferung, Enthaltsamkeit, Überwindung als etwas Nützlicheres, Beglückenderes und Schöneres an; statt aber gegen den verpönten Lebensgenuß zu eifern und überzeugungstreu zu predigen, sollte man der Menschheit zurufen: Genießt den Tag, genießt jedes Wort der Liebe, jede Freundlichkeit, jede Wärme, verzeiht über jedes Maß, um friedlich zu leben, nicht, weil es lobenswert ist, seid gut, nicht, weil ihr deshalb als vortrefflich angesehen werdet – nein, nur um friedlich und erfreulich zu leben; helft auch deshalb nur einander, denn es ist schön, es ist göttlich, zu leben, nicht grübeln, was danach kommt. Dunkle Frage an ein unverbrüchliches Schweigen gerichtet! Lernt zu leben! Das Sterben wird uns gelehrt ohn' unser Dazuthun. Die Sünd' mit glänzenden Farben malen und das Dasein in seiner Trockenheit, Pflichterfüllung darstellen, nach hohen Zielen strebend, das ist ein vielbeliebter Kunstgriff, um Rekruten für die Tugend zu werben. Und man wirbt auch damit. Ob es oft glückt? Ich weiß es nicht. Die aber, welche kräftig wollen, bleiben von dergleichen gut gemeinten Lehren im innersten Herzen unberührt. Wir wachsen wie das Getreide auf dem Felde; ist uns der Boden günstig, wachsen wir gut, ist uns der Boden ungünstig, wachsen wir schlecht. Wohl denen daher, die in gutem Boden stecken.

Die größte Wohlthat, die die Natur unseren beiden schönen Kindern zugeteilt hatte, war die gesunde Freisinnigkeit ihrer Mutter. »Überwindet Widerwärtiges,« sagte sie ihnen, »nicht, weil es überwunden sein muß, sondern weil Ihr wißt, daß alles hier auf Erden wechselt und nichts Bestand hat, und es ist unklug und macht blind und einseitig, wenn wir uns von etwas ganz unterdrücken lassen. Die Ereignisse haben nicht das Recht dazu, dies zu thun, sie können es eigentlich gar nicht.« Und weiter: »Strebt danach, alles schön zu thun, das ist besser, als gut; denn wenn Ihr nur die Dinge gut verrichten wollt, das ist nichts; eine gute That kann mürrisch und unliebenswürdig gethan werden. Thut, was Ihr thut, liebenswürdig und schön, dann werdet Ihr geliebt. Wenn ich Euch doch die Liebe zur Schönheit in die Herzen pflanzen könnte für alle Zeit, dann ließ ich Euch laufen, wohin Ihr wolltet. Die Liebe zur Schönheit ist die Liebe, die den Menschen am reinsten erscheinen läßt, die allerunschuldigste, denn sie läßt vieles, wie Überhebung, dummen Stolz, Härte, Wut nicht an ihn heran; die anderen guten Eigenschaften, die er sich aneignen kann, bringen ihm leicht eine schlimmere mit ein; da ist die Frömmigkeit, die bringt im Nu Überhebung. Man hat es oft, daß soviel Frömmigkeit, soviel Hartherzigkeit da ist und Verachtung der Nichtfrommen.«

So empfahl Frau Rat ihren beiden Mädchen die Liebe zur Schönheit an als moralischen Lebenshalt.

Und wenn viele Mütter Frau Rat verstehen würden und die anspruchslose Weisheit in sich aufnehmen könnten, ein heiteres, gutartiges, freundliches und kraftvolles Geschlecht sollte entstehen. Schönheit ist nur in Verbindung mit Kraft zu denken.

Frau Rat selbst war bewußt und unbewußt ganz durchdrungen von dieser leisen Liebe zur Schönheit.

Das Titelbildchen, das sie uns als ganz junge Frau zeigt, hat etwas von einer schönen Blume, ein Geschöpf, das man sich nur gepflegt, behütet, angebetet vorstellen kann; auf weichen Teppichen gehend, mit schönen Dingen umgeben, verwöhnt, verhätschelt, geliebkost.

Von alledem aber hatte sie nichts erfahren. Ein hartes Leben, einen älteren, überernsten Gatten, Kargheit, Arbeit von früh bis spät, das war ihr Schicksal.

Aber sie hat trotz alledem in ihrem Hause und unter ihren Kindern wie ein Licht geleuchtet und wie eine Blume geblüht. Ihre beiden Mädchen hingen an ihr mit einer Bewunderung und Liebe, als verständen sie die unbesiegbare Schönheit ihrer Mutter, die in jeder Bewegung, in jedem Wort noch lag, als Müdigkeit und Arbeit und Sorge Silberfäden in das Haar und Fältchen um Auge und Mund gezogen hatten. Das war keine Schönheit, die abgenutzt werden konnte, das war echt, echt wie Gold.

Röse und Marie waren von dem Wesen ihrer Mutter oft ergriffen und oft gebändigt.

Sie wurden wegen einer häßlichen Antwort, einer Unfreundlichkeit bestraft, während man ihnen manchen dummen Streich liebevoll hingehen ließ. Freiheit war ihnen in reichem Maße zugemessen; aber im gegebenen Augenblick hatten sie sich zu fügen und zwar in aller Liebenswürdigkeit.

Da war die wunderschöne Zeit herangekommen, die den Ratsmädchen die »ersten Liebesbriefchen« einbrachte. Sie hatten diesen Augenblick schon geraume Weile voraus kommen sehen und waren nicht umsonst »Botengängerinnen« gewesen, die die Herzensgeheimnisse der Geistreichen zwischen diesen aus und ein trugen.

Marie hatte einen glühenden und sehr schmeichelhaften Brief von einem jungen Rheinländer erhalten, der sich seit wenigen Monaten in Weimar aufhielt und von dem schönen Mädchen sich ganz bezaubert fühlte. Rösen hingegen war ein Gedicht zugesendet worden, das die Reize ihres Hutes behandelte, den ein holder Jüngling, der Verfasser der Verse, ihr bei einer Landpartie getragen und mit zu sich genommen hatte, aus Vergeßlichkeit, oder um Gelegenheit zu haben, seinem Herzen durch ein paar tiefgefühlte Reime Luft zu machen.

Beide, Röse wie Marie, waren über die ihnen zugedachte Sendung außerordentlich erfreut und vertrauten ihr Geheimnis Budang an, ließen ihn die Briefe lesen, fanden aber zu ihrem Erstaunen, daß Budang die Angelegenheit sehr kühl und von oben herab behandelte.

»Hört einmal, macht keine Dummheiten; es ist ein rechtes Elend, daß Ihr damit anfangt, was fällt Euch denn ein?«

»So,« sagten Marie und Röse, »ich dächte, es wäre nun Zeit. Es giebt Mädchen, die in unserem Alter schon verlobt sind.«

»Jesus,« rief Budang ganz erregt, »das fehlte noch! Jetzt denken die an so etwas! Ihr solltet Euch schämen!«

Röse und Marie aber lächelten, und Röse sagte ruhig: »Nein, das ist jetzt in der Ordnung, wir wollen auf alle Fälle heiraten, das haben wir miteinander besprochen. Früher waren wir dagegen. Neulich haben wir uns aber, als wir abends in der Wünschengasse auf und nieder gingen, darüber miteinander beraten. Marie will schon in allernächster Zeit sich verloben, sagte sie mir. Sie hält das für gut und hübsch, es sehr früh zu thun. Man bekommt dann mehr Ansehen, meint sie, und ich glaube, sie hat recht.«

»So albern wie heute,« unterbrach Budang sie, »seid Ihr mir noch nicht vorgekommen, gerade jetzt dachte ich, wie hübsch vernünftig und ordentlich Ihr nach aller Mühe geworden seid, aber proste Mahlzeit. Die beiden Esel hätten wahrhaftig etwas Besseres thun können, als Euch die Zettel zu schreiben. Das beste ist, thut das Briefzeugs fort, daß es Euch nicht noch mehr die Köpfe verdreht, oder gebt es mir, ich hebe es Euch auf.«

»I, Gott bewahre,« sagte Röse, »die Briefe bleiben bei uns in unserm Schränkchen.«

»Meinetwegen!« brummte Budang.

Die Ratsmädchen besaßen jedes ein Schränkchen, braun gestrichen, aus Tannenholz und mit Rosen bemalt, in der Art, wie die altweimarischen Tischler den Blumenschmuck auf den Bauerntruhen und Betten zu stande brachten. Jedes war eine Elle hoch, nicht allzu tief, so daß sie außerordentlich handlich waren und bald dahin, bald dorthin von den Besitzerinnen geschleppt wurden, je nachdem sie eine Näscherei, ein Geheimnis verborgen hielten, und es den beiden wünschenswert erschien, die Schränkchen in sicherer Nähe zu haben. In diese Schränkchen also wurden die Liebesbriefe gesteckt, jede that den ihrigen in eine Bonbonschachtel.

Sie holten sie tagsüber wohl zehnmal heraus, beguckten sie sich gegenseitig und waren sehr zufriedengestellt. Aber wie es so geht: Marie erboste schließlich Rösen; sie hatte ihr gesagt, daß das Gedicht auf den Hut mit ihrem Brief nicht in Vergleich zu ziehen sei, hatte ihr die Vorzüge ihres Briefes und die Mangelhaftigkeiten des Gedichtes zu Gemüte geführt, so daß Röse mißlaunig wurde, und beide in eine Zänkerei verfielen, die sich eine gute Weile hinzog.

Frau Rat hatte ihnen vom Nebenzimmer aus zugehört. Als sie eintrat, sagte sie ruhig: »Was fällt Euch ein, Ihr Mädchens?« Sie sahen ganz verwildert aus, und Röse rief: »Die Marie hat einen Liebesbrief im Schränkchen!«

»Herrgott!« rief Marie ganz aufgebracht und schluchzend, »die Klatsche! Die hat auch einen!«

»So,« sagte Frau Rat, »zeigt sie mir.«

Da brachten sie beide ihre Schränkchen gutwillig angeschleppt. »So, nun schließt sie auf.«

Sie schlossen sie auf, und jede nahm aus ihrer Bonbonschachtel den Liebesbrief und überreichte ihn der Mutter.

Diese gebot Rösen, ein brennendes Licht zu holen und that keinen Blick in die Zettel, die sie in der Hand hielt.

Sie war ganz ruhig und freundlich, strich Marien über die Wangen, die ihr von der Zänkerei glühend rot geworden waren.

Als Röse wieder mit dem brennenden Licht zaghaft eintrat und es auf den Tisch stellte, hielt die Mutter, ruhig lächelnd, die Briefchen über die Flamme.

Die beiden Mädchen schauten nun still zu, wie so merkwürdige Dinger verbrannten. – Und als die Mutter das verkohlte Papier auf den Tisch fallen ließ, und die Funken noch daran knisterten, betrachtete Röse und Marie die kleinen, verkohlten Haufen sehr interessiert, und als das letzte Fünkchen verlosch, sagte Röse: »Jetzt ist das Schulmeisterlein hinausgegangen.«

Es war bei ihnen ein beliebtes Spiel, Funken in einem verkohlten Papierknäuel verlöschen zu sehen.

Die munteren Fünkchen, welche sprühten und knisterten und vergingen, das waren die Schulkinder, die nach Hause liefen, und der letzte Funke war eben – »das Schulmeisterlein«.

Frau Rat lachte hell auf bei Röses Bemerkung, schloß das Kind in die Arme und küßte es, und alle drei waren seelenvergnügt. –

Um diese Zeit begab es sich, daß der Großherzog Karl August aus Wien von dem großen Kongreß, der den verworrenen Streit der Völker schlichten sollte, zurückkehrte.

Empfangsfeierlichkeiten wurden vorbereitet. Die Weimaraner schmückten ihre Häuser, Ehrenpforten wurden gebaut. Die Schützengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen, alles beriet sich. Es war ein so wichtiges und emsiges Treiben im Städtchen, als sollten die Schützengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen das Wohl des ganzen Reiches schaffen und erwägen.

Der Bürgermeister, unserer Ratsmädel Vater, hatte alle Hände voll zu thun. Frau Rat nähte für die beiden Kinder neue, weiße Kleider. Ihre Mädchen waren dazu ausersehen, dem heimkehrenden Fürsten in Gesellschaft noch anderer hübscher Geschöpfe Blumen und Lorbeerkränze von einer niederen Estrade aus auf den Weg zu streuen, während er vorüberritt.

Die Stadtverordneten, die Schützengilden, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen hatten die Bestimmung getroffen, daß die weißgekleideten Mädchen mit offenem Haar und in Kränzen den Fürsten begrüßen sollten. Die Ratsmädchen, weil sie so gut zu einander paßten und so hübsch nebeneinander aussahen, sollten ganz vornan stehen. Und Röse war das Amt überkommen, einen wunderschönen Lorbeerkranz Karl August gerad auf den Degengriff zu werfen, oder doch wenigstens auf sein Pferd, wenn es ihr mit dem Degen zu schwer würde.

Es war eine außerordentliche Ehre für sie, das sah sie selbst ein und that sich etwas zu gute darauf.

Das Wetter am Einzugstage war schön und klar, die Luft kräftig und frisch, die Fahnen wehten in der Sonne, vom Winde bewegt. Es duftete nach Tannen und Grün von allen Häusern herab, vor jeder Thür. Musikbanden zogen durch die Gassen nach den verschiedenen Versammlungsorten des Einholungszuges. Es pfiff, trommelte, schrie, schimpfte, lachte, sang auf allen Straßen, daß es eine wahre Freude war. Die weißgekleideten Mädchen versammelten sich wie Züge weißer Tauben in der Esplanade. Die frische, sonnige Luft schien, wie sie die Fahnen regte, auch die Gemüter munter zu bewegen. Man war so lustig, so ganz feiertäglich und erwartungsvoll gestimmt.

Die Mädchen kletterten auf ihre Estrade, der Wind wehte in blondem, braunem Haar, in weißen, duftigen Falten, wehte über der hübschen Schar hin, wie über ein blühendes Feld, etwa wie über ein Mohnfeld, das in weißen, rosigen Farbentönen steht. Alle Glocken begannen zu läuten, voll und schön. Die weimarischen Glocken sind von einem seltenen Wohlklang. Die eine haben sie im Dreißigjährigen Kriege gestohlen, von irgendwo ganz Besonderem her. Freudenschüsse klangen dumpf dazwischen. Da näherte sich der Zug. Den Mädchen auf der Estrade klopfte das Herz, denn der Augenblick war sehr feierlich. Die Musik erklang, so eine recht herzhafte Musik.

Und als Karl August auf seinem Pferde von ferne zu sehen war, da reckten sich alle Hälse. »Du, Marie,« rief Röse, »da reitet ja der Ottokar Thon neben ihm, – gucke, gucke! Marie, sieh doch!« rief Röse, ganz bewegt von allem Festjubel, »das ist er! Du kannst Dich darauf verlassen. Er ist jetzt Adjutant, das muß er sein. Den haben wir aber in Jahren nicht gesehen! Er soll ja ganz etwas Besonderes geworden sein, ist Lützowscher Jäger, – Du weißt doch?« –

»Ja, ja,« sagte die Schwester etwas gedankenlos.

»Höre, Marie,« rief Röse wieder, als die beiden Reiter herangekommen waren, »ich werfe dem Adjutanten meinen Kranz zu, das sollst Du sehen.«

»Du bist verrückt,« sagte Marie, »da könntest Du in eine schöne Bredouille kommen – der Lorbeer ist für den Herzog.«

»I gar,« sagte Röse.

Da ritt der Herzog eben der Estrade zu, und die Mädchen jubelten hoch auf, und der ganze Zug jubelte, und aus allen Fenstern ringsumher schrieen und riefen sie. Der Wind wehte Rösen und Marien das lange Haar, das sie so einhüllte, daß man nur ein Streifchen ihrer weißen Kleider sah, wie goldene Fahnen über die Schultern, dem Herzog entgegen, ganz, als hätte es sich der Wind so ausgedacht.

Das mochte ein sonderbar hübscher Anblick sein; denn Karl August schaute lächelnd und nickte zu den Mädchen hinauf, hielt sein Pferd an und sprach ein paar Worte zu seinem Adjutanten.

In dem Augenblick flog Rösens Lorbeerkranz auf Karl August zu und richtig, verfehlte ihn, weil ihr die Haarsträhnen über das Gesicht geflogen waren, daß sie nicht recht sehen konnte, und der Kranz blieb an dem Degenknauf des jungen Adjutanten hängen.

Da lächelte Karl August noch einmal, und als der junge Offizier den Kranz loslösen wollte, um ihn dem zu überreichen, dem er bestimmt war, da machte der Herzog eine Bewegung, die zu bedeuten schien: »Da, wo er ankam, laßt ihn nur.«

Der Adjutant war augenscheinlich verwirrt und wußte nicht, was er mit dem Kranze anfangen sollte; seine Blicke trafen die Spenderin der schönen Ehre. Er lächelte ihr zu und schaute sie an – und erkannte sie, die er, als sie ein kleines Mädchen war, in der Wünschengasse oft gesehen hatte.

Seine Eltern hatten Rats eine Zeit lang gegenüber gewohnt, und er erinnerte sich Rösens und Mariens wieder.

»Herrjeh,« sagte Röse ganz glücklich. »Nun seht nur, jetzt reitet er mit meinem Kranz davon. Das war ja wirklich Ottokar Thon!«

»Na freilich,« bestätigte Marie.

»Und wie er aussah! – nein, wie er aussah! – Früher haben wir ihn gar nicht groß angesehen, ich glaube, nicht einmal gegrüßt. Hast Du bemerkt, wie er rot wurde, als der Kranz auf ihn fiel; das hat er sich nicht träumen lassen, daß er so einen großen Lorbeer bekommen würde. Und hast Du auch gesehen, Karl August hat ihm den Kranz geschenkt!«

»Ja, ja!« sagte Marie ganz lustig. »Du hast gut getroffen!«

»Höre, Marie,« begann Röse wieder, während sie noch den beiden Reitern, dem Herzog und seinem Adjutanten, nachschauten. »So, wie der Ottokar Thon, als er wie im Traum auf den Kranz sah und dann auf uns, so gut hat mir noch nie ein Mensch gefallen, noch nie,« wiederholte sie ernst. »Er gehört zu den Lützowschen Jägern,« sagte sie noch einmal – »weißt Du? Aber wie streng er aussah.«

Sonnenklar wußte Röse, wer ihr gefiel und wer nicht, und war gewohnt, den ersten Eindruck, den sie von jemandem empfing, Marien sofort mitzuteilen.

Diesmal war aber der Eindruck glückverheißend, bedeutungsvoller, als sie sich vorstellte, denn jener junge Adjutant, der neben seinem Herrn bei dem Einzug dahinritt, der die Zeit des Kongresses mit ihm in Wien gelebt hatte, wurde Jahre darauf Rösens Gatte.

Sie war ein Glückskind; die erste Bewegung ihres jungen Herzens, das erste Sichhinneigen einem anderen Leben zu, war die Ankündigung einer schönen Zukunft. Und der erste Blick, mit dem sie der Geliebte angesehen, erschien ihr bis ins hohe Alter wie ein Wunder; »denn damals«, sagte sie, »wußte ich so klar wie das, daß er mir besser, als jeder Mensch bisher gefiel, auch das, daß wir einmal zu einander gehören würden.« Davon erfahren wir aber erst Näheres und Breiteres im zweiten Bande.

Der ruhige Ernst, der auf den Zügen des jungen Mannes lag, als er unter Glockengeläut mit seinem Fürsten einritt, hatte seinen Ursprung in einer tiefen und klaren Liebe, die dieser junge, einfache Soldat zu seinem Vaterlande fühlte. Er hatte in Wien mit Trauer gesehen, wie weit der Weg noch sein mußte, ehe Deutschland würdig und groß dastehen konnte.

Er hatte in dem reichen Leben, den Reden und Versammlungen, den Festen und Feiern, den Plänen, wie ein Geheimnis, das man nicht verrät, um es nicht zu entweihen, seine Gedanken über die Möglichkeit, wie Deutschland erhoben werden könne, niedergeschrieben.

Lange Jahre nach seinem frühen Tode ist jene Niederschrift bekannt geworden, und staunend mußte man die Klarheit und Sicherheit dieses jungen, kräftigen Geistes erkennen, der damals in Dunkelheit klar und sicher Deutschland den Weg zur Größe vorschrieb, den es jetzt gegangen ist.

Ein Geschichtsschreiber, Heinrich von Treitschke, hat dem früh Gestorbenen ein Denkmal in seinem Werke gesetzt.

Er hat des jungen Adjutanten Tapferkeit, seine Klarheit und Sicherheit, seine geniale Voraussicht im Gegensatz zu der großen, allgemeinen Verworrenheit gepriesen und schließt die Worte, die er der Erinnerung an jenen kühnen, jungen Denker weiht, mit dem Ausspruche: »Wie unheimlich erscheint doch die schwerflüssige Langsamkeit der nationalen Entwicklung neben dem raschen Gedanken der kurzlebigen Einzelmenschen.«

Welche Fülle von Hoffenden, Denkenden und Strebenden geht über die Erde hin, scheinbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wir sehen es oft mit Trauer und Staunen. Und dennoch wirkt ein jeder; die Natur hält mit ihren Kräften haus.

Denke man sich einen schönen, mächtigen Wald, unübersehbar; göttliche Frische lebt in ihm. Es ist eine Welt für sich, eine herrliche Erscheinung, und er hat sich gebildet dadurch, daß unzählige große und kräftige und geringe Bäume, ungezählte Daseinskräfte, mächtige und zarte, sich zu einem Ganzen hier zusammenthaten, zu einem einzigen Begriff, der alles einzelne in sich begräbt.

So ist es auch im menschlichen Leben: um einen Begriff, eine Erfahrung zu schaffen, gehören Millionen, die diese Erfahrung an sich erprobten, die diesen Begriff durch ihr Aufgehen in demselben bildeten.

Wie ein Baum uns nie die Erscheinung eines Waldes geben kann, so würde der erste Tugendhafte uns nie den Begriff der Tugend geben können, der erste Leidende nicht den des Leidens, der erste Glückliche nicht den des Glückes, der erste junge Mensch nicht den der Jugend.

Ungezählte mußten gelitten haben, ehe die Welt von Leiden reden konnte; Millionen mußten glücklich gewesen sein, ehe das Bild des Glückes, Millionen mußten sündigen, ehe das Bild der Sünde entstand.

Ein Begriff ist der große Wald, in dem das einzelne aufgeht, um ein Ganzes bilden zu helfen. Und ich sage hier noch: Ungezählte mußten in Jugend erblühen und wieder dahinwelken, ehe wir von Jugend als von einer Glückseligkeit reden konnten.

Das Wort, der Begriff »Jugend« ist das Grab, in das Jugend aus Jahrtausenden sank und ihr seliges Erbteil dem Worte überließ, so daß es Kraft hat, den, der es recht ausspricht, mit Wonne, Wehmut und allem wundervollen, das je gefühlt ist, zu überschütten.

Und diese Zeilen, diese munteren, harmlosen Geschichtchen haben weiter kein Ziel, als das: dem reichgeschmückten Worte, an dessen Pracht und Zauber die Geschlechter der Erde von Anbeginn an wirkten, noch ein schimmerndes Flitterchen mehr anzufügen.

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