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Rasender Roland, Band 2

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 2 - Kapitel 6
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 2
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 2
pages412
created20150601
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehnter Gesang.

Cloridans Tod, Medors Verwundung und Rettung durch Angelica. Liebe und Vermählung Angelica's und Medors (1–42). Marfisa und ihre Gefährten werden vom Sturme nach der Amazonenstadt verschlagen; Marfisa's Kampf mit Guidon (43–108).

Niemand vermag zu sagen, wer ihn liebt,
Solange seines Glückes Rad im Steigen;
Denn alles nennt sich Freund, was ihn umgiebt,
Und jeder wird dieselbe Treue zeigen.
Wenn aber Trauer kömmt und Glück zerstiebt,
Dann kehrt sich ab der schmeichlerische Reigen,
Und wer von Herzen liebt, der theilt die Not
Und liebt den theuren Herrn bis in den Tod.
Ja, sähe man das Herz wie die Geberden,
Gar mancher große Mann im Fürstenschloß
Vertauschte dann vielleicht sein Loos auf Erden
Mit einem, der nur wenig Gunst genoß.
Der niedre würde bald der größte werden,
Der große bliebe beim gemeinen Troß.
Doch sehn wir, was sich mit Medor begeben,
Der seinen Herrn geliebt in Tod und Leben. 179
Durch tiefes Dickicht, Rettung suchend, windet
Der arme Jüngling sich, jedoch die Wucht
Der Bürde, die sein Rücken schwer empfindet,
Vereitelt jeglichen Versuch der Flucht.
Er kennt das Land nicht, und der Weg verschwindet,
Und er verwickelt sich in dorn'ger Schlucht.
Weitab von ihm, geborgen vor Gefahren,
War Cloridan, deß Schultern leichter waren.
Der fand, wo er vom Lärmen nichts vernahm
Und vom Getümmel, eine Zufluchtsstätte,
Doch ward ihm bald, als sein Medor nicht kam,
Als ob er's eigne Herz verlassen hätte.
»O, (rief er aus) wie war ich unachtsam!
Wie bin ich blind, daß ich mich selber rette
Und berge hier mich ohne dich, Medor,
Und weiß nicht, wann und wo ich dich verlor!«
So spricht er, und auf den gewundnen Wegen
Stürzt er dahin den dunklen Wald entlang,
Nochmals dieselbe Bahn zurückzulegen,
Und folgt der Spur zum eignen Untergang.
Er hört Geschrei und Hufschlag allerwegen
Und rauher Feindesstimmen droh'nden Klang.
Jetzt hört er auch Medor, sieht ihn inmitten
Zahlreicher Pferd', allein und unberitten. 180
Hundert zu Roß, und gehen ihm zu Leibe,
Denn ihn zu fangen ist Zerbin erpicht.
Der ärmste dreht sich wie des Töpfers Scheibe
Und drückt, so gut es eben gehn will, dicht
Sich hinter Eich' und Ulm' und Buch' und Eibe,
Doch von der theuren Bürde läßt er nicht.
Zuletzt, da sie zu schwer wird, legt er leise
Sie hin aufs Gras und irrt umher im Kreise,
Wie eine Bärin, wann sie eingedrungen
Den Jäger sieht, im Lager, wo sie ruht,
Unschlüssig dasteht über ihren Jungen
Und knurrt im Ton des Mitleids und der Wut:
Bald haben Zorn und Wildheit sie bezwungen,
Daß sie die Tatzen reckt und lechzt nach Blut;
Bald rührt die Liebe sie; dann blickt sie wieder
Mitten im Zorn auf ihre Kleinen nieder.
Nicht wußte Cloridan ihm beizustehn
Und wollte sterben doch mit dem Gespielen;
Nicht aber mocht' er eher untergehn,
Bevor nicht etliche der Feinde fielen.
Den schärfsten Pfeil erlas der Saracen
Und wußt' im Hinterhalt so gut zu zielen,
Daß einer von den Schotten, den er traf,
Vom Sattel stürzte mit durchbohrtem Schlaf. 181
Die andern alle schau'n nach jenem Flecke,
Wo seinen Flug der Todespfeil begann;
Da fliegt ein zweiter schon aus dem Verstecke
Und streckt zum ersten einen zweiten Mann.
Just wollt' er eifrig fragen, welcher kecke
Den Schuß gethan, und hob zu schreien an,
Da kam der Pfeil und stak ihm schon im Schlunde
Und schnitt das Wort ihm mitten durch im Munde.
10  Zerbin, in dessen Dienst die beiden waren,
Hatt' erst Geduld geübt, doch riß sie hier.
Wild kam er auf Medor daher gefahren
Und rief: »Du büßest für die Leute mir.«
Er packt' ihn bei den goldnen Lockenhaaren
Und riß ihn her zu sich voll Rachbegier;
Da blickt' er in das liebliche Gesicht
Und fühlt' Erbarmen und erschlug ihn nicht.
11  Und flehend nun begann der schöne Knabe:
»Bei deinem Gott, sei nicht so grausam, Christ!
Bis ich die Leiche meines Herrn begrabe,
Vergönne mir die eine Stunde Frist.
Um dies nur bitt' ich, nicht um andre Gabe.
Denk' nicht, daß mir's zu thun ums Leben ist.
Mir liegt so viel nur und nicht mehr am Leben,
Als Not ist, meinem Herrn ein Grab zu geben. 182
12  Medor nennt den Creon, weil dieser die Bestattung des erschlagenen Sohnes des Oedipus verbot.  »Und willst du ja, daß Rab' und Wolf sich nähre,
Sprichst du wie Kreon aller Milde Hohn,
Wirf ihnen meinen Leib hin und gewähre
Begräbniß jenem dort, Almonte's Sohn.«
So sprach der Jüngling, und ein Felsen wäre
Gerührt von seinen Worten, seinem Ton.
Zerbin war so erschüttert im Gemüte,
Daß er vor Mitleid und vor Lieb' erglühte.
13  Ein grober Reiter war indeß genaht,
Der seinen Herrn und Hauptmann wenig ehrte,
Und eben als Medor so rührend bat,
Auf seine zarte Brust die Lanze kehrte.
Gar sehr misfiel dem Herrn die rohe That,
Zumal er sah, daß der vom Stoß versehrte
Bewußtlos hinsank mit erblaßtem Haupte,
So daß er todt ihn und verloren glaubte,
14  Und zürnte sehr, und schmerzt' ihn bitterlich,
Und rief: »Du sollst nicht ungestraft entrinnen,«
Und wandt' im Unmut wider jenen sich,
Der sich vermaß so arges zu beginnen.
Doch der nahm seinen Vortheil wahr und wich
Dem Prinzen schleunig aus und floh von hinnen.
Wie Cloridan sieht, daß der Knabe fällt,
Stürzt er zu offnem Kampfe sich ins Feld, 183
15  Und wirft den Bogen weg und stürzt voll Wut
Sich auf die Feind' und schwingt sein Schwert behende,
Mehr um zu sterben als damit die Glut
Des Zorns in würd'ger Rache Kühlung fände.
Der Sand wird rot von seinem eignen Blut,
Der Klingen sind zu viel, er fühlt sein Ende,
Und wie er merkt, daß alle Kraft versiegt,
Fällt er dahin, wo sein Medor schon liegt.
16  Die Schotten folgen ihrem Herrn und Leiter,
Der finster hintrabt durch den finstren Raum.
Er läßt die Mohren dort und fragt nicht weiter,
Den einen todt, den andern lebend kaum.
Geraume Zeit lag so Medor, aus breiter
Speerwunde blutend, unter einem Baum,
Und sicher wär' sein Leben bald verglommen,
Wenn nicht noch zeitig Hilfe wär' gekommen.
17  Ein Mädchen kam zufällig in den Wald,
Gekleidet wie die Hirten bei den Herden,
Doch schön von Antlitz, fürstlich von Gestalt,
Von edlem Anstand, züchtig von Geberden.
Mein letzter Vers von ihr ist schon so alt,
Daß euer wen'ge sie erkennen werden.
Es war Angelica, wenn ihr's nicht wißt,
Die aus Katai des Großchans Tochter ist. 184
18  Seitdem sie ihren Ring, der ihr vor Zeiten
Geraubt war von Brunel, zurückempfing,
Schien alles Maß ihr Stolz zu überschreiten,
Und aller Welt den Rücken wendend ging
Sie einsam ihres Wegs; sie zu begleiten
War der berühmteste noch zu gering.
Mit Scham gedachte sie an Sacripante,
An Roland, die sie einst Liebhaber nannte.
19  Und schlimmer schien als alle andre Schuld,
Daß weiland sie ihr Herz Rinalden schenkte.
Entwürdigt fühlte sie sich durch die Huld,
Die ihren Blick so tief hinunter senkte.
Nicht länger hatte Amor jetzt Geduld,
Als sie mit solcher Anmaßung ihn kränkte;
Dort wo Medor lag, nahm er seinen Stand
Und harrt' auf sie den Bogen in der Hand.
20  Sobald sie sah, wie dort der holde bleiche
Verschmachtend lag, zerfleischt vom scharfen Erz,
Und mehr um seines Herrn grablose Leiche
Wehklagend als um seinen eignen Schmerz,
Da ward ihr wunderbar zu Mut, als schleiche
Ein ungewohnt Erbarmen in ihr Herz,
Daß drinnen alles Eis zerschmolz und thaute,
Zumal als er sein Schicksal ihr vertraute. 185
21  Und eingedenk, was man in frühern Tagen
Ihr in Katai von Chirurgie gelehrt,
(Denn dort ist diese Kunst ja, wie sie sagen,
Vornehm und angesehn und hochgeehrt,
Vom Vater auf die Kinder übertragen,
Ohne daß man sich viel an Bücher kehrt,)
Beschloß sie so mit Kräutersaft zu walten,
Daß er dem reifren Leben bleib' erhalten.
22  Und sie entsann sich, daß sie zwischen Klee
Ein Kraut gesehen hab' im Wiesengrunde,
Ob es nun Diptam war, ob Panacee,
Ob irgend sonst eins, das in der Secunde
Den Blutlauf stillt und von dem scharfen Weh
Und bösem Krampfe heilt die schwerste Wunde.
Sie fand das Kraut (es war nicht weit zum Glück)
Und schnitt es ab und kam geschwind zurück.
23  Auf diesem Weg begegnet' ihr zu Pferde
Ein Hirte, der daherkam durch den Wald,
Um eine Kuh zu suchen, die der Herde
Abhanden kam, zwei Tage waren's bald.
Den nimmt sie mit dahin, wo auf die Erde
Die Kraft Medors mit seinem Blute wallt
Und schon so tief ringsum den Boden rötet,
Daß die Erschöpfung ihn beinahe tödtet. 186
24  Angelica stieg flugs von ihrem Roß,
Der Hirt mußt' auch des Gaules Sattel lüften.
Mit Steinen quetschte sie das Kraut; da floß
Saft in die weiße Hand mit frischen Düften.
Den tröpfelte sie in die Wund' und goß
Ihn über Brust und Leib bis an die Hüften,
Und solche Tugend war in diesem Saft,
Das Blut stand still, und wieder kam die Kraft
25  Und macht' es möglich ihm sich zu erheben,
Aufs Pferd zu steigen, das der Hirte hielt;
Doch wollte sich Medor nicht fortbegeben,
Eh nicht sein todter Herr ein Grab erhielt.
Man gräbt ihn ein und Cloridan daneben;
Dann folgt Medor des Wegs, den sie befiehlt.
Sie aber bleibt im niedern Haus des armen
Gefäll'gen Hirten bei ihm, aus Erbarmen.
26  Sie schätzte so ihn, daß sie sich verstand
Bei ihm zu bleiben, bis die Wunde heile;
Denn jenes Mitleid, das sie erst empfand,
Als sie ihn liegen sah, wuchs mittlerweile.
Dann, als sie ihn so schön und sittig fand,
War ihr's, als ob am Herzen etwas feile,
Als feil' am Herzen ein verborgen Erz,
Und leis' entbrannt' in Lieb' ihr ganzes Herz. 187
27  Der Hirt bewohnt' ein hübsches Haus im Grunde
Des Waldes, rings von Hügeln eingehegt,
Mit Weib und Kind, und just zur rechten Stunde
Hatt' er das Haus erneuert und gefegt.
Hier wurde von Angelica die Wunde
Medors in kurzer Frist gesund gepflegt,
Doch merkte sie in kürzrer noch, sie habe
Viel tiefre Wund' im Busen als der Knabe.
28  Sie merkt die Wunde, die viel tiefer war,
Die Wunde von dem Pfeil, dem ungesehnen,
Den Amor abschoß aus dem blonden Haar
Und schönen Augen ihres Saracenen.
Das Feuer schlug empor, sie nahm es wahr,
Doch statt um eignen Schmerz sorgt sie um jenen,
Sie sorgt nicht um sich selbst, ihr ist's genug,
Wenn er genest, der ihr die Wunde schlug.
29  Ach, ihre Wunde ward nur tiefer, schlimmer,
Je mehr die andre sich verengt' und schwand.
Medor genas, sie schmachtete nur immer
In neuem Fieber zwischen Frost und Brand.
Zusehends blüht' er auf in Jugendschimmer;
Sie schmolz dahin, wie an der schrägen Wand
Des Bergs der spätgefallne Schnee verschwindet,
Wann ihn die Sonn' auf ihrem Wege findet. 188
30  Und will sie nicht an ihrer Sehnsucht sterben,
So helfe sie sich selbst, wie sie's versteht;
Denn will sie warten auf des andern Werben,
So sieht sie wohl, daß zuviel Zeit vergeht.
Also zerbricht der Zaum der Scham in Scherben,
Kühn werden Zung' und Augen, und sie fleht,
Er soll der Wunde Mitleid nicht versagen,
Die er, vielleicht unwissend, selbst geschlagen.
31  O großer Roland, König Sacripant,
Was hilft es euch, daß man euch Kränze streue?
Was gilt all euer Ruhm und Heldenstand?
Und welchen Dank habt ihr für eure Treue?
Zeigt mir doch eine Gunst, die ihre Hand
Euch je erwies, sei's alte, sei es neue,
Als Lohn, als Anerkennung oder Preis
Für euren ihrethalb vergossnen Schweiß.
32  O würdest du aus deiner Gruft beschworen,
Wie würd' es hart sein, König Agrican,
Dem sie vor Zeiten hinter Schloß und Thoren
Grausam verwehrt hat, werbend ihr zu nahn?
O Ferragu, o all ihr tausend Thoren,
Die tausend Wunder ihrethalb gethan,
Der undankbaren, – ach ihr wärt entrüstet
Wenn ihr sie jetzt in diesen Armen wüßtet! 189
33  Sie ließ Medor die erste Rose pflücken,
Die unberührt noch war von Menschenhand;
Denn keinem je auf Erden wollt' es glücken,
Daß er den Weg zu jenem Garten fand.
Die Sach' indessen ehrbar auszuschmücken,
Ward feierlichst das heil'ge Eheband
Geknüpft, und Amor gab den Segen ihnen,
Die Hirtin mußt' als Hochzeitsmutter dienen.
34  Und feierlich, so gut sie konnten, gaben
Die Hirten dann das Hochzeitsfest zum Schluß.
Still und verborgen, noch fünf Wochen, haben
Sie dort geweilt in friedlichem Genuß.
Nicht weiter sah die Braut als ihren Knaben,
Und nie empfand sie Reu' und Überdruß;
Ob sie auch stets an seinem Halse hing,
Nie fühlte sie, daß ihr die Lust verging.
35  Draußen im Freien wie in Daches Schatten,
Stets zog sie ihrem schönen Jüngling nach.
Morgens und Abends suchten sie die Matten
Lustwandelnd auf und den und jenen Bach;
Mittags kam eine Höhle sehr zu statten,
Bequem und freundlich wie das Felsgemach,
Von dem beschirmt, indeß die Wasser tosten,
Aeneas einst und Dido heimlich kosten. 190
36  Bei solchen Freuden, – wenn sie dann an Quellen
Und klarem Bach hochstämm'ge Bäume fand
Und minder hart Gestein in Felsenwällen,
War Messer oder Bohrer flugs zur Hand;
Geschrieben stand im Wald' an tausend Stellen,
An tausend andren auf des Hauses Wand
»Angelica und Medor«, mit vielen zarten
Knötlein verknüpft auf mannigfalte Arten.
37  Als sie nun fand, sie sei schon allzu lange
Daselbst verweilt, entschloß sie sich sogleich
Ostwärts zu ziehn und mit dem höchsten Range
Medor zu krönen in dem schönen Reich.
Am Arme trug sie eine goldne Spange,
Reich von Juwelen und ein Pfand zugleich
Der Zärtlichkeit, die Roland für sie hegte,
Ein Kleinod, das sie stets zu tragen pflegte.
38  Die Geschichte von Ziliants Befreiung aus der Gewalt der Fee Morgana, welche den schönen Knaben entführt hatte, findet sich bei Bojardo. Ziliant war der Sohn des Königs Monodant von Dagomir und somit Bruder Brandimarts.  Morgana schenkt' es einst dem Ziliant,
Als sie ihn festhielt in dem Seegehege.
Der, als er dann zum Vater Monodant
Heimkam, befreit durch Rolands tapfre Schläge,
Gab es dem Roland; Roland, liebentbrannt,
Litt, daß man um den Arm den Reif ihm lege,
Entschlossen, seine Herrin mit dem Ringe
Zu schmücken, eben die, von der ich singe. 191
39  Nicht um des Grafen willen als vielmehr
Weil es die schönste war von allen Spangen,
Hing die Prinzeß an diesem Schmuck so sehr,
Wie je ein Mensch an einem Schatz gehangen.
Sie rettet' ihn sogar am Thränenmeer,
(Doch weiß ich selbst nicht, wie es zugegangen,)
Als jenes Räubervolk sie mitleidlos
Dem Riesenfische preisgab nackt und bloß.
40  Weil nun kein andrer Lohn sich für den Hirten
Und für des Hirten wackre Gattin fand,
Die ihnen, seit sie sich hieher verirrten,
Mit treuem Dienste stets zur Seite stand,
Nahm sie den Reif und gab ihn ihren Wirten,
Ihn zu verwahren als ein Liebespfand.
Dann nach den Bergen wandten sich die beiden,
Den Bergen, die Frankreich und Spanien scheiden.
41  Valencia oder Barcelona war
Ihr erstes Ziel, und dort nach kurzem Halte
Ein Schiff zu finden hofft das junge Paar,
Das zur Levantefahrt bereit sich halte.
Den Bergkamm übersteigend sahn sie klar
Das Meer, das unterhalb Girona's wallte,
Und ritten dann, zur Linken das Gestade,
Gen Barcelona auf dem ebnen Pfade. 192
42  Am Ufer aber sahn sie einen Narren,
Der dort im Sande lag, am Wasser dicht;
Dem Schweine gleich schien er von Kot zu starren,
Von wüstem Schlamm Brust, Rücken und Gesicht.
Der sprang auf sie, wie aus des Zaunes Sparren
Ein böser Hund los auf den Wandrer bricht,
Und wollte sie behelligen und quälen.
Doch von Marfisa muß ich jetzt erzählen.
43  Von ihr und von Astolf und Aquilant
Und von Grifon und ihren Schiffsgefährten,
Die jetzt, den Tod vor Augen, übermannt
Von Müdigkeit, des Meers sich kaum erwehrten;
Denn immer drohender und trotz'ger stand
Das Wetter gegen sie. Drei Tage währten
Schon seine Tücken, und man sah noch immer
Von Besserung nicht den geringsten Schimmer.
44  Vor grimmen Winden und erzürnten See'n
Zersplittert und zerbirst Castell und Schanze
Und läßt der Sturm noch etwas aufrecht stehn,
Der Schiffer kappt's und giebt dem Meer das ganze.
Gebückten Hauptes in einer Koje sehn
Die einen sich die Karten an beim Glanze
Der Schiffslaterne mit besorgter Miene,
Und andre thun's im Raum beim Schein der Kiene. 193
45  Im Vordertheil und hinten unterm Heck
Stehn immer zwei, die Sanduhr zu befragen,
Halbstündlich tretend auf denselben Fleck,
Richtung und Lauf des Schiffs zu überschlagen.
Dann steigt ein jeder auf das Mitteldeck
Mit seiner Kart', um, was er denkt, zu sagen,
Wohin der Schiffer zu gemeinem Rat
Die ganze Schiffsmannschaft berufen hat.
46  Limissó auf Cypern, Tripolis in Syrien, Satalia in Kleinasien.  Der eine meint: wir laufen mit dem Schiffe
Gerad' auf Limisso und seinen Sand.
Ein andrer: Tripoli's scharfkant'ge Riffe
Sind nahe, wo schon manches Schiff verschwand.
Der dritte: zu ersaufen im Begriffe
Sind wir an Satalia's Unglücksstrand.
Vielfältig sind die Meinungen und Reden,
Jedoch die gleiche Furcht beängstigt jeden.
47  Am dritten Tage sollte sich die Wut
Des Sturms und Meers noch schrecklicher erheben.
Der Wind nahm den Besanmast fort, die Flut
Das Steuer und den Steuermann daneben.
Marmorne Herzen haben die, ihr Mut
Ist fester als der Stahl, die jetzt nicht beben;
Marfisa, die noch nie erschrak, gestand,
Daß sie an diesem Tage Furcht empfand. 194
48  Ettino, ein Wallfahrtsort, der seinen Ruhm verloren zu haben scheint; man weiß nicht recht, welchen Platz Ariost gemeint hat.  Wallfahrt zum heil'gen Grab gelobten sie,
Nach Compostella, Cypern und Sanct Peter,
Zur Jungfrau von Ettin, zum Sinai
Und andren Sammelplätzen frommer Beter.
Das Schiff indessen flog, so sehr man schrie,
Hin durch das Meer und oft sehr nah am Aether.
Schon kappte zur Erleichterung der Last
Der Schiffer auch den großen Mittelmast.
49  Die Kisten und die Ballen und die Bütten
Warf er vom Deck ins Wasser und entlud
Die sämtlichen Kajüten, Kojen, Hütten
Und gab der gier'gen See das reiche Gut.
Hier pumpte man, das Wasser auszuschütten,
Und goß ins Meer zurück die Meeresflut;
Dort flickte man im Raum die morschen Stellen,
Wo Holz vom Holze barst im Drang der Wellen.
50  So blieben sie in Drangsal, Not und Pein
Vier volle Tage, hilflos, ohne Steuer;
Der Sieg des Meeres schien gewiß zu sein,
Kam zu den vier Sturmtagen noch ein neuer.
Doch Hoffnung auf nicht fernen Sonnenschein
Gab ihnen jetzt Sanct Elms ersehntes Feuer,
Das sie auf einer Stang' am Bugspriet sahen;
Denn längst verschwunden waren Mast' und Raen. 195
51  Kaum sahen sie die schöne Fackel glimmen,
Fiel alles auf die Knie' und lag umher;
Mit nassen Augen und mit bangen Stimmen
Flehten sie Frieden und ein stilles Meer.
Der wilde Sturm, der erst in seiner grimmen
Hartnäckigkeit nicht abließ, wuchs nicht mehr;
Nordwest und Wirbel waren abgezogen
Und nur der Süd noch blieb Tyrann der Wogen.
52  Der bleibt auf See so mächtig und beginnt
So stark zu blasen aus dem schwarzen Rachen,
Und so gewaltig strömen mit dem Wind
Die wilden Wasser, die sich rasch verflachen,
Daß nun das Schiff dahinfliegt pfeilgeschwind;
Kein Wanderfalk könnt' es so hurtig machen.
Der Schiffer denkt, daß es zum Rand der Erde
Getrieben oder jählings sinken werde.
53  Der wackre wußte Rat für solche Fälle:
Schwimmbojen warf er aus und ließ am Seil
Den Anker schleppen, und des Laufes Schnelle
Ward so gemindert auf den dritten Theil.
Dies Mittel und noch mehr des Lichtes Helle,
Das Gott am Bugspriet zeigte, brachte Heil:
Das Schiff, das sonst vielleicht verloren wäre,
Lief sicher nun dahin auf offnem Meere. 196
54  Gen Syrien in den Golf Lajazzo war
Das Schiff vor eine große Stadt verschlagen,
So nah dem Ufer, daß man schon ein Paar
Castell' erkannte, die am Hafen lagen.
Kaum nahm der Schiffer diese Küste wahr,
So schaut' er aus, als woll' er schier verzagen:
Hier landen wollt' er nicht, und mislich schien
In See zu bleiben, noch auch konnt' er fliehn.
55  Wie hätt' er fliehn und weiterfahren sollen?
Denn alle Mast' und Raen büßt' er ein;
Gebälk und Planken waren von dem Rollen
Der See zerdrückt, gesprungen, kurz und klein.
Hier aber landen hieße sterben wollen
Oder sich einer ew'gen Knechtschaft weihn;
Denn wen sein Unglück führt in diesen Hafen,
Der wird getödtet oder wird zum Sklaven.
56  Und wenn er zauderte, lief er Gefahr,
Daß man vom Lande mit Kriegschiffen käme
Und seins, das nicht mehr segeln oder gar
Krieg führen konnte, mit den Waffen nähme.
Indeß in solcher Not der Schiffer war,
Fragt' ihn der Prinz von England, was ihn gräme,
Weshalb er so unschlüss'gen Sinnes stehe
Und nicht schon längst in jenen Hafen gehe. 197
57  Der Schiffer sagt', es hersch' an diesem Strande
Der Weiber mordbegieriges Geschlecht,
Nach deren alter Satzung, wer hier lande,
Getödtet werde oder ewig Knecht,
Und dies zu wenden sei nur der im Stande,
Wer erst zehn Männer umbring' im Gefecht
Und dann die Nacht im Bette zur Genüge
Zehn Mädchen mit dem Minnespiel vergnüge.
58  Und wer den ersten Kampf mit heilem Leibe
Besteh' und unterlieg' im zweiten dann,
Der sterb', und jeder, der ihm folgte, bleibe
Zurück als Kuhhirt oder Ackersmann.
Wer aber beides mit Erfolg betreibe,
Befreie zwar die seinen von dem Bann,
Doch nicht sich selbst; er bleib', und man vermähle
Zehn Mädchen ihm, wie sein Geschmack sie wähle.
59  Nicht ohne Lachen hörte Otto's Sohn
Den wunderbaren Brauch in diesen Reichen;
Indeß kam Aquilant, es kam Grifon,
Marfisa kam, und Samson kam desgleichen,
Und ihnen auch erklärte der Patron
Die Gründe, diesem Hafen auszuweichen.
»Viel besser (sagt' er) daß ich hier ersaufe
Als mich ins Joch der Sklaverei verkaufe.« 198
60  Die Ansicht schien das Schiffsvolk auch zu hegen
Und was von Reisenden an Bord sich fand.
Marfisen und den Rittern schien dagegen
Das Wasser nicht so sicher wie das Land;
Sie sähen sich von hunderttausend Degen
Viel lieber als vom zorn'gen Meer berannt;
Wo Raum war sich der Waffen zu bedienen,
War ihnen noch kein Ort furchtbar erschienen.
61  Die Krieger sehnten sich ans Land zu kommen,
Und kecker schien Astolf als irgendwer.
Er weiß, der Klang des Hornes, kaum vernommen,
Macht rings die ganze Küste menschenleer.
Den einen dünkt der Hafen sehr willkommen,
Den andren nicht; man streitet hin und her;
Vom stärkren Theil genötigt, wendet schließlich
Der Schiffer nach der Stadt, wennschon verdrießlich.
62  Zuvor schon, als man aus dem offnen Meer
In Sicht der blut'gen Stadt geriet, erkannte
Man eine Kriegsgaler' in voller Wehr,
Die viele Ruder führt' und Segel spannte.
Geradesweges kam sie jetzt daher
Aufs arme Schiff, wo Zwist und Hader brannte,
Band an ihr niedres Heck den hohen Bug
Und barg es vor dem Seesturm schnell genug. 199
63  Zum Hafen rudert sie das Schiffsgesinde,
Denn ihre Segel sind jetzt wenig wert;
Rechtsum und links zu wechseln mit dem Winde,
Hatt' ihnen längst des Sturmes Wut gewehrt.
Inzwischen greifen nach der Eisenrinde
Die Ritter und nach dem getreuen Schwert
Und sind bemüht dem Schiffer und den schwachen
Furchtsamen Leuten etwas Mut zu machen.
64  Der Hafen ist gestaltet wie ein Mond
Und vier Seemeilen wölbt er sich nach innen;
Sechshundert Schritt die Einfahrt, und es thront
Auf jedem Horn ein Schloß mit hohen Zinnen.
Von jedem Sturmanfall bleibt er verschont,
Es müßte denn aus Süd zu wehn beginnen.
Wie ein Theater breitet sich sodann
Die Stadt im Kreis' und steigt den Berg hinan.
65  Kaum liefen nun die beiden Schiffe binnen,
(Man wußt' es in der Stadt schon längst vorher,)
So standen dort sechstausend Kriegerinnen,
Den Bogen in der Hand, in voller Wehr,
Und gegen jede Hoffnung auf Entrinnen
Versperrte man von Burg zu Burg das Meer;
Durch Schiff' und Ketten sperrte man die Strecke,
Die in Bereitschaft lagen zu dem Zwecke. 200
66  Ein Weib, wie Hectors Mutter hochbetagt,
Wie die Sibylle Cumä's anzuschauen,
Rief den Patron zu sich und frug ihn: »Sagt,
Ob lieber ihr sofort euch niederhauen
Laßt oder lieber Sklavenketten tragt,
Wie es Gebrauch ist in dem Reich der Frauen?
Sonst giebt es keine Wahl; für eins von beiden,
Tod oder Knechtschaft, müßt ihr euch entscheiden.
67  »Zwar, wenn ein Mann sich unter euch befände,
So stark zugleich und so von Mut entflammt,
Der zehn von unsern Männern überwände
Und sie im Kampfe tödtet' insgesamt,
Und dann in einer Nacht die Kunst verstände,
Zehn Weibern zu versehn das Gattenamt,
Der bliebe hier als Fürst, ihr aber zöget
Frei eures Wegs, wohin und wie ihr möget.
68  »Auch hier zu bleiben stünd' in eurer Wahl.
Wer aber vorzieht hier bei uns zu bleiben
Und frei zugleich, der muß als Ehgemal
Geschickt sein, mit zehn Fraun sich zu beweiben.
Gesetzt jedoch daß von der Überzahl
Sich euer Mann läßt aus dem Felde treiben,
Gesetzt, der zweite Sieg wird ihm zu schwer,
So müßt ihr Sklaven sein und sterben er.« 201
69  Die Alte denkt, sie werd' im Blick der Streiter
Furcht sehn, und sieht statt dessen kühnen Glanz.
Denn jeder hält sich selbst für einen Reiter,
Der beides leisten könn' und beides ganz.
Marfisa auch blieb wohlgemut und heiter,
Obwohl nicht tauglich für den zweiten Tanz;
Sie wußte, was ihr die Natur verwehre,
Das könne sie gut machen mit dem Speere.
70  Der Schiffer mußte den Bescheid ertheilen,
Den sie in ihrem Kriegsrat festgestellt:
Sie hätten jemand, der in beiden Theilen
Die Probe wag', im Bette wie im Feld.
So wird der Pact geschlossen; drauf mit Seilen
Befestigt man das Schiff, die Brücke fällt,
Auf der die Ritter ans Gestade schreiten,
In Waffen, und die Pferd' am Zügel leiten.
71  Dann ziehn sie durch die Stadt auf nächsten Wegen
Und sehn erstaunt die stolzen Mädchen hier
Hochaufgeschürzt der edlen Reitkunst pflegen,
Dort auf dem Platz sich tummeln im Turnier.
Nicht Sporn am Fuße noch am Gurt den Degen
Trägt dort ein Mann, noch andre Waffenzier,
Als nur zu gleicher Zeit zehn auserwählte,
Von wegen jenes Brauchs, wie ich erzählte. 202
72  Die andren sind mit Wolle, Flachs und Seide
Bei Rad und Kunkel auf ihr Werk bedacht,
In langem, falt'gem, frauenhaftem Kleide,
Das weichlich sie und unbeholfen macht.
Auch manchen findet man auf Feld und Weide,
Der dort in Ketten pflügt und Vieh bewacht.
Nur wenig Männer giebt's, auf tausend Frauen
Wohl hundert kaum in Städten und in Gauen.
73  Die Ritter meinten, daß man losen wolle,
Wer unter ihnen jene ersten zehn
Zum allgemeinen Heil umbringen solle
Und dann der zweiten Schar zu Leibe gehn.
Marfisa spielt' im Plane keine Rolle;
Ihr könnten, schien es, Hinderniss' entstehn
In dem Turnier am Abend ohne Waffen;
Denn da zu siegen war sie nicht geschaffen.
74  Sie aber wollte losen mit den vieren,
Und schließlich kam das Loos in ihre Hand.
Sie sprach: »Ich muß das Leben erst verlieren,
Eh euch verloren geht der freie Stand.
Den Degen aber (und sie wies auf ihren)
Stell' ich als Bürgschaft euch und Unterpfand,
Daß ich das Netz zu lösen mich getröste,
Wie Philipps Sohn den gordischen Knoten löste. 203
75  »Ich will, daß nie Fremdlinge wieder zittern
Vor dieser Stadt, solang' die Welt noch währt.«
So sprach sie, und ihr konnte von den Rittern
Geraubt nicht werden, was das Glück gewährt.
Den Ausgang also, guten oder bittern,
Man überließ ihn ihr und ihrem Schwert,
Und schon geharnischt und von Eisen starrend
Erschien sie auf dem Platz, des Kampfes harrend.
76  Es lag ein Platz im höchsten Stadtquartiere,
Den rund ein Kreis gestufter Bänk' umfing,
Und nur für Scheingefecht' und für Turniere,
Ringkämpf' und Hetzen diente dieser Ring,
Und eherne Thore hatt' er, ihrer viere.
Dorthin nun mit verworrnem Brausen ging
Der Zug behelmter Frau'n in dichten Massen.
Dann ward Marfisa in den Ring gelassen,
77  Sie und der Schimmelhengst auf dem sie saß,
Der bunt gefleckt war gleich dem Pardelfelle,
Von stolzem Gang und edlem Ebenmaß,
Mit kleinem Kopf, die Augen mutig-helle.
Als besten, schönsten, rüstigsten erlas
Aus tausend andren Hengsten seiner Ställe
Der König von Damascus kürzlich diesen
Und gab ihn fürstlich aufgezäumt Marfisen. 204
78  Von Mittag her kam durch das Süderthor
Die Jungfrau und sie wartete nicht lange,
Da scholl Trompetenschmettern ihr ins Ohr,
Erst ferner, dann mit scharfem, hellem Klange.
Von des Polarsterns Gegend rückten vor
Zehn, ihre Gegner in dem Waffengange;
Im Zug der erste war ein hoher Reiter,
Der so viel wert schien wie die neun Begleiter.
79  Auf hohem Rappen kam er durch die Hecke;
Kein finstrer Rabe konnte schwärzer sein
Als dieser Gaul, und nur zwei weiße Flecke
Hatt' er, an Stirn und linkem Hinterbein.
Des Rosses Farbe trug er selbst, der Recke,
Zum Zeichen, daß, so winzig und so klein,
Wie hier das Weiß im Schwarz, so drin im Herzen
Das Lachen war verglichen mit den Schmerzen.
80  Als das Signal ertönte zum Gefecht,
Da senkten flugs neun Krieger ihre Speere,
Dem Schwarzen aber deucht' es ungerecht;
Er that, als ob er sich ans Spiel nicht kehre.
Denn lieber wollt' er, daß dem Landesrecht
Abbruch gescheh' als seiner Ritterehre.
Er hielt allein und wartete der Dinge,
Die eine Lanze gegen neun vollbringe. 205
81  Der Schimmel – sanfter ging kein Gaul als der –
Trug schnell das Mädchen jenen neun entgegen.
Sie, im Galopp, senkt ihren mächt'gen Speer,
Den nur mit Müh vier Männer fortbewegen.
Sie hatt' als stärksten ihn gewählt vorher
Aus allen Stangen, die im Schiff gelegen.
Wie sie daher flog, bebten rings im Kreis
Die Herzen, und die Wangen wurden weiß.
82  Der erste, den sie traf, ward so durchstochen,
Als trüg' er statt des Eisens Linnen bloß.
Erst ward der dicke Schild entzwei gebrochen,
Durch Panzer dann und Stahlhemd ging der Stoß,
Und noch zwei Schuh weit fuhr am Schulterknochen
Der Speer heraus, – so ritt sie ihn auf ihn los.
Den läßt sie aufgespießt am Schafte liegen,
Um auf die andren im Galopp zu fliegen,
83  Und jagt den zweiten um, und jähen Falls
Stürzt auch der dritte vor dem wilden Laufe,
Und beide müssen mit gebrochnem Hals
Vom Leben scheiden und vom Sattelknaufe:
So furchtbar war die Wucht und Kraft des Pralls,
So enggeschlossen kam der Reiterhaufe.
Ich sah Kartaunen wohl Fußvolk und Reiter
Zersprengen wie Marfisa diese Streiter. 206
84  Wohl trafen Lanzen sie und brachen alle,
Sie aber hatte sich nicht mehr bewegt,
Als auf dem Ballhof die vom dicken Balle
Getroffne Mauerwand sich rührt und regt.
Ihr Harnisch war vom härtesten Metalle,
Auf das der Feind vergebens stößt und schlägt;
Gekocht mit Zaubern war's in Höllengluten
Und dann gestählt in des Avernus Fluten.
85  Sie kam bis an die Pfort' und hielt im Reiten
Ein wenig an, und nun mit neuer Wut
Kam sie zurück und hieb nach allen Seiten
Und färbte bis zum Heft ihr Schwert mit Blut.
Dem nahm sie seinen Kopf, den Arm dem zweiten,
Und einen gürtelte das Schwert so gut,
Brust, Kopf und Arme fielen auf die Erde,
Der Bauch mit seinen Beinen blieb zu Pferde.
86  Sie theilt' ihn, sag' ich, quer wie nach der Schnur
Im Strich der Rippen und der Hüftgelenke
Und macht' aus ihm so eine Halbfigur,
Wie man sie Gnadenbildern auf die Schränke
(Theils silbern, theils und öfter wächsern nur)
Zu setzen pflegt, dem Heil'gen zum Geschenke,
Um Dank, den man gelobt hat, darzubringen,
Wenn Wünsch' und Bitten in Erfüllung gingen. 207
87  Einer entfloh; sie wußt' ihn zu erjagen,
Eh er des Platzes Mitte noch gewann,
Und trennte dergestalt den Kopf vom Kragen,
Daß kein Chirurg ihn neu befest'gen kann.
Kurz, einer nach dem andern ward erschlagen
Oder gestutzt, daß ihm die Kraft zerrann
Und sie gewiß war, daß er von der Erde
Nicht aufstehn und den Krieg erneuern werde.
88  Noch immer hielt der Ritter sich beiseite,
Der an der Spitze der zehn Kämpen stand,
Weil er mit solcher Überzahl zum Streite
Zu gehn unehrenhaft und garstig fand.
Jetzt da er sein gesamtes Heergeleite
Dahingestreckt sah von der einen Hand,
Jetzt, um zu zeigen, daß ihn edle Regung,
Nicht Furcht zurückhielt, kam er in Bewegung.
89  Er winkte mit der Hand, als möcht' er ihr
Erst etwas sagen, eh der Kampf begönne,
Und ahnungslos, daß eine Jungfrau hier
In dieser Kriegsgestalt sich bergen könne,
Begann er: »Ritter, wer so viele mir
Erschlug, dem ziemt, daß er sich Ruhe gönne,
Und wollt' ich dich, da du schon müde bist,
Noch mehr ermüden, wär' es Hinterlist. 208
90  »Bis morgen magst du ausruhn ohne Scheu
Und hinterdrein mit mir zum Kampfe schreiten.
Mir brächt' es wenig Ehre, meiner Treu,
Jetzt, da die Arbeit dich erschöpft, zu streiten.«
»Ich bin in Waffenarbeit nicht so neu,
Daß müd' ich wär' nach solchen Kleinigkeiten,
(Versetzt Marfisa) und das hoff' ich nun
Auf deine Kosten gleich dir darzuthun.
91  »Dein höflich Anerbieten dank' ich dir,
Zu ruhen aber find' ich noch nicht nötig;
Noch viele Stunden Tages haben wir
Und die in Muße zu verthun erröt' ich.«
Der Ritter drauf versetzte: »Würde mir
Doch jeder Wunsch erfüllt, wie ich erbötig
Bin, deinen zu erfüllen! Gieb nur Acht,
Daß nicht dein Tag vergeht, eh du's gedacht.«
92  So sprach er, und die Diener brachten dann
Zwei dicke Lanzen, richt'ger Segelstangen;
Zur Auswahl bot er die Marfisen an
Und nahm die andre, die sie übergangen.
Sie stehn bereit, auf nichts mehr wartet man
Als auf das laute Zeichen, anzufangen.
Sieh da, die Luft, das Meer, die Erde dröhnt,
Von ihrem Ritt, wie die Trompete tönt. 209
93  Kein Auge zuckt, sprachlos und atemlos
Schau'n rings die andren, die den Platz umgeben;
Starr in Erwartung, wer das Siegesloos
Gewinnen werde, sitzen sie und beben.
Marfisa – weil der Schwarze vor dem Stoß
Hinstürzen soll und nimmer sich erheben –
Zielt scharf, und er, der Schwarze, ebenfalls
Bräche gar gern Marfisen jetzt den Hals.
94  Die Lanzen schienen Weiden, dürr und fein,
Nicht dickes Eichenholz, kernfest und zähe,
So sprangen sie in Splitter kurz und klein.
Den Pferden kam der Anprall allzu jähe;
Es war als ob im Nu durch jedes Bein
Und alle Sehnen eine Sense mähe,
So stürzten sie zugleich; doch wie der Blitz
Machten sich beide Kämpfer los vom Sitz.
95  Marfisa hatte schon in ihrem Leben
Wohl tausend Ritter auf den Sand gesetzt
Und ließ sich selbst nie aus dem Sattel heben,
Und, wie ihr hört, verließ sie doch ihn jetzt.
Ob dieses Wunders, das sich so begeben,
War sie verstört, beinahe dumm zuletzt.
Dem Schwarzen auch erschien es wundersam,
Da er nicht eben leicht zu Falle kam. 210
96  Kaum haben sie den Sand berührt, so springen
Sie auf die Füß', und neu beginnt der Streit.
Da wechselt Hieb und Stoß und Vorwärtsdringen
Und Deckung durch den Schild und Sprung beiseit.
Ob voll der Hieb, ob leer ist, von den Klingen
Pfeift hell die Luft und dröhnt es weit und breit.
Die beiden Schild' und Helm' und Panzerröcke
Erwiesen sich so fest wie Eisenblöcke.
97  Schwer fiel des Mädchens Arm bei jedem Schlage,
Doch auch der Arm des Ritters fiel nicht leicht;
Man wog einander zu mit gleicher Wage,
Was einer gab, das ward ihm auch gereicht.
Sucht ihr ein stolzes Paar, das nie verzage?
Hier habt ihr eins, das keinem andern gleicht.
Sucht ihr Gewandtheit, sucht ihr Kraft? wohlan,
Die beiden haben, was man haben kann.
98  Die Weiber, die so schauderhaften Schlägen
Zuschauten und nach so geraumer Zeit
Kein Zeichen noch gewahrten, als erlägen
Die beiden kämpfenden der Müdigkeit,
Belobten sie als die zwei besten Degen,
So man auf Erden finde weit und breit;
Wenn sie nicht über Riesenkraft geböten,
So müßte ja die Arbeit schon sie tödten. 211
99  Marfisa dacht' indeß in ihrem Sinn,
Ein Glück für mich, daß der zurückgeblieben!
Ich wäre todt vielleicht, hätt' er vorhin
Im Bunde mit den neun das Spiel getrieben;
Hab' ich doch meine Not, so wie ich bin,
Um Stand zu halten so gewalt'gen Hieben.
So sprach Marfisa, aber ohne Pausen
Ließ sie derweil ihr Schwert im Kreise sausen.
100  Ein Glück für mich, sprach auch ihr Widerpart,
Daß der nicht Zeit gehabt hat zu verschnaufen!
Mich seiner zu erwehren fällt mir hart,
Obschon er müd' ist von dem frühern Raufen;
Hätt' er nun gar die Nacht in Ruh verharrt
Und sich erholt, wie wär' es dann verlaufen?
Ich hatte Glück, wie man es selten sieht,
Daß jener nicht befolgt hat, was ich riet.
101  So fochten sie bis Abend, aber nicht
Der eine noch die andre schien zu weichen,
Und keiner hätte ferner ohne Licht
Sich schützen können vor des Gegners Streichen.
Jetzt ist es völlig Nacht, und höflich spricht
Der Ritter zu der ruhm- und ehrenreichen:
»Was thun wir, da bei unentschiednem Spiel
Die unwillkommne Nacht uns überfiel? 212
102  »Mir scheint es besser deine Lebensfrist
Ein wenig zu verlängern, bis es tage,
Da mehr zu geben mir unmöglich ist
Als eine Nacht zur Summe deiner Tage.
Und daß du schon so nah dem Ende bist,
Das leg' nicht mir zur Last, vielmehr verklage
Die blut'ge Satzung, die als Landesrecht
Hier aufrecht hält das weibliche Geschlecht.
103  »Daß du mich dauerst, du und deine Leute,
Weiß jener, dessen Blick die Welt umfaßt.
Du kannst bei mir mit all den deinen heute
Verweilen; keiner sonst gewährt' euch Rast;
Denn schon verschwört sich wider dich die Meute,
Der du die Gatten hier getödtet hast.
Denn jeder Mann, dem du den Tod gegeben,
Hatt' ihrer zehn als Fraun, und diese leben.
104  »Für den Verlust, den du verschuldet hast,
Verlangen neunzig Witwen jetzt nach Rache;
Drum halt auf einen Angriff dich gefaßt,
Wenn du nicht einkehrst unter meinem Dache.«
Marfisa sprach: »Wohlan, ich bin dein Gast
Und leg' in deine Hand die ganze Sache,
Ganz sicher, daß dein Herz so treu und gut ist,
Wie deine Stärke groß und kühn dein Mut ist. 213
105  »Doch wenn's dich grämt, daß du mich tödten müßtest,
So könnt' auch Grund zu andrem Grame sein.
Noch seh' ich nicht, wie du mit Recht dich brüstest,
Als wärest du der härtre von uns zwein.
Ob du nach Kampf, ob nach Verzug gelüstest,
Ob Kampf bei Mondlicht oder Sonnenschein,
Ich bin bereit zu thun, was dir bequem ist,
Zu jeder Zeit und wie es dir genehm ist.«
106  So ward der Kampf verschoben vor der Hand,
Bis neuer Tag den Ganges überschreite,
So daß man noch im Zweifel sich befand,
Wer von den beiden besser sei im Streite.
Der edle Herr trat nun zu Aquilant
Und zu Marfisa's übrigem Geleite
Und bat, sie möchten ihm die Ehr' erzeigen,
Zur Nacht in seiner Wohnung abzusteigen.
107  Die Ladung ward ohn' Argwohn angenommen,
Und bald, bei weißer Fackeln hellem Licht,
War man an einen Königsbau gekommen,
Und da gebrach's an reichen Kammern nicht.
Erstaunt, als sie die Helme abgenommen,
Sahn sich die beiden Kämpfer ins Gesicht,
Denn jener Ritter, wie die Züg' ergaben,
Konnt' achtzehn Jahre kaum vollendet haben. 214
108  Die Jungfrau staunt, wie man mit Schwert und Speer
So tüchtig sein kann in so jungen Tagen.
Der andre staunt, als an den Haaren er
Erkannt hat, gegen wen er sich geschlagen,
Und beide fordern Namen und Woher,
Und diese Schuld wird schleunig abgetragen.
Zu hören, wie des Jünglings Name klang,
Erwart' ich euch zum folgenden Gesang. 215

 


 

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