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Rasender Roland, Band 3

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 3 - Kapitel 5
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 3
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 3
pages406
created20150617
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Achtundzwanzigster Gesang.

Geschichte des Astolf und des Jucund (1–84). Rodomont läßt sich in der Provence nieder, trifft dort Isabella, die mit dem Klausner die Leiche Zerbins geleitet, und wird von Liebe zu ihr entflammt (85–102).

Ihr Frau'n und alle, die ihr Frauen schätzt,
Leiht kein Gehör der folgenden Geschichte,
Die zu erzählen jener Gastwirt jetzt
Sich anschickt, euch zum Hohn und Schandgerichte;
Obschon, was so gemeine Zunge schwätzt,
Dem Schatten nichts hinzufügt noch dem Lichte,
Und dummer Pöbel, wie ihr täglich seht,
Je lieber schimpft, je wen'ger er versteht.
Laßt den Gesang beiseit; ihr könnt ihn streichen,
Und die Geschichte bleibt nicht minder klar.
Nur weil Turpin ihn bringt, thu' ich desgleichen,
Und nicht aus Vorwitz oder Bosheit gar.
Daß ich euch liebe habt ihr tausend Zeichen,
Weil ich nie karg euch Lob zu spenden war
Und täglich Proben und Beweis' erneure,
Daß ich nichts bin und sein kann als der eure. 128
Wer will, der überschlag' ein Dutzend Seiten
Und lese nicht, und wenn ihr lesen wollt,
So zollt den folgenden Begebenheiten
Den Glauben, den man losen Fabeln zollt.
Um aber jetzt zur Sache selbst zu schreiten:
Als er den Gast so gnädig fand und hold
Und sich ihm gegenüber setzen mußte,
Erzählt' er ihm den Schwank, so gut er's wußte.
»Astolf, der König, dem die Lombardei
Von seinem Bruder Mönch ward abgestanden, –
Man sagt, daß er so schön gewesen sei,
Daß seines gleichen sich nur wenig fanden.
Der machte des Apelles Malerei
Und Zeuxis und noch größere zu Schanden.
Schön war er und schön fand ihn männiglich,
Noch schöner aber fand er selber sich.
»Und nicht so sehr an Rang und an Gewalt
Fand er sich über andre Leut' erhaben,
Nicht weil er reich war und für stärker galt
Denn alle Fürsten, die sein Land umgaben,
Als wegen seiner Schönheit und Gestalt
Glaubt' er den höchsten Ehrenplatz zu haben.
Dies Lob zu hören zog er allem vor,
Was lieblich klingt für eines Menschen Ohr. 129
»Ein Römer, dem er große Gunst erwiesen,
Lebt' an dem Hof, Fausto Latin genannt,
Vor welchem sich der König oft gepriesen,
Sein schönes Antlitz, seine schöne Hand,
Und einmal im Gespräche fragt' er diesen,
Ob je er einen Sterblichen gekannt,
Den die Natur gleich ihm vollkommen machte.
Die Antwort lautet' anders als er dachte.
»Mir sagt mein Aug' und aller Leute Mund,
Versetzte Faustus, Schönheit gleich der deinen
Besitzen wenig' auf dem Erdenrund,
Und diese wen'gen schränk' ich ein auf einen.
Mein Bruder ist der ein' und heißt Jucund.
Den ausgenommen, glaub' ich, giebt es keinen,
Den du nicht überträfest; er jedoch
Ist dir an Schönheit gleich und schöner noch.
»Dem König deucht' es allzu wundersam,
Daß jemand ihm die Palme sollt' entringen,
Und den gepriesenen zu sehn bekam
Er große Lust und ließ nicht ab zu dringen,
Bis Faustus die Verpflichtung übernahm,
Den Bruder an des Königs Hof zu bringen,
Obwohl er meint', es koste Müh, Jucund
Zu holen, und er sagt' ihm auch den Grund. 130
»Sein Bruder sei ein Mann, der nie den Gassen
Der Vaterstadt den Rücken noch gekehrt,
Der, ohne sich mit Sorgen zu befassen,
Verzehre, was das Schicksal ihm beschert.
Das Erbgut, das sein Vater ihm gelassen,
Hab' er vermindert nicht und nicht vermehrt,
Und sicher werd' ihm, nach Pavia wandern
Viel weiter scheinen als der Indus andern.
10  »Vor allem aber sei dann zweitens schwer,
Daß er sich von der Gattin trennen solle;
Denn seine Liebe fessel' ihn zu sehr.
Und wollen könn' er nicht, wenn sie nicht wolle.
Doch wollt' er thun, was möglich sei, und mehr,
Aus Ehrfurcht, die er seinem Gönner zolle.
Astolf verband mit seiner Bitte Spenden
Genug, um jeden Widerspruch zu enden.
11  »So reist' er ab und kam auch glücklich hin
Nach Rom ins Vaterhaus, und dort durch Flehen
Erweicht' er schließlich seines Bruders Sinn,
Daß der versprach mit ihm an Hof zu gehen.
Und, was noch schwerer fiel, die Schwägerin
Bewog er, still und schweigend zuzusehen,
Indem er ihr den Vortheil klar bewies,
Der folgen werd', und ew'gen Dank verhieß. 131
12  »Bevor Jucund sich trennte von den seinen,
Sorgt' er für Pferde, Diener, reiche Tracht,
Um wohlgeschmückt am Hofe zu erscheinen,
(Weil Schönheit oft im Putz sich besser macht).
Die Frau indessen ließ nicht ab zu weinen,
So oft sie um ihn war bei Tag und Nacht,
Und sprach, sie wisse nimmer, wenn er gehe,
Wie sie die Trennung lebend überstehe;
13  »Schon der Gedanke mach' ihr Blut zu Eise,
Und in der Brust das Herz zerspringe schier.
Ach weine nicht, mein Leben, sagte leise
Jucund und weinte selber dann mit ihr;
So wahr ich Glück mir wünsche zu der Reise,
Bin ich in zwei Monaten wieder hier,
Und keinen Tag darüber werd' ich weilen,
Wollt' auch Astolf die Herrschaft mit mir theilen.
14  »Dies alles flößte wenig Trost ihr ein;
Sie fand die Frist zu lang, die er sich nehme;
Er werde bei der Heimkehr Witwer sein,
Wenn nicht ein Wunder noch dazwischen käme.
Sie aß und schlief nicht mehr vor lauter Pein;
Man sah, daß sie bei Tag und Nacht sich gräme,
Und oft bereute schon der arme Gatte,
Daß er dem Bruder nachgegeben hatte. 132
15  »Sie nahm von ihrem Nacken eine Kette;
Ein Kreuz mit Edelsteinen hing daran,
Und auch Reliquien, die an heil'ger Stätte
Gesammelt hatt' ein böhm'scher Pilgersmann
Und ihrem Vater auf dem Sterbebette
Vermachte, weil er, krank von Kanaan
Heimkehrend, Pfleg' und Rast bei ihm gefunden
Dies Kleinod nahm sie ab und gab's Jucunden
16  »Und bat, er mög' es tragen alle Zeit,
Damit er immer sie im Sinn behalte.
Es anzunehmen war Jucund bereit,
Nicht weil er solch ein Pfand für nötig halte,
Denn niemals könn' Entfernung oder Zeit
Noch Glück noch Schmerz, wie auch das Schicksal walte,
So sein Gedächtniß trüben, daß er sie
Vergäße; selbst im Grabe werd' er's nie.
17  »Die letzte Nacht vor jenem Morgenrot,
Das der Termin war für das bittre Scheiden,
Da schien es fast, als ob die Frau den Tod
In ihres Gatten Armen sollt' erleiden.
Sie schliefen nicht. Es dämmerte zur Not,
Da kam's zum letzten Abschied zwischen beiden.
Er stieg zu Pferd; sie sah ihn wirklich ziehn
Und ging zu Bette wieder ohne ihn. 133
18  »Jucund war keine Stund' auf seiner Fahrt,
Da plötzlich dacht' er an die goldne Kette.
Nachts hatt' er unterm Kissen sie verwahrt
Und hatte sie vergessen dann im Bette.
O wehe, dacht' er, wer auf gute Art
Jetzt einen Grund sich zu entschuld'gen hätte,
Damit sie nur nicht glaubt, daß ich das Pfand
Der größten Liebe nicht sehr schmackhaft fand!
19  »Ihm schien, indem er hin und wider sann,
Daß er die Frau durch einen Boten kränke,
Sei's nun ein Diener, sei's ein andrer Mann,
Und besser selbst die Schritte heimwärts lenke.
Er hielt und sprach zum Bruder: reit voran
Bis nach Baccano, bis zur ersten Schenke;
Ich muß zurück nach Rom; es muß so sein,
Doch hol' ich unterwegs dich wieder ein.
20  »Kein andrer kann's besorgen, außer ich;
Doch zweifle nicht, daß ich dich wiederfinde. –
So trabt' er fort und rief Gott schütze dich
Und nahm auch keinen mit sich vom Gesinde.
Als er den Fluß hinüber ritt, entwich
Schon vor dem Sonnenlicht die Nacht, die blinde.
Am Hause steigt er ab, geht ins Gemach,
Tritt an das Bett; die Frau ist noch nicht wach. 134
21  »Er hob den Vorhang auf, ganz sacht und schlau,
Und sah, was sonst unglaublich wär' erschienen:
Im Bette lag bei seiner keuschen Frau
Ein Jüngling und das Deckbett über ihnen.
Den Ehebrecher kannt' er ganz genau,
Denn schon seit langem pflegt' er ihm zu dienen,
Ein Bursche niedren Standes, den der Gatte
Erzogen und als Knecht behalten hatte.
22  »Ob er erstarrte wie vom Blitz gerührt,
Das denkt ihr besser euch und laßt's euch sagen,
Als daß ihr solch ein Unheil selbst erführt,
Wie er's erfuhr, und mußt' es doch ertragen.
Im ersten Jähzorn hatt' er Lust verspürt,
Das Schwert zu ziehn und beide todtzuschlagen,
Jedoch die Liebe, die er noch empfand
Für diese falsche, fesselt' ihm die Hand.
23  »Und die verwünschte Liebe wehrt' ihm nun,
(So willenlos war er ihr Knecht und Knappe,)
Sie zu erwecken und ihr weh zu thun,
Wenn sie gewahre, wie er sie ertappe.
Er schlich sich leise fort und ließ sie ruhn,
Verließ das Haus, am Thore stand sein Rappe,
Er steigt hinauf und spornt, gespornt von Pein,
Den Renner an und holt den Bruder ein. 135
24  »Nach Horneberg (Corneto) gehen« heißt soviel wie Hahnrei werden, der symbolischen Bedeutung der Hörner wegen.  »Wohl merkten alle sein verändert Wesen;
Daß er nicht fröhlich sei, war offenbar;
Doch keiner konnte das Geheimniß lesen
In seinen Mienen oder raten gar.
Sie glaubten all', er sei in Rom gewesen,
Da er in Horneberg gewesen war.
Daß Lieb' im Spiel sei, zweifelte wohl keiner,
Jedoch auf welche Art, das riet nicht einer.
25  »Der Bruder denkt, der ganze Kummer gilt
Der Gattin, die er zwingt allein zu leben,
Und er im Gegentheil ist krank und wild,
Weil ihr zuviel Gesellschaft ward gegeben.
Er zieht die Stirne kraus, die Lippe schwillt,
Er wagt die Augen nicht emporzuheben,
Und was auch Faustus, ihn zu trösten, spricht,
Weil er den Grund nicht kennt, so hilft es nicht.
26  »Er salbt die Wunde mit verkehrten Säften
Und mehrt den Schmerz, statt ihn herauszuziehn;
Er bohrt und öffnet, statt den Riß zu heften,
Denn immer an die Frau gemahnt er ihn.
Er leidet Tag und Nacht und kömmt von Kräften,
Der Schlaf und der Geschmack am Mahle fliehn,
Und sein Gesicht, das schönste dieser Erde,
Verwandelt sich, als ob's ein andres werde. 136
27  »Die Augen sinken in die Höhlen ein,
Die Nase wächst aus den entfleischten Wangen;
Von seiner Schönheit bleibt ein Rest, zu klein
Um noch den Preis am Hofe zu erlangen.
Zuletzt kam noch ein Fieber obendrein
Und hielt am Strand des Arno ihn gefangen,
Und was an ihm noch schön blieb, das verschwand
Wie die gepflückte Ros' im Sonnenbrand.
28  »Dem Faustus that es leid, das glaub' ich gern,
Den Bruder krank zu sehn und ganz gebrochen,
Doch mehr verdroß es ihn, vor seinem Herrn
Als Lügner dazustehn, weil er versprochen,
Den schönsten aller Männer nah und fern
Zu bringen, – und nun bracht' er Haut und Knochen.
Indeß was half es? weiter ging der Ritt,
Und Faustus schleppt' ihn nach Pavia mit.
29  »Erst wollt' er doch den König vorbereiten,
Um nicht als unvernünftig dazustehn;
Er meldet' also brieflich ihm bei Zeiten,
Jucund sei im Begriff daraufzugehn,
Und seiner Schönheit sei durch Traurigkeiten
Des Herzens solcher Abbruch jüngst geschehn
Und außerdem durch schlimme Fieberplage,
Daß er sein eignes Antlitz nimmer trage. 137
30  »Astolf empfing den Römer im Palast,
Als ob ein alter Freund empfangen werde;
Denn ihn zu sehen wünscht' er heißer fast
Als irgend etwas auf der ganzen Erde.
Auch war es ihm nicht unlieb, daß der Gast
Durch Schönheit nicht den Vorrang ihm gefährde,
Obwohl er sah, daß, wär' er fieberfrei,
Jucund ihm gleich, wenn nicht noch schöner sei.
31  »Er räumt im Schloß ihm eine Wohnung ein,
Besucht ihn täglich, will stets von ihm wissen,
Kehrt alles vor, um ihm bequem zu sein,
Ist ihn zu ehren immer froh beflissen.
Hinwelkt Jucund; denn ihn zernagt die Pein
Um seine falsche Frau mit scharfen Bissen,
Und nicht Musik noch Augenweide nahm
Ein Gränchen nur hinweg von seinem Gram.
32  »Er hatte nächst dem Dach die letzten Zimmer,
Und vor den Zimmern war ein alter Saal;
Dort pflegt' er, weil Gesellschaft, Lärm und Schimmer
Ihm unerträglich schien, aus eigner Wahl
Einsam zu hausen, in Gedanken immer
Sich peinigend mit stets erneuter Qual,
Und dort (wer sollt' es glauben?) fand der arme,
Was ihn erlöste von dem bittren Harme. 138
33  »Im Saale hinten, wo es dunkler war,
(Denn immer vor den Fenstern blieb die Blende,)
Nahm er am Boden einen Lichtschein wahr
Und fand, die Planke schloß nicht an die Wände.
Er blickt hindurch und sieht, was er fürwahr,
Wenn er's von andren hört', unglaublich fände.
Er hört es nicht, er kann's mit Augen schauen,
Und selbst den Augen wagt er nicht zu trauen.
34  »Er sieht von dort der Königin Quartier,
Ihr schönstes Zimmer und vor allen Dingen
Ihr heimlichstes; denn Zutritt ließ sie hier
Nur denen, die am treusten an ihr hingen.
Er blickt, und einen Zwerg sieht er mit ihr
Verwickelt in gar sonderbarem Ringen,
Und dieser Knirps ist so im Kampf gewiegt,
Daß bald die Königin ihm unterliegt.
35  »Verdonnert steht Jucund und rührt sich nicht;
Er glaubt zuerst, er träume diese Scene;
Doch da er merkt, es sei kein Traumgesicht,
Sei Wirklichkeit, glaubt er das selbstgeseh'ne.
Was! diesem Unhold, diesem garst'gen Wicht
(So sagt er bei sich selbst) ergiebt sich jene,
Der Gott den schönsten, feinsten Mann beschied,
Den besten König? welch ein Appetit! 139
36  »Und er besann sich, ob er wohl mit Recht
Sein eignes Weib vor allen andren rüge,
Weil sie sich einließ mit dem jungen Knecht;
Verzeihlich schien ihm, daß sie ihn betrüge.
Nicht sie sei schuldig, sondern ihr Geschlecht,
Das niemals sich mit einem Mann begnüge,
Und habe jede ihren Dintenklex,
So liebe sie denn doch kein Misgewächs.
37  »Den nächsten Tag ist er am selben Ort
Zur selben Stund' und sieht das Paar erscheinen,
Und wieder wird der arme König dort
Beschimpft von seiner Frau und jenem Kleinen.
Am dritten Tage geht die Arbeit fort,
Am vierten Tag, kurzum sie feiern keinen.
Und seltsam! immer klagt die hohe Frau,
Das Ungeheuer liebe sie zu lau.
38  »Und eines Tages unter andren Tagen
Sieht er sie ernst, mit traurigem Gesicht.
Sie hat der Zofe zweimal aufgetragen
Den Zwerg zu rufen, dennoch kommt er nicht.
Sie schickt zum dritten Mal: was läßt er sagen?
Er spielt, Madonna, lautet der Bericht;
Ein Groschen könnt' ihm leicht verloren gehen,
Drum weigert sich der Rüpel aufzustehen. 140
39  »Dies Schauspiel wirkt so seltsam auf Jucund,
Daß Stirn und Aug' und Antlitz sich verklären.
Er führt den heitren Namen jetzt mit Grund,
Und fröhlich Lachen folgt den bittren Zähren.
Er wird wie früher lustig, frisch und rund,
Schön wie ein Cherub aus den sel'gen Sphären.
Der König und der Hof und jedermann
Sieht voll Erstaunens die Verwandlung an.
40  »Und ist Astolf begierig ihn zu fragen,
Was ihn mit einem Mal getröstet hat,
So ist Jucund begierig ihm zu sagen
Was er entdeckt an Frevel und Verrat;
Nur soll der König seiner Frau Betragen
Nicht härter ahnden als er selber that.
Der König also, wollt' er alles hören,
Mußt' ihm zuvor aufs agnus dei schwören.
41  »Der König mußt' ihm schwören und versprechen,
Was er auch hören werd' und arges sehn,
Selbst wenn er find', es sei durch ein Verbrechen
Ein Raub an seiner Majestät geschehn,
Nicht jetzt noch künftig jemals sich zu rächen
Und sich zu ew'gem Schweigen zu verstehn,
So daß der Frevler nie aus Wort und Thaten
Erkennen könn', er sei dem Herrn verraten. 141
42  »Der König schwor es gern; er hätt' an alles
Viel eher als gerad' an dies gedacht.
Jucund erklärt' ihm die Natur des Falles,
Der ihn so lange Zeit betrübt gemacht,
Wie er mit einem Knechte seines Stalles
Sein Weib betroffen hab' in jener Nacht
Und wie der Kummer ihn getödtet hätte,
Wär' nicht der Trost gekommen, der ihn rette.
43  »Jetzt hab' er unter seiner Hoheit Dache
Etwas gesehn, das lindre seine Pein;
Denn ob ihm seine Frau gleich Schande mache,
So wiss' er doch, er leide nicht allein.
So bringt er ihn zum Spalt in dem Gemache
Und zeigt ihm jenes garst'ge Zwergelein,
Das just die fremde Stute hat bestiegen
Und galoppirt, daß sich die Balken biegen.
44  »Daß nun dem Herrn Astolf die Galle schwoll,
Das glaubt ihr, eh ich euch mein Wort verpfände.
Er will schon wütend werden, rasend, toll,
Er will schon mit dem Kopfe durch die Wände,
Will schrein, will, daß der Pact nicht gelten soll,
Indeß verbeißen muß er's doch am Ende.
Verschlucken muß er, was so grimmig brennt,
Weil er's geschworen hat aufs Sacrament. 142
45  »Was soll ich thun? was rätst du, Bruder? sprich!
(Fragt er Jucund) dir hab' ich's zuzuschreiben,
Daß mein gerechter Zorn und Kummer sich
Der Rach' enthalten, ungesättigt bleiben. –
Jucund versetzt: Die falsche laß im Stich
Und laß uns sehn, wie es die andren treiben.
Was andre uns gethan, das laß uns nun
An Weibern andrer andren wieder thun.
46  »Wir sind noch beide jung, und unsres gleichen
An Schönheit giebt es nirgend auf der Welt:
Muß da nicht jedes Weib die Segel streichen,
Wenn es den garst'gen schon zur Beute fällt?
Was Jugend und was Schönheit nicht erreichen,
Erreichen wir doch wenigstens durch Geld.
Du sollst mir nicht nach Haus, eh deinen Siegen
Nicht tausend Weiber andrer Leut' erliegen.
47  »Die neuen Länder, die Abwesenheit,
Die Schönen, die man unterwegs gefunden,
Das ließ schon manch verliebtes Herzeleid
Erst milder werden und hernach gesunden. –
Der König lobt den Rat, und keine Zeit
Will er verlieren; schon nach wenig Stunden,
Zwei Knappen hinter sich und an der Seite
Des röm'schen Edelmanns, sucht er das Weite. 143
48  »Verkleidet durch Italien, Frankreich, Flandern
Reisten die beiden bis nach Engelland,
Und stets gefällig fand man, was beim Wandern
Sich unterwegs an schönen Weibern fand.
Sie gaben Trinkgeld, nahmen's auch von andern
Und strichen wieder ein, was sie verwandt,
Und wie sie selbst bei mancher Dame flehten,
So wurden sie von mancher auch gebeten.
49  »Bald einen Monat rastend, bald auch zwei,
Erkannten sie aus bündigsten Beweisen,
Die Treu' und Keuschheit andrer Frauen sei
Nicht mehr als die der ihrigen zu preisen.
Zuletzt verdroß sie doch das Vielerlei
Und die beständ'ge Jagd nach neuen Speisen,
Zumal in fremde Häuser man nicht leicht
Ohn' einige Gefahr des Todes schleicht.
50  »Viel besser ist's, man nimmt ein Mädchen an,
Die beid' erfreut durch Schönheit und Benehmen
Und beiden im Verein genügen kann,
Ganz ohne Neid und Eifersucht und Grämen.
Warum, so sagt Astolf, als Nebenmann
Nicht lieber dich als einen andren nehmen,
Da einmal feststeht, daß in dieser Welt
Nicht eine ruhig sich an einen hält? 144
51  »An einer könnten wir, ohn' uns zu plagen
Und übermäßig angestrengt zu sein,
Uns beid' erfreun in friedlichem Behagen;
Wir werden ihrethalb uns nicht entzwein.
Auch jene, glaub' ich, hätte nicht zu klagen;
Denn könnte jede Frau zwei Gatten frein,
Sie wäre zweien treuer als dem einen,
Und vieles stünde besser, sollt' ich meinen.
52  »Dem jungen Römer schien dies wohlgethan,
Er war mit allem völlig einverstanden,
Und so, auf dieses Ziel gerichtet, sahn
Sie im Gebirg sich um und flachen Landen,
Bis sie zuletzt geeignet für den Plan
Die Tochter eines Wirts in Spanien fanden,
Der in Valencia sein Geschäft betrieb,
Ein schönes Mädchen, artig auch und lieb.
53  »Der blüh'nde Frühling hatt' erst angefangen
In ihrem Leben, zart, noch herbe fast.
Der Vater hatt' ein ganzes Haus voll Rangen,
Und Armut war ihm wie der Tod verhaßt.
Von ihm daher die Tochter zu erlangen
Hatten die beiden wenig Müh und Last:
Sie möchten sie mitnehmen, wenn sie wollten,
Nur daß sie glimpflich mit ihr umgehn sollten. 145
54  »So nehmen sie das Mädchen und versehn
Abwechselnd ihren Dienst in Lieb' und Frieden,
So wie die Blasebälg' umschichtig wehn,
Bald der, bald jener, in die Glut der Schmieden.
Sie reisen fort sich Spanien anzusehn
Und wollen dann ins Land der Hesperiden.
Am ersten Tag geht's von Valencia
Bis nach Xativa, und sie rasten da.
55  »Die Stadt zu sehen, gehn die Herren aus,
Paläste, Märkte, Straßen, heil'ge Stätten;
Denn eine Regel machten sie daraus,
Das anzuschaun, wozu sie Muße hätten.
Das Mädchen bleibt bei dem Gesind' im Haus,
Das für die Pferde sorgt und für die Betten
Und für die Mahlzeit, daß, wenn jene zwei
Nach Hause kämen, alles fertig sei.
56  »Nun diente dort im Haus' ein junger Wicht,
Der war ihr Schatz gewesen schon vor Jahren.
Er stand bei ihrem Vater einst in Pflicht
Und hatte manche Gunst von ihr erfahren.
Nun sahn sie sich, doch grüßten sie sich nicht,
Aus Furcht, die andren möchten es gewahren;
Als aber alles dann den Rücken wandte,
Sahn sie sich in die Augen als Bekannte. 146
57  »Der Bursche fragte sie, wohin es geh'
Und welcher von den Herrn sie bei sich habe.
Flammetta sagt' ihm, wie die Sache steh'.
(Sie hieß Flammetta, Greco hieß der Knabe.)
Darauf versetzte Greco: Ach und Weh!
Just da ich an der Hoffnung mich erlabe,
Mit dir, mein Herz, den Hausstand zu beginnen,
Gehst du auf Nimmerwiedersehn von hinnen.
58  »Die süßen Pläne sind mir nun vergällt,
Da du mit andren schon dich abgefunden.
Mein Plan war, – denn ich hatt' ein wenig Geld
Beiseit gelegt in vielen sauren Stunden,
Theils von dem Lohn, den unsereins erhält,
Und theils von den Geschenken vieler Kunden, –
Mein Plan war, nächstens schon bei euch zu sein,.
Bei deinem Vater, und um dich zu frein.
59  »Das Mädchen zuckt die Achseln und versetzt,
Es sei zu spät, um davon anzufangen.
Er seufzt und weint und heuchelt etwas jetzt
Und sagt: Soll ich den Todesstreich empfangen?
Dann nimm mich wenigstens zu guter Letzt
In deine Arm' und stille mein Verlangen;
Denn jeder Augenblick, den ich bei dir
Verweilen kann, versüßt das Sterben mir. 147
60  »Das gute Kind antwortet ihm: Ich hätte
Nicht minder Lust, als du hast, sicherlich;
Hier aber find' ich weder Zeit noch Stätte;
Zu viele Augen richten sich auf mich. –
Dagegen wendet Greco ein: Ich wette,
Liebtest du mich ein Drittel wie ich dich,
Du fändest wenigstens zur Nacht ein Plätzchen,
Wo man sich gütlich thäte mit dem Schätzchen.
61  »Ich weiß nicht, wie ich's könnte, sagt die Kleine,
Denn zwischen zweien lieg' ich jede Nacht.
Und immer so, daß bald mit mir der eine
Und bald der andre sich zu schaffen macht. –
Ach, sagt der Bursch, die Schwierigkeit ist keine,
Und leicht befreist du dich aus ihrer Wacht.
Wenn du nur willst, bist du zuletzt die schlaure,
Und wollen mußt du es, wenn ich dich daure.
62  »Sie denkt ein Weilchen nach und sagt sodann,
Wenn alles schlafe, mög' er's immer wagen,
Und wie er kommen, wie er gehen kann,
Das weiß sie aufs genauste ihm zu sagen.
Der Greco führt' es aus, was sie ersann:
Sobald er fand, daß all' im Schlafe lagen,
Kam er vor ihre Thür, die Thür gab nach,
Und leise, leise schlich er ins Gemach. 148
63  »Er streckt die Bein' und läßt nach jedem Schritt
Das hintre ruhn, das andre vorwärts gleiten,
Wie einer, der nicht gern in Scherben tritt,
Oder als müss' er über Eier schreiten,
Und vorn die Hand macht die Bewegung mit.
Er tappt ans Bett sich ohne Fährlichkeiten,
Und wo die andern liegen mit den Sohlen,
Da, Kopf voran, schlüpft er hinein, verstohlen.
64  »Und ihr, die auf dem Rücken liegt im Bette,
Naht er sich leise, zwischen Knie und Knie,
Und wie er oben ist, nimmt er Flammette,
Und fast bis an den Tag behält er sie.
Scharf ritt er zu und ritt doch nicht Staffette;
Das Pferd zu wechseln, daran dacht' er nie.
Bei solchem Trab, wie seinem Rößlein eigen,
Wünscht' er die ganze Nacht nicht abzusteigen.
65  »Wohl hat Jucund, wohl hat Astolf gespürt,
Wie das Gestampf ihr Bett ins Schwanken brachte,
Doch jeder, von demselben Wahn verführt,
Glaubte, daß sein Genoß den Lärmen machte.
Als Greco endlich seinen Ritt vollführt,
Kehrt er zurück, wie er gekommen, sachte.
Flammetta springt beim ersten Morgenschein
Vom Lager auf und läßt die Pagen ein. 149
66  »Der König sprach scherzweise zu Jucunden:
Bruder, du hast ein gut Stück Wegs gemacht
Und solltest jetzt ausruhen ein'ge Stunden,
Da du zu Pferde warst die ganze Nacht. –
Jucund antwortet' ihm kurz angebunden:
Denselben Rat hatt' ich dir zugedacht;
Das Ruhen ist an dir, das laß dir sagen;
Du rittest ja die ganze Nacht zum Jagen.
67  »Ich hätte, warf Astolf dagegen ein,
Auch meinen Hund einmal aufs Wild getrieben;
Ich konnte nur das Pferd von dir nicht leihn
Und mußte mein Geschäft daher verschieben. –
Jucund versetzte: Herr bist du allein
Und kannst verfügen völlig nach Belieben;
Weshalb denn solche Umschweif' und wozu?
Sag' mir doch lieber, laß die Dirn' in Ruh.
68  »So giebt ein Wort das andre, bis die beiden
In ernstem Streit sich gegenüber stehn.
Den Späßen folgen Stichelein, die schneiden,
Denn beide wurmt es, sich verhöhnt zu sehn.
Flammetta wird geholt, um zu entscheiden,
Die schon besorgt, entdeckt sei ihr Vergehn.
Zusagen soll sie's auf dem Kopf dem einen,
Der lügend leugnet, wie sie beide meinen. 150
69  »Sag' an, beginnt Astolf mit finstren Brauen,
Und fürchte nichts von dem da noch von mir:
Wer war der Held, der dich bis Morgengrauen
Wach hielt und keinen andren ließ zu dir? –
Der Antwort harren beide voll Vertrauen,
Daß nun der andre werd' entlarvt von ihr.
Flammetta wirft dem König sich zu Füßen;
Sie meint sie sei entdeckt und soll' es büßen.
70  »Sie fleht um Gnade, denn sie habe bloß
Aus Liebe zu dem Greco, den sie kannte,
Und aus Erbarmen mit dem herben Loos
Des jungen Manns, der lange für sie brannte,
Begangen diesen Fehltritt und Verstoß;
Worauf sie ehrlich dann den Streich bekannte,
Den sie den beiden in der Hoffnung spielte,
Daß jeder Greco für den andren hielte.
71  »Der König und der Römer schaun sich an,
Sprachlos vor Staunen über diese Kunde,
Und beide denken, niemals ward ein Mann
So hinters Licht geführt, so aus dem Grunde.
Und sie erheben ein Gelächter dann
Mit dichtgeschlossnen Augen, offnem Munde,
Daß sie den Atem fast verloren hätten
Und hintenüber fallen auf die Betten. 151
72  »Die Rippen thaten ihnen weh vom Lachen,
Die Thränen liefen ihnen ins Gesicht.
Dann sprachen sie: was kann ein Gatte machen?
Was er auch thut, man führt ihn hinters Licht,
Da wir mit zweien diese hier bewachen
In unsrer Mitt', und hilft doch alles nicht.
Wenn einer Augen mehr als Haare hätte,
Betrogen würd' er doch, was gilt die Wette?
73  »Wir prüften tausend hübsche Frauenzimmer,
Und unter allen sagt' uns keine nein.
Prüft man die andren, bleibt's dasselbe immer,
Daher mag dies die letzte Probe sein;
Denn sicher scheint, daß unsre Fraun nicht schlimmer
Als andre sind, nicht minder keusch und rein,
Und wenn sie sind wie alle, ist's gescheiter,
Man geht nach Haus und lebt mit ihnen weiter.
74  »Und als beschlossen war, so sei's am besten,
Riefen sie auch des Mädchens Schatz herein
Und gaben vor dem Wirt und vor den Gästen
Sie ihm zur Frau und Mitgift obendrein.
Dann stiegen sie zu Pferd', und statt nach Westen
Schlugen sie jetzt den Weg gen Osten ein
Und ließen sich bei ihren Frauen nieder
Und grämten ihrethalb sich niemals wieder.« 152
75  Hier endete der Gastwirt die Geschichte,
Der aufmerksam Gehör ein jeder lieh.
Der Saracene folgte dem Berichte
Bis an den Schluß und unterbrach ihn nie.
Dann sprach er: »Weiberränke, die dem Lichte
Verborgen blieben, ja, wer zählte die?
Um nur ein Tausendtheil davon zu schreiben,
Wär' nicht Papier hinreichend aufzutreiben.«
76  Ein Graukopf, dem's an Witz und Mut nicht fehlte
Und der gerechter dachte, stand dabei
Und hörte, wie man alle Frauen schmälte,
Und fand, daß solches nicht zu dulden sei.
Er trat zu dem, der die Geschicht' erzählte,
Und sprach: »Man hört im Leben mancherlei,
Woran kein wahres Wort ist, und ich denke,
Von dieser Sorte sind auch deine Schwänke.
77  »Ihm, der sie dir erzählt, ist nicht zu trauen,
Und wär' er sonst auch ein Evangelist.
Nicht auf Erfahrung scheint er mir zu bauen,
Nur auf Gerüchte von der Weiber List.
Weil eine ihm misfällt, haßt er die Frauen
Und tadelt alle mehr als billig ist.
Du mußt ihn hören, wann sein Zorn verweht ist,
Wie, statt zu schmähn, er dann im Lob beredt ist. 153
78  »Und will er loben, hat er weitres Feld,
Als wenn er böses nachsagt dem Geschlechte.
Auf hundert, welche Ruhm verdienen, fällt
Kaum eine tadelswürdige und schlechte.
Nicht alle tadeln, sondern vor der Welt
Zahllose gute schützen, ist das rechte,
Und dein Valerio, wenn er anders spricht,
Redet im Zorn und glaubt es selber nicht.
79  »Sagt doch, ist hier in eurer Mitte keiner,
Der, ungetreu der Pflicht, die er beschwor,
Mit andren Frau'n sich einließ als mit seiner
Und noch sein gutes Geld dazu verlor?
Glaubt ihr, es leb' in dieser Welt so einer?
Wer's sagt, der lügt; wer's glaubt, der ist ein Thor.
Kennt ihr ein Weib, das euch anruft zu kommen,
Die öffentlichen Dirnen ausgenommen?
80  »Kennt ihr den Mann, der nicht sein Weib verschmähte,
So schön sie wär', um andren nachzugehn,
Wofern er hoffte, wenn er zärtlich thäte,
Sich von der andren bald erhört zu sehn?
Was würd' er thun, wenn gar ein Weib ihn bäte
Und böt' ihm Lohn? was würde wohl geschehn?
Ich glaube, solchem Mädchen oder Weibe
Zu Liebe gäben wir die Haut vom Leibe. 154
81  »Die Frau, die ihrem Mann nicht treu geblieben,
Hat in den meisten Fällen Grund dazu:
Er hat sich draußen wohl umhergetrieben
Und sucht bei andren statt zu Hause Ruh.
Willst du geliebt sein, Freund, so mußt du lieben,
Und wie man messen soll, so miß auch du.
Hätt' ich zu messen nur, Gesetze wollte
Ich machen, die kein Mann mir brechen sollte.
82  »Zum Beispiel so: wenn sich ein Weib vergehe
Durch Ehebruch, so sterbe sie am Pfahl,
Wenn sie nicht zeigen könne, daß die Ehe
Bereits gebrochen sei vom Herrn Gemal,
Und könne sie's, dann thu' ihr keiner wehe,
Der Gatte nicht noch auch das Tribunal.
Wir haben Christi Lehre, welcher spricht:
Was ihr nicht leiden wollt, thut andren nicht.
83  »Sie seien unenthaltsam, kann man sagen
Im schlimmsten Fall, und auch nicht allgemein.
Wie aber muß man dann erst uns verklagen?
Denn keiner, glaub' ich, wird enthaltsam sein,
Und müssen ferner an die Brust uns schlagen,
Weil Gotteslästerungen, Räuberein,
Mord, Wucher und noch schlimmre Ding' auf Erden
Fast von den Männern nur begangen werden.« 155
84  Zu jedem Ausspruch hatte dieser weise
Und wackre Mann ein Beispiel auch zur Hand
Von Frauen, die in Wandel, Wort und Weise
Sich niemals von der Tugend abgewandt.
Der Mohr jedoch sah grimmig nach dem Greise,
Weil er die Wahrheit stets unschmackhaft fand,
Und schreckt' ihn ab von weitren guten Lehren,
Doch ohne darum jenen zu bekehren.
85  Als er dem Streit ein Ende hat gemacht,
Erhebt der Heidenkönig sich vom Tische
Und legt ins Bett sich, nur darauf bedacht
Recht auszuschlafen bis zur Morgenfrische.
Doch minder Schlaf als Seufzer bringt die Nacht,
Um die Geliebte, die verräterische.
Beim ersten Schimmer eilt' er aufzustehn
Und nahm sich vor zu Schiff stromab zu gehn.
86  Er zollte jede Rücksicht, die mit Fug
Die guten Reiter gutem Pferde zollen,
Dem schönen Rappen, der so weit ihn trug,
(Um den ihm Sacripant und Roger grollen,)
Und weil er sah, der hab' auf einen Zug
Weit mehr gethan, als gute Renner sollen,
So bracht' er ihn, damit er ruh', an Bord
Auf eine Barke; denn es trieb ihn fort. 156
87  Die Schiffer spornt' er dann, in voller Hast
Die Ruder einzuschlagen, weg vom Strande.
Das Schiff, nicht groß und unbefrachtet fast,
Treibt schnell die Saone abwärts am Uferrande.
Die Sorge weicht nicht von ihm; dieser Last
Wird er nicht los zu Wasser noch zu Lande;
Sie sitzt am Steuer, wann im Boot er fährt,
Und wann er reitet, steigt sie mit aufs Pferd,
88  Ja, nistet sich im Kopf und Herzen ein,
Verjagt den Trost und läßt ihn draußen liegen.
Der arme Mann weiß nicht mehr aus noch ein,
Der Feind hat ja die Festung schon erstiegen.
Wer soll ihm beistehn, wer ihm gnädig sein,
Wenn seine eignen Leut' ihn so bekriegen?
Und der ihm helfen sollte, der Tyrann,
Greift Tag und Nacht ihn unermüdlich an.
89  Er fährt die nächsten vierundzwanzig Stunden
Mit schwerem Herzen südwärts seine Bahn.
Das bittre Unrecht ist noch nicht verwunden,
Das ihm der König und die Braut gethan.
Die Qualen, die er erst zu Roß empfunden,
Dieselben Qualen fühlt er auch im Kahn.
Kein Wasser löscht den Brand in seinem Herzen;
Die Orte wechseln, aber nicht die Schmerzen. 157
90  Und wie ein Kranker in der Fieberglut
Sich hin und her wälzt, hundertmal am Tage,
Und immer hofft, Veränderung sei gut,
Sei's nun in dieser, sei's in jener Lage,
Und doch, wie er auch liege, niemals ruht
Und stets gequält wird von der gleichen Plage,
So kann sich Rodomont von seiner Pein
Zu Lande nicht, zu Wasser nicht befrein.
91  Im Schiffe kann er's länger nicht ertragen;
Er steigt ans Land und reitet nach Lyon,
Nach Vienne, nach Valence, in wenig Tagen,
Und sieht die stolze Brück' in Avignon.
Denn alle Städte, die im Lande lagen
Vom Fluß bis ans Gebirg von Aragon,
Gehorchten Agramant und den Barbaren,
Die im Besitz des flachen Landes waren.
92  Gen Aiguesmortes hatt' er sich gewandt,
Um heimzugehn mit einem Schiff der Flotte,
Und traf ein Dörfchen an des Flusses Rand,
Der Ceres theuer und dem Traubengotte,
Das aber jetzt wie ausgestorben stand
Nach Plünderungen mancher Heidenrotte.
Jenseits das Meer und diesseits, hellbesonnt,
Sah er die Aehren wogen, reif und blond. 158
93  Er findet dort ein kleines Gotteshaus,
Erst jüngst erbaut auf einem Hügel droben.
Die Priester waren vor dem Kriegsgebraus
Geflüchtet und in alle Welt zerstoben.
Dies sucht sich Rodomont zur Wohnung aus;
Denn weil es einsam liegt und er hier oben
Nicht hören wird vom Heere, das er haßt,
Vertauscht er gern Algier mit dieser Rast.
94  Nach Afrika zu segeln gab er auf,
So angenehm fand er es hier zu weilen.
Pferd, Diener und Gepäck schickt' er hinauf,
Um das Quartier mit ihnen dort zu theilen.
Das Dorf lag unten hart am Flusseslauf,
Von Monpellier nur wen'ge kurze Meilen
Und nah bei reichen Schlössern; also fand
Man jegliche Bequemlichkeit zur Hand.
95  Der Mohr stand eines Tags vor seinem Bau,
Nachdenklich, wie jetzt meistens seine Art war,
Da sah er unten, wo durch grüne Au
Ein schmaler Pfad dem Rasen abgespart war,
Des Wegs daherziehn eine holde Frau,
An deren Seit' ein Mönch mit langem Bart war,
Und hinter ihnen schritt, am Zaum gefaßt,
Ein großes Pferd mit schwarzverhängter Last. 159
96  Ihr habt die Frau und auch den Mönch erkannt
Und wißt, weshalb dies Pferd mit ihnen schreitet;
Ihr habt schon selber Isabel genannt,
Die ihres Prinzen theuren Staub geleitet.
Wir sahn zuletzt in das Provencer Land
Sie wandern, von dem würd'gen Greis begleitet,
Der sie beredet hatt' ihr reines Leben
Fortan in Gottes Dienst dahinzugeben.
97  Obwohl die Dame mit verhärmten Wangen
Daherkam, bleich, mit ungepflegtem Haar,
Und aus der heißen Brust nur Seufzer drangen
Und jedes Aug' ein Wasserbrunnen war
Und andre Zeichen einer schweren, bangen
Trübsal an ihr sich zeigten offenbar,
Doch blieb ihr soviel Schönheit noch, als wohne
Der Grazien Chor darin mit Venus' Sohne.
98  Kaum hatte sich die holde blicken lassen,
So schrumpfte der Entschluß des Mohren ein,
Sein Leben lang die reizenden zu hassen,
Die doch der Welt so hohen Schmuck verleihn,
Und Isabelle scheint ihm recht zu passen,
Um seine zweite Liebe ihr zu weihn,
Die erste so austilgend, nach der Regel,
Daß man aus Brettern Nägel treibt durch Nägel. 160
99  Er ging entgegen ihr und trat zum Pferde
Und fragte sie, so sanft ihm möglich war,
Nach ihrem Weg, mit freundlichster Geberde,
Und offen legte sie ihm alles dar,
Daß sie der eitlen Welt entsagen werde,
Um nur noch Gott zu dienen am Altar.
Der Heide lacht; er glaubt an keinen Gott;
Gesetz und Frömmigkeit sind ihm ein Spott.
100  Er nennt den Vorsatz Wahn und Narretei
Und sagt, daß sie den Kopf verloren habe
Und wie der geizige zu tadeln sei,
Der in der Erde seinen Schatz vergrabe;
Ein Vortheil für ihn selbst sei nicht dabei,
Er hindre nur, daß sich ein andrer labe;
Leu'n, Bären, Schlangen halte man im Zwinger,
Doch keineswegs unschuld'ge, hübsche Dinger.
101  Das hört der Mönch, und rasch ergreift der weise
Das Ruder als erfahrner Steuermann,
Weil leicht die Jugend in die alten Gleise
(So fürchtet er) zurückverfallen kann.
Er richtet also rasch geistlicher Speise
Ein wahres Gastmahl, reich und köstlich, an;
Der Mohr jedoch war nie ein feiner Schmecker
Und fand die Speise schlecht, geschweige lecker. 161
102  Da er den Mönch vergebens unterbrach,
Und als er sah, daß jener gar nicht ende,
Und weil der Zügel der Geduld zerbrach,
Gebraucht' er wütend wider ihn die Hände.
Ihr könntet auch, daß ich zu lange sprach,
Behaupten, wenn ich jetzt den Schluß nicht fände;
Drum mach' ich Halt; als Warnung dient mir ja,
Was Redens halber jenem Mönch geschah. 162

 


 

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