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Rasender Roland, Band 1

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 1 - Kapitel 3
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 1
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 1
pages456
created20150520
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erster Gesang.

Angelica's Ankunft im Lager der Franken und ihre Flucht vor Rinald (1–13). Kampf zwischen Ferragu und Rinald (14–23). Ferragu und das Gespenst Argalia's (24–31). Rinald verfolgt Angelica; ihr Zusammentreffen mit Sacripant (32–59). Kampf zwischen Sacripant und Bradamante (60–70). Das Roß Bajard und Rinald kommen herzu (71–81).

Ueber die im ersten Gesange eingeschlagenen Fäden, namentlich darüber, was für eine Bewandtniß es mit Angelica, Ferragu, Sacripant und Rinalds Verliebheit hat, orientirt der geneigte Leser sich leicht, wenn er sich die Mühe geben will, die einschlägigen Stellen der Einleitung anzusehen.  Frauen und Ritter, Lieb' und Heldenmut,
Die Thaten, kühn' und edle, will ich singen,
Die einst geschahn, als durch die Meeresflut
Die Mohren Afrika's nach Frankreich gingen,
Dem Zorne folgend und der jungen Wut
Des Königs Agramant zu heißem Ringen:
Trojan zu rächen schwor des Königs Eid
An Kaiser Karl, dem Haupt der Christenheit.
Von Roland auch in diesem Werk erzähl' ich,
Was nie gemeldet ward in Wort und Lied,
Wie er, der weise Mann, vor Liebe schmählich
Verrückt ward und in Raserei geriet,
Wenn sie, die mich beinah wie ihn allmählich
Toll macht und mir mein bischen Geist entzieht,
So viel mir übrig läßt von diesem Geiste,
Daß ich, was ich verspreche, wirklich leiste. 18
Der »rasende Roland« ist dem zweiten Sohn des Herzogs Hercules von Ferrara, dem Cardinal Hippolyt von Este, gewidmet. Ariost lebte als Cavalier im Gefolge dieses Fürsten, der mit seiner kirchlichen Würde die weltlichen Beschäftigungen eines großen Herrn der Renaissancezeit aufs beste zu vereinigen wußte. Die überschwänglichen Lobsprüche, welche der Dichter an vielen Stellen des R. R. seinem Gönner spendet, sind, was historische Begründung betrifft, nicht eben ernsthafter zu nehmen, als die Genealogie, welche den Ursprung des Hauses Este auf den jungen Roger und damit auf Hector von Troja zurückführt. Derartige poetische Verherrlichungen fürstlicher Patrone gehören zu den Sitten des Zeitalters.  Hochherz'ger Sproß aus Hercules' Geblüte,
Unsres Jahrhunderts Glanz und helle Zier,
Nehmt, Hippolyt, was euer Knecht sich mühte
Für euch zu schaffen, nehmt es an von mir.
Zum Theil bezahlen kann ich eure Güte
Mit Worten und beschriebenem Papier,
Und keiner tadle, daß zu klein die Gabe,
Denn alles geb' ich euch, soviel ich habe.
Ich sag' euch zu, daß unter andern theuern
Ruhmreichsten Helden ihr vernehmen sollt
Von jenem Roger, dessen Blut in euern
Und eurer hohen Ahnherrn Adern rollt.
Von seinem Ruhm und stolzen Abenteuern
Erzähl' ich euch, wenn ihr mich hören wollt,
Wenn euer Geist, von höh'rer Sorg' entlastet,
Bei meinen Versen hin und wieder rastet.
Graf Roland, der Achilles des karolingischen Sagenkreises, ist, um dies hier gleich abzumachen, der Sohn des Grafen Milo von Anglant und der Bertha, einer Schwester Karls des Großen, also Neffe des letzteren. Die Ritterbücher machen ihn zum Grafen von Brava und, seltsam genug, zum römischen Senator.  Graf Roland, der, verliebt in die Gefahren,
Die ihn Angelica bestehen hieß,
In Medien, Indien, unter den Tartaren
Unsterbliche Trophäen hinterließ,
War jetzt mit ihr gen Abend heimgefahren,
Und an dem Fuß der Pyrenäen stieß
Er auf das Lager, wo zu Frankreichs Zelten
Die Völker Deutschlands sich um Karl gesellten, 19
Um Herrn Marsil und König Agramant
Zu nötigen sich vor die Stirn zu schlagen,
Den einen, weil er tollkühn hergesandt
Aus Afrika, was Waffen konnte tragen,
Den andern, weil er Spanien angespannt,
Das schöne Frankreich in den Tod zu jagen.
Und Roland kam daher zu rechter Zeit;
Bald aber that ihm selbst sein Kommen leid.
Denn die Geliebte ging ihm hier verloren.
Da sieht man, wie der Klügste irren mag!
Vom Saum Hesperiens bis zu Eos' Thoren
Bewahrt' er sie in Kämpfen Tag für Tag,
Und hier, bei Freunden, hier, wo er geboren,
Ward sie entführt ihm ohne Schwertesschlag.
Der weise Karl entzog sie seinen Blicken
Um ein gefährlich Feuer zu ersticken.
Rinald, der den zweiten Rang unter den Paladinen Karls d. Gr. einnimmt, ist der Sohn des auch in der deutschen Volkssage bekannten Herzogs Haimon und der Beatrix, einer Tochter des Herzogs Naims von Baiern. Haimon und Milo sind Brüder, Söhne des Bernhard von Claramont (Clermont), und deshalb werden Roland und Rinald Vettern genannt. Rinald hat das Schloß Montalban (französisch Montauban) zum Lehen und führt davon den Namen, welchen ich, ebenso wie Claramont u. a., aus Gründen des Wohlklangs, in der latinisirten Form vorziehe.  Denn jüngst war zwischen Roland und Rinald,
Den beiden Vettern, Eifersucht entstanden,
Weil beid' in ihrem Herzen die Gewalt
Der seltnen Schönheit allzu heiß empfanden,
Und Karl, dem ihre Hilf' unsicher galt,
Dieweil sie sich in solchem Streit befanden,
Nahm die Prinzeß, die Ursach ihrer Glut,
Und gab sie in des Baiernherzogs Hut, 20
Als Lohn sie dem versprechend von den beiden,
Der in der großen Schlacht mit Schwert und Speer
Die größte Zahl umbringe von den Heiden
Und bessre Dienste thu' als irgendwer.
Das Schicksal sollt' es anders dann entscheiden;
Denn flüchtig wurde das getaufte Heer;
Der Herzog mit noch vielen war gefangen,
Die Wache seines Zelts davongegangen.
10  Das Mädchen, das im Zelt als Preis des Siegs
Zurückblieb, hatte nicht den Kopf verloren;
Sie hatt' ihr Pferd gesattelt und bestieg's,
Und als es Not that, gab sie ihm die Sporen,
Vorahnend, daß sich heut das Glück des Kriegs
Den Christen feindlich zeig' und hold den Mohren.
Sie floh zu Wald, und in des Hohlwegs Mitten
Begegnet' ihr ein Ritter, unberitten,
11  Helm auf dem Kopfe, Panzer auf dem Leib,
Den Schild am Arm, Schwert an der Gürtelspange;
Und leichter lief er, als zum Zeitvertreib
Halbnackte Bauern nach der roten Stange.
Nie hat so schnell ein schüchtern Hirtenweib
Den Fuß gewandt vor der erbosten Schlange,
Wie jetzt den Zügel wandt' Angelica,
Als sie den Ritter, der zu Fuß kam, sah. 21
12  Dies war der Paladin und tapfre Recke
Vom Schlosse Montalban, des Haimon Sohn.
Durch seltsam Unglück war auf dieser Strecke
Sein Streitroß Bajard eben ihm entflohn.
Wie er das Mädchen sah, da auf dem Flecke
Erkannt' er sie, von fern erkannt' er schon
Die himmlische Gestalt, die schönen Wangen,
Die in den Liebesnetzen ihn gefangen.
13  Das Mädchen aber mit verhängtem Zaum
Jagt auf dem Zelter durch das Waldgehege,
Gleichviel, durch Dickicht und durch freien Raum,
Ohn' umzuschauen nach dem bessern Wege.
Erbleichend, zitternd, ihrer mächtig kaum,
Läßt sie dem Gaul die Wahl der Pfad' und Stege;
Wohl auf und ab geht's durch den tiefen Wald,
Und dann an einem Flusse macht sie Halt.
14  Der Spanier Ferragu stand an dem Flusse,
Schweißtriefend und in staubbedeckter Tracht;
Der Wunsch zu ruhn, der Durst nach dem Genusse
Des Trinkens hatt' entführt ihn aus der Schlacht;
Dann blieb er da, ihm selber zum Verdrusse;
Denn weil er hastig war und unbedacht,
Hatt' er den Helm ins Wasser fallen lassen
Und konnt' ihn noch bis jetzt nicht wieder fassen. 22
15  Schreiend so laut sie konnt', in aller Schnelle
Kam das erschrockene Mädchen übers Feld.
Bei dieser Stimme springt er aus der Welle
Und späht ihr ins Gesicht. Der Mohrenheld,
Als sie herankömmt, sieht er auf der Stelle,
Obwohl sie bleich ist und von Angst entstellt,
Obwohl er längst Nachricht von ihr entbehrte,
Dies ist Angelica, die vielbegehrte.
16  Als guter Ritter, der nicht minder brannte
Für diese Schöne als das Vetternpaar,
Bot er ihr Beistand, als er sie erkannte,
Beherzt und kühn, obschon des Helmes bar.
Er zog das Schwert und drohte laut und rannte
Rinalden an, dem auch nicht bange war:
Die beiden hatten sich an manchen Tagen
Nicht nur gesehen, sondern auch geschlagen.
17  Nun giebt es einen fürchterlichen Strauß,
Zu Fuße, wie sie sind, mit nackten Klingen.
Kein Panzer hielte solche Schwerter aus,
Die würden selbst durch einen Ambos dringen.
Indeß die beiden hämmern mit Gebraus,
Muß, ach, der arme Zelter wieder springen;
Denn mit den Fersen spornt, so schnell sie kann,
Das Fräulein ihn in Feld und dichten Tann. 23
18  Die beiden Krieger hatten lange schon
Sich abgemüht, umsonst, mit grimmen Schlägen;
Denn weder war dem Mohren Haimons Sohn,
Noch Ferragu dem Christen überlegen;
Da hob zuerst der fränkische Baron
Zu reden an mit dem hispan'schen Degen,
Wie einer dem im Herzen Feuer brennt,
So daß er glüht und keine Ruhe kennt.
19  »Zu schaden,« sprach er, »glaubst du mir allein,
Da du zugleich dich selbst in Schaden brachtest,
Wenn du mich anfielst, weil am Flammenschein
Der neuen Sonne du dein Herz entfachtest.
Daß du mich festhältst hier, was bringt's dir ein?
Gesetzt auch daß du mir den Garaus machtest,
Du würdest doch die Schöne nicht gewinnen;
Denn während wir hier stehn, flieht sie von hinnen.
20  »Viel besser ist's, wenn du sie auch begehrst,
Daß du versuchst den Weg ihr abzuschneiden
Und sie zurückhältst und die Flucht ihr wehrst,
Eh sie davongeht und entrinnt uns beiden.
Befindet sie in unsrer Macht sich erst,
Dann mag, wem sie gebührt, das Schwert entscheiden;
Sonst wird, bei Gott, nach langer Müh und Pein
Das Ende nichts als purer Schade sein.« 24
21  Der Heide stimmte gern dem Vorschlag zu,
Daß ihr Gefecht verschoben werden sollte,
Und schnell entstand so tiefe Waffenruh,
So ganz vergaß man, wie man eben grollte,
Daß, von dem Strome scheidend, Ferragu
Den Christen nicht zu Fuße lassen wollte;
Er lud ihn ein, Rinald saß hintenauf;
So folgten sie der Spur im schnellsten Lauf.
22  O hohe Trefflichkeit der alten Ritter!
Entzweit durch Glauben und durch Eifersucht,
In allen Gliedern schmerzlich noch und bitter
Nachfühlend der empfangnen Hiebe Wucht,
Ziehn arglos sie selbander, wo kein Dritter
Dem Paar begegnen kann, durch Wald und Schlucht.
Das Roß, gestachelt von vier Sporen, eilte
Bis eine Straße sich in zwo zertheilte.
23  Weil sie nicht wußten, welche von den beiden
Angelica zur Flucht sich ausersehn,
(Denn hier, das konnte keinen Zweifel leiden,
Wie dort war eine frische Spur zu sehn),
So ließen sie das blinde Glück entscheiden:
Dort bog Rinald ein, hier der Saracen.
Der Heide strich im Dickicht auf und nieder
Und fand zuletzt sich an dem Flusse wieder. 25
24  Er fand sich wieder an des Flusses Strand,
Dort wo er seinen Helm verlor vom Haupte.
Weil er nun doch das Mädchen nimmer fand,
Fänd' er den Helm gern, den der Fluß ihm raubte.
Er stieg hinab bis an den feuchten Rand,
Wo er den Helm im Sand verborgen glaubte;
Der aber stak so fest im Schlamm und Kies,
Daß er so leicht sich nicht mehr finden ließ.
25  Mit einem langen Ast von einer Buche,
Den er zur Stange sich zurecht geschnitzt,
Begiebt er sich im Wasser auf die Suche;
Kein Fleck, den er nicht aufwühlt oder ritzt.
Indeß er so mit manchem zorn'gen Fluche
Die Zeit verliert und bei der Arbeit schwitzt,
Taucht aus dem Fluß empor zum Tageslichte
Ein Rittersmann mit grimmigem Gesichte.
26  Barhäuptig war er, sonst in Stahl gerüstet,
Und mit der rechten Hand hielt er empor
Den Helm, nach welchem Ferragu gelüstet,
Denselben Helm, den er vorhin verlor.
Zu Ferragu begann er wie entrüstet
Und sprach: »Wortbrüchiger! meineid'ger Mohr!
Willst du mir immer noch den Helm nicht gönnen,
Den längst ich hätte wiederfordern können? 26
27  »Gedenk', o Mohr, wie du an dieser Stelle
Den Bruder der Angelica erstachst
Und mit den andern Waffen in die Welle
Auch diesen Helm zu senken ihm versprachst.
Ich bin's, und wenn das Glück an deiner Stelle
Den Pact erfüllt hat, den du selber brachst,
So zürne nicht, und mußt du zürnen, Heide,
So zürne dir und deinem falschen Eide.
28  Nach einem älteren Rittergedicht erschlägt Roland bei Aspramont im Zweikampf den Mohren Almont, Bruder des Königs Trojan, und erbeutet von ihm das bekannte Wunderhorn, die gefeite Rüstung, das Schwert Durindane und das Roß Güldenzaum. Der Helm des Mambrin, eines von Rinald besiegten furchtbaren Heidenkönigs, ist durch Don Quijote's Abenteuer sattsam bekannt.  »Fehlt dir ein feiner Helm, so kämpf' um ihn,
Und mach' er dir mehr Ehre dann als meiner.
Solch einen trägt Roland der Paladin,
Solch einen trägt Rinald, vielleicht noch feiner;
Almont trug jenen, diesen trug Mambrin.
Um diese Helme kämpf'; dich hindert keiner;
Doch diesen, den du damals mir verhießest, –
Es wäre gut, wenn du ihn jetzt mir ließest.«
29  Als das Gespenst emporstieg aus den Wogen,
Da sträubte sich dem Mohren jedes Haar;
Die Farbe des Gesichtes war verflogen,
Die Stimm' erstarb im Mund, und als er gar
Von Argalia, ihm den er betrogen,
(Ihr wißt schon, daß es Argalia war)
Den Vorwurf des gebrochnen Worts vernahm,
Da brannt' ihm Wang' und Herz vor Zorn und Scham. 27
30  Im Original schwört der Spanier bei dem Leben seiner Mutter Lanfusa mit einer Reimwirkung, die sich nicht wiedergeben ließ. Der an die Stelle getretene Trivigant kömmt auch sonst im R. Roland als Gott der Saracenen vor, von deren strengem Monotheismus das Mittelalter nicht viel wußte.  Und weil er nichts sich zu entschuld'gen fand
Und wohl einsah, er habe nichts zu sagen,
So blieb er schweigend stehen, wo er stand.
Doch Scham begann am Herzen so zu nagen,
Daß er's verschwor beim großen Trivigant,
Je einen andern Helm im Kampf zu tragen
Als jenen guten, den bei Aspramont
Roland vom Kopfe wegnahm dem Almont.
31  Und besser hielt er diesen neuen Schwur
Als er zuvor es mit dem andern machte.
So bös gelaunt verließ er diese Flur,
Daß er noch Tag' in gift'gem Groll verbrachte.
Roland zu finden, darauf sann er nur,
Ihn suchend, wo er ihn zu treffen dachte.
Rinalden, der die andre Straße schritt,
Spielt' unterdeß das Schicksal anders mit.
32  Wie er des Wegs dahinging, sah er bald
Sein grimmig Roß vor ihm von dannen springen.
»O halt, mein lieber Bajard, mache Halt!
Denn ohne dich wird großes mir mislingen.«
Der Renner aber hört nicht auf Rinald;
Im Gegentheil, er läuft, als hätt' er Schwingen.
Ingrimmig folgt Rinald dem tollen Thier,
Angelica, der flücht'gen, folgen wir. 28
33  Sie flieht durch Wälder, dunkel, wild und kraus,
Durch Oeden ohne Häuser, Pfad' und Stege;
Der Blätter und der Zweige dumpf Gebraus,
Eichbaum und Buch' und Ulm', im Windhauch rege,
Treiben sie fort mit immer neuem Graus,
Hierhin und dorthin, wunderliche Wege;
Bei jedem Schatten, der die Pfade streift,
Denkt sie, es sei Rinald, der sie ergreift.
34  Wie einem zarten Rehkalb wohl geschieht,
Im heimathlichen Busch, das aus dem Strauche
Hervorlugt und die Mutter liegen sieht,
Gewürgt vom Panther, mit zerfleischtem Bauche,
Und vor dem Feind von Wald zu Walde flieht
Und bebt vor Angst und stutzt bei jedem Hauche;
Bei jedem Stumpf, den es berührt im Satze,
Glaubt es sich schon im Schlund der grimm'gen Katze.
35  Die Nacht hindurch und bis zum Mittagschein
Ritt sie im Kreis, nichts ahnend von der Gegend.
Sie kam zuletzt an einen schönen Hain,
Wo Kühle wehte, leicht die Wipfel regend.
Zwei klare Bäche rauschten im Verein,
Das zarte Gras mit ew'ger Frische pflegend,
Und sanft sich brechend an den kleinen Kieseln,
Klang lieblich wie Musik ihr träges Rieseln. 29
36  Hier fühlt sie sich geborgen vor Gefährde
Und von Rinalden tausend Meilen weit.
Von Sommerglut und von des Tags Beschwerde
Etwas zu rasten, scheint ihr an der Zeit.
In Blumen steigt sie ab und gönnt dem Pferde
Ins Gras zu gehn. Der Gaul, vom Zaum befreit,
Beginnt am klaren Wasser hinzuschlendern,
Wo frische Kräuter stehn an Uferrändern.
37  Ein schönes Dickicht sieht sie nah der Stelle,
Wo blüh'nder Dorn und Flor von Rosen sprießt,
Und das am Spiegel der krystallnen Welle
Schattiger Eichen Laub dem Tag verschließt.
Die leere Mitt' ist eine kühle Zelle,
Wo tiefrer Schatten seine Kühl' ergießt,
Und durch das Wirrsal von Geäst und Zweigen
Dringt Sonne nie, von Menschenblick zu schweigen.
38  Da drinnen scheint als Bett für müde Glieder
Der weiche Rasen wie gemacht zu sein.
Das schöne Mädchen legt daselbst sich nieder
Und streckt sich aus und schläft allmählich ein.
Doch lange währt es nicht, da wacht sie wieder;
Wie Hufgetrappel schallt es durch den Hain;
Ganz leis' erhebt sie sich, und späht beklommen,
Und sieht ans Wasser einen Ritter kommen. 30
39  Sie weiß nicht, ist's ein Freund? stellt er ihr nach?
Ihr Herz erbebt von Hoffnung und von Bangen.
Die Lüft' erschüttert nicht ein einzig Ach,
So starr hält die Erwartung sie gefangen.
Der Ritter steigt vom Pferde nah am Bach,
Und auf den einen Arm stützt er die Wangen,
So ganz vertieft in Sinnen, daß es scheint,
Er wär' zu seelenlosem Fels versteint.
40  So hatt' er, Herr, das Haupt gesenkt gehalten
Wohl eine Stunde lang, gebeugt von Gram;
Da von den Lippen, müd' und traurig, hallten
Liebliche Klagen, süß und wundersam,
Um vor Erbarmen einen Stein zu spalten,
Der Tiger, der sie hörte, würde zahm.
Er weint', als ob den Augen Bäch' entquöllen
Und schluchzt', als ob Vulkan' im Busen schwöllen.
41  »O«, rief er, »der Gedank' ist Frost und Glühn,
Der scharfe Dornen mir ins Herz gedrückt hat!
Was soll ich thun? zu spät kömmt all mein Mühn,
Nun doch ein andrer schon die Frucht gepflückt hat.
Ihm wird das volle Glück des Sieges blühn,
Wo mich ein Wort, ein Lächeln kaum beglückt hat.
Winkt mir die Frucht, winkt mir die Blüte nie,
Weshalb denn quäl' ich so mein Herz um sie? 31
42  »Die unberührte Jungfrau gleicht der Rose
Im schönen Garten, wo in stiller Zier
Sie ruhig blüht in ihrem dorn'gen Moose,
Und ferne bleibt der Hirt und sein Gethier.
Des Morgens Thau, der Lüfte sanft Gekose,
Das Wasser und die Erde huld'gen ihr;
Der schlanke Knabe, die verliebte Dirne
Begehren sie zum Schmuck vor Brust und Stirne.
43  »Doch wenn man von der mütterlichen Pflanze
Sie erst entfernt, aus ihrem grünen Nest,
Dann seht, wie mit der Schönheit, mit dem Glanze
Die Gunst der Stern' und Menschen sie verläßt.
So wird die Jungfrau, die aus ihrem Kranze
Von Einem sich die Blume pflücken läßt,
Die mehr sie als ihr Leben sollte hüten,
Wertlos für alle, die um sie sich mühten.
44  »Wertlos für alle, theuer ihm allein,
Den sie verschwenderisch so reich bedachte!
O Undank des Geschicks, grausame Pein!
Ein andrer triumphirt, und ich verschmachte!
Ist's möglich denn ihr nicht mehr hold zu sein?
Möglich, daß ich mein Leben selbst verachte?
O lieber ende heut mein letzter Tag,
Als leben, wenn ich sie nicht lieben mag.« 32
45  Wenn ihr mich fragt, wer war es, der vom Strand
Ins Wasser Thränen schüttet, ungezählte,
So wißt, es war der König Sacripant,
Der von der Lieb' erbarmungslos gequälte,
Und ferner wißt, daß seine Qual entstand,
Weil er sich zur Geliebten die erwählte,
Die jetzt in Dickicht stand, Angelica,
Und sie erkannt' ihn wohl, als sie ihn sah.
46  Fast bis zum Niedergang der Sonne kam
Er ihrethalb vom fernsten Erdenrande.
Er hört' in Indien zu seinem Gram,
Sie folge Roland nach dem Abendlande.
In Frankreich dann erfuhr er und vernahm,
Karl halte sie verwahrt gleich einem Pfande,
Sie dem als Lohn versprechend, der das meiste
Im Kampfe für die goldnen Lilien leiste.
47  Er war im Feld gewesen, hatt' im Streit
Den Kaiser Karl zuvor besiegt gesehen.
Er sucht' Angelica geraume Zeit,
Indessen alles war umsonst geschehen.
Dies also ist die böse Neuigkeit,
Die jetzt ihn jammern macht in Liebeswehen,
In Seufzern, Worten, deren süßer Klang
Beinah die Sonne stillzustehen zwang. 33
48  Wie er so dasteht, kläglich und zerschlagen,
Aus jedem Aug' ein lauer Brunnen thaut,
Und er dies sagt und fortfährt mehr zu sagen,
Was anzuhören euch wohl kaum erbaut,
Will es sein Glück, daß er all seine Klagen
Den Ohren der Angelica vertraut.
So trifft er just den Augenblick, den rechten,
Den tausend Jahre nicht ihm wiederbrächten.
49  Die schöne Dame, die versteckt geblieben,
Lauscht aufmerksam den Seufzern ohne Zahl
Des Manns, der nie ermüdet sie zu lieben;
Auch hört sie heut ihn nicht zum ersten Mal.
Doch fühlt sie nicht zum Mitleid sich getrieben;
Sie hört ihm zu so kalt und hart wie Stahl;
Hat sie doch stets die ganze Welt verachtet
Und keinen jemals ihrer wert geachtet.
50  Doch hier im Wald', ohn' eine Menschenseele,
Schutz anzunehmen, ist sie gern bereit.
Denn wer im Wasser steht bis an die Kehle,
Ist thöricht, wenn er nicht um Hilfe schreit.
Sie meint, wenn sie den Augenblick verfehle,
Sie finde niemals besseres Geleit;
Sie hatte Sacripant in allen Stunden
Als treusten der verliebten Herrn erfunden. 34
51  Doch meint sie keineswegs ihn zu befrein
Von jenen Qualen, die sein Herz verzehren,
Und zum Ersatz das Glück ihm zu verleihn,
Das Liebende vor allem Glück begehren.
Sie will ihn nur mit Trug und Gaukelein
Hinhalten und in ihm die Hoffnung nähren,
Bis sie ihn nicht mehr braucht und ruhig dann
Den alten harten Brauch erneuern kann.
52  Und aus des Dickichts finstrem Hintergrunde
Tritt sie so plötzlich, in so holder Zier,
Als träte Venus aus dem Grottenschlunde
Oder Diana aus dem Waldrevier.
»Friede mit dir,« sprach sie mit sanftem Munde,
»Und Gott verteid'ge meinen Ruf vor dir
Und lasse dich nicht allem Recht entgegen
Von mir so falsche, schlechte Meinung hegen.«
53  Wie Freud' und Schreck die Mutter übermannt,
Wann sie den Sohn erblickt, der zu den Seinen
Nicht wiederkam, seit er im Felde stand,
Den sie als todt schon anfing zu beweinen,
So jubelt' und erstarrte Sacripant,
Als er die hohe Schönheit und den feinen
Anstand und, engelgleich, dies Angesicht
So plötzlich vor sich sah im Tageslicht. 35
54  Er fühlt sein Herz von süßer Sehnsucht wallen;
Zu ihr, die Herrin ihm, ihm Göttin heißt,
Fliegt er, um stracks ihr um den Hals zu fallen,
(Im Land Katai wär' er wohl kaum so dreist.)
Zur Heimat, zu den väterlichen Hallen,
Mit dem Begleiter, kehrt sich schon ihr Geist;
Schon lebt die Hoffnung auf und das Vertrauen,
Sie werd' ihr reiches Schloß bald wiederschauen.
55  Sie giebt ihm Rechenschaft von ihrer Zeit,
Von jenem Tag an, wo in der Levante
Sie ihn um Beistand in dem großen Streit
Zum großen Sericanerkönig sandte,
Und wie Graf Roland oftmals schweres Leid
Und Schand' und Tod von ihrem Haupte wandte,
Und daß ihr Mädchenschatz so fleckenlos
Noch heute sei wie einst im Mutterschooß.
56  Dies konnte wahr sein, doch nicht glaublich war es
Für jemand, der nicht den Verstand verlor.
Er aber hielt's für möglich, hielt für wahr es,
Wie er ja noch auf schlimmren Irrtum schwor.
Wenn wir verliebt sind, sehn wir unsichtbares,
Und was wir sehn kömmt unsichtbar uns vor.
Er glaubte dies; die von der Hoffnung zehren,
Glauben gewöhnlich das, was sie begehren. 36
57  »War in der That der Ritter von Anglant
Ein solcher Thor und ließ die Zeit verstreichen,
So ist der Schade sein; Fortuna's Hand
Wird solch Geschenk ihm schwerlich wieder reichen;
(So sprach in seinem Herzen Sacripant;)
Ich werd' ihm nicht in diesem Stücke gleichen,
Das zu verschmähen, was das Glück mir gab,
Und zu bereuen dann bis an mein Grab.
58  »Ich pflücke mir die junge Morgenrose,
Die, wenn man zaudert, leicht verblühen kann.
Ich weiß, das Weib sehnt sich nach solchem Loose;
Nichts süßres, lieberes thut man ihr an,
Auch wenn es scheint als ob sie sich erbose,
Auch wenn sie klagt und jammert dann und wann:
Nicht hindern soll mich Trotz und Widerstreben.
Dem Wunsch des Herzens Farb' und Fleisch zu geben.«
59  So spricht er, aber als zum frohen Ritte
Er eben rüsten will, da horch erschallt
Ein laut Getös' aus des Gehölzes Mitte,
Und, wenn auch noch so ungern, macht er Halt.
Er setzt den Helm auf, (denn nach alter Sitte
Trägt er den Harnisch immer angeschnallt),
Tritt an sein Pferd und ordnet ihm den Zügel,
Ergreift den Speer und schwingt sich in die Bügel. 37
60  Da kömmt ein Ritter durch den Busch gejagt,
Ein mächt'ger Recke, nach dem Schein zu schließen,
Dem weiß Gefieder auf dem Helme ragt,
Schneeweiß die Falten des Gewandes fließen.
Der gute König, dem es schlecht behagt,
Daß ihn in seiner Hoffnung zu genießen
So unwillkommne Ankunft unterbricht,
Mißt jenen mit ergrimmtem Angesicht,
61  Und fordert ihn, so wie er naht, zum Strauß,
Und denkt, daß der im Nu den Sattel leere.
Der andre aber sieht mir gar nicht aus,
Als ob er um ein Gran geringer wäre.
Er schneidet mittendurch sein stolz Gebraus
Und spornt und kömmt schon mit gesenktem Speere.
Auch Sacripant fährt wie ein Wetter los,
Stirn wider Stirne führen sie den Stoß.
62  Nicht Löwen gehn, nicht gehn erzürnte Stiere
Einander so zu Leib, so grimm und wild,
Wie diese Zwei im hitzigen Turniere,
Und jeder fährt dem andern durch den Schild.
Bei diesem Stoß erbebt rings im Reviere
Bis zu den nackten Höhn das Grasgefild,
Wenn beide nicht vollkommne Rüstung hätten,
So würden sie die heile Brust nicht retten. 38
63  Auch trat der Pferde keines fehl im Lauf;
Sie bockten auf einander wie die Ziegen.
Das Pferd des Heiden ging sofort darauf,
Und war im Leben gut doch und gediegen.
Auch das des andern fiel, sprang aber auf,
Als ihm der Sporn verwehrte still zu liegen.
Des Saracenen Roß lag ausgestreckt
Und er darunter, von der Last bedeckt.
64  Der Fremdling, der noch fest im Sattel ritt,
Sah Roß und Reiter drüben an der Erde
Und dachte wohl, es sei genug damit
Und daß es hier nichts weiter geben werde.
Wo der gerade Weg den Wald durchschnitt,
Sprengt' er davon und gab den Zaum dem Pferde,
Und eh der Heide sich vom Gaul befreit,
Ist jener schon zweitausend Schritte weit.
65  Wie dumpf und starr der Pflüger, wann das Wetter
Vorüberfuhr, sich auf dem Platze regt,
Wo ihn des Himmels mächtiges Geschmetter
Zu den erschlagnen Ochsen hingelegt,
Und sieht die Pappel ohne Schmuck und Blätter,
Die er von fern sonst zu erblicken pflegt,
So fing der Saracen an sich zu regen, –
Und seine Göttin war beim Fall zugegen! 39
66  Er seufzt' und ächzte, nicht weil ihm das Knie
Geschunden war und weil sein Fuß sich klemmte,
Sondern vor Scham, die ihm im Leben nie
Mit solchem Rot das Antlitz überschwemmte,
Ob seines Sturzes und noch mehr, weil sie
Die Last ihm abnahm, die so schwer ihn hemmte.
Ich glaub', er bliebe stumm, so wahr ich lebe,
Wenn sie nicht Stimm' und Sprach' ihm wiedergäbe.
67  »Ei«, sprach sie »Herr, grämt euch nicht allzu sehr;
Die Schuld lag nicht an euch, an eurem Thiere.
Das Pferd war schuld, dem Ruh und Futter mehr
Not thaten als Fortsetzung der Turniere.
Der andre hat davon nicht Ruhm noch Ehr'
Und zeigt ja selbst, daß er nicht triumphire.
Mir wenigstens erscheint die Sache so,
Weil er zuerst das Feld verließ und floh.«
68  Indeß sie dies, um ihn zu trösten, sagte,
Kam mit der Ledertasch' und mit dem Horn
Ein Bote, müd' und ärgerlich, und jagte
In hurtigem Galopp durch Gras und Korn.
Der ritt an Sacripant heran und fragte,
Ob nicht des Wegs vorbei an diesem Born
Ein Ritter kurz vorher den Hain berührte,
Der weißen Schild und weißen Helmbusch führte. 40
69  Der Heide drauf: »Er hat mich eben erst
Hier umgerannt und ist dann fortgeritten.
Und wissen werd' ich, wenn du mich belehrst,
Wie er sich nennt, von dem ich dies erlitten.«
Und jener nun zu ihm: »Was du begehrst,
Sollst du vernehmen, ohne viel zu bitten.
Vernimm, was übern Haufen dich gerannt,
War eines zarten Mädchens Heldenhand.
70  »Tapfer und stark ist sie, und schön noch mehr;
Ihr stolzer Name sei dir nicht verschwiegen.
's ist Bradamante, die dir alle Ehr'
Genommen hat von deinen frühern Siegen.«
So sprach der Mann, und nicht erheitert sehr
Sah der Circassier ihn von dannen fliegen;
Er weiß nicht, was er thun und sagen soll,
Sein Antlitz ganz in Glut vor Scham und Groll.
71  Er suchte lang das Wie und das Warum
Des Falles zu ergründen, aber brachte
Nur dies heraus: ein Mädchen ritt ihn um,
Und weher that's, je mehr er es bedachte.
Er schwang aufs andre Pferd sich still und stumm,
Und ohn' ein Wort zu sagen, hob er sachte
Angelica zu sich aufs Roß, den Schatz
Aufsparend sich für einen stillren Platz. 41
72  So ziehn die beiden ihres Wegs vereint,
Da plötzlich hallt der Forst, durch den sie reiten,
Von solchem Lärm und Brausen, daß es scheint
Als zittre rings der Wald auf allen Seiten.
Und siehe da ein großer Hengst erscheint,
Mit Gold geschirrt, bedeckt mit Kostbarkeiten,
Setzt über Busch und Bäche hin und fegt
Die Bäume weg und was den Weg verlegt.
73  Das Fräulein sagte: »Täuschen nicht die wirren
Gezweig' und dunklen Schatten mein Gesicht,
So ist es Bajard, der mit solchem Klirren
Sich die verschlossne Straße sprengt und bricht.
Ja freilich, Bajard ist's, ich kann nicht irren.
Wie klug das Thier begreift was uns gebricht!
Ein einz'ger Gaul für zwei ist wenig schicklich,
Und uns zu helfen eilt er augenblicklich.«
74  Der Saracen steigt ab in aller Eil:
Wenn er den Gaul nur erst am Zügel hielte!
Doch der antwortet mit dem Hintertheil,
Das wie der Blitz nun mit den Hufen spielte.
Sie trafen nicht, das war des Ritters Heil;
Weh ihm, wenn Bajard einmal richtig zielte!
Denn in den Hufen hat er solche Kraft,
Daß, wenn er trifft, ein Berg von Stahl zerklafft. 42
75  Dann kömmt er zu dem Fräulein fromm und gern
Mit sanftem Ausdruck, ganz nach Menschenweise,
So wie der Haushund tänzelt um den Herrn,
Der ein'ge Tage fort war auf der Reise.
Bajard erkennt sie; in Albracca fern
Hat selbst sie ihn verpflegt mit Trank und Speise,
Damals, als noch Rinald ihr theuer war
Und er so grausam und so undankbar.
76  Sie nimmt den Zügel Bajards in die Linke
Und klopft ihm mit der Rechten Hals und Bug.
Fromm wie ein Lamm fügt er sich jedem Winke,
Denn dieser Gaul war zum verwundern klug.
Der Heide nimmt es wahr, schnell steigt der flinke
Auf Bajard, stößt und hält ihn stramm genug,
Und statt des Zelters Kruppe zu bedrücken,
Kann jetzt das Fräulein in den Sattel rücken.
77  Zufällig schaut sie um, und Zorn und Schmerz
Erglühn in ihr, denn ein gewalt'ger derber
Fußgänger klirrt daher in Stahl und Erz;
Sie kennt ihn wohl, Rinald, den läst'gen Werber.
Er liebt sie zärtlich wie sein eigen Herz,
Sie flieht und haßt ihn wie das Huhn den Sperber.
Einst hat er sie gehaßt mehr als das Grab,
Sie ihn geliebt: jetzt lösen sie sich ab. 43
78  Und das bewirkten (um den Grund zu nennen)
Zwei Quellen von verschiedenart'ger Flut,
Die nah beisammen sind in den Ardennen.
Der eine Quell entzündet Lieb' im Blut,
Wer von dem andern trinkt, wird nicht mehr brennen,
Und kalt wie Eis wird seine erste Glut.
Aus jenem trank Rinald, und Lieb' erfaßt' ihn,
Angelica aus diesem, und sie haßt ihn.
79  Dies Wasser mit geheimem Gift versetzt,
Durch welches Haß aus Liebe wird geboren,
Bewirkt, daß ihre hellen Augen jetzt,
Wie sie Rinalden sieht, sich schwarz umfloren.
Die Stimme zittert ihr, sie schaut entsetzt,
Und himmelhoch wird Sacripant beschworen,
Er soll nicht warten auf den Paladin
Und ohne Zeitverlust mit ihr entfliehn.
80  Agrican, der Tartarenkönig, hielt Angelica in ihrem Schlosse Albracca belagert; Sacripant verteidigte, wie Bojardo erzählt, das Schloß mit einem Häuflein seiner Leute gegen einen nächtlichen Angriff der Feinde. Der Sohn und Erbe des Königs Agrican, Mandricard, spielt hernach in unserem Gedichte eine hervorragende Rolle.  »Es scheint,« sprach Sacripant, »nach eurer Klage,
Ihr schätzet so gering mich, so gemein,
Daß ich die Kraft nicht hab' und es nicht wage,
Euer Beschützer wider den zu sein.
Habt ihr denn schon Albracca's Schlachtentage
Vergessen und die Nacht, wo ich allein,
Allein und nackt euch wußte zu bewahren
Vor Agrican und allen seinen Scharen?« 44
81  Kein Wort erwidert sie. Wohin entweichen?
Denn allzu nahe schon ist jetzt Rinald.
Von ferne droht er schon mit scharfen Streichen,
Wie er das Pferd sieht; denn er kennt es bald.
Er kennt auch das Gesicht der Engelgleichen,
Für die sein Herz in Feuersbrünsten wallt.
Was weiter vorfiel zwischen diesen Helden,
Will ich im folgenden Gesange melden. 45

 


 

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