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Rasender Roland, Band 3

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 3 - Kapitel 10
Quellenangabe
typeepos
booktitleRasender Roland, Band 3
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 3
pages406
created20150617
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiunddreißigster Gesang.

Prophetische Gemälde in Tristans Schloß, der Franzosen Niederlagen in Italien darstellend (1–58). Bradamante's Traum, Weiterreise, Sieg über drei nordische Könige (59–77). Gradasso's und Rinalds Zweikampf, unterbrochen durch Bajards Flucht (78–95). Astolfs Luftreise zum Senapus von Nubien (96–106), welcher von den Harpyien gepeinigt wird, die Astolf in die Hölle zurückjagt (l07–128).

Str. 1 u. 2 zählen die berühmtesten Maler Griechenlands und Italiens auf. Von den beiden Dossi, Ferraresen, war einer Ariost's Freund und malte ihn. Bastian ist bekannter als Sebastian del Piombo aus Venedig. Cadore ist Tizians Geburtsort. Bei diesen von Eigennamen strotzenden Versen vermag die Übersetzung nur Notbehelfe zu bieten; der dem Michelangelo gewidmete Vers »Michel, più che mortal, Angel divino« ist unnachahmlich.  Timagoras, Parrhasius, Polygnot,
Protogenes, Timanthes, jene Alten, –
Apelles, der sie alle überbot,
Und Zeuxis – die vordem alle Meister galten,
Und deren Ruhm (mag immer Grab und Tod
Sie selbst und auch ihr Werk gefangen halten)
In dieser Welt, solang' man liest und schreibt,
Dank den Autoren stets am Leben bleibt;
Und die wir selbst gesehn in ihrem Flore,
Mantegna, Leonardo, Gian Bellin,
Zwei Dossi, Michael, der aus dem Chore
Göttlicher Engel diesem Land' erschien,
Bastian, Rafael, Tizian, der Cadore
Ehrt, wie die zwei Venedig und Urbin,
Und andre, die wir sehn in solchem Ruhme,
Wie man ihn liest und glaubt vom Altertume; 294
Die Maler, die wir heute sehn, und jene,
Die man vor tausend Jahren trefflich fand,
Malten das schon erlebte und gesehne,
Vergangne Ding', auf Mauer oder Wand.
Den Meister aber, der das ungeschehne,
Das künft'ge malte, hat man nie gekannt.
Und dennoch giebt's Geschichten, die seit Jahren
Bereits gemalt, eh sie geschehen waren.
Die Grotten Nursia's (heute Norcia im Herzogtum Spoleto) haben im Volksglauben einen ähnlichen Ruf wie bei uns der Brocken.  Dergleichen aber zu vollbringen kann
Kein Maler sich, alt oder neu, getrauen;
Zu dieser Kunst gehört der Zauberbann,
Der Teufel zittern macht vor Angst und Grauen.
Den Saal, den zu beschreiben ich begann,
Ließ eines Nachts Merlin von Geistern bauen,
Kraft jenes Buches, das, soviel ich las,
Die Weih' empfing in Grotten Nursia's.
Wenn unsre Alten Wunder noch vollbrachten
Durch diese Kunst, bei uns verlor sie sich.
Jetzt aber gilt's die Bilder zu betrachten,
Die Leut' im Saale warten schon auf mich.
Auf einen Wink, wie schon gesagt, entfachten
Sich viele Kerzen, und besiegt entwich
Vor dem gewalt'gen Glanz die Nacht von hinnen,
Und hell, als wär' es Mittag, ward es drinnen. 295
Der Schloßherr sagt »unsere Völker« als Franzose.  Der Hausherr sprach: »Ihr seht abconterfeit
Verschiedne Schlachten, laßt euch aber sagen,
Daß sie noch nicht geschehen sind zur Zeit
Und abgebildet früher als geschlagen.
Der sie gemalt, hat sie auch prophezeit.
Wann unsre Völker Sieg, wann Niederlagen
Erleben werden in Italiens Gau'n,
Das könnt ihr alles hier im Bilde schau'n.
»Denn alle Kriege, die ein fränkisch Heer
Dort führen wird, ob gut, ob schlimm sie enden,
Wußte Merlin auf tausend Jahr' vorher
Und brachte sie hier an auf diesen Wänden.
Der Brittenkönig hatt' ihn übers Meer
Zum Faramund geschickt, Botschaft zu senden.
Die Botschaft selbst und auch aus welchem Grund
Merlin dies that, thu' ich zugleich euch kund.
»Faramund hat die Franken übern Rhein
Zuerst geführt, um Gallien zu erringen,
Und als er es gewonnen, fiel ihm ein
Das stolze Land Italia zu bezwingen.
Er konnte merken, wie Jahr aus Jahr ein
Die Römer dem Verfall entgegen gingen,
Und hätte drum ein Bündniß gern geschlossen
Mit König Arthur, seinem Zeitgenossen. 296
»Arthur jedoch, dem stets es ratsam schien,
Bevor er etwas that, Merlin zu fragen,
(Ich rede von des Teufels Sohn Merlin,
Der viel voraussah von den künft'gen Tagen.)
Weil der ihn warnte, warnt' er auch durch ihn
Die Franken vor den droh'nden schweren Plagen,
Wenn sie in jenes Land sich locken ließen,
Das Apennin theilt, Meer und Alpen schließen.
10  »In Zukunft würden alle Kön'ge fast,
Die nach ihm kämen Frankreich zu regieren,
(So hörte Faramund von seinem Gast)
Durch Hunger, Schwert und Pest ihr Heer verlieren.
Wenig Gewinn, endlose Not und Last
Und langes Leid nach kurzem Jubiliren
Würden sie ernten; denn die Lilie werde
Nie Wurzel fassen in Italiens Erde.
11  »Faramund glaubt' und folgte seinem Rat,
Daß er das Heer nach andrer Seite richte.
Dann schuf Merlin, der jede künft'ge That
So deutlich sah, als ob man sie verrichte,
In diesem Saal, weil Faramund ihn bat,
Durch Zauber, glaubt man, bildliche Geschichte,
Daß wir der Franken künft'ge Thaten sehn,
Mit Augen, ganz als wären sie geschehn, 297
12  Zu beachten ist die Wendung »vor jeder anderen Barbarenwut.« Dem Italiener sind auch die Franzosen Barbaren.  »Damit ein jeder, der ihm folgt, erfahre,
Daß Ruhm und Sieg ihm lohne, wenn sein Mut
Die Grenz' Italiens beschirm' und wahre
Vor jeder anderen Barbarenwut,
Dagegen, wenn er gen Italien fahre,
Ihm Knechtschaft aufzubürden und Tribut, –
Damit er, sag' ich, einseh' und erkenne,
Daß er ins Grab jenseits der Alpen renne.«
13  Singibert (Sigisbert), König der Franken, wurde durch byzantinisches Gold bewogen in die Lombardei einzufallen, wo König Eutar ihn besiegte. Der Jovisberg ist der große St. Bernhard.  So redend führt' er sie zur ersten Wand,
Wo Singibert, begierig nach den Schätzen,
Die ihm Mauritius von Griechenland
Zusichert, sich in Marsch beginnt zu setzen.
Vom Jovisberg steigt er herab ins Land,
Das offne, das Ticin und Lambro netzen.
»Seht, wie Eutar nicht nur zurück ihn drängt,
Nein, ihn besiegt, in Flucht schlägt und zersprengt.
14  Der Frankenkönig Chlodwig wurde bei seinem Zuge nach Italien von Grimwald Herzog von Benevent durch die im Texte angedeutete Kriegslist besiegt.  »Seht, Chlodwig zieht mit hunderttausend Lanzen
Durch das Gebirg, das beide Länder trennt.
Dort kömmt, um ihm sich in den Weg zu pflanzen,
Mit kleiner Schar der Fürst von Benevent.
Er räumt zum Schein das Lager und die Schanzen
Und liegt auf Lauer, und der Franke rennt
Dem welschen Weine nach und muß in schnöder
Ohnmacht verenden wie der Barb am Köder. 298
15  König Childibert, Chlodwigs Oheim, sandte, diesen zu rächen, drei Heere, die durch Seuchen aufgerieben wurden.  »Seht, mit wie vielem Volk und Feldherrn rückt
Childibert an, Italien zu bekriegen,
Dem es nicht besser als dem Chlodwig glückt
Die Lombardei zu plündern und besiegen.
Vom Schwert des Himmels wird sein Volk zerstückt,
Daß alle Straßen voll der seinen liegen, –
Dahin gerafft vom Sommer und der Ruhr;
Nach Hause kommt von zehnen einer nur.«
16  Pipin und sein Sohn Karl der Große kämpften siegreich gegen die Longobardenkönige Aistulf und Desiderius, während sie gleichzeitig als Schirmherren der römischen Kirche auftraten.  Er zeigt Pipin, zeigt ihnen Karl daneben,
Die nacheinander gen Italien gehn
Und beide fröhlichen Erfolg erleben.
Sie haben's nicht auf Unbill abgesehn;
Sie nahn, vom Falle Stephan zu erheben
Und Hadrian und Leo beizustehn,
Den Trotz Aistulfs und seines Sohns zu dämpfen
Und für des Papstes Ehr' und Recht zu kämpfen.
17  Str. 17 bezieht sich auf das Unternehmen Pipins des Jüngeren, Sohnes Karls des Großen, gegen die Stadt Venedig. Die hier erwähnte Insel Palestina liegt an der Küste des adriatischen Meers.  Dann sehn sie einen jüngeren Pipin
Vom Padus bis zum Palestiner Strande
Das Land mit seinen Franken überziehn.
Die Brücke kömmt nach vieler Müh zu Stande
Bei Malamocco, und nun sehn sie ihn,
Als ob er fechtend am Rialto lande,
Als ob er fliehe dann, ertränkt sein Heer,
Sein Brückenbau zerstört von Sturm und Meer. 299
18  Ludwig, König von Burgund, wurde in Italien von Berengar I gefangen genommen. Als er trotz dem beschworenen Frieden nochmals nach Italien zog, nahm Berengar II ihn gefangen und schickte ihn geblendet heim.  »Seht Ludwig von Burgund, der hier im Streit,
So scheint es, übermannt wird und gefangen
Und dann Urfehde schwört für alle Zeit,
Wie jene, die ihn fesselten, verlangen.
Seht weiter nun: hier bricht er seinen Eid;
Hier ist er abermals ins Netz gegangen;
Hier endlich sticht man ihm die Augen aus,
Und wie ein Maulwurf blind kömmt er nach Haus.
19  Graf Hugo von Arles wurde von den Italienern gerufen, um sie von dem verhaßten Berengar II zu befreien. Nach seinem und seines Sohnes Lothar Tode, gelangte Berengar III zur Herrschaft. Die Baiern und Ungarn (Hunnen) hatten zuvor dem zweiten Berengar gegen Burgund beigestanden.  »Hugo von Arles seht, an Thaten reich,
Der aus Italien jagt die Berengare.
Zweimal und dreimal glückt der kühne Streich,
Ob Hunn' und Baier in den Arm ihm fahre.
Hernach zwingt stärkre Macht ihn den Vergleich
Zu schließen, und gezählt sind seine Jahre,
Und auch sein Erbe nach ihm hält nicht Stand
Und überläßt dem Berengar das Land.
20  Karl von Anjou, von Clemens IV herbeigerufen, schlug die Hohenstaufen Manfred und Conradin bei Benevent und bei Tagliacozzo. Die Schlußzeilen weissagen die »sicilianische Vesper.«  »Ein andrer Karl hat neuen Brand entfacht,
Das Herz des guten Hirten zu erlaben;
Zwei Schlachten seht, zwei König' umgebracht,
Manfred zuerst, dann Conradin von Schwaben.
Und seine Truppen, die mit roher Macht
Das neue Reich schamlos mishandelt haben,
Hier seht ihr die von Stadt zu Stadt zerstreuten
Getödtet insgesamt beim Vesperläuten. 300
21  Der Graf von Armagnac, von den Florentinern gegen Galeazzo Visconti Herzog von Mailand zu Hilfe gerufen, geriet vor Alessandria zwischen zwei Heere, ward gefangen und starb an seinen Wunden.  »Ein Hauptmann Galliens kömmt herabgestiegen,
(Doch manches Jahr, was sag' ich? manch Jahrzehnt
Liegt zwischen beiden Bildern,) der nach Kriegen
Mit der Visconti edlem Stamm sich sehnt.
Fußvolk und Pferde der Franzosen liegen
Im Kreis' um Alessandria gedehnt;
Des Herzogs Truppen aber stehn im Platze,
Er selber, nicht mehr fern, eilt zum Entsatze.
22  »Und der Franzosen schlechtberatnes Heer
Wird hingelockt, wo schon das Netz gespannt ist,
Zugleich Graf Armagnac, derselbe, der
Des Unheilszuges Haupt und rechte Hand ist.
Und auf den Feldern liegt nun todt umher,
Was nicht gefangen und zur Stadt gesandt ist.
Von Blut und Wasser sieht man hoch geschwollen
Scharlachne Wogen den Tanaro rollen.«
23  Der hier als Bedrücker der Süditaliener (Salentiner, Bruttier &c.) mit den Prinzen von Anjou genannte Graf Anton de la Marche war Gemal der Königin Johanne von Neapel; er suchte das Reich an sich zu reißen, mußte aber selbst weichen, worauf Johanne den Alfons von Aragon als Nachfolger adoptirte. Dieser und sein Nachfolger Ferdinand behaupteten sich gegen das Haus Anjou.  Ein de la Marche und dann drei Angoviner
Erscheinen an der Wand. Der Schloßherr sagt:
»Die Bruttier, Daunier, Marsen, Salentiner
Werden – ihr seht's – von diesen schlimm geplagt;
Jedoch der Franken Hilf' und der Latiner
Verhindert nicht, daß man die vier verjagt.
Hier treibt sie aus dem Reich mit starker Hand,
So oft sie nahn, Alfons, hier Ferdinand. 301
24  resumirt Karls VIII berühmten Zug nach Neapel, wo nur die Insel Ischia, die Klippe, unter welcher der Gigant Typhoeus begraben liegt, ihm widerstand.  »Seht, wie der achte Karl vom Alpenpasse
Mit Frankreichs Ritterschaft gen Süden rückt.
Wohin er kömmt, da öffnet sich die Gasse;
Das Reich ist sein, eh er das Schwert gezückt,
Nur nicht die eine Klippe, deren Masse
Brust, Bauch und Schultern des Typhoeus drückt;
Denn da begegnet er dem Heldenmute
Inigo's aus Avalo's edlem Blute.«
25  Der Herr der Burg wies mit dem Finger hier,
Als sie ans nächste Bild gekommen waren,
Auf Ischia, und dann sprach er: »Ehe wir
Uns umsehn nach dem weitren wunderbaren,
Vernehmet, was mein Urgroßvater mir
Oft hat erzählt in meinen Kinderjahren
Und was er ebenso, viel früher nur,
Von seinem eignen Vater einst erfuhr,
26  »Und der von seinem Vater und so fort
Von einem Ahn zum andren unsrer Sippe;
Der erste aber hört' es Wort für Wort
Von des berühmten Zaubrers eigner Lippe.
Als nämlich – ganz wie ich die Veste dort
Euch heute zeig' auf jener trotz'gen Klippe –
Der Mann, der sie gemalt hat ohne Pinsel,
Dem König zeigte diese Felseninsel, 302
27  Der geweissagte Held ist der von Ariost an vielen Stellen hyperbolisch gefeierte Alfons Marchese von Vasto, Sohn des Inigo von Avalo, einer von Karls V Feldherren.  »Da sprach er: Dort, wo jener wackre Held
So kühn sich wehrt und wenig scheint zu fragen,
Ob um ihn her in Feuer steht das Feld
Und bis Messina's Sund die Flammen schlagen,
Dort kömmt nicht lange nach der Zeit zur Welt
(Auch Jahr und Tag wußt' er genau zu sagen)
Ein Ritter, dem die besten, so auf Erden
Jemals gewesen sind, nachstehen werden.
28  Ladas war ein berühmter Läufer Alexanders des Großen.  »So schön war Nireus nicht, so stark im Streit
Achill nicht, noch Uliß so kühn im Wagen,
So schnell nicht Ladas, Nestor so gescheit,
Der so viel wußt' und sah in seinen Tagen,
Von Cäsars Großmut und Freigebigkeit
Vermag der Ruhm so hohes nicht zu sagen,
Daß gegen diesen Sohn von Ischia's Küste
Nicht ihrer aller Wert leicht wiegen müßte.
29  »Und wenn in Kreta so viel Rühmens war,
Als dort der Rhea Sohn begann zu leben,
Wenn Delos stolz ist auf sein Zwillingspaar,
Und froh des Hercules und Bacchus Theben,
Dann mag auch diese Insel einst fürwahr
Sich preisen und sich himmelhoch erheben,
Wann jenen großen Feldherrn sie gebiert,
Den Gottes Huld mit jeder Tugend ziert. 303
30  »Merlin erklärte, daß der Himmel den
Aufsparen werde für die schlimmsten Tage,
Die übers röm'sche Reich jemals ergehn,
Auf daß durch diesen es die Feinde schlage.
Doch seiner Thaten sollt ihr ein'ge sehn,
Daher nicht nötig ist, daß ich sie sage.«
So sprach er, und das Bild mit Karls des achten
Berühmten Thaten ließ er sie betrachten.
31  Der Ludwig dieser Stanze ist Ludwig Sforza Herzog von Mailand, der sich mit Karl VIII verbündete, um Alfons von Neapel zu demütigen. Karls Erfolge beunruhigten ihn, und im Bunde mit Venedig suchte er ihm den Rückzug nach Frankreich abzuschneiden, was nicht gelang.  »Seht Ludwig (fuhr er fort) der bald beweint,
Daß er mit Karl das Bündniß eingegangen;
Nur Aragon zu plagen, war's gemeint,
Ihn ganz zu stürzen war nicht sein Verlangen.
Beim Rückmarsch hier entlarvt er sich als Feind,
Schließt mit Venedig Freundschaft, will ihn fangen.
Seht wie der tapfre Karl die Lanze senkt
Und Bahn sich bricht und heimkehrt ungekränkt.
32  Ferdinand, der Sohn des Königs Alfons, vertrieb mit Hilfe Venedigs und Mantua's die Franzosen aus Neapel.  »Ganz anders geht es seinem andren Heer,
Das als Besatzung blieb im neuen Reiche.
Denn Ferdinand kömmt stärker als vorher,
Mit Hilfe Mantua's, zu neuem Streiche.
Und macht in kurzer Frist zu Land und Meer
Den letzten Mann der ganzen Schar zur Leiche.
Dann raubt Verrat ihm einen seiner Treuen,
Und seines Siegs scheint er sich nicht zu freuen.« 304
33  Der Marchese Alfons von Pescara gewann im französischen Heer einen Negersklaven, der den Aragonesen das Castell Nuovo bei Neapel öffnen sollte. Der Neger verriet aber den Plan der Franzosen, die nun ihn anstifteten, den Marchese zu tödten.  Ans Bild Alfonso's von Pescara traten
Sie nun, und er fuhr fort: »Nachdem das Lob
Unzähliger von ihm vollbrachter Thaten
Geleuchtet haben wird mehr denn Pyrop,
Wird ihn durch doppelten Vertrag verraten
Und morden der verruchte Aethiop.
Zerfleischt vom Pfeil seht ihr den Ritter fallen,
In jener Zeit den trefflichsten von allen.
34  Um 1499 zog Ludwig XII nach Italien, vertrieb den Herzog Ludovico Moro (Moro s. v. w. Maulbeere) aus Mailand, verlor aber seinerseits ein Heer in der Schlacht am Garigliano, im Königreich Neapel.  »Seht nun, wie mit italischem Geleite
Der zwölfte Ludwig vom Gebirge rückt,
Den Maulbeerbaum ausreißt und rings das weite
Fruchtland Visconti's mit den Lilien schmückt.
Den Spuren Karls nachfolgend zieht zum Streite
Sein Heer, der Gariglian wird überbrückt.
Dann aber seht ihr die zersprengten Haufen
Dem Schwert erliegen und im Strom ersaufen.
35  Ferdinand Gonsalvo, von den Spaniern el gran capitano genannt, schlug die Franzosen in Apulien in zwei Schlachten, bei Seminara und Cirignola.  »Hier könnt ihr in nicht minder blut'ger Schlacht
Im Land Apulien die Franzosen schauen.
Gonsalvo ist's, der Spanier, der bei Nacht
Sie zweimal fangen wird und niederhauen.
Und wie es hier ihm grollt, so freundlich lacht
Das Glück dem König in den reichen Auen,
Die zwischen Apennin und Alpenrand
Der Po durchschneidet bis zum Meeresstrand.« 305
36  Bernardin da Corte verkaufte den Franzosen die Citadelle Mailands, deren Commandant er war. – Die von Ludovico Sforza gemieteten Schweizer lieferten ihn gegen Geld den Franzosen aus.  Wie er es sagte, klagt' er selbst sich an,
Daß er, was früher kam, noch nicht berichtet,
Und ging zurück und wies auf einen dann,
Der auf die Burg des Herrn um Gold verzichtet,
Wies auf den falschen Schweizer, der den Mann
Gefangen nimmt, der ihn durch Sold verpflichtet,
Als welche beiden Frevel ohne Waffen
Dem König Ludwig seinen Sieg verschaffen.
37  Cäsar Borgia verdankte dem König von Frankreich das Herzogtum Valentinois, die Vermählung mit Charlotte von Albret aus dem navarresischen Königshause und das politische Übergewicht in der Romagna. – Die in Bologna herschende Familie Bentivoglio, deren Wappen eine Säge war, wich unter französischem Drucke dem Papste Julius, welcher Eicheln im Wappen führte.  Nun sehn sie Cäsar Borgia durch den Lohn,
Den Ludwig zahlt, im Lande Macht gewinnen
Und jeden Herrn und römischen Baron
Von ihm bezwungen ins Exil entrinnen.
Sie sehn Bologna, wie vor Ludwigs Drohn
Die Säge weicht, die Eicheln bleiben drinnen.
Dann wie er mit den Genuesern ringt,
Die sich empörten, und die Stadt bezwingt.
38  In der blutigen Schlacht bei Giaradadda (rectius Ghiaradadda) schlugen die Franzosen die Venezianer (1509). – Nachdem Papst Julius zu den Gegnern Frankreichs übergegangen war und den mit diesen verbündeten Herzog von Ferrara Modena's und andrer Besitzungen beraubt hatte, setzte Ludwig XII die Bentivoglio's wieder in Bologna ein. – Nach Chiassi (Classis der Römer), dem ehemaligen Seehafen bei Ravenna, ziehen zur Entscheidungsschlacht (1512) die Franzosen einerseits, andererseits das spanisch-päpstliche Heer. Daß Alfons von Ferrara bei Ravenna den Sieg für Frankreich entschieden habe, ist vom Dichter bereits im Eingange des 14. Gesanges gepriesen worden.  »Seht, (fuhr der Schloßherr fort) bedeckt von Todten
Erblickt man Giaradadda's blut'ges Feld.
Seht jedes Stadtthor öffnet sich den Boten
Des Königs; kaum daß sich Venedig hält.
Hier, seht ihr, wird dem Papste Halt geboten,
Der schon die Mark Romagna überfällt,
Schon Modena entreißt dem Hause Este
Und noch die Hände ausstreckt nach dem Reste, 306
39  »Und läßt statt deß Bologna wieder fahren,
Und Bentivoglio zieht von neuem ein.
Seht, wie zum zweiten Mal des Königs Scharen
Bologna nehmen und der Plündrung weihn,
Und wie sie fast zu gleicher Zeit zu Paaren
Roms Völker treiben, Felsina befrein,
Und wie von beiden Seiten nun die Heere
Gen Chiassi sich hinabziehn nach dem Meere.
40  »Hier sammelt Frankreich sich, und drüben ballen
Sich Spaniens Völker, und die Schlacht ist groß.
Die Erde rötet sich, die Ritter fallen
Auf beiden Seiten beim Zusammenstoß.
Von Menschenblut sieht man die Gräben wallen,
Und zaudernd nur zieht Mars das Siegerloos,
Bis ein Alfons zuletzt mit Heldenstreichen
Frankreich den Sieg giebt, Spanien zwingt zu weichen.
41  Den Folgen der Niederlage von Ravenna entgegenzuwirken, berief Papst Julius schweizerische und deutsche Miettruppen, welche den Sohn Ludovico Sforza's Maximilian, »das Reis im Maulbeergarten«, in Mailand wieder einsetzten und die Franzosen verdrängten.  »Nun wird der Plündrer in Ravenna hausen.
Der Papst zerbeißt die Lippen sich aufs Blut,
Und vom Gebirg läßt er wie Sturmessausen
Herniederfahren eine deutsche Wut.
Die jagt den Franken durch die Alpenklausen
Fast ohne Kampf, und unter ihrer Hut
Gedeiht ein Reis im Maulbeergarten wieder,
Und all die goldnen Lilien rauft sie nieder. 307
42  Der eben erwähnte Herzog Maximilian Sforza nahm ungeachtet der schlimmen Erfahrungen seines Vaters schweizerische Truppen in Sold mit Hilfe päpstlicher Subsidien. Diesmal blieben indeß die Schweizer treu und schlugen die Franzosen bei Novara, wofür Leo X ihnen den von Ariost verspotteten Titel »Verteidiger der Kirche« verlieh. Es ist zu beachten, daß Ariost auf der einen Seite die Franzosen in Italien haßt und fürchtet, andrerseits sie als Beschützer seines Herzogs gegen den Papst und Venedig zu schonen hat.  »Der Franke kehrt zurück, doch ihn verjagt
Der falsche Schweizer, dessen Schwert zu mieten
Der Jüngling allzu unbesonnen wagt,
Die Banden, die den Vater doch verrieten.
Seht hier dieselben Truppen unverzagt,
Die eben unters Rad des Glücks gerieten,
Zu Felde ziehn, dem neuen König nach,
Rache zu nehmen für Novara's Schmach.
43  König Franz I rächte an den Schweizern die Niederlage von Novara in der blutigen zweitägigen Schlacht bei Marignano (1515), besiegte die gegen ihn verbündete Liga von Cambrai, nahm Mailand und führte den Herzog gefangen nach Frankreich. Daß er ihn zum Freunde gemacht hätte, kann man schwerlich sagen; er behandelte ihn nur minder hart als Ludwig XII den Vater behandelt hatte. Mailand, von Karl von Bourbon verteidigt, ging 1521 an die Kaiserlichen verloren, nachdem die Franzosen sich gründlich verhaßt gemacht hatten.  »Und hoffnungsvoller ziehn sie jetzt heran.
Seht König Franz voran den Kriegspanieren;
Den Schweizern bricht er so die Hörner dann,
Daß sie beinah den letzten Mann verlieren
Und nie der Titel mehr sie schmücken kann,
Mit dem sich diese Bauern ausstaffiren.
Denn Bändiger der Fürsten und Bewacher
Der heil'gen Kirche nennen sich die Pracher.
44  »Trotz Liga nimmt er Mailand, und den Sohn
Der Sforza's weiß er sich zum Freund zu machen.
Im Namen Frankreichs seht ihr hier Bourbon
Die Festung vor der deutschen Wut bewachen.
Dann, während Franz an andren Orten schon
Beschäftigt ist mit Kriegs- und Friedenssachen,
Nicht ahnend, was sein Heer sich frech erlaubt,
Wie arg es haust, wird ihm die Stadt geraubt. 308
45  Der »andre Franz« ist ein Bruder Maximilians und Enkel des gleichnamigen Sforza. Er behauptete mit päpstlicher Hilfe Mailand gegen die Franzosen.  »Hier ist ein andrer Franz, gleich seinem Ahnen
An Tapferkeit und nicht an Namen nur.
Zurück erobert er von Galliens Fahnen
Mit Gunst der Kirche seine Heimatflur.
Auch Frankreich kehrt zurück die alten Bahnen,
Doch minder rasch, als sonst es niederfuhr;
Denn Mantua's guter Herzog zieht entgegen,
Ihm am Ticin die Straße zu verlegen,
46   Friedrich Gonzaga, Herzog von Mantua, den Este's verschwägert, stand gleichwohl auf Seite der Liga. Er hielt Pavia und wehrte dadurch den Franzosen die Rückkehr nach Mailand. – Von den beiden Markgrafen von Pescara und von Vasto, den von Ariost besonders bevorzugten Feldherrn Karls V, ist schon wiederholt die Rede gewesen; beide gehörten dem Hause Avalo an. »Friedrich von Mantua; ew'gen Ruhmes wert,
Eh sich ums Kinn des Flaums Erstlinge ranken,
Erweist er sich, weil er mit Lanz' und Schwert,
Mehr noch mit Fleiß und Weisheit der Gedanken
Dem Leu'n des Meers die Raubanschläge wehrt
Und schirmt Pavia vor dem Grimm der Franken.
Seht zwei Markgrafen, beide unsrem Heere
Furchtbare Schrecken, beid' Italiens Ehre,
47  »Beid' einem Blut entstammt, aus einem Neste,
Der erst' ein Sohn Alfonso's, den ihr saht,
Wie er mit seinem Blut das Erdreich näßte,
Verraten durch des Negers feile That.
Hier seht ihr, wie der Sohn die schlimmen Gäste
Italiens oft vertreibt durch seinen Rat.
Der zweite, der so fröhlich scheint und milde,
Auch ein Alfons, beherscht Vasto's Gefilde. 309
48  »Dies ist der gute Held von jenem Eiland,
Von Ischia, dessen ihr schon kundig seid,
Von dem Merlin dem Frankenkönig weiland
Geredet hat und großes prophezeit,
Der kommen wird dereinst als Hort und Heiland
In Zeiten, wo, gebeugt von schwerem Leid,
Italien, Reich und Kirche der Barbaren
Verhöhnung bitterer als je erfahren.
49  Bicocca hieß ein Castell bei Pavia, das die Schweizer und Franzosen belagerten, mit großem Verluste ihrerseits.  »Dem Vetter von Pescara folgt er hier
Und Prospero Colonna's weisem Steuer.
Seht, vor Bicocca macht er das Quartier
Dem Schweizer, mehr noch dem Franzosen theuer.
Dort rüstet Frankreich nochmals, voll Begier
Nach Rache für mislungne Abenteuer;
Der König selbst rückt ins Lombardenland,
Und gen Neapel wird ein Heer entsandt.
50  »Doch sie, die uns behandelt wie der Wind
Den trocknen Staub, den er im Wirbel brausend
Gen Himmel hebt und wieder dann geschwind
Zur Erde jagt, – so gleich dem Winde hausend,
Macht sie den König in dem Wahne blind,
Er habe vor Pavia hunderttausend,
Weil er nur zählt, was durch die Hand ihm läuft,
Nicht ob sein Volk ihm wegschmilzt, ob sich häuft. 310
51  »So, durch die Schuld habgier'ger Unterthanen,
Denen er mehr vertraut, als sich gebürt,
Sammeln sich wen'ge nur um seine Fahnen,
Als man im Lager Nachts die Trommel rührt,
Als in die Schanzen schon den Weg sich bahnen
Die klugen Spanier, die, wenn so geführt,
Von zwei Avalo's, wohl sich unterfingen
Zu Höll' und Himmel Einlaß zu erzwingen.
52  Str. 52. 53 beziehen sich auf die Schlacht bei Pavia (1525), in der Franz I »alles verlor, nur nicht die Ehre«.  »Seht, wie auf allen Feldern, allen Wegen
Der Adel Frankreichs todt und sterbend liegt.
Seht, wie die Schar der Lanzen und der Degen
Zum Angriff auf den mut'gen König fliegt.
Sein Roß fällt unter ihm; er streckt deswegen
Die Waffen nicht und nennt sich nicht besiegt,
Obwohl die Feinde keinen sonst berennen
Als ihn, und Hilf' ist nirgend zu erkennen.
53  »Der tapfre König kämpft zu Fuße weiter,
Ganz rot von Feindesblut, um jeden Schritt.
Zuletzt weicht Tapferkeit der Zahl der Streiter.
Seht ihn gefangen, seht ihn in Madrid.
Pescara aber jetzt und sein Begleiter,
Der Herr von Vasto, der zur Seit' ihm stritt,
Empfangen hier den ersten Siegeskranz
Für den gefangnen großen König Franz. 311
54  Franz I ward nach einjähriger Gefangenschaft freigelassen, während seine Söhne als Geiseln in Madrid blieben. Er erneuerte sogleich seine Angriffe auf Italien, obgleich Frankreich selbst von England bekriegt wurde.  »Das andre Heer, das südwärts zur Bedrängniß
Neapels unterwegs ist, wie man sieht,
Verfällt nach diesem Tage dem Verhängniß,
Der Lampe gleich, der man das Oel entzieht.
Franz läßt in dem iberischen Gefängniß
Die Söhn' und kehrt zurück in sein Gebiet.
Seht, wie er selbst Italien, so desgleichen
Greift ihn ein andrer an in seinen Reichen.
55  Die weltberühmte Plünderung Roms durch kaiserliche Truppen unter Karl von Bourbon, dem von Frankreich abgefallnen Vetter des Königs Franz (1527). Clemens VII floh in die Engelsburg, wo er sieben Monate lang belagert wurde. Ehe der französische Marschall Lautrec zu seinem Entsatze herankam, hatte der Papst schon seinen Frieden mit den Kaiserlichen gemacht. Die Führer der Liga waren unter sich uneinig und ließen Rom im Stiche. Lautrec marschirte, nachdem er den Zeitpunkt für des Papstes Befreiung versäumt hatte, nach Neapel (wo die Sirene Parthenope begraben liegt).  »Seht nun, wie Plünderung und Metzelei
Das ganze weite Rom in Trauer hüllen,
Wie sie mit Schändung und Mordbrennerei
So göttliches wie weltliches erfüllen.
Das Heer der Liga schaut sich nahebei
Die Greuel an, hört das Geschrei und Brüllen;
Statt vorzurücken, weicht es, unbewegt,
Ob man in Fesseln Petri Erben schlägt.
56  »Der König schickt Lautrec mit neuen Scharen;
Nicht mehr der Lombardei gilt jetzt der Streit;
Befrein soll er von Räubern und Barbaren
Die Glieder und das Haupt der Christenheit.
Doch säumt er lang' und kann den Weg sich sparen;
Denn als er kömmt, ist Clemens schon befreit.
Sich nach dem Grabe der Sirene kehrend,
Belagert er die Stadt, das Land verherend. 312
57  Die Absicht Karls, Neapel von der Seeseite her den Franzosen abzugewinnen, wurde zwar durch die mit Frankreich verbündeten Genuesen vereitelt, welche unter Filippino Doria die kaiserliche Flotte unweit Amalfi zerstörten. Aber Seuchen decimirten das Heer Lautrecs und zwangen ihn Neapel zu räumen.  »Die kaiserliche Flotte kömmt durchs Meer,
Nach der bedrängten Stadt das Steuer lenkend.
Doch sehet, Doria kömmt ihr in die Quer,
Sie schlagend und verbrennend und versenkend.
Nun seht Fortuna's Launen! sie, bisher
Dem Plane der Franzosen Beistand schenkend,
Schlägt sie mit Fiebern statt mit Lanzen nieder;
Kein Mann von tausend kömmt nach Frankreich wieder.«
58  Dies und noch vielerlei enthielt der Saal
(Wollt' ich's erzählen, würd' ich heut nicht enden,)
In schönen Farben von erlesner Wahl;
Denn Raum genug war an den hohen Wänden.
Sie sahn es zweimal an, zum dritten Mal
Und konnten nicht die Augen davon wenden
Und überlasen mehrmals, was am Rand
Des schönen Werks in Gold geschrieben stand.
59  Nachdem die Damen und wer sonst beim Feste
Zugegen war, sich plaudernd noch ergetzt,
Führt sie der Wirt zur Ruhe, der die Gäste
Zu ehren niemals außer Augen setzt.
Die andren schliefen alle schon aufs beste,
Da legt auch Bradamante sich zuletzt
Und kehrt sich bald zur Rechten, bald zur Linken
Und kann nicht links noch rechts in Schlummer sinken. 313
60  Erst gegen Tag kann sie die Augen schließen,
Und siehe, Roger tritt im Traum zu ihr
Und spricht: »Wie thöricht, Thränen zu vergießen
Um leere Fabeln, die du glaubst von mir!
Eh siehst du zum Gebirg die Ströme fließen,
Eh sich mein Sinn zu andren kehrt als dir.
Hätt' ich dich nicht mehr lieb und dich verlassen,
Würd' ich mein Herz und meine Augen hassen.«
61  Dann fuhr er fort im Traum: »Ich komme her,
Die Taufe zu empfangen, wie ich sagte.
Ich komme spät, weil eine Wunde schwer
(Doch keine Liebeswunde war's) mich plagte.«
Der Schlaf entfloh und mit dem Schlaf auch er;
Kein Roger ließ sich blicken, als es tagte;
Sie aber weinte, nun das Bild entfloh,
Und sprach bei sich in ihrem Herzen so:
62  »Ein falscher Traum ist's, wenn ich glücklich bin,
Und wahres Wachen, wenn ich Schmerz bestehe.
Die Freude war ein Traum und schwand dahin,
Kein Traum ist aber, ach, das bittre Wehe.
Warum nicht hört und sieht mein wacher Sinn,
Was ich im Geiste deutlich hör' und sehe?
Was habt ihr Augen, daß ihr wach und offen
Das Unheil seht, geschlossen Glück und Hoffen. 314
63  »Der süße Schlaf versprach mir schon den Frieden,
Das bittre Wachen bringt mir wieder Streit.
Der süße Schlaf hat unwahr mich beschieden,
Das bittre Wachen ist die Wirklichkeit.
O säh' und hört' ich Wahrheit nie hienieden,
Da Wahrheit schmerzt und Lüge Glück verleiht!
Wenn Schlaf mich glücklich, Wachen elend macht,
So wünsch' ich Schlaf, aus dem man nie erwacht.
64  »Beglückte Thiere, die ein halbes Jahr
Durchschlafen, ohne je den Blick zu heben!
Daß solches Wachen Leben sei und gar
Solch Schlafen Tod, scheint mir nicht zuzugeben.
Mein Schicksal ist, wie noch kein andres war:
Ich fühl' im Wachen Tod, im Schlafe Leben.
Ist aber Tod solch einem Schlafe gleich,
Dann schließ, o Tod, die Augen mir sogleich!«
65  Am Horizont erglänzten wie Rubin
Die tiefren Streifen schon, rings von der Erde
War das Gewölk verschwunden, und es schien,
Als ob der Tag dem vor'gen ungleich werde;
Da eilte sie die Rüstung anzuziehn,
Begierig auf den Weg, und stieg zu Pferde.
Doch erst empfing der Schloßherr Dank von ihr
Für die erwiesne Ehr' und gut Quartier. 315
66  Die Dam' aus Island war mit ihrem Trosse,
Mit Zofen und mit Knappen schon vorher
Zum Thor hinaus, und draußen vor dem Schlosse
Harrten die Ritter ihrer Wiederkehr,
Die drei, die Bradamante jüngst vom Rosse
Geworfen hatte mit dem goldnen Speer,
Und die nun traurig unterm Himmelszelte
Die Nacht verlebt in Regen, Wind und Kälte.
67  Und obenein kam noch zu allen Plagen,
Zum Zähneklappern, Waten im Morast,
Für sie und für die Pferd' ein leerer Magen.
Doch sie verdroß fast mehr, und ohne fast
Verdroß sie mehr; daß man es weiter sagen
Und melden werde bis in den Palast
Der Königin, daß sie im Reich der Franken
Beim ersten Lanzenstoß vom Pferde sanken.
68  Sie wollen sterben oder bittren Lohn
Dem Ritter zahlen, der sie niederrannte,
Damit die Botin (die, wie mein Patron
Noch nicht gehört hat, sich Ullania nannte)
Das Urteil ändre, das vielleicht sie schon
Abfällig wider jene drei erkannte;
Und kaum verläßt die Kriegerin das Haus,
So fordert man sie zum Turnier heraus. 316
69  Daß sie ein Mädchen sei, fiel keinem ein,
Denn was sie that, war nicht nach Mädchenweise.
Anfänglich sagte Bradamante nein;
Sie hatte Eil' und dacht' an ihre Reise.
Dann fand sie doch, es könnte schimpflich sein,
Wenn sie zurück so heft'ges Drängen weise.
So senkte sie den Speer, stieß dreimal zu,
Warf alle drei vom Pferd' und hatte Ruh.
70  Ohne sich umzuwenden, ritt sie fort
Und zeigte nur von fern den Rücken ihnen.
Die Ritter, die so weit vom hohen Nord
Gekommen, um den Goldschild zu verdienen,
Erhoben sich und sagten nicht ein Wort,
Daß Sprach' und Mut zugleich verloren schienen.
Starr vor Erstaunen über ihr Geschick,
Senkten sie vor Ullania den Blick.
71  Wie hatten sie sich einst berühmt und wie
Ergangen sich in stolzen Prahlereien
Als ob der Paladine stärkster nie
Sich messe mit dem schwächsten von den dreien!
Ullania nun, damit noch tiefer sie
Sich bückten und fortan bescheidner seien,
That ihnen kund, daß eines Weibes Hand
Und nicht ein Paladin sie überwand. 317
72  »Wenn schon ein Mädchen (fuhr sie fort) euch fällt,
Wie wird es euch mit Roland erst ergehen
Und mit Rinald, die doch in dieser Welt
Nicht ohne Grund in hohem Ansehn stehen?
Wenn Roland, wenn Rinald den Schild erhält,
Glaubt ihr, die seien leichter zu bestehen
Als eine Frau? Die Frag' ist wohl erlaubt.
Ich glaub' es nicht, wie ihr's wohl selbst nicht glaubt.
73  »Mehr Proben braucht ihr nicht; was ihr im Stande
Zu leisten seid, ist nun ja aufgeklärt,
Und wer von euch leichtsinnig hier zu Lande
Nach weiteren Erfahrungen begehrt,
Der fügt nur noch den Schaden zu der Schande,
Die gestern er erfuhr und heut erfährt,
Es sei denn daß durch solche Paladine
Zu sterben nützlich ihm und rühmlich schiene.«
74  Als ihnen dann Ullania noch zum Schluß
Gewißheit gab, daß eine von den Damen
Des Landes ihnen heute schwarz wie Ruß
Gemacht hab' allen Schimmer ihrer Namen,
Und zwanzig Zeugen noch zum Überfluß
Alles bestätigten, was sie vernahmen,
Da waren sie daran ins eigne Herz
Ihr Schwert zu stoßen, wild vor Wut und Schmerz. 318
75  Und plötzlich dann, von Zorn und Scham entbrannt,
Ziehn sie die Rüstungen herab vom Leibe
Und schleudern auch den Degen aus der Hand,
Daß er versenkt im Festungsgraben bleibe,
Und schwören, weil ihr Rücken auf den Sand
Gefallen sei, besiegt von einem Weibe,
So wollen sie zur Buß' ein volles Jahr
Das Land durchpilgern aller Waffen bar,
76  Und wollen immer nur zu Fuße schreiten,
Der Weg mag flach sein oder Berg und Thal,
Und wollen auch nach Jahresfrist nicht reiten
Und nimmer Eisen anziehn oder Stahl,
Es sei denn daß sie beides sich erstreiten
Im Kampfe, Pferd' und Rüstungen zumal.
Zur Buß' entwaffnet ziehn sie so vom Schlosse
Zu Fuße fort, die übrigen zu Rosse.
77  Die Tochter Haimons war auf schnellem Thier
Um Abendzeit an eine Burg gekommen
Und hatte von der Niederlage hier,
Die Karl den Mohren beigebracht, vernommen.
Hier fand sie guten Tisch und gut Quartier,
Doch das und alles konnt' ihr wenig frommen.
Sie aß nur wenig, schlief nur wenig; kaum,
Anstatt zu ruhn, hielt sie sich selbst im Zaum. 319
78  Doch eh wir weiter von ihr hören, frage
Ich, wie es mit den beiden Rittern stand,
Die nach dem abgeschlossenen Vertrage
Die Pferde fesselten am Quellenrand.
Ihr Kampf, davon ich jetzt euch ein'ges sage,
Gilt nicht der Herrschaft über Leut' und Land;
Die Frag' ist, wer als tapferster im Streiten
Soll Durindane führen, Bajard reiten?
79  Trompeten riefen nicht noch andre Zeichen
Zum Kampfbeginn; kein Meister war zur Hand
Mit gutem Rat von Deckungen und Streichen;
Kein Zuspruch setzt' ihr mutig Herz in Brand.
Gradasso zog das Schwert, Rinald desgleichen,
Und beide legten aus, flink und gewandt.
Die raschen Hiebe fingen an zu schallen,
Furchtbar und wuchtig, und der Zorn zu wallen.
80  Ich glaube nicht, daß sich zwei Schwerter fänden,
Die man als hart und gut und sicher lobt,
Die dreien ihrer Hiebe widerständen
Bei diesem Kampf, der übermenschlich tobt.
Sie aber hatten Klingen in den Händen,
So tadellos, so häufig schon erprobt,
Die würden, wenn sie auch mit tausend Hieben
Einander träfen, dennoch nicht zerstieben. 320
81  Bald hier bald dorthin setzte flink und klug
Rinald die Füße, wachsam und beflissen
Zu fliehn vor Durindane's scharfem Flug,
Der Eisen trennt und theilt, das mußt' er wissen.
Wennschon Gradasso größre Hiebe schlug,
Doch ward von ihnen nur die Luft zerrissen,
Und traf einmal ein Streich, so traf er da,
Wo dem Rinald nur wenig Leids geschah.
82  Der andre führt mit mehr Vernunft die Klinge
Und lähmt dem Heiden mehrmals Arm und Hand.
Er stößt ihm nach der Hüft' und in die Ringe,
Wo sich der Panzer mit dem Helm verband.
Denkt aber nicht, daß eine Masche springe;
Die Rüstung zeigt sich hart wie Diamant.
Daß sie so hart war, sicher vor Zerstörung,
Das kam von Zauberkünsten und Beschwörung.
83  So fochten sie bereits geraume Zeit
Und ließen nimmer ab das Schwert zu schwingen
Und wandten ihre Augen nie beiseit,
Die fest am zorn'gen Blick des Gegners hingen.
Da plötzlich störte sie ein andrer Streit
Und zog sie ab von dem gewalt'gen Ringen.
Ein Lärm erscholl, und als sie hinsahn, war
Bajard bedrängt von größester Gefahr. 321
84  Mit einem Unthier focht er einen Strauß,
Das größer war als er; ein Vogel war es,
Von Ansehn ähnlich einer Fledermaus,
Mit Rabenfedern aber statt des Haares.
Drei Ellen lang streckt' er den Schnabel aus;
Wie Feuer war der Blick des Augenpaares;
Die Klauen waren lang und krumm die Nägel,
Und große Flügel hatt' es wie zwei Segel.
85  Ein Vogel mocht' es sein, nur kenn' ich nicht
Die Heimat solcher fürchterlicher Wesen.
Ich sah dergleichen nie von Angesicht,
Hab' auch in Büchern nie davon gelesen,
Nur bei Turpin, daher viel dafür spricht,
Daß dies Geschöpf ein Höllengeist gewesen,
Den Malagis in diesen Körper bannte
Und, um den Kampf zu unterbrechen, sandte.
86  Rinald hat das geglaubt und nach der Zeit
Den Vetter hart geschmält um die Geschichte;
Doch Malagis schwor einen heil'gen Eid;
Er schwor, um sich zu rein'gen, bei dem Lichte,
Vom dem die Sonne selbst ihr Licht entleiht,
Daß man ihn diesmal ohne Grund bezichte.
War's Vogel oder Teufel, jedenfalls
Fuhr's mit den Krallen Bajard an den Hals. 322
87  Sich loszureißen war der Hengst nicht faul,
Denn er war stark, und außer sich vor Grausen
Schlug er den Vogel ab mit Huf und Maul.
Der flog empor und kam nach kurzen Pausen
Zurück, um mit dem Krallenpaar den Gaul
Zu schlagen und ihm um den Kopf zu sausen.
Bajard, der nirgend Schutz fand, mittlerweil
Auch blutete, sucht' in der Flucht sein Heil.
88  Zum nahen Forste floh das Roß alsbald
Ins tiefste Dickicht, aber seiner Fährte
Folgt' in der Luft die riesige Gestalt
Und lugte scharf, so oft der Weg sich klärte.
Das gute Roß lief aber in den Wald,
Bis endlich eine Höhl' ihm Schutz gewährte.
Da stieg der Vogel, der die Spur verlor,
Nach andrem Wild in das Gewölk empor.
89  Als nun Gradasso und Rinald gesehn,
Daß ihnen ihres Kampfs Ursach entschwinde,
Beschlossen sie vom Fechten abzustehn,
Bis man das gute Pferd der Krall' entwinde,
Die es veranlaßt hatte durchzugehn,
Und machten aus, daß, wer zuerst es finde,
Zur Quelle kommen solle mit dem Pferde,
Damit der Kampf dort ausgefochten werde. 323
90  So folgten sie vom Rande jener Quelle
Den Spuren, wo das Gras zertreten schien.
Bajard war weit vorauf; im Punkt der Schnelle
Waren sie beid' im Nachtheil gegen ihn.
Gradasso's Stute war jedoch zur Stelle;
Er sprang hinauf und ließ den Paladin
Weit hinter sich zurück in Gram und Sorgen,
Die nie ihn so geplagt wie diesen Morgen.
91  Die Spur des Pferdes hatt' er bald verloren,
Denn Bajard schlug seltsame Bahnen ein;
Flüsse, Gebüsch und Schlucht hatt' er erkoren,
Den tiefsten Wald, das wildeste Gestein,
Um vor den Krallen, die ihm um die Ohren
Gefahren waren, sicherer zu sein.
Am Ende kam Rinald nach langem Wandern
Zurück zur Quell' und wartet' auf den andern,
92  Ob der vielleicht ihn mitbring' aus dem Wald,
Wie sie ja übereingekommen waren.
Doch wartet' er umsonst und merkt' es bald
Und ging zu Fuß betrübt zu seinen Scharen.
Ganz anders sollt' inzwischen als Rinald
Gradasso bei dem Abenteuer fahren:
Durch Weisheit nicht, durch hohes Glück vernahm
Er Bajards Wiehern, als er nahe kam, 324
93  Und fand ihn in der Höhle, so beklommen
Von allen Ängsten, die er überstand,
Daß er nicht wagt' aus dem Versteck zu kommen,
Und also fiel er in des Heiden Hand.
Der wußte freilich, daß er's übernommen
Ihn mitzuführen nach dem Quellenrand,
Doch hatt' er große Luft den Pact zu brechen
Und mit sich selbst begann er so zu sprechen:
94  »Krieg führen mag um ihn, wem's so gefällt;
Ich nehm' ihn lieber ohne Kriegsbeschwerde.
Von einem End' ans andre dieser Welt
Kam ich, bloß aus Begier nach diesem Pferde.
Nun hab' ich es. Ein Narr, wer dafür hält,
Daß ich des Gauls mich jetzt entäußern werde!
Verlangt Rinald ihn, ei, so fahr' er nur
Nach Indien, wie ich selbst nach Frankreich fuhr.
95  »Ich wüßte nicht, weshalb nicht Sericane
So sicher ihm wie mir Europa wär'.«
So redend und mit solchem neuen Plane
Ritt er nach Arles, traf daselbst das Heer
Und fuhr mit Bajard und mit Durindane
Auf schwarzgetheerter Kriegsgaler' ins Meer.
Hier muß ich, statt mit ihm mich zu befassen,
Ihn und Rinald und Frankreich selbst verlassen, 325
96  Und folg' Astolfen, der mit Zeug und Zaume
Das Flügelroß wie einen Zelter ritt
Und so geschwind hinfuhr im luft'gen Raume,
Kein Adler und kein Falke käme mit.
Nachdem er Galliens Gebiet vom Saume
Des Mittelmeers bis an den Rhein durchschnitt,
Wandt' er gen Westen sich nach Aquitanien
Und dem Gebirg, das Frankreich trennt von Spanien.
97  Ulisbona ist Lissabon.  Über Navarra ging's nach Aragona,
Zum Staunen jedes Menschen, der ihn sah.
Fernab zur Linken ließ er Tarragona,
Biscaya rechts. Nun lag Castilien nah
Galizien dann und weiter Ulisbona.
Über Sevilla ging's nach Cordova,
Und keine Stadt im Innern und am Strande
Blieb unbesucht im ganzen span'schen Lande.
98  Eviza ist eine der balearischen Inseln, Arzilla oder Arxilia eine Stadt in Fez.  Er sah den Grenzstein, den vor grauen Jahren
Den Schiffern setzte des Alciden Hand.
Durch Afrika beschloß er dann zu fahren
Vom Atlas bis Aegyptens Wüstenrand.
So sah er die berühmten Balearen,
Eviza hatt' er unter sich erkannt,
Und auch Arzilla sollt' er bald erkennen
Über den See'n, die es von Spanien trennen. 326
99  Hippona ist Bona, Buzea Bugia, beide in Algerien. Capisse oder Cabes und Biserta sind tunesische Städte. Bernike, das alte Berenike, und Tolomit (Ptolemais) liegen an der Küste von Tripolis.  Marocco, Fez, Hippona sah er ragen,
Algier, Buzea, Städt' in hohem Glanz,
Die Kronen vor den andren Städten tragen,
Kronen von Gold, nicht grünen Blätterkranz.
Biserta, Tunis und Capisse lagen
Auf seinem Wege längs des Meeresstrands,
Und Tripolis, Bernike, Tolomit,
Bis an den Nil, wo man gen Asien zieht.
100  Carena's Berge die Heimat des Zauberers Atlas, sind ein Zweig des Atlasgebirges. Das Grab des Battus ist die Stadt Cyrene, Batti veteris sacrum sepulcrum, wie Catull sie nennt. Der berühmte Tempel des Jupiter Ammon lag in der libyschen Wüste.  Er sah das ganze Land vom hohen Wald
Des wilden Atlas bis zum Seegestade,
Und von Carena's Bergen flog er bald
Über Cyrene hin, und schnurgerade
Kreuzt' er die Wüste sonder Aufenthalt
Und kam an Nubiens Mark bei Albajade.
Weit hinter ihm blieb Battus' Grab, und weit
Der große Tempel Ammons, heut entweiht.
101  Ein »andres« Tremisen heißt es im Hinblick auf die westafrikanische Mohrenstadt gleichen Namens, die ihr Contingent zum Heere Agramants gestellt hat. Dies ägyptische oder nubische Tremisen scheint übrigens eine Fiction Ariosts. – Die »andren« Aethiopen sind die am rechten Nilufer lebenden, die Abessinier u. s. w.  Dort traf er auf ein andres Tremisen,
Gleichfalls der Lehre Mahomeds ergeben;
Doch wollt' er auch die Aethiopen sehn,
Die andren, so jenseits des Niles leben,
Und wo Dobada und Coalle stehn,
Mußte der Greif nach Nubiens Hauptstadt schweben.
Jenseits sind Christen, diesseits Saracenen,
Und auf dem Kriegsfuß diese stets mit jenen. 327
102  Von dort geht des Senapus Kaiserreich
Bis zu des roten Meers entlegnen Enden,
An Völkern, Städten und an Golde reich.
Als Scepter trägt das Kreuz er in den Händen;
Sein Glaub' ist unsrem Glauben ziemlich gleich
Und mag von ihm das ew'ge Elend wenden.
Wenn ich nicht irre, herscht der Brauch bei ihnen,
Zur Taufe sich des Feuers zu bedienen.
103  Da er den Kaiser gern gesehen hätte,
Schwang sich Astolf im großen Hof vom Roß.
Nicht eben fest, doch prächtig war die Stätte,
Die Aethiopiens Herschersitz umschloß.
An jeder Brücke, jedem Thor die Kette,
Die Angeln, Riegel bis zum letzten Schloß,
Kurz jedes Werkstück, das von Eisen wir
Zu machen pflegen, war von Golde hier.
104  Trotz solcher Fülle köstlicher Metalle
Verliert daselbst das Gold am Werte kaum.
Auf Säulenreihn von leuchtendem Krystalle
Ruht dort der offnen Hallen weiter Raum.
Es bilden, rot, grün, blau und gelb, um alle
Zierlichen Söller einen Funkensaum,
Vertheilt in wundervollem Ebenmaß,
Rubin, Smaragd und Safir und Topas. 328
105  Die Wänd' und Dächer und das Estrich sah
Man reich von Perlen und Juwelen prangen.
Dort wächst der Balsam; Hierosolyma
Hat gegen den nur kleinen Theil empfangen.
Der Bisam, den wir kaufen, stammt von da,
Von dort das Ambra, welches wir erlangen.
Kurz alles ist daselbst im Überfluß,
Was man bei uns so hoch bezahlen muß.
106  Marco Polo und andere Schriftsteller des Mittelalters erzählen von einem im Innern Asiens herschenden christlichen Monarchen, der den Titel Priester Johannes führe. Portugiesische Reisende des 15. Jahrhunderts, die in Aegypten und am roten Meer allerlei von dem christlichen Kaiser Abessiniens gehört hatten, identificirten diesen mit dem Priester Johannes. Sie berichteten, daß diese Kaiser vor der Thronbesteigung die Priesterweihen empfingen, ein Kreuz als Scepter führten u. dgl. m. Über den Titel Senapus finde ich in den Commentatoren nichts.  Aegyptens Sultan, so versichert man,
Ist diesem König zinsbar und verpflichtet,
Weil der den ganzen Nil ihm nehmen kann,
Wenn er den Strom nach andrer Seite richtet,
Und Kairo samt dem Reiche wär' alsdann
Mit einem Mal durch Hungersnot vernichtet.
Der Kaiser wird Senapus dort genannt,
Priester Johannes sagt das Abendland.
107  Nie war ein König Aethiopia's
Zu solchem Reichtum, solcher Macht geboren;
Jedoch bei allem Glanz, den er besaß,
Hatt' er die Augen jämmerlich verloren.
Und dies war noch des Leids geringstes Maß;
Viel schlimmer war, viel tiefer mußte bohren,
Daß ihn, den man als reichsten König pries,
Ein Hunger quälte, der ihn nie verließ. 329
108  Kaum wollt' er sich an Speis' und Trank erfrischen,
Getrieben von der höchsten Hungerqual,
So drängte sich die Höllenbrut dazwischen,
Der scheuslichen Harpyien wüste Zahl,
Und vor den Krallen dieser räuberischen
Stürzten die Becher um, verschwand das Mahl,
Und was ihr Bauch nicht fähig war zu fassen,
Das pflegten sie besudelt da zu lassen.
109  Und das, weil er in Tagen heißren Blutes,
Als er so hohen Ehrenstand gewann
Und außer dem Besitz des reichsten Gutes
Stärker und kühner schien als sonst ein Mann,
Stolz ward wie Lucifer, voll Übermutes,
Und wider seinen Schöpfer Krieg begann.
Er zog nach jenem Berg, vom Heer umringt,
Auf dem Aegyptens großer Strom entspringt.
110  Auf jenem Hochgebirg, hatt' er erfahren,
(Das über Wolken himmelhoch sich hebt,)
Sei heute noch wie vor sechstausend Jahren
Das Paradies, wo Adam einst gelebt.
So, mit Kamelen, Elefanten, Scharen
Fußvolks war trotzig er hinangestrebt,
Begierig, wenn ein Volk dort oben wohne,
Es unterthan zu machen seiner Krone. 330
111  Gott aber strafte so vermessnes Wagen:
Den Engel sandt' er aus und gab ihm Macht
Zehnmal zehntausend Nubier zu erschlagen,
Und ihn verdammt' er zu beständ'ger Nacht.
An seinen Tisch dann ließ er jene Plagen
Der Hölle kommen aus dem finstren Schacht,
Die ihm die Speisen rauben und beflecken,
Daß er sie nicht berühren kann noch schmecken.
112  Und vollends in Verzweiflung stürzte dann
Ihn jemand, der hernach ihm prophezeite,
Daß nimmer weichen werde dieser Bann,
Der seinen Tisch mit Raub und Kot entweihte,
Bis aus den Lüften ein berittner Mann
Eintreffe, der ein Pferd mit Flügeln reite.
Denn weil es, wie ihm schien, unmöglich war,
So lebt' er traurig, aller Hoffnung bar.
113  Als nun das Volk, starr vor Erstaunen dort
Den Reiter sah, der über Thürm' und Zinnen
In ihre Stadt kam, lief ein Mann sofort
Zum Schloß und meldet' es dem König drinnen.
Und der, gedenkend an das Seherwort,
Vergaß, in seiner Freude halb von Sinnen,
Den treuen Stab, und mit den Händen weiter
Sich tastend, eilt' er zu dem Luftdurchreiter. 331
114  Astolf indeß verließ den luft'gen Pfad
Und senkt' in weitem Kreise sich zur Erde.
Da sprach der König, wie er näher trat,
Die Händ' erhebend, knieend vor dem Pferde:
»Engel des Herrn und Heiland, meine That
Verdient wohl nicht, daß sie verziehen werde,
Doch weißt du, unsre Art ist, oft zu sünd'gen,
Eure, dem Büßer Gnade zu verkünd'gen.
115  »Ich bin mir meiner Schuld bewußt und flehe
Nicht um das Licht, das ich so lang' entbehrt,
Obwohl ich glaube, was du willst geschehe;
Denn himmlisch ist dein Wesen und verklärt.
Genüge dir die Pein, daß ich nicht sehe,
Auch ohne daß noch Hunger mich verzehrt.
Ach, nur vor dem Harpyiengeschmeiße
Schütz' mich, daß es mir nicht mein Brot entreiße.
116  »Und ich gelobe dir mit heil'gen Schwüren
Aus Marmor einen Tempel dir zu bau'n,
Mit einem Dach von Gold und goldnen Thüren,
Voll von Juwelen, herrlich anzuschau'n,
Und deinen heil'gen Namen soll er führen,
Darin dein Wunder steh' in Stein gehau'n.«
So spricht er, der so schwer hat dulden müssen,
Und sucht umsonst des Herzogs Fuß zu küssen. 332
117  Astolf versetzt: »Kein Engel steht vor dir,
Kein Heiland, sondern nur ein Sohn der Erde.
Ich bin ein Mensch und Sünder so wie ihr,
Unwert daß ich der Gnade theilhaft werde.
Ich will versuchen, ob ich das Gethier
Verjagen mag von deinem Tisch und Herde,
Und wenn es glückt, so preise Gott allein,
Der mich hieher geführt, dich zu befrein.
118  »Ihm weihe, was du mir versprochen hast,
Ihm magst du Kirchen und Altär' errichten.«
So redend sah man sie nach dem Palast,
Umringt vom ganzen Hof, die Schritte richten.
Der König nun gebot in aller Hast
Der Dienerschaft, die Mahlzeit anzurichten.
Denn diesmal, hofft' er, werd' ihm nicht das Brot
Entführt vom Teller und beschmutzt mit Kot.
119  In einem schönen Saal des Königsbaus
War das Bankett gerüstet, und sie gingen.
Der König setzte sich allein zum Schmaus
Mit seinem Gast und ließ die Speisen bringen.
Da horch, erbebte plötzlich von Gebraus
Die Luft, gepeitscht von schauderhaften Schwingen;
Seht, die Harpyien stürzen aus der Luft,
Scheuslich und wüst, gelockt vom Bratenduft. 333
120  Es waren sieben, all' in einer Schar,
Mit Köpfen wie verwelkte bleiche Frauen,
Von langem Hungern alles Fleisches bar
Und wie der Tod unheimlich anzuschauen.
Und jede hatt' ein garstig Flügelpaar,
Raubgier'ge Hände, krummgebogne Klauen,
Stinkenden großen Bauch und langen Schweif,
Der zuckt' und spielte wie ein Schlangenreif.
121  Kaum hört man in den Lüften sie, so rasen
Sie schon heran, und nun mit einem Mal
Rauben sie Speisen, stürzen Krüg' und Vasen,
Und aus den Bäuchen fließt der Kot ins Mahl.
Flugs fahren alle Hände an die Nasen
Vor unermeßlichem Gestank im Saal.
Astolf, voll Zorns, mit dem gezückten Degen,
Wirft den gefräß'gen Vögeln sich entgegen.
122  Wohl trifft er sie im Rücken und am Kropfe,
Wohl schlägt er auf die Flügel, ins Gesicht,
Jedoch als ob er auf Wollsäcke klopfe,
Die Hieb' erlahmen und verwunden nicht.
Nichts auf den Tellern, nichts im letzten Topfe
Bleibt unberührt; die wüste Bande bricht
Nicht eher auf, als bis vom ganzen Feste
Nur Scherben übrig sind und schmutz'ge Reste. 334
123  Der König hatt' Astolfen fest vertraut,
Als werd' er sicher das Geschmeiß verjagen,
Und als er sah, er hab' auf Sand gebaut,
Da seufzt' und stöhnt' er trostlos und zerschlagen.
Jetzt dacht' Astolf an seines Hornes Laut,
Der ihm zu helfen pflegt' in schlimmen Lagen,
Und kam zum Schluß, um diese bösen Fresser
Hinwegzujagen, sei kein Mittel besser.
124  Er ließ den König und die Großen alle
Sich weiches Wachs eindrücken tief ins Ohr,
Damit sie nicht, sobald das Horn erschalle,
Weglaufen müßten und entfliehn vors Thor.
Den Hippogryphen holt' er aus dem Stalle,
Schwang sich hinauf und zog das Horn hervor.
Dann gab er einen Wink dem Kämmerlinge,
Daß man aufs neue Tisch und Speisen bringe.
125  Ein neuer Tisch wird also aufgeschlagen
Mit neuen Schüsseln, in der Galerie,
Und flugs erscheinen auch die sieben Plagen.
Da bläst Astolf die graus'ge Melodie.
Die Vögel, ohne Wachs im Ohr, ertragen
Die Probe nicht; den Schall vernehmen sie
Und flüchten sich, von jäher Angst besessen,
Und Fütterung und alles ist vergessen. 335
126  Nun spornt der Paladin zu voller Hast.
Fliegend erhebt sein Roß sich vom Balkone.
Dahinten läßt er Hauptstadt und Palast
Und jagt die Scheusal', und mit lautem Tone
Bläst er in einem fort und macht nicht Rast.
Die Rotte flüchtet nach der glüh'nden Zone,
Bis sie der Flug nach jenem Berge bringt,
Auf dem, wenn irgendwo, der Nil entspringt.
127  Beinah am Fuße dieses Berges senkt
Sich unterirdisch eine tiefe Grotte,
Und wer zur Unterwelt zu gehn gedenkt,
Der findet dort den Weg zum Höllengotte.
Gleichwie zu einem sichren Obdach lenkt
Dorthin den Flug die räuberische Rotte
Und fährt hinab zu des Cocytus Strand
Und tiefer noch, wo jener Ton verschwand.
128  Am finstren Höllenschlund, der seine Wände
Für solche öffnet, die ins Dunkel gehn,
Macht seinem Zauberschall Astolf ein Ende
Und bringt das flügelschnelle Roß zum Stehn.
Ich will indeß, eh ich ihn weiter sende,
Und um von meinem Brauch nicht abzugehn,
Zumal ich alle Blätter vollgeschrieben,
Für heute schließen und den Rest verschieben. 336

 


 

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