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Rasender Roland, Band 3

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 3 - Kapitel 9
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 3
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 3
pages406
created20150617
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Zweiunddreißigster Gesang.

Marfisa kömmt nach Arles (1–9). Bradamante, eifersüchtig auf Marfisa, sucht diese und Roger auf (10–49). Sie trifft die Gesandtschaft aus Island (50–60). Ihr Abenteuer in Tristans Schloß (61–110).

Jetzt fällt mir ein, ich hätte singen sollen
(Denn ich versprach es und vergaß es dann)
Von einem Argwohn, der sich unheilvollen
Eingang in Bradamante's Herz gewann.
Er fiel mit scharfem Zahn und giftgeschwollen
Weit schlimmer sie als jener andre an,
Der bei den Worten, welche Richard sagte,
In ihre Brust schlich und am Herzen nagte.
Anstatt von dem zu singen, schweift' ich ab,
Weil mich Rinald auf andre Dinge brachte
Und dann Guidon mir viel zu schaffen gab,
Der unterwegs ihn etwas schwitzen machte.
Wie eins dann aus dem andren sich ergab,
Kam's, daß ich nicht an Bradamante dachte.
Nun fällt's mir ein, und gleich will ich's vermelden,
Eh ich den Kampf erzähl' der beiden Helden. 257
Doch erst bedarf's, um alles recht zu deuten,
Noch eines kurzen Worts von Agramant,
Der sich nach Arles zog mit seinen Leuten,
Den Überresten aus dem großen Brand.
Die Festung lag zum Sammeln der zerstreuten
Günstig, für Nachschub auch und Proviant:
Sie liegt am Fluß im Seegebiet, und leicht
Ist Afrika, und Spanien auch, erreicht.
Aus seinem ganzen Reich verschrieb Marsil
Fußvolk und Reiterei, theils gut, theils kläglich.
In Barcelona macht' er jeden Kiel
Durch Zwang und Güte für den Krieg beweglich.
Dem Agramant war keine Müh zuviel,
Zu hoch kein Aufwand; Kriegsrat hielt er täglich.
Inzwischen drückten Steuern ohne Maß
Zu Boden fast die Städte Afrika's.
Umsonst bot Agramant dem Rodomont,
Damit er ihn an seiner Seite habe,
Die eigne Muhme, Tochter des Almont,
Und Orans schönes Reich als Morgengabe.
Den stolzen rühren hatt' er nie gekonnt;
Der blieb an seiner Brücke bei dem Grabe,
Wo schon die Sättel der in Staub gestreckten
Und Rüstungen die ganze Wand bedeckten. 258
Marfisen lag es fern ihm nachzuahmen.
Sobald sie hörte von des Königs Not
Und von dem Schaden, den die Mohren nahmen,
In Flucht zerstreut, gefangen oder todt
Bis auf die wen'gen die nach Arles kamen,
Da brach sie auf, bevor man sie entbot,
Und bracht', um von dem Fall ihn aufzuraffen,
Ihm ihre Habe dar und ihre Waffen.
Sie bracht' ihm auch Brunel und schenkt' ihm den
Und hatt' ihn nicht gekränkt in ihrem Grolle.
Sie hatt' ihn eingesperrt zehn Tag' und zehn
Angstvolle Nächt', als ob er baumeln solle;
Doch als sie sah, daß keiner für ihn flehn
Und keiner ihm zu Liebe fechten wolle,
Da fand sie, daß sein Blut zu schmutzig sei
Für ihre stolzen Händ', und ließ ihn frei.
Sie nahm ihn mit zum König Agramant
Und sprach ihn los von allen alten Sünden.
Denkt euch des Königs Freude, da er fand,
Marfisa wolle sich mit ihm verbünden;
Und wie sie bei ihm angeschrieben stand,
Das wollt' er durch Brunel ihr selbst verkünden:
Was sie gedroht nur hatt' ihm anzuthun,
Ihn aufzuknüpfen, that er wirklich nun. 259
Zum Schmaus der Raben hing er ein'ge Zeit
An einer abgelegnen wüsten Stätte.
Roger, der ihn ein ander Mal befreit
Und jetzt vom Galgen ihn gezogen hätte,
Lag, Dank der göttlichen Gerechtigkeit,
Unfähig ihm zu helfen, krank im Bette,
Und alles war vorbei, als er's vernahm,
So daß Brunel um Rogers Hilfe kam.
10  Inzwischen klagt' und grollte Bradamante,
Daß jene Frist sich gar so lang erwies,
Die zwanzig Tage, welche Roger nannte,
Nach deren Ablauf er Rückkehr verhieß.
Langsamer findet schwerlich der Verbannte
Die Zeit, und der Gefangne im Verlies,
Die ihm die Freiheit bringen, die den theuern
Anblick der Vaterstadt ihm soll erneuern.
11  Aeetes und Pyroïs heißen zwei der Sonnenrosse. – Die Nacht, in welcher Hercules entstand, währte drei Tage und Nächte, so viel Zeit bedurfte Jupiter zu der Zeugung des Helden.  Oft hatte sie beim Harren schon gedacht,
Lahm sei Aeetes und Pyroïs träge,
Oder der Wagen schadhaft, der so sacht
Und langsam rolle, wie er sonst nicht pflege.
Wie jener Tag, den durch des Glaubens Macht
Josua stillstehn hieß auf seinem Wege,
Wie jene Nacht, wo Hercules entstand,
So schienen Tag' und Nächt' ihr festgebannt. 260
12  Wie oft erfüllte sie mit stillem Neid
Der Bär, der Dachs und die verschlafne Ratze!
Wie wünschte sie, daß sie die ganze Zeit
Verträumen könnt' an einem sichren Platze,
Bis sie aus ihrer Schlummertrunkenheit
Geweckt sich säh' von ihrem Herzensschatze!
Doch nicht allein, daß dies ihr nicht gelang,
Sie schlief auch Nachts kaum eine Stunde lang.
13  Sie warf sich hin und her auf ihrem Kissen,
Und immer floh der Schlaf ihr Angesicht.
Oft öffnet sie das Fenster, um zu wissen,
Ob immer noch Tithonus' Gattin nicht
Die Rosen und die Lilien und Narzissen
Ausstreue vor dem jungen Morgenlicht.
Und wenn es Tag wird, wünscht sie voll Verlangen,
Der Himmel mög' im Schmuck der Sterne prangen.
14  Am fünften oder vierten Tage vor
Ablauf der Frist erwartet sie voll Hoffen
Von Stund' auf Stunde, daß ein Bot' ins Thor
Die Kunde bringe: er ist eingetroffen!
Oft steigt sie zu dem hohen Thurm empor,
Wo vor den Blicken Wald und Fluren offen
Dalagen und die Straße nach Paris
Auf weite Strecke sich erkennen ließ. 261
15  Und wenn sie Waffen blitzen sieht von fern
Und etwas, was so ausschaut wie ein Reiter,
So glaubt sie gleich, sie sieht den theuren Herrn,
Und Stirn und schöne Augen werden heiter.
Ist es ein Mann zu Fuß, so hofft sie gern,
Er schick' als Boten einen der Begleiter,
Und wird sie dann enttäuscht, so tröstet sie
Mit neuem Trug sich und ermüdet nie.
16  Bisweilen, um ihm zu begegnen, schreitet
Sie selbst ins Feld, mit Waffen angethan,
Und weil sie ihn nicht trifft, denkt sie, er reitet
Indeß auf andrem Weg nach Montalban,
Und mit dem Wunsch, der sie hinausgeleitet,
Durchmißt sie dann zurück dieselbe Bahn
Und trifft ihn weder hier noch dort und findet,
Daß die ersehnte Frist indeß entschwindet.
17  Die Frist verstrich, zwei Tage mehr verliefen,
Drei Tage, sieben, zehn und zweimal zehn.
Kein Roger kam, kein Bote, nichts von Briefen,
Und Jammerklage ließ sie nun ergehn, –
Die schlangenhaar'gen Furien in den Tiefen
Der Nacht hätt' es gerührt, dies anzusehn.
Sie schändete das holde Augenpaar,
Die weiße Brust, das krause goldne Haar. 262
18  »Ist es denn wahr? (so rief sie aus) ich sollte
Den suchen, der mir ausweicht und mich flieht?
Den ehren, der von mir nichts wissen wollte?
Den bitten, der mir Antwort nie beschied?
Der soll mein Herz besitzen, der mir grollte?
Der in sich selbst so hohe Tugend sieht,
Daß eine Göttin niedersteigen müßte,
Eh sein Gemüt etwas von Liebe wüßte!
19  Die Schlange vermeidet es, dem Volksglauben zufolge, den Gesang des Bändigers zu hören, weil sie weiß, daß sie sonst zahm und harmlos werden würde. So entzieht Roger in seinem Schuldbewußtsein sich der Nähe Bradamante's.  »Der stolze weiß, daß ich um Liebe flehe,
Und will mich nicht als Braut und nicht als Magd.
Der harte weiß, daß ich in Qual vergehe,
Doch stürb' ich auch, sein Trost bleibt mir versagt.
Und daß er meine Pein nicht hör' und sehe,
Die vor ihm selber seinen Trotz verklagt,
Verbirgt er sich vor mir: so flieht die Schlange,
Um falsch zu bleiben, vor dem Zaubersange.
20  »O halt ihn, Amor, der so weit gerannt,
So unerreichbar meinen schweren Schritten!
Wo nicht, versetz' mich in den vor'gen Stand,
Eh ich von dir und andren Schmach erlitten.
Ach eitle Hoffnung, blinder Unverstand,
Um Mitleid einen Wüterich zu bitten,
Der sich ergetzt, ja davon lebt und zehrt,
Wenn aus den Augen Flut von Thränen fährt! 263
21  »Wen aber, ach, kann ich deshalb verdammen
Als meine unvernünftige Begier?
Die trägt mich hoch und schwingt sich in die Flammen
Des Himmels, und die Flügel brennen ihr,
Und sie und ich wir stürzen dann zusammen
Herab, doch endet nicht der Schmerz in mir:
Die Flügel wachsen nach und brennen wieder,
Und ewig in den Abgrund fall' ich nieder.
22  »Nein, die Begier nicht, mich sollt' ich verklagen;
Ich gab ihr ja in meinem Busen Raum
Und ließ sie die Vernunft vom Thron verjagen,
Und jetzt bezwänge sie der stärkste kaum.
Sie wird mich hilflos ins Verderben tragen,
Kein Zügeln nützt, sie hat ja keinen Zaum,
Und deutlich zeigt sie mir, wohin es gehe,
Damit ich meinen Tod vor Augen sehe.
23  »Doch warum hab' ich mich der Schuld geziehn?
Ich liebte dich, das war mein Frevel alle.
War es ein Wunder denn, daß wider ihn
Ein schwaches Weib erlag dem Überfalle?
Sollt' ich denn Wall und Schanzen um mich ziehn,
Damit mir höchste Schönheit nicht gefalle,
Das edle Haupt, der klugen Rede Fluß?
Weh dem, der Sonnenlicht vermeiden muß! 264
24  »Erst trieb mein Schicksal mich, und mächt'ger trieben
Die Worte dessen, der allwissend schien.
Die höchste Seligkeit ward mir beschrieben,
Die meiner Liebe werd' als Lohn verliehn.
Wenn unerfüllt nun die Orakel blieben,
Wenn trügerisch der Rat war, den Merlin
Mir damals gab, so mag ich ihn verklagen,
Doch meiner Liebe kann ich nicht entsagen.
25  »Er und Melissa sind der Schuld zu zeihen,
Ja, und verstummen soll mein Klagen nie,
Die meiner Enkel ungeborne Reihen
Mir zeigten durch ein Blendwerk der Magie,
Um ihrem Sklavendienste mich zu weihen
Durch falschen Wahn. Was aber reizte sie,
Wenn nicht der Neid vielleicht, weil ich hienieden
Hinlebt' in süßem, sichrem, reinem Frieden?«
26  Der Gram erfüllt' ihr Herz und hatte dort
Für Trost und Mut kein Plätzchen frei gelassen.
Trotzdem erscheint die Hoffnung, um sofort
Mitten im Busen festen Fuß zu fassen,
Auffrischend die Erinnrung an das Wort,
Das Roger gab, bevor er sie verlassen,
Und heischt, daß sie trotz Argwohn, Furcht und Groll
Von Stund' auf Stunde seiner harren soll. 265
27  Vier Wochen noch, seitdem die Frist vergangen,
Richtete diese Hoffnung sie empor,
Und minder stark hielt sie der Schmerz gefangen,
Die schwerbedrückte Seele, denn zuvor.
Jetzt aber, als sie, Roger zu empfangen,
Wie sie gewohnt war, ausritt vor das Thor,
Vernahm das arme Mädchen eine Kunde,
Daß auch die Hoffnung floh zur selben Stunde.
28  Draußen kam ein Gascogner ihr entgegen,
Der eben erst dem Mohrenheer entrann.
Als Kriegsgefangner hatt' er dort gelegen,
Seit vor Paris der große Kampf begann.
Viel Fragen wußte sie ihm vorzulegen,
Bis sie den vorgemerkten Punkt gewann,
Bis sie auf Roger kam. Da blieb sie stehen,
Ohn' über dieses Ziel hinauszugehen.
29  Der Fremde gab von Roger gute Kunde;
Denn jener ganze Hof war ihm bekannt.
Und Bradamant' erfuhr aus seinem Munde,
Wie Roger den Tartaren überwand
Und einen Monat lang an seiner Wunde
Daniederlag und kaum es überstand.
Und hätt' er den Bericht hier abgebrochen,
Hätt' er für Rogers Unschuld gut gesprochen. 266
30  Dann aber sprach er von der Dame, die
Im Lager sei und sich Marfisa nenne,
Und wie sie schön und tapfer sei und wie
Sie alle Kriegskunst aus dem Grunde kenne,
Und wie sie Roger lieb' und Roger sie
Und er von ihr, sie sich von ihm kaum trenne,
Und wie ein jeder glaube, daß die zwei
Verlobt und alles abgeschlossen sei,
31  Und daß man nur, weil er noch nicht genas,
Für kurze Zeit noch von der Sache schweige,
Und jeder Fürst und König Afrika's
Die größte Freude dieserhalb bezeige;
Denn weil der beiden Tapferkeit das Maß
Des Menschlichen gewaltig übersteige,
So hoffe man, es werd' ein Stamm entstehn
Von Kriegern wie die Welt noch nicht gesehn.
32  Der Fremde glaubte selbst, nicht ohne Grund,
Was er erzählte; denn im Mohrenheere
Ging die Geschichte schon von Mund zu Mund,
Und alle meinten, daß es Wahrheit wäre.
Die Freundschaft, die sie für einander kund
Gegeben hatten, war Anlaß der Märe;
Denn wird ein solch Gerücht, ob schön, ob häßlich,
Erst einmal laut, so wächst es unermeßlich. 267
33  Daß sie mit ihm den Mohren Hilfe brachte
Und immer dann an seiner Seite blieb,
Das gab den ersten Anlaß zum Verdachte;
Was aber ihn zu größrem Wachstum trieb,.
War dies, daß auch nachdem die aufgebrachte
Hinwegritt mit Brunel, wie ich beschrieb,
Sie dennoch, ehe jemand es begehrte,
Um Roger zu besuchen, wiederkehrte.
34  Allein um ihn zu sehn, der schwer danieder
An seiner Wunde lag, erschien sie dort,
Nicht etwa einmal, sondern immer wieder.
Sie blieb den Tag und ritt am Abend fort.
Und mehr noch fuhr's den Leuten in die Glieder,
Daß sie, die stolze, die kein freundlich Wort
Für andre hab' und alle Welt verschmähe,
Bescheiden sei und hold in Rogers Nähe.
35  Als der Gascogner dies für wahr erzählte,
Kam über Bradamante große Pein,
Und wilder Schmerz ergriff sie, wenig fehlte,
So würde sie vom Pferd gefallen sein.
Ob Eifersucht und Zorn und Grimm sie quälte,
Sie schwieg und ritt zurück ins Thor hinein,
Und jede Hoffnung dann in ihrem Jammer
Wegstoßend, kam sie wütend in die Kammer 268
36  Und warf sich lang aufs Bett, mit dem Gesicht
Abwärts, ohn' ihre Waffen abzulegen,
Und nahm die Tücher in den Mund, um nicht
Durch lautes Schreien Argwohn zu erregen.
Und so, nachgrübelnd über den Bericht,
Versank in solche Qual sie, seinetwegen,
Daß sie zuletzt sich keinen Rat mehr wußte
Und Luft sich machen und so reden mußte:
37  »Weh mir! wem glaub' ich, daß er redlich ist?
Für falsch und grausam halt' ich künftig jeden,
Wenn du, mein Roger, falsch und grausam bist,
Der treu und gut mir schien in Thun und Reden.
Die ärgste Grausamkeit und Hinterlist,
Mit der sich Feind' im Trauerspiel befehden,
Muß klein dir dünken, wenn du je bedenkst,
Was ich verdient' und wie du nun mich kränkst.
38  »Warum denn, Roger, – da du ohne gleichen
An Schönheit und an Tapferkeit dich weißt,
Da keiner lebt, das Wasser dir zu reichen,
Was Anmut anbetrifft und feinen Geist, –
Warum verschmähn, daß unter deinen reichen
Göttlichen Zierden man die Dauer preist,
Die wandellose Treue, der in Schweigen
Die andren Tugenden sich alle neigen? 269
39  »Weißt du denn nicht, daß, wo man sie vermißt,
Die Tapferkeit nicht glänzt noch adlich Wesen,
So wie man, wo kein Glanz des Lichtes ist,
Kein Kleinod sieht, ob noch so auserlesen?
Ein Mädchen täuschen war wohlfeile List,
Dem du ein Herr, ein Fürst, ein Gott gewesen,
Das gern geschworen hätt' und auch gedacht,
Wenn du gesagt es hättest, Tag sei Nacht.
40  »Grausamer, welche Frevel reuen dich,
Wenn dich nicht reut, sie, die dich liebt, zu tödten?
Wenn du des Treubruchs dich nicht schämtest, sprich,
Vor welcher andren Schmach wirst du erröten?
Was thust du deinen Feinden, wenn du mich,
Die so dich liebt, verdammst zu Todesnöten?
Wohl mag ich sagen, Gott sei ungerecht,
Wenn es noch lange währt, bis er mich rächt.
41  »Wenn Undank ja vor allen Sünden hart
Verurteilt wird und wenn um diesen Flecken
Der schönste Engel aus der Gegenwart
Gottes verbannt ist an den Ort der Schrecken,
Wenn schwerer Schuld die schwere Geißel harrt,
Wofern nicht Reu' und Buße sie bedecken,
Dann hüte dich, dann droht die Geißel dir.
Der Undank übt und weigert Buße mir. 270
42  »Des Raubes auch, von andrem zu geschweigen,
Erbarmungsloser, hab' ich dich zu zeihn.
Daß du mein Herz mir nahmst, will ich in Schweigen
Begraben und dir diese Schuld verzeihn;
Du gabst mir aber auch dich selbst zu eigen
Und nimmst mir wieder weg, was nicht mehr dein.
Gieb dich heraus, Verräter, denn du weißt,
Nicht selig wird, wer fremdes an sich reißt.
43  »Du wandtest dich von mir, ich aber, nein,
Will nicht noch könnt' ich je von dir mich wenden.
Zu fliehen aus der Qual und Herzenspein
Kann ich und will ich meine Tage enden.
Sterben von dir verschmäht – das schmerzt allein.
Denn wenn die Götter das mir zugeständen,
Zu sterben und geliebt zu sein von dir,
Ein sel'ger Ende wünscht' ich nimmer mir.«
44  So sprach sie, und voll Wut sprang sie zuletzt
Von ihrem Lager auf, zum Tod' entschlossen.
Sie hatt' ihr Schwert schon an die Brust gesetzt,
Da sah sie sich vom Harnisch noch umschlossen.
Ihr guter Geist trat ihr zur Seite jetzt
Und sprach zu ihr: »O Jungfrau du, entsprossen
So hohem Stamm, du wolltest, daß ein Ende
Mit schwerem Makel so dein Leben schände? 271
45  »Ist es viel besser nicht, du gehst zum Heere,
Wo einer stets mit Ehren sterben kann?
Und stürbest du durch ihn, was möglich wäre,
So rührt vielleicht dein Tod den harten Mann.
Stürbest du so, durchbohrt von seinem Speere,
Wer stürbe froher und zufriedner dann?
Ihm käm' es zu, dir auch den Tod zu geben,
Denn er ist Schuld, daß du verschmähst zu leben.
46  »Vielleicht auch kannst du, eh dein Leben endet,
Dich rächen an Marfisa in der Schlacht,
Die durch Betrug dir Rogers Herz entwendet,
Die Buhlerin, die dir den Tod gebracht.«
Der Rat war an die Jungfrau nicht verschwendet;
Sie fand ihn gut und wählte solche Tracht
Und solche Zeichen, daß man sehen solle,
Daß sie verzweifelt sei und sterben wolle.
47  Des Waffenrockes Farbe glich genau
Dem Laube, dessen Grün verblaßt und schwindet,
Weil man es abpflückt' oder weil der Thau,
Davon es lebt, den Weg zu ihm nicht findet.
Gestickte Zweige trug der Saum zur Schau,
Cypresse, die den Schaden nie verwindet,
Wann einmal sie verwundet ward vom Erz:
Wohl stimmte das Gewand zu ihrem Schmerz. 272
48  Sie zog das Pferd Astolfs aus ihrem Stalle,
Und nahm den goldnen Speer, der jedermann
Allein durch die Berührung bringt zu Falle.
Weshalb Astolf den Speer ihr gab und wann,
Das wiederhol' ich nicht, ihr wißt es alle,
Und auch, von wem er selber ihn gewann.
Sie nahm den Speer, nicht wissend, daß die Spitze
So staunenswürdige Gewalt besitze.
49  So ritt sie ohne Knappen von den Thoren
Der Burg geradesweges gen Paris,
Dorthin wo sich zuerst das Heer der Mohren
Gelagert hatt', eh es den Platz verließ.
Denn noch kam ihr die Kunde nicht zu Ohren,
Wie Karl und wie Rinald und Malagis
Den Feind genötigt hatten ohne Säumen
Das feste Lager vor Paris zu räumen.
50  Die Cadurcer, ein gallischer Stamm, dienen hier, um die Provinz Guienne zu bezeichnen.  Sie ließ im Rücken der Cadurcer Gauen,
Die Stadt Cahors und das Gebirgsrevier,
Wo die Dordogne entspringt, und durch die Auen
Clermonts und Montferrants trug sie ihr Thier,
Als eine Dame, freundlich anzuschauen,
Des Weges kam, desselben Wegs mit ihr;
Die hatt' am Sattel einen Kampfschild hängen,
Und neben ihr sah man drei Ritter sprengen. 273
51  Andere Frau'n und Knappen folgten dann
In langem Zug vorbei, und Bradamante
Frug, wer die Dame sei. Der Reitersmann,
An den sie sich mit ihrer Frage wandte,
Antwortete: »Sie will, so schnell sie kann,
Zum Königshof der Franken als Gesandte.
Vom Nordpol kam sie übers weite Meer,
Von der verlornen Insel bis hieher.
52  »Verlornes oder Island ist der Name
Des Reichs, von wo des Fräuleins Königin,
Berühmt vor allen Frau'n durch wundersame
Und hohe Schönheit, ihre Dienerin
Zu Karl mit jenem Schilde schickt. Die Dame
Bringt ihm den Schild mit der Bedingung hin,
Daß Karl ihn nur dem besten Ritter gebe,
Der seiner Schätzung nach auf Erden lebe.
53  »Denn wie mit Recht sie ihre Schönheit schätzt,
Daß man auf Erden keine schönre fände,
So wüßte gern sie einen Ritter jetzt,
Der all' an Kraft und Kühnheit überwände.
Denn fest ist ihr Entschluß, der unverletzt
Dem Stoß von tausend Stürmen widerstände,
Daß keiner als der erste Held der Erde
Je ihr Geliebter und ihr Gatte werde. 274
54  »Sie hofft in Frankreich in dem Heldenkreise
Des großen Kaisers Karl, da lebe der,
Der stärker sich durch tausend Siegespreise
Und kühner hab' erprobt als irgendwer.
Die drei, die uns begleiten auf der Reise,
Sind Könige; wenn du mich fragst woher?
Aus Gothland, aus Norwegen und aus Schweden,.
Berühmt wie wenige durch manche Fehden.
55  »Nicht nahe liegt ihr Land, doch minder weit
Von dem verlornen Eiland, wie sie's nennen,
Weil wenig Schiffer die Belegenheit
Der Insel und den Weg zur Küste kennen.
Sie haben um die Königin gefreit,
Für die sie brannten und noch heute brennen,
Und haben Ding' um ihre Gunst gewagt,
Davon man noch in fernsten Zeiten sagt.
56  »Sie aber will sie nicht, will keinen freien
Den sie nicht für den allerbesten hält.
Was gelten Proben, sagte sie den dreien,
Die ihr auf dieser Insel angestellt?
Wenn euer einer zu den andren zweien
Wie Sonnenlicht zu Sternen sich verhält,
So lob' ich ihn; nur daß er mir nicht sage,
Er sei der beste Mann, der Waffen trage. 275
57  »An Kaiser Karl will ich um Rat mich wenden,
Den weisesten Monarchen unsrer Zeit,
Und einen goldnen Schild will ich ihm senden
Mit der Bedingung, daß er sich bereit
Erklären soll, demjen'gen ihn zu spenden,
Der erster ist im Punkt der Tapferkeit.
Ob er dem Kaiser dient, ob andrem Herrn,
Gleichviel, dem Spruche Karls füg' ich mich gern.
58  »Wenn also diesen Schild, wie ich's erkläre,
Ein Ritter dort empfängt, so heldenhaft,
Daß Karl in seinem und in jedem Heere
Ihn für den ersten hält an Mut und Kraft,
Und einer dann von euch mit Schwert und Speere
Den Schild ihm abnimmt und mir wiederschafft,
Dem will ich meine Lieb' und Minne weihn,
Der soll mein Gatte, mein Gebieter sein.
59  »Als dies die Könige vernahmen, gingen
Sie mit zu Schiff und kamen hier ans Land,
Entschlossen, ihr den Schild zurückzubringen
Oder zu sterben durch des Gegners Hand.«
Die Tochter Haimons hörte diesen Dingen
Aufmerksam zu, und als ihr der Trabant
Auskunft gegeben hatte, sprengt' er weiter
Und schloß sich wieder an die andren Reiter. 276
60  Sie sprengt nicht hinterdrein, sie zieht gemach
Des Weges fort, und allerlei Gedanken
Von dem, was folgen werde, hängt sie nach.
In Summa denkt sie, daß im Reich der Franken
Der goldne Schild maßlosen Hader wach
Zu rufen droht und Eifersucht und Zanken
Der Paladin' und andrer, wenn es gilt
Den besten auszuwählen für den Schild.
61  Dies macht' ihr Sorgen, aber wieder kam
Der andre Schmerz dann, der sie tiefer kränkte,
Daß Roger seine Liebe wieder nahm
Und wankelmütig sie Marfisen schenkte.
So tief versunken war sie in den Gram,
Daß sie den Weg nicht sah, das Pferd nicht lenkte;
Sie hatt' an Ziel und Herberg nicht gedacht,
Wo Unterkunft sich finde für die Nacht.
62  Wie wenn ein Windstoß oder sonst ein Schade
Ein Schiff vom Ufer in die Strömung reißt
Und nun das steuerlose vom Gestade
Hinabtreibt, wie die Flut den Weg ihm weist,
So folgt die Liebende blindlings dem Pfade,
(Denn nur an ihren Roger denkt ihr Geist,)
Wie Rabican es will. In ferne Weiten
Schweift ihr Gedanke, statt den Zaum zu leiten. 277
63  Dann endlich blickt sie auf: die Sonne trennte
Nur noch ein schmaler Streif vom Himmelsrand,
Bis plötzlich sie wie eine Taucherente
Im Schooß der alten Mutter See verschwand.
Zu Bett zu gehen unterm Firmamente
Im freien Felde, wär' ein Unverstand;
Denn kalte Winde bliesen, und ein grauer
Nachthimmel drohte Schnee und Regenschauer.
64  Nun ließ sie hurtiger ihr gutes Thier
Anspringen, und sie war nicht weit geritten,
Da von den Feldern kam entgegen ihr
Mit seiner Herd' ein Hirt herangeschritten.
Den fragte sie mit eifriger Begier,
Wo sie ein Nachtquartier sich könn' erbitten,
Gut oder schlecht. So schlecht ist nie ein Zimmer,
Daß man nicht denkt, im Regen stehn sei schlimmer.
65  Der Hirt versetzte: »Obdach weiß ich keines,
Wohin ihr nicht vier Stunden weit ins Land
Von hier zu reiten hättet, – außer eines,
Und dieser Ort wird Tristans Burg genannt.
Doch da zu übernachten ist kein kleines,
Weil ihr es mit den Waffen in der Hand
Erst euch erobern, dann behaupten müßtet,
Wenn euch nach dem Quartier daselbst gelüstet. 278
66  »Sobald ein Gast kömmt und das Haus ist leer,
Nimmt ihn der Burgherr auf an seinem Herde,
Falls er verspricht, daß, kämen ihrer mehr,
Alsdann er zum Turnier sich stellen werde.
Wenn niemand kömmt, so hat er es nicht schwer;
Kömmt einer an, so muß der Gast zu Pferde
Und mit ihm rennen. Wer dann von den zweien
Verliert, der trolle sich und schlaf' im Freien.
67  »Wenn zwei, drei oder vier zugleich erscheinen
Als erste, finden friedlich sie Quartier.
Kömmt einer dann hinzu, so sollt' ich meinen,
Ist's schlimm für ihn und schwerer das Turnier.
Desgleichen, wenn der Burgherr erst nur einen
Beherbergt und dann zwei, drei oder vier
Anpochen und er fechten muß mit ihnen.
Dann, wenn er stark ist, kann es ihm nur dienen.
68  »So auch wenn Frauen kommen, sei's allein,
Sei's ihrer mehrere zur selben Stunde.
Kömmt eine schönre nach, die läßt er ein
Und jagt die andern fort von seinem Grunde.«
Wo, fragt die Jungfrau mag dies Obdach sein?
Und jener sagt es nicht nur mit dem Munde,
Auch mit dem Finger zeigt er ihr den Ort;
Zwei Stunden Weges noch, so sei sie dort. 279
69  Trotz Rabicans berühmter Schnelligkeit
Wollt' ihr die schlamm'ge Straße nicht gestatten,
(Weil Regengüss' in dieser Jahreszeit
Alles durchweicht und aufgerissen hatten,)
Ans Ziel zu kommen, ehe weit und breit
Die Nacht sich lagerte mit finstren Schatten.
Sie fand das Thor gesperrt und sprach zur Wache,
Sie wünsche Herberg' unter diesem Dache.
70  Der Wächter sprach: »Und draußen bleibt ihr doch;
Es sind schon Gäste da, die früher kamen.
Am Feuer sitzen sie und warten noch
Aufs Abendessen, Rittersleut' und Damen.« –
»Nicht ihnen, glaub' ich, kocht dies Mahl der Koch,
Es sei denn, daß sie schon es zu sich nahmen,«
Sprach Bradamante; »geh und ruf die Herrn;
Ich weiß den Brauch und füge mich ihm gern.«
71  Der Wächter geht und überbringt die Kunde
Den Rittern, die sich's schon bequem gemacht.
Es scheint nicht, daß die Botschaft ihnen munde,
Die sie hinaus ruft in die kalte Nacht;
Auch fing's zu regnen an um diese Stunde.
Doch stehn sie auf und legen mit Bedacht
Die Waffen an und kommen, nicht sehr munter,
Zu Bradamanten vor das Thor herunter. 280
72  Drei Ritter sind es, von so starker Hand,
Daß ihnen Widerstand nur wen'ge leisten,
Dieselben sind's, die Haimons Tochter fand,
Wie sie vorhin mit der Gesandtin reisten,
Die heim nach Island aus dem Frankenland
Den goldnen Schild zu bringen sich erdreisten.
Vor Bradamanten waren sie im Schlosse,
Denn besser spornten sie vorhin die Rosse.
73  Nur wen'ge hielten diesen Herrn die Stange,
Doch sie wird eine dieser wen'gen sein;
Denn draußen hungrig und durchnäßt die lange
Nacht zu verbringen, leuchtet ihr nicht ein.
Die drinnen schaun am Fenster und im Gange
Dem Lanzenrennen zu bei Mondenschein.
Denn trotz der Wolken schien der Mond und klärte
Die Gegend auf, so stark der Regen währte.
74  Wie es das Ohr des Liebenden ergetzt,
Der vorhat süßem Raube nachzugehen,
Wann er nach langer Wartezeit zuletzt
Den leisen Schlüssel hört im Loch sich drehen,
So freut sich Bradamant im stillen jetzt,
Voll Eifers Kampf mit jenen zu bestehen,
Als sie sich öffnen hört des Thores Gitter,
Die Brücke fallen, kommen sieht die Ritter. 281
75  Kaum sieht sie die drei Ritter vor der Brücke,
Durch kurze Zwischenräume nur getrennt,
Nimmt sie sich Feld, und nun kömmt sie zurücke,
So schnell der schnelle Rabican nur rennt,
Und senkt die Lanze, die zu gutem Glücke
Astolf ihr gab, die keinen Fehlstoß kennt;
Denn jeder Krieger muß vor diesem Speere
Den Sattel räumen, wenn's der Kriegsgott wäre.
76  Der Schwede war der erste zum Turnier
Und war zuerst vom Sattel auch geflogen;
Mit solchem Ungestüm traf am Visier
Ihn diese Lanze, die noch nie getrogen.
Der Gothe folgt' und fuhr von seinem Thier,
Die Füß' in Lüsten und in weitem Bogen.
Der dritte dann, kopfüber hingestreckt,
Lag halb von Wasser und von Schlamm bedeckt.
77  So, mit drei Stößen schickt sie diese fort,
Den Kopf nach unten und die Sohlen oben.
Dann geht sie in die Burg und fordert dort
Quartier zur Nacht; doch erst muß sie geloben,
Auf jedes neuen Gastes erstes Wort
Hinauszugehn zu neuen Waffenproben.
Der Schloßherr drinnen, der von ihrem Speere
Genug gesehn, erweist ihr große Ehre. 282
78  So auch die Dame, die, wie ihr vernommen,
Mit jenen dreien sich im Schloß befand,
Die aus dem fernen Island war gekommen,
Als Botin an den Kaiser abgesandt.
Auf Bradamante's Gruß sprach sie willkommen,
Trat ihr entgegen, nahm sie bei der Hand
Und führte sie mit heiter froher Miene
Anmutig nach dem Sessel am Kamine.
79  Als nun die Diener ihr die blanke Wehr
Abnahmen und den Helm vom Kopfe schnallten,
Fiel eine goldne Mütze, die vorher
Die langen Haar' am Scheitel festgehalten,
Mit ihrem Helm ab, daß die Locken schwer
Und dicht herab auf Brust und Schulter wallten,
Und alle sahn, daß sie ein Mädchen war,
Nicht minder schön als stark in der Gefahr.
80  Wie wenn der Vorhang von der Bühne rollt
Und tausend Lampen plötzlich Helle spenden
Und nun Arkaden, Prachtpaläste, Gold,
Gemälde, Statuen das Auge blenden,
Wie ans Gewölk die Sonne licht und hold
Ihr heitres Antlitz pflegt uns zuzuwenden,
So, als die Jungfrau sich enthelmen ließ,
War es, als blicke man ins Paradies. 283
81  Schon nachgewachsen war das schöne Haar,
Das vor des Mönches Schere war geschwunden,
Und wenn es kürzer auch als vormals war,
Ward es doch leicht zum Knoten aufgebunden.
Daß Bradamant' es sei, schien offenbar;
Der Schloßherr hatte sie in frühern Stunden
Am Hof gesehn, und doppelt sucht' er nun
Ihr alle Lieb' und Ehre anzuthun.
82  Sie saßen vor dem Feuer jetzt und gaben
Mit heitren Reden einen Schmaus dem Ohr,
Und um die andren Glieder auch zu laben,
Bereitete der Koch die Mahlzeit vor.
Nun wünschte Bradamant' Auskunft zu haben,
Ob alt, ob neu der Brauch sei vor dem Thor,
Und wer ihn vorschrieb und aus welchem Grunde,
Und also gab der Herr der Burg ihr Kunde:
83  Der Hirt Io's ist der hundertäugige Argus.  »Zur Zeit, da König Faramund regierte,
Hielt Clodion der Prinz ein Liebchen sich,
Das jeder Reiz und jede Anmut zierte,
Und kaum ein Mädchen gab's, das diesem glich.
Die liebt' er so, daß er sich einquartierte,
Wo sie verweilt', und niemals von ihr wich,
Wie von dem Hirten Io's steht geschrieben;
Denn ohne Eifersucht konnt' er nicht lieben. 284
84  »Er hielt sie hier und wich nicht von der Stelle;
Denn Faramund hatt' ihm dies Schloß verliehn.
Zehn Ritter waren mit ihm im Castelle,
Und wen'ge waren diesen vorzuziehn.
Hier saß er also, als an seiner Schwelle
Der gute Tristan eines Tags erschien,
Mit ihm ein Mädchen, das er jüngst im Streite
Aus eines wilden Riesen Hand befreite.
85  »Tristan erschien vor dieser Burg, als eben
Jenseits Sevilla's Flur die Sonne schwand,
Und bat, man mög' im Schloß ihm Obdach geben,
Weil meilenweit kein andres Haus sich fand.
Doch er, der so verliebt war und daneben
So eifersüchtig, Clodion, befand,
Daß nie ein Fremder, wer's auch sei, solange
Die Schöne drinnen sei, ins Haus gelange.
86  »Weil Tristan sah, daß ihm mit allem Flehn
Herberge hier zu finden nicht gelinge,
So rief er: Kann's mit Bitten nicht geschehn,
So wird's geschehn vielleicht, wenn ich dich zwinge.
Und fordert' ihn heraus und auch die zehn,
Die mit ihm waren, und mit Speer und Klinge
Ihm zu beweisen bot er laut ihm an,
Daß er ein Bauer sei, ein Grobian, 285
87  »Mit dem Beding, daß, wenn er ihn vom Rosse
Zu Boden werf', ihn selbst und seine Schar,
Tristan allein herbergen soll' im Schlosse,
Aussperrend was von Rittern drinnen war.
Den Schimpf zu wenden, stürzte sich der Sprosse
Des Faramund in tödtliche Gefahr.
Er lag am Boden schon nach kurzem Strauß,
Die andren auch, und Tristan schloß sie aus.
88  »Im Schlosse fand er jene auserwählte,
Die Clodion hier vor der Welt verbarg,
Der keine Zierde, keine Schönheit fehlte,
Womit Natur so sparsam ist und karg.
Er sprach mit ihr; inzwischen brannt' und quälte
Marter des Herzens den Verliebten arg;
Auch sandt' er schon nach wenig Augenblicken
Und ging den Sieger an, sie ihm zu schicken.
89  »Obwohl nun Tristan ihrer nicht begehrte
Und keine lieben konnt' als nur Isold,
(Denn seit er jenen Zauberbecher leerte,
Fand er nur diese liebenswert und hold,)
So wollt' er jenem doch für die verwehrte
Herberge lohnen mit verdientem Sold
Und sprach: Mich dünkt daß man nicht recht verführe,
Wiese man solche Schönheit vor die Thüre. 286
90  »Schläft aber Clodion nicht gern allein,
Wünscht er Gesellschaft draußen vor der Pforte,
So hab' ich hier ein Mädchen, jung und fein,
Wenngleich nicht von der allerschönsten Sorte.
Die geh' hinaus, ich will's zufrieden sein,
Und sei gehorsam jedem seiner Worte.
Die schönste aber muß mit Recht und Fug
Bei dem verbleiben, der den andren schlug.
91  »Der Schloßherr lief, da man es ihm bestellte,
Die ganze Nacht wutschnaubend hin und her,
Als ob es alles zu bewachen gelte,
Was drinnen schlief, und er Schildwache wär'.
Und zehnmal mehr als Nässe, Wind und Kälte
Fiel ihm die Trennung von der Liebsten schwer.
Am Morgen drauf gab Tristan ihm die Dame
Zurück und macht' ein Ende seinem Grame.
92  »Er sagt' ihm und bewies es zur Genüge,
Er gebe sie zurück, wie er sie fand,
Und wenn es schon sich mit dem Recht vertrüge,
Hätt' er noch ärgren Schimpf ihm zuerkannt,
So sei er doch zufrieden und begnüge
Sich mit der Wache, die er draußen stand;
Doch leid' er nicht, daß jener auf die Liebe
Die Schuld des schimpflichen Betragens schiebe, 287
93  »Weil Liebe rohe Herzen zart und fein,
Nicht edle Herzen bäurisch machen solle.
Als Tristan fort war und der Prinz allein,
Beschloß er, daß er hier nicht bleiben wolle,
Und setzt' als Burgherrn einen Ritter ein,
Der tauglich ihm erschien für diese Rolle,
Mit der Bedingung, wenn hier Fremde kämen,
Sie nur nach dieser Regel aufzunehmen,
94  »Wonach der stärkre stets und gleicherweise
Die schönre Frau Herberge hier erhält
Und der besiegte abzieht auf die Reise
Und schläft im Gras' und wo es ihm gefällt.
Kurz, er begründete Gebrauch und Weise,
Wie man es hier noch heutzutage hält.« –
So sprach der Wirt. Der Truchseß unterdessen
Ließ alles rüsten für das Abendessen.
95  Im großen Saal hatt' er den Tisch bereitet,
Und schönrer Säle werden wenig sein.
Dann trat er zu den Damen, und begleitet
Von hellen Fackeln, führt' er sie hinein.
Wie Bradamante durch die Thüre schreitet,
Die andre auch, schaun sie verwundert drein
Und sehn umher die stolzen Wände prangen,
Mit herrlichsten Gemälden rings behangen. 288
96  So schön ist alles, daß sie lange noch
Bewundernd dastehn und den Tisch vergessen,
Obwohl Erquickung ihrem Körper doch
Sehr not that, der so lang zu Pferd gesessen.
Der Truchseß klagt und mit ihm klagt der Koch,
Daß in den Schüsseln kalt wird alles Essen.
Doch endlich heißt es, besser sätt'ge man
Zuerst den Magen und die Augen dann.
97  Als sie schon sitzen und zulangen wollen,
Da fällt dem Wirt erst ein, daß hier im Haus
Zwei Damen nie zugleich herbergen sollen;
Die eine bleibt, die andre muß hinaus.
Die schönre bleibt, die andre muß sich trollen
Hinweg in Regenflut und Sturmgebraus.
Sie kamen nicht zugleich, und von den beiden
Muß eine rasten, muß die andre scheiden.
98  Er ruft zwei Greise her und ein'ge Frauen
Des Hauses, die zu richten tüchtig sind,
Worauf man sie betrachtet und genauen
Vergleich der beiden Schönheiten beginnt.
Einstimmig findet man nach dem Beschauen,
Das schönre Weib sei Herzog Haimons Kind,
Und daß nicht minder ihre Schönheit siege,
Als erst ihr Speer gesiegt im Lanzenkriege. 289
99  Der Dam' aus Island war dabei beklommen
Zu Sinn, und nun begann der Wirt zu ihr:
»Daß ich den alten Brauch, den ihr vernommen,
Befolgen werde, das verzeiht ihr mir.
Drum geht und sucht ein andres Unterkommen;
Denn außer Zweifel scheint es allen hier,
Daß jene, was Gestalt und Schönheit angeht,
Obwohl sie ungeschmückt ist, euch vorangeht.«
100  Wie schwarz und plötzlich aus dem feuchten Thal
Die Wolke steigt empor am Himmelszelte
Und mit dem finstren Schleier nun den Strahl
Der Sonn' auslöscht, der erst die Flur erhellte,
So ward das Fräulein, als man ihr befahl
Hinauszugehn in Regen, Nacht und Kälte,
Verwandelt. Keiner hätte sie erkannt,
Die eben hier so schön und lachend stand.
101  Verwandelt stand sie plötzlich und erblassend;
Das Urteil klang nicht lieblich für ihr Ohr.
Da sagte Bradamante, schnell sich fassend,
Weil es ihr leid that, daß man vor das Thor
Die ärmste schicken wollte: »Herr, nicht passend
Und nicht gerecht kömmt mir ein Urteil vor,
Wenn man nicht anhört, ob die andre Seite
Es billig' oder mit Erfolg bestreite. 290
102  »Ich werde sie verteid'gen, und so sag' ich:
Wer schöner sei, das stehe ganz dahin;
Ich kam nicht her als Weib, und gänzlich schlag' ich
Mir alles Weiberwesen aus dem Sinn.
Wenn ich mich nicht entkleiden will, so frag' ich,
Wie ihr denn wißt, ob ich wie diese bin?
Was man nicht weiß, soll man auch nicht entscheiden,
Am wenigsten, wenn andre drunter leiden.
103  »Gar mancher trägt ja, ohn' ein Weib zu sein,
Die Haare ganz so lang, wie ich sie trage.
Ob ich als Ritter oder Frau herein
Ins Thor gekommen bin, liegt klar zu Tage.
Weshalb mir also Frauenrang verleihn,
Da ich mich doch durchaus als Mann betrage?
Euer Gesetz verlangt, daß Weib dem Weibe
Obsiege, nicht daß Mann die Frau vertreibe.
104  »Gesetzt sogar, ich wäre, was ich scheine,
Ich wär' ein Weib (ich sage nur gesetzt)
Und ihr Gesicht wär' schöner als das meine
So würdet ihr mir die Belohnung jetzt
Für meine Tapferkeit doch, wie ich meine,
Nicht nehmen, weil ihr minder schön mich schätzt.
Was ich gewann durch Waffen und Turnieren,
Kann ich durch mindre Schönheit nicht verlieren. 291
105  »Und wär' es auch Gesetz und Rechtens hier,
Daß stets die minder schöne weich' und gehe,
Ich bliebe dennoch ruhig im Quartier,
Was auch aus meinem Eigensinn entstehe.
Der Kampf ist also ungleich zwischen mir
Und dieser Dame; denn, so viel ich sehe,
Kann sie im Kampf der Schönheit wohl erliegen,
Nie aber mich im Waffenkampf besiegen.
106  »Und wo der Schade nicht mit dem Gewinn
Sich ganz begleicht, hat ehrlich Spiel ein Ende.
Drum wär' es Unrecht, wenn das ohnehin
Bereits gewährte Obdach ihr entstände.
Wenn jemand etwa nicht nach seinem Sinn
Und nicht gerecht und gut mein Urteil fände,
So will ich ihm beweisen, wann's ihm recht ist,
Daß meine Meinung gut und seine schlecht ist.«
107  Die Tochter Haimons rührt' es und verdroß es,
Daß man die zarte Dame grausam fort
Zu jagen dachte; denn vom Himmel goß es,
Und nirgend war ein andrer Zufluchtsort.
Darum bekehrte sie den Herrn des Schlosses
Durch viele Gründ' und manches kluge Wort,
Zumal durch das, was sie am Schlusse sagte,
Bis er mit Skrupeln sich nicht weiter plagte. 292
108  Wie in der schärfsten Glut der Sommerszeit,
Wann längst das Gras zu trinken schon begehrte,
Die Blume, die fast aller Feuchtigkeit
Verlustig ging, davon sie sich ernährte,
Den lieben Regen fühlt und neu gedeiht,
So – als Verteidigung von solchem Werte
Sich rüstete – blickt jene Dam' empor,
So schön und fröhlich wieder wie zuvor.
109  Jetzt endlich konnten sie an Speis' und Wein,
Die unberührt noch standen, sich erquicken,
Und andre Ritter trafen auch nicht ein,
Um läst'ge Störung in den Saal zu schicken.
Froh schmausten alle, Bradamant' allein
Saß, wie gewöhnlich, mit betrübten Blicken;
Der falsche Argwohn und die stete Qual
Des Herzens raubten ihr die Freud' am Mahl.
110  Beim Schluß des Mahls – und rasch zu Ende ging's,
Weil sich der Wunsch auf Augenweide wandte, –
Erhob sich Haimons Tochter rechts, und links
Zu gleicher Zeit erhob sich die Gesandte.
Der Schloßherr hatte kaum gewinkt, als rings
Unzählig Wachs an allen Wänden brannte,
Und hell erleuchtet war der ganze Saal.
Was folgt, erzähl' ich euch das nächste Mal. 293

 


 

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