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Rasender Roland, Band 4

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 4 - Kapitel 10
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 4
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 4
pages438
created20150625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierundvierzigster Gesang.

Rinalds Befreundung mit Roger, dem er Bradamante's Hand verspricht. Constantins Werbung für seinen Sohn Leo (1–18). Astolf entläßt die Nubier und kehrt nach Frankreich zurück (19–26). Empfang der Sieger und Rogers am Hofe (27–34). Bradamante's Eltern widersetzen sich der Heirat mit Roger (35–38). Bradamante's Klage (39–47). Rogers Klage (48–59). Bradamante's Gelöbniß (60–67). Ihr Gesuch an den Kaiser, daß, wer um sie werbe, sich im Kampfe mit ihr messen solle (68–71). Ihre Entfernung vom Hofe (71–75). Roger, um Leo zu tödten, reitet nach Belgrad und hilft den Bulgaren gegen die Griechen (76–104).

In niedren Hütten oft, in engen Mauern,
In Not und Trübsal, unter schwerer Last
Wird Freundschaft fester binden, länger dauern
Als in dem falschen Glanz, der üpp'gen Rast
Der Königshöfe, wo die Ränke lauern
Und Argwohn haust im prächtigen Palast,
Wo alle Menschenlieb' erstarrt in Kälte
Und Freundschaft nie sich zeigt als nur verstellte.
Daher Verträge fürstlicher Partein
So sehr zerbrechlich sich zu zeigen pflegen:
Kaiser und Papst gehn heut ein Bündniß ein
Und morgen werden sie Todfeindschaft hegen.
Denn nicht dasselbe sind der äußre Schein
Und die Gedanken, die das Herz bewegen.
Um Recht und Unrecht kümmern sie sich nie,
Und nur nach ihrem Vortheil trachten sie. 297
So wenig Raum für Freundschaft solche Herzen
Auch haben mögen, (denn sie weilt nicht dort,
Wo man bei ernsten Sachen und beim Scherzen
Nie redet ohn' ein heuchlerisches Wort,)
Wenn bittres Unglück sie in Not und Schmerzen
Zusammenführt an einem niedren Ort,
Dann werden sie von Freundschaft mehr erfahren
An einem Tag' als sonst in vielen Jahren.
Der fromme Greis auf jenem Riff verstand
Die Gäste zu verknüpfen durch die Kette
Der wahren Liebe, mit so fester Hand,
Wie man's an Höfen nicht verstanden hätte.
Von solcher Dauer war hernach dies Band,
Daß nichts es löste bis zum Sterbebette.
Der Greis fand alle wohlgesinnt und bieder,
So rein von Herzen wie des Schwans Gefieder.
Er fand sie liebenswert voll Höflichkeit,
Frei von dem Laster, das ich erst beschrieben,
Der Widersacher aller Offenheit,
Die stets die Maske vor die Stirne schieben.
Kein Angedenken an vergangnen Streit
War unter diesen Herrn zurückgeblieben;
Als wären all' aus einem Schooß entstammt,
So liebten sie einander insgesamt. 298
Die meiste Zärtlichkeit und Ehre ließ
Rinald dem jungen Roger widerfahren,
Theils weil der Jüngling kürzlich ihm bewies,
Wie kühn er sei und wie im Kampf erfahren,
Theils weil er nie zuvor auf Ritter stieß,
Die so gesittet und anmutig waren,
Doch mehr noch weil aus Gründen mancherlei
Er wußte, wie er ihm verpflichtet sei.
Er wußte, wie aus tödtlicher Gefahr
Roger den jungen Richard einst befreite,
Als ihn des Spaniers Trabantenschar
Im Bett ergriff an Flordespinens Seite,
Und wie er dann das wackre Brüderpaar,
Die Söhne Bovo's, in beherztem Streite
Den Saracenen und der schlimmen Bande
Des Bertolag entriß am Meeresstrande.
Daher Rinald sich denn verpflichtet fand
Ihn dankbar zu verehren und zu lieben
Und längst Verdruß und Kummer schon empfand,
Daß notgedrungen es noch unterblieben,
Weil einer in des Kaisers Diensten stand,
Der andre bei den Mohren war geblieben.
Jetzt da er ihn als Christen wiedersah,
Sollte geschehn, was früher nicht geschah. 299
Er war bemüht ihm liebes anzuthun
Mit Anerbietungen und Artigkeiten.
Als ihn der fromme Diener Gottes nun
So zärtlich sah, beschloß er einzuschreiten
Und kam und sprach: »Nur eins bleibt noch zu thun,
(Und zu erlangen hoff' ich's ohne Streiten,)
Daß, wie die Freundschaft zwischen euch besteht,
Ihr auch als Schwäger euch verbunden seht,
10  »Damit aus zwei Geschlechtern, deren Quellen
Man als die edelsten und reinsten preist,
Ein Stamm erwächst, die Erde zu erhellen
Mehr als die Sonn' es kann, so weit sie kreist.
Und wie zu Jahren Jahre sich gesellen,
Wird er erblühn und dauern, (wie der Geist
Mir offenbart, nicht um davon zu schweigen,)
Solang' am Himmel währt der Sterne Reigen.«
11  Und weiter redend drang der Greis in ihn,
Die Schwester Rogern zum Gemal zu geben;
Obwohl das Bitten kaum vonnöten schien,
Denn beide dachten nicht zu widerstreben.
Auch Roland und der dritte Paladin
Belobten diesen Bund; sie dachten eben,
Ganz Frankreich werde das Verlöbniß bill'gen
Und Karl und Haimon in die Ehe will'gen. 300
12  Sie wußten nicht, daß Herzog Haimon schon
Mit Karls Genehmigung für Bradamante
Verhandelt hatt' um einen künft'gen Thron.
Denn Constantin, der Griechenkaiser, sandte
Freiwerber ihm für Leo, seinen Sohn
Und Thronnachfolger einst in der Levante,
Der, eh er sie gesehn, als nur sein Ohr
Von ihrem Ruhm vernahm, sein Herz verlor.
13  Der Herzog hatt' erklärt, auf dies Begehr
Könn' er allein sich nicht mit ihm vertragen;
Er müsse seinen Sohn Rinald vorher
(Der nicht zur Zeit am Hofe sei) befragen.
Rinald, so glaubt' er, kömmt im Flug hieher,
Und solch ein Freier wird ihm wohl behagen,
Jedoch aus Achtung vor dem Paladin
Wollt' er sich nicht entschließen ohne ihn.
14  Da nun Rinald, von seinem Vater fern,
Nichts wußte von des Kaisers Anerbieten,
Versprach er Rogern dort die Schwester gern,
Wie er es selber wünscht' und alle rieten,
Ich meine Roland und die andren Herrn,
Und wie er es vernahm vom Eremiten,
Und glaubte wirklich, Haimon habe Grund
Sich sehr zu freuen über diesen Bund. 301
15  An diesem Tage blieben sie zu Gast,
Und einen Theil des nächsten, bei dem Greise.
Ihr Fahrzeug hatten sie vergessen fast,
Obwohl das Wetter günstig war zur Reise.
Dem Schiffer aber ward zu lang die Rast;
Er schickte Boten, die in solcher Weise
Zum Aufbruch diese Herrn zu treiben wußten,
Daß sie vom Klausner Abschied nehmen mußten.
16  Roger verließ den fels'gen Inselstrand,
Wo sein Exil so lange Wochen währte,
Und reichte nun zum Abschied dem die Hand,
Der ihm das Wort des wahren Heils erklärte.
Graf Roland gab ihm Hectors Kriegsgewand
Zurück und den Frontin mitsamt dem Schwerte,
Theils um ihm seine Liebe zu bezeigen,
Theils weil er wußt', es war vordem sein eigen.
17  Der »fürchterlichste Garten« ist der mehrgedachte der Fee Fallerina, welche das Schwert Balisarde, eigens um Roland zu tödten, angefertigt und mit der Kraft, gefeite Waffen zu durchschneiden, ausgestattet hatte. Roland gewann ihr in schrecklichen Kämpfen das Schwert ab.  Und o mit wie viel größrem Recht verbliebe
Der Zauberdegen bei dem Paladin,
Der heiß und schwer mit manchem scharfen Hiebe
Im fürchterlichsten Garten rang um ihn!
Und Roger hatt' ihn nur von jenem Diebe
Geschenkt erhalten mit dem Roß Frontin.
Doch hatte Roland gleich das Schwert gegeben,
Als jener bat, Rüstung und Roß daneben. 302
18  Indeß der Greis für sie um Segen flehte,
Betraten endlich sie des Schiffes Bord.
Die Ruder tauchten ein, das Segel wehte,
Und so, bei klarem Wetter, ging es fort.
Da braucht' es nicht Gelübde noch Gebete,
Und sicher lief man in Marseille's Port.
Dort laßt sie bleiben, bis in ihrer Mitte
Astolf erscheint, der sieggekrönte Britte.
19  Sobald Astolf von jenem Sieg erfahren,
Der blutig war und ohne Fröhlichkeit,
Und als vor afrikanischen Gefahren
Frankreich nun sicher war für alle Zeit,
Macht' er des Nubierkönigs Kriegerscharen
Zur Heimkehr in ihr Vaterland bereit
Auf eben jenem Weg, den sie gekommen,
Als er sie nach Biserta mitgenommen.
20  Zurückgeschickt war schon von seinem Vetter
Die Flotte, die den Heiden überwand,
Und – neues Wunder! – Balken, Maste, Bretter
(So wie das schwarze Volk ausstieg ans Land)
Verwandelten urplötzlich sich in Blätter
Und kehrten wieder in den vor'gen Stand.
Dann kam der Wind und wehte sie nach oben
Und trieb sie durch die Luft, und sie zerstoben. 303
21  Notus ist der Südwind.  Zu Fuß, zu Rosse schied aus Mohrenlanden
Des mächtigen Senapus Heergeleit,
Doch schwor Astolf vor Abzug dieser Banden
Ihm grenzenlose, ew'ge Dankbarkeit,
Weil in Person er treu ihm beigestanden
Nach aller seiner Macht und Fähigkeit.
Den wilden Notus gab er ihnen auch
Zu tragen mit im dichtverschlossnen Schlauch.
22  Im Schlauche, sag' ich, gab er diesem Heere
Den Wind, der grimm aus Süd zu stürmen pflegt,
Den dürren Sand aufwühlt gleich einem Meere
Und wirbelnd ihn empor gen Himmel fegt,
Damit er ihnen nicht den Marsch erschwere,
Bis sie den Wüstenweg zurückgelegt;
Und wann sie in dem eignen Lande seien,
Dann sollten sie ihn aus der Haft befreien.
23  Turpin erzählt, daß, als die Nubierscharen
Die Atlaspäss' erreichten, plötzlich dort
All ihre Pferde wieder Steine waren,
Und wie sie kamen, zogen sie auch fort.
Jetzt aber muß Astolf gen Frankreich fahren.
Nachdem er erst für jeden wicht'gen Ort
In Afrika gesorgt, ging er von dannen
Und ließ den Vogel Greif die Flügel spannen. 304
24  Bis nach Sardinien trug ein erster Schwung
Und ans Gestade Corsica's ein zweiter.
Von dort aus macht' er etwas links den Sprung,
Und übers Meer gen Norden flog er weiter.
Und endlich in der sumpf'gen Niederung
Der blühenden Provence hielt der Reiter,
Und mit dem Flügelthier verfuhr er dort
Nach Sanct Johannes des Apostels Wort.
25  »Das Gestirn wo alles ist, was hier vergeht,« ist nach dem, was im 34. Gesange erzählt wird, der Mond.  Befohlen hatt' ihm der Evangelist,
Daß er von dort den Greif nicht weiter sporne
Und ihm die Freiheit gönne nach der Frist
Und keinen Zaum anlege seinem Zorne.
Schon hatte das Gestirn, wo alles ist,
Was hier vergeht, den Schall geraubt dem Horne;
Denn nicht nur heiser ward es, sondern schwieg,
Seit er zu jenen Himmelshöhen stieg.
26  So that Astolf, und nach Marseille zog er,
Als Roland und der Herr von Montalban,
Der gute Held Sobrin, der bessre Roger
Und Oliver ihr Schiff im Hafen sahn.
Der Schmerz um Brandimart, noch überwog er
Die Freude, daß sie nun ihr Werk gethan,
Und dämpfte den Triumph der Paladine,
Der sonst nach solchem Sieg natürlich schiene. 305
27  Karl hatte von Sicilien schon Bericht:
Die beiden Kön'ge todt, Sobrin gefangen,
Gefallen Brandimart; und minder nicht
Hatt' er von Rogers Taufe Kund' empfangen.
Sein Herz war froh und froh sein Angesicht;
Die Last, die fürchterliche, war vergangen,
Die schwer auf seinen Schultern lag, als würde
Er nimmer sich aufrichten von der Bürde.
28  Um sie zu ehren, die er dankbar pries
Als beste Stützen seiner heil'gen Krone,
Schickt' er den Adel Frankreichs aus und ließ
Von diesem sie empfangen an der Saone.
Dann kam er selbst entgegen aus Paris,
Um ihn die Könige, Fürsten und Barone,
An seiner Seite, herrlich anzuschauen,
Die Kaiserin, umringt von schönen Frauen.
29  Der Kaiser, strahlend jetzt vor Wohlgefallen,
Die Paladine, Ritter, Clerisei,
Die Freunde, die Verwandten, die Vasallen
Begrüßten Roland und die andren drei.
Mongran' und Claramont! hört man erschallen.
Kaum war's mit den Umarmungen vorbei,
Als Roland, Oliver, Rinald sich nahten
Und Roger führend vor den Kaiser traten 306
30  Und ihn und seines Vaters Namen nannten,
Vater und Sohn an Kraft und Tugend gleich.
Und wahrlich, unsre Legionen kannten
Sein kühnes Herz und seines Armes Streich.
Marfisa kam indeß mit Bradamanten,
Ein edles Paar, an Schön' und Anmut reich,
Die Schwester ihre Arm' um Roger breitend,
Die andre scheu und sittsam sie begleitend.
31  Roger besteigt sein Roß, wie Karl begehrt,
(Denn ehrerbietig war er abgestiegen,)
Und reitet mit dem Kaiser Pferd an Pferd,
Und jede Ehre, die nach hohen Siegen
Ein Held erwarten kann, ward ihm gewährt.
Daß er sich taufen ließ, blieb nicht verschwiegen;
Denn kaum betrat der Graf das trockne Land,
So ward die Botschaft an den Hof gesandt.
32  Mit großem Jubel und Triumphgepränge
Zieht in die Hauptstadt das gesamte Heer,
Die lustig grünt im Schmuck der Laubgehänge.
Die Pferde gehn auf Teppichen einher.
Ein Blumenschauer regnet ins Gedränge
Über die Sieger, um die Sieger her,
Den Mädchen, schöne Frau'n mit vollen Händen
Aus Fenstern und von Söllern niedersenden. 307
33  In allen Straßen, wo die Helden reiten,
Stehn Pforten und Trophäen zum Empfang
Mit Bildern von den Kriegsbegebenheiten
Und von Biserta's Brand und Untergang,
Auch manches Schaugerüst für Lustbarkeiten,
Für Bühnenspiel und Masken und Gesang,
Und aller Orten prangt in goldnen Lettern
Die wahre Inschrift: unsres Reichs Errettern!
34  Beim Schalle der Trompeten und Schalmein,
Bei Harmonieen kriegerischer Klänge,
Beim Händeklatschen, Lachen, Jubelschrein
Des Volkes, dem die Straße ward zu enge,
Zog in das Schloß der große Kaiser ein,
Woselbst er nun noch manchen Tag der Menge
Der Gäste gütlich that mit Schmaus und Tanz,
Turnier und Possenspiel und Mummenschanz.
35  Jetzt gab Rinald dem Vater davon Kunde,
Daß Roger um der Schwester Hand gefreit
Und er sie zugesagt mit frohem Munde
In jener Paladin' Anwesenheit,
Die ganz wie er gedacht von solchem Bunde;
Denn was Geblüt' angeh' und Tapferkeit,
So sei kein Freier, der im ganzen Reiche
Den Roger übertreffe, nur ihm gleiche. 308
36  Verdrießlich hörte Haimon, daß der Sohn,
Ohn' ihn zu fragen, über Bradamante
Verfügen wollte, die er selber schon
Dem Sohne Constantins zu geben brannte,
Nicht einem Mann, der nichts, geschweige Thron
Und Reich, auf dieser Welt sein eigen nannte.
Weiß er denn nicht, daß Adel wenig zählt
Und Tugend wen'ger noch, wenn Reichtum fehlt?
37  Noch mehr als Haimon zürnt die Herzogin.
Anmaßend wird ihr Sohn und frech geheißen,
Und offen und geheim strebt sie dahin,
Die Tochter diesem Werber zu entreißen.
Nein, Bradamante werde Kaiserin,
Deß wird sie sich mit aller Macht befleißen.
Hartnäckig blieb Rinald; kein Jota ließ
Er ab von dem, was er zuvor verhieß.
38  Die Mutter denkt, das stolze Töchterlein
Sei ihres Sinns, und rät ihr, dreist zu sagen,
Viel besser, als den armen Mann zu frein,
Würd' ihr fürwahr der blasse Tod behagen.
Die Mutter würd' ihr nimmermehr verzeihn,
Wenn sie Rinalds Beschimpfung wollt' ertragen.
Sie möge nur fest bleiben; denn Gewalt
Und Zwang sei nicht zu fürchten von Rinald. 309
39  Die Tochter steht und schweigt; der Mut gebricht,
Dem mütterlichen Rat zu widersprechen,
Und ihre Ehrerbietung ahnt es nicht,
Daß Kinder manchmal den Gehorsam brechen.
Doch hält sie andrerseits es auch für Pflicht,
Nicht das, was sie nicht thun will, zu versprechen.
Sie will nicht, denn sie kann nicht; Amor läßt
Von Freiheit ihr auch nicht den kleinsten Rest.
40  Und weil zu Ja und Nein die Kräfte fehlen,
So seufzt sie nur, antwortet keinen Laut.
Die Thränen aber strömen, nicht zu zählen,
Als sie allein ist und sie keiner schaut.
Mitfühlen muß die Schmerzen, die sie quälen,
Das blonde Haar, des Busens zarte Haut;
Denn jenes raufend, diesen wild zerschlagend,
Redet sie also, ihr Geschick beklagend.
41  »Ich unglücksel'ge, kann ich jemals wollen,
Was sie nicht wollen, die den Willen, mehr
Als ich es darf, in mir regieren sollen?
Gilt mir mein Wille mehr als ihr Begehr?
Ist das die Achtung, die wir Eltern zollen?
Ach, welche Sünd' ist für ein Kind so schwer
Als bei der Gattenwahl den Willen dessen,
Dem es Gehorsam schuldet, zu vergessen? 310
42  »Kann meine Kindespflicht mich ärmste lehren,
Dich zu verlassen, zu vergessen dein,
Mein Roger; und das Herz hinweg zu kehren
Zu neuen Wünschen, neuem Hoffnungsschein?
Ja, oder soll Gehorsam, sollen Ehren,
Die gute Kinder guten Eltern weihn,
Nichts gelten? soll ich nichts zum Ziel mir setzen
Als meine Lust, mein Glück und mein Ergetzen?
43  »Wohl weiß ich, was ich sollte; ach, die Pflicht
Der guten Tochter hab' ich völlig inne.
Ich weiß es, doch was hilft es mir, wenn nicht
Vernunft so viel Gewalt hat wie die Sinne?
Wenn Amor sie vertreibt, die Kraft ihr bricht,
Nie duldet, daß ich wähl' und mich besinne
Auf andre Wahl, als die er selbst empfiehlt?
Wenn ich nur sag' und thu', was er befiehlt?
44  »Haimons und Beatrice's Tochter bin ich
Und, ach, bin Amors Sklavin, Amors Magd.
Von meinen guten Eltern wohl gewinn' ich
Verzeihung, wenn ich sträfliches gewagt.;
Doch wenn ich Amor kränke, wie entrinn' ich,
Daß nicht sein Grimm mich ins Verderben jagt
Daß er auch nur auf meine Gründe hörte
Und nicht alsbald mich tödtet' und zerstörte? 311
45  »Ich wollte Roger mit geduld'ger Treue
Herüber in den Schooß der Kirche ziehn
Und that es auch, und eh ich sein mich freue,
Wird andren meines Werkes Frucht verliehn.
So macht die Biene Jahr um Jahr aufs neue
Den Honigseim, und nie besitzt sie ihn.
Eh aber stürb' ich, eh es dazu käme,
Daß ich statt Roger einen andren nähme.
46  »Wenn nicht der Mutter und wenn nicht dem Vater,
Werd' ich dem Bruder doch gehorsam sein,
Der klüger ist als sie, ein bessrer Rater;
Ihm schrumpft noch nicht das Hirn vor Alter ein.
Und was Rinald verlangt, dazu erbat er
Sich Rolands Rat: so folg' ich also zwein,
Die alle Welt mehr achtet, und mit Recht,
Als unser ganzes übriges Geschlecht.
47  »Wenn sie die Blüte sind, wenn jeder glaubt,
Daß sie den Ruhm und Glanz des Hauses tragen,
Wenn sie so hoch, und höher als das Haupt
Die Füße, all die andren überragen,
Weshalb ist dann zu wollen nur erlaubt,
Was Haimon sagt, und nicht was jene sagen?
Weshalb? zumal man Rogern fest verhieß,
Was man dem Griechen unentschieden ließ.« 312
48  Wenn sich das Fräulein so mit Kummer plagt,
So hat auch Roger keine frohe Stunde.
Zwar hatte das Gerücht noch nichts gesagt,
Er aber hatte doch von allem Kunde
Und hatte schon sein Schicksal angeklagt,
Das ihm sein Brot wegnehme vor dem Munde,
Weil es ihm Macht und Reichtum nicht gewährt,
Die es in Füll' unwürdigen beschert.
49  An allen Gütern, die der Fleiß erreichen,
An allem, was Natur uns geben kann,
Besitzt er seinen Antheil, und so reichen,
Wie ihn kein andrer Sterblicher gewann.
An Schönheit müssen ihm die schönsten weichen,
An Kraft besiegt ihn kaum ein zweiter Mann,
An Edelmut, an wahrem Königsglanz
Gebürt wohl keinem mehr als ihm der Kranz.
50  Jedoch der Pöbel, der die Lorberreiser
Nach seiner Laune zu- und aberkennt,
(Und alles, bis auf eine Anzahl Weiser
Zähl' ich zu dem, was man den Pöbel nennt,
Von dem auch Päpste, Könige und Kaiser
Nicht Kron' und Scepter noch Tiara trennt,
Sondern Vernunft und Weisheit, seltne Gaben,
Die wen'ge nur von Gott empfangen haben,) 313
51  Nun dieser Pöbel also, wollt' ich sagen,
Der nichts verehrt als nur Besitz und Geld
Und nicht nach andren Dingen pflegt zu fragen
Und ohne Reichtum nichts in Ehren hält,
Nicht höchste Schönheit, heldenmüt'ges Wagen,
Nicht Körpers Kraft, nicht größte Kunst der Welt,
Nicht Geist noch Tugend, – der ist mächt'ger eben
In diesem unsren Fall als sonst im Leben.
52  Der Jüngling sprach: »Will Haimon für sein Kind
Durchaus ein Kaisertum sich ausbedingen,
So schließ' er dies Geschäft nicht so geschwind
Und gönne mir ein Jahr, um sie zu ringen.
Dann hoff' ich beid', eh dieses Jahr verrinnt,
Den Vater und den Sohn ums Reich zu bringen,
Und wenn ich ihre Kronen so gewann,
Läßt Haimon mich wohl zu als Tochtermann.
53  »Macht er dagegen jetzt den Constantin
Zum Schwiegervater meiner Bradamante,
Und will er dem Versprechen sich entziehn,
Zu dem Rinald wie Roland sich bekannte
Vor Markgraf Oliver, König Sobrin
Und jenem Heiligen, den Gott mir sandte,
Was soll ich dann thun? in Geduld mich fassen
Oder mich, eh ich's dulde, tödten lassen? 314
54  »Was soll ich thun? für diese Kränkung Rache
An ihrem Vater nehmen? Nicht allein
Daß Haß mir nicht geziemt in solcher Sache
Und der Versuch sehr thöricht könnte sein, –
Nein, auch gesetzt daß ich ihn niedermache,
Den Starrkopf, sammt der Sippschaft groß und klein,
So wird es mir doch nie mein Glück erringen,
Vielmehr um das, was ich gewünscht, mich bringen.
55  »Mein Wunsch ist doch des schönen Mädchens Liebe,
Nicht etwa, ihren Haß mir zuzuziehn,
Und wenn ich Haimon schlüg' und Dinge triebe,
Die zum Verderben ihrem Haus gediehn,
Macht' ich sie nicht zur Feindin dann und bliebe
Ihr eine andre Wahl als mich zu fliehn?
Was also soll ich thun? soll ich's ertragen?
Beim Himmel nein! eh soll man mich erschlagen.
56  Pirithous wurde vom Cerberus zerrissen, da er Proserpina entführen wollte.  »Was sag' ich? jener Leo mag verderben,
Das ist gerechter; er, der den Genuß
Des höchsten Glücks mir raubt, er möge sterben,
Und Constantin dazu: das sei der Schluß.
So theuer soll dem Paris nicht sein Werben,
Proserpina nicht dem Pirithous
Zu stehn gekommen sein, wie Rogers Groll
Den Griechen jetzt zu stehen kommen soll. 315
57  »Kannst du, mein Leben, ohne Herzenspein
Um diesen Griechen deinem Freund' entsagen?
Kann dich dein Vater zwingen ihn zu frein,
Selbst wenn die Brüder nicht zu reden wagen?
Jedoch ich fürchte, dir wird's lieber sein
Mit Haimon als mit mir dich zu vertragen,
Und eine bessre Wahl wird Cäsar dann
Dir scheinen als ein schlichter Rittersmann.
58  »Ist's möglich? kann der Name Kaiserin
Und Pomp und Glanz des Thrones so dich rühren
Und meiner Bradamante hohen Sinn
Und reine Tugend dergestalt verführen,
Daß sie gelobte Treue giebt dahin
Und los sich sagt von feierlichen Schwüren,
Statt daß sie Haimons Zorn zu trotzen wagt
Und, was sie mir gesagt hat, immer sagt?«
59  So klagte Roger in der Einsamkeit.
Bisweilen aber sprach er, wann er klagte,
So laut, daß andre, die nicht allzuweit
Vom Orte waren, hörten, was er sagte,
Und ihr, für die er litt, ward so das Leid
Gar bald bekannt, das ihm am Herzen nagte,
Und seinen Schmerz zu hören, schmerzte fast
Noch mehr als ihres eignen Kummers Last. 316
60  Doch mehr als jeder Schmerz, den sie vernahm
Von Rogers Qualen, schmerzte dieser eine,
Zu hören, wie die Furcht ihn überkam,
Daß sie den Griechen woll' und falsch es meine.
Um ihn zu trösten nun in seinem Gram
Und ihm den Wahn zu nehmen, schickt sie eine
Der treuen Kammerfraun zu Roger hin
Und läßt ihm sagen durch die Dienerin:
61  »Roger, ich werde bleiben, was ich war,
Bis in den Tod und, kann es sein, auch droben,
Ob Amor hold ist, ob des Mitleids bar,
Ob unten mich Fortuna schwingt, ob oben, –
Ein Felsen wahrer Treu', unwandelbar,
Um den die Brandung und die Winde toben,
Und nie in Stürmen noch bei glatter See
Wich ich vom Platz, noch werd' ich weichen je.
62  »Bleierner Meißel oder Feil' aus Zinn
Gräbt eher Bildwerk in des Demants Flächen,
Eh mein getreues Herz und festen Sinn
Fortuna's Schläg' und Amors Zorn zerbrechen.
Eh fließt zum Alpengipfel wieder hin
Das trübe Wasser in geschwollnen Bächen,
Eh jemals – möge was da will geschehn –
Meine Gedanken andre Wege gehn. 317
63  »Euch, Roger, gab ich alle Herrlichkeit
Über mich selbst, – vielleicht ist das kein kleines, –
Und keinem Fürsten ist mit Schwur und Eid
Ein Herz verknüpft, das treuer wär' als meines.
Kein Kaiser hält mit größrer Sicherheit
Das Regiment im Staat als Roger seines.
Euch thun nicht feste Thürm' und Gräben not,
Damit kein andrer euer Reich bedroht.
64  »Das Reich wird, ohne daß ihr Truppen dingt,
Nie Angriff sehn, dem es nicht widerstände.
Auch fürchtet nicht, daß Reichtum mich erringt;
Man kauft kein edles Herz um niedre Spende.
Nicht Rang, nicht Glanz, der einen Thron umringt,
Damit er das Gesicht des Pöbels blende,
Noch Schönheit, die so viel bei Thoren gilt,
Wird mir gefallen je wie euer Bild.
65  »Befürchtet nicht, (denn fern ist die Gefahr,)
Man könne neue Form ins Herz mir prägen;
Denn allzutief ist euer Bild fürwahr
Darein geformt: wer könnt' es fortbewegen?
Und daß mein Herz kein Wachs ist, zeigt' es klar;
Denn nicht mit einem Schlag, mit hundert Schlägen
Schlug Amor ihm die ersten Splitter ab,
Als er die Form nach eurem Bild' ihm gab. 318
66  »Das Elfenbein, den Onyx, jeden Stein,
Der hart dem Meißel trotzt, kann man zerspalten,
Jedoch die Form, die wir zuerst ihm leihn,
Kann man hernach nicht weiter umgestalten.
Mein Herz wird immer wie der Marmor sein,
Einmal geformt muß es die Form behalten.
Viel leichter ist's, daß Amor es zerschlägt,
Als andre Schönheit in dies Herz mir prägt.«
67  Zu diesen fügte sie noch manches Wort
Voll süßen Trostes und voll Lieb' und Treue,
Und litt' er tausendfachen Tod und Mord,
Dies gäbe tausend Leben ihm aufs neue.
Doch als die Hoffnung nun im sichren Port
Sich glaubte, wo kein Sturm sie mehr bedräue,
Da kam ein neues Wetter, schwarz und schwer,
Und warf sie wieder weit vom Land' ins Meer.
68  Die Jungfrau nämlich, brennend vor Begier,
Noch mehr zu thun, als Roger hofft' und dachte,
Ließ alle Scheu beiseite, die in ihr
Sonst mächtig war; ihr alter Mut erwachte,
Und kühn zum Kaiser tretend sprach sie: »Sire,
Wenn je ich etwas gut und löblich machte
Für eure Majestät, so mögt ihr nun
Mir ein Geschenk zu gönnen wohl geruhn. 319
69  »Und eh ich deutlich sag', um was ich flehe,
Gebt euer fürstlich Wort mir und versprecht
Mir's zu gewähren, und hernach ersehe
Mein Kaiser, daß es gut ist und gerecht. –«
»Daß ich, mein theures Kind, dir zugestehe,
Was du dir wünschest, ist dein gutes Recht,«
Versetzte Karl; »ich schwör', ich will's gewähren,
Solltest du auch ein Stück des Reichs begehren.«
70  »Dies ist's, was ich von meinem Herrn begehre,
Nicht zuzulassen, daß ein Mann mich freit,
(So fuhr sie fort,) der nicht sich erst bewähre,
Daß mehr' er könn' als ich im Waffenstreit.
Wer mich verlangt, erprobe mit dem Speere
Oder dem Schwerte seine Tapferkeit.
Wer mich zuerst besiegt, soll heim mich führen;
Besieg' ich ihn, klopf' er an andre Thüren.«
71  Der Kaiser sagte mit vergnügten Mienen,
Daß dies Verlangen ihrer würdig sei;
Sie könne ruhig sein: um ihr zu dienen,
Nehm' er in jedem Punkt für sie Partei.
Nicht heimlich war die Zwiesprach zwischen ihnen,
Und zuzuhören stand auch andren frei;
Am selben Tage hatten schon die Alten,
Beatrix und der Herzog, Kund' erhalten. 320
72  Die waren sehr erbost und angethan
Von dieser Botschaft, die man ihnen brachte,
Da sie aus Bradamante's Antrag sahn,
Daß sie nach Roger mehr als Leo trachte.
Und schnell, um zu vereiteln diesen Plan,
Auf den die Tochter schlau sich Rechnung machte,
Lockten die Eltern sie vom Hofe fort
Und führten sie mit sich nach Rochefort.
73  Dies war ein Schloß, das Haimon vor nicht lang
Empfangen hatt' aus seines Lehnsherrn Händen,
Das zwischen Carcassonne und Perpignan
Am Meere lag auf schroffen Felsenwänden.
Dort hielt man sie gleichsam in Haft und Zwang,
Um später sie nach Griechenland zu senden,
Damit sie dort, von ihrem Roger fern,
Den Prinzen nehme, ungern oder gern.
74  Sittsamer war ein zweites Mädchen kaum,
Wie keine tapfrer war und keine stärker.
Man ließ ihr ein- und auszugehen Raum,
Und ohne Wachen blieben Thür und Erker;
Doch fügte sie gehorsam sich dem Zaum
Des Vaters. Aber lieber Tod und Kerker
Und Folter zu bestehn, nahm sie sich vor,
Als den zu lassen, dem sie Treue schwor. 321
75  Als nun Rinald erkennt, daß ihm die Alten
Die Schwester weggeführt mit Hinterlist
Und daß er über ihre Hand zu schalten
Nicht mehr vermag, sein Wort vereitelt ist,
Da schilt er so und wird so ungehalten,
Daß er die Rücksicht eines Sohns vergißt.
Haimon indeß fragt wenig nach dem Schelten;
Sein Wille soll für seine Tochter gelten.
76  Nach römischem Hofstil ist augustus das Prädicat der lebenden, divus der verstorbenen Kaiser.  Auch Roger hört's und ist in großer Not:
Er muß, so scheint's, die Braut verloren geben.
Sie kann dem Bitten und dem Machtgebot
Nicht widerstehn, wenn Leo bleibt am Leben.
Im Herzen still beschließt er Leo's Tod;
Augustus mag zum Divus sich erheben,
Und – täuscht die Hoffnung nicht – so soll zugleich
Der Vater fallen und des Vaters Reich.
77  Ein weißes Einhorn in Rot war das Wappen der Este, ehe der weiße Adler von ihnen angenommen wurde.  In Hectors Harnisch kleiden ihn die Knappen,
Den er im Kampf dem Mandricard entwand.
Dann satteln sie Frontin, den guten Rappen;
Doch tauscht er Schild und Helmzier und Gewand.
Den weißen Aar im himmelfarbnen Wappen
Verschmäht er für die Fahrt nach Griechenland;
Das Einhorn wählt er sich zum Wappenbilde,
Weiß wie der Lilienkelch, im roten Schilde. 322
78  Den treusten seiner Knappen, keinen zweiten,
Gesellt er sich auf seiner Reise bei
Und schärft ihm ein, ihn schweigsam zu begleiten
Und nie zu sagen, daß er Roger sei.
So, über Maas und Rhein und weiter reiten
Nach Oesterreich und Ungarn diese zwei;
Dann längs des Ister, rechts vom Strome, traben
Sie weiter, bis sie Belgrad vor sich haben.
79  Wo in den Donaufluß die Save fällt,
Um dann mit ihm sich nach der See zu biegen,
Sieht er ein großes Lager und Gezelt,
Darüber kaiserliche Banner fliegen.
Denn Constantin lag eben jetzt im Feld,
In Belgrad die Bulgaren zu bekriegen.
Mit aller seiner Macht war in Person
Der Kaiser dort, und Leo auch, sein Sohn.
80  In Belgrad selbst und draußen allerwegen
Vom Berg herab bis an die Uferau
Steht der Bulgar, dem Constantin entgegen,
Und beide Völker trinken aus der Sau.
Der Grieche wollte just die Brücke legen,
Und der Bulgar verhinderte den Bau,
Als Roger eintraf, und im besten Raufen
Fand er auf beiden Seiten schon die Haufen. 323
81  Die Griechen waren vierzig gegen zehn
Und hatten Fahrzeug' in den Fluß gezogen
Und schienen stürmisch drauf und dran zu gehn,
Als wollten sie gerade durch die Wogen.
Indeß marschirte Leo ungesehn
Vom Flusse weg durchs Land in weitem Bogen
Und kehrte dann zum Fluß zurück und schlug
Die Brück' und kam herüber schnell genug.
82  Und nun, mit Fußvolk und mit Reiterei,
Die ihrer volle zwanzigtausend waren,
Ritt er den Fluß entlang, und mit Geschrei
Stürmt' alles in die Flanke der Bulgaren.
Der Kaiser, als er merkte, Leo sei
Am linken Ufer mit den ganzen Scharen,
Ließ Brück' an Brücke legen, Boot an Boot,
Und rückte vor mit vollem Aufgebot.
83  Der König der Bulgaren hieß Vatran,
Ein kluger Feldherr und von tapfrem Mute.
Was Menschen möglich ist, hatt' er gethan,
Damit der Angriff ihn nicht überflute;
Vergebens! Leo kömmt ihn zu umfahn
Mit starker Hand und wirft ihn von der Stute,
Und weil er die Gefangenschaft verschmäht,
Wird er von tausend Schwertern weggemäht. 324
84  Erst hielten die Bulgaren wacker Stand;
Nun, da sie ihres Fürsten Tod gewahren,
Sieht man, anstatt dem Feinde zugewandt,
Die Stirnen da, wo erst die Rücken waren.
Roger, der sich umringt von Griechen fand
Und diese Flucht sah, wollte den Bulgaren
Beistehen und besann sich nicht zu sehr:
Er haßte Constantin, Leo noch mehr.
85  Er spornt Frontin, und der, wie Windeswehen,
Fliegt weit vor allen andren Rennern her,
Bis er sie einholt, die das Feld verschmähen,
Bergan sich flüchtend vor dem Griechenheer.
Er hält die Flücht'gen an, daß sie die Zehen
Dem Feind zukehren, senkt dann selbst den Speer
Und stürmt entgegen nun den Griechenrittern,
Daß Jupiter und Mars im Himmel zittern.
86  Der erste, den er anlief mit dem Speere,
Trug auf dem Waffenrock in Karmesin
Mit Gold gestickt und Seiden eine Aehre
Mit ihrem Stengel, Hirse wie es schien.
Das war des Kaisers Neff', und so als wäre
Sein Sohn der Jüngling, liebt' ihn Constantin.
Harnisch und Schild zerstob in tausend Stücken,
Als Rogers Speer ihn traf durch Brust und Rücken. 325
87  Den läßt er da und Balisarde schwingt er
Nun auf den nächsten Troß und sprengt hinein,
Und jetzt auf diesen, jetzt auf jenen springt er,
Schlägt dem den Schädel, dem die Rippen ein.
Hier in der Brust, dort in der Weiche schminkt er
Den Degen, treibt ihn jetzt durchs Schlüsselbein,
Mäht Schultern, Hüften, Beine, Arm' und Hände,
Und wie ein Fluß rinnt Blut durch das Gelände.
88  Bald ist nicht einer in der ganzen Schar,
Der fechten möchte; Schrecken lähmt die Glieder.
Die Schlacht erhält, die schon verloren war,
Ein neues Ansehn, und ermutigt wieder
Kehrt seine Stirn zum Angriff der Bulgar,
Der eben floh, und wirft die Griechen nieder.
Mit einem Schlage löst sich alle Zucht,
Und alle Banner wenden sich zur Flucht.
89  Leo Augustus war, als er die Schlacht
Verloren sah, auf einen Berg gestiegen
Und gab voll Schreckens und Betrübniß Acht,
(Denn dort sah er die Ebne vor sich liegen,)
Wie jener eine Held die ganze Macht
Des Kaisers schlug mit wunderbaren Siegen,
Und notgedrungen, was er selbst auch litt,
Pries er den Mann, der so gewaltig stritt. 326
90  Wohl ward ihm durch des Ritters Tracht und Zeichen
Und durch die goldverzierten Waffen klar,
Der Krieger, wenn er auch mit mächt'gen Streichen
Dem Feinde beistand, sei doch kein Bulgar.
Erstarrt sah er die Thaten ohne gleichen
Und dachte wohl, daß aus der Himmelsschar
Ein Engel niederstieg, um Gott zu rächen
Für Griechenlands unzählige Verbrechen.
91  Und weil er edel war und groß und gut, –
Statt, wie die meisten thäten, ihm zu grollen,
Verliebt' er sich in seinen Heldenmut
Und hätte nimmermehr ihn kränken wollen.
Und flösse sechsmal mehr vom Griechenblut,
Hätt' er sein halbes Reich verlieren sollen,
Es würd' ihm nicht so sehr zu Herzen gehn,
Als wenn er diesen müßte sterben sehn.
92  Wie Kinder, die vom theuren Mütterlein
Gezüchtigt werden und hinausgetrieben,
Nicht nach der Schwester und dem Vater schrein,
Nein, wiederkommen und die Mutter lieben,
So kann auch Leo, als der Griechen Reihn
Vor Rogers Degen fallen und zerstieben,
Ihn drum nicht hassen: der Bewundrung Sporn
Treibt mehr zur Lieb' als der Verlust zum Zorn. 327
93  Roger jedoch zu lieben und zu preisen,
Lohnt sich nur schlecht für diesen edlen Herrn;
Denn Roger haßt ihn, brennt es zu beweisen
Und tödtete mit eigner Hand ihn gern.
Er läßt nach ihm sein Aug' im Felde kreisen
Und fragt und forscht. Jedoch der gute Stern
Und auch die Klugheit des erfahrnen Griechen
Hält diesen fern vom Weg des fürchterlichen.
94  Leo befahl den Rückzug mittlerweil,
Eh Roger ihm die letzten hab' erschlagen,
Und schickt zu Constantin in aller Eil,
Er solle schnell und ohne viel zu fragen
Über den Fluß zurückgehn; wenn er heil
Ins Lager komme, sei von Glück zu sagen.
Er selbst zog mit dem Reste seiner Schar
Zur Brücke, wo er hergekommen war.
95  Doch unter dem Bulgarenschwerte sanken
Noch viele hin auf Hügeln und auf Aun,
Und setzte nicht der Fluß dem Sieger Schranken,
Er würd' auch noch die letzten niederhaun.
Von Brücken stürzten viele, die ertranken,
Und mancher lief weit weg, ohn' umzuschaun,
Um an die Furt des Stromes zu gelangen,
Und viele schleppte man zur Stadt, gefangen. 328
96  Als nun der Streit zu Ende war gestritten,
In welchem der Bulgar Unheils genug,
Nachdem der König todt war, hätt' erlitten,
Wenn nicht der Held für sie die Feinde schlug,
(Den wackren Helden mein' ich, der inmitten
Des roten Schilds das weiße Einhorn trug,)
Da kamen, die den Sieg gesehen, alle
Zum Sieger mit Triumph und Jubelschalle.
97  Die einen grüßen ihn, die andren knien,
Noch andre küssen ihm die Füß' und Hände.
Ein jeder drängt sich nah heran an ihn,
Als würde selig, wer ihm nahe stände,
Ihn gar berührte; denn den Leuten schien
Er ein Geschöpf, das Gott vom Himmel sende.
Und alles Volk begann laut aufzuschrein,
Er soll' ihr Haupt, ihr Fürst, ihr König sein.
98  Roger versetzte, wenn man es begehre,
Woll' er es sein, doch Kron' und Hermelin
Könn' er für jetzt nicht anthun, und es währe
Ihm auch zu lang', in Belgrad einzuziehn;
Denn ehe Leo weiter mit dem Heere
Abrück', um übers Wasser zu entfliehn,
Woll' er ihm nach, nie weichend von der Fährte,
Bis er ihn fass' und tödte mit dem Schwerte: 329
99  Er sei ja nur, um diesem Wunsch genug
Zu thun, dreihundert Meilen weit geritten.
So ließ er die Versammlung stehn und schlug
Den Weg ein, welchen Leo schon beschritten,
Hinstrebend nach der Brücke wie im Flug,
In Furcht vielleicht, er sei schon abgeschnitten.
In aller Eile folgt' ihm Roger nun,
Ohn' erst sich nach dem Knappen umzuthun.
100  Indeß war Leo weit vorausgeflohn,
(Denn eher Flucht als Rückzug war's zu nennen).
Der Weg war frei noch, und der Kaiserssohn
Ließ Brück' und Schiffe hinter sich verbrennen.
Als Roger ankam, war die Sonne schon
Hinab und Obdach nirgend zu erkennen.
Er trabte weiter, denn der Mond schien hell,
Doch fand er kein Gehöft und kein Castell.
101  Und ohne abzusteigen, ritt er fort,
Da kein Quartier sich bot, das ihn empfange.
Zur linken endlich sah er einen Ort,
Als sich die Sonn' erhob zu neuem Gange.
Und er beschloß den Tag zu rasten dort,
Damit Frontin zu seinem Recht gelange,
Der ohne Futter, ohne zu verschnaufen,
Die Nacht hindurch den weiten Weg gelaufen. 330
102  Ungardo war der Herr in Stadt und Schloß,
Ein Günstling Constantins und treuer Diener,
Der eine Schar zu Fuß und auch zu Roß
Gestellt hat zu dem Heer der Byzantiner.
In diesen Ort, der nicht sein Thor verschloß,
Kam Roger, und so gut empfangen schien er,
Daß er nicht nötig fand in West und Ost
Quartier zu suchen oder bessre Kost.
103  Zur selben Herberg kam auch kurz vor Nacht
Ein Ritter aus Romania geritten;
Der war dabei gewesen in der Schlacht,
Die Roger den Bulgaren hatt' erstritten,
Und Roger hätt' ums Haar ihn umgebracht,
Und Angst, unmenschliche, hatt' er erlitten.
Er bebte noch, als ob er in der Nähe
Stets noch den Ritter mit dem Einhorn sähe.
104  Als er den Schild nun sah, wußt' er sofort,
Der Ritter, der den Schild ins Haus getragen,
Sei eben jener, der den großen Mord
Verübt hab' und das Griechenheer geschlagen.
Er lief aufs Schloß und bat um Einlaß dort,
Um dem Gebieter wichtiges zu sagen,
Und was er sagte, als er Einlaß fand,
Wird euch im folgenden Gesang bekannt. 331

 


 

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