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Rasender Roland, Band 1

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typeepos
booktitleRasender Roland, Band 1
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 1
pages456
created20150520
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einleitung.

Wenn Homer den Zorn des Peleïden Achilleus singt, braucht er seinen Hörern nicht erst zu sagen, wer Achilleus war oder wo Ilium lag oder weshalb die schöngeschienten Achäer die Stadt des Königs Priamos belagerten. Seine Hörer wissen das alles so gut wie er selbst; sie kennen, ehe der erste Gesang anhebt, alle bedeutenden Personen der Geschichte, Nestor und Agamemnon, Paris und Helena, Ajax und Hector, und wie die Personen kennen die Hörer auch den ganzen Zusammenhang der Ereignisse, von deren Verlauf der Inhalt der Ilias nur einen kurzen Abschnitt darstellt. Der Vortheil, der hierin liegt, ist unberechenbar, wennschon Homer ihn ohne Berechnung benutzt, vielmehr als etwas sich von selbst ergebendes hingenommen haben wird. Das Epos gewinnt durch diese Behandlung des Stoffs als eines bekannten und fest überlieferten etwas von der Dignität der Geschichte; es löst sich ab von der persönlichen Willkür des Dichters, der nur als der Verkünder, nicht als Erfinder der denkwürdigen Begebenheiten erscheint. Die Erzählung, obwohl sie nur eine Episode des großen Weltlaufes giebt, öffnet stete Ausblicke in den 2 Hintergrund dieses Weltlaufs selbst, und weil die Hörer mit letzterem vertraut sind, fühlen sie sich fortwährend auf einer Art festen Bodens mitten im Reiche der Phantasie.

Ariost greift seine Sache ganz ähnlich an, ob mit Berechnung oder einem künstlerischen Instincte folgend, bleibe dahin gestellt. Gleich wenn er anfängt, werden Roland und Angelica, Rinald und das Roß Bajard, Ferragu und Sacripant, als die dem Leser ja hinlänglich bekannten Gestalten vorgeführt. Daß König Agramant den großen Heereszug nach Paris unternahm, um seines Vaters Tod zu rächen, ist eine Thatsache, deren Kunde bei jedermann vorausgesetzt werden darf. Und so geht es durch das ganze Gedicht; jede Anspielung auf frühere Begebenheiten, auf künftige Dinge, auf die Verwandtschaften, die Pferde, die Waffen der Helden wird in dem Tone vorgetragen, als ob es eigentlich überflüssig wäre, an dergleichen noch ausdrücklich zu erinnern. Manchmal geschieht dies nun allerdings mit schalkhafter Ironie, aber in den meisten Fällen setzt der Dichter ganz ernstlich die Kenntniß seiner Leser voraus, und er befand sich in der vortheilhaften Lage, dies thun zu dürfen. Sein Zeitalter besaß noch einen Schatz cyclisch zusammengehörender Sagen und Romane, der im Gedächtniß und in der Phantasie des Volks lebendig geblieben war und in welchen der Dichter hineingreifen konnte, wie Homer in den trojanischen Sagenkreis. Die einzelnen Abenteuer, welche er vortrug, mochten neu, vielleicht von ihm erfunden sein, aber die allgemeinen Verhältnisse, die vornehmsten 3 unter den handelnden Personen, deren entscheidende Schicksale waren ebenso überliefert, wie das Costüm des verfeinerten occidentalischen Rittertums, in welchem sich diese ganze, in die Zeiten Karls des Großen verlegte Fabelwelt bewegte.

Ariost ging noch einen Schritt weiter. Er nahm auch die Dichter und Romanschriftsteller seines eigenen Zeitalters, welche Stoffe aus der Karls- und Rolandssage zu selbständigen Werken versponnen hatten, beim Worte und stellte sich, als ob er ihren Erfindungen denselben Wert wie der alten Überlieferung beilege. Dies muß zu der Zeit, wo jene Werke allgemein in frischer Erinnerung waren, einen höchst ergötzlichen Eindruck gemacht haben. In erster Reihe unter den so treuherzig behandelten Autoren steht Bojardo, der nicht bloß im Allgemeinen als Ariost's unmittelbarer Vorläufer zu bezeichnen ist, sondern ohne Zweifel den Ruhm in Anspruch nehmen kann, daß ohne ihn der »Rasende Roland« nie entstanden sein würde. Der »Rasende Roland« ist, stofflich betrachtet, geradezu die Fortsetzung des »Verliebten Roland«, wie künstlerisch betrachtet, der »Verliebte Roland« die Vorstufe der im »Rasenden Roland« erreichten Höhe ist. Nicht allein kommen die Personen des Ariost, d. h. diejenigen welche eine irgend erhebliche Rolle spielen, sämmtlich beim Bojardo vor, (dagegen könnte man einwenden, daß auch Bojardo viele derselben älteren Quellen entlehnte,) sondern sie haben auch die von Bojardo ihnen zugeschriebenen Schicksale erlebt und sie tragen die Physiognomie, die Bojardo ihnen gegeben hat, mit dem Unterschiede 4 freilich, der zwischen der anmutigen Unbeholfenheit des früheren und der sicheren Grazie des späteren Poeten besteht.

Bojardo hatte sein Gedicht am Hofe des Herzogs Hercules I. von Este zu Ferrara vorgelesen, als Ariost ein kleines Kind war. Ein Menschenalter nach Bojardo's Tode (1481), im zweiten Jahrzehnt des sechzehnten Jahrhunderts hatte der Hof des Herzogs Alfons I. von Este das Vergnügen, den »Rasenden Roland« kennen zu lernen. (Die älteste Ausgabe ist vom Jahre 1517) Man darf glauben, daß damals das Werk Bojardo's in Ferrara in hohem Ansehen stand und viel gelesen wurde. Heutzutage wird es, zumal deutschen Lesern gegenüber, nützlich sein, die Erinnerung an den »Verliebten Roland« etwas aufzufrischen, wenn auch nur so viel, um die hauptsächlichen Fäden zu zeigen, die Ariost aus seines Vorgängers buntem Vorrate in sein Gewebe hinübergeleitet hat.

Bojardo wollte von drei gefährlichen Angriffen des Heidentums auf das Reich Karls des Großen erzählen. Der große König oder Kaiser von Katai (China) Galafron hat einen Anschlag ersonnen, um sämmtliche Paladine und Helden des fränkischen Hofs in seine Gewalt zu bringen. Seine Tochter Angelica ist das schönste Mädchen unter der Sonne: wie sie mit ihrer Leibwache von Riesen in Paris bei einem großen Turniere erscheint, sind alsbald alle Ritter von Liebe entflammt, Christen und Saracenen, und alle drängen sich herzu, die Probe zu bestehen, von der sie ihre Gunst abhängig macht. Wer sie besitzen will, der muß im 5 Lanzenrennen ihren Bruder Argalia besiegen, wer besiegt wird, bleibt ihr Gefangener. Argalia ist ein Ritter von großer Tapferkeit, was aber mehr ist, Galafron hat ihm einen undurchdringlichen Harnisch, eine unfehlbar siegende Lanze mit goldener Spitze und das Roß Rabican, das schnellste aller irdischen Geschöpfe, mitgegeben. Trotzdem scheitert der Plan. Denn unter den ersten Kämpfern, die vor der goldenen Lanze den Sattel räumen, befindet sich der spanische Saracen Ferragu, dessen trotziges Ungestüm alle Berechnung zu Schanden macht. Gegen das Abkommen setzt er den Kampf mit dem Schwerte fort, und es gelingt ihm, der unverwundbar und von riesiger Stärke ist, den Argalia trotz des gefeiten Harnisches zu tödten. Sterbend bittet Argalia den Sieger ihn mit seiner Rüstung im nahen Flusse zu versenken, damit es nie ruchbar werde, daß er im Besitze solcher Waffen sich habe überwinden lassen. Ferragu verheißt es ihm; nur den Helm will er auf vier Tage borgen, um im Feindeslande unerkannt umherstreifen zu können. (Gleich im ersten Gesange des R. R. knüpft Ariost an diese Scene an.)

Ferragu, Roland und Rinald, Haimons Sohn, ziehen nun im Lande umher, die mittlerweil entflohene Angelica zu suchen. Angelica hat sich nach dem Ardennerwalde geflüchtet, wo Rinald zuerst ihr begegnet, nachdem zuvor an beiden ein seltsamer Zauber mächtig geworden ist. Im Ardennerwalde fließen zwei Quellen, deren eine Haß, die andere Liebe erzeugt; von jener hat Rinald, von dieser Angelica getrunken. Die Folge ist, daß sie, von dem entzauberten 6 Ritter verschmäht, voll Grimm und Verzweiflung von den ihr dienstbaren Dämonen sich nach Katai zurücktragen läßt, Rinald wieder nach Paris reitet, wo er findet, daß der Kaiser um so dringender sein bedarf, als Roland, nur der Liebe folgend, die schöne Prinzeß im fernen Morgenlande aufzusuchen beschließt. Ferragu aber wird von Flordespin, der Tochter seines Königs Marsil, schleunig nach Spanien zurückgerufen, welches diesmal zugleich mit Frankreich von einer furchtbaren Gefahr bedroht wird.

Gradasso, der König von Sericane, der bereits zweiundsiebzig Reiche unterworfen hat, kann sich nicht zufrieden geben, weil das beste Pferd und das beste Schwert der Erde ihm nicht gehören. Das Roß Bajard besitzt Rinald; Roland hat das Schwert Durindane; um diese beiden Schätze zu gewinnen beschließt er das Abendland zu unterwerfen. Mit zahllosen Völkern, Reisigen und Elephanten zieht er durch Afrika nach Spanien, besiegt König Marsil, nimmt Ferragu und alle spanischen Ritter gefangen, und fällt dann mit den Spaniern, die seine Vasallen werden, in Frankreich ein. Umsonst stellt Kaiser Karl ihm seine Streitmacht unter Rinalds Oberbefehl entgegen; Rinald wird (durch einen sogleich zu erwähnenden Zauberspuk) dem Christenheere entführt; die Franken werden geschlagen, der Kaiser und seine Paladine geraten in Gefangenschaft, und Gradasso rückt vor Paris. Hier eröffnet er dem gefangenen Kaiser, daß er ihm die Freiheit und das Reich zurückgeben werde, wenn jener ihm Bajard und Durindane ausliefere. Durindane ist mit 7 Roland in Asien, aber Bajard, von Rinald zurückgelassen, befindet sich in Paris, und seufzend giebt Karl den Befehl, das edle Thier ins Lager zu führen. Da erscheint unerwartet ein Retter. Einer von den Paladinen ist, weil Karl vor dem Kampf ihn wegen Insubordination mit Haft bestraft hatte, der Gefangenschaft in Gradasso's Lager entgangen; das ist Astolf, der junge Sohn des Königs Otto von England, schön, beherzt, wenn auch ein wenig ruhmredig, in keiner Weise aber dem gewaltigen Streiter Gradasso, dem stärksten Ritter Asiens, gewachsen. Gleichwohl will er Bajards Auslieferung ohne eine letzte Waffenprobe nicht zugeben. Er fordert Gradasso zum Zweikampf mit der Bedingung, daß der Sericaner, falls er unterliege, seine Gefangenen freigeben und mit seinem Heere abziehen solle. Ohne es zu wissen, hat Astolf die Waffe, die ihm den Sieg verbürgt, in der Hand. Als Argalia fiel, blieb die goldene Zauberlanze herrenlos im Lager zurück, wo Astolf sich unter den gefangenen Besiegten befand. Er eignete sich die schöne Waffe an, und in ihrem Besitze hebt er Gradasso aus dem Sattel. Der König von Sericane kehrt hierauf in die Heimat zurück, sich jedoch vorbehaltend, durch persönlichen Kampf mit Roland und mit Rinald ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Astolf reitet auf Bajard von dannen, um Roland aufzusuchen und mit ihm Abenteuer zu bestehen.

Inzwischen war Angelica in Katai wieder angelangt. Von den Königen Asiens begehren mehrere ihre Hand, vor allen Agrican, der große Kaiser und König der Tartarei, 8 welcher Katai mit Feuer und Schwert zu verwüsten droht, wenn sie ihm verweigert wird. Der alte und ruheliebende Galafron redet der Tochter zu, dem Agrican seinen Willen zu thun; sie aber, über alle Maßen stolz und spröde, nur für Rinald brennend, weigert sich hartnäckig und schließt sich, um allem Drängen zu entgehen, in ihrer Veste Albracca ein, welche nun der Mittelpunkt ungeheurer Kämpfe und wunderbarer Abenteuer wird. Agrican kömmt mit Hunderttausenden, um sie mit Gewalt zu erobern; andere Könige eilen ihr zu Hilfe, vor allen Sacripant der Circasser, der sie glühend liebt, und zu diesen heidnischen Potentaten gesellen sich bald berühmte christliche Ritter, Roland, Astolf von England, Grifon und Aquilant, Olivers tapfere Zwillingssöhne, und andere. Angelica weiß alle, namentlich Roland, durch schmeichlerische Versprechungen an ihren Dienst zu fesseln; denn die Gefahr ist groß; zwar fällt Agrican durch Rolands Schwert, aber fast noch furchtbarer bedroht sie die unbesiegbare Königin Marfisa, die ihr den Tod geschworen hat und mit ihrem Heere vor Albracca erscheint. (Marfisa ist ausgezogen, um drei Könige gefangen zu nehmen, Agrican, Gradasso und Karl den Großen.) Angelica, darüber nachsinnend, wie es ihr gelingen möchte auch Rinald nach Albracca zu führen, erinnert sich, daß sich unter den Rittern, die sie gefangen aus Frankreich nach Katai brachte, Rinalds Vetter, der zauberkundige Malagis, befindet. Ihm verspricht sie die Freiheit, wenn er ihr Rinald zur Stelle schafft; sie läßt ihn von ihren Dämonen nach 9 Barcelona bringen, und dort setzt nun Malagis jenes Gaukelspiel in Scene, durch welches Rinald dem gegen Gradasso im Felde liegenden christlichen Heere entführt wird. Rinald und Gradasso hatten ein Stelldichein am Strande verabredet; aber ehe der König von Sericane eintrifft, hat Malagis seinen Vetter durch Geisterspuk auf ein Schiff gelockt, das ihn ohne Segel und Ruder nach dem Morgenlande bringt. Indeß sein Abscheu gegen Angelica bleibt unverändert; er betheiligt sich nicht an der Verteidigung Albracca's, sondern kehrt, nachdem er in Asien viele wunderbare Abenteuer bestanden hat, mit Grifon und Aquilant und mit Astolf, der ihm seinen Bajard zurückgiebt, ins Abendland zurück, dem Paladin Dudo, des Dänen Holger Sohn, folgend, den Kaiser Karl, von einem neuen Angriffe der Heiden bedroht, ausgesandt hat, um Roland und Rinald zu suchen. Roland, von seiner Liebe zu Angelica gefesselt, kann sich noch nicht entschließen, nach Frankreich zurückzukehren; Angelica aber, die seiner Hilfe ferner nicht zu brauchen glaubt, schickt ihn auf ein Abenteuer aus, in welchem er nach ihrer Meinung umkommen muß. Er soll die Fee Fallerina aufsuchen, die in ihrem Garten ungeheuerliche Gefahren für jeden, der ihn betritt, in Vorrat hat. Die Fee Fallerina weiß aus ihren Zauberbüchern, daß ein Mann aus dem Westen, Roland mit Namen, der am ganzen Leibe gegen Stahl und Feuer gefeit ist, ihren Garten zerstören wird, und sie hat alle ihre Kunst aufgeboten, um sich gegen diesen Feind zu schützen. Sie hat namentlich ein Schwert zubereitet, Balisarde mit 10 Namen, eigens um Roland zu tödten, und dieser Waffe die Eigenschaft, jeden Zauber zu überwinden, verliehen. Nach unerhörten Kämpfen besiegt Roland alle Riesen und Ungeheuer der Fee und kehrt mit dem eroberten Wunderschwerte nach Albracca zurück, wo mittlerweile die Lage sich sehr zum Schlimmen verändert hat.

Alle wilden Völker Asiens bestürmen die Veste; Sacripant ist fast der einzige, der noch bei der schönen Prinzeß ausharrt; auch ihn muß sie schließlich entbehren, da die steigende Not sie zwingt ihn nach Sericane zum König Gradasso um Hilfe zu senden. Das schlimmste aber ist, daß sie während Rolands Abwesenheit ihren größten Schatz und Trost, in dessen Besitz sie selbst Marfisa's Zorn verachten konnte, verloren hat. Sie besaß einen Ring, der, am Finger getragen, jeden Zauber unwirksam, im Munde getragen, den Besitzer unsichtbar machte. Dieser Ring ist ihr vom Finger gestohlen worden, und das ist so zugegangen.

Der oberste Beherrscher aller Mohren Afrika's ist König Agramant von Biserta, aus einem von Alexander dem Großen abstammenden Geschlechte. Schon lange besteht zwischen seinem Hause und Frankreich Feindschaft. Sein Großvater Agolant ist im Kampfe mit den Christen gefallen; sein Oheim Almonte wurde bei Aspramont im Burgunderlande von Roland erschlagen, der des Gefallenen berühmtes Horn, das Schwert Durindane, die gefeite Rüstung und das Roß Güldenzaum bei diesem Siege erbeutete. Endlich ist Agramant's Vater König Trojan durch Rolands Hand 11 umgekommen. Als Agramant, der beim Tode des Vaters sieben Jahre alt war, zum Jüngling heranreift, versammelt er die ihm untergebenen zwei und dreißig Könige in Biserta und eröffnet ihnen, daß er, um Trojan zu rächen, alle Heerscharen Afrika's und Spaniens nach Frankreich zu führen beabsichtige. Die Nachricht von diesem Unternehmen war der Grund, weshalb Kaiser Karl den frommen Dudo aussandte, in Asien die Paladine aufzusuchen und sie heimzurufen. Aber Agramant vernimmt von einem Priester Apollo's, daß er in Frankreich nichts ausrichten werde, wenn nicht der junge Roger, sein Schwestersohn, ihn begleite. Agramant weiß von diesem Schwestersohne nichts; derselbe ist, so eröffnet ihm der Priester, als Säugling mit einer Zwillingschwester aus dem Schooße der sterbenden Mutter von einem Zauberer Namens Atlas aufgehoben und auf dem Berge Carena, verborgen vor aller Welt, in einem herrlichen, aber unnahbaren, ja für Sterbliche nicht einmal sichtbaren Schlosse erzogen worden. Durch seine astrologischen Studien weiß Atlas, daß Roger, wenn er nach Frankreich gehe, Christ werden und durch Verrat den Tod finden werde. Er wird daher alle seine Kunst aufbieten, ehe er dem Könige gestattet, den Jüngling mitzuführen oder auch nur zu entdecken. Nur ein Mittel giebt es, diese Schwierigkeit zu besiegen. Die Tochter des Kaisers von Katai besitzt einen Ring, der alle Zauberkünste zu Schanden macht; wenn der König den erlangen könnte, würde er Roger leicht finden. Ein zweiter Autolycus, ein Diebsgenie ersten Ranges, Brunel mit Namen, Sklave 12 eines der afrikanischen Könige, erbietet sich den Ring zu holen. Er begiebt sich nach Albracca, streift glücklich der Angelica, während sie der Schlacht zusieht, den Goldreif vom Finger und stiehlt nebenher auf seiner Rückkehr noch dem Sacripant unter dem Leibe sein Pferd »Frontalatte (Milchstirn)«, der Königin Marfisa ihren Degen, und dem ihm begegnenden Roland das Schwert Balisarde und Almonte's Horn. Obwohl von Marfisa Wochen lang verfolgt, gelangt er auf dem gestohlenen Pferde glücklich nach Biserta, und mit Hilfe des Ringes wird Roger gefunden und für das Heer Agramants gewonnen. Ihm überläßt Brunel das Pferd und Balisarde; seinerseits belohnt Agramant den Brunel, indem er ihm das Königreich Tingitanien schenkt.

Ihres Ringes beraubt, von Sacripant getrennt begrüßt Angelica den siegreich zurückkehrenden Roland als ihren letzten Hort und Retter. Aber er erklärt ihr, daß seines Bleibens in Albracca nicht ferner sei, da sein Kaiser ihn nach Frankreich zurückgerufen habe. So entschließt sie sich, ihn zu begleiten, und beide begeben sich auf die Reise gen Westen. Nach allerlei Wechselfällen langen sie in Frankreich an, wo bereits der Krieg in vollen Flammen steht. Der wildeste und tapferste von Agramant's Vasallen, König Rodamonte (so schreibt ihn Bojardo) von Algier, des Riesen Ulien Sohn, ist schon, ehe Roger gefunden wurde, in der Provence gelandet und hat den Christen schwere Verluste beigebracht, als Rinald und Dudo heimkehren. Dudo wird von Rodomont gefangen genommen und nach Algier 13 geschickt; Rinald gerät, den furchtbaren Mohren suchend, in den Ardennerwald und trinkt diesmal aus der Liebe erzeugenden Quelle, so daß er, als Roland und Angelica anlangen, der letzteren mit stürmischer Bewerbung naht. Sie aber hat inzwischen aus der Quelle des Hasses getrunken und verabscheut ihn. Ein furchtbarer Zweikampf findet zwischen ihm und Roland statt; Kaiser Karl trennt die Streiter, giebt Angelica in Gewahrsam des alten Herzogs Naims von Baiern und verspricht sie als Siegespreis demjenigen, der im Kampfe gegen Agramant die besten Dienste leisten wird. Denn mittlerweile ist der afrikanische Monarch und ist mit ihm König Marsil von Spanien, jeder mit einem Gefolge von Unterkönigen, in Frankreich eingefallen; bereits ist der Herzog Haimon im Schlosse Montalban von den spanischen Saracenen hart bedrängt; aus dem ganzen Abendlande eilen Fürsten und Ritter nach dem bedrohten Landstriche am Fuße der Pyrenäen; eine ungeheure Schlacht entspinnt sich, in welcher die Christen geschlagen werden; der Kaiser flüchtet nach Paris, und bald sieht sich die Hauptstadt dem Ansturm der ganzen heidnischen Macht ausgesetzt. Hier bricht bei Bojardo plötzlich der Faden der Erzählung, die bis zu Rogers Tod fortgeführt werden sollte, ab, und hier nimmt Ariost ihn auf. Zu erwähnen sind jedoch noch einige Einzelheiten, weil an sie im »Rasenden Roland« angeknüpft wird.

Roland wird während der Schlacht durch ein Zauberblendwerk dem Kampfe entrückt und erst nach der Niederlage der Christen von Brandimart (dem Patroklus dieses Achills) befreit. Am Schlusse des Bojardo'schen Gedichts befindet er sich mit Brandimart in Paris, die Stadt gegen die Wut Rodomont's und der anderen saracenischen Helden verteidigend.

Rinald hat in der Schlacht Wunder der Tapferkeit verrichtet; zuletzt gerät er mit dem jungen Roger, der alles vor sich niederwirft, zusammen. Roger hat sein Pferd verloren, und Rinald steigt deshalb ab, um zu Fuße mit ihm zu fechten. Da er die Seinen unaufhaltsam fliehen sieht, verabschiedet er sich höflich bei Roger, um seinem Lehnsherrn zu folgen, als er aber seinen Bajard besteigen will, sträubt dieser sich und rennt in den Wald, wohin Rinald ihm folgt. Vorher hat Rinald u. a. mit Ferragu gefochten und diesem so zugesetzt, daß derselbe müde und durstend sich zurückzieht. Im Begriffe aus einem Flusse zu trinken, läßt er seinen Helm ins Wasser fallen und ist, während die andern kämpfen, beschäftigt, ihn wiederzusuchen.

Rinaldens ritterliche Schwester, die schöne Bradamante, besteht eben einen Strauß mit dem furchtbaren Rodomont, als sie die Nachricht von des Kaisers Flucht erhält. Auch sie möchte sich nun verabschieden, aber Rodomont, minder höflich als Roger, will sie nicht ziehen lassen. Da kömmt Roger hinzu, legt sich ins Mittel und geleitet das Mädchen, das er für einen Jüngling hält, auf die Straße nach Paris. Im Verlaufe ihres Rittes geben sie sich beiderseits Kunde von einander, und in beider Herzen entbrennt die Liebe. Aber im Getümmel eines Ueberfalls werden sie von einander 15 getrennt und finden sich nicht wieder. Roger, von einem Zwerge zu einem geheimnißvollen Abenteuer abberufen, verschwindet unseren Blicken; Bradamante, die in dem Getümmel am Kopfe verwundet worden ist, wird von einem Klausner »wie ein Knabe geschoren« und dann verbunden und geheilt. Schlafend im Walde, wird sie von König Marsils schöner Tochter, die zur Jagd ausgeritten ist, angetroffen, für einen Ritter gehalten und alsbald leidenschaftlich geliebt. (Bojardo bemerkt, daß die heidnischen Könige ihre Weiber in den Krieg mitzunehmen pflegen.)

Von den Paladinen fehlt einer, Astolf von England, in der Schlacht. Bei der Heimkehr von Asien, mit Rinald und Dudo, gerät er in die Schlingen der Fee Alcina, die, von Liebe zu dem schönen Jüngling entflammt, ihn auf einem ungeheuren Walfisch durch das Meer entführt.

Grifon und Aquilant, die beiden von Vögeln geraubten und von Feen auferzogenen Zwillinge des Markgrafen Oliver, werden von ihren Beschützerinnen, welche wissen daß sie in Frankreich umkommen würden, am Nil zurückgehalten durch einen Kampf mit dem Unholde Orril, der ein Krokodil mit Menschen füttert und dem nicht beizukommen ist, weil er die ihm abgehauenen Glieder sofort wieder ansetzt. Das Krokodil tödten die beiden Brüder zwar, aber dem Orril gegenüber sind sie ratlos, als auf dem Kampfplatze ein Ritter erscheint, der einen Riesen an einer Kette hinter sich her führt.

Der von Roland erschlagene Agrican, Kaiser der Tartaren, hinterläßt einen Sohn, Mandricard, der von so wilder, kriegerischer Sinnesart ist, daß er alles, was die Waffen nicht zu führen vermag, umbringen lassen will. Als aber ein alter Mann ihm vorwirft, daß er, der seine Unterthanen tödte, den erschlagenen Vater nicht räche, geht er in sich und macht sich unbewaffnet auf den Weg nach Westen, um Roland aufzusuchen. In Syrien gerät er in ein Zauberschloß, in welchem die Waffen Hectors aufbewahrt werden; nur das Schwert, Durindane, ist verloren gegangen und befindet sich nach vielen Wechselfällen in Rolands Besitz. Viele Helden, die vergebens versucht haben die berühmteste aller Rüstungen zu gewinnen, sind gefangen in dem Schlosse, unter ihnen Sacripant, Gradasso, Grifon und Aquilant. Alle diese befreit Mandricard, indem er die furchtbaren Wächter des Hortes besiegt; mit Hectors Rüstung angethan zieht er weiter, begleitet von Gradasso, schwörend nie ein anderes Schwert zu gebrauchen als Durindane. So kommen diese beiden, (abgesehen von Rodomont) furchtbarsten Heidenkrieger ins Lager Agramant's, als eben der Angriff auf Paris beginnen soll. Unterwegs hat noch Mandricard des Königs von Damascus, Norandins, Gemahlin Lucina aus den Klauen des Ogers (Orco) befreit.

So stehen die Sachen in dem Augenblicke wo Ariost anhebt.

 


 

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