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Rasender Roland, Band 4

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 4 - Kapitel 8
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 4
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 4
pages438
created20150625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiundvierzigster Gesang.

Die Maßlosigkeit des Zorns beim Anblick der Mishandlung eines Freundes (1–6). Agramant und Gradasso werden von Roger erschlagen (6–11). Brandimarts Tod (12–15). Roland steht Olivern und König Sobrin bei (16–19). Abwehr eines Kritikers (20–23). Bradamante's Sorgen (24–28). Rinald erfährt Angelica's Vermählung und bricht auf, um sie in Indien aufzusuchen (28–45). Im Ardennerwalde wird er von einem Ungeheuer überfallen und von seiner Liebe geheilt (46–67). Seine Reise nach Lipadusa (68–69). Er kehrt ein bei dem Mantuaner, dessen wundervolles Schloß mit den Statuen acht schöner Frauen der Zukunft beschrieben wird (70–96). Der Mantuaner setzt ihm den Krug vor, welcher den Ehemännern die Untreue der Frauen verrät (97 – 104).

Mit welchen Zügeln, welchen Eisenringen,
Ja selbst mit welchen Ketten von Demant
Könnt ihr den Zorn in eine Regel zwingen,
Die ihn an vorgeschriebne Wege bannt,
Wenn ihr ein Wesen, das mit starken Schlingen
Die Liebe selbst euch an die Seele band,
Sei's durch Gewaltthat oder durch Verrat
Entehrung oder Tod erleiden saht?
Und mag der Zorn manchmal in solcher Glut
Entmenscht und grausam Rache sich verschaffen,
So ist er zu entschuldigen: die Wut
Pflegt der Vernunft die Herrschaft wegzuraffen.
Achilles, als er des Patroclus Blut
Hinströmen sah von den geborgten Waffen,
Ward nicht gesättigt durch des Tödters Tod,
Er mußt' ihn schleifen noch durch Staub und Kot. 195
Desselben Ereignisses ist schon im 3. Gesange, Str. 54, Erwähnung geschehen, dort aber die Niedermetzelung der spanischen Besatzung lediglich durch die Wut über die von den Spaniern an dem Commandanten der Bastei (Vestidello Pagano) verübte Barbarei motivirt. Die Spanier gebrauchten drei Tage die Bastei zu nehmen, Alfons wenige Stunden sie wiederzuerobern (1512). Der Steinwurf, dessen Ariost erwähnt, betäubte den Herzog, ohne ihm weiter zu schaden. Der Schlußvers der 5. Strophe bezieht sich auf die Annahme, daß unter den Spaniern sich noch immer viele unbekehrte Mauren befanden.  Siegreicher Herzog, solcher Zorn entfachte
Die euren damals, als der schwere Stein
Euch an die Stirne traf und jeder dachte,
Die Seele müss' aus euch gewichen sein.
Nicht schirmten vor der Wut, die da erwachte,
Die Gräben und gemauerten Bastei'n;
All eure Feinde wurden todtgeschlagen,
Und keiner blieb, die Zeitung heimzutragen.
Der Schmerz, den es bei eurem Fall empfunden,
Trieb euer Heer zu blut'ger Metzelei.
Die Schwerter hätten Maß und Ziel gefunden,
Wärt ihr wohlauf gewesen und dabei.
Euch war's genug, daß ihr in wen'ger Stunden
Zurückerobert hattet die Bastei,
Als volle Tage die Hispanier drinnen
Aufwenden mußten, um sie zu gewinnen.
Vielleicht hat göttliche Vergeltung dort,
Um euch zu hindern, jenen Wurf gestattet,
Zur Rache für den schauderhaften Mord,
Den ihr dem Feinde nachzutragen hattet:
Denn als der arme Vestidell den Ort
Und sich in ihre Hand gab, krank, ermattet,
Ward er ermordet mit unzähl'gen Wunden
Von jener Rotte, meist ungläub'gen Hunden. 196
Um kurz zu sagen das, worauf ich ziele:
Ich meine, daß kein Zorn so heftig ist,
Als wenn dein Herr, dein Blutsfreund, dein Gespiele
Mishandelt wird und du zugegen bist.
Drum wüßt' ich nicht, was mir daran misfiele,
Daß Roland sich vor Zorn selbst ganz vergißt,
Als nach Gradasso's fürchterlichem Streiche
Sein lieber Freund daliegt wie eine Leiche.
Wie der Nomadenhirt, wann zischend sich
Die graus'ge Schlange streckt, um zu entweichen,
Nachdem sie ihm sein Kind mit gift'gem Stich
Getödtet hat, beim Spiel am Fuß der Eichen,
Den Knittel schwingt, ergrimmt und fürchterlich,
So schwingt das Schwert, die Klinge sonder gleichen,
In hellem Zorn der Ritter von Anglant.
Der erste, den er trifft, ist Agramant.
Des Schwerts beraubt, gelöst des Helmes Schnalle,
Mit halbem Schild, er selber blutig rot,
Voll Wunden, (ich beschreibe sie nicht alle,)
Entkam er Brandimarten noch zur Not,
Recht wie der Sperber aus des Habichts Kralle,
Dem, neidisch oder dumm, er Fehde bot.
Nun kömmt der Graf und trifft mit sichrem Blicke,
Wo Kopf und Rumpf begrenzt wird vom Genicke. 197
Der Helm war los und unbeschützt die Stelle;
So schnitt er durch den Hals wie durch ein Rohr,
Und zuckend stürzt' an sand'ger Meeresschwelle,
Ein todter Rumpf, der königliche Mohr.
Der Geist flog nach dem Strom, aus dessen Welle
Ihn Charons krummer Haken zog empor.
Graf Roland kümmert sich um ihn nicht weiter,
Und Balisarde sucht den andren Streiter.
10  Gradasso sieht den Fall des Agramant,
Den abgehaunen Kopf, den Rumpf voll Wunden,
Und er empfindet, was er nie empfand:
Ihm bebt das Herz, die Farb' ist ihm entschwunden,
Und bei dem Nahn des Ritters von Anglant
Ahnt er sein End' und fühlt sich überwunden.
Er sucht sich nicht zu schützen vor dem Schwert,
Als nun der Todesstreich herniederfährt.
11  Der Stahl flog in die rechte Seit' und tauchte
Unter der letzten Ripp' ins Eingeweid,
Und rot vom Blut, das bis zum Schwertgriff rauchte,
Fuhr links es wieder aus, wohl spannenweit.
Man sah, um diesen Hieb zu führen, brauchte
Es wohl des stärksten Arms der Christenheit,
Um einen Herrn zu tödten, dessen gleichen
Man selten fand in allen Heidenreichen. 198
12  Der Paladin wirft sich alsbald vom Pferde,
Als hab' er an dem Siege wenig Theil,
Und weinend und mit trauriger Geberde
Läuft er zu Brandimart in aller Eil.
Rings um ihn her sieht er voll Blut die Erde,
Den Helm zerschlagen wie mit einem Beil,
Und hätt' er auch aus dünnem Bast bestanden,
Er hätte doch kaum schlechter widerstanden.
13  Der Graf enthelmt ihn, um ihn anzuschauen,
Und sieht den Schädel bis zum Nasenbein
Gespalten zwischen beiden Augenbrauen.
Doch so viel Atem geht noch aus und ein,
Daß er zum Herrn der Paradiesesauen
Noch beten kann, die Schuld ihm zu verzeihn,
Und Roland, den in Thränen aufgelösten,
Noch zur Geduld ermahnen kann und trösten.
14  »Roland,« so sprach er dort am Meeresborde,
»Schließ mich in dein Gebet; Gott hört auf dich
Und dir zugleich empfehl' ich meine Florde . . .«
»Lis« konnt' er nicht mehr sagen, und verblich.
In Lüften tönten himmlische Accorde
Und Engelstimmen, als die Seel' entwich.
Frei von des Körpers Hüll' entschwebte sie
Gen Himmel unter süßer Melodie. 199
15  Froh müßte Roland sein, daß er's erlebe,
Dies sel'ge Ende; denn er wußte ja
Daß sich der Freund zu ew'gen Höhn erhebe,
Weil er den Himmel sich ihm öffnen sah;
Sein menschlich Herz jedoch und das Gewebe
Des Sinnentrugs litt nicht, daß dies geschah,
Daß nicht ein Thränenstrom die Wange netzte
Um ihn, den Roland mehr als Bruder schätzte.
16  Sobrin war längst allein und blieb allein,
Ganz überströmt von Blut, im Felde liegen;
Denn gar zu viel des Blutes büßt' er ein,
Und seine Adern mußten bald versiegen.
Auch Oliver lag noch; sein linkes Bein
Hatt' er nicht frei und konnt' es frei nicht kriegen
Als mit Verrenkung nur und von der Last
Des Gauls, die auf ihm lag, gebrochen fast.
17  Hätt' ihm der Schwager nicht Beistand geliehn,
(Obwohl in Thränen noch, des Freundes wegen,)
Unmöglich wär's den Fuß herauszuziehn.
In solcher Marter hatt' er dagelegen,
Daß, als der Fuß frei war, er sich auf ihn
Nicht stützen konnte noch den Fuß bewegen;
Und auch das ganze Bein war so erstarrt,
Daß gehen ohne Hilf' ihm sauer ward. 200
18  Ob seines Sieges war der Graf nicht eben
Allzu erfreut: zu bitter war die Pein
Sich in den Tod des Freundes zu ergeben
Und um den Schwager sorgenvoll zu sein.
Nun fand er den Sobrin, zwar noch am Leben,
Doch war der Schatten groß, das Licht nur klein,
Und so erschöpft war er vom Blutverluste,
Daß man den nahen Tod erwarten mußte.
19  Graf Roland hob ihn auf aus seinem Blut
Und ließ verbinden ihn und sorglich pflegen
Und sprach ihm freundlich zu und macht' ihm Mut,
Als hätt' ein Blutsverwandter dagelegen.
Denn nach geschehner That war Roland gut
Und nicht gewohnt noch lange Groll zu hegen.
Er nahm der Todten Pferd' und Waffenbeute
Und ließ das übrige für ihre Leute.
20  Friedrich Fulgoso oder Fregoso, aus edlem genuesischem Geschlechte, war Erzbischof von Salerno, später Cardinal. In jüngeren Jahren hatte er die Flotte seiner Vaterstadt gegen die Korsaren der Berberei geführt. Der »tapfre Herr,« vor welchem Ariost gerechtfertigt dazustehen wünscht, ist Octavian Fregoso, der Bruder des Erzbischofs, Doge von Genua, dessen Parteihader er zu bändigen verstand.  Friedrich Fulgoso kann sich nicht erwehren
Zu zweifeln, ob dies alles Wahrheit sei.
Er hat einmal gekreuzt in jenen Meeren
Im ganzen Seerevier der Berberei
Und lief dies Eiland an mit den Galeren
Und fand so wild es und so rauh dabei,
Daß es dem Wandrer nirgend Platz vergönne,
Wo er den Fuß flach niedersetzen könne.201
21  Und (sagt er) daß auf so unebnem Raum
Sechs Ritter, noch dazu von solcher Stärke,
Zu Pferde fechten konnten, glaub' er kaum.
Auf welchen Einwand ich nun dies bemerke:
Zu jener Zeit war an des Riffes Saum
Ein Platz, der passend war zu solchem Werke,
Der aber, weil Erdbeben auf den Strand
Bergtrümmer warfen, später ganz verschwand.
22  Darum, du Licht Fulgosischen Geschlechtes,
Du klarer, allezeit lebend'ger Stern,
Wenn du vielleicht mich wegen des Gefechtes
Getadelt hast vor jenem tapfren Herrn,
Der eurer Stadt des Friedens und des Rechtes
Wohlthat bewahrt und hält die Zwietracht fern,
Dann sage jetzt ihm auch, – sei so gewogen, –
Ich hätte dies vielleicht doch nicht gelogen.
23  Als Roland aussah nach dem Himmelsrande,
Zeigte von fern ein leichtes Fahrzeug sich,
Das, mit dem Kiele nach dem Inselstrande,
Schnell segelnd durch die Meereswellen strich.
Mehr jetzt zu sagen bin ich nicht im Stande;
Denn andre Leute warten schon auf mich.
Wir wollen sehn, was sie in Frankreich machen,
Ob nach dem Sieg sie weinen oder lachen. 202
24  Wir wollen nach der treuen Jungfrau fragen,
Der ihres Lebens Glück so weit entschwand,
Nach Bradamant' und ihren schweren Plagen,
Weil sie den Eidschwur leer und eitel fand,
Den Roger leistete vor wenig Tagen
Vor unsrem und dem Heer des Agramant.
Nun sie auch hierin ihn wortbrüchig findet,
Sinkt ihre letzte Hoffnung und verschwindet.
25  Die Thränen, die ihr so geläufig waren,
Beginnen wieder und das alte Leid.
Von neuem schmäht sie Roger als Barbaren,
Schmäht sie des Schicksals Härt' und Grausamkeit.
Dann muß der Schmerz mit vollen Segeln fahren:
Den Himmel, der den Eidesbruch verzeiht,
Nicht Anstalt macht, daß er den Frevel räche,
Zeiht sie der Ungerechtigkeit und Schwäche.
26  Sie klagt Melissen an, die alles lenkte,
Flucht dem Orakeltrug, der sie bewog,
Daß sie ins Meer der Liebe sich versenkte,
Ein Meer, das nun sie ins Verderben zog.
Dann zu Marfisa kehrt sich die gekränkte
Und klagt ihr, daß ihr Bruder sie betrog,
Und schreit und läßt dem Schmerz die Zügel schießen
Und fleht um Hilf', und bittre Thränen fließen. 203
27  Marfisa zuckt die Achseln und verspricht
Zu thun, soviel in ihren Kräften stehe;
Doch glaube sie an Rogers Falschheit nicht
Und denke, daß man bald ihn wiedersehe;
Wo nicht, so werde sie, beim Sonnenlicht,
Nicht dulden, daß so schändliches geschehe:
Entweder soll' er sie bestehn im Streit
Oder erfüllen den geschwornen Eid.
28  So wird der ärmsten Schmerz etwas gelinder;
Denn minder scharf ist, wenn sie tobt, die Pein.
Nun wir gesehn, wie Bradamant' in blinder
Verzweiflung Roger schalt mit lautem Schrei'n,
Laßt uns auch zusehn, ob ihr Bruder minder
Zu leiden hat, dem gleichfalls Mark und Bein
Und jeder Puls und Nerv von Feuer wallt,
Von Amors Glut, ich meine den Rinald.
29  Ich meine den Rinald, der, wie ihr wißt,
Schon länger für Angelica gebrannt hat.
Nicht ihre Schönheit war's, so schön sie ist,
Ein Zauber war's, der es dem Ritter anthat.
Die andren Helden haben Ruhefrist,
Seit man die Kraft der Mohren übermannt hat;
Von allen Siegern bleibt Rinald allein
Gefangen und besiegt von Liebespein. 204
30  Wohl hundert Boten schickt' er nach ihr aus
Und war auch selbst auf Kundschaft ausgegangen.
Zuletzt ging er dem Malagis ins Haus,
Von dem er oft schon Hilfe hatt' empfangen.
Er ging und schüttete sein Herz ihm aus,
Gesenkten Blicks, mit dunkelroten Wangen,
Und bat ihn, daß er Auskunft ihm ertheile,
Wo die ersehnte Schöne jetzt verweile.
31  Angelica, welche den Malagis gefangen hielt, versprach ihm die Freiheit, wenn er ihr den Rinald als Liebhaber verschaffe. Die Geschichte wird in Bojardo's verliebtem Roland des weiteren erzählt.  Ob dieses wunderlichen Falles stand
Der Vetter staunend und in tiefem Schweigen.
Er wußt', es lag einst in Rinaldens Hand,
So oft er wollt', ihr Lager zu besteigen.
Und Malagis hatt' alles angespannt,
Um seinen Sinn nach diesem Ziel zu neigen;
Er hatte Bitt' und Drohung nicht gespart,
Doch niemals hatte jener ihm willfahrt.
32  Und damals galt es Freiheit zu gewinnen
Für den gefangnen Vetter Malagis;
Aus freien Stücken wollt' er's jetzt beginnen,
Wo keinen Nutzen mehr das Spiel verhieß!
Der Vetter bat ihn jetzt sich zu besinnen,
Wie schmählich er ihn damals sitzen ließ,
Als er beinah den Tod erlitten hätte
Ob seiner Weigerung, an finstrer Stätte. 205
33  Als aber stürmischer Rinald zu flehn
Anfing, daß Malagis Beistand gewähre,
Begann auch dieser deutlicher zu sehn,
Wie groß die Liebe sei, die ihn verzehre.
Die Bitten, die nicht ungehört verwehn,
Bewirken denn, daß Malagis im Meere
Den Groll um das erlittne flugs versenkt
Und nur an Hilfe für den Vetter denkt.
34  34 Er nahm sich Frist zur Auskunft, doch sein Wort
Gab zu verstehn, daß er die Hoffnung hegte,
Angelica zu finden und den Ort,
Wohin sie ihren Aufenthalt verlegte.
Nach jenem Platz ging Malagis sofort,
Wo er die Teufel zu beschwören pflegte;
Das war in wilden Bergen eine Grotte.
Er nahm sein Buch und rief die Höllenrotte.
35  Und einen Geist, der im verliebten Fache
Bewandert war, befragt' er, was es sei,
Was dies einst spröde Herz so zärtlich mache.
Da hört' er die Geschichte von den zwei
Quellwassern, deren eins die Glut entfache,
Das andre von der Glut das Herz befrei',
Und von dem Übel einer Quelle heile
Nichts als die andre mit dem Gegentheile. 206
36  Und weiter hört' er, wie zuerst Rinald
Die Fluten trank, die jede Glut vertrieben.
Aus diesem Grunde war er taub und kalt
Bei allem Flehn Angelica's geblieben.
Sein Unstern führt' ihn zu der andren bald;
Da trank er heiße Flamm' und mußte lieben;
Er mußte jene lieben, unfreiwillig,
Die er verabscheut hatte mehr als billig.
37  Sein Unstern fügt' es, daß er sich zur Plage
Aus eis'ger Quelle Feuer trank und Glut;
Denn dicht daneben trank am selben Tage
Angelica die andre, herbe Flut,
Und ihre Lieb' erlosch mit einem Schlage,
Daß er verhaßt ihr ward wie Natternbrut.
Er liebte sie, sein Trotz war ihm vergangen,
Und hoch, wie einst sein Haß, wuchs das Verlangen.
38  Den ganzen wunderbaren Fall erzählte
Der Dämon und verriet dem Malagis,
Wie bald hernach Rinaldens Auserwählte
Dem jungen Mohren alle Gunst erwies
Und mit dem Jüngling, dem sie sich vermählte,
Von Spanien aus das Abendland verließ,
Gen Indien segelnd durch entlegne Meere
Auf kühner catalanischer Galere. 207
39  Als nun der Vetter kam um den Bescheid,
Drang Malagis in ihn, die heiß begehrte
Jetzt zu verschmähn, seit sie der Niedrigkeit
Des schnöden Heiden ihre Gunst gewährte.
Auch sei sie jetzt von Frankreich schon so weit,
Daß kaum man folgen könnt' auf ihrer Fährte;
Denn mit Medor, mit ihrem Gatten sei
Sie schon auf halbem Wege nach Katai.
40  Was nun die Flucht Angelica's betraf,
So würde die sein Herz nicht sehr bedrücken;
Auch raubte der Gedank' ihm nicht den Schlaf,
Nochmals gen Morgenland ins Feld zu rücken;
Zu hören aber, daß ein niedrer Sklav
Die Erstling' ihrer Liebe durfte pflücken,
Das schmerzt' ihn so, das setzt' ihn so in Grimm,
In seinem Leben war ihm nie so schlimm.
41  Er kann nichts sagen, nicht ein einzig Wort;
Die Lippe draußen bebt, das Herz bebt drinnen;
Der Mund ist herb und wie von Gift verdorrt;
Kein Laut ist seiner Zung' abzugewinnen.
Mit einem Mal stürzt er wie rasend fort;
Die eifersücht'ge Wut jagt ihn von hinnen.
Nach großem Jammer, großem Wehgeschrei
Beschließt er aufzubrechen nach Katai. 208
42  Er geht den Sohn Pipins um Urlaub an
Und braucht als Vorwand, daß arglist'ger Weise
Gradasso mit dem Bajard ihm entrann.
Die Ehre, sagt er, zwing' ihn zu der Reise,
Damit nicht jener lügnerische Mann
Vor seinen Leuten sich berühm' und preise,
Als hab' er im Gefecht mit Waffen ihn
Erkämpft von einem fränk'schen Paladin.
43  Der Kaiser muß den Urlaub zugestehn,
So sehr er selbst und Frankreich es beklagen;
Denn keinen Grund vermöcht' er abzusehn,
Zu so gerechtem Wunsche nein zu sagen.
Guidon und Dudo wollten mit ihm gehn,
Doch hat Rinald es beiden abgeschlagen.
Er kehrt Paris den Rücken, ganz allein,
Voll heißer Seufzer und verliebter Pein.
44  Stets wiederholt er sich's zur eignen Qual,
Daß tausendmal Zeit war sie zu gewinnen.
So hohe Schönheit hatt' er tausendmal
Verschmäht aus blindem Trotz, mit blöden Sinnen.
So großes Glück stand einst in seiner Wahl,
Er aber ließ die gute Zeit verrinnen,
Und jetzt wär' er zu sterben gern bereit
Für einen Tag nur jener schönen Zeit. 209
45  Stets wieder fragt er, wie es sich erklärt,
Daß solch ein niedrer Knecht, ein armer Knabe
Der ersten Werber Lieb' und Heldenwert
Aus ihrem Herzen ausgetrieben habe.
Mit solchem Grübeln, das sein Herz verzehrt,
Eilt er gen Morgen in beständ'gem Trabe,
Des Wegs nach Basel an dem Rhein, und bald
Erreicht er der Ardennen großen Wald.
46  Schon war der tapfre Ritter meilenweit
Geritten durch dies Land der Abenteuer,
Von Dorf und Burg entfernt, durch Einsamkeit,
Die rauh und wild erschien und nicht geheuer:
Da plötzlich sank vom Himmel Dunkelheit
Und hinter Wolken schwand des Tages Feuer,
Und ihm entgegen trat aus fels'gem Spalt
Ein Ungetüm von weiblicher Gestalt.
47  Wohl tausend Augen hat es, ohne Lider,
Und schließt sie nie, auch schläft es, glaub' ich, nicht,
Und tausend Ohren, und vom Kopf hernieder
Kräuseln statt Haars sich Schlangen ums Gesicht.
Aus Höllendunkel steigen Kopf und Glieder,
Entsetzlich anzuschaun, herauf ans Licht;
Ein böser Wurm, ein Lindwurm ist ihr Schweif
Und knotet um die Brust sich wie ein Reif. 210
48  Und nun geschieht, was früher dem Rinald
Noch nie geschah in tausend Fährlichkeiten:
Als er die grauenhafte Ungestalt
Ankommen sieht und sich zum Kampf bereiten,
Da fühlt er Furcht, wie sie ein Mensch so kalt
Kaum je gefühlt hat, durch die Adern gleiten;
Doch heuchelt er gewohnten Mut und hebt
Das Schwert empor, obwohl die Hand ihm bebt.
49  Das Scheusal kömmt und auf den Ritter dringt es,
Und wohl erkennt man, seine Kraft sei groß.
Hoch in die Luft die gift'ge Schlange schwingt es,
Und stürmisch geht es auf Rinalden los,
Und rechts und links in mächt'gen Sätzen springt es.
Er stümpert nur und fehlt und stellt sich bloß;
Wohl haut er um sich in die Kreuz und Quere,
Doch fällt kein Hieb, der das Gespenst versehre.
50  Bald schnellt das Weib ihm an die Brust die Schlange,
Und unterm Harnisch wird sein Herz zu Eis;
Bald kriecht sie ins Visier, und über Wange
Und Hals hin streicht das greuliche Geschmeiß.
Am Ende währt die Sach' ihm doch zu lange;
Er spornt sein Pferd, zu fliehn um jeden Preis.
Die Höllenfurie aber ist nicht faul
Und schwingt sich hinter ihn auf seinen Gaul. 211
51  Ob links, ob rechts er seinen Renner treibe,
Stets hinter ihm bleibt die verwünschte Pest.
Er kann sich nicht losmachen von dem Weibe,
So sehr der Sporn des Pferdes Flanken preßt.
Wie Espenlaub bebt ihm das Herz im Leibe,
Und wenn die Schlang' ihn auch in Ruhe läßt,
Doch graut ihn so, daß er in seiner Not
Aufkreischt und stöhnt und wünscht, er wäre todt.
52  Zum steilsten Bergespfad, zum engsten Passe,
Ins tiefste Dickicht lenkt er seine Flucht,
Da wo die Luft am dunkelsten, die Gasse
Am rauhsten ist, am wildesten die Schlucht.
So hofft er, daß sie endlich von ihm lasse,
Die wüste, grauenhafte Höllenzucht.
Ein schlimmes Ende hätt' es wohl genommen,
Wär' zeitig nicht ein Helfer ihm gekommen.
53  Zeitig zu helfen, sieh, ein Ritter naht,
Mit lichtem Stahl gepanzert Brust und Nacken,
Der ein zerbrochen Joch als Helmzier hat
Und gelben Schild voll roter Flammenzacken,
Und ebenso verziert auf jeder Naht
Sein stolz Gewand und seines Gauls Schabracken.
Er trägt die Lanz' im Arm, am Gurt das Schwert,
Die Keul' am Sattel, aus der Feuer fährt. 212
54  Die Keul' ist ganz voll Feuers, dessen Kraft
Niemals versiegt, und keiner braucht's zu speisen;
Kein Schild, kein Panzer, noch so dauerhaft,
Beschirmt davor, kein Helm aus dickem Eisen;
So daß der Ritter leicht sich Platz verschafft,
Sobald er läßt die ew'ge Fackel kreisen.
Und nichts geringres würd' im Stande sein,
Rinald von jenem Scheusal zu befrein.
55  Als Ritter ächter Art ist er alsbald
Dem Lärm gefolgt und läßt den Renner springen,
Bis er die Furie sieht, die den Rinald
Umwickelt mit des Wurms zahllosen Schlingen,
Daß ihm zu gleicher Zeit heiß wird und kalt;
Denn nicht vermag er sie vom Gaul zu bringen.
Der Ritter kömmt und mit der Lanzenspitze
Trifft er das Weib und schleudert es vom Sitze.
56  Schnell springt sie wieder auf und kömmt gebraust
Und läßt den langen Wurm im Kreise fliegen.
Der andre wirft den Speer nun aus der Faust,
Entschlossen sie mit Feuer zu bekriegen.
Er faßt die Keul', und wo die Schlange saust,
Regnet es Hiebe, wuchtig und gediegen,
Und keine Zeit läßt er der argen Brut
Zum Wiedertreffen übel oder gut. 213
57  Indeß er sie zurücktrieb und durch Schläge
Ihr tausend Schändlichkeiten derb vergalt,
Wies er Rinald nach einem schmalen Stege,
Der zum Gebirg emporführt aus dem Wald.
Der folgt dem Rat des Helfers und dem Wege
Und wendet nicht den Blick und macht nicht Halt,
Bis er dem Feind' aus dem Gesicht entschwindet,
So steil und rauh er auch die Straße findet.
58  Nachdem der Ritter das Gespenst verjagt
Hat in den Abgrund zwischen Felsensteinen,
Wo es sich selbst zerfleischt und selbst zernagt
Und ewig muß aus tausend Augen weinen,
Erklimmt auch er den Berg, der droben ragt,
Um mit Rinald sich wieder zu vereinen,
Und kömmt ihm nach und führt und leitet ihn,
Um ihn der finstren Wildniß zu entziehn.
59  Rinald nun, als die zwei zusammenkamen,
Schwor seinem Retter ew'ge Dankbarkeit.
Nie, sagt' er, werd' in ihm die Pflicht erlahmen
Sein Leben ihm zu weihn zu jeder Zeit.
Zum Schlusse bat er ihn um seinen Namen,
Damit er wisse, wer ihn heut befreit,
Und ihn am Hof im Kreis der Paladine
So preisen könne, wie er es verdiene. 214
60  Der Ritter sagte: »Wenn ich auf der Stelle
Mich noch nicht nenne, magst du mir verzeihn.
Ich werd' es thun, sobald um eine Elle
Der Schatten wächst; bald wird's geschehen sein.«
So redend kamen sie an eine Quelle,
Die lud den Wandrer oft, den Hirten ein,
Mit sanftem Rauschen, und mit hellem Blinken,
Vergessenheit der Liebe hier zu trinken.
61  Herr, dieses Wasser, war der kalte Born,
Der alle Liebesglut zu löschen pflegte;
Hier hatt' Angelica den Haß und Zorn
Getrunken, den sie für Rinalden hegte.
Und wenn sie früher ihm im Aug' ein Dorn
Gewesen war und Abscheu ihm erregte,
So schrieb sich's von derselben Ursach her;
Denn aus dem Born getrunken hatt' auch er.
62  Als jener, der Rinald erlöste, nun
Das Wasser sah mit schattigen Gestaden,
Ließ er, vom Wege heiß, den Renner ruhn
Und sprach: »Das Rasten hier kann uns nicht schaden.«
»Nein, (sprach Rinald) nur wohl wird es uns thun.
Die Mittagssonne brennt auf diesen Pfaden,
Und jener Spuk hat mich so abgehetzt,
Daß nichts mir lieber ist als Ruhe jetzt.« 215
63  Sie saßen ab und ließen ihre Pferde
Zur Weide laufen in den nahen Wald
Und legten auf die blumenreiche Erde
Die Helme, die sie sich vom Kopf geschnallt.
Geplagt vom Durst nach alle der Beschwerde,
Lief nach dem flüssigen Krystall Rinald
Und trieb mit einem Schluck der kalten Fluten
Aus heißer Brust so Durst wie Liebesgluten.
64  Sobald der andre sah, daß sein Gefährte
Die Lippen von der weichen Flut erhob
Und der verliebte Wahn, der ihn verzehrte,
Im reuigen Gemüt plötzlich zerstob,
Reckt' er sich hoch, streng blickend, und erklärte,
Was zu erklären er vorhin verschob:
»Vernimm, Rinald, der Trotz bin ich geheißen.
Ich kam, unwürd'gem Joch dich zu entreißen.«
65  So sprach er und verschwand dem Paladin;
Verschwunden war der Ritter mit dem Rosse.
Rinald, dem dies ein großes Wunder schien,
Schaut' um und rief: »Wo bist du, mein Genosse?«
Er wußte nicht, täuscht Zauberblendwerk ihn?
Hat Malagis von seinem Dienertrosse
Ihm einen hergeschickt, um von den Ketten,
Die ihn so lang gequält, ihn zu erretten? 216
66  Ward ihm am Ende gar vom Sohn Maria's
In unaussprechlicher Barmherzigkeit
Ein Engel zugesellt wie dem Tobias,
Zu heilen seiner Augen Dunkelheit?
Ob Teufel oder Bote des Messias,
Was er auch sein mag, der ihn heut befreit,
Er dankt ihm, lobt ihn, weil ihm eines klar ist,
Daß er der Liebesfolter quitt und bar ist.
67  Angelica ist wieder wie vor Zeiten
Verhaßt ihm, daß er sie nicht würdig hält,
Um ihretwillen tausend Schritt zu reiten,
Geschweige bis ins fernste Land der Welt.
Um aber Bajard wiederzuerstreiten,
Beschließt nach Indien zu ziehn der Held,
Theils weil die Ehr' ihn spornte dies zu wagen,
Theils weil er es am Hof so vorgetragen.
68  Er kam nach Basel in den Morgenstunden,
Und eben war die Nachricht dort bekannt,
Graf Roland habe sich zum Kampf verbunden
Mit Herrn Gradasso und mit Agramant.
Die Botschaft hatte diesen Weg gefunden,
Obwohl der Graf sie selber nicht gesandt;
Ein Mann war aus Sicilien angekommen
Und hatte das erzählt, was er vernommen. 217
69  Rinald will diesen Strauß mit Roland theilen
Und muß so weit vom Ort des Kampfes sein!
Die Pferde wechselnd alle dritthalb Meilen
Spornt er und peitscht und reitet übern Rhein
Bei Constanz, steigt im Fluge zu den steilen
Alpen empor, trifft in Italien ein,
Eilt nach Verona, Mantua vorüber,
Erreicht den Po und setzt in Hast vorüber.
70  Schon war die Sonne tief am Himmelsrand,
Der erste Stern erschien am Himmelszelte,
Da sah Rinald, als er am Ufer stand,
Unschlüssig, ob er noch ein Pferd bestellte,
Ob lieber bliebe, bis das finstre Land
Im neuen Morgenlichte sich erhellte,
Da, sag' ich, sah er einen Herrn zu Pferde
Sich nähern, fein und höflich von Geberde.
71  Der grüßt' und frug mit großer Artigkeit,
Ob er verbunden sei mit einem Weibe.
Rinald versetzte: »Ja, ich hab' gefreit,«
Neugierig, was zu dieser Frag' ihn treibe.
Der andre sagte: »Gut, daß ihr es seid,«
Und dann, damit das Wort nicht dunkel bleibe,
Fügt' er hinzu: »Ich bitt' euch, folget mir
Und nehmt für diese Nacht bei mir Quartier. 218
72  »Ich will euch etwas zeigen, was ein Gatte
Gern sehen muß; ihr sollt es selbst gestehn.«
Rinalden deuchte, solch ein Ritt gestatte
Ihm wohl auf kurze Zeit zur Ruh zu gehn,
Und weil er von Natur Verlangen hatte,
Ein Abenteu'r zu hören und zu sehn,
So ließ er willig sich zu Gaste laden
Und folgte jenem nach auf neuen Pfaden.
73  Ein Bogenschuß vom Weg war noch zu reiten,
Als man vor ein gewaltig Schloß geriet;
Da sah man Knappen aus dem Thore schreiten
Mit Fackeln, daß man alles unterschied.
Rinald trat ein und sah nach allen Seiten
Und sah ein Haus, wie man es selten sieht,
So schön, so wohlgeplant in Breit' und Länge,
Daß kein Privatmann solchen Bau erschwänge.
74  Des Serpentins und Porphyrs harten Stein
Sieht man zum Thorgewölbe reich sich fügen.
Die Flügel sind von Erz, voll Bildnerei'n,
Die atmen, reden mit beseelten Zügen.
Durch einen Bogen dann tritt man hinein,
Wo Mosaiken Aug' und Sinn betrügen.
Ein Viereck folgt, von Hallen ganz umreiht,
Das hundert Ellen lang ist, hundert breit. 219
75  Ihr eignes Thor hat jede dieser Hallen,
Und liegt ein Halbrund zwischen Thor und ihr.
Den gleichen Umfang gab der Meister allen,
Doch jeder andren Schmuck und neue Zier.
Aus jedem Halbrund steigt man nach Gefallen
Hinauf, und selbst ein Packpferd ginge hier.
An jede Treppe schließt sich abermals
Ein Halbrund an, als Eingang eines Saals.
76  Die obern Halbrotunden aber ragen,
Die Thore schirmend, in den Hof hinein,
Und jede hat zwei Säulen, sie zu tragen,
Ein'ge von Erz und andre von Gestein.
Zu lange währt' es, wollt' ich alles sagen,
Die prächtigen Gemächer, groß und klein,
Und zu den Räumen, die das Auge schaute,
Auch das, was unter Grund der Meister baute.
77  Das Dachgetäfel, funkelnd von Juwelen,
Auf goldgekrönten Säulen ausgespannt;
Der Marmor fremder Länder in den Sälen,
Kunstreich gemeißelt von gelehrter Hand;
Gemälde, Bronzen, Werke nicht zu zählen,
(Obwohl im Dunkel viel dem Blick entschwand,)
Sie zeigen, daß auch zweier Königreiche
Vereinter Schatz für solchen Bau nicht reiche. 220
78  Der schönste Schmuck, die größte Kostbarkeit
In diesem Wonnesitz war eine Quelle,
Aus welcher viele Bäche jederzeit
In Fülle sprudelten die frische Welle.
Dort hielt die Dienerschaft den Tisch bereit;
Denn mitten auf dem Hof war ihre Stelle;
Man sah sie und sie selber sah hinaus
Durch vier Portale des erhabnen Bau's.
79  Ein kund'ger Meister hatte sie gemacht,
Der große Müh und Kunst dem Werke weihte.
Nach eines Zeltes Art schied sie in acht
Wandflächen sich, daß Wand an Wand sich reihte.
Ein goldner Himmel hielt sie überdacht,
Farbig von Schmelz an seiner Innenseite.
Acht Marmorbilder, eins an jeder Wand,
Trugen den Himmel mit der linken Hand.
80  Und sinnreich ließ der Meister sie das Horn
Der Amalthea in der Rechten halten,
So daß die Wasser aus der Oeffnung vorn
Murmelnd in Alabasterkrüge wallten.
Auch formt' er rings die Pfeiler um den Born
Mit großer Kunst zu hohen Fraungestalten
Verschiednen Angesichts, verschiednen Schmucks,
Doch gleich an Schönheit und an edlem Wuchs. 221
81  Zwei schöne Marmorbilder dienten diesen
Als Fußgestell, für jede Frau ein Paar,
Das, wie die offnen Lippen klar erwiesen,
Mit Singen und Musik beschäftigt war.
Gern hätte jedes Paar die Frau gepriesen,
Die seine Schultern trugen, Jahr für Jahr,
Wenn dies die Männer wären, die sie schienen;
Das sah man deutlich an Geberd' und Mienen.
82  Die untern Bilder schienen in der Hand
Stattliche lange Schriften zu entfalten,
Darauf mit großem Lob geschrieben stand
Der Name jener höheren Gestalten;
Und auch ihr eigner war unweit vom Rand
Der Rollen in nicht kleiner Schrift enthalten.
Rinald betrachtete beim Glanz der Lichter
Die Frauen nach einander und die Dichter.
83  In dieser und den nächsten Strophen werden sieben Frauen gefeiert, welche sämtlich mit dem Hause Este in naher Verbindung stehen. Lucrezia Borgia, die Gemalin des Herzogs Alfons; Isabella, seine Schwester, vermählt mit dem Markgrafen von Mantua Franz Gonzaga; Elisabeth und Leonore, Schwester und Tochter dieses Markgrafen, diese wie jene mit einem Herzog von Urbino vermählt; Lucrezia, natürliche Tochter des Herzogs Alfons und Gemalin des Hannibal Bentivoglio aus dem bolognesischen Herrengeschlechte; Diana, Tochter des Sigismund von Este; endlich eine andere Schwester des Alfons, Beatrice, Gemalin des unglücklichen Ludwig Sforza von Mailand, deren der Dichter schon im 13. Gesange Str. 62 in ähnlicher Weise wie hier Erwähnung thut. Sie starb vor der Katastrophe, die ihren Gemal in die Gefangenschaft nach Frankreich führte.
    Von den vierzehn Dichtern, welche als Verherrlicher der sieben Frauen aufgeführt werden, sind einige schon in der Stelle Ges. 37 Str. 8 ff. als Sänger des schönen Geschlechts namhaft gemacht worden, nämlich Strozzo, Cardinal Bembo, Castiglione, der vollendete Hofmann. Von den anderen genügt es zu sagen, daß sie sämtlich mehr oder minder berühmte Zeitgenossen Ariosts waren.
 
Mit hohem Lobe nennt die erste Rolle
Lucrezia Borgia, deren Sittsamkeit
Und Schönheit einst ihr Rom vorziehen solle
Allen Lucrezien der Vergangenheit.
Auf wessen Schultern ruht so ehrenvolle
Und stolze Last? Die Inschrift giebt Bescheid,
Daß Tebaldeo sie und Strozza tragen, –
Ein Orpheus und ein Linus könnt ihr sagen. 222
84  Nicht minder schön steht an der nächsten Stelle
Ein andres Bild, und dies besagt der Stein:
»Hercules' Tochter ist dies, Isabelle.
Ferrara wird durch sie beglückter sein,
Weil sie erblüht im Schutze seiner Wälle,
Als über alles Wachstum und Gedeihn,
Das ihm des Glückes Segnungen und Spenden
Künftig im leichten Lauf der Jahre senden.«
85  Die beiden, die so holde Sehnsucht zeigen
Ihr Lob zu künden in erhabnem Ton, –
Ein Nam' ist ihnen, Gianjacobo, eigen,
Calandra jener, dieser Bardelon.
Die dritt' und vierte Stell' im schönen Reigen,
Wo aus dem Zelt die schmalen Bäche flohn,
Gehört zwei Frauen, die gemeinsam haben
Heimat, Geschlecht, Ruhm, Schönheit, hohe Gaben,
86  Gehört Elisabeth und Leonoren.
Und nach der Schrift des Marmors werden die
Dereinst in Manto's schöner Stadt geboren,
Die stolz sein wird auf diese Töchter wie
Nur jemals auf Virgil, der ihren Thoren
Und Mauern doch so hohen Ruhm verlieh.
Am heil'gen Saum der erstgenannten steht
Mit Pietro Bembo Jakob Sadolet. 223
87  Meister Arelio, Castiglion, der feine,
Sind Leonorens Träger; also stand
Der Name beider auf dem schönen Steine,
Damals noch keinem, jetzt der Welt bekannt.
Dann sehn sie jene, der an Tugend keine
Voranstehn wird von allen, die ein Land
Regierten oder einst regieren werden,
Im Glücke wie in Drangsal und Beschwerden.
88  Der Renostrom, an welchem Bologna liegt, wird mit dem thessalischen Amphrysus verglichen, an dessen Ufern Apollo als Hirte verlarvt die Herden des Admet weidete.  Der Name steht in goldner Schrift zu lesen,
Lucrezia Bentivoglia, und es setzt
Die Schrift hinzu, daß einst der Ferraresen
Herzog sich als ihr Vater glücklich schätzt.
Von dieser singt so lieblich und erlesen
Camillo, daß verwundert und ergetzt
Der Renostrom aufhorcht, wie der berauschte
Amphrysus weiland seinem Schäfer lauschte,
89  Die durch Gelehrsamkeit verdunkelte Strophe sagt, daß Guido Silvestre genannt Postumo (Leibarzt des Cardinals Hippolyt und Ariost's naher Freund) seinen Geburtsort die Stadt Pesaro am Flusse Foglia (Isaurus bei den Römern), noch berühmter machen wird als sie es ohnehin schon durch den Sieg des Camillus über die Gallier war. Pesaro ist nämlich das alte Pisaurum, wo den Galliern das Gold, welches sie den Römern genommen hatten, wieder abgejagt und vom Camillus nachgewogen sein soll (aurum pensatum est). Ein alter Commentator Virgils hat von diesem pensatum aurum den Namen Pisaurum abgeleitet. – Der Doppelkranz des Postumo bezieht sich auf seinen dichterischen und seinen ärztlichen Beruf.  Und er, der am Isaurus jenen Ort,
Wo salzig wird des Flusses süße Welle,
Berühmter machen wird in Süd und Nord,
Vom Indus bis an Mauritaniens Schwelle,
Als das gewogne Gold, der Römerhort,
Davon der Name haftet an der Stelle, –
Postumo mein' ich, er, den die Camönen
Und Pallas mit zwiefachem Kranze krönen. 224
90  Moneses der Partherkönig und Juba der König von Numidien repräsentirten Ost und West.  Nun folgt Diana nach dem fünften Bilde.
»Beachtet's nicht,« so sagt der Marmorstein,
»Daß sie so stolz ausschaut; sie wird so milde
Von Herzen wie von Antlitz lieblich sein.
Ihr Lob vernehmen werden die Gefilde
Von Indien und von Spanien und der Rhein
Und des Moneses Reich und das des Juba,
Wann Calcagnin sie preist mit heller Tuba,
91  Das Wortspiel, welches an den Namen Cavallo (Pferd) anknüpft, geht im deutschen verloren.  Und Marc Cavallo, der die Musenquelle
Einst läßt entspringen auf Ancona's Strand,
Die weiland am Parnaß mit heil'ger Welle
Durch des beschwingten Rosses Huf entstand.«
Beatrix hebt die Stirn an nächster Stelle,
Darunter diese Schrift gemeißelt stand:
»Solang sie lebt, wird sie den Gatten segnen,
Sobald sie stirbt, wird Unglück ihm begegnen,
92  »Der Fluß, wo das berühmte Ambra quoll« ist der Po, mit Anspielung auf den Phaetonmythus. Phaetons trauernde Schwestern wurden Pappeln und ihre Thränen verwandelten sich in Bernsteintropfen.  »Ihm und Italien; denn es wird mit ihr
Siegreich, und ohne sie gefesselt bleiben.«
Von dieser Frau scheint ein Correggio hier
In hohem Stil zu singen und zu schreiben;
Timotheus auch, der Bendedei Zier:
Die beiden werden so die Kunst betreiben,
Daß vor Entzücken stillestehen soll
Der Fluß, wo das berühmte Ambra quoll. 225
93  Auch ohne Commentar errät man, daß diese Strophe einem persönlichsten Verhältnisse des Dichters gewidmet ist. Die gefeierte Dame hieß Alessandra Benucci; sie war vermählt mit dem Florentiner Tito Strozzi, welcher um das Jahr 1508 sie als Witwe zurückließ. Mit Beziehung darauf wird sie im schwarzen schmucklosen Gewande vorgeführt. Ariost heiratete schließlich diese seine Geliebte, heimlicher Weise, weil er als Inhaber geistlicher Pfründen die Einkünfte derselben verloren hätte, wenn die Ehe öffentlich anerkannt worden wäre.  Zwischen Beatrix und der Borgia stand
Ein Bild, in Alabaster ausgehauen.
Schlicht war der Schleier, schwarz war das Gewand,
Kein Gold und kein Juwel an ihr zu schauen;
Doch so erhaben trat sie aus der Wand,
Daß sie im Kreise reichgeschmückter Frauen
Dastand nicht minder schön als der Planet
Cytherens unter andren Sternen steht.
94  Wer sie betrachtete, der wußte nicht,
Ob Anmut mehr, ob Schönheit ihn entzücke,
Ob größre Majestät dies Angesicht,
Ob Tugend oder Geist es reicher schmücke.
»Wer reden will von dieser (also spricht
Die Inschrift) nach Verdienst, in jedem Stücke
Wird sich dem würdigsten Geschäfte weihn
Und nie mit seinem Werk am Ende sein.«
95  Trotz aller Anmut, allen Lieblichkeiten
Des schönen Bildes zeigte sich ein Zug
Des Unmuts, weil allzu bescheidne Saiten
Zu ihrem Lob' ein solcher Stümper schlug,
Wie jener eine war, der ohne zweiten
(Weswegen weiß ich nicht) sie stützt' und trug.
Der andren Namen standen all' im Steine,
Nur diesen beiden gab der Künstler keine. 226
96  Umringt von diesen Bildern dehnt sich flach
Ein länglich Rund, gepflastert mit Korallen,
Und wonn'ge Kühle weht durch das Gemach
Von jenen klaren flüssigen Krystallen,
Die aus dem Zelt hinaus als voller Bach
In eine Wiese, bunt von Blumen, fallen,
Allwo die Flut in hundert Rinnen läuft
Und das Gesträuch und zarte Gras beträuft.
97  Hier saß und plauderte der Paladin
Mit seinem art'gen Wirt beim Abendessen,
Und immer wieder bat und mahnt' er ihn,
Das, was er erst versprach, nicht zu vergessen.
Doch jedesmal wann er ihn ansah, schien
Ein schwerer Gram das Herz ihm abzupressen;
Denn immer merkt' er, daß, wenn jener schwieg,
Ein glüh'nder Seufzer seiner Brust entstieg.
98  Oft, angestachelt von der Neugier kam
Rinalden fast das Wort schon auf die Zunge,
Um ihn zu fragen; doch bescheidne Scham
Hielt es im Zügel und zurück vom Sprunge.
Als ihre Mahlzeit nun ein Ende nahm,
Da setzt' auf ihren Tisch ein hübscher Junge
Ein goldnes Trinkgeschirr, prachtvoll und fein,
Das Perlen außen trug und drinnen Wein. 227
99  Da sah der Wirt ins Antlitz seinem Gast,
Und flüchtig lächelten die ernsten Züge,
Doch war es klar, daß er zu weinen fast
Mehr als zu lachen jetzt Verlangen trüge.
Er sprach: »Worauf du so gedrungen hast,
Jetzt wird es Zeit sein, daß ich dir genüge,
Dir eine Probe zeige, die ein Mann,
Wenn er ein Weib besitzt, nur wünschen kann.
100  »Mich dünkt, der Mann muß immer spähn und fragen,
Ob seine Frau ihn liebt, ob er von ihr
Schimpf oder Ehre hat, ob andre sagen,
Daß er ein Mann sei oder nur ein Thier.
Die Hörner schänden, aber sie zu tragen
Ist eine leichte Last, unmerklich schier:
Die andren Leute sehen sie fast immer,
Nur der sie auf dem Kopf hat, merkt sie nimmer.
101  »Wer sicher weiß, sein Weib ist treu und züchtig,
Der ehrt und liebt sie doch mit größerem Recht,
Als wenn er zweifelt, ob sie falsch und flüchtig,
Und vollends wenn er weiß, die Frau ist schlecht.
Der Gatte mancher Frau ist eifersüchtig,
Die sittsam ist und gegen ihn gerecht,
Und mancher lebt in friedlichstem Behagen,
Auf dessen Kopf die schönsten Hörner ragen. 228
102  »Wenn du nun fragst, ob deine ehrlich ist,
(Du glaubst es, glaub' ich, und du mußt es glauben,
Denn ohne Proben ihrer Hinterlist
Wär' es wohl schwer die Meinung dir zu rauben,)
So kannst du selber sehn, woran du bist,
Eh andre dir's zu sagen sich erlauben:
Trink aus dem Krug, den ich nur kommen ließ,
Um dir zu zeigen, was ich dir verhieß.
103  »Trink, und alsbald wirst du erleuchtet sein.
Trägst du die Helmzier der gekrönten Sippe,
So schüttest du aufs Brustgewand den Wein,
Und nicht ein Tröpfchen kömmt auf deine Lippe;
Doch wenn dein Weib dir treu ist, trinkst du rein.
Jetzt, um dein Schicksal zu erfahren, nippe.«
So redet er und sitzt erwartungsvoll,
Daß Haimons Sohn die Brust begießen soll.
104  Beinahe schon schickt sich der Ritter an
Zu suchen, was vielleicht er ungern fände.
Er streckt die Hand aus, zieht den Krug heran,
Damit er seine Probe rasch beende.
Da fällt ihm ein, daß man nicht wissen kann,
Wie solch gefährlich Spiel zuletzt sich wende.
Doch eh ich seine Antwort kund euch thue,
Vergönnt mir, gnäd'ger Herr, ein wenig Ruhe. 229

 


 

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