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Rasender Roland, Band 1

Ludovico Ariosto: Rasender Roland, Band 1 - Kapitel 15
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typeepos
booktitleRasender Roland, Band 1
authorLudovico Ariosto
translatorOtto Gildemeister
year1882
firstpub1882
publisherWilhelm Hertz
addressBerlin
titleRasender Roland, Band 1
pages456
created20150520
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehnter Gesang.

Geschichte der Isabella von Galizien und des Prinzen Zerbin von Schottland (1–31). Befreiung Isabella's durch Roland (32–44). Bradamante erfährt von Melissa Rogers neue Gefangenschaft und macht sich auf, ihn zu befreien (45–55). Verherrlichung der Frauen des Hauses Este (56–73). Bradamante läßt sich vom Atlas fangen (74–79). Heerschau Agramants (80–83).

Die alten Ritter hatten gute Tage,
Als man in jedem Thal, an jeder Bucht,
In dunklen Höhlen, in dem wilden Hage,
In Schlangen- Bären- oder Löwenschlucht
Das antraf, was der Kenner heutzutage
In stolzen Schlössern oft vergebens sucht,
Frauen, die kaum des Lebens Mai berühren
Und schon mit Recht der Schönheit Titel führen.
Ich hab' erzählt, wie in der Höhle dort
Roland ein Mädchen fand von funfzehn Jahren,
Und daß er fragte, wie sie an den Ort
Gekommen sei. Sie, (um jetzt fortzufahren)
Nach langem Schluchzen, nahm zuletzt das Wort
Und that dem Paladin mit ihrer klaren
Und süßen Stimm' all ihre Not zu wissen,
Der Kürze, wie sie konnte, stets beflissen. 371
»O Ritter, (hob sie an) es kann nicht fehlen,
Daß für mein Reden Unheil mich bedroht;
Denn diese Alte wird es dem erzählen,
Der mich gefangen hält in dieser Not;
Doch will ich dir die Wahrheit nicht verhehlen,
Und in den Abgrund reiße mich der Tod!
Welch bessern Trost könnt' ich zu hoffen wagen,
Als daß er bald beschließt mich zu erschlagen?
»Ich heiße Isabell', in vor'gen Tagen
War ich des Königs von Galizien Kind;
Ich war's; sein bin ich, darf ich nicht mehr sagen,
Weil Gram und Leid jetzt meine Herren sind,
Durch Amors Schuld; nur ihn kann ich verklagen,
Die unheilvollen Ränke, die er spinnt.
Denn hold im Anfang lockt' er mich zum Glücke,
Und im verborgnen spann er Trug und Tücke.
»Einst lebt' ich froh und brauchte nichts zu missen,
Jung, schön und reich, mein Ruf und Name rein;
Jetzt bin ich elend, arm, in Staub gerissen,
Und giebt es schlimmre Not, so ist sie mein.
Jedoch du sollst die erste Wurzel wissen,
Die dies erzeugt hat, all die bittre Pein,
Und ob ich deine Hilf' auch nie erführe,
Mir gilt schon viel, wenn ich dein Mitleid rühre. 372
»Wir hatten in Bayonne ein groß Turnier,
(Von dem mich heute schon zwölf Monde trennen;)
Aus vielen Ländern kamen voll Begier,
Gelockt vom Ruf, die Ritter zu dem Rennen.
Ich weiß nicht, zeigte so die Lieb' es mir,
Oder giebt Tugend selbst sich zu erkennen?
Vor andern einzig Lobes wert erschien
Des großen Schottenkönigs Sohn Zerbin.
»Wie ich ihn alle Proben sah bestehen,
Schier wundervolle, edler Reiterei,
Fing Amor mich, und eh ich's mich versehen,
Merkt' ich, daß ich nicht mehr mein eigen sei.
Viel Leids ist durch die Liebe mir geschehen,
Eins aber tröstet mich und steht mir bei,
Daß ich mein Herz an nichts unlautres wandte,
Nein an das beste, was die Erde kannte.
»An Schönheit war Zerbin, an Kraft und Mut
Vor allen Rittern herrlich und vollkommen.
Er zeigte sich und war mir (glaub' ich) gut,
Nicht weniger als ich in Lieb' entglommen.
Auch fehlt' es nicht der beiderseit'gen Glut
An Boten, die wir oft in Dienst genommen,
Als wir, den Augen nach, uns trennen mußten,
Da doch die Herzen stets vereint sich wußten. 373
»Er fuhr nach Schottland, und ich blieb allein,
Als man dem großen Fest ein Ende machte.
Wenn du die Liebe kennst, kennst du die Pein,
Womit ich Tag und Nacht an ihn gedachte.
Nicht minder heiß mußt' auch die Flamme sein,
(Ich wußt' es wohl,) die seine Brust entfachte.
Er wußte seiner Qual nicht Rat noch Ende,
Wenn er den Weg nicht, mich zu holen, fände.
10  »Und weil er sah, daß der verschiedne Glaube
(Denn ich bin Saracenin, er ist Christ)
Die Werbung bei dem Vater nicht erlaube,
Beschloß er zu entführen mich durch List.
Vor unsrer Hauptstadt, die im grünen Laube
Auf reicher Flur am Meer gelegen ist,
Hatt' ich am Fluß ein Gartenschloß zu eigen,
Wo rings das Meer sich und die Berge zeigen.
11  »Gewähren, dacht' er, könn' ihm dieser Fleck,
Was uns versagt blieb durch verschiedne Lehre.
Er schrieb mir, was sein Plan sei und sein Zweck,
Damit in Lust sich unser Leid verkehre:
Bei Santa Marta anker' im Versteck
Mit Kriegsvolk eine heimliche Galere,
Odorich von Biscaya Commandant,
Ein Meister des Gefechts zu See und Land; 374
12  »Da ihm die Muße selbst zu kommen fehle,
Weil ihm sein greiser Vater eben jetzt
Mit Truppen nach Paris zu ziehn befehle,
So hab' er Odorich an Bord gesetzt,
Den er als besten Freund und treuste Seele
Vor allen treuen Freunden stets geschätzt;
Auch hab' er Grund dazu, wenn Gunst und Spenden
Die Kraft befäßen, Freund' uns zuzuwenden.
13  »Der sei mit einem Orlogschiff bereit
Zur festgesetzten Frist mich aufzuheben.
Und also kam denn die ersehnte Zeit.
Ich hatt' in meinen Garten mich begeben,
Und in der Nacht kam Odorichs Geleit,
Gewohnt vor Kampf und Wogen nie zu beben,
Unweit der Stadt vom Flusse her ans Land
Und in den Garten, wo ich mich befand.
14  »Ich war auf das getherte Schiff geschafft,
Eh man's gewahr geworden war am Strande.
Wehrlos und nackt entfloh die Dienerschaft;
Theils ward sie auch erschlagen von der Bande,
Theils folgte sie aufs Meer mir in die Haft.
So trennt' ich mich von meinem Vaterlande,
Mit welcher Freude, kann ich nicht beschreiben,
Voll Hoffnung mit Zerbin vereint zu bleiben. 375
15  »Kaum waren wir an Mongia vorüber,
Als über uns ein Wetter sich entlud,
Von Süden her; die Luft ward trüb und trüber,
Und bis zum Himmel trieb der Wind die Flut.
Aufspringt nun ein Nordwest und fährt querüber
Und wächst und steigt zu unerhörter Wut
Und steigt und wächst so mächtig, daß Lawiren
Und alle Mittel ihre Kraft verlieren.
16  »Vergebens refft man Segel ein, vergebens
Steift man den Mast, zerstört man das Castell;
Wir treiben hin, trotz alles Widerstrebens,
Auf spitze Klippen hin bei La Rochell.
Erbarmt der droben nicht sich unsres Lebens,
So wirft der Sturm ans Land uns allzuschnell;
Denn schneller jagt er jetzt uns durch die Wogen,
Als von der Sehne je der Pfeil geflogen.
17  »Kaum sieht der Hauptmann unsre große Not
Braucht er ein Mittel, das schon oft mißlungen:
Er läuft nach der Schaluppe, läßt ins Boot
Hinunter sich und hält mich fest umschlungen.
Zwei andre springen nach, zu springen droht
Ein Haufe noch; doch sie, die erst gesprungen,
Verwehren's mit dem Schwert, zerhaun den Strick,
Und wir sind frei im nächsten Augenblick. 376
18  »Wir kamen sicher durch Gebraus und Tosen,
Wir in dem Boot; der ganze Rest ertrank.
Verloren waren Krieger und Matrosen,
All unsre Hab', ein Raub der See, versank.
Der ew'gen Liebe nun, dem grenzenlosen
Erbarmen sagt' ich niederknieend Dank,
Weil sie verschmäht, dem Sturme zu erlauben,
Das Glück des Wiedersehens mir zu rauben.
19  »Wohl ließ ich alles auf dem Schiff im Stiche,
Juwelen, Kleider, manche Kostbarkeit;
Wenn nur die Hoffnung nicht auf ihn entwiche,
Gönnt' ich den Wellen alles ohne Neid.
Wo wir gelandet, an dem Küstenstriche,
Ist weder Pfad noch Obdach weit und breit,
Nichts als der Berg, um dessen waldig Haupt
Der Wind, um dessen Fuß die Brandung schnaubt.
20  »Dort hat mir Amors Grausamkeit und Tücke,
Der immer des gegebnen Wortes lacht,
Der immer lauert, wie er uns berücke,
Der Klugheit und Vernunft zu Schanden macht,
Dort hat er mir mit schnödem Bubenstücke
Hoffnung in Schmerz verwandelt, Tag in Nacht;
Denn jenem Freunde, den Zerbin erkoren,
War die Begier entflammt, die Treu' erfroren. 377
21  »Begehrt' er mein vorher bereits an Bord
Und fehlt' ihm nur der Mut, daß er's erklärte?
Begann vielleicht die Leidenschaft erst dort,
Wo Freiheit ihm der öde Strand gewährte?
Kurz, er beschloß die schnöde Gier sofort
Ans Ziel zu führen, die sein Herz verzehrte.
Erst aber sollt' ihm einer von den zwein,
Die mit entrannen, aus dem Wege sein.
22  »Der war aus Schottland, nannte sich Almon
Und war in Treue dem Zerbin ergeben;
Er war als einer, der sich tüchtig schon
Im Krieg erprobt, dem Hauptmann mitgegeben.
Dem sagt' er nun, dem Anstand sprech' es Hohn,
Müßt' ich zu Fuß mich in die Stadt begeben,
Und bat ihn, daß er sich nach La Rochelle
Voraus verfüg' und mir ein Pferd bestelle.
23  »Der Schotte machte wirklich sonder Arg
Sich auf den Weg, um nach der Stadt zu eilen,
Die das Gebüsch des Waldes uns verbarg,
Und die nicht weiter lag als kaum zwei Meilen.
Dem andern dachte Odorich sein arg
Vorhaben schließlich offen mitzutheilen,
Theils weil ein Grund ihn zu entfernen fehlte,
Theils auch weil Odorich auf diesen zählte. 378
24  »Corebo von Bilbao hieß der zweite,
Der bei uns blieb, ein Mann, der immerdar
Von Kindheit an an des Biscayers Seite
Im selben Hause groß geworden war.
Dem könn' er, dachte der vermaledeite,
Den Plan eröffnen ohne viel Gefahr;
Denn dieser, hofft' er, werde das Ergetzen
Des Freundes höher als die Ehre schätzen.
25  »Corebo, fein und edel von Gemüt,
Fühlt', als er dies vernahm, den Zorn sich regen.
Er schalt Verräter ihn und war bemüht
Mit Wort und That den Weg ihm zu verlegen.
Von hohem Grimm war beider Herz erglüht,
Und sie bewiesen's mit dem nackten Degen.
Beim Ziehn der Schwerter trieb die Furcht alsbald
Zur Flucht mich in den tiefen dunklen Wald.
26  »Odorich, der ein Meister war im Kriegen,
Hatt' ohne Müh in Vortheil sich gesetzt.
Corebo blieb für todt am Boden liegen,
Und der Verräter kam mir nachgesetzt.
Wohl borgt' ihm Amor, um mir nachzufliegen,
Die Flügel (glauben möcht' ich es noch jetzt)
Und lehrt' ihn bitten, schmeicheln und beschwören,
Daß ich ihn lieben soll' und ihn erhören. 379
27  »Doch war's umsonst; denn ich entschloß mich bald
Lieber zu sterben als ihm nachzugeben.
Da Schmeicheln, Flehn in jeglicher Gestalt
Und Drohn nicht half, um meinen Trotz zu heben,
Entschloß er sich zu offener Gewalt.
Vergebens mahnt' ich ihn mit Angst und Beben,
Wie rückhaltslos Zerbin auf ihn gebaut
Und wie ich selbst mich seinem Schutz vertraut.
28  »Wie ich nun sah, daß ich mein Flehn verschwende,
Daß keine Rettung winke rings umher
Und immer gier'ger, plumper er am Ende
Herankam wie ein hungeriger Bär,
Gebraucht' ich, mich zu schützen, Füß' und Hände,
Mit Nägeln, Zähnen setzt' ich mich zur Wehr,
Rauft' ihm das Kinn, zerkratzt' ihm Haut und Fleisch,
Und zu den Sternen tönte mein Gekreisch.
29  »War's Zufall, war es mein Geschrei und Flehn,
Das man auf eine Stunde Wegs erkannte,
War es des Landes Brauch ans Meer zu gehn,
Sobald ein Schiff auf Strand und Felsen rannte,
Kurz, auf dem Berg ließ sich ein Haufe sehn,
Der sich nach uns herab zum Ufer wandte.
Wie der Biscayer diesen kommen sieht,
Läßt er mich los und dreht sich um und flieht. 380
30  »Der Haufe hat mich vor dem Bösewicht
Gerettet, Herr, doch war's ein Abenteuer,
Von dem man im gemeinen Leben spricht,
Man falle aus der Pfann' ins Kohlenfeuer.
Das allerärgste freilich litt ich nicht;
Die Leute waren nicht die Ungeheuer,
Gewaltsam meine Ehre mir zu rauben.
Doch daß es Tugend war, mußt du nicht glauben.
31  »Nein, man verwahrte mich, wie man mich fand,
Weil Jungfraun theurer sich verkaufen ließen.
Acht Monde sind's, der neunte geht ins Land,
Seit sie ins Grab die lebende verstießen.
All meine Hoffnung auf Zerbin verschwand,
Denn schon (aus ihren Reden kann ich's schließen)
Hat man für einen Kaufmann mich bestimmt,
Der mich zum Sultan mit nach Asien nimmt.«
32  So sprach das Fräulein in dem Grottenschlunde
Und Seufzer hemmten oft und Thränenflut
Die engelhafte Red' im schönen Munde,
Die Mitleid wecken würd' in Natternbrut.
Indeß sie ihren Schmerz durch solche Kunde
Erneuert' oder auch vielleicht entlud,
Erschien wohl zwanzig Mann stark eine Rotte
Mit Spießen und Helbarden in der Grotte. 381
33  Der Vordermann, entsetzlich anzuschauen,
Hat nur ein Auge, das voll Tücke blitzt;
Ein Hieb hatt' ihm das andre blind gehauen,
Und Nas' und Backen auch ihm aufgeschlitzt.
Wie der den Ritter sieht, der bei den Frauen
Am Feuer in der Felsenhöhle sitzt,
Ruft er vergnügt: »Sieh da, ein neuer Braten
Ist ganz von selbst in meinen Topf geraten.«
34  Zum Grafen sprach er dann: »Mir kam noch keiner
Wie du mir kömmst, zu so gelegner Zeit.
Hast du's erraten oder gab dir einer
Von meinen Wünschen heimlichen Bescheid?
Mein Wunsch war stets ein Harnisch so wie deiner
Und solch ein hübsches dunkles Oberkleid.
Du weißt bei Gott die Stunde gut zu wählen,
Wo du die Sachen bringst, die just mir fehlen.«
35  Da, bitter lächelnd, sprang der Ritter auf
Und so antwortet' er dem Ungeheuer:
»Ich stelle dir die Waffen zum Verkauf,
Nur zahlst du sie beim Kaufmann nicht so theuer.«
Vom Herd' in seiner Näh riß er darauf
Den dicksten Holzscheit voller Rauch und Feuer,
Und hatt im Nu den Burschen da gehauen,
Wo seine Nase angrenzt' an die Brauen. 382
36  Dante läßt die Gewaltthätigen in Lachen siedenden Bluts büßen. Die Centauren unter Chirons Führung bewachen diese Verdammten und treiben sie, wenn sie ans Ufer klettern, mit Pfeilschüssen in die heiße Flut zurück. Anspielungen auf die göttliche Komödie und selbst einzelne Verse aus derselben kommen wiederholt im R. R. vor.  Er traf die Augen beid' an diesem Haupte,
Doch fuhr das linke schlimmer bei dem Hieb,
Weil er das arme Instrument ihm raubte,
Das noch allein sein Lichtzubringer blieb.
Indessen mit der bloßen Blendung glaubte
Der Scheit sich nicht befriedigt, sondern schrieb
Ihm noch den Laufpaß nach den Siedelachen,
Wo Chiron die verdammten muß bewachen.
37  Das spanische, eigentlich maurische Reiterspiel des Rohrwerfens, juego de cañas, ward in Italien zu Ariosts Zeit von Gauklern öffentlich gezeigt.  Ein großer Tisch war in dem Räuberneste,
Zwei Spannen dick, geräumig ins Geviert
Und groß genug für all die schlimmen Gäste;
Ein plumpes Tischbein trug ihn, roh polirt.
Mit der Gewandtheit; wie beim Reiterfeste
Der Spanier sein geschleudert Rohr regiert,
Warf Roland die gewalt'ge Tafel oben
Auf die Halunken, die zuhauf sich schoben.
38  Da brachen Rippen, brachen Arm und Bein,
Genick' und Schädel mußten da zerkrachen;
Der eine starb, der büßte Glieder ein,
Und wer noch heil blieb, eilte Kehrt zu machen.
So schmettert wohl einmal ein schwerer Stein
Und quetscht und knickt die Bäuche, Köpf' und Rachen,
Wenn man auf einen Schlangenknäul ihn zielt,
Der in der Frühlingszeit sich sonnt und spielt. 383
39  Da kommen Fälle vor, es ist unsäglich:
Die eine stirbt, die andre läßt den Schweif;
Der dritten Vordertheil liegt unbeweglich,
Und hinten schlägt sie nutzlos manchen Reif;
Der vierten – Dank den Heil'gen – geht's erträglich,
Sie zischt durchs Gras hin wie ein langer Streif.
Der Schlag war gräslich, doch kein Wunder weiter,
Denn Roland führt' ihn, der gewalt'ge Streiter.
40  Die angebliche »Chronik des Turpin,« eine Sammlung fabelhafter Geschichten von Karl d. Gr. und seinen Paladinen, citirt Ariost an verschiedenen Stellen als seine Quelle, ohne Rücksicht übrigens darauf, ob das betreffende Abenteuer in der Chronik vorkömmt oder nicht. Turpin selbst ist der Sage zufolge Erzbischof von Reims und zugleich einer der zwölf Paladine.  Wer unversehrt blieb oder leicht verletzt,
(Ausdrücklich schreibt Turpin, es waren sieben,)
Hatt' auf die Fersen sein Vertraun gesetzt;
Indeß der Graf war an der Thür geblieben,
Und ohne Kampf sie fangend band er jetzt
Mit einem Strick die Hände diesen Dieben,
Mit einem Strick, sehr brauchbar für den Zweck,
Den er gefunden in dem Felsversteck.
41  Er schleppt sie hin, wo auf die Felsenwände
Ein Sperberbaum den Schatten fallen läßt.
Er stutzt die Aeste mit dem Schwert behende,
Und für die Raben giebt es nun ein Fest.
Hier braucht er Ketten nicht mit krummem Ende;
Die Welt zu reinigen von dieser Pest,
Beut ihm der Sperberbaum die eignen Zacken;
Da hängt sie Roland auf an Kinn und Nacken. 384
42  Das alte Weib, die Freundin dieser Schar,
Sah wie sie allesamt den Tod erlitten,
Und jammernd floh sie, beide Händ' im Haar,
Durch finstre Labyrinth' in Waldes Mitten.
Nach manchem Weg, der rauh und mühsam war,
Nach vielen von der Furcht gespornten Schritten,
Traf sie am Ufer einen reis'gen Mann,
Den ich euch nennen will, sobald ich kann.
43  Erst wend' ich mich zu ihr, die ängstlich fleht,
Graf Roland solle sie nicht hier verlassen,
Und folgen will sie ihm, wohin er geht.
Gar freundlich rät der Graf ihr Mut zu fassen,
Und kaum hat sich, vom Rosenkranz umweht,
Im Purpurkleid Aurora blicken lassen,
Um anzutreten den gewohnten Lauf,
So bricht mit Isabellen Roland auf.
44  Anfänglich finden sie auf ihrer Reise
Nicht viel was zu erzählen sich gebürt;
Am Ende treffen sie zufäll'ger Weise
Auf einen Mann, den man gefangen führt.
Von ihm hernach; jetzt bringt mich aus dem Gleise
Jemand, von der ihr gerne mehr erführt,
Die Tochter Haimons, die ich jüngst in Thränen
Verlassen hab' und in verliebtem Sehnen. 385
45  Dies schöne Fräulein harrt' am Meeresborde
Umsonst auf ihres Rogers Wiederkehr,
Doch vor Marseille machte sie der Horde
Der Heiden täglich fast das Leben schwer.
Denn diese streiften jetzt mit Raub und Morde
In Languedoc und der Provence umher,
Und wohl verstand sie es des Amts zu pflegen
Als kluger Feldherr und als kühnster Degen.
46  Als aber nun die Zeit ein Ende nahm,
Wo Roger, meinte sie, wenn er sich spute,
Heimkehren müßt', und Roger doch nicht kam,
Ward ihr vor Angst und Sorge bang zu Mute.
Wie sie nun eines Tags in ihrem Gram
Allein saß, weinend, naht' ihr jene gute,
Die in dem Ring Arznei nach Indien trug,
Arznei der Wunde, die Alcina schlug.
47  Wie Bradamante diese kommen sieht
Ohn' ihren Roger, nach so langen Tagen,
Verfärbt sie sich, ihr zittert jedes Glied,
Und ihre Füße wollen sie nicht tragen.
Die Freundin, die schon ihre Furcht erriet,
Kömmt lachend, sie zu trösten im Verzagen,
Und macht mit fröhlichem Gesicht ihr Mut,
Wie man beim Bringen guter Botschaft thut. 386
48  »Nicht sorg' um Roger (sprach sie) liebes Kind;
Er lebt, ist wohl und liebt dich wie vor Zeiten;
Nur Freiheit fehlt ihm, neue Ränke spinnt
Dein Feind und will ihm neue Haft bereiten.
Wenn du ihn haben willst, mußt du geschwind
Zu Pferde steigen und mich gleich begleiten.
Wenn du mir folgen willst, zeig' ich dir an,
Wie Roger noch, durch dich, frei werden kann.«
49  Und nun erzählte sie den wundersamen
Betrug des Atlas, wie er es verstand
Das Antlitz Bradamante's nachzuahmen,
Als fiele sie in eines Riesen Hand,
Und wie sie nach dem Zauberschlosse kamen
Und Atlas dort vor Rogers Blick verschwand
Und wie er viele Frauen schon und Herren
Aehnlich getäuscht hab', um sie einzusperren.
50  Wenn sie den Zaubrer sehn, glaubt jeder Theil
Zu sehn, was ihm das liebste ist auf Erden,
Weib, Knappen, Kameraden, Freund, – dieweil
Die Menschen nie dasselbe wünschen werden.
Dann suchen all' im Schloß in großer Eil
Mit Mühsal und vergeblichen Beschwerden,
Und so von Hoffnung, von Begierde brennt
Jeder, daß keiner von dem Schloß sich trennt. 387
51  »Triffst du (so sprach sie) in der Gegend ein,
Wo er gelegen ist, der Sitz der Lüge,
So wird der Zaubrer bald dir nahe sein,
Und borgen wird er deines Rogers Züge.
Durch seine Kunst erweckt er dann den Schein,
Als ob ein stärkrer ihn zu Boden schlüge,
Damit du, ihm zu helfen, dahin eilst,
Wo du den Kerker mit den andern theilst.
52  »Damit das falsche Spiel nicht dir wie ihnen
Zur Falle werde, hör' auf meinen Rat.
Obwohl du Rogers Antlitz, Rogers Mienen
Zu sehen glaubst, der Hilfe nötig hat,
Du glaub' ihm nicht; sobald er dir erschienen,
Nimm ihm das Leben mit entschlossner That
Und fürchte nicht, du möchtest Roger tödten;
Du tödtest ihn, der Schuld an deinen Nöten.
53  »Ich weiß, du wirst nur schwer dich überwinden
Zu tödten den, der Rogern ähnlich ist;
Doch glaube nicht den Augen; sie erblinden
Für alle Wahrheit durch die Zauberlist.
Eh du den Wald betrittst, mußt du dich binden,
Damit du fest in dem Entschlusse bist;
Denn ewig wäre Roger dir verloren,
Verschontest du aus feiger Furcht den Mohren.« 388
54  Die heldenmüt'ge Jungfrau, welche nur
Vom Wunsche, jenen Feind zu tödten, brannte,
Waffnete sich und folgte gern der Spur
Melissa's, deren Freundschaft sie schon kannte.
Die ritt durch Wald und angebaute Flur
Tag aus Tag ein und führte Bradamante
Und sorgte, daß des langen Wegs Beschwerde
Durch liebliches Gespräch ihr leichter werde.
55  Vor allem wiederholte sie die frohen
Verheißungen, daß einst von ihrem Schooß
Abstammen sollen göttliche Heroen,
Ein Fürstenhaus in Krieg und Frieden groß.
Als lägen vor Melissa's Blick die hohen
Geheimnisse der Götter klar und bloß,
So konnte sie ihr Dinge schon enthüllen,
Die in Jahrhunderten sich erst erfüllen.
56  »O kluge Führerin, o vielgetreue,«
So sprach die Jungfrau, »wie dein Sehergeist
Auf lange Zeit hinaus mir heut aufs neue
So reichen, schönen Mannesstamm verheißt,
So gieb, daß eine Frau mich noch erfreue
Von meinem Stamme, wenn du eine weißt,
Wert, daß man schön sie oder edel preise.«
Und freundlich drauf antwortete die Weise: 389
57  »Ich sehe sie, die zücht'gen Enkelinnen,
Die Mütter großer Könige künft'ger Zeit,
Die starken Säulen, die Herstellerinnen
Erlauchter Häuser, alter Herrlichkeit,
Würdig im Frauenrock Ruhm zu gewinnen
Wie deine Söhn' im schweren Waffenkleid,
Großherzig, gottesfürchtig, klug im Handel,
Von unvergleichlichem und reinstem Wandel.
58  »Und sollt' ich jetzt von allen dir erzählen,
Die Ruhmes wert aus deinem Stamm erstehn,
Es wär' zu viel: denn keine dürfte fehlen,
An keiner dürft' ich stumm vorübergehn.
Doch unter tausend laß ein Paar mich wählen,
Eins oder zwei, daß wir ein Ende sehn.
Warum nicht sprachst du in der Felsenhalle?
Dort hätt' ich sie gezeigt, im Abbild, alle.
59  Isabelle, die Schwester des Herzogs Alfons von Ferrara (geb. 1474, gest. 1539), war die Gemalin des Markgrafen Gianfrancesco von Mantua, der Stadt am Menzo (Mincio), welche von der Thebanerin Manto, der Mutter des Ocnus, gegründet zu sein sich rühmte. Der Markgraf führte im J. 1495 die verbündeten Italiener in der Schlacht von Taro, in Folge deren Karl VIII sich zurückziehen mußte, und half im J. 1496 die Franzosen aus Neapel vertreiben.  »Dein reicher Stamm wird jene Pflegerin
Berühmter Werk' und schöner Künste stellen,
An Reiz und Anmut reich, an klugem Sinn
Und Zucht vielleicht noch reicher, Isabellen,
Die milde, edelmüt'ge Herzogin;
Die wird beständ'gen Glanz, und sonnenhellen,
Verleihen ihrer Stadt am Menzostrand,
Die man nach Ocnus' Mutter hat benannt. 390
60  »Da wird sie mit dem würdigsten Gemal
Wetteifern in glanzvollem, edlem Streite,
Wer mehr die Tugend liebe, wer zumal
Der seinen Sitte besser Bahn bereite.
Wenn er erzählt, wie er im Taro-Thal
Italien von des Galliers Macht befreite,
Entgegnet sie: nur keuscher Zucht beflissen
Gleicht doch Penelope an Ruhm Ulissen.
61  »Von ihr muß ich dir vieles, großes sagen
In kurzem Wort, (und noch verschweig' ich viel,)
Was mir Merlin enthüllt hat in den Tagen,
Wo ich der Welt entfloh in sein Asil,
Und wollt' ich in dies weite Meer mich wagen,
So überträf' ich wohl der Argo Kiel.
Drum schließ' ich kurz: sie wird durch Himmelsgaben
Und eigne Tugend das, was gut ist, haben.
62  Beatrice von Este (1475–1495) war mit dem Herzog von Mailand, Ludwig Sforza genannt Moro, vermählt. Ein Jahr nach ihrem Tode mußte er vor den Franzosen flüchten und im J. 1500 fiel er in ihre Hände, verraten von den Schweizern. Die »Schlangen« sind das Wappenthier des Hauses Visconti. Insubrien ist die Lombardei.  »Die Schwester dieser wird Beatrix sein,
Und solcher Name wird mit Recht sie schmücken;
Denn von dem besten wird sie nicht allein,
Was diese Welt darbietet, selber pflücken,
Auch den Gemal wird Gott ihr Macht verleihn
Vor allen reichsten Fürsten zu beglücken,
Der, wenn sie dann die Welt verlassen wird,
Sich in des Unglücks Finsterniß verirrt. 391
63  »Moro und Sforza und Visconti's Schlangen
Sind furchtbar, weil sie lebt; des Nordpols Schnee,
Das rote Schilfmeer wird vor ihnen bangen,
Der Indus und das Felsthor deiner See.
Stirbt jene, ist auch dieser Macht vergangen;
Insubriens Reich sinkt zu Italiens Weh
In Knechtschaft; ohne sie wird man das Walten
Der höchsten Klugheit nur für Zufall halten.
64  Die hier erwähnte erste Beatrice heiratete 1234 König Andreas II. von Ungarn, die andre, welche heilig gesprochen sein soll, ist eine Tochter oder eine Enkelin Azzo's VI.  »Desselben Namens werden andre schon
Vorangegangen sein in frühern Jahren,
Und ihrer eine ziert Pannoniens Thron,
Das Diadem auf den gesalbten Haaren.
Und eine wird, wann sie des Lebens Frohn
Abschüttelt, eingehn zu den sel'gen Scharen,
Verehrt in dem ansonischen Gefilde
Mit Weihrauch und mit manchem frommen Bilde.
65  »Die andern nenn' ich nicht; Zeit fehlte mir,
Die lange Reihe ganz dir zu entfalten,
Wenn jede schon verdiente, daß von ihr
Des Ruhms Posaunentöne widerhallten.
Die Bianca's, die Lucrezien muß ich dir,
Constanzen auch und viele, vorenthalten,
Der mächt'gen Häuser in Italiens Gau'n
Erhabne Mütter und hilfreiche Frau'n. 392
66  »Wenn je ein Stamm sich hohen Glücks erfreute
In seinen Frau'n, so wird's der eure sein,
Und nicht nur in den Töchtern; seiner Bräute
Sittsame Tugend ist nicht minder rein.
Und daß du wissest, was dies Wort bedeute,
Wie mir's Merlin kundgab an seinem Schrein,
(Vielleicht damit ich dir es hinterbringe,)
Drängt's mich zu reden über diese Dinge.
67  Die Mutter des Herzogs Hercules I war eine Ricciarda von Saluzzo, doch paßt auf sie nicht recht, was von dem Exil und der Verstoßung ihrer Söhne gesagt wird; denn Hercules I kam zwar später als ihm gebürt hätte zum Regiment, weil vor ihm seine älteren (illegitimen) Brüder die Herrschaft inne hatten, aber eine gewaltsame Verdrängung fand doch nicht statt, und er verlebte seine Jugend auch nicht in der Gefangenschaft bei Feinden.  »Erst red' ich von Ricarda, der die Krone
Standhaften Muts und reinen Sinns gebürt;
Jung wird sie Witwe sein, verfolgt vom Hohne
Des Schicksals, den der gute oft verspürt.
Sie wird die Söhne vom ererbten Throne
Verstoßen sehn und ins Exil entführt,
Die zarten Kinder in des Feindes Händen,
Doch wird ihr Leid zu reichem Glück sich wenden.
68  Die Gemalin Hercules des Ersten von Ferrara war Leonore, Tochter des Königs Ferdinand I von Neapel aus dem Hause Aragon. Ariost nennt sie »Königin« nach dem alten Sprachgebrauch, welcher diesen Titel auch Königstöchtern beilegt.  »Aus Aragons erhabnem Stamm ist eine
Zu nennen, die erlauchte Königin,
Durch Weisheit leuchtend und durch Sittenreine
Wie jemals Griechin oder Römerin,
Des Glückes Liebling wie auf Erden keine;
Denn ihr erblühn zu köstlichstem Gewinn
Drei Kinder – Dank der ew'gen Gnadenquelle –
Alfons und Hippolyt und Isabelle. 393
69  Hercules I verheiratete seinen ältesten Sohn Alfons I mit der berühmten Lucrezia Borgia, Tochter des Papstes Alexander VI, die bereits drei anderen Gatten angehört hatte. Lucrezia starb 1519 in Ferrara.  »Dies wird die weise Leonore sein,
In deinem sel'gen Baume wird sie bauen.
Wie soll ich würdig Lob der andern weihn,
Der Schnur und Erbin jener hohen Frauen,
Lucrezia Borgia? Wachsen und gedeihn
Wird sie an Schönheit, herrlich anzuschauen,
An Ehr' und Tugend, und an Freuden auch,
Wie in der zarten Erd' ein junger Strauch.
70  »Wie Zinn dem Silber, Kupfer ächtem Golde,
Die blasse Weide ew'gem Lorbergrün,
Der Ackermohn der vollen Rosendolde,
Gefärbte Gläser dem Rubinenglühn,
So werden dir, noch ungeborne Holde,
Die Frauen gleichen, die bis heute kühn
Den Kranz der Schönheit, hoher Geistesgaben
Und andrer Trefflichkeit getragen haben.
71  »Und über allen Ruhm, den sie gewinnt,
Wird man sie loben noch in späten Tagen,
Daß sie den Hercules und jedes Kind
Ausstatten wird mit fürstlichem Betragen,
Und daß mit ihr der reiche Schmuck beginnt,
Den ihre Söhn' in Krieg und Frieden tragen;
Denn nicht so schnell entweicht, ob schlecht, ob gut,
Der Duft, den man in neue Krüge thut. 394
72  Renata, Tochter Ludwigs XII und der Anna von Bretagne, heiratete Hercules II, ältesten Sohn des Herzogs Alfons. Sie war sehr häßlich, aber eine Frau von Geist, calvinistischen Lehren zugethan, weshalb ihr Gemal sie später in ein Kloster verbannte.  »Wollt' ich dich nicht Renata kennen lehren,
Lucrezia's Schnur, versäh' ich schlecht mein Amt,
Sie, die vom zwölften Ludwig und der hehren
Glorreichen Tochter der Bretagne stammt.
Was Frauen je geschmückt an wahren Ehren,
Seit Wasser näßt, seitdem das Feuer flammt
Und Sterne kreisen, wird vereint als Ganzes
Renata schmücken, sonnenhellen Glanzes.
73  Die hier genannten Frauen erinnern die Zuhörer an verschiedene große Heiraten, zum Theil mit Königstöchtern, welche das Haus Este in alten Zeiten für sich zu Stande gebracht hatte; nur mit der »schönen Lippa von Bologna« hat es eine andere Bewandtniß. Sie war die Tochter des Jacopo Ariosto, eines Vorfahren Meister Ludwigs, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit ihrem Bruder Bonifacio nach Ferrara zog, dort die Geliebte und später die Gemalin des Markgrafen Obitzo III ward. Drei ihrer Söhne kamen zur Regierung. Der Dichter, indem er ihrer erwähnt, giebt zu verstehen, daß man ihn als einen Verwandten des herzoglichen Hauses anzusehen habe.  »Nur ungern lass' ich Alda von Sansogna,
Lass' ich die Gräfin von Celano aus
Und die Prinzessinnen von Catalonia
Und aus Siciliens königlichem Haus
Und jene schöne Lippa von Bologna
Und andre; wenn von allen ich durchaus
Dir sagte, was ich rühmenswertes wüßte,
So führ' ich in ein Weltmeer ohne Küste.«
74  Nachdem sie ihr zu ihrem Trost so viel
Erzählt hat von des Schicksals künft'gem Walten,
Erklärt sie noch und nochmals ihr das Spiel,
Das Roger in dem Schlosse festgehalten.
Dann macht Melissa Halt; sie ist am Ziel,
Nah beim Palast des hinterlist'gen Alten,
Und mislich dünkt ihr's, wenn sie weiter gehe
Und Atlas sie in dieser Gegend sehe. 395
75  Und was sie tausendmal vorher schon riet,
Eilt sie dem Mädchen nochmals einzuprägen,
Und geht. Die Jungfrau trabt durchs Waldgebiet
Kaum eine halbe Stund' auf schmalen Wegen,
Da sieht sie ihn, der Rogern ähnlich sieht.
Zwei Riesen aber, wild und stark, verlegen
Den Paß ihm und bedrängen ihn vereint
So ungestüm, daß er verloren scheint.
76  Kaum sieht die Jungfrau die Bedrängniß dessen,
Der alle Zeichen Rogers an sich hat,
Da wird zum Zweifel ihr Vertraun, vergessen
Sind alle schönen Vorsätz', aller Rat.
Melissa, glaubt sie, haßt ihn, weil vermessen
Er oder absichtslos ihr wehe that,
Und legt ihr nun die unerhörte Schlinge,
Damit die liebende den Tod ihm bringe.
77  Sie sprach bei sich: dies wäre Roger nicht,
Den stets mein Herz und jetzt die Augen schauen?
Seh' und erkenn' ich jetzt nicht sein Gesicht,
Wann könnt' ich jemals meinen Augen trauen?
Soll ich auf Worte, die ein andrer spricht,
Mehr als aufs Zeugniß meiner Sinne bauen?
Auch ohne Augen kann mein Herz es ja
Empfinden, ob er fern ist oder nah. 396
78  Indem sie dies erwägt, hört sie den Ton
Von Rogers Stimm', als ob er Hilf' erbitte,
Und sieht im selben Augenblicke schon
Wie er den Renner spornt zum schnellsten Ritte.
Die wilden Männer folgen ihm und drohn
Ihn einzuholen mit gewalt'gem Schritte.
Da säumt auch sie nicht lang' auf ihrem Roß
Und setzt den andern nach zum Zauberschloß.
79  Kaum war sie in dem Schloßthor, als auch sie
Versunken war in dem gemeinen Wahne.
Sie suchte rechts und links, bald dort, bald hie,
Treppauf, treppab, im Hof, auf dem Altane,
Bei Tag und Nacht: so stark war die Magie.
Und vorgesehn war in des Zaubrers Plane,
Daß Roger stets sie sieht und mit ihr spricht,
Und nie sie kennt, und sie kennt Roger nicht.
80  Wir lassen Bradamante bei dem Greise,
Und dies zu hören mach' euch keine Pein;
Sobald es Zeit ist, daß sie wieder reise,
Lass' ich sie ziehn und Roger obendrein.
Eßlust zu reizen, wechselt man die Speise;
So wird es auch mit der Geschichte sein:
Wenn ich sie bunter mache hin und wieder,
Wird sie dem Hörer nicht so leicht zuwider. 397
81  Der Fäden braucht gar viele meine Hand
Für diesen großen Teppich, den ich webe;
Darum vergönnt mir, daß ich vorderhand
Euch von dem Mohrenheere Nachricht gebe,
Das zu den Waffen griff vor Agramant.
Damit er seines Volkes Zahl erhebe,
Hatt' er zur Heerschau Libyen und Castilien
Entboten, und zum Schreck der goldnen Lilien.
82  Denn viele schon verlor er von der Zahl
Nicht nur der Reiter und der Bogenträger,
Hauptleute auch, die tüchtigen zumal,
Der Afrikaner, Spanier und Neger,
Und ratlos irrten, weil kein Haupt befahl,
Die Stämm' und Völker der verschiednen Läger.
Damit nun wieder Zucht und Ordnung sei,
Rief er zur Heerschau alles Volk herbei.
83  Auch hatt' er zum Ersatz für all die Todten,
Die er verlor im mörderischen Streit,
In Afrika und Spanien schon durch Boten
Viel Volks geworben in der Zwischenzeit
Und setzte Führer diesen Aufgeboten
Und hatt' in ihre Ordnung sie gereiht.
Euch aber, gnäd'ger Herr, mög' es belieben
Auf's nächste Mal die Heerschau zu verschieben. 398

 


 

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