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Rasender Roland, Band 3

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 3 - Kapitel 7
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 3
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 3
pages406
created20150617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreißigster Gesang.

Tollheiten Rolands (1–15). Rogers Zweikampf mit Mandricard (16–75). Bradamante empfängt Rogers Brief (76–89). Rinalds Ankunft in Montalban (90–95).

Wenn die Vernunft sich, ohne sich zu wehren,
Besiegen läßt von Ungestüm und Wut
Und läßt die Hand, die Zunge blind gewähren,
Gleichviel ob sie den Freunden wehe thut,
Da helfen Seufzer nicht hernach noch Zähren,
Sie machen das Vergehn nicht wieder gut.
Gott, wie mich reut und schmerzt, was ich, gestochen
Vom Zorn, im vorigen Gesang gesprochen!
Mir geht es aber wie dem kranken Mann,
Der erst den Schmerz verbeißt, den allergrößten,
Bis er vor Pein sich nicht mehr bergen kann
Und rasend wird und flucht, um sich zu trösten.
Der Schmerz vergeht, der Zorn hält auch nicht an,
Die ihm zur Lästerung die Zunge lösten;
Dann kömmt er zu sich, schilt sich selbst und klagt,
Doch, was er sagte, wird nicht ungesagt. 188
Ich hoff', o Frauen, euer milder Sinn
Gewährt Verzeihung mir, um die ich flehe.
Ihr werdet einsehn, daß ich rasend bin
Und fasel', übermannt von herbem Wehe.
Werft alle Schuld auf meine Quälerin,
Um derentwillen ich vor Schmerz vergehe
Und Dinge schreibe, die ich sonst nicht schriebe.
Wie hart sie ist, weiß Gott, – sie, wie ich liebe.
Ich bin nicht minder toll als Roland ist,
Nicht minder würdig, daß man frei mich spreche,
Als er, der jetzt das Reich Marsils durchmißt,
Bald auf den Bergen, bald in ebner Fläche,
Und nie die Stute nachzuziehn vergißt,
Todt wie sie ist, durch Wälder, Sümpf' und Bäche,
Bis er zuletzt sie liegen lassen muß,
Wo sich ins Meer ergießt ein breiter Fluß.
Und weil er schwimmt wie eine Wasserratte,
Springt er hinein und kömmt jenseits ans Land.
Dort ritt ein Hirt zu Pferde von der Matte
Hinab zur Tränk' an des Gestades Rand,
Der Rolands wegen keine Sorgen hatte,
Weil er ihn so allein und nackend fand.
»Ich möchte,« sprach der Narr, »du gäbest mir
Im Tausch für meine Stute dieses Thier. 189
»Willst du sie sehn, so hab' ich nichts dagegen;
Jenseits des Flusses liegt sie todt im Feld.
Du kannst hernach gesund sie wieder pflegen.
Sonst hat sie keinen Fehl, der mir misfällt.
Mit etwas Aufgeld ist dir's wohl gelegen?
Steig ab, mein Freund, weil mir dein Gaul gefällt.«
Der Hirte schweigt und lacht ob solcher Schwänke
Und läßt den Narren stehn und will zur Tränke.
»Ich will dein Pferd, kannst du nicht hören, Bauer?«
Schrie Roland und lief wütend gegen ihn.
Der Hirt hatt' einen derben Stock voll rauher
Astknoten, und er schlug den Paladin.
Da brach der Zorn los wie ein Hagelschauer,
Nie war er wilder, als er heut erschien.
Er traf des Hirten Kopf mit einem Streiche;
Der Schädel brach, zu Boden sank die Leiche.
Er springt aufs Pferd und läßt Galopp es gehn
Und jagt durchs Land und plündert auch daneben.
Der Gaul bekömmt nie Heu und Korn zu sehn,
Und hat denn auch den Geist bald aufgegeben.
Doch wollte Roland nicht zu Fuße gehn;
Was Pferde anlangt, liebt' er's flott zu leben,
Er nahm sie weg, soviel sich ihrer bot,
Die Eigentümer aber schlug er todt. 190
Am Ende kam er auch nach Malaga
Und trieb es ärger, als er's je getrieben;
Denn nicht nur plündert' er die Leute da
So schrecklich, daß die meisten Bettler blieben
Und man nach Jahren noch den Schaden sah,
Er bracht' auch Menschen um mit seinen Hieben,
Riß Häuser nieder, steckte viel' in Brand,
So daß der dritte Theil der Stadt verschwand.
10  Zibelterra ist Gibraltar.  Dann ging er, als die Stadt verwüstet war,
Nach einem Ort Zizera an dem Sunde
Von Zibelterra oder Zibeltar,
(Denn beide Namen führt das Volk im Munde).
Am Ufer nahm er eine Barke wahr,
Voll lust'ger Leute, die in früher Stunde,
Die kühle Luft des Morgens zu genießen,
Ins spiegelglatte Meer sich rudern ließen.
11  Der Tolle schrie mit lauter Stimme Halt,
Denn gar zu gern wär' er mit eingestiegen;
Doch ungehört schien sein Gebrüll verhallt;
An solcher Fracht pflegt Schiffern nichts zu liegen.
Durchs Wasser strich das Schiff ohn' Aufenthalt,
Hurtig wie durch die Luft die Schwalben fliegen.
Roland zerbläut das Pferd und stößt und schwingt
Den Knittel, bis er es ins Wasser bringt. 191
12  Ins Wasser muß das Pferd trotz aller Tücken;
Es hilft ihm nichts, daß es sich sträubt und stemmt.
Es taucht die Knie' ein, dann den Bauch, den Rücken,
Zuletzt den Kopf; fast scheint es überschwemmt.
Nie hoff' es mehr, die Rückkehr werd' ihm glücken,
Solang' ihm dieser Stock die Ohren kämmt!
Ach, wenn es nicht zum maurischen Gestade
Hinüberschwimmt, ersäuft es ohne Gnade.
13  Roland verliert das Schiff, das ihn bewogen
Hinwegzusteuern von dem trocknen Strand;
Der Seegang hatt' es seinem Blick entzogen,
Als er sich mitten in der Flut befand.
Doch treibt er seinen Gaul durch hohe Wogen,
Er will hinüber jetzt ans andre Land.
Das Pferd, voll Wassers und an Luft zu leer,
Gab's endlich auf und lebt' und schwamm nicht mehr.
14  Das Pferd versank, und Roland auch verschwände,
Trüg' er sich auf den eignen Armen nicht.
Er rührt die Beine, rührt zugleich die Hände
Und schnauft und wirft die Flut aus dem Gesicht.
Zum Glücke ging es mit dem Wind zu Ende,
Die Luft war still, das Wasser glatt und schlicht;
Denn wär' ein wenig nur die See gestiegen,
So würd' er bald am Grund des Meeres liegen. 192
15  Das Glück, das ja die Narren nie verläßt,
Zog ihn am Strand von Setta aus der Welle,
Und die Entfernung war, wenn ihr sie meßt,
Zwei Bogenschüsse von Setta's Castelle.
Das Meer entlang, auf gutes Glück, von West
Gen Osten lief er mit der größten Schnelle.
Bis eines Tages er am Meeresstrand
Zahlloses schwarzes Volk gelagert fand.
16  Wirklich haben, wie die Commentatoren angeben, verschiedene italienische Poeten, namentlich ein gewisser Brusantino, die Geschichte Angelica's und Medors weitergeführt, anscheinend aber nicht »mit bessrer Leier« als Ariost.  Hier lassen wir für jetzt den Grafen fahren;
Wir werden später sehn, was er beginnt.
Wie, gnäd'ger Herr, Angelica gefahren,
Die seiner Wut zu rechter Zeit entrinnt,
Und wie sie, um nach Indien heimzufahren,
Ein gutes Schiff antraf und bessren Wind
Und dem Medor das Reich gab der Kataier,
Das sing' ein andrer euch mit bessrer Leier.
17  Denn zu erzählen hab' ich noch so viel,
Daß ich die beiden nicht nach Haus begleite.
Fürs erste wend' ich jetzt den schönen Stil
An Mandricard, der nach entschiednem Streite
In dem Besitz der Schönheit sich gefiel,
Der in Europa gleichkam keine zweite,
Seitdem Angelica gen Osten zog,
Die keusche Isabel gen Himmel flog. 193
18  Wohl triumphiren mag der stolze Mann,
Für den die Braut den Schiedspruch abgegeben,
Doch voll genießt er nicht, was er gewann,
Solange noch die zwei Streitfälle schweben.
Der junge Roger rührt' ihm einen an,
Um nicht den weißen Adler preiszugeben;
Den andren, um den Degen Durindane,
Der weltberühmte Fürst von Sericane.
19  Sehr müht sich Agramant, Marsil desgleichen,
Den Streit zu schlichten, doch es will nicht gehn.
Unmöglich ist's nicht nur das zu erreichen,
Daß jene drei zur Freundschaft sich verstehn,
Nein Roger will auch nicht das Adlerzeichen
Dem Mandricard so lange zugestehn,
Noch gönnt Gradasso ihm das Schwert so lange,
Bis eins der zwei Turnier' ans Ziel gelange.
20  Denn Roger will nicht, daß in fremdem Streite
Man seinen Schild führt, und Gradasso nicht,
Daß man mit Rolands Degen an der Seite
Mit jemand außer mit ihm selber ficht.
»Das beste scheint mir, daß das Loos uns leite,«
Sagt Agramant; »was nützt es daß man spricht?
Loost also drum; der Zufall mag entscheiden;
Der gehe vor, den er vorzieht von beiden. 194
21  »Und möchtet ihr mir noch gefäll'ger sein,
Wofür ich dankbar wär' zu allen Zeiten,
So kämet ihr beim Loosen überein,
Daß wer zuerst berufen wird zu streiten,
Die beiden Fäll' entscheide, der allein,
So daß, wenn er gewinnt, er für den zweiten
Gleich mitgewinnt und ebenso für ihn
Auch mitverliert, sollt' er den kürzren ziehn.
22  »Ich glaub', es ist kein großer Unterschied
Zwischen Gradasso's Ruhm und Rogers Proben;
Wer auch das Loos von diesen beiden zieht,
Ich bin gewiß, man wird sein Fechten loben.
Der Sieg wird dann, wie alles was geschieht,
Abhangen von dem höhern Ratschluß droben.
Die Schuld wird keinenfalls der Ritter tragen,
Und nur das Schicksal hat man anzuklagen.«
23  Gradasso hörte schweigend diese Rede,
So Roger auch, und beide stimmten bei,
Daß der die eine wie die andre Fehde
Ausfechten solle, wer der erste sei.
Man schrieb die Namen auf zwei Rollen, jede
Der andren gleich, und legte dann die zwei
Papiernen Loos' in eine Urne nieder,
Und schüttelte die Urne hin und wider. 195
24  Ein junger Knabe dann griff in den Krug
Und zog ein Loos, und sieh, der Zufall wollte,
Daß es im Innern Rogers Namen trug
Und daß im Topf Gradasso bleiben sollte.
Denkt euch, wie Rogers Herz vor Freude schlug,
Als man den Zettel auseinander rollte,
Und andrerseits wie schwarz Gradasso blickte;
Doch mußt' er nehmen, was der Himmel schickte.
25  Mit allem Eifer und mit allem Fleiß
Beginnt Gradasso ihn zu unterstützen,
Weil Roger siegen soll um jeden Preis.
Wie Schild und Schwert man führt, um sich zu schützen,
Und was er sonst von Fechterkünsten weiß,
Die Hiebe, wie sie trügen, wie sie nützen,
Wann man das Glück versuchen soll und wann
Es scheuen, – Punkt für Punkt mahnt er daran.
26  Den Rest des Tages bis zum Abendgrauen
Verwenden dann die Freunde beiderseits,
Den Kämpfern, wie es Brauch ist, im Vertrauen
Rat zu ertheilen für den Gang des Streits.
Das Volk, begierig solchen Kampf zu schauen,
Eilt um die Wette nach dem Platz bereits,
Und statt in aller Früh' sich aufzumachen,
Zieht mancher vor, die Nacht dort zu durchwachen. 196
27  Der dumme Pöbel wartet schon im Kreise,
Erpicht darauf, solch ein Gefecht zu sehn.
Er sieht ja und begreift auf seine Weise
Die Dinge nur, die ihm vor Augen stehn.
Marsil jedoch, Sobrin und andre Weise,
Die auf Gewinn und Schaden sich verstehn,
Tadeln den Kampf und können es nicht fassen,
Daß Agramant so weit es kommen lassen,
28  Und rechnen es ihm vor, wie viel Gefahr
Daraus erwachsen müsse für die Heiden,
Gleichviel ob Roger fällt, ob der Tartar,
Wie auch das finstre Schicksal mag entscheiden:
Im Kampfe wider Kaiser Karl, fürwahr,
Sei ihnen einer nöt'ger von den beiden
Als zehnmaltausend andren Volks, wobei
Ein einz'ger guter kaum zu finden sei.
29  Der König weiß, es ist nur allzu wahr,
Sein Spruch jedoch ist nicht mehr aufzuheben.
Wohl bittet er das zorn'ge Kämpferpaar,
Ihm die Genehmigung zurückzugeben,
Zumal es Streit um nichts sei, ganz und gar
Unwürdig eines Kampfs auf Tod und Leben,
Und wollten sie ihm nicht die Liebe thun,
So möge doch für jetzt die Sache ruhn. 197
30  Fünf Monat' oder sechs, so mein' er, schiebe
Man leicht den Zweikampf auf und lasse Zeit,
Daß man aus seinem Reiche Karl vertriebe
Und nähm' ihm Diadem und Purpurkleid.
Doch jeder von den beiden, trotz der Liebe
Zum König, stand verstockt und taub beiseit,
Denn jeder meinte, daß es schimpflich wäre,
Wenn er zuerst für Aufschub sich erkläre.
31  Mehr aber als der König, mehr als alle,
Die fruchtlos flehn zum Erben Agricans,
Wehklagt und weint und fleht bei diesem Falle
Die schöne Tochter König Stordilans:
Gefallen mög' ihm, was dem Herrn gefalle,
Und fügen mög' er sich dem Sohn Trojans.
Sie weint und jammert, daß sie um das Leben
Des Gatten immer müss' in Ängsten schweben.
32  »Ich allerärmste! (sprach sie) wo ist hier
Hilfe für mich, um meine Angst zu stillen,
Wenn waffenrasselnd stets zum Fechten ihr
Euch führen laßt von immer neuen Grillen?
Was half die Freud' in meinem Herzen mir,
Als jener Kampf erlosch, den meinetwillen
Ihr mit dem andren eingegangen wart,
Wenn neuer jetzt entbrennt, nicht leichtrer Art? 198
33  »Weh mir! ich triumphirte viel zu frühe,
Daß ein so großer Fürst und starker Held
Dem Tode, weil sein Herz für mich erglühe,
Trotz bieten woll' auf mörderischem Feld.
Jetzt seh' ich ja, ihr gebt euch gleiche Mühe
Um die geringste Kleinigkeit der Welt.
Nicht Liebe war's zu mir, euch spornte nur
Die angeborne Wildheit der Natur.
34  »Liebt ihr mich wirklich, ist euch so zu Mute,
Wie ihr es stündlich mir zu schwören pflegt,
Dann – bei der Liebe, bei der scharfen Rute,
Die meine Seele martert und zerschlägt,
Fleh' ich zu euch, ertragt's mit kaltem Blute,
Daß jener Roger euren Vogel trägt.
Vortheil und Schaden könnt ihr nicht verspüren,
Mag er das Zeichen abthun oder führen.
35  »Wenig Gewinn und Schaden viel verheißt
Der Zweikampf, dessen ihr euch unterfangen.
Ihr werdet, wenn ihr ihm den Schild entreißt,
Für große Arbeit kleinen Lohn empfangen.
Wenn aber euch das Glück den Rücken weist,
Das ihr doch auch noch nicht beim Schopf gefangen,
So stiftet ihr ein Unheil, daß mein Herz
Bei dem Gedanken schon zerspringt vor Schmerz. 199
36  »Ist euch an eurem Leben nichts gelegen
Und theurer ein gemalter Wappenaar,
So liebt das Leben meines Lebens wegen;
Denn meins und eures hängt am selben Haar.
Nicht würd' ich Scheu, mit euch zu sterben, hegen;
Ich bin geschürzt für Tod und für Gefahr;
Doch litt' ich ungern, was ich leiden müßte,
Wenn sterbend ich von eurem Tode wüßte.«
37  Mit solchen Worten, die von Thränen immer
Begleitet sind, von Seufzern ohne Zahl,
Fleht sie die ganze Nacht und rastet nimmer
Zum Frieden zu bereden den Gemal.
Er aber schlürft der Thränen feuchten Schimmer
Von holden Augen, küßt die holde Qual
Von Lippen, röter als die frischen Rosen,
Und weinend selbst spricht er zur Fassungslosen:
38  »Ihr müßt euch nicht in solche Angst verlieren,
Mein theures Herz, bei Gott um Kinderein.
Wenn Karl und Agramant mit all den ihren,
Mohr und Franzose, wider mich allein
Ausrückten mit vereinigten Panieren,
Ihr dürftet dennoch ohne Sorge sein.
Ich sehe wohl, daß ihr mich wenig schätzt,
Da schon ein Roger euch in Furcht versetzt. 200
39  »Erinnert euch, mit einem Lanzensplitter
(Denn ohne Säbel war ich, ohne Schwert)
Hab' ich allein dem ganzen Haufen Ritter
Den Paß genommen, den sie mir gewehrt.
Gradasso hat – und er erzählt, so bitter
Der Fall ihm war, es jedem, der's begehrt, –
Im Thurm als mein Gefangner einst gesessen,
Und Roger kann sich doch mit dem nicht messen.
40  Die hier genannten Ritter versuchten, wie Bojardo erzählt, Hectors Waffen zu erobern, gerieten aber bei diesem halsbrechenden Abenteuer in Gefangenschaft, aus welcher Mandricard sie befreite, als er seinerseits das Wagestück erfolgreich bestanden hatte.  »Wie auch Gradasso mir bezeugen muß
Und euer Isolier und Sacripante,
Ich meine Sacripant vom Caucasus,
Nicht minder auch Grifon und Aquilante
Und hundert mehr, die hinter den Verschluß
Desselben Kerkers ihr Verhängniß sandte,
Mahomedanisch Volk und Christenheit,
Daß ich sie all' an einem Tag befreit.
41  »Noch kömmt es ihnen wie ein Wunder vor,
Was ich geleistet bei dem Unternehmen,
Ein größres, als wenn heute Christ und Mohr
Von allen Seiten auf den Leib mir kämen.
Und nun soll Roger gar, ein junger Thor,
Mann wider Mann mich schlagen und beschämen?
Jetzt, da ich Durindan' und Hectors Wehr
Besitze, macht dir Angst ein Feind wie der. 201
42  »O hätt' ich's doch vorhin durch Kampf bewährt,
Daß ich um euch zu fechten wohl verstehe!
Ihr hättet Proben dann von meinem Wert
Und wüßtet, wie es Rogern schlimm ergehe.
Trocknet die Thränen und, bei Gott, beschwert
Mich nicht mit Ahnungen von Tod und Wehe.
Und wisset auch, daß es der Ehre gilt,
Nicht dem gemalten Vogel auf dem Schild.«
43  So redet' er, sie aber hielt ihm Stand,
Und wie sie sprach in ihrem tiefen Leide,
Da hätte schließlich eine Felsenwand
Gewankt, geschweige der verliebte Heide.
Viel fehlte nicht, daß sie ihn überwand,
Ob er schon Eisen trug und sie nur Seide,
Und schon versprach er ihr, wenn von Vertragen
Der König nochmals rede, ja zu sagen.
44  Er hätt' es auch gethan, wenn jetzt nur nicht
Aurora an ihr täglich Amt gedächte
Und Roger schon – auf den Beweis erpicht,
Daß er den Adler führ' aus eignem Rechte,
Und ungeduldig auf das Kampfgericht,
Eh neuen Aufschub man zur Sprache brächte, –
Sein Horn erschallen ließ' und durch die Mitte
Des Volks geharnischt nach den Schranken ritte. 202
45  Kaum hörte dies der übermüt'ge Scythe
Den stolzen Schall, der ihn zum Kampfe lud,
Wollt' er nichts wissen mehr vom Weg der Güte
Und sprang vom Bett und rief in heller Wut
Nach Waffen, und wie jetzt sein Auge sprühte,
Verlor auch Doraliß sogar den Mut,
Um Frieden oder Aufschub noch zu flehen,
Und endlich muß die Schlacht nun vor sich gehen.
46  Er rüstet sich alsbald und wartet kaum
Auf die gewohnten Dienste seiner Knappen.
Dann schwingt er sich aufs Pferd, auf Güldenzaum,
Des großen Paladins berühmten Rappen,
Und galoppirt nach dem umhegten Raum
Zu endigen den Kampf um Schwert und Wappen.
Bald kam der König auch mit seinem Hause,
Und bis zum Angriff war nur kurz die Pause.
47  Die blanken Helme werden festgeschnallt,
Die Ritter lassen sich die Lanze reichen,
Und nun, wie der Trompetenstoß erschallt,
Sieht man zehntausend Wangen rings erbleichen.
Jetzt geben sie dem Speer den rechten Halt,
Drücken die Sporen in des Rosses Weichen,
Und aufeinander prallt der Sturm der Pferde;
Man denkt, der Himmel fällt, es birst die Erde. 203
48  Der Kampf der beiden Ritter, deren jeder den weißen Adler im Schilde führt, wird mit den Schlachten der römischen Bürgerkriege verglichen, bei denen auch beide Parteien des Adlers, nur eines schwarzen, sich als Feldzeichen bedienten.  Der weiße Vogel kam von beiden Seiten,
Der einst den Donnrer durch die Wolken trug.
So sah Thessalien ihn in frühern Zeiten,
Mit andern Federn, doch denselben Flug.
Wie stark die beiden sind, wie kühn im Streiten,
Der Stoß der Lanzen zeigt es klar genug,
Am klarsten, als sie nach dem Stoß der Speere
Wie Thürm' im Winde sind, wie Fels im Meere.
49  Die Stümpfe fliegen bis ans Firmament,
So schreibt Turpin, und das ist nicht gelogen;
Denn mancher Splitter fällt herab und brennt,
Weil er die Feuersphäre hat durchflogen.
Die Ritter, deren Seele Furcht nicht kennt,
Haben gewendet und das Schwert gezogen,
Und wie sie sich begegnen, treffen beide
Vorn das Visier mit ihres Degens Schneide.
50  Sie treffen das Visier beim ersten Schlag,
Und keiner zielt, damit er leichter siege,
Erst nach dem Pferde, was kein wackrer mag,
Dieweil die Pferde schuldlos sind am Kriege.
Wer meint, sie unterließen's laut Vertrag,
Kennt alten Brauch nicht; besser, wenn er schwiege.
Auch ohne weitren Pact war's ein Verbrechen
Und ew'ger Makel, nach dem Gaul zu stechen. 204
51  Sie treffen das Visier, das doppelt war
Und dennoch kaum Stand hielt dem Grimm der Ritter.
Schlag folgt auf Schlag, die Hiebe, Paar um Paar,
Hageln herab wie Schlossen beim Gewitter,
Das Äste, Laub und Saaten ganz und gar
Zerschmettert und die Hoffnung raubt dem Schnitter.
Wie Durindan' und Balisarde saust,
Das wißt ihr wohl, zumal in solcher Faust.
52  Doch ihrer würd'ges war noch nicht geschehn,
Denn beide deckten sich bei jedem Schritte.
Der Scythe that den ersten Schlag, durch den
Der gute Roger fast den Tod erlitte,
So einen großen Schlag, wie sie's verstehn.
Der fährt gerad' ihm durch des Schildes Mitte,
Zerschlägt den Brustharnisch, und weiter fährt
Hinab ins Fleisch das mörderische Schwert.
53  Vor Sorg' um Roger war bei diesem Hiebe
Dem Volk umher das Herz zu Eis erstarrt.
Der meisten, wenn nicht aller, Gunst und Liebe
War mehr für Roger als für Mandricard,
Und wenn Fortuna ihr Geschäft betriebe,
Wie von der Mehrzahl dort erbeten ward,
So wäre der Tartar schon eine Leiche.
Drum that er allen weh mit jenem Streiche. 205
54  Ich glaub', ein Engel war beim Kampf zugegen,
Und Rogers Leben stand in dessen Hut.
Der Jüngling war um Antwort nicht verlegen,
Und schrecklicher denn je in seiner Wut
Traf er den Kopf des Feindes mit dem Degen;
Doch war sein Zorn so wild, so heiß sein Blut,
So groß die Hast, daß ich mir leicht erkläre,
Weshalb er flacher schlug, als richtig wäre.
55  Wär Balisarde scharf herabgefahren,
So hielte Hectors Zauberhelm nicht Stand.
Der Hieb betäubt indessen den Tartaren;
Der Zügel fällt ihm plötzlich aus der Hand;
Er wackelt mit dem Kopf, um abzufahren,
Indeß umher auf dem umhegten Sand
Der edle Gaul, den ihr von Namen kennt,
Traurig ob seiner neuen Bürde, rennt.
56  Getretne Schlange kann so arg nicht wüten,
Der Löwe nicht, wann seine Wunde klafft,
Wie jetzt der Zorn des königlichen Scythen,
Als er von diesem Schlag empor sich rafft.
Es wuchsen Stolz und Grimm, die in ihm glühten,
So wuchsen auch, und mehr noch, Mut und Kraft.
Er spornte Güldenzaum zu mächt'gem Sprunge
Auf Roger los und hob das Schwert zum Schwunge. 206
57  Er hob sich in den Bügeln, und das Schwert
Flog auf den Helm, und diesmal, dacht' er, sitze
Der Hieb gewiß und spalt' ihn bis aufs Pferd.
Doch Roger kam zuvor mit raschrem Witze:
Denn eh der Arm zum Hiebe niederfährt,
Jagt er darunter ihm die Degenspitze
Und reißt ins Panzerhemd, das eben noch
Die Achselgrube barg, ein großes Loch.
58  Und Balisard' auf ihrem Rückweg zog
Das Blut heraus, das scharlachrote, laue,
Und wehrte Durindanen, die schon flog,
Daß sie zu schädlich und gefährlich haue.
Gleichwohl zurück bis auf die Kruppe bog
Sich Roger, schmerzlich zuckend mit der Braue,
Und wär' aus gröbrem Stoff sein Helm gemacht,
So hätt' er ewig an den Hieb gedacht.
59  Er läßt nicht ab, den Rappen spornt der Held
Und sucht den Scythen auf der rechten Seite.
Da hilft nicht trefflichstes Metall der Welt,
Kein noch so feiner Stahl hilft in dem Streite
Mit diesem Schwert, das nie vergebens fällt,
Das man zu diesem Zweck ausdrücklich feite,
Damit der Hieb hindurchfahr' ungehemmt
Durch Zauberpanzer und durch Zauberhemd. 207
60  Weg haut es, was es faßt, und plötzlich klafft
Im Fleische Mandricards die breite Wunde.
Er lästert Gott und brüllt; so grauenhaft
Brüllt nicht das Meer mit dem Orkan im Bunde.
Zusammen nimmt er jetzt all seine Kraft;
Den Schild, den weißen Aar auf blauem Grunde,
Wirft er hinweg, und, um mit eins zu enden,
Faßt er das mächt'ge Schwert mit beiden Händen.
61  »Ha,« ruft ihm Roger zu, »'s ist klar genug,
Daß du nicht wert bist solchen Schild zu führen.
Wer jetzt es wegwirft und es erst zerschlug,
Dem kann hinfort dies Wappen nicht gebüren.«
Noch als er sprach, sollt' er schon Zug um Zug,
Wie wütend Durindane kam, verspüren.
Sie fiel ihm auf die Stirn mit solcher Schwere,
Als ob ein Berg darauf gefallen wäre,
62  Und spaltet' in der Mitte das Visier,
(Zum Glücke blieb sie fern von Nas' und Wange,)
Fuhr in den Sattelbug, der hilflos ihr
Nachgeben mußte trotz der Eisenstange,
Flog endlich ihm ins Zeug, das wie Papier
Zerriß mit allem schützenden Behange,
Und schlug in Rogers Schenkel noch so tief,
Daß, bis er heilte, mancher Tag verlief. 208
63  Dem einen wie dem andren Kämpfer wallt
Das Blut vom Harnisch in zwei roten Bächen,
So daß für zweifelhaft es allen galt,
Wer besser fahre bei dem Hau'n und Stechen.
Doch löste Rogers Schwert den Zweifel bald,
Das schon so oft gezüchtigt hat die frechen.
Dorthin führt' er den Stoß und zielte scharf,
Wo seinen Schild der Gegner von sich warf.
64  Links fuhr er durch den Küraß des Tartaren,
Und gradeswegs zum Herzen drang er vor.
Zwölf Zoll tief in die Brust war er gefahren,
So daß der Scythe jedes Recht verlor,
Das er besitzen mocht' am weißen Aaren
Und an dem Schwert Rolands zu haben schwor,
Dazu das liebe Leben, das ihm werter
Und theurer war als alle Schild' und Schwerter.
65  Doch ohne Rache stürb' er nimmermehr.
Kaum war der Stoß ihm durch die Brust gegangen,
Zückt' er den Stahl, – noch war er sein, – und der
Hätt' Rogers Kopf zerspalten, Stirn und Wangen,
Wär' ihm von Roger nicht die Kraft vorher
Gebrochen und die Macht ihm abgefangen.
Zuviel der Macht und Kraft schwand hin und brach,
Als Roger in die Achselgrub' ihn stach. 209
66  Gerad' als er den Todesstreich empfing,
Schlug Mandricard zurück nach Rogers Kopfe.
Die Stahlhaub' und der dicke Eisenring
Zersprangen gleich, als ob man Scherben klopfe.
Durch Haut und Knochen Durindane ging
Und saß zwei Finger tief in Rogers Schopfe.
Hin stürzte Roger, wie wenn Blitz ihn träfe,
Und strömend lief das Blut von Stirn und Schläfe.
67  Er war der erste, der am Boden lag.
Der andre fiel so langsam, daß man dachte,
Der Scythenkönig sei's, den jener Schlag
Des Sieges und Triumphs theilhaftig machte.
Und seine Doraliß, die an dem Tag
Verschiedne Male weint' und wieder lachte,
Irrte mit allem Volk und hob die Hände,
Gott dankend, daß er so den Zweikampf ende.
68  Doch als an klaren Zeichen man erkennt,
Daß der lebend'ge lebt, der todte todt ist,
Da wechseln Leid und Lust das Regiment,
Hier herscht der Jubel, während drüben Not ist.
König und Herrn und Ritter, alles rennt
Zu Roger hin, der ganz vom Blute rot ist
Und kaum sich aufrafft; alles preist und drückt
Ihn an die Brust und jauchzt und ist entzückt. 210
69  Mit Roger freut sich jeder, und der Mund
Verrät nur das, was sie im Herzen hegen.
Gradasso's Zung' allein thut andres kund
Als die Gedanken, die in ihm sich regen.
Sein Antlitz lächelt, doch im Hintergrund
Rührt sich der Neid auf den gepriesnen Degen.
Er flucht dem Schicksals- oder Zufallsspiel,
Durch dessen Gunst das Loos auf Roger fiel.
70  Was soll ich sagen von der Zärtlichkeit,
Der Lieb' und Huld, der innigen und wahren,
Die König Agramant nun Rogern weiht?
Einst wollt' er nicht ohn' ihn nach Frankreich fahren,
Noch sein Panier entfalten für den Streit,
Noch sich verlassen auf so viele Scharen.
Jetzt, da er Agricans Nachfolger fällt,
Schätzt er ihn höher als die ganze Welt.
71  Und nicht allein der Männer Gunst besaß
Der gute Roger, nein, auch Gunst der Frauen,
Die mit Hispaniens Heer und Afrika's
Versammelt waren in den fränk'schen Gauen.
Und Doraliß sogar, die weinend saß,
Betrübt, den Bräutigam so bleich zu schauen,
Stünd' auch vielleicht mit jenen auf vom Sessel,
Wäre die Scham nicht eine harte Fessel. 211
72  Vielleicht sag' ich, weil ich's nicht sicher weiß;
Indeß es würde mich nicht Wunder nehmen:
So schön war Roger, so gekrönt mit Preis,
So ritterlich sein Anstand und Benehmen.
Auch fiel es ihr – ihr habt ja den Beweis –
Nicht eben schwer zum Tausch sich zu bequemen,
Und um der Liebe nicht ganz quitt zu gehn,
Könnte sie schon zu Roger sich verstehn.
73  Der Mandricard gefiel ihr, der lebend'ge,
Was fängt sie aber mit dem Todten an?
Sie braucht doch jemand, der ihr das notwend'ge
Rüstig bei Tag und Nacht besorgen kann.
Inzwischen trat zu Roger der verständ'ge
Chirurg, der beste Arzt des Hofs, heran
Und untersucht' aufmerksam jede Wunde
Und gab sein Wort darauf, daß er gesunde.
74  Behutsam ließ der König Agramant
In seinem Zelt den Jüngling niederlegen,
Um stets ihm nah zu bleiben und zur Hand:
So liebt' er ihn und sorgte seinetwegen.
Den Schild des Scythen hängt' er an die Wand
Vor Rogers Bett und, abgesehn vom Degen,
Die Waffen Mandricards; das Schwert allein
Händigte man dem Sericaner ein. 212
75  Die Rüstung und die andren Kostbarkeiten
Gab man dem guten Roger, und dabei
War Güldenzaum, das Schlachtroß, das vor Zeiten
Roland besaß, vor seiner Raserei.
Doch Roger sprach, der König soll' es reiten,
Wohl merkend daß es ihm willkommen sei.
Genug davon! ich muß zurück zu einer,
Die sich um Roger härmt, und hilft ihr keiner.
76  Von Liebesharm, der Bradamante's Glück
Zu stören drohte, hab' ich euch zu sagen.
Hippalca kam nach Montalban zurück,
Botschaft von ihrem Schatz ihr zuzutragen,
Wie Rodomont erst jenes Bubenstück
Übt' an Frontin und wie nach wenig Tagen
Sie Roger und den jungen Richard fand
Und dessen Vettern an dem Brunnenrand.
77  Und wie sie mit ihm fortritt in dem Wahn,
Den Saracenen schleunig einzuholen
Und ihn zu strafen, der die That gethan,
Der einem Weibe Rogers Pferd gestohlen,
Und wie gescheitert war der ganze Plan,
Weil sie die kürzre Straße hatt' empfohlen.
Auch von dem Grunde, weshalb Roger nicht
Ins Schloß gekommen sei, gab sie Bericht. 213
78  Und Wort für Wort vermeldete sie ihr,
Wie Roger bitte, daß sie ihm vergebe,
Und zog den Brief hervor und sagte: »Hier,
Er gab mir dies, damit ich's weitergebe.«
Das Fräulein nahm, dann las sie das Papier
Mit einer Mien', als ob das Herz ihr bebe.
Hätte sie nicht sich's in den Kopf gesetzt,
Ihn selbst zu sehn, sie wäre froher jetzt.
79  Daß sie den theuren selbst erwartet hatte
Und daß es nun beim bloßen Briefe blieb,
Das war der Grund, weshalb des Kummers Schatte
Die Freude von der schönen Stirn vertrieb.
Zehn Küss' und wieder zehn gab sie dem Blatte,
Im Herzen sein gedenkend, der es schrieb,
Und nur die Thränen wehrten, die es netzten,
Daß ihre Seufzer nicht in Brand es setzten.
80  Fünfmal und sechsmal las sie voll Begier,
Und auch was mündlich er der Magd befohlen,
Ließ sie nicht minder häufig sich von ihr,
Die Brief und Gruß gebracht hat, wiederholen,
In Thränen aufgelöst. Ich glaube schier,
Es wär' ihr nicht geglückt sich zu erholen,
Wär' nicht der eine Trost bei allem Leid,
Daß Roger kommen will in kurzer Zeit. 214
81  Zwei Wochen bis zur Rückkehr oder drei
Bedang er sich, und dann mit heil'gen Schwüren
Bat er Hippalca, daß sie ruhig sei;
Er lasse sich zum Wortbruch nicht verführen.
»Wer bürgt mir, (sprach sie) daß nicht allerlei
Zufälle, deren Macht wir täglich spüren,
Zumal im Krieg, ihm so im Wege sind,
Daß er die Zeit zur Rückkehr nicht gewinnt?
82  »Weh mir! weh mir! wer konnt' es jemals denken?
Mehr als mich selber, Roger, liebt' ich dich;
Du aber (andrer gar nicht zu gedenken)
Liebst deine ärgsten Feinde mehr als mich.
Du hilfst, wo es viel besser wär' zu kränken;
Hier, statt zu helfen, kränkst du bitterlich.
Ich weiß nicht, dünkt's dir häßlich oder fein,
Beim Züchtigen und Lohnen blind zu sein?
83  »Dein Vater starb (ich weiß nicht, ob du's weißt,)
Starb durch Trojan, das wissen selbst die Steine.
Der Sohn Trojans ist's, dem du Hilfe leihst,
Damit er ja nicht Schaden nehm' und weine.
Ist das die Rache, daß du den befreist?
Und ist für sie, die einst ihn rächten, deine
Belohnung dies, daß ich, ihr Fleisch und Blut,
Umkommen muß in Pein und Flammenglut?« 215
84  So rief sie in die Ferne Rogers Namen
Mit Worten und mit Thränen ohne Zahl,
Die einmal nicht, die zehnmal wiederkamen.
Hippalca sprach ihr zu in ihrer Qual:
Die Treue Rogers werde nie erlahmen;
Sie solle warten in Geduld, zumal
Nichts andres übrig bleibe, bis zum Tage
Der Wiederkehr, wie Roger selbst es sage.
85  Dem Trost der Magd und jenem starken Glauben,
Der selten ein verliebtes Herz verläßt,
Glückt es, der Furcht und Pein die Macht zu rauben,
Die Bradamanten Thränen abgepreßt.
Doch fortzugehn von Montalban erlauben
Die beiden nicht; im Schlosse sitzt sie fest,
Abwartend, bis die kurze Frist verrinne,
Die er beschwor. Doch hielt er schlecht sie inne.
86  Wenn Roger aber schlecht einhielt die Frist,
So werd' ihm darum nicht der Stab gebrochen.
Bedenkt, wie er gezwungen worden ist,
Das zu versäumen, was er ihr versprochen.
Er mußt' ins Bett sich legen, wie ihr wißt,
Und lag danieder länger als vier Wochen
In tödtlicher Gefahr: so heftig ward
Der Schmerz nach dem Gefecht mit Mandricard. 216
87  Die Jungfrau wartet', als der Tag erschien,
Vergebens, daß er in das Schloßthor reite.
Auch war's nicht möglich Nachricht einzuziehn
Als von der Magd und dann von Richards Seite,
Der ihr erzählte, wie der Ritter ihn
Und Malagis und Vivian befreite.
Die Nachricht hatt' ihr zwar das Herz erfrischt,
Doch war ein Tröpfchen Wermut beigemischt,
88  Weil Richard im Gespräch Marfisa nannte
Und ihre Tapferkeit und Schönheit pries.
Sie wußte nun, wohin sich Roger wandte
Und jene mit ihm, die ihn nicht verließ,
Dorthin, wo Agramant, der schwer berannte,
In großen Nöten schwebte vor Paris.
So würdige Gesellschaft lobt die gute,
Doch ist ihr nicht sehr leicht dabei zu Mute.
89  Auch ist's kein leichter Argwohn, der sie plagt;
Denn wenn sie stets beisammen sind, die beiden,
Und wenn Marfisa schön ist, wie man sagt,
So wird sich Rogers Herz für sie entscheiden.
Doch glauben will sie's nicht; sie hofft und zagt
Und harrt des Tags, der Glück bringt oder Leiden,
In bangem Kummer, seufzend für und für,
Und setzt den Fuß nicht vor des Schlosses Thür. 217
90  Noch war sie dort, wo ihre Brüder waren,
Da kam der Brüder Oberhaupt und Held,
Ihr erster (nach der Ehre, nicht an Jahren
Denn vor ihm kamen zwei auf diese Welt,)
Rinald, der wie das Sonnenlicht die Scharen
Der Sterne, so mit Glanz sein Haus erhellt.
Zu Mittag kam er eines Tags geritten,
Mit einem Pagen, sonst mit keinem dritten.
91  Er war auf seinem Wege nach Paris
Von Brava her, (ihr wißt, daß er die Strecke
Den guten Bajard oft durchmessen ließ,
Hoffend, daß er Angelica entdecke,)
Als er von Vivian und Malagis
Die Hiobspost vernahm zu seinem Schrecke,
Daß man verkauft sie hab' an Bertolag,
Und ritt nach Agrismont den selb'gen Tag.
92  Als er da hörte, daß der schnöde Plan
Vereitelt sei und beide frei von Ketten,
Und daß Marfis' und Roger es gethan,
Was nötig war, um jene zu erretten,
Und seine Brüder dann nach Montalban
Mit ihren Vettern sich begeben hätten,
Schien jede Stund' ein Jahr ihm, bis er alle
Umarmen könn' in der bekannten Halle. 218
93  Rinalds Gemalin war Clarisse, Tochter des Hugo von Bordeaux. So giebt Bojardo an. Tasso hat die Liebe der beiden, von welcher Ariost nicht viel Aufhebens macht, in seinem Gedichte »il Rinaldo« besungen.  So kam er und umfing voll Freudigkeit
Mutter und Weib und Kind und all die seinen
Und auch die Vettern, die der Kampf befreit.
Und als er kam, da konnt' es wahrlich scheinen,
Die Schwalbe komme nach der Hungerzeit,
Den Mund voll Futters, zu den lieben Kleinen.
Zwei Tage blieb er oder drei; dann ritt
Er weiter und nahm andre Reiter mit.
94  Guiscard, der erstgeborne, und Alard
Und Richard und der jüngre Richard reiten
Dem Helden nach, der ganz in Waffen starrt,
Und auch die Vettern wollen ihn begleiten.
Die Schwester aber, die des Tages harrt,
Der allzu langsam scheint heran zu schreiten,
Sagt ihren Brüdern, sie sei krank und schwach,
Und bleibt daheim und folgt der Schar nicht nach.
95  Auch war sie krank, sie konnt' es wohl bejahn.
Nicht leiblich Weh, nicht Fieber im Geblüte,
Die Sehnsucht war's, die es ihr angethan,
Das Herz war krank, das heiß von Liebe glühte.
Rinald blieb also nicht in Montalban
Und führte mit sich seines Hauses Blüte.
Wie nach Paris er zog und Sieg errang
Für Karl, das lehrt der folgende Gesang. 219

 


 

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