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Rasender Roland, Band 1

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 1 - Kapitel 6
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 1
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 1
pages456
created20150520
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Gesang.

Bradamante reitet mit Brunel nach dem Schlosse des Zauberers Atlas, nimmt dem Brunel den wunderbaren Ring ab, besiegt den Atlas und befreit Roger, der von dem Flügelpferde entführt wird (1–50). Rinald, nach Schottland verschlagen, vernimmt die Gefahr, in welcher die Königstochter Ginevra schwebt (51–72).

Wennschon Verstellung in den meisten Lagen
Ein schlechtes Herz verrät und uns entehrt,
So hat sie oft doch gute Frucht getragen,
Wie tausendfältig die Erfahrung lehrt,
Und Schaden, Schimpf und Tod zurückgeschlagen,
Dieweil man nicht mit Freunden stets verkehrt,
In dieser mehr von Finsterniß verhüllten
Als heitren Welt, der ganz von Neid erfüllten.
Wenn du nach langer Probe kaum den Mann
Auffindest, dessen Freundschaft ächt und klar ist,
Dem ohne Furcht dein Herz sich öffnen kann,
In dessen Nähe keinerlei Gefahr ist,
Wie soll sich Rogers schöne Freundin dann
Brunels erwehren, der nicht rein und wahr ist,
Vielmehr durchaus verlogen und durchtrieben,
Wie jene weise Frau ihn ihr beschrieben? 98
Mit ihm, dem Vater jeder Schelmerei,
Verstellt auch sie sich, wie ich nicht bestreite,
Und paßt ihm, wie gesagt, sehr scharf dabei
Auf beide Hände, flinke, raubbereite.
Da plötzlich hören sie ein groß Geschrei.
Das Mädchen ruft: »O du Gebenedeite!
O Herr des Himmels, was ist da geschehn?«
Und flugs hinaus eilt sie, um nachzusehn.
Der Wirt, das ganze Haus war auf den Beinen,
Am Fenster, vor der Thür, und alles riß
Die Augen auf, als säh'n sie droben einen
Kometen oder Sonnenfinsterniß.
Ein hohes Wunder sah sie nun erscheinen,
Ein schwer zu glaubendes, das ist gewiß:
Denn ein geflügelt Roß kam hoch im Bogen
Mit einem reis'gen Mann dahergeflogen.
Buntfarbig war und mächtig das Gefieder,
Und er, mit dem es durch die Lüfte fuhr,
Trug leuchtendes Metall um Brust und Glieder,
Und scharf gen Westen zog er seine Spur.
Dann taucht' er zwischen den Gebirgen nieder.
Der Wirt erzählt', (und sprach die Wahrheit nur),
Dies sei ein Zaubrer, der auf solchem Wege
Bald hoch bald niedriger zu reiten pflege. 99
Bald zu den Sternen fliege der verwegne,
Bald streif' er an der Erde dicht vorbei,
Und jedes hübsche Weib, das ihm begegne,
Führ' er hinweg und lasse keine frei;
Daher sich jede Frau bekreuz' und segne,
Die hübsch sei oder meine, daß sie's sei,
Und kaum bei Tag vor's Haus zu gehen wage,
Weil dieser allesamt von hinnen trage.
»Hoch auf den Pyrenä'n liegt sein Castell,«
So sprach der Wirt, »durch Zauberei entstanden,
Das ganz von Stahl ist, blank und spiegelhell,
Kein größres Wunder giebt's in allen Landen.
Schon zog dahin manch tapfrer Kriegsgesell,
Doch hört' ich nie, daß sie den Rückweg fanden;
Daher man, gnäd'ger Herr, ihn im Verdacht hat,
Daß er sie einsperrt oder umgebracht hat.«
Voll Freude hört das Mädchen alles an;
Sie hegt Vertraun und darf Vertrauen hegen,
Daß jener Wunderring ihr helfen kann,
Den Zaubrer samt dem Schloß hinwegzufegen,
Und spricht zum Wirte: »Schaff' mir einen Mann,
Der mehr als ich Bescheid weiß von den Wegen.
Ich brenne mit dem Magus einen Strauß
Zu fechten, und ich halt' es hier nicht aus.« 100
»Am Führer soll's nicht fehlen,« mischte hier
Brunel sich ein; »ich selbst will mit dir gehen.
Die Straße führ' ich bei mir, auf Papier,
Und mehr noch, was dich freuen wird zu sehen.«
Er meint den Ring, doch das verschweigt er ihr,
Aus Furcht, es könn' ihm leids darum geschehen.
»Dein Kommen,« sagt sie, »wird erwünscht mir sein,«
Und meint damit: dein Ring wird also mein.
10  Sie sprach, wo sprechen nützlich war, und schwieg,
Wo Schade war durch Reden zu besorgen.
Ein Gaul des Wirtes, gut für Reis' und Krieg,
Gefiel ihr wohl, und statt ihn sich zu borgen,
Erstand sie ihn, und als sie fortritt, stieg
Empor des neuen Tags glanzvoller Morgen.
Sie schlug den Weg durch einen Engpaß ein,
Brunel ritt bald voran, bald hinterdrein.
11  Von Berg zu Berg, von Wald zu Walde ziehn
Sie fürbaß bis zum Kamm der Pyrenäen,
Wo sie bei klarer Luft zwei Monarchie'n
Und zwei verschiedne Seegestade sähen,
Wie bei Camaldoli vom Apennin
Wir slawisch Meer und tuskisches erspähen.
Von dort auf steilen Wegen, rauh und schmal,
Stiegen hinab sie in das tiefe Thal. 101
12  Im Thale ragt ein Fels, um dessen Spitze
Die schönste Mauer, ganz von Stahl, sich schmiegt,
So nah dem Reich der Wolken und der Blitze,
Daß alles andre tief darunter liegt.
Kein Bote käme je nach diesem Sitze,
Und keiner unternehm' es, wer nicht fliegt.
»Schau',« sprach Brunel, »dort hinter Wall und Gitter
Verwahrt der Magier die Frau'n und Ritter.«
13  Der Fels ist lotgerecht wie nach der Schnur
An allen Seiten völlig glatt behauen.
Von Steig und Treppe zeigt sich keine Spur,
Auf die ein Menschenfuß sich mag getrauen.
Das sieht man, ein Geschöpf mit Flügeln nur
Kann dort sein Nest und seine Höhle bauen.«
Das Mädchen sieht, daß dies die letzte Frist,
Den Ring zu nehmen, ihn zu tödten, ist.
14  Doch schien's ihr feige, mit dem schlechten Blut
Des waffenlosen Manns ihr Schwert zu röten;
Sie fand, sie könne das gewünschte Gut
Auch so erlangen, ohn' ihn just zu tödten.
Brunel war nicht vor ihr auf seiner Hut;
So griff sie ihn, ein Kampf war nicht vonnöten,
Und band ihn fest an einen Tannenbaum;
Doch zog sie erst den Ring von seinem Daum. 102
15  Und weder Thränen noch Gestöhn und Bitte
Vermochten sie ihn wieder zu befrein.
Sie ritt den Berg hinab, langsam, im Schritte,
Bis in die Ebne vor dem hohen Stein.
Sie griff, damit der Gegner sich zum Ritte
Einstelle, nach dem Horn und blies hinein,
Und nach dem Hornschall rief mit droh'nder Rede
Sie ihn zum Zweikampf und entbot ihm Fehde.
16  Kaum hört der Zaubrer Horn und Stimme klingen,
So kömmt er vor das Thor und stürmt heran;
Das Flügelroß muß durch die Luft sich schwingen
Auf sie, die ausschaut wie ein grimmer Mann.
Sie läßt sich nicht aus ihrer Fassung bringen;
Sie merkt, daß der ihr wenig schaden kann:
Er trägt kein Schwert, er führt nicht Speer noch Keule,
Und sicher ist ihr Helm vor Loch und Beule.
17  Den Schild nur trug er an der linken Hand,
Der ganz verschleiert war mit rotem Tafte.
Die Rechte hielt ein Buch; daraus entstand,
Indem er las, der Spuk, der fabelhafte:
Dann sah es aus, als komm' er angerannt,
Daß mancher schon erschrak, mit spitzem Schafte,
Oder als zück' er Kolben oder Schwert;
Doch er war fern, und niemand ward versehrt. 103
18  Das Rhipäische Gebirge wird von Plinius, Virgil und andern alten Schriftstellern erwähnt. Man dachte es sich im nördlichen Europa bei den Sarmaten oder den Scythen.  Kein Blendwerk war sein Roß, das war Natur:
Ein Greif hatt' es erzeugt, ein Pferd gebar es.
Vom Vater hatt' es Kopf und Schnabel nur,
Die Tatzen vorn, den Schmuck des Flügelpaares;
In allem sonst trug es der Mutter Spur.
Kurz, einer von den Hippogryphen war es,
Die ins Rhipäische Gebirge wohl
(Doch selten) kommen, fern vom eis'gen Pol.
19  Von dort her holt' er es durch Zauberzwang
Und dacht' an nichts als nur es anzuleiten,
Bis ihm durch eines Monats Schweiß gelang,
Mit Sattel und Gebiß das Thier zu reiten.
Nun tummelt' er's bequem das Feld entlang
Und oben durch die Luft nach allen Seiten.
Dies war nicht, wie das andre, Spuk und Schein,
Sondern natürlich und von Fleisch und Bein.
20  Das andre war am Magus eitel Lüge,
Denn, wenn er wollte, schien das rote blau.
Hier aber sind umsonst die Winkelzüge;
Das Fräulein mit dem Ring sieht zu genau.
Sie thut indeß, als ob sie um sich schlüge,
Und reitet hin und wider durch die Au
Und tummelt sich und fuchtelt mit dem Schwerte,
Wie ihre Freundin sie vorher belehrte. 104
21  Nachdem sie eine Zeitlang hin und her
Geritten, wollt' auch sie vom Sattel springen,
Um alles, was die Magierin vorher
Ihr eingeschärft hat, gut zum Schluß zu bringen.
Der Magus greift zu seiner letzten Wehr,
Nichts ahnend von dem drohenden Mislingen.
Den Schild entblößt er, überzeugt, sie werde
Vor seinem Glanz hinfallen auf die Erde.
22  Er konnt' ihn gleich entblößen und die Hatz
Den Rittern sparen, eh sie niederfielen;
Indeß er sah sie gern auf seinem Platz
Erst um sich hau'n und mit der Lanze zielen.
So sehn wir ab und an die schlaue Katz
Mit der gefangnen Maus ein Weilchen spielen,
Und wird das Spiel ihr dann zum Überdruß,
So beißt sie zu und tödtet sie zum Schluß.
23  Er glich der Katz, der andre glich der Maus
In allen Kämpfen, wie er's früher machte;
Jetzt aber war's mit diesem Gleichniß aus,
Seit sie den Wunderring ins Treffen brachte.
Damit der Feind ihr keinen Schritt voraus
Gelange, stand sie aufmerksam und wachte,
Und wie er seinen Schild entblößt, im Nu
Wirft sie sich hin und macht die Augen zu. 105
24  Nicht weil der Blitz des leuchtenden Metalles
Sie wie die andern blendet und verwirrt;
Sie hofft, daß er beim Anblick ihres Falles
Vom Pferde steigen, zu ihr kommen wird.
Und wie sie es ersann, so kömmt auch alles:
So wie ihr Helm nur an der Erde klirrt,
So schwingt der Flieger rascher sein Gefieder
Und senkt in weiten Kreisen sich hernieder.
25  Der Zaubrer läßt am Sattelknopf den Schild
In seinem Tuch und kömmt zu Fuß gegangen.
Still liegt sie, wie der Wolf, wenn er sein Wild
Erwartet im Gebüsch, ihn zu empfangen.
Doch wie er nah ist und sie sieht, es gilt,
Springt sie empor und hat ihn bald gefangen;
Am Boden hatt' er, als er näher schritt,
Das Buch gelassen, das die Sieg' erstritt.
26  Er hatte nichts als eine Kette nur,
Die er am Gürtel immer mit sich führte;
Er hofft' auch sie zu fesseln mit der Schnur,
Womit er schon so manchen andern schnürte.
Jetzt vor der Jungfrau lag er auf der Flur,
Und ich verzeih' ihm, wenn er sich nicht rührte:
Der Unterschied war zu beträchtlich zwischen
Dem schwachen Greif' und dieser kriegerischen. 106
27  Schon hob sie, um den Kopf ihm abzuhauen,
Ihr siegreich Schwert; jedoch der Zorn verging,
Als sie begann, ihm ins Gesicht zu schauen:
So niedre Rache schien ihr zu gering.
Ein würd'ger Greis mit traurig-ernsten Brauen,
War er, den sie in seiner Falle fing;
Die Runzeln zeugten und die weißen Haare
Für siebzig oder nicht viel wen'ger Jahre.
28  »Nimm mir das Leben, Knabe, nimm es hin!«
So rief der Greis, der zornig blickt' und grollte.
Doch es zu nehmen sträubte sich ihr Sinn
So sehr, wie jener gern es lassen wollte.
Denn zu erfahren wünscht die Kriegerin,
Wer dieser sei und was es heißen sollte,
Daß er in Wildniß ohne Weg und Pfad
Das Schloß erbaut' und allen leides that.
29  Und weinend nun begann der Necromant:
»Ich unglücksel'ger! nicht aus bösem Triebe
Baut' ich die schöne Burg am Klippenrand,
Und nicht die Habsucht machte mich zum Diebe.
Nein, einen edlen Ritter vor der Hand
Des Todes zu bewahren, trieb mich Liebe;
Die Sterne zeigen, daß nach kurzer Frist
Er sterben wird durch Meuchler und als Christ. 107
30  »Nie hat die Sonne zwischen beiden Polen
So tapfren Jüngling, und so schön, gekannt,
Wie Roger; meiner Hut ward er befohlen,
Denn Atlas bin ich, der als Kind ihn fand.
Das Schicksal und der Wunsch sich Ruhm zu holen
Führt' ihn nach Frankreich mit dem Agramant;
Ich lieb' ihn mehr als einen Sohn und sinne,
Wie er am besten der Gefahr entrinne.
31  »Der Zweck, weshalb ich jene Mauern machte,
War, Roger diesem Kriege zu entziehn;
Ich hab' ihn so gefangen, wie ich dachte
Am heut'gen Tag auch dich ins Garn zu ziehn.
Und schöne Frau'n und edle Ritter brachte
Ich dort zusammen, nur zum Trost für ihn,
Damit, wenn ich den Ausgang ihm verschlösse,
Dies in Gesellschaft minder ihn verdrösse.
32  »Verlangt er nur nicht fort aus jener Veste,
So sorg' ich, daß er keiner Lust entbehrt.
Aus allen Zonen dieser Welt das Beste,
Wird ihm in meinem Felsenschloß gewährt,
Musik, Gesänge, Kleider, Schmaus und Feste,
Was nur das Herz ersinnt, der Mund begehrt.
Ich säte klug, die Frucht war gut geraten,
Du aber kömmst und störst mir meine Saaten. 108
33  »O ist dein Herz so schön wie deine Züge,
So hindre nicht mein redlich Streben hier.
Nimm diesen Schild, ich geb' ihn dir und füge
Das Roß hinzu, das schnelle Flügelthier;
Nur dring in meine Burg nicht; dir genüge
Die Freunde zu befrei'n; den Rest laß mir;
Ja, nimm die andern auch, ich bin's zufrieden,
Wird nur mein Roger nicht von mir geschieden.
34  »Und ist's dein Wille, daß ich ihn entbehre,
Dann, ehe du mit ihm nach Frankreich gehst,
Erlöse meine Seele von der Schwere
Des Fleisches, das hinfort doch nur verwest.«
Die Jungfrau drauf: »Er ist's, den ich begehre;
Du krächz' und plappre, wie du es verstehst,
Und biete nicht den Schild mir an als Gabe,
Noch auch das Roß, die ich schon beide habe.
35  »Und könntest du sie nehmen oder geben,
Ich würde zu dem Tausch mich nie verstehn.
Du sagst, in deiner Hut soll Rogers Leben
Dem Einfluß feindlicher Gestirn' entgehn,
Den du nicht kennst und, kennst du ihn, zu heben
Zu schwach bist, – denn was Gott will, muß geschehn;
Du sahest nicht die nächste eigne Not
Und sprichst von fremder, die erst künftig droht? 109
36  »Fleh' nicht, daß ich dich tödte; du verschwendest
Die Worte nur. Erscheint der Tod dir gut,
Und weigert dir die Welt, was gern du fändest,
So findet leicht ihn stets der eigne Mut.
Doch eh du aus dem Fleisch die Seel' entsendest,
Laß die Gefangnen frei aus deiner Hut.«
So sprach sie, und sie führt' ihn mittlerweile
Gefesselt an die Felsenwand, die steile.
37  Gefesselt ging er an der eignen Kette,
Und fest hielt ihn das Mädchen an der Hand.
Sie traut' ihm nicht, obwohl es schien, als hätte
Er keine Kräfte mehr zum Widerstand.
Nach wenig Schritten kamen sie zur Stätte,
Wo sich am Bergesfuß der Spalt befand
Und auch die Stufen, die empor sich wanden,
Bis sie vor dem Portal des Schlosses standen.
38  Der Greis nimmt einen Stein jetzt aus der Schwelle,
Der wunderbare Schrift und Zeichen trägt;
Und mehr als ein Gefäß liegt an der Stelle,
Das immer raucht und drinnen Feuer hegt.
Atlas zerschlägt sie, und mit Blitzesschnelle
Wird kahl der Berg und wüst und ungepflegt.
Nicht Thurm noch Mauer bleibt, nur Luft und Leere,
Als ob ein Schloß hier nie gewesen wäre. 110
39  Da riß der Greis sich los von seinen Banden,
Wie sich die Drossel losreißt von der Schnur,
Und er und sein Palast zugleich verschwanden;
Nichts blieb zurück als die Gesellschaft nur.
Die Ritter und die schönen Frauen standen
Anstatt in Sälen auf der freien Flur,
Und mancher schien sich ungern drein zu fügen,
Denn solche Freiheit raubt' ihm viel Vergnügen.
40  Prasild und Irold werden von Bojardo als treue Freunde gefeiert. Auch die 41. Strophe resumirt eine Erzählung Bojardo's, in welcher berichtet wird, wie Bradamante und Roger einander zuerst begegneten und durch ein Kampfgetümmel, in welchem das Mädchen am Haupte verwundet ward, getrennt wurden.  Da ist Gradasso, da ist Sacripante,
Da ist Prasild, der mit Rinalden war,
Als dieser wiederkam aus der Levante,
Und sein Irold, ein ächtes Freundespaar.
Hier endlich trifft die schöne Bradamante
Den vielgeliebten Roger in der Schar,
Und kaum hat sie der Ritter wahrgenommen,
So heißt er hold und freudig sie willkommen,
41  Sie, die er liebt, mehr als sein Augenlicht,
Mehr als sein Herz und Leben, seit der Stunde,
Wo sie für ihn den Helm vom Angesicht
Aufhob und so versehrt ward von der Wunde,
Von der zu reden jetzt die Zeit gebricht,
Wie auch von jenem Ritt im Waldesgrunde,
Als sie sich suchten, rastlos, immerfort,
Und nie sich fanden bis an diesem Ort. 111
42  Als er sie droben sah und nun erfuhr,
Daß sie erlöst ihn hab' aus jenen Hallen,
Da nannt' er sich in seiner Freude nur
Einzig gesegnet und beglückt vor allen.
Sie stiegen von dem Felsen auf die Flur,
Wo Atlas in des Mädchens Hand gefallen,
Und fanden dort den Hippogryphen noch,
Der trug den Wunderschild, verdeckt jedoch.
43  Das Fräulein geht und greift nach seinem Zügel,
Und er erwartet sie und läßt ihr Zeit;
Dann schwingt er sich empor und läßt am Hügel
Herab sich wieder, etwas mehr abseit.
Sie folgt ihm nach, und wieder gehn die Flügel,
Und wieder steigt er auf, nicht allzu weit,
Wie es die Krähe macht auf sand'gem Grunde,
Die hin und her wegflattert vor dem Hunde.
44  Roger, Gradasso, Sacripant und mehr
Der Ritter, die denselben Weg genommen,
Vertheilten sich und stellten sich umher,
Wo jeder dachte, hierher muß er kommen.
Der Greif führt' all die andern kreuz und quer,
So daß sie manchmal steile Höhn erklommen,
Und folgten ihm in Gründe feucht und kalt,
Und erst in Rogers Nähe macht' er Halt. 112
45  Dies war das Werk des Atlas, jenes Alten,
Den seine Sorge nimmer ruhen ließ,
Roger zu schirmen vor des Schicksals Walten;
Nichts quälte, nichts beschäftigt' ihn als dies.
Und um ihn von Europa fern zu halten,
Bewirkt' er, daß der Greif zu Rogern stieß.
Roger ergreift ihn, um ihn mitzuführen;
Der sträubt sich aber, will den Fuß nicht rühren.
46  Bei Bojardo stiehlt Brunel dem König Sacripant sein berühmtes Pferd Frontalatte und schenkt es Rogern, der es Frontin nennt.  Da schwingt sich von Frontin der kühne Mann,
Von seinem Roß Frontin, (so hieß das gute,)
Und auf das andre Pferd, das fliegen kann,
Und spornt sein trotzig Herz, daß es sich spute.
Das läuft ein Weilchen, stemmt die Füße dann
Und steigt gen Himmel, wie, befreit vom Hute,
Der Edelfalk im Nu gen Himmel steigt,
Wann sein Gebieter ihm den Reiher zeigt.
47  Als Bradamante dies ansehen mußte,
Roger in solcher schwindelnden Gefahr,
Da stand sie bei so schmerzlichem Verluste
Starr vor Betäubung, ihrer Sinne bar.
Was sie vom Raub des Ganymedes wußte,
Den in den Himmel trug der Götter-Aar,
Dasselbe, dachte sie, befahr' auch ihn,
Der schöner ihr als Ganymed erschien. 113
48  Ihr starrer Blick folgt ihm am Firmament,
Doch, ach, kein sterblich Auge kann hienieden
Den Raum durchfliegen, der die beiden trennt;
Der Seele nur ist solcher Flug beschieden.
Indeß, mit Seufzern, Stöhnen, Thränen, kennt
Sie keinen Frieden, will auch keinen Frieden,
Und wie sich Rogers Spuren ihr entziehn,
Kehrt sie den Blick zum guten Roß Frontin.
49  Und sie beschließt, sie will das Pferd behalten,
Damit der erste beste nicht es raubt,
Und will es hüten, bis des Schicksals Walten
Roger zurückführt, wie sie hofft und glaubt.
Der Vogel steigt; nicht kann ihn Roger halten;
Tief unter ihm versinkt der Berge Haupt,
So tief, daß seine Augen nicht mehr sehen,
Wo flach das Land ist, noch wo Berge stehen.
50  Als er so hoch war in der blauen Leere,
Daß ihr von unten nur ein Pünktchen säht,
Schlug er dorthin sich, wo die Sonn' im Meere
Verschwindet, wann sie mit dem Krebs sich dreht.
Und durch die Lüfte ging's, wie die Galere
Durchs Wasser, wann der Wind ihr günstig weht.
Vorläufig wollen wir ihn fliegen lassen,
Und uns ein wenig mit Rinald befassen. 114
51  Zwei Tage ward Rinald umher geschlagen
Durch weite Strecken von des Sturms Gewalt,
Gen Westen bald, bald nach dem Himmelswagen;
Denn immer weht' es ohne Rast und Halt.
Am Ende sah er Schottlands Küste ragen,
Und sichtbar wurde Caledoniens Wald,
Wo unter schattigen gewalt'gen Eichen
Man oft den Schall vernimmt von Schwerterstreichen.
52  Irrende Ritter streifen dort umher,
Aus ganz Britannien, die erprobt sich haben,
Und andern Ländern, nah und fern am Meer,
Norweger, Söhne Frankreichs, Sachsen, Schwaben.
Wer nicht sehr stark ist, komme nicht hierher;
Denn wo er Ehre sucht, würd' er begraben.
Einst haben große Dinge hier gethan
Lanzelott, Arthur, Tristan und Galwan,
53  Und viele andre Ritter, weltbekannt,
Der neuen und der alten Tafelrunde.
Von ihren Thaten geben noch im Land
Denkmäler und Trophäen stolze Kunde.
Mit seinen Waffen, Bajard an der Hand,
Landet Rinald am dunklen Waldesgrunde
Und schickt den Schiffer bis auf Wiedersehn
Nach Berwick, um zu Anker dort zu gehn. 115
54  Und ganz allein, wie er sich ausgeschifft,
Durchstreift der Held den Wald, den ungeheuern,
Bald diesen Weg, bald jenen, wie sich's trifft,
Ausschauend nach seltsamen Abenteuern.
Den Abend kömmt er an ein reiches Stift,
Das gerne giebt aus Keller, Küch' und Scheuern,
Um jedem Gaste, Ritter oder Frau,
Ehr' anzuthun im schmucken Klosterbau.
55  Der Paladin ward freundlich aufgenommen
Von Abt und Mönchen, und er fragte sie,
(Doch nicht bevor die Tafel dieser Frommen
Dem Leibe wieder volle Kraft verlieh,)
Wie Ritter, die in diese Gegend kommen,
Die vielen Abenteuer finden, die
Dem Mann gestatten, den Beweis zu führen,
Ob Tadel oder Ehren ihm gebüren.
56  Sie sagten: »Wer durch dieses Dickicht reist,
Hat's leicht ein Abenteuer aufzutreiben;
Doch wie der Wald, so dunkel bleiben meist
Die Thaten auch; kein Mensch wird sie beschreiben.
Such' lieber einen Ort auf, wo du weißt,
Daß deine Werke nicht begraben bleiben,
Damit auf die Gefahr und Mühe dann
Die Ehre folgt und dich belohnen kann. 116
57  »Und wenn dich schwere Proben nicht gereuen,
So ist Gelegenheit zur schönsten That,
Die in der alten Zeit wie in der neuen
Ein Ritter jemals unternommen hat.
Die Tochter unsres Königs braucht getreuen
Beistandes, und sie weiß sich keinen Rat;
Denn ein Baron des Reichs, Lurcan geheißen,
Will ihr das Leben und die Ehr' entreißen.
58  »Verklagt hat sie beim Vater der Baron,
Vielleicht mit Unrecht und aus purem Hasse,
Daß er gesehn, wie sie auf den Balkon
Bei Nachtzeit einen Buhlen zu sich lasse.
Nach dem Gesetz ist Feuertod ihr Lohn,
Es sei denn daß ein Kämp' ein Herz sich fasse
Vor Monatsschluß, (und bald verstreicht die Frist),
Zu zeigen, daß Lurcan ein Lügner ist.
59  »Schottlands Gesetz, das strenge, mitleidlose,
Verlangt, daß jede, Fürstin oder Magd,
Die einen, der nicht ihr Gemal, liebkose,
Des Todes sterbe, wenn man sie verklagt.
Und nichts errettet sie von diesem Loose,
Wenn nicht ein Kämpfer aufzutreten wagt,
Der mit Erfolg verficht, daß die verschrie'ne
Unschuldig sei und nicht den Tod verdiene. 117
60  »Der alte König, der gern alles thäte,
Ginevra, seine Tochter zu befrein,
Erließ Proclam' an Burgen und an Städte:
Wenn einer komm' ihr seinen Arm zu leihn
Und siegreich der Verleumdung Kopf zertrete,
(Nur müss' er adlichen Geschlechtes sein,)
So woll' er ihre Hand ihm und daneben
Als würd'ge Mitgift Rang und Reichtum geben.
61  »Kömmt aber niemand oder stellt sich einer,
Der unterliegt, so ist's um sie geschehn.
Dein würdiger ist solch ein Kampf und feiner
Als abenteuernd durch den Wald zu gehn.
Außer dem Ruhm, der Ehre, die in keiner
Noch so entfernten Zukunft untergehn,
Gewönnest du die schönste Frau hienieden
Vom Indus bis zum Grenzmal des Alciden,
62  »Dazu noch Reichtum, hohen Rang im Lande,
Genug zum Glück und zur Zufriedenheit,
Und unsres Königs Dank, wenn von der Schande
Dein Degen seiner Tochter Ruf befreit.
Auch schuldest du es deinem Ritterstande,
Zu strafen solche Ungerechtigkeit;
Denn jene, wenn nicht alle Zeichen täuschen,
War stets das ächte Muster einer keuschen.« 118
63  Da sprach Rinald: »Tod also lohnt der Armen,
Dem Mädchen, das so freundlich und so gut
Den Liebenden in liebevollen Armen
Abkühlen ließ die allzu mächt'ge Glut?
Verflucht, wer dies Gesetz gab ohn' Erbarmen!
Verflucht, wer es erträgt mit kaltem Blut!
Mit Fug und Recht mag eine Spröde sterben,
Nicht sie, die Leben schenkt für treues Werben.
64  »Ob die Prinzeß den Liebsten aufgenommen
Hat oder nicht, das ficht mich wenig an;
Wäre die Sache nicht herausgekommen,
So würd' ich sagen, sie that wohl daran.
Ich frage nur, wie ihr zu Hilfe kommen?
Verschafft mir jemand, der mich führen kann,
Daß ich den Kläger finde; denn ich denke
Mit Gott zu hindern, daß jemand sie kränke.
65  »Daß sie es nicht gethan hat, sag' ich nicht;
Da ich's nicht weiß, so könnt' ich falsches sagen.
Ich sage nur, daß jeder Grund gebricht,
Ob solcher That sie peinlich anzuklagen,
Und sag', ein Narr war und ein Bösewicht,
Wer dies Gesetz gemacht in frühern Tagen,
Und daß man es als ungerecht und toll
Aufheben und ein bessres machen soll. 119
66  »Wenn unser und das andere Geschlecht
Ganz von derselben Glut, demselben Triebe,
Den dummer Pöbel sich zu schmähn erfrecht,
Genötigt wird zum süßen Ziel der Liebe,
Wie straft man denn ein Weib und nennt es schlecht,
Selbst wenn sie das mit mehr als einem triebe,
Was unser eins, so oft er Lust hat, treibt
Und Lob empfängt, geschweige straflos bleibt?
67  »Durch dies verschiedne Recht, das sag' ich frei,
Ist Weibern großer Nachtheil widerfahren,
Und zeigen werd' ich, wenn Gott will, es sei
Sündhaft, so schlechte Regeln zu bewahren.«
So sprach Rinald, und alle stimmten bei,
Daß ihre Vordern blind und grausam waren,
Die dies geduldet, und der König auch,
Weil er es ändern konnt' und hielt den Brauch.
68  Als nun die Strahlen, weiß und karmesin,
Des neuen Tags die halbe Welt erschlossen,
Eilte Rinald die Rüstung anzuziehn,
Und einen Knappen nahm er als Genossen.
Der führte Stunden weit und Meilen ihn
Durch schauerliches Dickicht unverdrossen
Des Weges nach der Stadt, allwo zum Schluß
Ginevra's neuer Streit gelangen muß. 120
69  Sie hatten einen Saumpfad eingeschlagen,
Den Weg zu kürzen, mitten durch den Wald:
Da plötzlich hören sie ein lautes Klagen,
Das rings umher im Walde widerhallt.
Das Roß des Herrn, der Gaul des Knechtes jagen
Hinab ins Thal, woher das Rufen schallt,
Und siehe, zwischen zwei Halunken kniet
Ein Mädchen, hübsch genug, so viel man sieht,
70  Jedoch so aufgelöst in Angst und Schmerz
Wie je ein Mädchen oder Weib in Nöten.
Die zwei stehn neben ihr mit blankem Erz,
Bereit mit ihrem Blut das Gras zu röten,
Und sie, mit Thränen, sucht der Männer Herz
Zu rühren, und sie säumen mit dem Tödten;
Das sieht Rinald und kömmt im Flug herbei
Und ruft sie an mit drohendem Geschrei.
71  Die Strolche flohn in die versteckten Gründe,
Als sie den Helfer kommen sahn von fern,
Und duckten unter in verborgne Schlünde.
Nicht reizte diese Jagd den edlen Herrn.
Er kam zum Mädchen und für welche Sünde
Ihr solche Strafe ward, erführ' er gern,
Und Zeit zu sparen, mußte sein Begleiter
Aufs Pferd sie nehmen, und so ging's denn weiter. 121
72  Und reitend nun bemerkt' er bald genug,
Daß sie gar schön sei und von Witz behende,
Obwohl ihr Antlitz noch die Spuren trug
Des Schreckens vor dem angedrohten Ende.
Dann, als Rinald zum zweiten Male frug,
Wer sie geliefert hab' in Mörderhände,
Erzählte sie bescheiden die Geschichte,
Die ich im folgenden Gesang berichte. 122

 


 

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