Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ludovico Ariosto >

Rasender Roland, Band 2

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 2 - Kapitel 3
Quellenangabe
typeepos
booktitleRasender Roland, Band 2
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 2
pages412
created20150601
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Sechzehnter Gesang.

Grifon trifft die ungetreue Orrigille und ihren Buhlen Martan (1–16). Rodomont mitten in Paris (17–28). Rinald kömmt mit den Engländern und Schotten vor Paris an und fällt den Heiden in den Rücken; große Schlacht, an welcher schließlich das ganze Mohrenheer sich betheiligt (28–84). Kaiser Karl erhält Nachricht von Rodomonts schrecklichem Wüten in der Stadt (85–89).

Der Schmerzen giebt es in der Liebe viel,
Davon ich selbst fast all' ertrug und trage,
Und weil ich stets ihr Opfer war und Ziel,
Red' ich als Mann von Fach von dieser Plage.
Drum wenn ich mündlich oft und mit dem Kiel
Gesagt hab' und auch jetzt es wieder sage,
Ein Schmerz sei leicht, ein andrer grauenhaft,
So glaubt nur ruhig meiner Kennerschaft.
Ich sagte, sage, werd' es immer sagen:
Wer sich in würd'gem Netz gefangen sieht,
(Ob seine Herrin, taub für seine Klagen,
Sich seiner brennenden Begier entzieht,
Ob Amor jeden Lohn ihm abgeschlagen,
Um den er lang gedient hat und gekniet,)
Wofern er nur nach etwas hohem trachtet,
Darf's ihn nicht reu'n, wenn er zu Tode schmachtet. 38
Der möge klagen, der sein Herz verschreibt
Zwei schönen Augen, einem holden Munde,
Dahinter Übermut sein Wesen treibt,
Nur wenig klare Flut, viel Schlamm am Grunde.
Der ärmste flöhe gern, doch immer bleibt
Dem kranken Hirsch der Pfeil fest in der Wunde.
Sich seiner Liebe schämend, wagt er sie
Nicht zu gestehen und gesundet nie.
In diesem Fall befindet sich Grifon.
Er sieht die Schmach und kann sich nicht bekehren,
Sieht, Orrigille spricht der Treue Hohn,
Und sie zu lieben, heißt sich selbst entehren:
Doch schlechter Brauch stürzt die Vernunft vom Thron,
Und die Begier verwirft der Weisheit Lehren.
So falsch sie sei, undankbar und verrucht,
Das alles hindert nicht, daß er sie sucht.
Ich sag' euch jetzt, und also fahr' ich fort
Das schöne Abenteuer zu erzählen,
Daß er die Stadt verließ und nicht ein Wort
Zum Bruder sprach, aus Furcht vor Zank und Schmälen.
Gen Rama bog er links ab, weil nach dort
Den ebnen Weg die meisten Pilger wählen.
Damascus war erreicht am sechsten Abend;
Dann ritt er fort, gen Antiochia trabend. 39
Nah bei Damascus traf er den verhaßten,
Dem Orrigill' ihr Schicksal anvertraut;
Auch glaub' ich, daß sie zu einander paßten,
Was Schlechtigkeit betrifft, wie Blum' und Kraut.
Zwei Herzen, die ehrbaren Wandel haßten,
Eins, das Verrat, und eins, das Tücke braut,
Und sie verhüllten ihren Fehler beide
Durch feines Aussehn, anderen zum Leide.
Der Ritter kam, als geh' es zum Gefechte
Auf hohem Roß, in voller Waffenpracht;
Mit ihm kam Orrigille, jene schlechte,
In himmelblauer, goldverbrämter Tracht;
Und außerdem hatt' er zwei junge Knechte,
Um Schild und Helm zu tragen, mitgebracht.
Er wollte nämlich, so von Glanz umgeben,
Sich nach Damascus zum Turnier begeben.
Zu großen Festen hatt', als dies geschah,
Der König von Damascus eingeladen,
Und Ritter strömten schon von fern und nah
Dorthin, mit ihrem Waffenschmuck beladen.
Die Metze, die Grifon jetzt kommen sah,
Befürchtete von ihm Unglimpf und Schaden;
Sie wußt', ihr Buhle sei nicht stark genug,
Um sie zu retten, wenn Grifon sie schlug. 40
Frech aber und verschlagen im Betrügen,
Obwohl sie noch am ganzen Leibe bebt,
Gebietet sie der Stimm' und ihren Zügen,
Und nichts verrät, in welcher Furcht sie schwebt.
Rasch mit dem Buhlen spinnt sie neue Lügen
Und heuchelt größte Freud' und eilt und strebt
Mit offnen Armen dem Grifon entgegen
Und drückt ans Herz ihn, wie Verliebte pflegen.
10  Und sorgend, daß der Worte sanften Ton
Die zärtliche Geberde hold begleite,
Schluchzt sie: »Mein lieber Herr, ist dies der Lohn
Für alle Lieb' und Treu, die ich dir weihte?
Ein volles Jahr – ins zweite geht es schon –
Bleib' ich allein, schweifst du in alle Weite,
Und säß' ich noch zu Haus und harrte dein,
Nie würd' ein Tag wie heut gekommen sein.
11  »Als du, um Cyperns großen Hof zu sehen,
Fort warst, und ich der Rückkehr mich versah,
Vernahm ich, während ich in Fieberwehen
Von dir verlassen war, dem Tode nah,
Du wollest übers Meer nach Syrien gehen,
Wodurch mir solches Herzeleid geschah,
Weil ich nicht wußte, wie ich folgen sollte,
Daß ich mit eigner Hand mich tödten wollte. 41
12  »Jetzt zeigt das Glück mir durch zwiefachen Segen,
Daß mehr als du es etwas auf mich hält.
Es sandte mir den Bruder, dessen Degen
Mich schützt und meine Ehre sicher stellt,
Und sendet jetzt mir auch den Freund entgegen,
Dich, den ich höher acht' als alle Welt.
Es war auch Zeit; hätt' es noch lang gedauert,
So hätt' ich, lieber Herr, mich todt getrauert.«
13  So fuhr sie fort, und sie beschwor das Wetter
Mit mehr als Fuchseslist, so schlau und fein,
Und mischte so geschickt die Kartenblätter,
Daß keiner Schuld hatt' als Grifon allein.
Sie macht ihm weis, der da sei – nicht ihr Vetter –
Nein ihrer eignen Eltern Fleisch und Bein,
Und so wahrhaftig klangen ihre Listen,
Als hörte man die vier Evangelisten.
14  Und nicht nur geht Grifon nicht ins Gericht
Mit diesem falschen mehr als schönen Weibe,
Nicht nur geht er dem jungen glatten Wicht,
Der sie ihm abgespannt hat, nicht zu Leibe,
Er ist schon froh, wenn er's erreicht, daß nicht
Die ganze Schuld zu seinen Lasten bleibe,
Und herzlich schüttelt er des Ritters Hand,
Als würd' ein ächter Schwager ihm bekannt, 42
15  Und folgt ihm wieder nach Damascus' Pforte
Und hört, was dort für Dinge vor sich gehn,
Wie Syriens reicher König an dem Orte
Sich rüstet, prächt'ge Feste zu begehn,
Und jedem Gast mit seinem Fürstenworte,
Der Gast mag Christ sein oder Saracen,
Freies Geleit zusagt in seinen Mauern
Und draußen auch, solang' die Feste dauern.
16  Doch dünkt mich, daß es nicht so eilig sei
Mit der Geschichte jener undankbaren,
Die nicht nur einen Freund durch Schelmerei
Verraten hatte, sondern ganze Scharen,
Um uns nicht umzuschaun nach jenen zwei-
Malhunderttausend oder mehr Barbaren,
Mehr als der Funken aus geschürter Glut,
Die auf Paris entluden ihre Wut.
17  Ich hab' erzählt, wie König Agramant
An eins der Thore von Paris sich machte,
Das, wie er meinte, unbehütet stand,
Und dies gerade war das bestbewachte,
Weil Karl sich in Person am Platz befand
Und Meister des Gefechtes mit sich brachte,
Zwei Angelin' und Guidos, Angelier,
Otto, Avin, Avol und Berlinger. 43
18  Vor Karl und Agramant sind beide Heere
Voll Eifers sich zu zeigen, wo das Feld
Dem pflichtgetreuen Kämpfer große Ehre
Und überreichen Lohn in Aussicht stellt.
Doch nicht so siegreich sind die Mohrenspeere,
Daß Vortheil dem Verlust die Wage hält;
So viel' an tollem Mut den andern allen
Vorbilder sind, so viel von ihnen fallen.
19  Wie Hagel sind die Pfeile anzusehn,
Die von dem Wall sich auf die Feinde schwingen.
Der Himmel bebt, wie Christ und Saracen
Mit lautem Kampfschrei um das Stadtthor ringen.
Nun lass' ich Karl und Agramant dort stehn,
Um von dem afrikan'schen Mars zu singen,
Von Rodomont, der furchtbar, grauenhaft
Sich mitten in die Stadt Eingang verschafft.
20  Erinnert ihr euch, Herr, des Abenteuers,
Wie dieser Heide, trotzend der Gefahr,
Im Graben längs des inneren Gemäuers
Die seinen sterben ließ, die ganze Schar,
Verzehrt von Flammen mörderischen Feuers,
So daß kein Schauspiel je graunvoller war?
Ich hab' erzählt, wie er gewalt'gen Satzes
Über den Graben sprang des festen Platzes. 44
21  Als er erkannt ward, dieser grimme Mohr,
Am fremden Waffenschmuck, am Fell des Drachen,
Dort wo die Greise mit begier'gem Ohr
Auf Nachricht harrten mit den Frau'n und Schwachen,
Da scholl Geschrei und Klag' in graus'gem Chor,
Genug um den Gestirnen Angst zu machen;
Wer fliehen konnte, floh, und groß und klein
Schloß sich in Tempeln und in Häusern ein.
22  Doch soll's nur wenigen so gut ergehn,
Zu hurtig kreist das Schwert des starken Heiden;
Der Fuß bleibt mit dem halben Beine stehn,
Der Kopf muß hüpfend von den Schultern scheiden;
Den einen spaltet er verquer und den
Vom Schopf herab bis zu den Eingeweiden;
So viel' er aber jagt und haut und sticht,
Keiner von allen blutet im Gesicht.
23  Typheus ist einer der vom Zeus besiegten Giganten. Ein Berg ward ihm, um ihn unschädlich zu machen, auf die Brust gewälzt, nach einigen der Aetna, nach andern die Insel Ischia.  Wie in Hyrcanien Haufen blöden Viehs
Der Tiger jagt und wie der Wolf die zagen
Schafmütter jagt und zaust ihr wollig Vließ
In dem Gebirg, wo Typheus liegt zerschlagen,
So jagt der fürchterliche Heide dies –
Ich kann nicht sagen Heer, ich kann nur sagen
Dieses Gesindel, diese Memmenschar,
Die, eh sie lebte, wert zu sterben war. 45
24  Nicht einer ließ den Feind das Antlitz sehn,
So viel' er niederschlug, zerstach, zerfetzte.
Wo man zur Michaelsbrücke pflegt zu gehn,
Die große Straß' entlang, die dichtbesetzte,
Rennt der ergrimmte, wilde Saracen
Und schwingt im Kreis das Schwert, das blutbenetzte.
Er mißt mit gleichem Maße Herrn und Knechten
Und schont des Sünders nicht noch des Gerechten.
25  Nicht schützt des Priesters gottgeweihtes Amt,
Des Säuglings Unschuld nicht vor seinen Streichen;
Nicht helle Augen, Wangen weich wie Sammt
Der Frau'n und Mädchen werden ihn erweichen;
Das Alter wird geschlagen und verdammt,
Und seine Thaten sind nicht minder Zeichen
Tollkühnen Muts als großer Grausamkeit;
Gleich gilt Geschlecht ihm, Alter, Stand und Kleid.
26  Und nicht nach Blut allein und Menschenmord
Lechzt der Barbar und Ausbund der Barbaren,
Nein, auch nach Feuer; Feuer soll sofort
In Häuser und entweihte Tempel fahren.
Nun liest man, daß fast alle Häuser dort
Zu jener Zeit aus Holz errichtet waren,
Und wohl ist's glaublich; denn noch heute stehn
Holzhäuser in Paris sechs unter zehn. 46
27  Cardinal Hippolyt nahm 1509 an der Belagerung Padua's (durch die Kaiserlichen) Theil mit ferraresischer Artillerie.  Obwohl zu brennen alles rings begann,
War seinem Hasse nicht genug geschehen.
Er späht, wo er die Händ' anklammern kann,
Und wo er rüttelt, bleibt das Haus nicht stehen.
Ihr könnt mir glauben, gnäd'ger Herr, daß man
Nie ein Geschütz vor Padua hat gesehen,
Das Mauern niederwarf wie Rodomont,
Mit jedem Ruck der Händ' es hat gekonnt.
28  Indeß da drinnen solcher Mord und Brand
Gestiftet ward von dem verfluchten Mohren, –
Wenn draußen jetzt zum Stürmen Agramant
Geschritten wär', so war Paris verloren.
Dies aber konnt' er nicht; im Wege stand
Rinald ihm, der jetzt eintraf vor den Thoren
Mit englischem und schottischem Geleit,
Geführt vom Engel und der Schweigsamkeit.
29  Gott wollte, während Rodomont in Stücke
Die Bürger hieb und Feuer hatt' entfacht,
Daß der von Montalban zu Hilfe rücke,
Und mit Rinald kam Englands ganze Macht.
Drei Stunden oberhalb schlug er die Brücke,
Und links im Bogen zog er mit Bedacht,
Damit ihm nicht, wenn er zum Angriff schreite,
Der Seinefluß ein Hinderniß bereite. 47
30  Sechstausend Bogenschützen von den Britten
Hatt' er mit Edward schon vorausgesandt,
Dazu zweitausend Reiter, leicht beritten,
Geführt von Arimans streitbarer Hand.
Auf Straßen, die das Land schnurgrad durchschnitten,
Schickt' er sie vor, bereits vom Meeresstrand,
Um durch Sanct Dionys und Martins Pforte
Succurs zu bringen dem bedrängten Orte.
31  Gepäck und Fuhrwerk ließ er auch vom Meer
Dieselbe grade Straße ziehn wie jene.
Er selbst mit dem gesamten andern Heer
Kam oberhalb im Bogen an die Seine.
Dies Wasser zu durchwaten hielte schwer,
Sie führten aber Brücken mit und Kähne,
Und als der letzte Mann hinüber war,
Stellt' er in Reih und Glied die ganze Schar.
32  Erst aber ließ er die Baron' und Herrn
Um sich versammeln und nach allen senden;
Vom hohen Ufer dann, damit auch fern
Die letzten all' ihn sähen und verständen,
Sprach er: »Ihr werdet, edle Herren, gern
Dem Himmel danken mit erhobnen Händen,
Der euch geführt hat, um den höchsten Preis
Des Ruhms euch zu verleihn nach kurzem Schweiß. 48
33  »Zwei Fürsten werdet ihr aus Feindeskrallen
Erretten, wenn ihr diese Stadt befreit,
Erst euren König, den ihr als Vasallen
Vor Tod und Schimpf zu schützen schuldig seid,
Dann einen Kaiser, ruhmvoll unter allen,
Die je Hof hielten bis auf unsre Zeit;
Und andre Könige, Fürsten, Herrn mit ihnen,
Nebst vielen Grafen, Rittern, Paladinen.
34  »Drum werden die Pariser nicht allein
Als Retter einer Stadt euch hoch erheben,
Die noch viel mehr als um die eigne Pein
Um ihrer Weiber, ihrer Kinder Leben
In großer Angst sind und zum Himmel schrein,
Weil in Gefahr auch die mit ihnen schweben,
Und um die heil'gen klösterlichen Bräute,
Ob ihr Gelübde nicht zum Spott wird heute;
35  »Ich sage, wenn ihr diese Stadt befreit,
So wird nicht nur Paris euch dankbar segnen,
Nein, auch ringsum die Länder weit und breit.
Ich rede nicht bloß von den nahgelegnen;
Kein Land ist in der ganzen Christenheit,
Deß Bürgern wir nicht in Paris begegnen,
Und daraus folgt, wenn ihr die Heiden schlagt,
Daß mehr als Frankreich Dank dafür euch sagt. 49
36  »Die Alten gaben dem schon eine Krone,
Der einen Bürger rettet' aus Gefahr;
Was wird man euch erst weihn zum würd'gen Lohne,
Den Rettern einer ungezählten Schar!
Blieb' aber dieser heil'ge Feldzug ohne
Erfolg durch Neid, durch Feigheit, dann fürwahr
Glaubt mir, daß nach dem Sturze jener Zinnen
Auch Deutschland, auch Italien kaum entrinnen,
37  »Und keins der Länder, wo man den als Herrn
Anbetet, der am Kreuz für uns gehangen.
Und wähnet nicht, euch sei der Heide fern,
Weil euer Reich vom Meere lieg' umfangen;
Sind sie schon vormals von Gibraltar gern
Und durch Alcides' Thor in See gegangen,
Um Raub von euren Inseln einzutreiben,
Was wird geschehn, wenn sie in Frankreich bleiben?
38  »Und wenn auch nicht der Ruhm, wenn Vorteil nicht
Euch Mut verlieh' in diesen Kampf zu schreiten,
Einander beizustehn ist aller Pflicht,
Die unter einer Kirche stehn und streiten.
Und daß Rinald der Feinde Macht zerbricht,
Deß seid getrost, – mit wenig Schwierigkeiten;
Denn schlecht geübt scheint mir das ganze Heer,
Kraftlos und mutlos, ohne rechte Wehr.« 50
39  So und mit bessren Gründen spricht er weiter,
Mit klarer, heller Stimm', und leicht entbrennt
Die Kampflust seiner mutigen Begleiter
Und eines Heers, das bange Furcht nicht kennt.
Er macht' es, nach dem Sprichwort, wie der Reiter
Ein gutes Pferd noch spornt, wenn es schon rennt.
Zum Schlusse läßt er Schar um Schar marschiren,
Ganz leis' und sacht, mit ihren Kriegspanieren.
40  Geräuschlos führt und ohne Trommelschallen
Sein dreigetheiltes Heer der Paladin.
Am Fluß zuerst die Heiden anzufallen,
Die Ehre gönnt er willig dem Zerbin.
Landeinwärts als die äußersten von allen
Läßt er im Bogen Irlands Truppen ziehn,
Und in der Mitte führt Lancasters Banner
Die Reiter Englands und die Bogenspanner.
41  Als all' auf ihren Weg gewiesen waren,
Ritt Haimons Sohn entlang am Uferrand
Vorüber an Zerbin und an den Scharen,
Die ihm gefolgt sind in das fremde Land,
Bis Orans König er und die Barbaren
König Sobrins sich gegenüber fand,
Die tausend Schritt von Spaniens Heeresbanden
Auf diesem Theil des Feldes Wache standen. 51
42  Das Christenheer, das ungestört so weit
Des Wegs gekommen war und wohlbehalten,
Geführt vom Engel und der Schweigsamkeit,
Jetzt konnt' es sich nicht länger still verhalten.
Den Feind erblickend rief es laut zum Streit,
Und die Fanfaren schmetterten und hallten;
Zum Himmel stieg der Waffenlärm empor,
Daß der Barbaren Blut vor Angst gefror.
43  Rinald vor allen spornt sein Pferd zum Strauß;
Die Lanz' im Arm kömmt er daher geflogen,
Den Schotten einen Bogenschuß voraus;
Zu warten hätte nichts ihn jetzt bewogen.
So kömmt ein Wirbel Windes mit Gebraus,
Und hinter ihm kömmt wilder Sturm gezogen,
Wie auf dem Renner Bajard nun der Held
Vor allem Heer dahinfährt übers Feld.
44  Kaum ist Rinald dem Blick' der Feind' erschienen,
So fährt die Angst vor künft'ger Not in sie;
In ihrer Hand die Lanze zittert ihnen,
Der Fuß im Bügel und am Gurt das Knie.
Nur König Pulian zeigt ruhige Mienen;
Er kennt Rinald noch nicht, er sah ihn nie,
Und ahnungslos, auf wen er stoßen werde,
Sprengt er entgegen ihm auf raschem Pferde 52
45  Und bückt bis auf den Speer Gesicht und Wange
Und hält zusammen sich nach Fechterbrauch
Und überläßt dem Renner Zaum und Stange
Und stößt ihm beide Sporen in den Bauch.
Doch groß an Thaten, wie sein Nam' an Klange,
Verheimlicht auf der andren Seite auch
Nicht seine Kunst und Anmut im Gefechte
Der Held aus Haimons, nein aus Mars' Geschlechte.
46  Im Zielen hatten beide gleiche Ehr,
Denn beider Speer sah man den Helm berühren;
Doch Kraft und Fechten waren ungleich sehr:
Der Heide starb, der Christ schien nichts zu spüren.
Zur Tapferkeit gehört am Ende mehr
Als bloß mit Zierlichkeit den Speer zu führen,
Vor allem Gunst des Glücks; denn ohne die
Siegt Tapferkeit nur selten oder nie.
47  Rinaldens guter Speer blieb unzerbrochen,
Daher er nun auf Orans König fuhr.
Der hatte reichlich Fleisch und große Knochen,
Doch wenig Herz verlieh ihm die Natur.
Auch diesmal kann man sagen gut gestochen!
Zwar traf er unten ihn am Schilde nur,
Und wer's nicht loben will, muß doch bekennen,
Es war nicht möglich höher anzurennen. 53
48  Der Stoß durchbrach den Schild des Riesen doch,
Trotz Palmenholz und dicker Eisenscheibe,
Und trieb die kleine Seele durch das Loch
Im Bauche fort aus dem zu großen Leibe.
Der Gaul, der drauf gefaßt war, daß er noch
Den ganzen Tag so schwer belastet bleibe,
Ist innerlich Rinalden sehr verbunden,
Der ihm die Qual erspart viel heißer Stunden.
49  Nachdem die Lanze brach, schwenkt flugs Rinald
Das Roß herum, so leicht als hätt' es Schwingen.
Wo sich am dichtesten der Haufe ballt,
Dahin im Sturme muß ihn Bajard bringen.
Die blutige Fusberta saust und schallt,
Vor der wie Glas die Harnische zerspringen;
Kein Stahl und kein gehärtet Eisen wehrt
Ins nackte Fleisch zu fahren diesem Schwert.
50  Stahl oder Eisen bietet sich den Streichen
Des scharfen Degens freilich häufig nicht;
Nur Tartschen trifft er, ledern oder eichen,
Steppröcke, Tücher, die ums Haupt man flicht;
Wohin daher Rinaldens Hiebe reichen,
Da mäht er alles um, zerhaut, zersticht;
So wehrlos sind sie vor Fusberta's Schneide,
Wie vor der Sichel Gras, vor Sturm Getreide. 54
51  Eh noch die Schotten auf dem Feld' erschienen,
War schon zersprengt das erste Mohrenheer.
Nun kommen sie und weit vorauf vor ihnen
Fliegt Prinz Zerbin mit eingelegtem Speer,
Und alle, die dem Banner Schottlands dienen,
Folgen ihm nach, nicht minder grimm als er.
So sieht man Wölfe, sieht man Löwen fliegen,
Um Schafe zu erwürgen oder Ziegen.
52  Denn alle jagen mit verhängtem Zaum,
Sowie sie nah sind, und im Nu verschwunden
Ist jener Abstand, jener Zwischenraum,
Der zwischen den Partei'n sich erst befunden.
Seltsamren Tanz sah man auf Erden kaum,
Denn ganz allein die Schotten schlugen Wunden,
Allein die Heiden wurden umgebracht,
Als kämen sie zu sterben in die Schlacht.
53  Kälter als Gletschereis schien jeder Mohr,
Und alle Schotten heiß wie Feuerbrände,
Und nach den Hieben kam's den Heiden vor,
Als habe jeder Christ Rinaldens Hände.
Sobrin schickt alle seine Truppen vor,
Ohn' erst zu warten daß man Boten sende;
An Führung, Tapferkeit und Waffen war
Sein Haufe besser als die andre Schar. 55
54  Von Afrika war dies der mindest schlechte,
Obwohl auch er sich nicht zum besten schlug.
Auch Dardinel führt Truppen zum Gefechte
Mit schlechten Waffen, nicht geübt genug,
Obwohl er selbst mit seinem Stahlgeflechte
Gepanzert war und blanken Helmschmuck trug.
Der beste Haufe, glaub' ich, war der vierte,
Der unter Isolier zuletzt marschirte.
55  Der gute Held Trason, Herzog von Mar,
Erfreut, sich wider solchen Feind zu kehren,
Oeffnet die Schranken seiner Ritterschar
Und ruft sie mit sich zu den Siegesehren,
Sobald vor ihm im Feld erschienen war
Navarra's Heer, geführt von Isolieren.
Ihm folgt mit seiner Macht Ariodant,
Zum Herzog von Alban unlängst ernannt.
56  Das Schmettern der Trompeten, das Getön
Barbarischer Instrumente, Paukenschlagen,
Geschwirr der Pfeil' und Schleudern, das Gedröhn
Der Wurfmaschinen, Steingeschütz' und Wagen,
Und lauter noch, rückhallend von den Höhn,
Geschrei, Tumult, Geröchel, Flüche, Klagen,
Das war ein Lärm, wie von den Felsen stäubend
Der Nil ihn macht, der Nachbarn Ohr betäubend. 56
57  Schwarz wird der Himmel über diesem Kampf
Vom dichten Pfeilgeschwirr der beiden Heere;
Es ist als ob der Schweiß und Staub und Dampf
Die Luft mit finsterem Gewölk beschwere.
Hieher und dorthin wogt das Schlachtgestampf,
Bald weichen diese, bald die andern Speere,
Und todt liegt mancher, oder doch nicht weit,
Wo er den Feind erschlagen hat im Streit.
58  Zeigt sich's, daß ein Geschwader müde werde,
So schickt man flugs ein andres in die Schlacht.
Dort rückt das Fußvolk nach, hier Volk zu Pferde,
Hüben und drüben schwillt die Zahl und Macht.
Rot färbt sich unter dem Gefecht die Erde
Und tauscht ihr lichtes Grün mit blut'ger Tracht,
Und wo zuvor so bunt die Blumen sprossen,
Da liegen todt die Menschen samt den Rossen.
59  Zerbin bestand die höchsten Proben heute,
Die je ein Knabe jung wie er bestand.
Das Heidenheer, das Sturm auf Sturm erneute,
Schlägt und vernichtet er mit starker Hand.
Ariodant macht seine neuen Leute
Mit Wundern hoher Tapferkeit bekannt.
Die aus Castilien und Navarra schauen
Dem Helden zu mit Staunen und mit Grauen. 57
60  Chelind und Mosco, die zwei Bastardkinder
Des Calabrun, Königs von Aragon,
Die und Calamidor, berühmt nicht minder
Als tapfrer Kriegsmann, Barcelona's Sohn,
Verlassen ihre Fahnen, um geschwinder
Ruhm zu gewinnen und des Kranzes Lohn,
Und rücken dem Zerbin zu Leib' und haben
Die Speer' in seines Hengstes Bauch begraben.
61  Das Pferd Zerbins, durchbohrt von den drei Stangen,
Stürzt, doch der gute Held springt flugs empor,
Um sie, die sich an seinem Roß vergangen,
Gleich da zu strafen, wo er es verlor.
Zuerst auf Mosco, der ihn schon gefangen
Zu nehmen glaubt, der kecke, junge Thor,
Zückt er das Schwert und stößt es in die Weiche,
Und aus dem Sattel stürzt die kalte Leiche.
62  Wie so Chelind den Bruder plötzlich fliegen
Und fallen sieht, will er in seinem Zorn
Zerbin zu Boden reiten und besiegen;
Der aber greift das Pferd am Zaume vorn
Und reißt es nieder, und da blieb es liegen,
Und niemals wieder fraß es Heu und Korn;
Denn Prinz Zerbin wußt' einen Hieb zu schlagen,
Daß Roß und Reiter todt beisammen lagen. 58
63  Erschrocken wirft vor solchen Fechterstücken
Calamidor sein Pferd herum und flieht.
Zerbin schickt einen Hieb ihm in den Rücken
Und ruft ihm nach: mach' Halt, mach' Halt, Bandit!
Sein Ziel zu treffen sollt' ihm zwar nicht glücken,
Wennschon der Hieb nicht eben schlecht geriet:
Er traf den Mann nicht mehr, jedoch dem Pferde
Fuhr er ins Kreuz und streckt' es auf die Erde.
64  Der Spanier läßt den Gaul im Stich und gleitet
Auf allen vieren weg, doch hilft's ihm nicht;
Zufällig kömmt Herzog Trafon und reitet
Ihn über und zerdrückt ihn durchs Gewicht.
Ariodant sprengt, von Lurcan begleitet,
Hin, wo Zerbin im dichten Haufen ficht,
Und mit ihm mühn sich Ritter und Barone
Ein Pferd zu schaffen ihrem Königsohne.
65  Ariodant schwingt seine Kling' im Kreise;
Margan und Artalich erfahren hier,
Wie schwer sie trifft; doch schärfere Beweise
Erhalten Etearch und Casimir.
Die ersten zwei gehn blutend auf die Reise,
Todt bleiben die zwei andern im Revier.
Wie stark Lurcan ist, zeigt auch hier sich wieder,
Er haut und stößt und wirft und reitet nieder. 59
66  Und glaubt nicht, Herr, daß minder heiß die Schlacht
Im Felde war als an des Flusses Seite,
Und daß zurückblieb jene Heeresmacht,
Die unter Lancasters Panier sich reihte.
Die hatt' an Spaniens Banner sich gemacht
Und ziemlich gleich stand hier das Glück im Streite;
Denn Fußvolk, Reiterei und Führer waren
Diesseits und jenseits wohl im Kampf erfahren.
67  Die Herzöge von York und Gloster kamen
Zuerst heran, Oldrad und Faramund,
Mit ihnen Warwicks Graf, Richard mit Namen,
Und Herzog Clarence war der viert' im Bund.
Und Follicon und Matalista nahmen
Den Kampf mit ihnen auf, und Baricund,
Majorca's Fürst. Almeriens Geschwader
Führt Matalista, Follicon Granader.
68  Im Anfang wogt das Treffen hin und her,
Und keiner ist, der Vorteil viel erstreitet;
Vor und zurück schwankt dies wie jenes Heer,
Wie Aehren, wann die Mailuft drüber gleitet,
Oder wie am Gestad' ein flutend Meer,
Das kömmt und geht und niemals weiter schreitet.
So spielt das Glück ein Weilchen, aber schließlich
Zeigt sich's den Mohren tückisch und verdrießlich. 60
69  Zu gleicher Zeit soll Herzog Glosters Kraft
Den Matalista aus dem Sattel heben;
Zu gleicher Zeit führt Faramund den Schaft
Auf Follicon und schleudert ihn daneben,
Und in die englische Gefangenschaft
Müssen die beiden Mohren sich ergeben.
Zu gleicher Zeit sinkt sterbend Baricund,
Durchbohrt vom Herzog Clarence auf den Grund.
70  Darob die Heiden so vor Schreck erbleichen,
Darob die Christen so auf Sieg vertraun,
Daß jene nur noch rückwärts gehn und weichen,
Die Reihen brechen und nach Rettung schaun,
Daß diese vorgehn und mit sichren Streichen
Sich Feld gewinnen, alles niederhaun;
Und käme jetzt ein Helfer nicht den Mohren,
So wär' auf diesem Punkt die Schlacht verloren.
71  Doch Ferragu, der stets nur wenig Schritte
Vom Könige Marsil sich heute trennt,
Gewahrt das Unheil in der Seinen Mitte,
Wie eine Hälfte fällt, die andre rennt.
Er spornt das Roß und fliegt mit schnellem Ritte
Hin, wo die Schlacht am hitzigsten entbrennt,
Und kömmt zur Stelle, wie Olymp vom Pferde
Gespaltnen Hauptes hinstürzt auf die Erde, 61
72  Ein Knabe, der mit lieblichem Gesang,
Wann die gehörnte Cither klang zum Liede,
Die rauhsten Herzen, hart wie Stein, bezwang.
Wohl ihm, wenn er genügsam sich beschiede
Bei solchem Ruhm, und Pfeil und Bogenstrang
Und Schild und Lanz' und krummen Säbel miede!
Dann läg' er nicht in seinen jungen Tagen
Auf den Gefilden Frankreichs heut erschlagen.
73  Als Ferragu den Jüngling fallen sah,
Den er von je geliebt und wert gehalten,
Ging seinem Herzen dieser Tod so nah,
Daß alle andern nichts dagegen galten.
Und auf den Mann, durch den ihm dies geschah,
Fuhr er und hatt' ihm flugs den Helm gespalten,
Den Helm, die Stirn, die Augen und die Nase
Bis in die Brust, und ließ ihn todt im Grase.
74  Und weiter kreist dies Schwert, das ohne Fehlen
Die Panzermaschen löst, die Helme bricht;
Durch Arme fährt es hier und dort durch Kehlen;
Dem zeichnet es die Stirn, dem das Gesicht,
Und aus den Adern zapft es Blut und Seelen.
Es bringt die ganze Schlacht ins Gleichgewicht,
Aus der bereits der feige große Haufe
Geflüchtet war in regellosem Laufe. 62
75  Jetzt kam zum Kampfe König Agramant,
Den die Begier nach Mord und Ruhm entfachte,
Und der den Baliverz und Ferrurant
Und Soridan und Prusio mit sich brachte
Und so viel Volks, ruhmlos und ungenannt,
Daß einen See mit seinem Blut es machte.
Viel leichter zählt' ich einzeln alle Blätter,
Die von den Bäumen weht ein herbstlich Wetter.
76  Der König Agramant hatt' erst am Walle
Schon eine starke Schar zurückgestellt
Und gab dem Könige von Fez sie alle,
Daß er mit ihnen hinter das Gezelt
Sich wend' und auf Irlands Geschwader falle;
Denn diese sah er eilends durch das Feld
In weitgekrümmtem Bogen anmarschiren,
Sich festzusetzen in den Feldquartieren.
77  Und der von Fez sucht schleunigst seinen Feind,
Weil jeder Zeitverlust Verderben brächte.
Indeß hat Agramant den Rest vereint
Und abgetheilt und bricht auf zum Gefechte.
Er eilt zum Flusse; denn die Hilfe scheint
Ihm dort am nötigsten, mit vollem Rechte:
Schon kömmt ein Bote des Sobrin geritten,
Um von dem König Beistand zu erbitten. 63
78  In einem Trupp führt er die Heeresmassen,
Mehr als sein halbes Volk, und ein Getos
Erhebt sich, daß die schottischen erblassen
Und sagen sich von Zucht und Ehre los.
Zerbin, Lurcan, Ariodant, verlassen
Von allen, stehn allein dem grimmen Stoß.
Zerbin, zu Fuß, wär' sicher umgekommen,
Hätt' es Rinald nicht zeitig noch vernommen.
79  Cyrener werden mit klassischer Reminiscenz die Afrikaner genannt. Das alte Cyrene entspricht dem heutigen Tripoli.  Rinald, der anderswo beschäftigt war
Und vor sich hertrieb mehr als hundert Fahnen, –
Als von Zerbins Bedrängniß und Gefahr
Botschaften sich zu ihm die Straße bahnen,
Wie er zu Fuß in der Cyrener Schar
Verlassen sei von seinen Unterthanen,
Wirft er sein Pferd herum, und nach dem Ort,
Wo er die Schotten fliehn sieht, sprengt er fort.
80  Wo er die Schotten sieht zur Flucht gewandt,
Kömmt er und ruft: »Wohin, wohin, ihr Leute?
Woher die Feigheit, die euch so entmannt,
Daß dies Gesindel eure Reihn zerstreute?
Was? nennt man das Trophä'n bei euch zu Land?
Schmückt eure Kirchen man mit solcher Beute?
Ein feiner Ruhm das! eures Königs Sohn
Ist ohne Pferd, allein, und ihr entflohn!« 64
81  Die Lanze seines Knappen borgt Rinald,
Und weil er Prusion, den Alvarachen,
Unweit erblickt, rennt er ihn an alsbald,
Daß Roß und Reiter todt zu Boden krachen.
Er tödtet Bambirag und Agricalt,
Und würd' es sicherlich nicht anders machen
Mit Soridan, auf den er richtig zielt,
Wenn nur die Lanz' ein wenig länger hielt.
82  Er zückt Fusberta, weil der Speer zerknickte,
Und trifft den Sternenritter Serpentin.
Der trug gefeite Rüstung, dennoch schickte
Der Hieb bewußtlos aus dem Sattel ihn.
Und so in dem Gedräng, das ihn umstrickte,
Schafft er den schönsten Raum für Prinz Zerbin,
Der ohne Kampf und weitere Beschwerde
Aufsteigen konnt' auf eins der led'gen Pferde.
83  Und gut, daß er nicht lang unschlüssig stand;
Es wär' ihm kaum geglückt, wenn's länger währte;
Denn schon mit Dardinel kam Agramant,
Sobrin kam und Balaster, sein Gefährte.
Doch nun Zerbin im Sattel sich befand,
Dreht' er sich rechts und links mit seinem Schwerte,
Zur Hölle manchen sendend, um den Schatten
Bericht vom neusten Leben zu erstatten. 65
84  Der gute Held Rinald, der immer sann
Die schädlichsten der Gegner zu erlegen,
Griff Agramant mit blankem Degen an,
Der allzu grimmig schien und zu verwegen
Und der allein mehr that als tausend Mann.
Auf seinem Bajard eilt er ihm entgegen,
Rennt von der Seit' ihn an und schlägt zugleich
Und stürzt ihn mit dem Pferd' auf einen Streich.
85  Indeß sie draußen im Getümmel waren
Und Haß und Grimm und Wut zusammenstieß,
Trieb drinnen Rodomont das Volk zu Paaren,
Und Häuser, Tempel brannten in Paris.
Karl hatt' es nicht gesehn, auch nicht erfahren,
Weil er den Kampf am Thore nicht verließ.
Dem Ariman und Edward hatt' er eben
Mit ihren Englischen Einlaß gegeben,
86  Da kam ein junger Knapp' im vollen Trabe
Ganz bleich und außer Atem angerannt.
»O Herr, o Herr,« so stammelte der Knabe
Zehnmal, bevor er andre Worte fand,
»Heut fährt das röm'sche Reich, heut fährt's zu Grabe;
Heut hat sich Christ von seinem Volk gewandt.
Der Teufel kam vom blauen Himmel heute,
Die Stadt uns zu vertilgen und die Leute. 66
87  »Der Satan selbst – kein andrer kann es sein –
Richtet die unglücksel'ge Stadt zu Grunde.
Blick' um und sieh den Rauch und Feuerschein
Der räuberischen Flammen in der Runde.
Vernimm die Stimmen, die gen Himmel schrein
Und glaubhaft machen deines Knechtes Kunde.
Ein Mann zerstört Paris mit Schwert und Feuer
Und alles flüchtet vor dem Ungeheuer.«
88  Wie einer, der, vom Feuerlärm geweckt
Und von der Glocken ungestümem Schalle,
Die Flamm' erblickt, die andre längst entdeckt,.
Nur er nicht, den sie näher trifft als alle,
So steht jetzt Karl, als ihn die Kunde schreckt
Von diesem neuen dreisten Überfalle;
Er schickt die besten seines Heers alsbald
Dahin, wo das Geschrei und Tosen schallt.
89  Die Paladin' und besten Unterthanen
Versammelt Karl und heißt sie mit ihm gehn,.
Und nach dem Markte lenkt er seine Fahnen;
Denn dort befindet sich der Saracen.
Er hört den Lärm, menschliche Glieder mahnen
Ihn an das gräßliche, das hier geschehn.
Nichts mehr für heut; ein andermal berichte
Ich weiter von der schönen Kriegsgeschichte. 67

 


 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.