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Ratsmädelgeschichten

Helene Böhlau: Ratsmädelgeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Böhlau
titleRatsmädelgeschichten
publisherJ. C. C. Bruns' Verlag
addressMinden i. W.
printrunSechste Auflage
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
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Fünfte Geschichte.

Das Damengärtchen

Jene Gesellschaft lebenslustiger und gefeierter Mädchen, von denen unsere beiden geplaudert, während sie ihrem Herzog in die Arme liefen, hatten sie bei der alten Kummerfelden kennen gelernt. Als sie eines Tages bei der Nähmeisterin eintraten, gewahrten sie zu ihrem höchsten Erstaunen Personen versammelt, die sie nie dort zu sehen erwartet hätten, die »ganze heilige Klerisei«, mit welcher Bezeichnung sie den Bekanntenkreis einer älteren Cousine beehrt hatten. Zu diesem Kreise gehörten unter andern: Ulrike von Pogwisch, Ottilie von Pogwisch, Adele Schopenhauer, lauter geistreiche Frauenzimmer, die bei den Ratsmädchen eben deshalb nicht in allzu großer Achtung standen. Sie waren sich beide vollkommen darüber klar, daß es bei weitem schönere Amüsements auf Erden gäbe, als in verteilten Rollen zu lesen oder an geistreiche Freunde geistreiche Briefe zu schreiben, oder als »in corpore«, wie sie in Weimar sagen, für den Besitzer einer schönen Seele zu schwärmen. Röse besonders machte sich nicht viel aus dieser Gesellschaft und wich den Mädchen, wenn sie bei der Cousine waren, aus, wie sie nur immer konnte.

So war es den beiden eine fatale Überraschung, diese Herrschaften bei der Kummerfelden anzutreffen. Röse blieb einen Augenblick ganz verblüfft in der Thür stehen. »Marie,« flüsterte sie, »da wird's Ernst. Sie wollen sich verloben. Umsonst thun die es nicht, daß sie in ihren alten Tagen noch nähen lernen.« Die Mitglieder der geistreichen Gesellschaft waren so ein fünf bis sechs Jahre älter, als unsere Ratsmädel, und erschienen daher Röse und Marie als bedauernswert alte Geschöpfe. »Sie haben Goethens August jetzt fest, das sollst Du sehen!« flüsterte Röse weiter, als sie eingetreten waren und Platz genommen hatten, »oder sonst einen von ihren Schöngeistern. Da wird nun drauf und dran nähen gelernt. Es ist ein Skandal, und wenn sie auch etwas wegkriegen, in einem Jahr haben sie's sicher wieder vergessen. Dann sitzt August Goethe, oder wen sie jetzt haben, da und kann zusehen, wer ihm seine Sachen flickt. Die,« sie blickte geringschätzend auf die von ihr besprochenen Mädchen, »die thun's nicht, sie werden sich hüten.«

»Sie werden ihn ja doch nicht alle heiraten!« sagte Marie.

»Nein, sie dürfen's nicht,« erwiderte Röse trocken; »aber verliebt sind sie alle. Alle, wie sie da sitzen, das ist bei ihnen eine Heidenwirtschaft. Meinetwegen!«

Ottilie von Pogwisch rief Röse und Marie so von oben herab zu:

»Na, was macht Ihr denn?«

»Hohlsäume,« schmetterte Röse.

»Kommt nur,« rief Ottilie, »und setzt Euch mit zu uns.«

»Gut,« sagte Marie, und beide setzten sich unter die andern.

»Aber was wollt Ihr denn eigentlich hier?« fragte Marie, als sie sich niedergelassen hatten.

»Wir, wir wollen Eure Kummerfelden studieren,« erwiderte Adele Schopenhauer ziemlich ungeniert laut, da sie von der Schwerhörigkeit der Meisterin überzeugt war. »Wir sind vollkommen objektiv hier.«

»Das wird soviel heißen,« erwiderte Röse, die es drängte, auf dieses geheimnisvolle Wort hin etwas Verständnisvolles zu entgegnen, »daß Ihr nichts lernen wollt hier?«

»Gewissermaßen, ja,« bekam sie zur Antwort. »Es ist wenigstens Nebensache.« Adele zog ein Heftchen aus ihrer Tasche, sie hatte schon damals ihre schriftstellerischen Anwandlungen, und sagte: »Wir sind auf Jagd nach Originalen; sie sollen jetzt mehr und mehr aussterben. Hier,« sie schlug mit der flachen Hand auf ihr Büchlein, »hier wird eingetragen, was sie auch thun und sagen mag, das tollste Zeug. Wir wollen Eure Kummerfelden verewigen. Wenn Ihr es versteht, sie zum Schwätzen zu bringen, dann thut's; je mehr, je besser!«

Die Kummerfelden, oben auf ihrem Sitz, hielt sich mäuschenstill, und Röse antwortete: »Pfui, schämt Euch, das ist ja miserabel, herzukommen, um sich über sie lustig zu machen; das leiden wir nicht, das ist betrügerisch. Lernt lieber etwas bei ihr, das ist gescheidter.«

Die Kummerfelden hörte den Mädchen von ihrer Höhe herab behaglich zu und schob eine Haubenklappe etwas vom Ohr, um noch besser zu lauschen. Röse räsonnierte auf das heftigste und verwarf das Vorhaben der gefeierten Mädchen als ganz abscheulich.

Am Abend schrieb die Kummerfelden in ihr Tagebuch: »Ob ich das Honorar, das die Frau Großmama (die Frau Großmama war die Gräfin Henkel) den beiden Pogwischs ausgesetzt hat, annehmen soll, ist mir zweifelhaft, da die Mädchens, und ebenso die Adele nichts profitieren werden.« Von den Ratsmädchen aber schrieb sie folgendermaßen:

»Gott behüte die freundlichen, wenn auch oft unartigen Geschöpfe. Wahrheit ist Vornehmheit. Herz und Mund auf dem rechten Flecke haben, ist Glück für sich und andere. Gesundheit ist Schönheit und Frische Segen. Das sind meine Lieblinge!«

Durch den Verkehr bei der Kummerfelden wurden die Ratsmädchen in dem Hause bei Schopenhauers heimisch und fühlten sich auch dort wohl und zufrieden. Johanna Schopenhauer, die Mutter Adelens, schien unsere beiden für zwei allerliebste Figuren anzusehen, die ihren Salon zierten, in dem sich allabendlich bedeutende und berühmte Gäste einfanden.

So ließ sie die beiden oft durch Adele zu sich einladen, bald mit, bald ohne Rats, bat die Mädchen, ihr bei dem Umherreichen von Thee und Backwerk behilflich zu sein und erntete von allen Seiten Lob, daß sie die beiden Pagen sich zugelegt hatte.

So waren sie eines Abends auch zu Schopenhauers eingeladen; ihre Gönnerin hatte angeordnet, daß sie in weißen Kleidern kommen sollten, und als sie zu der ihnen bestimmten Stunde erschienen, wurden sie von Madame Schopenhauer und Adele in deren gemeinschaftliches Schlafzimmer geführt. Dort lösten sie ihnen die prächtigen Haare auf. Jedem von den Mädchen drückten sie einen dichten Rosenkranz, aus den schönsten Rosen, tief in die Stirne, und so verwandelten sich die zwei in Genien, wie sie nicht anmutiger gedacht werden konnten.

Adele war ganz hingenommen von dem reizenden Anblick und zeigte sich rückhaltlos liebenswürdig.

Während sie sich damit beschäftigte, die Reize der beiden Mädchen schön hervorzuheben, behandelte sie Röse und Marie in einer Art Schaffensfreude wie zwei Kunstwerke, die aus ihrer Hand hervorgegangen waren.

»So, jetzt sind sie fertig!« sagte Madame Schopenhauer, als Adele sie ihr zur Prüfung vorgeführt hatte. »Nun stelle sie hinaus und sieh zu, wie es gelingt.«

Den beiden Mädchen wurde jetzt die Anweisung gegeben, draußen auf der erleuchteten Treppe Goethe zu erwarten, der nach längerer Zeit zum ersten Male wieder den Abend bei Madame Schopenhauer verbringen wollte.

Das fuhr den beiden doch etwas in die Glieder.

»Ach, du großer Gott!« rief Röse in einem wahren Schreckenston.

»Hört einmal,« antwortete Adele, »seid nicht dumm und verderbt uns unseren schönen Plan nicht. Ihr stellt Euch draußen auf die Treppe hin und wartet. Das könnt Ihr doch? Und wenn er kommt, sprecht Ihr kein Wort, faßt ruhig seine Hände und führt ihn zu uns herein und nehmt ihm erst vor der Thür seinen Mantel und Hut ab. Alles ganz ruhig und still; und wenn er mit Euch spricht, so antwortet ohne Scheu, Ihr seid ja nicht auf den Mund gefallen. Und nun allons, es wird nicht lange dauern!«

Damit nahm sie Marie an der Hand; Röse folgte, und sie führte beide zur Thüre hinaus.

Im Nebenzimmer waren schon Gäste versammelt. Man hörte eine lebhafte Unterhaltung. Als Marie und Röse draußen auf der Treppe standen, blickten sie sich verdutzt an.

»Du großer Gott!« murmelte Röse noch einmal. Marie zeigte sich vollkommen gefaßt. »Er mag nur kommen,« sagte sie so ruhig, etwa wie ein Jäger, der sich bereit gemacht hat, einen Bären gehörig zu empfangen. Jetzt ging die Hausthür. »Das ist er!« flüsterte Röse.

Ungemein leichte, elastische Schritte hörten sie auf der Treppe. Der Ankommende mochte wohl zwei Stufen auf einmal nehmen.

»Das ist er nicht,« sagten sie.

»Das muß Schopenhauers Kater sein,« meinte Röse leise. »Paß auf! Daß er heute auch kommt, wundert mich!«

Der Ankommende war Arthur Schopenhauer, der Sohn Johannas und der Bruder Adeles.

Ein närrischer Gast, der mit aller Welt so übel wie möglich stand. Wenn er sich in den Gesellschaften seiner Mutter sehen ließ, gab er die sonderbarste Figur ab und brachte die gute, formgewandte Frau während seines Aufenthaltes in ihrem Salon aus aller geistreichen Würde und Fassung durch Paradoxen, unartige Angewohnheiten, beißende Urteile und Kritiken und berührte ihre an Almanachszartheit gewöhnte Seele durch aufrührerische Aussprüche auf das unangenehmste. Dieser Störenfried der schöngeistigen Theeabende seiner Mutter stürmte die Treppe herauf, prallte um ein Haar mit den Ratsmädchen zusammen, sah auf, starrte sie wie aus einem Traum erwacht an und sagte: »Bei Brahma! was ist denn los?«

»Wir sollen Goethe erwarten,« antwortete Marie schüchtern.

»Das ist echte Weiberart! können sie denn nicht aufhören drinn, den Alten zu beschwindeln?« polterte Frau Johannas Sohn. »Wozu die Allotria? Es ist ihnen nicht Einhalt zu thun, den Weibern! Sind sie mit Gottes Hilfe soweit gekommen, daß sie unschädlich geworden sind, da suchen sie Krücken und Stützen, exerzieren sich ein Vikariat ein, um zu beschwindeln. So lernt's auch nur beizeiten, Ihr Schippchen!« damit war er an den beiden Mädchen vorübergestürzt.

»Grobian,« sagte Marie.

»Grobian,« wiederholte Röse, »hör mal, grob ist er, mir aber lieber, als alle zusammen drinnen mit ihrem Gethue, und garstig ist er auch, aber, flink und behende, und seine Augen sind nicht übel.«

»Mein Geschmack ist er nicht,« erwiderte Marie kurz, »und ich kann nicht sagen, daß es mir recht wäre, wenn Du Dich in den gerade vergucktest.«

»Schaf, wer redet davon,« war Rösens kräftige Antwort. Da ging die Hausthür unten wieder.

»Herrjes, das könnte er aber sein!« flüsterte Röse.

Es bewegte sich ruhig, mächtig, majestätisch die Treppe hinauf, das waren andere Fußtritte, eine andere Gangart, als die heftige, stürzende des unliebenswürdigen Gastes von vorhin.

Röse hatte recht gehabt, er war es, Goethe war es.

Mit klopfendem Herzen standen die beiden schönen Geschöpfe auf der obersten Treppenstufe und blickten auf ihn, wie er langsam und bedächtig die Treppe herauf geschritten kam, den Schlapphut auf dem Kopf, um die mächtigen Schultern einen dunklen, faltenreichen Mantel.

Als er auf dem letzten Treppenabsatz angekommen war, blieb er stehen, blickte auf und gewahrte die beiden schönen Botinnen, die ihn erwarteten. Der Anblick erstaunte ihn. Er verharrte einige Momente im Anschauen der Mädchen.

»Artig! Anmutig, sehr anmutig!« rief er aus.

Die Genien gingen ihm ein paar Stufen entgegen und, als wäre der Teufel in sie gefahren, so waren sie mit einem Mal verändert. Ihre Schüchternheit, ihre Angst war gewichen, jede Bewegung wurde begeisterte Hingebung und Grazie – und sie empfanden, als flögen sie Goethe selig entgegen.

Als sie die Arme ausstreckten, um seine Hände scheu zu fassen, schaute Goethe wie ergriffen auf die jugendlichen Gestalten und sagte mit eigentümlich mächtiger Betonung:

Dunkle Augen seh ich blinken
Unter dichtem Blumenkranze!

Darauf ergriff er die Hände der Mädchen, nickte ihnen freundlich zu und ließ sich hinauf geleiten.

Als er mit den beiden schönen Gestalten in das Zimmer seiner Freundin zu den Gästen eintrat, war bemerkbar, daß dieses Eintreten auf die Anwesenden eine wunderbare Wirkung hatte.

»Wie schön Sie Ihre Gäste empfangen, Frau Johanna.« Mit diesen Worten begrüßte Goethe die Frau des Hauses. »Haben Sie Dank dafür.«

Das Zimmer, in das sie eintraten, war langgestreckt, fast ein Saal zu nennen, vierfenstrig. Die Wände mit der sonderbarsten Tapete bekleidet, welche die Geschichte des Joseph in Egypten grau in grau darstellte. Die Grube, in die die bösen Brüder ihren jüngsten gesteckt hatten, die Käufer des guten, verwöhnten Knaben, die Träume des Pharao, das Wiedersehen mit dem alten Vater, all dies war an den Wänden des Salons der Frau Johanna zu sehen. Der Saal ist unverändert geblieben noch bis vor einigen Jahren. Jetzt dient er einer Restauration, und die bösen Brüder, der alte Vater, der gute Joseph, die alle in dem Salon der Madame Schopenhauer auf die berühmten Leute, die sich dort bewegt haben, herabgeblickt hatten, sind mit rosa Ölfarbe übertüncht.

Diesen Abend wurden die Ratsmädchen außerordentlich gefeiert. Sie bewegten sich unter den berühmten und geistreichen Leuten wohlgemut und hörten von allen Seiten Artigkeiten. Goethe setzte sich eine Weile während einer kleinen Aufführung, die Adele, die Pogwischs und August von Goethe veranstalteten, zwischen die beiden Schwestern. Er erzählte ihnen, daß er sie gar wohl kenne und schon oft Freude an ihnen gehabt habe.

»Welche Fülle,« sagte er und strich Marie über die goldschimmernde Haarflut, die reizend an ihrer schlanken Gestalt hinabfloß.

Röse und Marie bemerkten, daß Arthur Schopenhauer und Goethe an diesem Abend auf das eifrigste miteinander sich unterhielten.

»Du, Dein Kater sprüht Funken,« sagte Marie zu Röse und zeigte auf Arthur Schopenhauer, aus dessen Zügen das Leben, während er sprach, wahrhaft leuchtete.

»Ich hab's immer gesagt: das ist auch ein großes Tier,« meinte Röse; »da wird ja wohl auch die Schopenhauerin einmal mit ihm zufrieden sein, wenn er sich mit Goethen so niedlich macht. Die Adele hat's von mir zu hören bekommen, daß ich es unausstehlich finde, wenn sie an ihrem Bruder ewig herumnörgelt.«

Die beiden Damen Schopenhauer waren, wie stadtbekannt, in einer unausgesetzten Unzufriedenheit mit dem Sohne und Bruder Arthur, mißtrauten ihm in allen Dingen; seine Neigung zur Philosophie, sein Aufgehen darin erschien ihnen höchst sonderbar und wenig versprechend. Sie hielten nicht viel von seinen Bestrebungen, drängten sich ihm als Vorbilder auf und behandelten ihn nur als enfant terrible. »Alles an ihm ist beängstigend, selbst seine Wahrheitsliebe, mit der er einem wie mit einer Bürste unter die Nase fährt,« sagte seine Mutter von ihm, und derlei Aussprüche der Mutter mochten wohl mit schuld daran sein, daß man ihm in ihren Gesellschaften wenig liebenswürdig entgegenkam. Er saß gewöhnlich allein und unbeachtet, auf das sonderbarste in einen Stuhl hineingeräkelt, und schien sich um niemanden zu kümmern.

An dem Abend aber, als er die Ratsmädchen auf der Treppe beinahe umgerannt hatte, näherte er sich ihnen: »Nun, Ihr Haareulen,« sagte er, »wie geht's? – wie steht's? Ihr seid ja gut ausstaffiert, sorgt nur dafür, daß es nachher, wenn Ihr eingefangen habt, was Ihr einfangen werdet, und die goldenen Fahnen davon geflattert sind,« er schnippte leicht in Rösens Haar mit dem Finger, »daß es dann nicht gar zu übel um Euch und die, die mit Euch leben müssen, steht. In der Jugend geht alles an, die hat ihre Zwecke, da mag es sein; aber pfui Teufel, alte Weiber, da hat es seine Gefahr, da kann alles unerträglich sein. Denkt daran, daß Ihr alte Weiber werdet, und sorgt schon jetzt vor, daß es dann leidlich mit Euch auszuhalten sei. Schwatzt nicht, und wenn es jetzt noch so niedlich klingt, später ist es das nicht mehr, – ist unausstehlich, horrend! Seid anspruchslos, des Alters wegen. Anspruchsvolle alte Weiber, – grauenhaft! Soviel wie ein altes Weib geben kann, auf soviel hat sie Anspruch im Entgegennehmen, versteht Ihr? Verflucht wenig!« Die Ratsmädchen hörten ihm verwundert und lächelnd zu. »Versucht«, brummte er, »ob Ihr es fertig bringt, Euer lebelang freundlich zu bleiben und mitleidig! Diese zwei Dinge können versöhnen. Nebenbei sparsam und fleißig, was ich Euch hier sage, ist vernünftig und klug, wenn es Euch auch dumm vorkommt. Hört auf einen, der klüger ist, als der übrige Haufe, und Ihr bekommt's nicht alle Tage zu hören! Mit der Jugend nimmt's rasch ein Ende. Heut seid Ihr vierzehn und fünfzehn und nächstes Jahr sechzehn, dann kommt langsam siebzehn, achtzehn, neunzehn. Seid Ihr erst zwanzig, dann geht es mit Riesenschritten: fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig – fünfzig, hu!« und der kleine Mensch mit dem großen Kopf schnitt eine greuliche Fratze.

»Unrecht hat er nicht,« sagte Röse, als er wieder von ihnen gegangen war. »Aber wenn man sich denkt, daß es ein junger Mann ist, der so spricht, dann kommt einem die Sache doch närrisch vor.«

»Abgeschmackt,« urteilte Marie.

»I gar, das nicht,« bemerkte Röse tiefsinnig.

Und sie hatte sich die Worte des wunderlichen Menschen fürs Leben wohl gemerkt. Als die Jugend von ihr gewichen war, die goldenen Fahnen eingezogen, da blieb die reine Freundlichkeit, Anspruchslosigkeit zurück, eine unerschöpfliche Güte, mit der sie bis in das hohe Alter Haus und Familie, Kind und Kindeskinder, beglückte und rührte. Es blieb ein Wesen zurück, aus lauter Liebe gestaltet. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, ein altes Weib wurde unsere Röse nie; sie wurde so wenig alt, als Güte und Anspruchslosigkeit je alt werden können. Wir nennen sie noch heute unser »Gomelchen«. Der Name ist gekommen, ich weiß nicht wie. Er entstand, um etwas zu benennen, für das sich kein Name eingestellt hatte, für etwas, das lauter Heiterkeit, Liebe, Liebenswürdigkeit, Innigkeit, Frische und die Güte selbst ist. Sie wurde ein »Gomelchen«, wie schon gesagt, nie alt, kein Mütterchen, »ein Gomelchen«, nichts anderes. Der Philosoph hatte den herrlichen Mädchen wohl, weil er Mitleid mit ihnen fühlte, einen Zauberspruch fürs Leben mitgegeben, der sie vor dem Alter schützen sollte; diesen Spruch: »Immer an das alte Weib denken«, hat Röse zu jeder Zeit wohl im Herzen behalten.

Doch habe ich jetzt fünf, sechs, sieben Jahrzehnte vorgegriffen, in Zeiten hinein, die den Ratsmädchen an jenem schönen Abend bei Johanna Schopenhauer unendlich ferne lagen, in Zeiten hinein, in denen Enkel und Urenkel der beiden schönen Kinder ihr Wesen treiben. Die Unterhaltung aber des widerhaarigen Sohnes der geistreichen Mutter, die im Leben der Ratsmädel die besten Früchte getragen, diese Unterhaltung hat ihnen am selbigen Abend noch einen rechten Ärger gebracht. Sie waren während der Standrede, die ihnen der Philosoph gehalten, belauscht und zwar von Ottilie von Pogwisch und August von Goethe und wurden von beiden, die in vertraulichem Einverständnis zu sein schienen, gehörig damit gehänselt.

»Der hat Euch gut zugerichtet, das ist recht,« sagte Ottilie. »Wenn's nach mir ginge, er müßte Euch alle Tage predigen: Ihr habt es vonnöten«.

»So,« sagte Röse und wurde dunkelrot vor Ärger. »Und Ihr? Wer soll denn Euch thun?«

Sie hatte auf Ottilie von Pogwisch von jeher einen Ärger, sie brauchten nur in ein Gespräch miteinander zu kommen, so schwoll Rösen der Kamm.

»Ich habe übrigens mit Euch ein Hühnchen zu pflücken und die Adele auch, kommt einmal mit, Ihr Galgenvögel,« sagte Ottilie gutlaunig.

Sie ging voraus, und die Ratsmädchen folgten ihr. August von Goethe flüsterte ihnen zu: »Laßt Euch nicht ins Bockshorn jagen, ich habe etwas verraten, was Ihr angerichtet habt, daß Ihr's nur wißt.«

Es stellte sich eine sonderbare Thatsache heraus, daß nämlich die leichtsinnigen Ratsmädchen eine geringe Achtung vor der Unantastbarkeit eines wohlverwahrten Briefes hatten, ja, daß gerade die Verschlossenheit eines solchen Briefchens eine unwiderstehliche Aufforderung an sie enthielt, es zu öffnen.

Die geistreichen und unausgesetzt in schriftlichem Verkehr miteinander stehenden jungen Damen, die Pogwischs, die Schopenhauer und deren Freundinnen hatten Röse und Marie hin und wieder ein solches wohlverwahrtes Briefchen mitgegeben, das sie da oder dort abliefern sollten.

Diese Briefchen aber wurden von den beiden regelmäßig in dem wenig belebten Durchgang des Wittumspalais gelesen.

Was für ein sonderbares Gemäuer war dieser alte Durchgang und ist es noch, denn er wird wohl kaum seit jener Zeit eine Veränderung erlebt haben.

Von der Esplanade, der jetzigen Schillerstraße, die damals von alten, schönen Linden beschattet war, führte eine breite Treppe mit eisernem Geländer zu einer Gruppe tiefliegender Häuser hinab. Neben dieser Treppe in einem schattigen Gärtchen wächst ein schöner Muskateller-Birnbaum, der wie kein anderer voll blüht und voll trägt. Er stand schon damals und steht noch heute. Auf der Treppe fanden und finden die Schulkinder an frischen Julimorgen manch goldgelbes, zersprungenes Birnlein liegen, das der Wind über Nacht von dem Baum geweht hat.

Diese Treppe führte zu dem dunkeln Gang, der durch ein Nebengebäude des Wittumspalais geht und der wie geschaffen ist zum Lauern und Schlüpfen für Liebespärchen und Gassenbuben.

Dort hockten die beiden Rangen auf den Stufen und lasen mit außerordentlichem Hochgenuß die Herzensgeheimnisse, welche die Damen für gut erachteten, einander mitzuteilen. Und die Ratsmädchen fanden nichts auf der Welt so spaßhaft, so belustigend, als die pedantische Rechenschaft, die eine jede der Freundinnen der anderen von ihrem augenblicklichen Herzenszustande gab, so genau und ausführlich, daß es schien, als seien diese Frauenzimmer entschlossen, das Wesen der Liebe ein für allemal und endgültig zu ergründen.

Röse und Marie wußten aufs genaueste, wie es um Ottilie und August von Goethe stand. Sie hatten auch einen Brief von Adele an einen Verehrer befördert und natürlich gelesen, worin Adele zum größten Gaudium der Ratsmädchen diesem auf einen Heiratsantrag folgendermaßen erwiderte:

»Mein Herz ist nicht mehr frei; wollen Sie mit meinem Verstande vorlieb nehmen, so bin ich die Ihre.«

Als die Ratsmädel diese Antwort gelesen hatten, gerieten sie auf ihrer Treppe außer sich vor Vergnügen, und Röse rief: »Du, die ist praktisch; das sollte man sich merken; aber miserabel ist es doch, und wenn er darauf hereinfällt, ist er ein Esel, und es geschieht ihm alles recht.«

Zu Rösens außerordentlicher Befriedigung ging er aber nicht auf Adelens Vorschlag ein. Zu einer solchen behaglichen Stunde auf der Wittumspalais-Treppe, während welcher Röse und Marie sich mit Indiskretionen auf das harmloseste vergnügten, wurden sie in ihrem Treiben von August von Goethe belauscht und an die Pogwischs verraten.

Und jetzt, nachdem diese dem Sermon des jungen Schopenhauer, den er den beiden Mädchen hielt, gefolgt waren, erachteten sie es auch an der Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen und beschuldigten Rösen und Marien einer niedrigen und strafbaren Gesinnungsart, so daß diese im Laufe einer Viertelstunde des Fatalen genug erfuhren und ganz erstaunt und betreten waren; wie schnell ein Übel dem andern sich anschließen kann.

Die Pogwischs hatten die Freude, die beiden Ratsmädchen, deren glücklicher Gleichmut den Anschein hatte, als wäre er nicht zu trüben, betreten und bedrückt vor sich stehen zu sehen. Sie blieben auch den ganzen übrigen Abend nachdenklich, hatten, wie es sich von ihnen erwarten ließ, keine Reue, aber einen außerordentlichen Ärger über die Pogwischs und einen noch größeren über August von Goethe, den Schwätzer.

»Ich möchte den Menschen wahrhaftig sehen, der in solche Zettel, wie wir sie herumtragen, nicht hineinsieht. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich ihn bewundern würde, ich mache mir nichts aus solchen widernatürlichen Dingen; aber der Goethe soll schon merken, daß er geklatscht hat!« sagte Röse resolut.

August von Goethe brachte diesen Abend die beiden Mädchen nach Hause. Sie benahmen sich äußerst kühl und gehalten gegen ihn. Er erbat sich ihre Verzeihung, die sie ihm aber auf das entschiedenste verweigerten.

»Da kämen wir schön durchs Leben,« sagte Marie, »wenn es mit einer Verzeihung abgethan wäre. Was bringt zu Ehren? – Sich wehren! Sie kennen das doch, Herr von Goethe?« sagte Röse und wollte recht schnippisch sein. »Wenn das bei Ihren Freundinnen, oben bei Schopenhauers Mode ist, mir nichts, dir nichts zu verzeihen, bei uns ist es das nicht.«

»Nun, ich möchte doch wissen,« sagte August von Goethe, »ob Ihr auch so streng mit Euren vielen guten Freunden seid, mit denen man Euch allerwegen sieht.«

»Viele gute Freunde?« fragte Röse pikiert. »Wir haben drei. Da ist erstens Budang, zweitens Ernst von Schiller und drittens Franz Horny, das sind sie.«

»Drei, das ist eine schlimme Zahl, da muß einer traurig abziehen,« sagte August von Goethe.

»So, wie meinen Sie das?« fragte Röse. »Wir haben sie alle drei gleich gern, einen wie den andern.«

»Zum Beispiel verloben könntet Ihr Euch doch nicht mit allen dreien,« sagte ihr Begleiter.

»Wenn Sie das so meinen,« erwiderte Röse, »das geht freilich nicht; aber es sieht Ihnen recht ähnlich, daß Sie dergleichen, worauf kein Mensch kommen würde, denken. Ich möchte Budang sehen, wenn wir ihm das erzählen; der wird schön bös auf Sie sein; der ist sehr gegen dergleichen. Wir, Marie und ich, hassen auch Liebe und finden Leute abgeschmackt, die ewig nichts weiter im Kopfe haben, als das! Es gefällt uns gar nicht, daß Sie solche Vermutungen aussprechen, gerade von Ihnen gefällt uns das nicht, weil Sie selbst so viele gute Freundinnen hier haben.«

»Warten Sie nur, Herr von Goethe,« sagte Marie, »wir haben Ihnen unsere besten Freunde am Schnürchen hergenannt, damit Sie nicht denken, es wären ihrer zwanzig, wir werden Ihnen auch Ihre guten Freundinnen vorzählen, Sie sollen schon sehen, das werden wir Ihnen zur rechten Zeit thun.«

»Marie,« sagte Röse, »was meinst Du denn?«

Da zwinkerte Marie ihr zu, auf eine Weise, die Röse den Mut gab, im vollen Vertrauen auf ihre Schwester, sich Herrn von Goethe lachend zuzuwenden und mit ihr im Chore zu sagen: »Ja, ja, wir werden Ihnen ein Weihnachtsgeschenk machen. Nun, gute Nacht, adieu, Herr August von Goethe!«

Als die Mädchen in ihrer Stube, oben unter dem Dache, angelangt waren, konnten sie sich vor Lachen und Vergnügen kaum halten; denn Marie hatte Röse ihren Plan, der ihr auf dem Wege so durch den Kopf gefahren war, mitgeteilt und hatte von Rösen vollkommene und freudige Zustimmung erhalten. Es wurde beschlossen; Herrn von Goethe zu Weihnachten mit einem sonderbaren Geschenk zu überraschen.

Seit langer Zeit waren sie mit keiner glänzenderen Idee beschäftigt gewesen, und die, welche jetzt in Maries Kopf aufgestiegen war, schien sie beide vollkommen zu beglücken; sie konnten lange nicht zur Ruhe kommen und auch deshalb nicht, weil das aufgelöste Haar die größte Mühe verursachte. Es war über die Maßen verwirrt und zerzaust, und sie mußten sich beistehen, um es auseinander zu bekommen. Frau Rat durfte beileibe nicht erfahren, daß man es ihnen wieder aufgeflochten hatte; sie war der Meinung, daß dieses Lösen und Herumflattern dem Glanz der schönen Flechten schade; auch liebte sie es nicht, wenn ihre beiden Mädchen sich als zwei Haarungetüme in der Gesellschaft zeigten.

 

Es war vor Weihnachten, eine prächtige Winterzeit! Der Schnee lag so hoch und so beständig, wie er seit Jahren nicht gelegen.

Die Winterfreuden hatten sich zu einer Mannigfaltigkeit herausgebildet, wie seit Menschengedenken nicht.

Von den wunderlichsten, altmodischen Schlitten wimmelte es im Städtchen; denn jeder alte Schlingel von einem Schlitten, den man in gewöhnlichen Wintern nicht auf die Beine gebracht hätte, weil es sich um ein paar Tage Schneebahn nicht gelohnt hätte, war leidlich ausstaffiert worden, und so närrisch bunt und wackelig, wie er war, sauste und flog er neben hübschen anderen, nagelneuen durch die Straßen. Die Gassenjungen hatten diesen Winter eine erstaunliche Geschicklichkeit erreicht, auf die Kufen zu springen und sich von den Schlitten mitnehmen zu lassen.

Unten an der Bibliothek, auf dem großen Rutschberge geschahen Wunder und Zeichen; denn die Käsehütschen, auf denen die Sakramenter, die Gassenbuben, die Eisbahn hinabrutschten, schienen diesen Winter zu ganz anderen Geschöpfen sich umgewandelt zu haben. Sie waren heimtückisch, in ihrer Schnelligkeit unerreichbar geworden, flogen hin, wie Schwäne, wie Schneegänse, von der Bibliothek an fuhren sie über die ganze Reitwiese weg, wie im Flug an dem alten Reithaus vorbei, bis auf die festgefrorene Eisdecke der Ilm. Ob sie es heut noch zu stande bringen? Kaum mochte es einen Weimaraner geben, der nicht davon zu berichten gehabt hätte, daß ihm eine Käsehütsche mit einem unverschämten Bengel darauf, die, wie vom Himmel gefallen, auf ihn zu wetterte, an die Beine gefahren sei, mit einer Wucht, wie eine wilde Bestie. Die Straßen wimmelten von Raben und Goldammern, wie noch keinen Winter. Alles hatte den Anschein von etwas Außerordentlichem. Man spürte den erregenden Einfluß eines gewaltigen, unhemmbaren Elements.

Mit geheimem Behagen sah man die Schneewälle, die an den beiden Seiten der schmalen Wegbahnen sich auftürmten, höher und höher werden. Es gab in Weimar Wohnungen und Häuschen, die buchstäblich eingeschneit waren.

So lustig und unternehmend das Leben auf den Straßen war, so behaglich und angenehm befand man sich in den vier Wänden. Es wurde geheizt »auf Teufelsholen«, wie man sich in Weimar ausdrückt, und es ging mächtig an die Holzvorräte.

Die alten Damen hielten Spielchen und Kaffees ohne Ende; die Abende in den Familien waren wunderhübsch, und die Weihnachtserwartungen schöner als je. Es schien mit den Schneemassen ein Geist der Gemütlichkeit mit herabgekommen zu sein.

An solch einem Winternachmittag bereitete die Kummerfelden sich zum Empfang von Gästen vor. Unten in der Stube, in der die Schülerinnen am Vormittag gehaust hatten, wurde ein Tisch gedeckt; die Kummerfelden in ihrem hellen, geblümten Kleid, die Prachthaube auf dem Kopf, eine Bernsteinkette um das Handgelenk, sprang die siebenstufige Treppe, die in ihr Schlafgemach führte, hurtig auf und ab, schleppte aus einem Schubfach Tassen hervor, aus einem Beutel silberne Löffel, stach mit der Gabel den Kommodenkasten auf, in welchem sie Zucker verwahrt hielt, trabte unentwegt auf und nieder und brachte allerlei aus allen Ecken herbeigeschleppt, schüttete endlich auch frischen Tabak in die Schnupftabaksdose und stellte diese mit auf den Tisch. Aus dem gestrickten Beutel über ihrem Bette wurden Äpfel gelangt, und im warmen Ofen stand bald der Kaffee fix und fertig.

»Nun könnten sie kommen, es wäre alles so weit,« sagte die Kummerfelden und ließ sich auf eine Treppenstufe nieder, schlang die Hände um die Kniee und saß da wie der liebe Herrgott am siebenten Schöpfungstage, mußte aber so länger sitzen, als ihr lieb war; denn die Gäste kamen nicht ganz pünktlich, jedenfalls wegen des vielen Schnees.

Und während die Kummerfelden saß und lauerte, tappte bedächtig zwischen den hohen Schneewällen durch die Schützengasse, die damals noch »das Pförtchen« hieß, eine respektable Frauengestalt, bog bei der Schleuse ein und trottete mit Filzschuhen, die den Eindruck von Kähnen machten, in denen die große Frau sich behaglich, ohne daß sie sich selbst dabei anzustrengen hatte, fortschaffen ließ. Die Filzschuhe führten sie durch den wieder neugefallenen Schnee weich und geräuschlos, wie es sich von solch einer Frau ganz unwahrscheinlich und gespenstisch ausnahm. Ein frischer, voller Schneewind fuhr gegen die steifen Falten ihres Mantels, ohne sie in Schwung bringen zu können. Der Mantel hätte seinem Schnitte, seiner Ausdehnung und seinem eisenfesten Stoffe nach gut den Überkragen für einen Winteranzug des Riesen Christophorus abgeben können. Gott weiß, aus welcher Zeit er stammen mochte! Er machte den Eindruck der Unvergänglichkeit. Die große Frau, die schwer und leise, in Wollmassen gehüllt, durch den Schnee geht, heißt Fabian, aber ihr Name, unter dem man sie in den weimarischen Gassen und Straßen kennt, ist nicht dieser ehrenwerte Name, den sie als Gattin des Zinngießers Fabian trägt; sondern für jung und alt heißt sie die Rabenmutter; nicht wegen eines hartherzigen Charakterzuges gegen ihre Kinder, sondern lediglich deshalb, weil sie Winter für Winter hinaus auf den Ettersberg wandert, um den Raben Futter auszustreuen.

Sie war, wie große, unbehilfliche Leute es oft sind, gut wie ein Kind. Das wußte jedermann von ihr. Ihre Freundlichkeit aber, mochte sie in Worten oder Werken bestehen, hatte etwas Gewaltsames.

Sie liebte es, sich für andere zu plagen, verstand es, mit allem und jedem auszuhelfen, mit Kinderzeug, wo es Not that, mit Koch- und Backrezepten, mit Heilmitteln und mit gutem Rat; wußte zu einem Prozesse oder sonstigen Rechtshändeln zuzureden oder abzureden, auch mit Gelegenheitsgedichten griff sie ein, wenn es verlangt wurde, und strengte ihr poetisches Empfinden bald zu Gunsten eines Briefträgers an, der einen Neujahrswunsch seinen Kunden überbringen wollte, bald zur Verherrlichung einer Hochzeit oder Kindtaufe; verfaßte Bettelbriefe für Bedürftige, grauenhaft zum Herzen sprechend, und verwendete so mit Freuden und in bester Laune ihre Kräfte für die Menschheit.

Während wir über sie berichten, kommt sie, umtanzt von großen Flocken, ihrem Ziele näher. Sie geht jetzt über den schmalen Steg, der über den Wassergraben führt, direkt auf den Entenfang zu, in dem die Kummerfelden sitzt und lauert.

Jetzt steht Frau Fabian vor dem Häuschen und lugt in das Fenster hinein.

Richtig, da sitzt die Kummerfelden noch immer auf der Treppenstufe, und da das Warten ein saures Geschäft ist, so sieht sie griesgrämig aus.

»Na,« brummt Frau Fabian, als sie die Gastgeberin so sitzen sieht, »was fehlt ihr denn?« Die große Frau fährt unter dem Mantel vor mit der Hand, die in einem Buckskinhandschuh steckt, an dem der Zeigefinger sich durchgearbeitet hat, so gründlich, daß der Handschuh seine Spitze vollkommen verloren, und der Finger aus einem sorgsam umsäumten Strumpf hervorsieht. Mit diesem Finger pocht die große Frau mit aller Wucht gegen die Fensterscheiben, so daß die Kummerfelden auffährt und mit beiden Händen vor Schreck nach ihrer Haube greift.

»Das ist die Fabianen,« ruft sie und läuft, noch ganz desparat von dem Schreck, nach der Thüre, um zu öffnen. Ehe sie aber bis dahin gelangt, schellt es draußen, daß es der Ärmsten durch Mark und Bein dringt.

»Nun schellt sie auch noch, als ob sie nicht schon Lärm genug gemacht hätte!« murmelte die Kummerfelden. Und als sie die Thür geöffnet, da steht ihr Gast großmächtig vor ihr und schüttelt den Schnee von der Kappe, von den Schultern, aus den Falten.

»Weeß Gott, en paar Schaufeln voll!« sagte sie mit ihrer dicken, rollenden Stimme.

»Komm nur herein,« ermahnt die Kummerfelden, »Du läßt mir ja die ganze Kälte ins Haus; Du warst wohl gar auf dem Ettersberge?«

»Na ob,« bekam sie zur Erwiderung aus einem Sprühregen von Eisstückchen, Wassertropfen und Schnee heraus; die Fabianen schüttelte ihr Lori aus, wie sie ein schlangenartiges, langes Tuch zu benennen liebte, das sie so ein vier-, fünfmal um den Hals geschlungen trug, so daß ihr Hals dadurch ein runderes und kopfartigeres Ansehen bekam, als der Kopf selbst.

»Läufst Du denn immer noch herauf und fütterst die Raben?« fragte die Kummerfelden und kehrte in die Stube zurück, um dadurch ihren Gast zu veranlassen, ihr zu folgen.

»Ja wohl,« sagte diese und trat in die Wärme ein, »ja wohl. Über das arme Viehzeug! Dies Jahr sieht's wahrhaftig elend genug aus.«

Jetzt nahm sie den Mantel ab und hing ihn über einen Stuhl am Ofen und stand nun dunkellilla, feierlich mitten in der Stube. »Gucke! – Gucke!« sagte sie und hauchte in die roten Hände und betrachtete den Kaffeetisch. »Du hast ja gut aufgefahren! Wenn ich so von draußen komme, wo das Gevögel wegen eines verschimmelten Häppchens um sich hacken muß wie der Teufel, damit es andere nicht stibitzen, da hat es doch unsereins, weiß Gott, recht zufriedenstellend. Das arme Vieh! das arme Vieh!« wiederholte sie und wiegte sich dabei von einem Fuße auf den andern, daß das Haus schütterte. Sie wollte sich den Frost aus den Füßen trampeln, wie es schien. Ihre großen Filzschuhe aber hatte sie manierlich draußen vor die Thür gestellt.

»Wenn die hohe Justiz,« sagte sie immerfort trampelnd, »wenn die hohe Justiz auch einmal zur rechten Zeit ein Einsehen hätte! Ich bin doch überzeugt, daß sie irgend so einen armen Sünder sitzen haben, so einen Totschläger, Brudermörder oder sonst wen, oder wohl gar zwei, daß sie die nun jetzt richten thäten, wo sie noch Nutzen stiften können! Nä, da warten sie damit, und wenn sie die auch jetzt richten thäten – hängen lassen würden sie se doch nicht, wir kennen die Justiz, nicht den Tropfen Menschlichkeit hat se in sich, nicht den Tropfen! und keen Verständnis von nichts!«

Die Kummerfelden sagte: »Ach was, Fabianen, Du bist doch manchmal ein rechter Husar in Deinen Ansichten.«

Frau Fabian beunruhigte sich darüber nicht, sondern sprang weiter von einem Fuße auf den andern, daß es der Kummerfelden schließlich schwindelnd wurde. Währenddem huschte draußen im Schnee und im Gestöber eine kleine Person dem Steg und dem Entenfang zu. Sie huschte wie ein Rättchen so scheu, und hinter ihr her durch die Flocken und den Schneenebel da fuhr es huit, huit! Das waren Schneebälle. Die kamen angeflogen, bald von da, bald von dort, immer hinter ihr her, und kamen von den infamen Gassenbengeln, die nun einmal ein huschendes, altes Persönchen nie in Ruhe lassen können. Es ist schlecht von ihnen, aber sie lassen es nun einmal nicht. Das wußte die kleine Jungfer auch und sputete sich gewaltig. Ganz außer Atem zog sie endlich an der Schelle im Entenfang; aber wie zaghaft, wie bescheiden!

»Das ist die Jungfer Muskulus,« sagte die Kummerfelden, »die zieht anders als Du, Fabian.«

»Hat seine Richtigkeit,« erwiderte diese.

Sie saß schon über dem Kaffee und brockte; denn sie hatte nach ihrer Tour Appetit bekommen.

»Hat seine Richtigkeit,« wiederholte sie noch einmal wohlgefällig, um gerade eine Pause im Schlucken auszufüllen. »Ene Frau,« sagte sie, während die Kummerfelden die Jungfer hereinließ, »ene Frau,« sie sprach so laut, daß die Kummerfelden es draußen auch hören konnte, »ene Frau, die acht Kinder hat und en unmündigen Mann, hörst Du, Kummerfelden, die acht Kinder un en unmündigen Mann ... Ach Herrjes, was sag' ich da?« lacht sie voll und laut, »die zieht anders an der Schelle wie eine Jungfer. Übrigens,« rief Frau Fabian unter Lachen und Schlucken, »es ist nicht so ohne! Man könnte so manches Mal sagen: acht Kinder un en unmündigen Mann. Es könnte es jede Frau sagen, wenn auch nicht immer acht Kinder!«

Die Kummerfelden fuhr mit mißbilligender Kopfbewegung zwischen diese Betrachtung. »Schrei doch nicht so, Du kannst es mir ja nachher sagen.« Sie war damit beschäftigt, die Jungfer aus ihrer beschneiten Umhüllung zu wickeln.

Jetzt traten sie miteinander ein. Die Jungfer Muskulus trug eine schwarze Lockenperücke, die sie bis tief in die Stirne hineinzuziehen für gut fand, und jahraus jahrein einen Hut, geschmückt mit dem enormsten Veilchenkranz, so groß, daß er kaum hätte größer sein können.

Jetzt hingen Schneestücke in den seidenen Veilchen; die Gassenjungen hatten sie ihr zugerichtet.

»In einer Weile werden die Ratsmädchen da sein,« sagte die Kummerfelden.

»Na,« fragte die Fabian, »was wollen denn die?«

»Ja,« lachte die Kummerfelden, »wegen denen seid Ihr eingeladen. Ihr sollt mir Euren Kaffee gründlich verdienen. Die Mädchen wollen Euch allerschönstens bitten, daß Ihr ihnen bei einer Angelegenheit helfen sollt.«

»Was ist denn los?« fragte die Frau Fabian, »das wird eine schöne Pastete sein.«

»Es ist Ehre dabei einzulegen; es soll etwas zu Goethens kommen,« bekam sie zur Antwort.

»Na nu?« rief Fabian.

Nun schnitt die Kummerfelden ein geheimnisvolles Gesicht und that, als sei sie selbst nicht recht mit der Geschichte einverstanden.

Aber bald verriet sie sich, und es zeigte sich, daß sie Feuer und Flamme für den Plan war, – ganz wie die dummen Ratsmädel, und sie teilte mit, daß es sich darum handle, einen kleinen Garten zu fabrizieren aus Moos und mit einem Staket darum und einer Laube darin, gerade so einen Garten, wie die Jungfer Muskulus jeden Weihnachten welche geliefert habe, aber statt der Watteschäfchen, die sie hineinzustellen gewohnt sei, sollten Frauenzimmer in das Moos gesteckt werden.

»Diese Frauenzimmer ... wartet,« sagte die Kummerfelden, fuhr aber in ihrem Bericht nicht fort, sondern tappte die Treppe nach ihrem Heiligtum hinauf, kam mit einem Kästchen wieder zum Vorschein und stellte es vor die beiden Weiber hin.

Frau Fabian nahm den Deckel ab. »Potztausend!« rief sie, »was sollen denn die? Das sind ja Puppen! – Püppchen!«

»Na, na, na!« rief die Jungfer Muskulus, »darauf lasse ich mich nicht ein, das scheint mir denn doch bedenklich!« Dabei rückte sie sich ihre dicke schwarze Perücke zurecht und machte eine auffallend mißtrauische Miene: »Das ist ja frevelhaft, Kummerfelden, Sie wollen doch nicht Ihren Spott mit der alten Excellenz treiben?«

»Sie sein ä Schaf, Muskulusen,« antwortete die Kummerfelden, die, von Frau Fabian hingerissen, auch in das beglückende weimarische Idiom zu verfallen drohte.

»Wie werd' ich einen Spott treiben? Vergessen Sie, was ich bin, ich bin Künstlerin.«

»Man vergißt das bei Dir vollkommen, das sei zu Deiner Ehre gesagt,« brummte Frau Fabian.

»Die Muskulusen ist und bleibt ein Grünschnabel,« fuhr die Kummerfelden fort, »und hat auch in nichts kein Einsehen, wie Du vorhin von der Justiz bemerktest, Fabian.«

»Das is mit den ledigen Frauenzimmern und wenn se auch ene Perücke tragen, so dick, wie en Fußsack, es is doch ewig was Halbes,« bemerkte Frau Fabian gedankenvoll. »Nä, der Kummerfelden so was zuzumuten, daß sie de alte Excellenz nicht respektieren thäte!«

Jungfer Muskulus war unter ihrer Perücke feuerrot geworden.

»Na, nu, 's is gut,« sagte Frau Fabian. »Was kann ens dafür, wenn es unverehelicht ist? Es kann auch ens nichts dafür, wenn es en Buckel hat. Gewöhnlich,« fuhr Frau Fabian fort, »haben die Kindsmädchen so ens fallen lassen; man kann nicht genug dahinter her sein. Na, was hast Du denn nun aber mit den Döckchen vor?«

»Das handelt sich nun eigentlich,« sagte die Kummerfelden, »nicht um die alte Excellenz, sondern schon mehr um den jungen, um August von Goethe.«

»Na, sag' ich's nich,« rief Frau Fabian, »die Kummerfelden macht sich in keiner Weise enes Verstoßes schuldig, wenn's auf August geht, dem thut's nichts und schadet's nichts, im Gegenteil. Er treibt's zu arg, sag ich, und mit den Puppen, da scheint Ihr mir aufs rechte anzuspielen, auf die Frauenzimmer, meine ich.«

»Das ist's,« bemerkte die Kummerfelden, »ich möchte der Excellenz so ganz verblümt zu verstehen geben, daß es an der Zeit wäre, seinem August eine Frau auszusuchen, die dem gehörig auf dem Dache sitzt; denn das thut Not, wie wir wissen. Aber eine Geistreiche darf's nicht sein; von der Eigenschaft haben sie genug hier.«

Frau Fabian fügte hinzu: »Nur nichts scharfes mehr in die Lauge, meinte jene Köchin, die die Sauce versalzen hatte.«

»Fabian, mit Deinen Redensarten fährst Du einem immer dazwischen,« rief die Kummerfelden ungeduldig. »Ich will Excellenz Goethe zu verstehen geben, daß er eine Frau wählen soll, die auf gute Wäsche hält, die sparsam ist, die nicht mit dreinredet und, wie gesagt, August gehörig – – –« Hier zwinkerte die Kummerfelden mit den Augen. »Das sind die Ratsmädchen, die mich darauf gebracht haben, die hatten die Idee, August von Goethe ein Gärtchen mit allen seinen guten Freundinnen auszustaffieren. Ich weiß nicht, aber sie müssen etwas mit ihm gehabt haben – das schien mir so.«

»Die Krawatschen!« rief Frau Fabian wohlgefällig, »und die Püppchens haben die Mädchen wohl selbst genäht?«

»Freilich,« sagte die Kummerfelden lebhaft, »und die Hemden haben alle Zwickel, alles regelrecht.«

Jetzt packte Frau Fabian die Puppen aus.

»Na nu, seht eins an, wer ist denn die?« Sie hielt ein Püppchen in die Höhe, das ein rosa Kleid, dabei aber ganz zerrissene Strümpfe an hatte.

»Das ist ja die ... na, Ihr wißt schon, das Mädchen hat ewig zerrissene Strümpfe an. Die Löcher gucken ihr über den Rand von ihren Schuhen, wie hier genau zu sehen ist. So eine Frau bringt Unglück ins Haus und wenn sie so schön wie ein Engel wäre und klug wie eine Schlange.«

»Und die Lange, mit der kleinen Feder in der Hand?« fragte Jungfer Muskulus bescheiden.

»Das ist die Schopenhauer, die Adele,« fuhr Frau Fabian sie an, »das sieht doch jeder klar. Mit der hat's keine Gefahr nicht. Häßlichkeit entstellet immer, selbst das schönste Frauenzimmer. Mein Schatz wär se nich, die Schopenhauern. Na, nu die beiden Madams?« Sie hielt zwei Püppchen in der Hand. »Das sind zwei verehelichte; wie das die Rackersmädchen herausgekriegt haben! Das ist die Madame so und so und das die Madame die und die. Wir kennen Euch! wir wissen Gott Lob, wer Ihr sein sollt.« Währenddem sie sprach, hielt sie beide Figürchen sich selbst nahe hin und redete so auf sie ein und drohte ihnen mit dem Zeigefinger. »Und die is wohl die rechte Braut, wie sie im Märchen sagen.«

Sie hob ein Püppchen in die Höhe, das, in einer weißen Schürze und mit einem Kochlöffel in der Hand, ein hausmütterliches Aussehen hatte.

»So ist's,« sagte die Kummerfelden. »Und nun, Fabian, wenn Du es wissen willst, nachher mußt Du die Verse dazu machen; Du mußt sagen, wen jedes Püppchen vorstellen soll, und wie es sich mit jeder verhält.«

»Gott soll mich bewahren!« fuhr die große Frau auf, »das ist aber ene Zumutung. Verse, die sich gewissermaßen den goethischen müssen an die Seite stellen lassen, so beim Kaffee 'rauszuschütteln, wo die ganze Stube, mit Respekt zu sagen, voll weimarischer Gärmichel sitzt, – ich danke – und das sag' ich, wenn ich darauf einginge, was schlechtes dürfte Excellenz schon gar nicht kriegen, was sollte der denn von der Fabian denken?«

»Du darfst 'nauf in meine Stube gehen,« sagte die Kummerfelden, »da setz' Dich auf den Lehnstuhl vors Bette und bleib ruhig sitzen. Aber Du wirtschaftest mir dort nirgends herum, nicht wahr? Das kann ich nicht leiden, weißt Du was, gehe nur gleich 'nauf. Bleistift und Papier liegen schon auf der Bettdecke. Du wirst schon was 'rauskriegen, ich weiß ja, wie Dir's fleckt. Die Ratsmädchen werden auch gleich da sein; die freuen sich, wenn Du schon dabei sitzest. Proviant bekommst Du mit hinauf. Und, wenn die Not groß ist, kriegst Du, na, Du weißt schon,« die Kummerfelden zeigte auf ein Schränkchen, in dem sie ihr Schönheitswasser in Flaschen aufbewahrte. Aber nicht lauter Schönheitswasser allein.

Frau Fabian zog mit ihrer Tasse und einer großen Schnitte Kuchen die Treppe hinauf, und der furor poëticus stand schon deutlich auf der gefurchten Dichterstirn zu lesen.

Unterdessen näherten sich dem Entenfang, so frisch und leicht, wie die Schneeflocken, unsere zwei in allerbester Laune. Es giebt für junge Menschen nichts Schöneres, als im dichten Schneefall zu gehen, zu springen, zu wandeln, zu tollen. Geheimnisvoll, bedeutsam sinkt es leise, leise nieder, legt sich zart auf Falten und Gewänder und es ist, als ob vom Himmel Segen niederströme, Erfreuliches, Heiteres, Hoffnungsgefühle.

Die beiden Lustigen, die dem Entenfange zusteuerten, liefen durch den Schnee, schürften in der flockenweichen Decke mit den Füßen, daß es aufsprühte von Eiskrystallen um sie her. Sie überstürzten sich, fielen mutwillig in die frische, kalte Herrlichkeit der Länge nach hinein. Es fehlte nur noch, daß sie wie die vergnügten Hunde mit den Nasen in dem Schnee geschaufelt hätten.

Jetzt schellten sie auch am Entenfang, erst Röse, dann Marie, dann wieder Röse, wieder Marie, dabei lachend, bis die Kummerfelden sie einließ und ihnen sagte, indem sie die Mädchen auf die frischen Wangen klopfte: »Ohne Spielerei und Narrenpossen könnt Ihr doch auf der Gotteswelt nichts thun.«

Die Mädchen traten jetzt ein. Sie hatten einen Korb mit sich voll Moos und allerlei Gesparre.

»Ihr habt mich in eine schöne Lage gebracht, Ihr Racker!« rief Frau Fabian den beiden aus ihrem Lehnstuhl heraus entgegen. »Ich sitz' nun und schwitze, und das nennt die Kummerfelden einen zum Kaffee einladen.«

Röse und Marie wurden erst reichlich regaliert, dann ging's an die Arbeit. Das Gärtchen wurde in Angriff genommen.

»Eure Verse sind in guten Händen,« sagte Madame Kummerfelden, »so borstig die Fabianen auch ist, sie hat ein exquisites Herz, eine Außerordentlichkeit von einem Herzen, solche Leute sind für die Poesie. Beileibe soll man keine Böshaftigen daran lassen, die stiften nichts als Unheil.«

»Und besser wird's bei Ihnen drum noch lange nicht,« schrie Frau Fabian von oben herab. »Mit dem erschten wäre ich so weit.«

»Na los!« rief die Kummerfelden ganz erfreut.

Die große Frau trat vor auf die erste der sieben Stufen.

»Zeigt das Döckchen her mit den zerrissenen Strümpfen, auf die is es,« rief sie.

Röse hielt das Figürchen in die Höhe, und die Fabianen begann mit gewaltiger Stimme:

»Meine Liebe ist stets auf den Strümpfen,
Reißt wohl zwanzigmal des Tags ein Loch.
Meine Liebe läßt sich nicht abstümpfen,
Auch verschmäht, lieb ich dich ewig doch!

»Bravo!« rief die Kummerfelden, »das macht Dir alle Ehre.«

»Wollt ich meinen,« erwiderte Frau Fabian, lachte kurz auf und versank wieder in den Lehnstuhl.

Inzwischen wurde unten auf das lustigste gegessen und getrunken, geklebt und gepappt, und es entstand ein allerliebstes Moosgärtchen.

Die Kummerfelden sagte den Ratsmädchen, daß sie und Frau Fabian die Sache auf die Kappe nehmen würden. »Uns geschieht damit nichts. Ihr sollt es nur hineintragen und sagen: ›Eine schöne Empfehlung von der Kummerfelden.‹«

Nach einer Weile war die Fabian wieder mit einem Vers zu stande gekommen und donnerte folgendes herab, für die kleine Figur mit dem Löffel:

»Führt der Weg zu Mannes Herz
Durch die Küche ohne Scherz?
Bist Du garstig oder schön,
Mädchen! Du mußt diesen gehn.
Herz, Verstand, für Haus und Küch' –
Und – die Liebe findet sich.«

»Fabian, Du bist ein herrliches Weib!« rief die Kummerfelden ganz begeistert der Freundin hinauf. »Es steckt ein Philosoph in ihr, ich hab' es immer gesagt. Und ein Charakter ist sie, so manchen Groschen hätte unsere Fabian für Gelegenheitsverse einheimsen können, aber ihr Lebtag hat sie die Kunst, ohne Lohn zu beanspruchen, geübt, das kann keiner von all den Großen hier sagen, ja, ja, ne, ne!«

»Dank auch bestens,« rief die Fabian herab, mit einem etwas zerstreuten Ausdruck, ungefähr, als hätte sie geniest, und die Kummerfelden hätte ihr Gesundheit gewünscht.

Das sonderbare Weihnachtsgeschenk für Vater und Sohn Goethe kam allmählich in einer wunderbaren Vollendung zu stande.

Die Mädchen bauten am Gärtchen, die Fabian an den Versen weiter; unter anderen entstand ein Vers auf zwei Flammen August von Goethes, auf die Frau eines Kammerrates und die des Polizeidirektors.

Diesen Vers in seiner Kraft, Würze und Knappheit, seiner umfassenden Keckheit, mit der er zwei Damen mit einmal erledigte und auf den Frau Fabian besonders stolz war, diesen Vers wollen wir hier nicht übergehen. Er lautete folgendermaßen:

»Ob Kammer oder Polizei,
Das steht noch zu erfragen,
Wir wollen es nun einmal
Mit allen beiden wagen.«

Man war vollkommen befriedigt; Frau Fabian trank drei bis vier Liköre zur Stärkung nach ihrer schweren geistigen Anstrengung und bekam eine außerordentlich gute Laune, eine Laune, wie nur die Fabian sie haben konnte, so ausdrucksvoll und kräftig, daß es eine Freude war, und daß der Tisch, an dem man saß, nicht aus dem Schüttern herauskam, teils, weil alle um ihn her unausgesetzt lachten, und weil die Fabian vor lauter Lebenskraft zur Bestätigung ihrer Meinung oftmals mit der Faust zwischen die Tassen schlug.

»I, der Tausend,« sagte Mamsell Muskulus bewundernd, als die Frau einmal ihre Schultern statt des Tisches getroffen hatte, »wo sie hintrifft, da wächst kein Gras.«

Die kleine, scheue Muskulus war von jeder Kraftäußerung immer ganz von Bewunderung hingenommen, auch, wenn diese Kraftäußerung sich gegen sie selbst richtete. Die Ratsmädchen schafften das Gärtchen, die Puppen, die Verse noch an diesem selben Abend in die Wünschengasse, schleppten alles hinauf in ihre kleine Stube, verbargen es sorgfältig und vergnügten sich abends, als alles schlief, bei verschlossener Thür damit zu spielen, um allerhand Unsinn zu treiben, bis sie das Gärtchen endlich mit großem Stolz und vieler Vorsicht, daß sie von niemandem ertappt würden, am heiligen Abend in das Goethesche Haus trugen. Sie hatten ausgemacht, es unten, in der Leutestube mit einer schönen Empfehlung der Kummerfelden abzugeben; als sie aber die Hausthür öffneten, da kam ihnen der Geheimrat selbst entgegen. Sie blieben betroffen und verlegen mit ihrem verdeckten Werke stehen und hofften, er würde sie nicht bemerken und an ihnen vorübergehen.

Er erkannte sie aber augenblicklich und sagte: »Was bringen denn die Ratsmädchen da?«

»Excellenz,« sagte Röse, »die Kummerfelden läßt schön grüßen und hier wäre etwas.«

»Für mich?« fragte Goethe.«

»Ja, für Euere Excellenz.«

»So tragt es hinauf, Ihr schönen Kinder, ich komme mit Euch.«

Goethe ließ sie vor sich her die breite und sanftansteigende Treppe hinangehen. Als sie oben angelangt waren, öffnete er ihnen selbst die Thüre, ließ sie in das lange, gelbe Gesellschaftszimmer eintreten. Es war schon dämmerig, und Röse und Marie war es doch recht beklommen zu Mute.

»Da haben wir's,« dachte Röse, »es ist doch, als kämen wir zum lieben Herrgott mit der Dummheit da an. Viel schlimmer würde es auch nicht sein, glaub ich.« –

Goethe machte einen Tisch, auf dem einige Bücher lagen, frei. »So,« sagte er, »da steht nun Eure geheimnisvolle Gabe, wollt Ihr das Tuch abheben?«

Marie enthüllte das Werk, und als Goethe das Gärtchen sah und die Überschrift über dem Thore gelesen hatte, lächelte er; es war noch eine Aufschrift hinzugekommen, die besagte, daß hier schöne Damen versammelt seien, daß Schönheit und Geist zwar angenehm, daß man aber die nützlichen Eigenschaften beileibe nicht gering achten möge.

»Das ist ja eine artige Idee,« rief Goethe.

Und als er eins der Püppchen in die Höhe genommen und den Zettel gelesen hatte, welcher demselben an das kleine Maul befestigt war, lachte er, daß Röse und Marie ihn ganz verblüfft ansahen, denn nie hatten sie sich vorgestellt, daß der Goethe lachen könnte. Er war ihnen immer als ein majestätischer, etwas steifer, alter Herr erschienen.

»Nun, Kinder, sagt mir,« fragte er, »wer die Verse gemacht hat.«

»Die Fabianen,« antwortete Röse. »Hier nennen die Leute sie die Rabenmutter!«

»Ah die!« sagte Goethe. »Da könnt Ihr berichten, daß ich mich allerbestens bedanke für ihre artigen Verse.«

Er hielt eben das Figürchen mit den zerrissenen Strümpfen und das Hausmütterchen in der Hand und betrachtete beide.

»Ich werde das allerliebste Ding meinem Sohne heut' mitbescheren.«

Röses und Maries Achtung vor ihrem Kunstwerke war wieder sehr gestiegen, und sie fanden, daß es in Wahrheit ein wundervolles Gärtchen sei, und daß Goethens August seinen hübschen Ärger darüber haben würde.

Mit Frankfurter Brenden beschenkt, wurden sie von Goethe aufs freundlichste entlassen und liefen seelenvergnügt nach Hause.

Da ist noch viel Wunderbares passiert; aber wir wollen es hier von der alten Kummerfelden genug sein lassen. Ich hab noch so manches von ihr und der Rabenmutter geschrieben – in einem zweiten und wohl auch dritten Band der neuen Ratsmädel- und altweimarischen Geschichten – was mir mein liebes Gomelchen, das Ratsmädel, die Röse, von sich und andern Leuten, die zu der schönen, guten, altweimarischen Zeit lebten, erzählt hat. Ich hab da eine lustige Geschichte, wie die Ratsmädchen und die Kummerfelden von einem alten, sonderbaren Herrn Rat in seinem geheimnisvollen Garten geküßt worden sind und zwar, weil er alle drei nicht ausstehen konnte, und weiter: Wie sich die Kummerfelden einen alten Franzosen mit seiner Frau in dem Entenfang einlogiert hat und was die getrieben haben und dann: Wie Röse und Marie sich verliebt und verlobt haben und wie sie mit ihren Freunden Budang, Horny und Schiller bei Nacht und Sturm ausgezogen sind, um die Göchhausen spuken zu sehen, und eine düstere, rührende Geschichte von zwei Schwestern, die oben im alten Rödchen bei Weimar sich abgespielt hat; – und von Apothekers und Frau Rat Tiburtius und der Lawine – und die Geschichte vom ehrbußlichen Weiblein, das oben über Goethens Garten in einem Sommerhaus mit ihrem brummigen Gatten wohnte und diesem einen schlimmen Streich spielte – und von den behaglichen, spielerischen Leuten in der Marschallstraße, die in allen Dingen dem Schicksal über waren, und zuguterletzt, wie die Enkelin der Ratsmädchen zum Blaustrumpf wurde. –

Nun wollen wir hier nur noch erwähnen, daß die Fabian sehr entrüstet gewesen ist, als sie mit der Zeit erfuhr, daß der August von Goethe ihren guten Rat in den Wind geschlagen, indem er eine Frau nach seinem eigenen Geschmack und gegen die Ansichten der Kummerfelden und der Rabenmutter gewählt hat.

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